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26. Kapitel

Zwischen London und Chatham

Als unser Freund George Brighton verließ, fuhr er, wie es sich für einen Mann von Rang und Welt, der vierspännig reist, gehört, mit Pomp an einem vornehmen Hotel am Cavendish Square vor, wo eine Flucht prächtiger Zimmer und eine Tafel, verschwenderisch mit Silber gedeckt und umgeben von einem halben Dutzend schweigsamer Kellner in Schwarz, für die beiden Neuvermählten bereit waren. George machte mit fürstlicher Miene Joseph und Dobbin die Honneurs, und Amelia führte zum erstenmal schüchtern und ängstlich den Vorsitz am »eigenen Tisch«, wie George es nannte.

George schimpfte über den Wein und kommandierte die Kellner herum wie ein König, und Joe schlürfte mit Behagen die Schildkrötensuppe. Dobbin tat ihm auf, denn die Dame des Hauses, vor der die Terrine stand, kannte den Inhalt so wenig, daß sie Mr. Sedley auftun wollte, ohne ihm Schildkrötenfleisch zu geben.

Die Pracht des Essens und des Zimmers, in dem es gereicht wurde, beunruhigte Mr. Dobbin, und als die Mahlzeit vorüber war und Joe in dem großen Lehnsessel eingeschlafen war, machte er seinem Freund Vorhaltungen. Aber vergebens protestierte er gegen die Verschwendung von Schildkrötensuppe und Champagner, die einem Erzbischof Ehre gemacht hätten. »Ich bin stets gewohnt gewesen, wie ein Gentleman zu reisen«, sagte George, »und verdammt noch mal, meine Frau soll reisen wie eine Lady. Solange ich noch Pulver auf der Pfanne habe, soll sie keinen Mangel leiden«, sagte der hochherzige Bursche, sehr zufrieden mit seiner Großartigkeit. Dobbin machte nun keinen Versuch, ihn zu überzeugen, daß Amelias Glück nicht von Schildkrötensuppe abhing.

Kurz nach dem Essen fragte Amelia schüchtern, ob sie ihre Mutter in Fulham besuchen dürfe. Etwas unwillig erlaubte es George. Sofort trippelte sie in ihr riesiges Schlafzimmer mit dem riesigen Paradebett in der Mitte, worin »dem Zar Alexander seine Schwester geschlafen hat, als die alliierten Herrscher hier waren«. Eilig und vergnügt setzte sie den Hut auf und legte sich den Schal um. George saß noch bei seinem Rotwein, als sie in den Speisesaal zurückkam, und machte keine Anstalten aufzubrechen. »Willst du mich nicht begleiten, Liebster?« fragte sie. Nein, der »Liebste« hatte an jenem Abend »dienstlich« zu tun. Sein Diener sollte ihr einen Wagen holen und sie begleiten. Als der Wagen vor der Hoteltür stand, machte Amelia George einen kleinen enttäuschten Knicks, nachdem sie ein paarmal vergeblich versucht hatte, ihm ins Gesicht zu blicken. Sie ging mit Hauptmann Dobbin traurig die große Treppe hinab. Er half ihr beim Einsteigen und blickte dem Fahrzeug nach, als es losfuhr. Sogar der Diener schämte sich, dem Droschkenkutscher vor den Ohren der Hotelkellner die Adresse zu sagen. Er erklärte deshalb, er wolle ihm Bescheid sagen, wenn sie ein Stück gefahren wären.

Dobbin ging in sein altes Quartier zu Slaughters und dachte wahrscheinlich daran, wie schön es wäre, mit Mrs. Osborne in der Droschke zu sitzen. Georges Geschmack war offensichtlich anderer Art, denn als er genug Wein getrunken hatte, ging er zum halben Preis ins Theater, um Mr. Kean den Shylock spielen zu sehen. Hauptmann Osborne war ein großer Theaterfreund und war selbst bei verschiedenen Theatervorstellungen in der Garnison in komischen Rollen erfolgreich aufgetreten. Joseph schlief bis in die dunkle Nacht hinein und fuhr erst hoch, als sein Diener die Weinkaraffen auf dem Tisch leerte und abräumte. Der Droschkenstand wurde erneut alarmiert, und es kam ein Wagen, der den dicken Helden nach Hause und ins Bett brachte.

Als die Kutsche vor dem kleinen Gartentor anhielt, rannte Mrs. Sedley aus dem Hause, drückte ihre Tochter in mütterlicher Liebe ans Herz und begrüßte die weinende, zitternde junge Frau so stürmisch, daß der alte Mr. Clapp, der in Hemdsärmeln in seinem Gärtchen arbeitete, erschrocken zusammenfuhr. Das irische Dienstmädchen eilte aus der Küche und lächelte ihr ein »Gott segne Sie« zu. Amelia war kaum imstande, über die Steinplatten und die Treppe ins Wohnzimmer zu gehen.

Jeder Leser mit einem bißchen Gefühl kann sich ausmalen, wie die Tränenschleusen geöffnet wurden und Mutter und Tochter sich weinend umarmten, als sie in dem Heiligtum waren. Wann weinen Frauen nicht? Bei welcher freudigen oder traurigen oder anderen Gelegenheit im Leben? Nach einem solchen Ereignis wie einer Hochzeit durften Mutter und Tochter sicher ihrem Gefühl Luft machen, was ebenso zärtlich wie erquickend war. Ich habe schon Frauen gesehen, die sich sonst haßten und die sich doch küßten und zusammen weinten, wenn es um eine Hochzeit ging. Wie stark sind ihre Gefühle erst, wenn sie sich lieben! Gute Mütter heiraten bei der Hochzeit ihrer Töchter noch einmal, und wer weiß nicht, daß bei späteren Ereignissen Großmütter doppelt mütterlich sind? In der Tat weiß eine Frau oft erst dann, was es heißt, Mutter zu sein, wenn sie Großmutter geworden ist. Wir wollen daher Amelia und ihre Mama bei ihrem Flüstern, Weinen, Lachen und Schluchzen im Dämmerlicht des Wohnzimmers allein lassen. Der alte Mr. Sedley tat es. Er hatte nicht erraten, wer in der Kutsche saß, die vor dem Hause hielt. Er war seiner Tochter nicht entgegengeeilt, obgleich er sie bei ihrem Eintreten in das Zimmer (wo er wie immer mit seinen Papierbündeln, Schnüren und Rechnungen beschäftigt war) herzlich küßte. Nachdem er aber eine Weile bei Mutter und Tochter sitzen geblieben war, überließ er ihnen das Stübchen weise allein.

Georges Kammerdiener sah hochmütig Mr. Clapp zu, der in Hemdsärmeln seine Rosensträucher begoß. Er nahm jedoch sehr herablassend den Hut vor Mr. Sedley ab, der ihn nach seinem Schwiegersohn fragte und nach Josephs Wagen und ob seine Pferde auch in Brighton gewesen seien und wie es um den höllischen Verräter Bonaparte und den Krieg stünde – bis das irische Dienstmädchen mit einer Flasche Wein auf einem Tablett erschien, aus der der alte Herr dem Diener unbedingt einschenken wollte. Er gab ihm auch eine halbe Guinee, die der Diener mit einer Mischung von Verwunderung und Verachtung einsteckte. »Auf das Wohl Ihrer Herrschaft, Trotter«, sagte Mr. Sedley, »und hier ist etwas, damit Sie zu Hause auf Ihre Gesundheit trinken können, Trotter.«

Es waren erst neun Tage vergangen, seit Amelia ihr Heim in dem kleinen Häuschen verlassen hatte, wie lange schien ihr aber der Abschied schon zurückzuliegen. Was für ein Abgrund lag zwischen ihr und ihrem früheren Leben. Wenn sie von ihrem jetzigen Standpunkt fast wie ein fremdes Wesen darauf zurückblickte, sah sie das junge unverheiratete Mädchen, in ihre Liebe versunken, das für nichts anderes Augen hatte. Sie hatte die elterliche Liebe nicht undankbar, aber doch gleichgültig und als selbstverständlich hingenommen, und ihr ganzes Herz und Denken waren nur auf die Erfüllung eines Wunsches gerichtet. Der Rückblick auf diese kaum erst entschwundenen und doch schon so fernen Tage erweckte in ihr ein Schamgefühl, und der Anblick der guten Eltern erfüllte sie mit zärtlicher Reue. War der Preis – der Himmel auf Erden  – errungen und die Gewinnerin noch zweifelnd und unbefriedigt? Gewöhnlich läßt der Romanschreiber, wenn Held und Heldin im Hafen der Ehe gelandet sind, den Vorhang fallen, als ob das Drama nun vorüber wäre, die Zweifel und Kämpfe des Lebens zu Ende, im Laufe der Ehe alles grün und schön und Mann und Frau nun nichts anderes zu tun hätten, als Arm in Arm im Genuß vollkommensten Glückes langsam dem Alter zuzusteuern. Aber unsere kleine Amelia war eben erst am Ufer ihrer neuen Heimat angekommen, und schon blickte sie ängstlich zu den traurigen, freundlichen Gestalten zurück, die jenseits des Stromes standen und ihr Lebewohl winkten.

Die Mutter hielt es für notwendig, zu Ehren der jungen Frau was weiß ich für Empfangsvorbereitungen zu treffen. Nach den ersten überschäumenden Worten zog sie sich auf eine Weile von Mrs. George Osborne zurück und tauchte in die unteren Regionen des Hauses, in eine Art Wohnküche, hinab, wo Mr. und Mrs. Clapp sich aufhielten und abends, wenn sie das Geschirr gespült und die Lockenwickel entfernt hatte, Miss Flannigan, das irische Dienstmädchen, sich zu ihnen gesellte. Dort traf sie die nötigen Vorbereitungen für einen großartigen Festtee. Jeder Mensch drückt seine Liebe anders aus, und Mrs. Sedley schienen ein Brötchen und eine Menge Orangenmarmelade in einer kleinen Kristallschale für Amelia in ihrer interessanten Lage ganz besonders willkommene Erfrischungen zu sein.

Während unten alle diese Delikatessen zubereitet wurden, verließ Amelia den Salon und befand sich bald, fast ohne zu wissen wie, oben in dem Zimmerchen, das sie vor ihrer Heirat bewohnt hatte, und auf dem Sessel, auf dem sie so manche bittere Stunde zugebracht hatte. Sie schmiegte sich hinein, als ob er ein alter Freund wäre, und dachte über die vergangene Woche und das Leben vorher nach. Jetzt schon traurig und unsicher zurückzublicken, sich stets nach etwas zu sehnen, das, wenn es erreicht war, mehr Zweifel und Traurigkeit brachte als Freude – das war das Los unseres armen kleinen Geschöpfs, dieses harmlosen einsamen Wanderers in dem tosenden Menschengewühl auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit.

Da saß sie nun und rief sich zärtlich das Bild von George zurück, vor dem sie vor ihrer Heirat gekniet hatte. Gestand sie sich ein, wie verschieden der wirkliche Mensch von dem herrlichen jungen Helden war, den sie angebetet hatte? Es braucht viele, viele Jahre – und der Mann muß wirklich sehr schlecht sein –, bis der Stolz und die Eitelkeit einer Frau solch ein Geständnis zulassen. Dann stiegen vor ihr Rebekkas funkelnde grüne Augen und ihr unheilvolles Lächeln auf und peinigten sie. So saß sie eine ganze Weile, in ihr übliches selbstsüchtiges Brüten versunken und in derselben teilnahmslosen und melancholischen Haltung, in der das ehrliche Dienstmädchen sie an dem Tag gefunden hatte, als sie ihr den Brief mit Georges erneutem Heiratsantrag hinaufbrachte.

Sie sah zu dem weißen Bettchen hin, das noch vor wenigen Tagen ihres gewesen war, und dachte, wie gern sie diese Nacht darin schlafen würde, um am Morgen, wie früher, unter dem Lächeln der Mutter zu erwachen. Dann dachte sie mit Schrecken an das große feierliche Damasthimmelbett in dem riesigen und düsteren Prachtschlafzimmer, das sie in dem vornehmen Hotel am Cavendish Square erwartete. Liebes weißes Bettchen! Wie manche lange Nacht hatte sie in die Kissen geweint! Wie oft war sie verzweifelt und hatte darin zu sterben gehofft! Und waren nicht jetzt alle ihre Wünsche erfüllt, und der Geliebte, den sie schon aufgegeben hatte, gehörte ihr für immer? Gute Mutter! Wie geduldig und zärtlich hatte sie an diesem Bett gewacht. Sie kniete daran nieder, und die verwundete, schüchterne, sanfte und liebende Seele suchte da Trost, wo unser kleines Mädchen, wie wir zugeben müssen, ihn bis dahin selten gefunden hatte. Bisher war die Liebe ihr Glaube gewesen, und das traurige, blutende, enttäuschte Herz begann nun zu fühlen, daß es einen anderen Tröster brauche.

Haben wie das Recht, ihr Gebet zu belauschen oder zu wiederholen? Das, mein Bruder, sind Geheimnisse und liegt außerhalb der Sphäre des Jahrmarkts der Eitelkeit, auf dem unsere Erzählung spielt.

Soviel sei gesagt: Als endlich zum Tee gebeten wurde, stieg unsere junge Dame weit froher die Treppe hinunter. Sie verzagte nicht und beklagte nicht ihr Schicksal. Sie dachte nicht an Georges Kälte oder an Rebekkas Augen, wie sie es in der letzten Zeit oft getan hatte. Sie ging hinunter, küßte den Vater und die Mutter, plauderte mit dem alten Herrn und machte ihn heiterer, als er seit langem gewesen war. Sie setzte sich an das Klavier, das Dobbin ihr gekauft hatte, und sang alle alten Lieblingslieder ihres Vaters. Sie erklärte, der Tee sei ausgezeichnet, und lobte den erlesenen Geschmack, mit dem die Marmelade in den Schalen serviert war. Da sie nun entschlossen war, alle anderen glücklich zu machen, wurde sie selbst glücklich. Sie schlief in dem großen düsteren Himmelbett ruhig ein und wachte mit einem Lächeln auf, als George aus dem Theater zurückkam.

Am folgenden Tage hatte George wichtigere »Geschäfte« zu erledigen, als Mr. Kean in der Rolle des Shylock zu sehen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in London hatte er an die Rechtsanwälte seines Vaters geschrieben und ihnen königlich mitgeteilt, er werde sich das Vergnügen geben, sie am nächsten Tag zu einer Unterredung aufzusuchen. Seine Verluste beim Billard- und Kartenspiel im Gasthof mit Hauptmann Crawley hatten die Börse des jungen Mannes fast geleert. Vor seinem Weggang mußte er sie daher wieder füllen, und es blieb ihm nichts übrig, als die zweitausend Pfund anzugreifen, die auszuzahlen die Rechtsanwälte bevollmächtigt worden waren. Er war innerlich vollkommen überzeugt, daß der Alte bald nachgeben würde. Wie konnte auch ein Vater auf die Dauer gegen solch ein Musterbeispiel von Vollkommenheit wie ihn hart bleiben. Wenn seine Persönlichkeit und seine Verdienste nicht ausreichen sollten, den Vater zu erweichen, so beschloß George, sich in dem bevorstehenden Feldzug so ungeheuer auszuzeichnen, daß der alte Herr nachgeben mußte. Und wenn nicht? Pah! Die ganze Welt lag vor ihm. Vielleicht würde das Glück beim Spiel ihm wieder einmal lächeln, und dann waren zweitausend Pfund ja auch eine ganze Menge Geld.

Er schickte also Amelia noch einmal im Wagen zu ihrer Mutter mit einer carte blanche und der strengen Weisung für die beiden Damen, alles einzukaufen, was eine Dame von Mrs. George Osbornes Stellung für eine Reise ins Ausland benötigte. Sie hatten nur einen Tag, um die Ausstattung zu vervollständigen, und es läßt sich daher leicht denken, daß dieses Geschäft sie völlig in Anspruch nahm. Wieder einmal in einer Kutsche, auf dem Weg von der Putzmacherin zum Wäschegeschäft, von dienstfertigen Ladendienern oder höflichen Besitzern an den Wagen zurückgeleitet, war Mrs. Sedley beinahe wieder die alte und zum ersten Male seit ihrem Unglück wahrhaft glücklich. Aber auch Mrs. Amelia war nicht erhaben über die Freuden des Einkaufens, Handelns und Aussuchens von hübschen Sachen. (Würde der philosophischste Mann auch nur einen Groschen für eine Frau geben, die darüber erhaben wäre?) Sie machte sich daher ein Vergnügen daraus, der Anweisung ihres Mannes zu folgen, und kaufte einen Haufen Damenartikel, wobei sie, nach der Ansicht aller Verkäufer, sehr viel Geschmack und Schönheitssinn bewies.

Über den bevorstehenden Krieg beunruhigte sich Mrs. Osborne nicht allzusehr. Bonaparte würde schon kampflos zerschmettert werden. Von Margate segelten fast täglich Schiffe vornehmer Herren und Damen ab, die nach Brüssel und Gent gingen. Man begab sich nicht so sehr in einen Krieg als auf eine elegante Reise. Die Zeitungen verhöhnten den elenden Emporkömmling und Schwindler. Wie sollte auch so ein korsischer Tropf den vereinigten Armeen von Europa und dem Genie des unsterblichen Wellington widerstehen! Amelia verachtete ihn auch, denn es braucht wohl kaum erst hier gesagt zu werden, daß dieses sanfte und liebe Geschöpf sich nach der Meinung der Leute um sie herum richtete und in ihrer Aufrichtigkeit viel zu bescheiden war, um sich eigene Ansichten zu bilden. Mit einem Wort: Sie und ihre Mutter kauften den lieben langen Tag ein, und Amelia erledigte diese Geschäfte bei ihrem ersten Auftreten in der vornehmen Londoner Welt mit großer Lebhaftigkeit und legte Ehre ein.

Unterdessen ging George, den Hut schief auf dem Kopf, die Ellbogen angewinkelt, mit überaus forscher martialischer Miene zur Bedford Row und stolzierte in das Anwaltsbüro hinein, als ob er der Herr und Gebieter jedes bleichwangigen, kritzelnden Schreibers dort wäre. Stolz und herablassend schickte er jemanden, um Mr. Higgs zu melden, daß Hauptmann Osborne warte, als ob dieser pékin von einem Anwalt, der doch dreimal soviel Verstand, fünfzigmal soviel Geld und tausendmal soviel Erfahrung wie er besaß, ein Nichts wäre, das augenblicklich alle seine Geschäfte liegenlassen müsse, um dem Hauptmann zu Diensten zu sein. Er bemerkte nicht das verächtliche Lächeln, das durch das ganze Zimmer lief, vom ersten Buchhalter bis zu den Gehilfen, von den Gehilfen bis zu den zerlumpten Schreibern und bleichwangigen Botenjungen in ihren zu engen Kleidern, während er dasaß, mit seinem Spazierstock auf den Stiefel schlug und dachte, was für ein Pack von elenden armen Teufeln alle diese Leute doch seien. Die elenden armen Teufel kannten seine Lage jedoch genau, sie besprachen das alles abends beim Bier an ihrem Stammtisch mit anderen Angestellten. Ihr Götter, was wissen nicht die Londoner Rechtsanwälte und ihre Angestellten alles! Nichts bleibt ihren Nachforschungen verborgen, und ihre Leute herrschen stumm über unsere Stadt.

Vielleicht erwartete George beim Eintritt in Mr. Higgs' Büro, daß der Herr beauftragt sei, ihm eine Botschaft seines Vaters über Kompromiß oder Versöhnung mitzuteilen. Vielleicht sollte sein hochmütiges und kühles Auftreten seinen Mut und seine Entschlossenheit bekunden. Wenn es so war, dann traf sein hochfahrendes Wesen bei dem Rechtsanwalt auf eisige Kälte und Gleichgültigkeit, die seine Großtuerei völlig sinnlos machten. Als der Hauptmann eintrat, gab er sich den Anschein, mit Schreiben beschäftigt zu sein. »Nehmen Sie bitte Platz, Sir«, sagte er, »einen Augenblick noch, dann werde ich mich Ihrer kleinen Angelegenheit zuwenden. Mr. Poe, bringen Sie mir bitte die Quittungsformulare!« Und dann schrieb er weiter.

Als Poe die Formulare gebracht hatte, berechnete sein Prinzipal den Betrag von zweitausend Pfund Aktien nach dem Tageskurs und fragte Hauptmann Osborne, ob er für die Summe einen Scheck auf die Bank haben wolle oder ob er lieber die Bank beauftragen solle, für die Summe Aktien für ihn zu kaufen. »Einer der Vermögensverwalter der verstorbenen Mrs. Osborne ist nicht in der Stadt«, sagte er gleichgültig, »aber mein Klient will Ihren Wünschen entgegenkommen und das Geschäft so rasch wie möglich erledigen.«

»Geben Sie mir einen Bankscheck, Sir«, sagte der Hauptmann verdrießlich. »Lassen Sie nur das verdammte einzelne Geld, Sir«, setzte er hinzu, als der Rechtsanwalt die Anweisung ausschrieb, und in dem schmeichelhaften Glauben, daß er durch diesen Großmutsbeweis die alte Schreiberseele beschämt habe, stolzierte er mit dem Scheck in der Tasche aus dem Büro.

»Der Bursche sitzt in zwei Jahren im Gefängnis«, sagte Mr. Higgs zu Mr. Poe.

»Ob Osborne sich nicht herumbringen läßt, Sir?«

»Läßt eine Statue sich herumbringen?« antwortete Mr. Higgs.

»Er treibt's ganz schön«, sagte der Buchhalter. »Seit einer Woche ist er erst verheiratet, und schon habe ich gesehen, wie er und einige andere Kerle in Uniform Mrs. Highflyer nach der Vorstellung zum Wagen begleiteten.« Dann kam ein anderer Fall zur Sprache, und Mr. Osborne verschwand aus dem Gedächtnis dieser würdigen Herren.

Die Anweisung lautete auf unsere Freunde Hulker und Bullock aus der Lombard Street. Zu deren Haus lenkte George nun seine Schritte, immer noch im Glauben, daß er ein Geschäft mache, und erhielt sein Geld. Als George eintrat, war Frederick Bullock zufällig im Kassenraum, das gelbe Gesicht über ein Hauptbuch gebeugt, an dem ein ernst aussehender Angestellter saß. Als er den Hauptmann erblickte, wurde sein gelbes Gesicht leichenfahl, und er schlich sich schuldbewußt in den hinteren Büroraum zurück. George war zu sehr damit beschäftigt, sich an seinem Geld zu weiden (er hatte noch nie eine so große Summe besessen), um den Gesichtsausdruck oder die Flucht des totenblassen Liebhabers seiner Schwester zu bemerken.

Frederick Bullock berichtete dem alten Osborne von dem Erscheinen und Benehmen seines Sohnes. »Er kam mit unverschämter Miene und hat sich bis auf den letzten Shilling alles geben lassen«, sagte Frederick. Wie lange wird einer wie der mit ein paar hundert Pfund reichen? Osborne schwor, daß es ihm völlig gleichgültig wäre, wann oder wie bald er es ausgeben würde. Frederick aß jetzt täglich am Russell Square. George war im großen ganzen höchst zufrieden mit den Geschäften. Sein Gepäck und seine ganze Ausstattung wurden schnell zusammengebracht, und er bezahlte Amelias Einkäufe mit einem Scheck und der Großartigkeit eines Lords.


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