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12. Kapitel

Ein ganz sentimentales Kapitel

Wir müssen uns nun von Arkadien und den liebenswürdigen Leuten, die dort die ländlichen Tugenden pflegen, verabschieden und nach London zurückkehren, um zu erforschen, was aus Miss Amelia geworden ist. »Wir machen uns keinen Pfifferling aus ihr«, schreibt eine unbekannte Leserin mit kleiner, hübscher Handschrift in einem rosa versiegelten Briefchen. »Sie ist fad und abgeschmackt.« Und fügt dann noch ein paar ähnliche freundschaftliche Bemerkungen hinzu, die ich überhaupt nicht wiederholt hätte, wären sie nicht in Wahrheit ungemein schmeichelhaft für die junge Dame, die sie betreffen.

Hat der geneigte Leser mit ausreichender Welterfahrung nie ähnliche Bemerkungen gutmütiger Freundinnen gehört, die sich stets wundern, was man bloß Bezauberndes an Miss Smith finden könne oder was Major Jones nur veranlaßt habe, um die einfältige, uninteressante, gezierte Miss Thompson zu werben, die doch nichts aufzuweisen hat als ihr Wachspuppengesicht. Was sind denn schon ein paar rosige Wangen und blaue Augen? fragen die guten Moralistinnen und geben klug zu verstehen, daß Geistesgaben und Bildung, die Beherrschung von Mangnalls Fragen, daß Kenntnisse in Botanik und Geologie – soweit man es von Damen verlangen könne –, daß das Talent, Verse zu machen, Sonaten in Herzscher Art herunterzurattern und so weiter, für eine Frau von weit höherem Werte sei als jene flüchtigen Reize, die unvermeidlich in wenigen Jahren vergehen werden. Es ist erbaulich, zu lauschen, wenn Frauen über den Wert und die Dauer der Schönheit Betrachtungen anstellen.

Aber obgleich Tugend eine weit bessere Eigenschaft ist und jene Ärmsten, die das Unglück haben, gut auszusehen, beständig an ihr künftiges Schicksal erinnert werden sollten und obgleich der heroische weibliche Charakter, den die Damen so bewundern, höchstwahrscheinlich ein weit herrlicheres und schöneres Gesprächsthema ist als die freundliche, frische, lächelnde, harmlose, zärtliche kleine Hausgöttin, die die Männer verehren, so muß doch diese untergeordnete Gruppe von Frauen den Trost haben, daß die Männer sie trotzdem bewundern. Und deshalb beharren wir, allen Warnungen und Protesten unserer netten Freundinnen zum Trotz, auf unserem verzweifelten Irrtum und unserer Torheit, werden bis zum Schluß des Kapitels darauf beharren. Obgleich mir Personen, für die ich große Achtung hege, erklärten, Miss Brown sei ein unbedeutendes Lärvchen, Mrs. White habe nichts als ihr petit minois chiffonné und Mrs. Black wisse gar nichts zu sagen, so kann ich nur versichern, daß ich für mein Teil mit Mrs. Black die angeregtesten Unterhaltungen geführt habe (natürlich sind diese Gespräche, meine teure Dame, ein unverletzliches Geheimnis), ich sehe alle Männer sich um den Stuhl von Mrs. White sammeln, und alle jungen Burschen reißen sich um einen Tanz mit Miss Brown. Daher fühle ich mich versucht, zu glauben, daß es kein geringes Kompliment für eine Frau ist, wenn ihre eigenen Geschlechtsgenossinnen sie verachten.

Die jungen Damen in Amelias Gesellschaft taten das hinlänglich mit ihr. Es gab zum Beispiel kaum einen Punkt, worin sich die beiden Miss Osborne – Georges Schwestern –und die beiden Mademoiselle Dobbin so sehr einig waren wie in der Beurteilung der geringen Verdienste Amelias sowie in der Verwunderung, was für Reize ihre Brüder ihr abgewinnen konnten. »Wir sind freundlich gegen sie«, verkündeten die beiden Miss Osborne, zwei hübsche Brünetten, die die besten Gouvernanten, Lehrer und Putzmacherinnen gehabt hatten, und sie behandelten sie mit Gönnermiene so außerordentlich freundlich und herablassend, daß das arme kleine Ding in ihrer Gesellschaft tatsächlich stumm und allem Anscheine nach so dumm war, wie sie es von ihr glaubten. Amelia bemühte sich, sie pflichtschuldigst als Schwestern ihres zukünftigen Gatten zu lieben. Sie verbrachte lange Morgen bei ihnen – die langweiligsten und ernstesten, die sie je erlebt hatte. Sie fuhr mit ihnen und mit ihrer Gouvernante, Miss Wirt, einer grobknochigen Vestalin, feierlich in der Familienkutsche aus. Um ihr einen besonderen Hochgenuß zu bereiten, schleppten sie die Schwestern zu Kirchenkonzerten, zu Oratorien und in die Sankt-Pauls-Kathedrale zu den Waisenkindern, wo sie aus lauter Angst vor ihren Freunden kaum wagte, sich durch die Hymne der Kinder rühren zu lassen. Das Osbornesche Haus war gemütlich, des Vaters Tisch reich und glänzend, ihre Gesellschaft feierlich und vornehm, ihre Selbstachtung gewaltig; sie hatten den ersten Platz im Findelhaus; alle ihre Gewohnheiten waren pompös und regelmäßig und alle ihre Vergnügungen unerträglich langweilig, aber züchtig. Jedesmal nach Amelias Besuch (und ach, wie froh war sie stets, wenn er vorüber war!) fragten Miss Osborne und Miss Maria Osborne und Miss Wirt, die vestalische Gouvernante, mit steigender Verwunderung: »Was kann George doch bloß an dem Geschöpf finden?«

Wie kommt das? ruft hier ein kritischer Leser aus. Wie kommt es, daß Amelia, die doch in der Schule so viele Freundinnen hatte und dort so beliebt war, bei ihrem Eintritt in die Welt von ihrem scharfsinnigen Geschlecht verachtet wird? Mein sehr verehrter Herr, es gab außer dem alten Tanzmeister in Miss Pinkertons Schule keine Männer; und seinetwegen hätten doch die Mädchen einander nicht in die Haare zu geraten brauchen! Wenn George, der hübsche Bruder, sofort nach dem Frühstück davonlief und wöchentlich sechsmal nicht zu Hause speiste, so ist es kein Wunder, daß die vernachlässigten Schwestern sich etwas ärgerten. Kann man wohl erwarten, daß Miss Maria hätte erfreut sein sollen, als der junge Bullock (von der Bank Hulker, Bullock und Co., Lombard Street), der ihr während der letzten beiden Saisons den Hof gemacht hatte, Amelia doch wahrhaftig zu einem Kotillon aufforderte? Und doch erklärte sie, sie sei es – das harmlose, verzeihende Geschöpf. »Ich freue mich so, daß die liebe Amelia Ihnen gefällt«, beteuerte sie Mr. Bullock ganz eifrig nach dem Tanz. »Sie ist mit meinem Bruder George verlobt; es ist zwar nichts Besonderes an ihr, aber sie ist doch ein sehr gutmütiges und natürliches junges Ding. Zu Hause haben wir sie alle so gern.« Das gute Mädchen! Wer vermag die innige Liebe abzuschätzen, die in diesem enthusiastischen so liegt?

Miss Wirt und diese beiden liebevollen jungen Damen führten George Osborne so oft und eindringlich vor Augen, welches ungeheure Opfer er bringe und mit welch romantischem Großmut er sich so an Amelia wegwerfe, daß ich nicht ganz sicher bin, ob er sich nicht wirklich als einen der verdienstvollsten Männer in der britischen Armee betrachtete und sich mit leichter Resignation lieben ließ.

Obwohl George Osborne, wie wir berichteten, jeden Morgen von zu Hause wegstürzte und sechsmal wöchentlich auswärts speiste, so daß seine Schwestern glaubten, der betörte Jüngling hänge an Miss Sedleys Schürzenbändern, war er nicht immer bei Amelia, wenn die Welt ihn zu ihren Füßen glaubte. Mehr als einmal, wenn Hauptmann Dobbin seinen Freund besuchen wollte, deutete Miss Osborne (die dem Hauptmann ihre ganze Aufmerksamkeit schenkte und sehr erpicht auf seine Soldatengeschichten und seine Berichte von der Gesundheit seiner lieben Mama war) lachend über den Russell Square und sagte:»Oh, nach George müssen Sie sich bei den Sedleys erkundigen; wir bekommen ihn ja vom Morgen bis zum Abend nicht zu sehen.« Nach solchen Worten lachte dann der Hauptmann etwas eigenartig und gezwungen und lenkte als vollendeter Weltmann das Gespräch auf einen Gegenstand allgemeinen Interesses, wie zum Beispiel die Oper, den letzten Ball beim Kronprinzen im Carlton-Haus oder das Wetter – diesen Wohltäter der Gesellschaft.

»Was für ein unschuldiger Mensch ist doch dein Liebling«, pflegte dann Miss Maria zu Miss Jane zu sagen, nachdem der Hauptmann gegangen war. »Hast du gesehen, wie er errötete, als ich erwähnte, daß der arme George Dienst tue?«

»Es ist jammerschade, daß Frederick Bullock nicht etwas von seiner Bescheidenheit besitzt, Maria«, erwiderte dann die ältere Schwester und warf den Kopf zurück.

»Bescheidenheit! Du meinst wohl, Unbehilflichkeit, Jane. Ich möchte nicht, daß Frederick mir ein Loch ins Musselinkleid tritt wie Hauptmann Dobbin dir, als wir bei Mrs. Perkin waren.«

»In dein Kleid, haha! Wie konnte er denn das? Hat er nicht mit Amelia getanzt?«

Die Sache verhielt sich aber so: Als Hauptmann Dobbin errötete und so verlegen aussah, erinnerte er sich eines Umstandes, den er den jungen Damen lieber verschweigen wollte, nämlich daß er bereits in Mr. Sedleys Haus gewesen war, natürlich unter dem Vorwand, George zu sehen. George aber war nicht dort, sondern bloß die arme kleine Amelia, die ziemlich traurig und gedankenvoll am Salonfenster saß und nach einigen belanglosen, einfältigen Worten zu fragen wagte, ob etwas Wahres an dem Gerücht sei, daß das Regiment ins Ausland gehen würde, und ob Hauptmann Dobbin Mr. Osborne an dem Tage schon gesehen habe?

Das Regiment hatte bis jetzt noch nicht den Befehl erhalten, und Hauptmann Dobbin hatte George nicht gesehen. »Höchstwahrscheinlich ist er bei seiner Schwester«, meinte der Hauptmann. »Soll ich den Säumigen holen gehen?« Darauf reichte sie ihm freundlich und dankbar die Hand, und er ging über den Platz. Sie wartete und wartete, aber George kam nicht.

Armes, zartes Herzchen! Und so schlägt es weiter in Hoffen, Sehnen, Vertrauen. Man sieht, es wird hier kein besonderes Leben beschrieben, kein ereignisreiches Leben, den lieben langen Tag nur ein Gefühl – wann kommt er? Nur ein Gedanke im Wachen und im Schlafen. Ich glaube, George spielte mit Hauptmann Cannon in der Swallow Street Billard, als Amelia Hauptmann Dobbin nach ihm fragte; denn er war ein lustiger, geselliger Bursche und Meister in allen Geschicklichkeitsspielen.

Als er einmal drei Tage lang nicht bei ihr gewesen war, setzte sich Miss Amelia den Hut auf und drang wirklich in das Osbornesche Haus ein. »Wie! Sie lassen unsern Bruder allein und kommen zu uns?« fragten die jungen Damen. »Haben Sie Streit mit ihm gehabt, Amelia? Erzählen Sie doch!« Nein, sie hatten sich nicht gezankt. »Wer könnte sich schon mit ihm streiten!« sagte sie. Sie sei bloß herübergekommen, um ihre teuren Freundinnen zu besuchen; sie hätten sich schon so lange nicht mehr gesehen. Und diesmal benahm sie sich so einfältig und unbeholfen, daß die beiden Miss Osborne und ihre Gouvernante, die ihr nachstarrten, als sie sich traurig entfernte, sich mehr denn je wunderten, was doch George an der armen kleinen Amelia finden könne.

Es war ganz natürlich, daß sie sich wunderten. Aber wie konnte Amelia auch nur jemals diesen jungen Damen mit den kalten schwarzen Augen ihr kleines, schüchternes Herz öffnen. Das beste war wohl, sie hielt es zurück und verbarg es. Ich weiß, daß die beiden Miss Osborne einen Kaschmirschal oder ein rosa Atlasunterkleid vortrefflich zu beurteilen verstanden; und wenn Miss Turner ihren rot färbte und sich einen Spenzer daraus machen ließ, oder wenn Miss Pickford ihren Hermelinkragen in einen Muff und Besatzstücke umarbeiten ließ, so garantiere ich, daß derartige Veränderungen den beiden intelligenten jungen Mädchen nicht entgingen. Aber sehen Sie, es gibt Dinge von feinerer Beschaffenheit als Pelzwerk und Atlas, alle Herrlichkeiten Salomos und die ganze Garderobe der Königin von Saba – Dinge, deren Schönheit manchem Kennerauge entgeht. Und es gibt süße, bescheidene Seelchen, die man duftend und lieblich blühend an ruhigen, schattigen Stellen trifft; und es gibt; prächtige Gartenblumen, so groß wie Messingwärmflaschen, welche durch ihre Blicke selbst die Sonne in Verlegenheit bringen können. Miss Sedley gehörte nicht zu dieser Art Sonnenblumen; und ich kann nur sagen, es verstößt gegen alle Regeln der Proportion, ein Veilchen so groß wie eine gefüllte Dahlie zu malen.

Nein, wirklich, im Leben eines braven jungen Mädchens, das sich noch im väterlichen Nest befindet, kann es nicht viele jener spannenden Ereignisse geben, auf die eine Romanheldin gewöhnlich Anspruch erhebt. Die alten Vögel, die draußen umherfliegen und Futter suchen, können Opfer von Schlingen oder Kugeln werden, oder es können Habichte draußen sein, denen sie entkommen oder zur Beute fallen. Aber die Nestjungen führen in Stroh und Daunen ein ganz bequemes, unromantisches Leben, bis auch sie flügge werden. Während Becky Sharp schon selbständig auf dem Lande herumflog und auf allen möglichen Zweigen und zwischen einer Menge Fallen herumhüpfte und ganz harmlos, aber erfolgreich ihr Futter aufpickte, lag Amelia behaglich in ihrem warmen Nest am Russell Square; begab sie sich in die Welt hinaus, so geschah es unter der Führung ihrer Eltern, und weder sie noch das reiche, freundliche und bequeme Haus, in dem sie so liebevoll beschützt wurde, schien ein Unglück treffen zu können. Die Mama hatte ihre Vormittagspflichten, ihre täglichen Ausfahrten und jene entzückende Besuchs- und Einkaufsrunde, die das Vergnügen, wie man es auch nennen kann, den Beruf der reichen Londonerin ausmacht. Der Papa führte seine geheimnisvollen Geschäfte in der City – ein lebhafter Ort in jenen Tagen, als der Krieg in ganz Europa wütete und Weltreiche auf dem Spiele standen; als eine Zeitung wie der »Courier« ihre Abonnenten nach Zehntausenden zählte, als ein Tag die Schlacht von Vitoria, ein anderer den Brand von Moskau brachte; oder als zur Essenszeit ein Zeitungsverkäufer am Russell Square durch sein Horn verkündete: »Schlacht bei Leipzig – sechshunderttausend Mann beteiligt – totale Niederlage der Franzosen – zweihunderttausend Tote.« Ein paarmal kam der alte Sedley mit sehr ernstem Gesicht nach Hause; kein Wunder, wenn solche Nachrichten alle Herzen und Börsen Europas in Bewegung setzten.

Unterdessen ging das Leben am Russell Square, Bloomsbury, weiter, als ob die Dinge in Europa nicht im geringsten in Auflösung begriffen wären. Der Rückzug von Leipzig brachte keine Veränderung in der Anzahl der Mahlzeiten mit sich, die Mr. Sambo in der Bedientenstube einnahm ; die Alliierten überfluteten Frankreich, und die Tischglocke läutete um fünf Uhr wie üblich. Ich glaube nicht, daß sich die arme Amelia um Brienne und Montmirail kümmerte oder sonstwie am Krieg interessiert war – bis der Kaiser abdankte. Da klatschte sie in die Hände und sprach voller Inbrunst Dankgebete und warf sich stürmisch in George Osbornes Arme, zum Erstaunen aller, die Zeuge dieser Gefühlsaufwallung waren. Friede war nämlich geschlossen, Europa sollte wieder zur Ruhe kommen; der Korse war gestürzt, und Leutnant Osbornes Regiment brauchte nicht zum Kriegsdienst auszurücken. Das waren Amelias Gedankengänge. Für sie war Leutnant George Osborne das Schicksal Europas. Da er außer Gefahr war, sang sie ein Tedeum. Für sie war er Europa, Kaiser, die alliierten Monarchen und der hohe Prinzregent. Er war ihre Sonne und ihr Mond; und ich glaube sogar, in ihren Augen waren die große Illumination und der Ball, der für die Herrscher im Mansion House gegeben wurde, nur zu Ehren George Osbornes arrangiert.

Wir haben von den traurigen Lehrmeistern Betrug, Eigennutz und Armut gesprochen, denen die arme Miss Becky Sharp ihre Erziehung verdankte. Die letzte Lehrerin von Miss Amelia Sedley dagegen war die Liebe gewesen, und es ist erstaunlich, welche Fortschritte unsere junge Dame unter dieser beliebten Lehrmeisterin machte. Im Laufe von fünfzehn bis achtzehn Monaten täglichen Unterrichts bei dieser ausgezeichneten Erzieherin lernte Amelia eine ganze Reihe von Geschehnissen kennen, von denen Miss Wirt und die schwarzäugigen Damen drüben, ja sogar die alte Miss Pinkerton in Chiswick keine Ahnung hatten! Woher sollten diese steifen und anständigen Jungfrauen auch etwas davon erfahren? Bei Miss P. und auch Miss W. kann von der süßen Leidenschaft keine Rede sein; ich würde es nicht wagen, eine solche Idee auch nur anzudeuten. Miss Maria Osborne »verkehrte« zwar mit Mr. Frederick Augustus Bullock von der Firma Hulker, Bullock und Bullock; aber dieser »Verkehr« war durchaus ehrbar, und ebensogut hätte sie Bullock senior nehmen können, da sie sich nun einmal, wie jedes wohlerzogene junge Mädchen eigentlich sollte, auf ein Haus in der Park Lane, ein Landhaus in Wimbledon, eine schöne Kutsche mit zwei prächtigen Pferden und Lakaien sowie auf ein Viertel des Jahresgewinnes der ausgezeichneten Firma Hulker und Bullock versteift hatte – alles Vorteile, die in der Person des Frederick Augustus vereinigt waren. Wären damals schon die Orangenblüten erfunden gewesen, jene rührenden Symbole weiblicher Reinheit, die aus Frankreich zu uns kamen, wo die Leute ihre Töchter allgemein für die Ehe verkaufen, so hätte sich Miss Maria wohl den reinen Kranz aufs Haupt gesetzt, wäre an der Seite des alten gichtbrüchigen, kahlköpfigen, rotnasigen Bullock senior in den Reisewagen geklettert, hätte ihre schöne Erscheinung mit vollkommener Bescheidenheit seinem Glücke geopfert – wenn der alte Herr nicht leider bereits verheiratet gewesen wäre. So schenkte sie ihre Neigung dem jüngeren Teilhaber. Süße Orangenblüten! Neulich sah ich Miss Trotter (die ehemalige) mit ihnen geschmückt vor der Sankt-Georgs-Kirche am Hanover Square in den Reisewagen klettern, und Lord Methusalem hinkte hinter ihr her. Mit welch bezaubernder Schamhaftigkeit ließ sie die Vorhänge in der Kutsche herab – die liebe Unschuld! Die Hälfte aller Kutschen vom Jahrmarkt der Eitelkeit hatte sich zur Trauung eingefunden.

Diese Art Liebe war es nicht, die Amelias Erziehung vollendete und im Laufe eines Jahres ein artiges junges Mädchen zu einem schönen jungen Weib wandelte, das eine gute Ehefrau werden würde, sobald die glückliche Zeit kam. Dieses junge Wesen liebte von ganzem Herzen den jungen Offizier im Dienste Seiner Majestät, dessen Bekanntschaft wir bereits flüchtig gemacht haben (vielleicht war es nicht sehr klug von ihren Eltern, sie in solchen närrischen, romantischen Ideen noch zu ermuntern und zu bestärken). Der Gedanke an ihn war der erste beim Aufwachen, und sein Name war der letzte, den sie im Gebet erwähnte. Niemals hatte sie einen so schönen und klugen Mann gesehen, noch nie eine solche Gestalt zu Pferde erblickt, noch nie einen solchen Tänzer, überhaupt einen solchen Helden zu Gesicht bekommen. Man schweige von des Prinzregenten Verbeugung! Was war sie schon gegen Georges? Sie hatte Mr. Brummel gesehen, von dem jedermann schwärmte. Wie konnte man einen Menschen wie diesen mit ihrem George vergleichen? Unter allen Beaus in der Oper (und es gab damals etliche Beaus, mit richtigen Klapphüten) war keiner, der ihm das Wasser reichen konnte. Er war gut genug, ein Märchenprinz zu sein, und ach! wie großmütig war es doch von ihm, sich zu einem so geringen Aschenbrödel herabzulassen! Miss Pinkerton hätte wahrlich versucht, dieser blinden Ergebenheit Schranken zu setzen, wäre sie Amelias Vertraute gewesen; aber gewiß nicht mit viel Erfolg, darauf kann man sich verlassen. Das liegt nun einmal in der Natur mancher Frauen. Einige sind zum Ränkeschmieden geboren, andere zum Lieben; und ich wünschte, jeder anständige Junggeselle, der dies liest, möge die Sorte wählen, die ihm entspricht.

Unter diesem überwältigenden Eindruck vernachlässigte Amelia ihre zwölf lieben Freundinnen in Chiswick aufs grausamste, wie es selbstsüchtige Menschen immer tun. Sie dachte natürlich stets nur an diesen einen Gegenstand, und Miss Saltire war für eine Vertraute viel zu kühl. Auch Miss Swartz, der wollköpfigen jungen Erbin von Saint Kitts, konnte sie ihre Gefühle nicht mitteilen. Während der Ferien war die kleine Laura Martin bei ihr zu Besuch, und ich glaube, sie machte sie zu ihrer Vertrauten und versprach, daß Laura bei ihr wohnen sollte, wenn sie erst verheiratet wäre. Sie erzählte Laura eine Menge Dinge über Liebesleidenschaft, die für dieses kleine Mädchen besonders nützlich und neu gewesen sein müssen. Oje! Ich fürchte fast, es stand mit ihrem Kopfe nicht eben zum besten.

Warum aber hinderten ihre Eltern dieses kleine Herz nicht daran, so schnell zu schlagen? Der alte Sedley schien von diesen Dingen nicht viel zu bemerken. Er war in der letzten Zeit ernster geworden, und seine Geschäfte in der City nahmen ihn ganz und gar in Anspruch. Mrs. Sedley war so ruhig und so wenig neugierig, daß sie nicht einmal eifersüchtig war. Mr. Joe war fort und wurde in Cheltenham von einer irischen Witwe belagert. Amelia hatte das Haus ganz für sich allein – ach! bisweilen zu sehr für sich allein; nicht daß sie je von Zweifeln geplagt worden wäre, denn sicherlich war George im Kriegsministerium; und er konnte auch nicht ständig Urlaub von Chatham bekommen; er mußte seine Freunde und Schwestern besuchen und, wenn er in der Stadt war, in der Gesellschaft auftauchen (er, die Zierde jeder Gesellschaft!); und wenn er beim Regiment war, so war er zu müde, um lange Briefe zu schreiben. Ich weiß, wo sie das Bündel aufbewahrte, das sie bekommen hatte, und ich kann mich in ihr Zimmer stehlen und wieder unbemerkt verschwinden, wie Jachimo. Wie Jachimo? Nein, das wäre eine schlechte Rolle. Ich will nur den Mondschein spielen und arglos in das Bett lugen, wo Treue, Schönheit und Unschuld träumen.

Osbornes Briefe waren kurz und soldatisch, müßten wir allerdings Miss Sedleys Briefe an Mr. Osborne veröffentlichen, hätten wir diesen Roman zu einer solchen Menge von Bänden zu erweitern, daß auch der sentimentalste Leser es nicht aushalten könnte. Sie füllte nicht nur große Bogen voll, sondern beschrieb sie auch in ihrer Durchgedrehtheit kreuz und quer; sie kopierte ohne Gnade und Barmherzigkeit ganze Seiten aus Gedichtsammlungen, unterstrich Wörter und Sätze mit wahrhaft wahnsinnigem Nachdruck und ließ, mit einem Wort, die üblichen Zeichen ihres Zustandes merken. Sie war keine Heldin, ihre Briefe waren voller Wiederholungen. Bisweilen war die Grammatik recht zweifelhaft, und in ihren Versen erlaubte sie sich alle Arten von Freiheiten mit dem Metrum. Aber, omeine Damen, wenn es Ihnen nicht erlaubt sein soll, manchmal aller Syntax zum Trotz das Herz zu rühren, und wenn Sie erst geliebt werden sollen, wenn Sie den Unterschied zwischen Trimeter und Tetrameter kennen, so mag alle Poesie zum Teufel fahren und jeder Schulmeister eines elenden Todes sterben!


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