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16. Kapitel

Der Brief auf dem Nadelkissen

Wie ihre Heirat vor sich ging, kann jedermann vollkommen gleichgültig sein. Was kann einen volljährigen Hauptmann und eine mündige junge Dame daran hindern, eine Lizenz zu kaufen und sich in einer Londoner Kirche trauen zu lassen? Wem muß erst gesagt werden, daß eine Frau, die einen Willen hat, ganz gewiß auch einen Weg findet? Ich glaube, man hätte eines Tages, als Miss Sharp weggegangen war, um den Vormittag bei ihrer lieben Freundin Amelia Sedley am Russell Square zu verbringen, beobachten können, daß eine Dame, die ihr sehr ähnlich war, in Begleitung eines Herrn mit gefärbtem Schnurrbart eine Kirche in der City betrat und daß dieser Herr sie nach dem Verlauf von einer Viertelstunde wieder zu der wartenden Mietskutsche brachte. Es war eine stille Hochzeitsgesellschaft.

Und wer in aller Welt kann nach den täglichen Erfahrungen bezweifeln, daß ein Mann irgend jemanden heiratet. Wie viele weise und gelehrte Männer haben nicht ihre Köchin geheiratet? Heiratete nicht Lord Eldon, der Vorsichtigste aller Sterblichen, eine Frau, mit der er durchgebrannt war? Hatten sich nicht Achilles und Ajax beide in ihre Mägde verliebt? Können wir dann von einem schwerfälligen Dragoner mit heftigen Begierden und wenig Verstand, der noch nie im Leben seine Leidenschaften bezwungen hatte, erwarten, daß er plötzlich vorsichtig werden und verschmähen würde, jeden Preis für die Befriedigung einer Leidenschaft zu zahlen, die er sich nun einmal in den Kopf gesetzt hatte? Würden die Leute lediglich Vernunftehen schließen – welch ein Hindernis bedeutete das doch für den Bevölkerungszuwachs!

Meiner Meinung nach war Mr. Rawdons Heirat eine der ehrlichsten Taten, die wir aus dem Leben dieses Herrn – soweit es diese Geschichte betrifft – berichten können. Es wird wohl niemand behaupten, es sei unmännlich, sich von einer Frau fangen zu lassen und, wenn schon gefangen, sie dann auch zu heiraten. Die Bewunderung, das Entzücken, die Leidenschaft, das Erstaunen, das unbegrenzte Vertrauen und die wahnsinnige Anbetung, womit der große Kriegsmann die kleine Rebekka nach und nach betrachtete, waren Gefühle, die zumindest die Damen ihm nicht zur Unehre rechnen werden. Wenn sie sang, so durchbebte jeder Ton seine stumpfe Seele und seine riesige Gestalt. Wenn sie sprach, so bot er alle Geisteskraft auf, um zuzuhören und zu staunen. Wenn sie scherzte, so wälzte er ihre Witze im Kopf hin und her und brach eine halbe Stunde später auf der Straße darüber in Gelächter aus, sehr zum Erstaunen des Reitknechts, der neben ihm im Tilbury saß, oder des Kameraden, mit dem er auf der Rotten Row ritt. Ihre Worte waren Orakelsprüche für ihn, ihre kleinsten Handlungen von unfehlbarer Grazie und Weisheit gekennzeichnet. Wie sie singt, wie sie malt! dachte er. Wie sie in Queen's Crawley die widersetzliche Stute ritt! Auch in vertraulichen Augenblicken sagte er ihr: »Beim Zeus, Beck, du könntest Oberbefehlshaber oder Erzbischof von Canterbury werden, beim Zeus!« Ist er eine Ausnahme? Sehen wir nicht alle Tage manch einen ehrlichen Herkules an den Schürzenbändern seiner Omphale oder manch einen großen, bärtigen Simson im Schoße von Delila liegen?

Als daher Becky ihm sagte, daß die große Krise nahe und die Zeit zum Handeln gekommen sei, erklärte Rawdon sich ebenso schnell bereit, sich nach ihren Befehlen zu richten, wie er unter dem Befehl seines Obersten seine Truppe zum Kampf geführt hätte. Er brauchte seinen Brief nicht in den dritten Band von Porteus zu legen. Rebekka fand leicht Mittel und Wege, sich ihrer Begleiterin, der Briggs, zu entledigen, und traf ihren treuen Freund tags darauf »am gewohnten Ort«. Sie hatte sich die Sache während der Nacht noch einmal überlegt und teilte Rawdon ihre Entschlüsse mit. Natürlich stimmte er allem zu. Er war völlig überzeugt, daß alles richtig sei, daß ihr Vorschlag sehr gut sei, daß Miss Crawley sich unfehlbar erweichen lassen würde oder, wie er sich ausdrückte, nach einiger Zeit rumgekriegt werden könnte. Hätte Rebekka vollkommen andere Beschlüsse gefaßt – er wäre ebenso blind gefolgt. »Du hast Köpfchen genug für uns beide, Beck«, sagte er. »Es gelingt dir bestimmt, uns aus der Patsche zu ziehen. So was wie dich habe ich noch nicht gesehen, und ich habe seinerzeit doch auch Prachtweiber getroffen.« Und mit diesem einfachen Glaubensbekenntnis überließ ihr der liebestolle Dragoner auch seinen Anteil an dem Plan, den sie für sie beide ausgeheckt hatte.

Dieser Plan bestand einfach darin, in Brompton oder in der Nähe der Kaserne für Hauptmann Crawley und Frau eine ruhige Wohnung zu mieten. Denn klugerweise, wie wir glauben, hatte Rebekka beschlossen zu fliehen. Rawdon war darüber hochbeglückt. Er hatte ihr schon wochenlang in den Ohren gelegen, dies zu tun. Mit dem Ungestüm der Liebe stürzte er davon, um die Wohnung zu mieten. Er stimmte so bereitwillig zu, zwei Guineen pro Woche zu zahlen, daß die Hauswirtin bedauerte, nicht mehr gefordert zu haben. Er ließ ein Klavier kommen und ein halbes Gewächshaus voll Blumen und einen Haufen anderer schöner Dinge. Schals, Glacéhandschuhe, seidene Strümpfe, goldene Uhren, Armbänder und Parfüms schickte er mit der Verschwendung blinder Liebe und unbegrenzten Kredits. Und als er mit diesem Freigebigkeitserguß sein Gemüt erleichtert hatte, ging er in seinen Klub essen und wartete voller Ungeduld auf den großen Moment seines Lebens.

Die Ereignisse des vergangenen Tages, die bewundernswerte Haltung Rebekkas, da sie doch ein so vorteilhaftes Anerbieten ausgeschlagen hatte, das geheime Unglück, das auf ihr lag, die Sanftmut und die Stille, womit sie ihren Kummer ertrug, hatten Miss Crawley noch zärtlicher gemacht, als sie gewöhnlich war. Ereignisse wie eine Heirat oder eine Ablehnung oder ein Antrag bringen ein ganzes Haus voller Frauen in Aufregung und setzt ihr ganzes hysterisches Mitgefühl in Tätigkeit. Als Beobachter der menschlichen Natur besuche ich während der Heiratssaison der Oberen regelmäßig die Sankt-Georgs-Kirche am Hanover Square. Dabei habe ich nie die Freunde des Bräutigams weinen sehen oder festgestellt, daß der Küster und der Geistliche auf irgendeine Art ergriffen wären. Es ist aber gar nicht ungewöhnlich, daß man dort Frauen findet, die nichts mit dem zu tun haben, was dort geschieht – alte Damen, die schon längst das Heiratsalter überschritten haben, und dicke Frauen mittleren Alters mit vielen Söhnen und Töchtern, ganz abgesehen von hübschen, jungen Geschöpfen in rosa Hüten, die auf ihren großen Tag warten und deshalb natürlich Interesse an der Zeremonie finden. Obwohl sie also nichts damit zu tun haben, schluchzen sie, schnüffeln, verbergen ihre Gesichter in kleinen, unnützen Taschentüchern, und alt und jung seufzt vor Erregung. Als mein Freund, der vornehme John Pimlico, die liebliche Lady Belgravia Green Parker heiratete, war die Rührung so allgemein, daß selbst die kleine, alte tabakschnupfende Kirchenstuhlschließerin, die mich an meinen Platz führte, in Tränen schwamm. Und warum? fragte ich meine Seele. Sie war es nicht, die heiraten sollte.

Mit einem Wort, Miss Crawley und Miss Briggs ließen nach der Affäre mit Sir Pitt ihren Gefühlen freien Lauf, und Rebekka wurde für sie zum Gegenstand zärtlichsten Interesses. Während das Mädchen abwesend war, tröstete sich Miss Crawley mit dem sentimentalsten Roman, den ihre Bibliothek aufwies. Die kleine Sharp mit ihrem geheimen Kummer war die Heldin des Tages.

An diesem Abend sang Rebekka lieblicher und erzählte hübscher als je zuvor in der Park Lane. Sie wand sich um Miss Crawleys Herz. Sie lachte geringschätzig über Sir Pitts Antrag und verspottete ihn als den närrischen Einfall eines alten Mannes. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und das Herz der Briggs mit unaussprechlichen Qualen, als sie sagte, sie wünsche sich kein anderes Los, als immer bei ihrer teuren Wohltäterin bleiben zu dürfen. »Mein liebes Kindchen«, sagte die alte Dame, »ich lasse Sie noch viele Jahre nicht von mir, darauf können Sie bauen. Von einer Rückkehr zu meinem scheußlichen Bruder kann nach alldem, was passiert ist, sowieso keine Rede mehr sein. Sie bleiben hier bei mir und der Briggs. Die Briggs möchte gern oft ihre Verwandten besuchen. Briggs, Sie können gehen, wann es Ihnen beliebt. Aber Sie, meine Liebe, müssen hierbleiben und sich um die alte Frau kümmern.«

Wäre in diesem Augenblick Rawdon Crawley dabeigewesen, anstatt in seinem Klub aufgeregt Rotwein zu trinken, so hätte das Paar vor der alten Jungfer nur auf die Knie zu fallen und alles zu gestehen brauchen, um im Nu volle Verzeihung zu erhalten. Aber dieses Glück war dem jungen Paare versagt, zweifellos, um dem Verfasser Gelegenheit zu geben, diese Geschichte zu schreiben, in der eine große Anzahl ihrer wunderbaren Abenteuer erzählt werden – Abenteuer, die ihnen niemals hätten widerfahren können, wenn Miss Crawleys bequeme, aber uninteressante Verzeihung ihnen Zuflucht und Schutz gewährt hätte.

Unter Mrs. Firkins Kommando in der Park Lane befand sich auch ein junges Mädchen aus Hampshire, deren Aufgabe es unter anderem war, mit einem Krug heißen Wassers an Miss Sharps Tür zu klopfen, weil Mrs. Firkin selbst lieber gestorben wäre, als ihn dem kleinen Eindringling zu bringen. Dieses Mädchen, das auf dem Familiengut aufgewachsen war, hatte einen Bruder, der in Hauptmann Crawleys Truppe diente, und wüßte man die volle Wahrheit, so würde es sich vielleicht herausstellen, daß sie über gewisse Vereinbarungen Bescheid wußte, die einiges mit dieser Geschichte zu tun haben. Sie kaufte sich jedenfalls einen gelben Schal, ein Paar gelbe Stiefel und einen hellblauen Hut mit roter Feder für drei Guineen, die sie von Rebekka erhalten hatte, und da die kleine Sharp mit ihrem Geld nicht immer so großzügig umging, so war Betty Martin ohne Zweifel für bestimmte Dienstleistungen beschenkt worden.

Zwei Tage nach Sir Pitt Crawleys Heiratsantrag ging die Sonne wie gewöhnlich auf, und zur gewöhnlichen Stunde klopfte Betty Martin, das Stubenmädchen, an die Schlafzimmertür der Gouvernante.

Sie erhielt keine Antwort und klopfte daher abermals. Wieder nur Stille. Betty, mit dem heißen Wasser in der Hand, öffnete die Tür und trat in das Zimmer.

Das kleine, weiße Bett lag so glatt und nett da wie tags zuvor, als Betty mit eigener Hand geholfen hatte, es zu machen. Zwei kleine verschnürte Koffer standen in einer Ecke des Zimmers, und auf dem Tisch am Fenster auf dem Nadelkissen, dem großen, dicken Nadelkissen, das mit rosa Seide gefüttert war und gefältelt wie ein Damennachthäubchen war, lag ein Brief. Wahrscheinlich hatte er dort die ganze Nacht gelegen.

Betty ging auf Zehenspitzen darauf zu, als fürchtete sie, ihn aufzuwecken, blickte ihn mit einer Miene großer Verwunderung und Zufriedenheit an, sah sich mit der gleichen Miene im Zimmer um, nahm den Brief, und grinste übers ganze Gesicht, als sie ihn um und um drehte, und brachte ihn schließlich in Miss Briggs' Zimmer.

Wie konnte Betty wissen, daß der Brief für Miss Briggs bestimmt war? Betty hatte in ihrem ganzen Leben nie eine andere Schule besucht als Mrs. Bute Crawleys Sonntagsschule und konnte Englisch sowenig lesen wie Hebräisch.

»Ach, Miss Briggs«, rief das Mädchen, »o Miss, es muß etwas passiert sein – in Miss Sharps Zimmer ist niemand, das Bett ist unberührt, und sie ist weggelaufen und hat den Brief hier für Sie dagelassen, Miss!«

»Was!« rief die Briggs und ließ ihren Kamm fallen, so daß die dünne graue Haarsträhne ihr auf die Schulter fiel. »Eine Entführung! Miss Sharp ist geflohen! Was, was heißt das?« Und sie erbrach eifrig das zierliche Siegel und verschlang den Inhalt des an sie gerichteten Briefes.

Meine liebe Miss Briggs (so schrieb die Entflohene), Ihr Herz, das gütigste der Welt, wird mich bemitleiden, mit mir fühlen und mich entschuldigen. Weinend, betend und segnend verlasse ich das Haus, wo man der armen Waise stets freundlich und liebevoll begegnete. Ansprüche, berechtigter noch als die meiner Wohltäterin, beordern mich von dannen. Die Pflicht ruft mich zu meinem Gatten. Ja, ich bin verheiratet, mein Gatte befiehlt mir, in das bescheidene Heim zu kommen, das wir unser eigen nennen. Liebe Miss Briggs, bringen Sie diese Nachricht meiner teuren, innig geliebten Freundin und Wohltäterin so schonend bei, wie Ihr zartes Mitgefühl es Ihnen diktiert. Sagen Sie ihr, daß ich vor meinem Weggang ihr teures Kissen mit Tränen benetzt habe – jenes Kissen, das ich in Tagen der Krankheit so oft geglättet habe und an dem abermals wachen zu dürfen ich mich sehne. – Oh, mit welcher Freude werde ich nach der teuren Park Lane zurückkehren! Wie zittere ich um die Antwort, die mein Schicksal besiegeln wird! Als Sir Pitt sich herabließ, mir seine Hand anzubieten – eine Ehre, die ich nach Ansicht meiner vielgeliebten Miss Crawley verdiente (meine heißesten Segenswünsche seien mit ihr, daß sie die arme Waise für würdig erachtete, ihre Schwägerin zu werden!) –, da sagte ich Sir Pitt, daß ich bereits verheiratet sei. Sogar er verzieh mir. Aber es gebrach mir an Mut, ihm alles zu sagen – daß ich nämlich nicht seine Frau werden könnte, da ich seine Tochter sei. Ich bin verheiratet mit dem besten und edelsten aller Männer – Miss Crawleys Rawdon ist mein Rawdon. Auf seinen Befehl tue ich meinen Mund auf und folge ihm in unser bescheidenes Heim, wie ich ihm durch die ganze Welt folgen würde. Oh, meine vortreffliche und gütige Freundin, legen Sie bei meines Rawdons geliebter Tante Fürsprache ein für ihn und das arme Mädchen, dem seine ganze edle Familie solch beispiellose Liebe und Freundschaft erwiesen hat. Bitten Sie Miss Crawley, daß sie ihre Kinder aufnehmen möge. Ich kann nichts mehr sagen, aber um Gottes Segen, um Gottes tausendfachen Segen für alle in dem teuren Hause, das ich verlasse, fleht

Ihre Sie liebende und dankbare Rebekka Crawley.

Gerade als die Briggs dieses rührende und interessante Dokument, das sie wieder in ihre frühere Stellung als erste Vertraute der Miss Crawley einsetzte, fertiggelesen hatte, trat Mrs. Firkin ins Zimmer. »Mrs. Bute Crawley ist eben mit der Postkutsche aus Hampshire angekommen und möchte gern etwas Tee. Kommen Sie runter und machen das Frühstück zurecht, Miss?«

Zu Firkins großer Überraschung segelte die Briggs mit gerafftem Morgenrock, aufgelöster Haarsträhne, die Stirn von kleinen Lockenwickeln umrahmt und in der Hand den Brief mit der wunderbaren Nachricht, zu Mrs. Bute hinab.

»Oh, Mrs. Firkin«, keuchte Betty, »so eine Geschichte. Miss Sharp ist mit dem Hauptmann auf und davon, und sie sind nach Gretna Green!« Wir würden Mrs. Firkins Gemütsbewegung ein eigenes Kapitel widmen, beschäftigte nicht unsere vornehmere Muse die Leidenschaften ihrer Gebieterin.

Als Mrs. Bute Crawley, ganz erstarrt von ihrer Nachtreise, sich an dem gerade entfachten prasselnden Kaminfeuer wärmte, erfuhr sie aus Miss Briggs' Mund die Nachricht von der heimlichen Heirat und erklärte es für eine himmlische Vorsehung, daß sie gerade jetzt gekommen sei, um der armen, teuren Miss Crawley den Schlag ertragen zu helfen. Sie setzte hinzu, Rebekka sei ein durchtriebenes Weibstück und ihr stets verdächtig erschienen; auch habe sie nie die törichte Vorliebe von Rawdons Tante für ihn begreifen können, und sie habe ihn schon längst als ein verworfenes, gottvergessenes, ruchloses Subjekt betrachtet. Dieses abscheuliche Benehmen, meinte Mrs. Bute, werde wenigstens das Gute haben, der armen, lieben Miss Crawley über den wirklichen Charakter dieses nichtswürdigen Menschen die Augen zu öffnen. Dann bekam Mrs. Bute köstlichen heißen Toast, und da jetzt im Hause ein Zimmer frei war, brauchte sie nicht im Restaurant »Gloster«, wo die Portsmouther Postkutsche sie abgesetzt hatte, zu wohnen; deshalb beorderte sie Mr. Bowls' Adjutanten, den Lakaien, ihre Koffer von dort zu holen.

Nun muß man wissen, daß Miss Crawley ihr Zimmer nie vor der Mittagszeit verließ, da sie morgens ihre Schokolade im Bette einnahm, während Becky Sharp ihr die »Morning Post« vorlas, oder sie sich anderweitig die Zeit vertrieb oder faulenzte. Die Verschwörer unten kamen nun überein, die Gefühle der teuren Lady zu schonen, bis sie im Salon auftauchte; inzwischen wurde ihr gemeldet, Mrs. Bute Crawley sei mit der Postkutsche aus Hampshire gekommen, wohne im »Gloster«, lasse Miss Crawley grüßen und wolle gern mit Miss Briggs frühstücken. Mrs. Butes Ankunft, sonst kein besonders freudiges Ereignis, wurde jetzt mit Vergnügen begrüßt. Miss Crawley freute sich, mit ihrer Schwägerin über die verstorbene Lady Crawley, die Vorbereitungen für die Beerdigung und Sir Pitts unerwarteten Heiratsantrag klatschen zu können.

Erst als die alte Dame sich bequem in ihrem gewohnten Lehnsessel im Salon niedergelassen hatte und die einleitenden Umarmungen und Erkundigungen zwischen den Damen beendet waren, hielten die Verschwörerinnen es für richtig, sie der Prozedur zu unterziehen. Wer hat nicht schon die Kunstgriffe und das leise Herantasten bewundern können, womit Frauen ihre Freundinnen auf schlimme Nachrichten »vorbereiten«? Miss Crawleys beide Freundinnen taten so geheimnisvoll, ehe sie mit der Nachricht herausrückten, daß sie die alte Dame in den richtigen Zustand von Zweifel und Unruhe versetzten.

»Und sie schlug Sir Pitt aus, meine liebe, liebe Miss Crawley, machen Sie sich auf etwas gefaßt«, sagte Mrs. Bute, »weil – weil sie nicht anders konnte.«

»Natürlich gab es einen Grund«, antwortete Miss Crawley. »Sie liebte einen anderen. Das habe ich der Briggs schon gestern gesagt.«

»Liebt einen anderen!« keuchte die Briggs. »Oh, meine teure Freundin, sie ist bereits verheiratet.«

»Bereits verheiratet«, stimmte Mrs. Bute ein. Und beide saßen mit gefalteten Händen da und sahen bald sich, bald ihr Opfer an.

»Sie soll zu mir geschickt werden, sobald sie nach Hause kommt. Die kleine schlaue Kröte; wie konnte sie es wagen, mir nichts zu erzählen?« rief Miss Crawley.

»Sie wird nicht so bald wiederkommen. Fassen Sie sich, teure Freundin – sie ist für lange Zeit fortgegangen – sie ist  – sie ist – überhaupt fort.«

»Gütiger Himmel! Und wer soll mir meine Schokolade machen? Schicken Sie sogleich zu ihr und holen Sie sie zurück. Ich wünsche, daß sie zurückkommt«, sagte die alte Dame.

»Sie ist letzte Nacht ausgerissen, Madame«, rief Mrs. Bute.

»Sie hat einen Brief für mich hinterlassen«, schrie die Briggs. »Sie ist verheiratet mit...«

»Bereiten Sie sie doch vor, um Himmels willen. Foltern Sie sie nicht, meine liebe Miss Briggs.«

»Sie ist verheiratet mit wem?« kreischte die alte Jungfer in wütender Aufregung.

»Mit – mit einem Verwandten von ...«

»Sie hat Sir Pitt abgewiesen«, rief das Opfer. »Sprechen Sie doch endlich! Machen Sie mich nicht wahnsinnig.«

»Ach, Madame – bereiten Sie sie vor, Miss Briggs – sie ist verheiratet mit Rawdon Crawley.«

»Rawdon verheiratet – Rebekka – Gouvernante – niem... Machen Sie, daß Sie aus meinem Hause kommen, Sie Närrin, Sie Idiotin, Sie dumme, alte Briggs – wie können Sie es wagen! Sie stecken mit unter der Decke – Sie haben ihn veranlaßt zu heiraten, weil Sie glaubten, daß ich ihm mein Geld dann nicht hinterlassen würde. Ja, das taten Sie, Martha«, schrie die arme alte Dame hysterisch.

»Ich, Madame, ich hätte ein Glied dieser Familie aufgefordert, die Tochter eines Zeichenlehrers zu heiraten?«

»Ihre Mutter war eine Montmorency«, schrie die alte Dame und riß aus Leibeskräften an der Klingelschnur.

»Ihre Mutter war eine Ballettänzerin, und sie selbst ist auf der Bühne oder bei etwas noch Schlimmerem gewesen«, ließ Mrs. Bute sich vernehmen.

Miss Crawley gab noch einen Schrei von sich und sank ohnmächtig zurück. Man mußte sie in das Zimmer zurückbringen, das sie kaum erst verlassen hatte. Ein hysterischer Anfall folgte dem anderen. Man holte den Doktor. Mrs. Bute nahm den Pflegeposten an ihrem Bett ein. »Es müssen ihre Verwandten um sie sein«, erklärte die liebenswürdige Frau.

Kaum war sie in ihr Zimmer gebracht worden, als ein neuer Besucher erschien, dem natürlich die Nachricht gleichfalls mitgeteilt werden mußte. Es war Sir Pitt. »Wo ist Becky?« fragte er schon in der Tür. »Wo ist ihr Gepäck? Sie kommt mit mir nach Queen's Crawley.«

»Haben Sie noch nicht die erstaunliche Nachricht von der heimlichen Ehe gehört?« fragte die Briggs.

»Was geht das mich an«, erwiderte Sir Pitt. »Ich weiß, daß sie verheiratet ist. Das macht nichts. Sagen Sie ihr, sie soll schnell runterkommen und mich nicht so lange warten lassen.«

»Wissen Sie denn noch nicht, Sir«, fragte Miss Briggs, »daß sie unser Haus verlassen hat und daß Miss Crawley vor Entsetzen über Hauptmann Rawdons Heirat mit ihr beinahe gestorben ist?«

Als Sir Pitt hörte, daß Rebekka mit seinem Sohn verheiratet sei, benutzte er vor Wut so schreckliche Worte, daß sie hier lieber nicht wiederholt werden sollen. Miss Briggs jedenfalls trieb es schaudernd aus dem Zimmer. Mit ihr wollen nun auch wir die Türe hinter dem tobenden Alten schließen, der wild vor Haß und toll vor vereitelten Wünschen war.

Am Tag nach seiner Ankunft in Queen's Crawley brach er wie ein Wahnsinniger in das Zimmer ein, in dem Rebekka während ihres Aufenthaltes dort gewohnt hatte, stieß mit dem Fuß ihre Koffer und Schachteln auf und schleuderte ihre Papiere, Kleider und andere Dinge, die sie dort zurückgelassen hatte, umher. Miss Horrocks, die Tochter des Butlers, eignete sich einiges davon an. Mit dem übrigen putzten sich die Kinder zum Theaterspielen. Das geschah nur wenige Tage, nachdem die arme Mutter zu Grabe getragen und unbeweint und unbeachtet in eine Gruft zu lauter Fremden gelegt worden war.

»Wenn sich nun aber die Alte doch nicht erweichen läßt«, fragte Rawdon seine kleine Frau, als sie in ihrer hübschen kleinen Wohnung in Brompton beisammensaßen. Rebekka hatte den ganzen Vormittag das neue Klavier ausprobiert. Die neuen Handschuhe paßten ihr wie angegossen, die neuen Schals standen ihr wundervoll, die neuen Ringe glänzten an ihren Händchen, und die neue Uhr tickte an ihrem Gürtel. »Wenn sie sich nun aber doch nicht rumkriegen läßt, hm, Becky?«

»Ich werde dein Glück schon machen«, sagte sie, und Delila tätschelte Simson die Wange.

»Du schaffst alles«, sagte er und küßte die kleine Hand. »Ja, beim Zeus, alles; und nun komm, wir fahren zum ›Stern und Hosenband‹ und essen dort, beim Zeus.«


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