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32. Kapitel

In dem Joseph die Flucht ergreift und der Krieg zu Ende geht

Wir friedlichen Bewohner Londons haben nie solch eine Szene von Hast und Verwirrung erblickt wie die, die sich in Brüssel abspielte, und werden es, will's Gott, auch nie erleben. Die Menge eilte zum Namure-Tor, denn aus dieser Richtung kam der Schall, und viele fuhren auf die ebene Chaussee hinaus, um noch schneller Nachrichten von der Armee zu bekommen. Jeder fragte seinen Nachbarn nach Neuigkeiten, und selbst vornehme englische Lords und Ladys ließen sich herab, mit Leuten zu sprechen, die sie gar nicht kannten. Die Franzosenfreunde liefen in wilder Aufregung umher und prophezeiten den Triumph ihres Kaisers. Die Kaufleute schlossen ihre Läden und traten auf die Straße, um den allgemeinen Chor von Aufregung und Lärm zu verstärken. Frauen stürzten zu den Kirchen, füllten die Kapellen und knieten betend auf Fußböden und Stufen. Das dumpfe Donnern der Kanonen dröhnte und dröhnte; bald begannen Wagen mit Reisenden die Stadt durch den Genter Schlagbaum zu verlassen. Die Prophezeiungen der Parteigänger Frankreichs nahm man als Tatsachen auf. »Er hat einen Keil in die Armee getrieben«, hieß es. »Er marschiert geradewegs auf Brüssel los. Er wird die Engländer überwältigen und heute abend hiersein.« – »Er wird die Engländer überwältigen«, schrie Isidor seinem Herrn zu, »und heute abend hiersein.« Der Kammerdiener sprang zwischen Haus und Straße hin und her und brachte jedesmal neue Einzelheiten des Unheils mit. Josephs Gesicht wurde bleicher und bleicher. Der Schrecken begann von dem dicken Zivilisten Besitz zu ergreifen. All der Champagner, den er trank, war nicht imstande, ihm Mut einzuflößen. Ehe die Sonne unterging, hatte er sich in eine schreckliche Angst hineingesteigert, und sein Freund Isidor beobachtete ihn entzückt, da er jetzt sicher auf Beute aus den Besitztümern des Herrn mit dem bordierten Rock rechnete.

Die Frauen waren die ganze Zeit über unsichtbar gewesen. Nachdem die wackere Majorin einen Augenblick dem Schießen gelauscht hatte, dachte sie an ihre Freundin nebenan, und sie eilte hinüber, um auf Amelia aufzupassen und sie, wenn möglich, zu trösten. Der Gedanke, daß sie das hilflose, sanfte Geschöpf beschützen mußte, erhöhte noch die Kraft der von Natur aus mutigen Irin. Sie blieb fünf Stunden lang an der Seite ihrer Freundin, ermahnte sie hin und wieder, plauderte zuweilen munter, aber den größten Teil der Zeit über schwiegen sie und beteten stumm. »Ich habe ihre Hand erst losgelassen«, erzählte die wackere Dame später, »als nach Sonnenuntergang das Schießen vorüber war.« Pauline, die Zofe, lag in einer nahen Kirche auf den Knien und betete für son homme à elle.

Als das Geräusch der Kanonen verstummt war, ging Mrs. O'Dowd aus Amelias Raum nach nebenan ins Wohnzimmer, wo Joseph völlig mutlos bei zwei leeren Flaschen saß. Ein paarmal war er in Amelias Zimmer aufgetaucht, in großer Unruhe, als wollte er etwas sagen. Aber die Majorin war nicht von ihrem Platz gewichen, und er ging wieder hinaus, ohne sein Herz erleichtert zu haben. Er schämte sich, ihr zu erklären, daß er fliehen wolle.

Als sie aber in der Dämmerung im Speisezimmer erschien, wo er in der trostlosen Gesellschaft seiner leeren Champagnerflaschen saß, begann er ihr sein Herz auszuschütten.

»Mrs. O'Dowd«, sagte er, »wäre es nicht besser, Sie forderten Amelia auf, sich fertigzumachen?«

»Wollen Sie mit ihr Spazierengehen?« entgegnete die Majorin. »Dafür ist sie wahrscheinlich zu schwach.«

»Ich – ich habe den Wagen bestellt«, sagte er, »und – und Postpferde; Isidor holt sie«, fuhr er fort.

»Wozu wollen Sie denn heute abend noch ausfahren?« fragte die Dame. »Meinen Sie nicht, daß Amelia sich im Bett wohler fühlt? Ich habe sie eben dazu gebracht, sich hinzulegen.«

»Sagen Sie ihr, sie soll aufstehen«, forderte Joseph, »sie muß aufstehen«, und er stampfte energisch mit dem Fuß. »Ich sagte bereits, die Pferde sind schon bestellt, ja, die Pferde sind bestellt. Es ist alles aus, und...«

»Und was?« fragte Mrs. O'Dowd.

»Ich gehe nach Gent«, antwortete Joseph, »alle machen, daß sie fortkommen. Ich habe auch einen Platz für Sie; in einer halben Stunde fahren wir los.«

Die Majorin sah ihn mit unendlicher Verachtung an. »Ich rühre mich erst, wenn mir O'Dowd den Marschbefehl gibt«, sagte sie. »Sie können ja gehen, wenn Sie wollen, Mr. Sedley, aber bei meiner Ehre, Amelia und ich bleiben hier.«

»Sie muß weg«, sagte Joseph und stampfte wieder mit dem Fuß. Mrs. O'Dowd stemmte die Arme in die Hüfte und stellte sich vor die Schlafzimmertür.

»Ist es, weil Sie sie zu ihrer Mutter bringen wollen?« fragte sie. »Oder wollen Sie selbst zur Mama, Mr. Sedley? Guten Morgen, angenehme Reise, mein Herr; bon voyage, wie man hier sagt, und folgen Sie meinem Rat und rasieren Sie sich den Schnurrbart da ab, der könnte Sie noch ins Unglück stürzen.«

»Verdammt!« brüllte Joseph, halb wahnsinnig vor Furcht, Wut und Demütigung, und in diesem Augenblick kam Isidor herein, und nun war er mit Fluchen an der Reihe. »Pas de chevaux, sacrebleu!« zischte der wütende Diener. Alle Pferde waren weg. Joseph war an jenem Tag in Brüssel nicht der einzige, der von Panik ergriffen war.

Aber noch vor Ende der Nacht sollte Josephs ohnehin schon große und grausame Angst sich fast zur Raserei steigern. Wir haben erwähnt, daß Pauline, die Zofe, ihren homme à elle ebenfalls in den Reihen der Armee hatte, die ausgezogen war, um Kaiser Napoleon entgegenzutreten. Dieser Geliebte war Brüsseler und belgischer Husar. Die Truppen seiner Nation zeichneten sich in diesem Kriege durch alles andere als Mut aus, und der junge Van Cutsum, Paulines Liebhaber, war ein zu guter Soldat, um dem Befehl seines Obersten, davonzulaufen, nicht zu gehorchen. Solange der junge Regulus (er war in der Revolutionszeit geboren) in Brüssel in Garnison lag, hatte er in Paulines Küche Trost gefunden und dort fast alle seine Freizeit zugebracht. Als er vor wenigen Tagen ins Feld rücken mußte und von seiner weinenden Geliebten Abschied nahm, hatte sie ihm Taschen und Halfter mit allerlei guten Sachen aus ihrer Speisekammer vollgepackt.

Soweit es sein Regiment betraf, war der Feldzug nun vorüber. Es gehörte zu der Division, die der rechtmäßige Herrscher, der Prinz von Oranien, kommandierte. Nach der Länge der Säbel und Schnurrbarte und der Pracht der Uniformen und Ausrüstung zu urteilen, waren Regulus und seine Kameraden eine so tapfere Truppe, wie nur je eine von der Trompete zum Angriff gerufen wurde.

Als Ney sich auf die Vorhut der alliierten Truppen stürzte und diesen eine Stellung nach der anderen entriß, bis die Ankunft des Hauptkörpers der britischen Armee aus Brüssel die Aussichten des Kampfes bei Quatre-Bras änderte, hatten die Schwadronen, zu denen Regulus gehörte, die größte Tapferkeit im Rückzug vor den Franzosen bewiesen und sich bereitwillig von einer Stellung zur anderen zurücktreiben lassen. Ihre Bewegungen waren erst von dem Anmarsch der Engländer hinter ihnen aufgehalten worden. Da sie nun auf diese Weise zum Stillstand gezwungen waren, hatte endlich die feindliche Kavallerie (deren blutdürstige Hartnäckigkeit nicht scharf genug getadelt werden kann) Gelegenheit, mit den braven Belgiern vor ihnen zusammenzutreffen. Die zogen jedoch ein Treffen mit den Engländern einem mit den Franzosen vor, machten kehrt, ritten durch die hinter ihnen kommenden englischen Regimenter und zerstreuten sich in alle Richtungen. Das Regiment hatte zu existieren aufgehört. Es war nirgends. Es hatte kein Hauptquartier. Regulus fand sich plötzlich vollkommen allein, meilenweit vom Schlachtfeld entfernt, und wo konnte er anders Zuflucht suchen, als in der Küche und den treuen Armen, wo ihn Pauline so oft willkommen geheißen hatte!

Gegen zehn Uhr konnte man das Klappern eines Säbels auf der Treppe des Hauses, in dem die Osbornes nach kontinentaler Sitte ein Stockwerk bewohnten, hören. Man konnte ein Klopfen an der Küchentür vernehmen, und die arme Pauline, die gerade erst aus der Kirche zurückgekehrt war, fiel vor Schreck fast in Ohnmacht, als sie beim Öffnen ihren erschöpften Husaren erblickte. Er sah so totenbleich aus, wie jener mitternächtliche Reiter, der Lenore aufstörte. Pauline hätte geschrien, wenn sie damit nicht ihre Herrschaft herbeigerufen und ihren Geliebten verraten hätte. Sie erstickte daher ihren Aufschrei, führte ihren Helden in die Küche und gab ihm Bier und die erlesenen Bissen vom Mittagessen, die Joseph aus Angst nicht hatte anrühren können. Der Husar bewies durch die ungeheuren Mengen von Fleisch und Bier, die er verschlang, daß er kein Geist war. Zwischendurch erzählte er seine Unglücksgeschichte.

Sein Regiment hatte Wunder an Tapferkeit vollbracht und eine Zeitlang dem Angriff des gesamten französischen Heeres standgehalten. Es war aber endlich überwältigt worden, wie inzwischen die ganze britische Armee. Ney hatte jedes Regiment, wie es ankam, vernichtet. Umsonst hatten sich die Belgier bemüht, die Engländer vor dem Abschlachten zu bewahren. Die Braunschweiger waren besiegt und geflohen, ihr Herzog getötet. Es war ein allgemeines débâcle; er versuchte, seinen Kummer über die Niederlage in Strömen von Bier zu ertränken.

Isidor, der in die Küche gekommen war, hörte das Gespräch und eilte hinaus, um es seinem Herrn mitzuteilen. »Es ist alles aus!« schrie er Joseph zu, Mylord der Herzog ist gefangen, der Herzog von Braunschweig getötet, die britische Armee in wilder Flucht, nur ein Mann ist davongekommen, und der sitzt jetzt in der Küche – kommen Sie und hören Sie ihn an.« Joseph schwankte also in die Küche, wo Regulus auf dem Tisch saß und seine Bierflasche festhielt. In seinem besten Französisch, das aber leider doch ziemlich ungrammatisch war, beschwor Joseph den Husaren, seine Geschichte zu erzählen. Je mehr Regulus berichtete, desto schlimmer wurde das Unglück. Er war der einzige Mann aus seinem Regiment, der nicht auf dem Schlachtfeld erschlagen worden war. Er hatte gesehen, wie der Herzog von Braunschweig fiel, die schwarzen Husaren flohen und die Schotten von den Kanonen niedergemäht wurden. »Und das ...te Regiment?« keuchte Joseph.

»In Stücke gehauen«, antwortete der Husar – worauf Pauline rief: »Oh, meine Herrin, ma bonne petite dame!« und das Haus mit ihrem hysterischen Geschrei erfüllte.

Mr. Sedley wußte in wildem Entsetzen nicht, wie oder wo er Sicherheit finden konnte. Er stürzte von der Küche ins Wohnzimmer und warf einen flehenden Blick auf Amelias Tür, die Mrs. O'Dowd ihm vor der Nase zugemacht und verschlossen hatte. Er verweilte einen Augenblick lauschend an der Tür, da ihm aber einfiel, wie verächtlich ihn die Majorin behandelt hatte, trat er zurück und beschloß, zum erstenmal an jenem Tag auf die Straße zu gehen. Er ergriff eine Kerze und sah sich nach seiner goldbebänderten Mütze um. Er fand sie auf ihrem gewöhnlichen Platz auf einer Spiegelkonsole im Vorzimmer liegen. Dort pflegte Joseph sonst sich zu drehen und zu wenden, seine Schläfenlocken zurechtzulegen und seine Mütze schief aufzusetzen, ehe er sich in der Öffentlichkeit zeigte. So stark ist die Macht der Gewohnheit, daß er sogar jetzt in seiner entsetzlichen Angst mechanisch an seinem Haar zupfte und seine Mütze schief aufsetzte; dann blickte er bestürzt auf das blasse Gesicht im Spiegel und besonders auf seinen Schnurrbart, der in den sieben Wochen, die er auf der Welt war, ein stattliches Wachstum entwickelt hatte. Sie werden mich ganz bestimmt für einen Militär halten, überlegte er und dachte an Isidors Warnung bezüglich des Gemetzels, das die besiegte britische Armee erwartete. Er schwankte in sein Schlafzimmer zurück und fing an, wie toll an der Klingel zu reißen, um seinen Diener zu rufen.

Isidor erschien. Joseph war in einen Stuhl gesunken, hatte sein Halstuch abgerissen, den Kragen heruntergeklappt und saß da, mit beiden Händen an der Kehle. »Coupez-moi, Isidor«, schrie er, »vite! Coupez-moi!« Isidor glaubte einen Augenblick, er sei wahnsinnig geworden und fordere ihn auf, ihm den Hals abzuschneiden.

»Les moustaches«, ächzte Joseph, »les moustaches, couper, raser, vite!« So war sein Französisch: fließend, wie wir gesagt haben, aber grammatisch nicht besonders korrekt.

Isidor fegte den Schnurrbart im Nu mit dem Rasiermesser hinweg und vernahm mit unaussprechlichem Entzücken den Befehl seines Herrn, einen Hut und einen Zivilrock zu bringen. »Ne porter plus – habit militaire – bonnet – donner à vous, prenez dehors«, waren Josephs Worte; Rock und Mütze waren endlich sein Eigentum.

Nachdem Joseph dies Geschenk gemacht hatte, suchte er aus seinem Vorrat einen einfachen schwarzen Rock mit Weste, ein großes weißes Halstuch und einen einfachen Filzhut heraus. Wenn er einen breitkrempigen Hut hätte auftreiben können, er hätte sogar diesen getragen. Aber auch so schon hätte man ihn für einen stattlichen Geistlichen der englischen Kirche halten können.

»Venez maintenant«, fuhr er fort, »suivez – allez – partez – dans la rue.« Hiermit stürzte er schnell die Treppe hinab und eilte auf die Straße.

Obwohl Regulus behauptet hatte, er sei fast der einzige Mann seines Regimentes oder gar des alliierten Heeres, den Ney nicht in Stücke gehauen hatte, so erwies sich seine Angabe doch als ungenau, und es stellte sich heraus, daß eine ganze Anzahl von den angeblichen Schlachtopfern das Gemetzel überlebt hatte. Viele Dutzende von Regulus' Kameraden hatten nach Brüssel zurückgefunden und durch ihr einmütiges Geständnis, sie seien davongelaufen, die ganze Stadt zum Glauben an die Niederlage der Alliierten gebracht. Man erwartete stündlich die Ankunft der Franzosen; die Panik wurde immer größer, und überall traf man Vorbereitungen zur Flucht. Keine Pferde! dachte Joseph entsetzt. Er schickte Isidor zu unzähligen Leuten, um zu erfahren, ob sie welche zu verleihen oder zu verkaufen hätten, und sein Herz sank immer tiefer, je mehr verneinende Antworten er erhielt. Sollte er die Reise zu Fuß machen? Nicht einmal die Angst vermochte es, diesen schwerfälligen Körper in Bewegung zu setzen.

Fast alle von Engländern in Brüssel bewohnten Hotels lagen gegenüber dem Park, und Joseph wanderte zusammen mit vielen anderen, die ebenso von Furcht und Neugier befallen waren, in dieser Gegend umher. Er sah, daß einige Familien glücklicher gewesen waren als er, Pferde aufgetrieben hatten und nun in wilder Flucht durch die Straßen davonrasselten; andere dagegen befanden sich in gleicher Verlegenheit wie er und konnten weder durch Geld noch gute Worte die notwendigen Fluchtmittel auftreiben. Unter diesen, die gern fliehen wollten, bemerkte Joseph Lady Bareacres und ihre Tochter im porte cochère ihres Hotels in ihrem Wagen. Alle Koffer waren gepackt, und der einzige Hinderungsgrund für ihre Flucht war wie bei Joseph das Fehlen der bewegenden Kraft.

In diesem Hotel wohnte auch Rebekka Crawley. In der jüngsten Vergangenheit hatte sie mehrmals feindliche Begegnungen mit den Damen der Familie Bareacres gehabt. Lady Bareacres grüßte Mrs. Crawley nicht, wenn sie sich zufällig auf der Treppe trafen, und sie erzählte überall, wo der Name ihrer Nachbarin erwähnt wurde, beharrlich nur Schlechtes von ihr. Die Gräfin war entsetzt über die Vertraulichkeit zwischen General Tufto und der Frau seines Adjutanten. Lady Blanche mied sie wie eine ansteckende Krankheit. Nur Lord Bareacres selbst pflegte heimlich Umgang mit ihr, wenn er sich nicht unter der Aufsicht seiner Damen befand.

Rebekka konnte sich jetzt an ihren unverschämten Feindinnen rächen. Es wurde im Hotel bekannt, daß Hauptmann Crawley seine Pferde zurückgelassen hatte. Als daher die Panik begann, ließ sich Lady Bareacres herab, ihr Kammermädchen mit Empfehlungen zu Mrs. Crawley zu schicken und sie nach dem Preis ihrer Pferde zu fragen. Mrs. Crawley schickte ein Billett zurück, worin sie sich empfahl und zu verstehen gab, daß sie nicht gewohnt sei, mit Kammerjungfern Geschäfte abzuschließen.

Diese kurze Antwort brachte den Grafen höchstpersönlich in Rebekkas Zimmer; er hatte jedoch nicht mehr Erfolg als die erste Abgesandte. »Mir eine Kammerjungfer zu schicken!« rief Mrs. Crawley sehr erzürnt, »warum verlangte Lady Bareacres nicht auch, daß ich ihr die Pferde satteln sollte? Ist sie es, die fliehen will, oder ihre Kammerjungfer?« Das war die ganze Antwort, die der Graf seiner Gemahlin brachte.

Was lehrt die Not aber nicht alles! Nach dem Mißerfolg ihres zweiten Abgesandten machte die Gräfin tatsächlich selbst ihre Aufwartung bei Mrs. Crawley. Sie bat sie, irgendeinen Preis zu nennen, und erbot sich sogar, Becky nach Haus Bareacres einzuladen, wenn die junge Frau ihr nur ermöglichte, dorthin zurückzukehren. Mrs. Crawleys Antwort war ganz Hohn.

»Ich will mir nicht von Gerichtsdienern in Livree aufwarten lassen, obgleich Sie höchstwahrscheinlich nicht zurückgelangen werden, wenigstens nicht Sie zusammen mit Ihren Diamanten. Die werden die Franzosen schon bekommen. In zwei Stunden sind sie hier, und ich habe dann schon die halbe Strecke nach Gent hinter mir. Ich werde Ihnen meine Pferde um keinen Preis verkaufen, nein, nicht einmal für die zwei größten Diamanten, die Euer Gnaden auf dem Ball getragen haben.« Lady Bareacres zitterte vor Wut und Schrecken. Die Diamanten waren in ihr Kleid eingenäht und in der Wattierung und den Stiefeln des gnädigen Herrn versteckt. »Weib, die Diamanten sind in der Bank, und ich will und will die Pferde haben«, rief sie. Rebekka lachte ihr ins Gesicht. Die wütende Gräfin ging hinunter und setzte sich in die Kutsche. Das Kammermädchen, den Diener und ihren Gatten schickte sie noch einmal in die Stadt nach Pferden, und wehe dem, der zuletzt zurückkam! Die Lady war entschlossen, sofort abzureisen, wenn die Pferde von irgendwoher ankommen würden, mit ihrem Mann oder ohne ihn.

Rebekka hatte das Vergnügen, Lady Bareacres in dem unbespannten Wagen sitzen zu sehen. Sie behielt sie ständig im Auge und bejammerte so laut sie konnte die Verlegenheit der Gräfin. »Keine Pferde zu bekommen!« rief sie, »und alle Diamanten in den Wagenkissen eingenäht! Was für eine Beute für die Franzosen, wenn sie kommen! Ich meine die Kutsche und die Diamanten, nicht die Dame!« Sie erzählte das dem Wirt, den Dienern, den Gästen und den zahllosen Müßiggängern im Hof. Lady Bareacres hätte sie am liebsten vom Wagenfenster aus abgeschossen.

Während sie sich noch an der Demütigung ihrer Feindin labte, erblickte Rebekka Joseph, der geradewegs auf sie zueilte.

Sein verändertes, schreckensbleiches, dickes Gesicht verriet sein Geheimnis deutlich. Auch er wollte fliehen und sah sich nach den Fluchtmitteln um. Der soll meine Pferde kaufen, dachte Rebekka, und ich werde die Stute reiten.

Joseph trat zu seiner Freundin und stellte die in der letzten Stunde wohl hundertmal wiederholte Frage, ob sie wisse, wo man Pferde bekommen könne.

»Was, Sie fliehen?« lachte Rebekka. »Ich dachte, Sie seien der Beschützer aller Damen, Mr. Sedley.«

»Ich – ich bin kein Soldat«, keuchte er.

»Und Amelia? Wer soll Ihr armes Schwesterchen beschützen?« fragte Rebekka. »Sie wollen sie doch nicht etwa verlassen?«

»Was kann ich ihr nützen, wenn – wenn der Feind kommt«, erwiderte Joseph. »Die Frauen werden sie verschonen, aber mein Diener hat mir erzählt, sie hätten geschworen, keinem Mann Pardon zu geben – die elenden Feiglinge.«

»Entsetzlich!« rief Rebekka und weidete sich an seiner Verlegenheit.

»Übrigens will ich sie ja gar nicht verlassen«, schrie der Bruder, »sie soll nicht zurückbleiben. Ich habe einen Platz für Amelia in meinem Wagen, und auch einen für Sie, liebe Mrs. Crawley, wenn Sie mitkommen wollen – und falls wir Pferde auftreiben«, setzte er seufzend hinzu.

»Ich habe zwei zu verkaufen«, sagte die Dame. Joseph hätte sie bei dieser Nachricht umarmen mögen. »Hol den Wagen, Isidor«, rief er. »Wir haben welche – wir haben welche.«

»Meine Pferde sind noch nie im Geschirr gegangen«, fügte Mrs. Crawley hinzu, »Dompfaff würde den Wagen in Stücke schlagen, wenn Sie ihn einspannen wollten.«

»Er läßt sich aber ruhig reiten?« fragte der Zivilist.

»Ruhig wie ein Lamm und schnell wie ein Hase«, antwortete die Dame.

»Glauben Sie, daß er mein Gewicht aushält?« fragte Joseph. Er saß in Gedanken schon auf dem Pferde, ohne auch nur einen Augenblick an die arme Amelia zu denken. Welcher Mensch, der Pferdegeschäfte liebt, könnte auch einer solchen Versuchung widerstehen?

Rebekka antwortete nicht, sondern bat ihn, auf ihr Zimmer zu kommen. Er folgte ihr in atemloser Hast, um den Handel abzuschließen. Joseph hatte selten eine halbe Stunde erlebt, die ihn so viel Geld kostete. Rebekka, die den Wert ihrer Ware nach Josephs Kaufeifer und nach der Seltenheit des Artikels maß, verlangte einen so ungeheuren Preis für die Pferde, daß sogar der Zivilist zurückschreckte. Sie wolle beide verkaufen oder keins sagte sie entschlossen. Rawdon habe ihr befohlen, sich nicht unter dem angegebenen Preis von ihnen zu trennen. Lord Bareacres unten würde ihr die gleiche Summe geben, und bei all ihrer Liebe und Achtung für die Familie Sedley müsse ihr lieber Mr. Joseph doch einsehen, daß arme Leute leben müßten – kurz, es gab niemanden, der freundschaftlicher, aber zugleich auch entschlossener in Geschäftsangelegenheiten gehandelt hätte.

Joseph willigte schließlich, wie zu erwarten gewesen war, in den Preis ein. Die Summe, die er ihr zu zahlen hatte, war so groß, daß er um Zeit bitten mußte; so groß, daß sie ein kleines Vermögen für Rebekka bedeutete. Sie hatte schnell überschlagen, daß sie mit dieser Summe und dem, was beim Verkauf von Rawdons übrigen Sachen herausspringen würde, und ihrer Witwenpension, falls er fiel, absolut unabhängig von der Welt sein würde und dem Witwenstand mit Ruhe entgegensehen könne.

Ein paarmal im Laufe des Tages hatte sie allerdings auch an Flucht gedacht. Ihr Verstand gab ihr aber besseren Rat. Angenommen, die Franzosen kommen, dachte sie, was können sie dann schon einer armen Offizierswitwe tun! Pah, die Zeiten der Belagerungen und Plünderungen sind vorüber, man wird uns ruhig nach Hause gehen lassen, oder ich kann auch mit meinem hübschen kleinen Einkommen angenehm im Ausland leben.

Inzwischen waren Joseph und Isidor zum Stall gegangen, um die neugekauften Pferde zu besichtigen. Joseph befahl seinem Diener, sofort zu satteln, denn er wollte noch in derselben Nacht, noch zur selben Stunde fortreiten. Er ließ daher den Diener zurück, damit der die Pferde fertigmache, während er selbst nach Hause ging, um sich für die Abreise vorzubereiten. Sie mußte geheim bleiben. Er wollte durch die Hintertür auf sein Zimmer gehen. Es lag ihm nichts daran, der Majorin und Amelia zu begegnen und gestehen zu müssen, daß er davonlaufen wollte.

Josephs Handel mit Rebekka war nun abgeschlossen, er hatte die Pferde besichtigt, und der neue Tag war angebrochen; obwohl jedoch Mitternacht schon lange vorüber war, hatte die Stadt noch keine Ruhe gefunden. Die Leute waren wach, in den Häusern brannten Lichter, vor den Türen standen noch immer Menschengruppen, und auf den Straßen herrschte ein reges Leben. Noch immer wanderten die verschiedensten Gerüchte von Mund zu Mund; das eine behauptete, die Preußen hätten eine vollständige Niederlage erlitten; ein anderes, es seien die Engländer gewesen, die angegriffen und besiegt wurden; ein drittes, daß die Engländer das Feld behauptet hätten. Dieses letzte Gerücht gewann allmählich die Oberhand; noch kein Franzose hatte sich blicken lassen. Einzelne Zurückkehrende brachten immer günstigere Nachrichten; endlich kam sogar ein Adjutant nach Brüssel mit Depeschen für den Kommandanten der Stadt, und dieser ließ bald darauf ein Plakat mit der offiziellen Mitteilung vom Triumph der Alliierten bei Quatre-Bras und dem Rückzug der Franzosen unter Ney nach sechsstündiger Schlacht in der Stadt anschlagen. Der Adjutant mußte in der Zeit, als Joseph und Rebekka ihren Handel abgeschlossen oder beim Besichtigen der Pferde waren, angekommen sein. Als Joseph sein Hotel erreichte, fand er mehr als ein Dutzend der zahlreichen Bewohner vor der Tür im Gespräch über die Neuigkeit, an deren Wahrheit nicht zu rütteln war. Er ging also hinauf, um sie den unter seiner Obhut befindlichen Damen mitzuteilen. Er hielt es nicht für nötig, ihnen zu erklären, daß er beabsichtigt hatte, sie zu verlassen, daß er bereits Pferde gekauft hatte und welchen Preis er dafür hatte zahlen müssen.

Sieg oder Niederlage war jedoch für diejenigen, die nur um die Sicherheit ihrer geliebten Männer bangten, von geringerer Bedeutung. Amelia wurde bei der Siegesnachricht sogar noch aufgeregter als vorher. Sie wollte unverzüglich zur Armee gehen und flehte ihren Bruder unter Tränen an, sie dorthin zu begleiten. Zweifel und Schrecken erreichten bei ihr den Höhepunkt, und das arme Mädchen, das viele Stunden lang in dumpfem Brüten verbracht hatte, lief in wahnsinniger Hysterie hin und her – ein erbarmungswürdiger Anblick! Kein Mann, der sich fünfzehn Meilen entfernt auf dem schwerumkämpften Schlachtfeld vor Schmerzen krümmte – und es lagen viele Tapfere dort –, litt mehr als dieses arme, unschuldige Opfer des Krieges. Joseph konnte den Anblick ihrer Qual nicht ertragen. Er ließ seine Schwester unter der Obhut ihrer härteren Gefährtin zurück und stieg von neuem zur Hoteltür hinunter, wo noch alles schwatzend herumlungerte und auf weitere Nachrichten wartete.

Während sie dort standen, wurde es völlig hell, und Männer, die auf dem Kriegsschauplatz mitgewirkt hatten, brachten neue Nachrichten. Leiterwagen und lange Bauernkarren, mit Verwundeten beladen, rollten in die Stadt; schauriges Ächzen erscholl daraus, und abgekämpfte Gesichter schauten traurig aus dem Stroh. Joseph Sedley blickte mit schmerzlicher Neugier auf einen dieser Wagen – das Stöhnen der darin Liegenden war entsetzlich. Die müden Pferde konnten ihn kaum noch ziehen. »Halt, halt!« rief eine schwache Stimme aus dem Stroh, und das Fuhrwerk hielt gegenüber von Mr. Sedleys Hotel an.

»Es ist George, ich weiß es ganz genau«, schrie Amelia und stürzte augenblicklich mit bleichem Gesicht und wirrem Haar auf den Balkon. Es war jedoch nicht George, aber das Nächstbeste, was kommen konnte: Nachricht von ihm.

Es war der arme Tom Stubble, der vierundzwanzig Stunden vorher so mutig von Brüssel losmarschiert war, mit der Regimentsfahne in der Hand, die er auf dem Schlachtfeld so tapfer verteidigt hatte. Ein französischer Ulan hatte den jungen Fähnrich am Bein verwundet, und der fiel hin, hielt aber tapfer die Fahne fest. Nach Beendigung des Gefechts hatte man in einem Karren für den armen Burschen Platz gefunden und ihn nach Brüssel zurückgebracht.

»Mr. Sedley, Mr. Sedley!« rief der Junge mit schwacher Stimme, und Joseph trat erschrocken zu ihm heran. Er hatte anfangs nicht unterscheiden können, wer ihn gerufen hatte.

Der kleine Tom Stubble hielt ihm seine heiße, kraftlose Hand hin. »Ich soll hierhergebracht werden«, flüsterte er, »Osborne – und – und Dobbin haben es gesagt; und Sie sollen dem Mann zwei Napoleons geben; meine Mutter wird sie Ihnen zurückzahlen.« Die Gedanken des jungen Burschen waren während der langen Stunden im Wagen zum väterlichen Pfarrhaus, das er erst vor ein paar Monaten verlassen hatte, zurückgewandert, und zuweilen hatte er in diesem Fiebertraum sogar seine Schmerzen vergessen.

Das Hotel war groß und die Bewohner freundlich. Alle vom Karren wurden hineingebracht und auf die verschiedensten Lager gebettet. Der junge Fähnrich kam in Osbornes Räume hinauf. Sobald die Majorin ihn vom Balkon aus erkannt hatte, waren sie und Amelia hinuntergestürzt. Man kann sich die Gefühle der beiden Frauen vorstellen, als sie hörten, die Schlacht sei vorüber und beide Gatten seien unverletzt. In stummem Entzücken fiel Amelia ihrer teuren Freundin um den Hals und umarmte sie; und in leidenschaftlicher Dankbarkeit sank sie auf die Knie und pries die Macht, die ihren Mann gerettet hatte.

Kein Arzt hätte unserer jungen Frau in ihrem fieberhaften und nervösen Zustand eine heilsamere Arznei verschreiben können als die, welche ihr der Zufall bot. Sie wachte mit Mrs. O'Dowd unablässig bei dem verwundeten Jüngling, der große Schmerzen litt. Diese ihr auferlegte Pflicht ließ keine Zeit mehr, über ihren persönlichen Sorgen zu brüten oder sich ihren gewohnten Befürchtungen und Ahnungen hinzugeben. Der junge Patient schilderte mit einfachen Worten die Ereignisse des Tages und die Taten unserer Freunde vom tapferen ...ten Regiment. Sie hatten schwer gelitten und sehr viele Offiziere und Soldaten verloren. Als sie angriffen, war das Pferd unter dem Major erschossen worden, und sie hatten alle geglaubt, O'Dowd sei tot und Dobbin würde nun Major. Aber bei ihrer Rückkehr nach dem. Angriff zu ihrer alten Stellung hatten sie entdeckt, daß der Major auf Pyramus' Leichnam saß und sich aus seiner Feldflasche erfrischte. Hauptmann Osborne hatte den französischen Ulan, der den Fähnrich verwundet hatte, niedergehauen. Amelia wurde bei dem bloßen Gedanken daran so bleich, daß Mrs. O'Dowd den jungen Fähnrich in seiner Erzählung innehalten ließ. Und Hauptmann Dobbin war es gewesen, der nach Beendigung der Schlacht, obwohl selbst verwundet, den Jüngling auf die Arme genommen und zum Wundarzt und von da zu dem Karren geschleppt hatte, der ihn nach Brüssel zurückbringen sollte, und er war es auch, der dem Fuhrmann zwei Louisdor versprochen hatte, wenn er zu Mr. Sedleys Hotel in Brüssel fahren würde und Mrs. Osborne sagen wolle, daß die Schlacht vorbei und ihr Mann unverletzt und wohlauf sei.

»Er hat wirklich ein gutes Herz, dieser William Dobbin, wenn er auch immer über mich lacht«, sagte Mrs. O'Dowd.

Der junge Stubble beteuerte, daß es keinen zweiten Offizier wie ihn im ganzen Heer gebe, und konnte kein Ende finden, seine Bescheidenheit, Güte und bewundernswerte Kaltblütigkeit im Felde zu preisen. Diesem Teil des Gesprächs widmete Amelia indes nur schwache Aufmerksamkeit; sie hörte nur dann zu, wenn von George gesprochen wurde, und auch solange man seinen Namen nicht erwähnte, dachte sie an ihn.

Bei der Pflege ihres Patienten und dem Nachdenken über die wunderbaren Ereignisse des gestrigen Tages verging Amelia der zweite Tag ziemlich schnell. Für sie gab es nur einen Mann in der Armee, und solange er wohlauf war, interessierten sie die Truppenbewegungen nur wenig, wie wir zugeben müssen. Alle Gerüchte, die Joseph von der Straße mitbrachte, hörte sie nur verschwommen, obwohl sie ausreichten, um diesen furchtsamen Herrn, und mit ihm viele andere Leute in Brüssel, tief zu beunruhigen. Die Franzosen waren zwar zurückgeschlagen worden, aber erst nach hartem, zweifelhaftem Kampf, und es war nur ein Teil der französischen Armee. Der Kaiser war mit der Hauptmasse in Ligny, wo er die Preußen gänzlich vernichtet hatte, und nun hatte er freie Hand, seine ganze Kraft auf die Alliierten zu richten. Der Herzog von Wellington zog sich zur Hauptstadt zurück, und höchstwahrscheinlich würde es unter ihren Mauern eine große Schlacht geben, deren Ausgang mehr als zweifelhaft war. Der Herzog von Wellington hatte nur zwanzigtausend Mann englische Truppen, auf die er bauen konnte, denn die Deutschen waren rohe Miliz, die Belgier unzuverlässig; und mit dieser Handvoll hatte Seine Hoheit hundertundfünfzigtausend Mann Widerstand zu leisten, die unter Napoleon in Belgien eingedrungen waren. Unter Napoleon! Welcher Heerführer, mochte er noch so berühmt und geschickt sein, konnte mit einer ungleichen Macht gegen ihn kämpfen?

All das überlegte sich Joseph und zitterte. So ging es auch den meisten anderen Bewohnern Brüssels, denn die Leute spürten, daß das gestrige Gefecht nur das Vorspiel zu dem drohenden größeren Kampf gewesen war. Eine der Armeen, die sich dem Kaiser entgegengestellt hatte, war bereits in alle Winde zerstreut. Die wenigen Engländer, die zum Widerstand gegen ihn aufgebracht werden konnten, würden auf ihren Posten fallen, und der Eroberer würde über ihre Leichen in die Stadt ziehen. Wehe denen, die er dort fand! Ansprachen wurden bereits ausgearbeitet, Beamte versammelten sich und berieten im geheimen, Zimmer wurden vorbereitet und Trikoloren und Siegesembleme verfertigt, um die Ankunft Seiner Majestät des Kaisers und Königs zu begrüßen.

Die Fluchtbewegung dauerte noch immer an, und alle Familien, die Mittel und Wege finden konnten, flohen. Als Joseph am Nachmittag des siebzehnten Juni in Rebekkas Hotel ging, entdeckte er, daß die große Bareacressche Kutsche schließlich doch aus dem porte cochère verschwunden war. Der Graf hatte Mrs. Crawley zum Trotz irgendwie ein Paar Pferde verschaffen können und rollte nun auf dem Wege nach Gent. Ludwig der Ersehnte packte in dieser Stadt auch schon seine Reisetasche. Es schien, als ob das Unglück nie müde würde, diesen schwerfälligen Verbannten weiterzutreiben.

Joseph fühlte, daß der gestrige Sieg nur eine Gnadenfrist gewesen war und daß er seine teuer gekauften Pferde doch noch brauchen würde. Seine Angst war den ganzen Tag über entsetzlich. Solange noch eine englische Armee zwischen Brüssel und Napoleon stand, war sofortige Flucht nicht notwendig; er ließ jedoch seine Pferde aus ihrem entfernten Stall in den seines Hotels bringen, damit er sie stets unter Augen hatte und sie ihm nicht gewaltsam entführt werden konnten. Isidor beobachtete die Stalltür ständig. Die Pferde hatte er gesattelt und alles für die Abreise vorbereitet. Er wartete sehnsüchtig auf dieses Ereignis.

Nach dem gestrigen Empfang hatte Rebekka keine Lust, sich wieder ihrer lieben Amelia zu nähern. Sie beschnitt den Blumenstrauß, den sie von George bekommen hatte, gab ihm frisches Wasser und las noch einmal das Billett durch, das er ihr zugesteckt hatte. »Das arme Geschöpf«, sagte sie und drehte das Stückchen Papier zwischen den Fingern, »wie ich sie damit zerschmettern könnte! Und um so ein Wesen muß sie sich nun das Herz brechen – um so einen Dummkopf, einen Hanswurst, der sich nichts aus ihr macht. Mein armer guter Rawdon ist zehnmal mehr wert als so einer.« Und dann dachte sie darüber nach, was sie tun sollte, wenn – wenn dem armen guten Rawdon etwas zustieße, und was für ein Glück es gewesen sei, daß er seine Pferde zurückgelassen hatte.

Mrs. Crawley, die nicht ohne Ärger die Familie Bareacres hatte wegfahren sehen, dachte im Laufe des Tages auch an die Vorsichtsmaßregeln, die die Gräfin getroffen hatte, und machte ein paar Handarbeiten für sich. Sie nähte den größten Teil ihrer Schmucksachen, Wechsel und Banknoten in ihre Kleider ein, und so vorbereitet, war sie für alle Fälle gerüstet – entweder zu fliehen, wenn sie es für angemessen hielt, oder zu bleiben und den Sieger zu begrüßen, mochte er nun Engländer oder Franzose sein. Ich bin nicht sicher, ob sie nicht in jener Nacht davon träumte, Herzogin oder Madame la maréchale zu werden, während Rawdon in seinen Mantel gehüllt am Mont Saint-Jean im strömenden Regen biwakierte und mit aller Kraft seines Herzens an die kleine Frau dachte, die er in Brüssel zurückgelassen hatte.

Der nächste Tag war ein Sonntag, und Mrs. O'Dowd sah mit Befriedigung, daß die Nachtruhe ihre beiden Patienten körperlich und geistig gestärkt hatte. Sie selbst hatte in einem Lehnstuhl in Amelias Zimmer geschlafen, bereit, ihrer armen Freundin oder dem Fähnrich zu Diensten zu stehen, wenn einer von ihnen ihre Fürsorge brauchte. Bei Anbruch des Tages ging die tapfere Frau in das Haus, wo sie und der Major einquartiert waren, und machte dort sorgfältig Toilette, wie es sich für den Tag gehörte. Und während sie allein in dem Zimmer war, das ihr Mann bewohnt hatte, wo seine Nachtmütze noch auf dem Kissen lag und sein Stock in der Ecke stand, wurde höchstwahrscheinlich ein Gebet für das Wohlergehen des tapferen Soldaten Michael O'Dowd gen Himmel geschickt.

Als sie zurückkehrte, brachte sie ihr Gebetbuch und die berühmten Predigten ihres Onkels, des Dekans, mit, aus denen sie regelmäßig am Sonntag zu lesen pflegte; wenn sie auch nicht alles verstand und vielleicht manche der langen und komplizierten Wörter nicht richtig aussprach – denn der Dekan war ein gelehrter Mann und liebte lange lateinische Wörter –, so las sie doch mit großem Ernst, viel Gefühl und im allgemeinen leidlich richtig. Wie oft hat Mick diesen Predigten gelauscht, dachte sie, wenn ich sie bei Windstille in der Kajüte las. Auch heute beabsichtigte sie, diese geistliche Übung vorzunehmen, und Amelia und der verwundete Fähnrich sollten die Gemeinde sein. Der gleiche Gottesdienst wurde an jenem Tag zur gleichen Stunde in zwanzigtausend Kirchen abgehalten, und Millionen britischer Männer und Frauen flehten auf den Knien den Vater aller Dinge um Schutz an.

Sie alle hörten den Lärm nicht, der unsere kleine Gemeinde in Brüssel störte. Als Mrs. O'Dowd mit ihrer schönsten Stimme die Predigt las, begannen die Kanonen von Waterloo aufs neue zu dröhnen – lauter als zwei Tage zuvor.

Als Joseph dieses entsetzliche Geräusch vernahm, faßte er den Entschluß, diese unaufhörliche Wiederkehr des Schreckens nicht länger zu ertragen und sofort zu fliehen. Er stürzte in das Krankenzimmer, wo unsere drei Freunde im Gebet innegehalten hatten, und störte sie auf, indem er sich heftig an Amelia wandte:

»Ich kann es nicht länger aushalten, Emmy«, sagte er, »ich will es nicht mehr aushalten, und du mußt mit mir mitkommen. Ich habe ein Pferd für dich gekauft – zu welchem Preis ist ganz gleichgültig –, und du mußt dich anziehen und mit mir mitkommen und dich hinter Isidor setzen.«

»Gott verzeih mir, Mr. Sedley, aber Sie sind nichts anderes als ein Feigling«, sagte Mrs. O'Dowd und legte das Buch hin.

»Ich sage dir, komm, Amelia«, fuhr der Zivilist fort, »kümmere dich nicht darum, was sie sagt; warum sollen wir hierbleiben und uns von den Franzosen abschlachten lassen?«

»Sie vergessen das ...te Regiment, mein Junge«, rief der kleine Stubble, der verwundete Held, von seinem Bett, »und – und Sie werden mich doch nicht verlassen, nicht wahr, Mrs. O'Dowd?«

»Nein, mein liebes Kerlchen«, sagte sie, ging zu dem Jungen und gab ihm einen Kuß. »Niemand soll Ihnen etwas tun, solange ich bei Ihnen bin. Ich weiche nicht, bis Mick mir den Befehl dazu erteilt. Würde ich nicht eine hübsche Figur abgeben auf einem Reitkissen hinter dem Kerl da?«

Über dieses Bild brach der junge Patient in seinem Bett in Gelächter aus, und selbst Amelia mußte lächeln. »Ich frage ja nicht sie, ob sie mitkommt«, schrie Joseph. »Ich frage ja nicht die – die Irin da, sondern dich, Amelia; ein für allemal, kommst du mit?«

»Ohne meinen Mann, Joseph?« fragte Amelia mit verwundertem Blick und ergriff die Hand der Majorin. Josephs Geduld war jetzt erschöpft.

»Also dann, auf Wiedersehen«, sagte er, schüttelte wütend die Faust und warf die Tür beim Hinausgehen hinter sich zu. Dieses Mal gab er wirklich den Marschbefehl und bestieg auf dem Hof das Pferd. Mrs. O'Dowd hörte das Klappern der Hufe, als die Pferde aus dem Tor sprengten; sie machte allerlei höhnische Bemerkungen über den armen Joseph, als sie ihn die Straße hinabreiten sah, gefolgt von Isidor mit der goldbebänderten Mütze. Die Pferde, die ein paar Tage lang keine Bewegung gehabt hatten, waren lebhaft und machten frohe Sprünge auf der Straße. Joseph war ein ungeschickter, ängstlicher Reiter und wirkte im Sattel sehr unvorteilhaft. »Sehen Sie nur, liebe Amelia, er reitet geradezu in das Fenster dort hinein. So einen Elefanten im Porzellanladen habe ich noch nie gesehen.« Sie verfolgte die beiden Reiter mit einer Kanonade von sarkastischen Bemerkungen, bis sie um die Ecke in Richtung der Straße nach Gent verschwanden.

Den ganzen Tag lang, vom Morgen bis nach Sonnenuntergang, hörte das Dröhnen der Geschütze nicht auf. Es war schon dunkel, als das Feuer plötzlich abbrach.

Wir alle haben gelesen, was sich während dieser Zeitspanne zutrug. Diese Geschichte ist im Munde eines jeden Engländers; und du und ich, die wir noch Kinder waren, als die große Schlacht gewonnen und verloren wurde, können nicht müde werden, von diesem berühmten Kampf zu hören und zu erzählen. Die Erinnerung daran nagt noch immer am Herzen von Millionen Landsleuten jener tapferen Männer, die diese Schlacht verloren.. Sie brennen darauf, die Demütigung bei Gelegenheit zu rächen. Wenn nun ein Kampf siegreich für sie enden sollte, so würden die anderen ihrerseits sich erheben und uns ein verfluchtes Erbe von Haß und Rachsucht hinterlassen, und so wäre kein Ende dieser sogenannten Ehre und Schande und des jeweiligen erfolgreichen und erfolglosen Mordens abzusehen, in das die beiden stolzen Nationen verwickelt würden. Noch nach Jahrhunderten würden Engländer und Franzosen voreinander prahlen und sich gegenseitig umbringen, um den Ehrenkodex des Teufels tapfer zu befolgen.

Alle unsere Freunde nahmen an der Schlacht teil und standen ihren Mann. Den ganzen Tag lang hielt die unerschrockene englische Infanterie den wütenden Angriffen der französischen Kavallerie stand und erwiderte sie, während die Frauen, zehn Meilen entfernt, beteten. Die Geschütze, die man bis nach Brüssel hörte, zerrissen ihre Reihen. Kameraden fielen, und die beherzten Überlebenden schlossen die Reihen wieder. Gegen Abend ließ die Heftigkeit der vielen so tapfer zurückgeschlagenen französischen Angriffe nach. Die Franzosen hatten wohl außer mit den Briten noch mit anderen Feinden zu tun, oder sie rüsteten sich auf einen letzten Ansturm. Der kam schließlich auch. Die Kolonnen der kaiserlichen Garde marschierten den Mont Saint-Jean hinauf, um mit einem Male die Engländer von der Höhe zu fegen, die sie den ganzen Tag behauptet hatten; ungeachtet des Geschützfeuers der Engländer, das den Tod in ihre Reihen schleuderte, drängten die dunklen, wogenden Kolonnen näher den Hügel hinauf. Sie schienen den Gipfel fast erreicht zu haben, als sie zu wanken begannen. Dann blieben sie stehen, immer noch das Gesicht zum Feind gerichtet. Nun endlich stürzten die englischen Truppen aus ihren Stellungen, aus denen sie kein Feind hatte verdrängen können, und die Garde wandte sich und floh.

Man hörte in Brüssel kein Schießen mehr – die Verfolger entfernten sich meilenweit. Dunkelheit senkte sich über Schlachtfeld und Stadt herab, und Amelia betete für George, der auf dem Gesicht lag, tot, von einer Kugel ins Herz getroffen.


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