Autorenseite

 << zurück weiter >> 

9. Kapitel

Familienporträts

Sir Pitt Crawley war ein Philosoph, mit einem Hang zum Ordinären. Seine erste Ehe mit der Tochter des edlen Binkie war unter der Beihilfe seiner Eltern zustande gekommen. Da er Lady Crawley zu ihren Lebzeiten oft wiederholt hatte, sie sei eine verdammt zänkische, vornehme Hexe und er lasse sich lieber hängen, als nach ihrem Tode wieder eine ihres Schlages zu nehmen, so hielt er nach dem Hinscheiden der Lady sein Wort und nahm als zweite Frau Miss Rose Dawson, Tochter von Mr. John Thomas Dawson, Eisenhändler in Mudbury. Welch ein Glück für Rose, Lady Crawley zu werden!

Wir wollen nun die Posten ihres Glückes aufzählen. Erstens gab sie den jungen Peter Butt auf, mit dem sie eine Liebschaft hatte und der sich nun infolge seiner unglücklichen Liebe auf Schmuggeln, Wildern und tausend andere schlimme Dinge verlegte. Zweitens brach sie pflichtschuldigst mit allen Freunden und Vertrauten ihrer Jugend, die sie als Lady von Queen's Crawley natürlich nicht empfangen konnte – fand aber in ihrem neuen Rang und ihrem neuen Wohnsitz niemanden, der sie willkommen hieß. Wer wäre aber auch in Frage gekommen? Sir Huddleston Fuddleston hatte drei Töchter, die alle gehofft hatten, Lady Crawley zu werden. Sir Giles Wapshots Familie fühlte sich beleidigt, daß keins der Wapshotschen Mädchen bei der Heirat berücksichtigt worden war, und die übrigen Baronets der Grafschaft waren empört über die Mißheirat ihres Standesgenossen. Die Bürgerlichen ziehen wir gar nicht in Betracht, die mögen anonym grollen.

Sir Pitt kümmerte sich, wie er sagte, keinen Pfifferling um jemanden dabei. Er hatte seine hübsche Rose, und was braucht ein Mann mehr, als zu tun, was ihm gefällt? Er betrank sich daher jeden Abend, prügelte ab und zu seine hübsche Rose und ließ sie mutterseelenallein zurück, wenn er nach London zu den Parlamentssitzungen fuhr. Selbst Mrs. Bute Crawley, die Pfarrersfrau, weigerte sich, sie zu besuchen, da sie, wie sie sagte, niemals einer Krämerstochter den Vortritt lassen würde.

Die einzigen Gaben, mit denen die Natur Lady Crawley ausgestattet hatte, waren rosige Wangen und eine weiße Haut, und da sie keinen Charakter und keine Talente, keine Meinung, keine Beschäftigung und keinen Zeitvertreib hatte und ihr jene Seelenstärke und jenes wilde Temperament fehlten, die oftmals sonst ganz törichten Frauen eigen sind, so gelang es ihr nicht, Sir Pitt sonderlich zu fesseln. Die Rosen verschwanden von ihren Wangen, und ihre Gestalt verlor die hübsche Frische nach der Geburt einiger Kinder; sie wurde zu einer bloßen Maschine im Hause ihres Mannes, ebenso unnütz wie das große Klavier der verstorbenen Lady Crawley. Da sie einen hellen Teint hatte, so trug sie helle Kleider, wie die meisten Blondinen, und erschien vornehmlich in einem schmutzigen Meergrün oder schlampigen Himmelblau. Tag und Nacht war sie mit diesem Strickzeug oder einem ähnlichen beschäftigt. Im Laufe weniger Jahre hatte sie Bettdecken für ganz Queen's Crawley gestrickt. Ihr gehörte ein Blumengärtchen, das sie ganz gern hatte; sonst aber empfand sie weder Zuneigung noch Abneigung für etwas. War ihr Mann grob gegen sie, so war sie apathisch; schlug er sie, so weinte sie. Sie hatte nicht Charakter genug, um sich dem Trunke zu ergeben, und schlurfte seufzend den ganzen Tag mit Lockenwickeln umher. Oh, Jahrmarkt der Eitelkeit – Jahrmarkt der Eitelkeit! Ohne dich hätte sie ein frohes junges Mädchen sein können: Peter Butt und Rose, ein glückliches Ehepaar auf einem hübschen kleinen Bauernhof inmitten einer gesunden Kinderschar und einem ehrlichen Paket Freuden, Sorgen, Hoffnungen und Kämpfen. Aber ein Titel und ein Vierspänner sind auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit kostbarer als Glück, und wenn Heinrich VIII. oder Blaubart noch lebte und die zehnte Frau suchte – glaubt ihr nicht, er könnte das hübscheste Mädchen der Saison bekommen?

Das schlaffe, mißmutige Wesen ihrer Mama erweckte natürlich bei den kleinen Töchtern keine große Zuneigung. Die Kinder waren jedoch glücklich in der Gesindestube und in den Ställen; und da der schottische Gärtner glücklicherweise eine nette Frau und nette Kinder besaß, so fanden sie gute Gesellschaft und ein wenig Unterweisung in seinem Häuschen – und dies war die einzige Erziehung, die ihnen zuteil wurde, bis Miss Sharp kam.

Sie war einzig und allein auf die Vorstellungen von Mr. Pitt Crawley eingestellt worden; er war der einzige Freund oder Beschützer, den Lady Crawley je besessen hatte, und der einzige Mensch außer ihren Kindern, zu dem sie eine schwache Zuneigung empfand. Mr. Pitt schlug den edlen Binkies nach, von denen er abstammte, und war ein sehr höflicher und anständiger Herr. Als er vom Christchurch College zurückgekehrt war und ins Mannesalter kam, begann er, die gelockerte Disziplin im Hause wiederherzustellen, ohne auf seinen Vater, der ihn fürchtete, Rücksicht zu nehmen. Er war ein Mann von so strenger Förmlichkeit, daß er lieber verhungert wäre, als ohne weiße Halsbinde zum Essen zu gehen; einmal, als er gerade von der Universität zurück war, überbrachte ihm Horrocks, der Butler, einen Brief ohne Präsentierbrett und empfing dafür einen so schneidenden Blick und einen so scharfen Verweis, daß der Diener sein Leben lang vor ihm zitterte. Das ganze Haus beugte sich vor ihm: Lady Crawleys Lockenwickel wurden schneller beseitigt, wenn er zu Hause war, Sir Pitts schmutzige Gamaschen verschwanden, und wenn auch der unverbesserliche alte Mann noch an anderen alten Gewohnheiten hing, in Gegenwart seines Sohnes betrank er sich nie und war zurückhaltend und höflich gegenüber der Dienerschaft. Die Dienstboten bemerkten auch, daß Sir Pitt nie auf Lady Crawley fluchte, wenn sein Sohn im Zimmer war.

Er war es, der den Butler anwies, »Gnädige Frau, es ist aufgetragen« zu sagen und der darauf bestand, die Lady zu Tisch zu führen. Er sprach zwar selten mit ihr, aber wenn er es tat, geschah es mit der tiefsten Ehrerbietung, und nie ließ er sie das Zimmer verlassen, ohne sich zu erheben und ihr mit einer zierlichen Verbeugung die Tür zu öffnen.

In Eton nannte man ihn Miss Crawley, und wie ich leider berichten muß, pflegte ihn sein jüngerer Bruder Rawdon fürchterlich durchzuprügeln. Seinen Mangel an Talent und glänzenden Geistesgaben machte er durch rühmlichen Fleiß wett, und er soll während seiner acht Schuljahre jene Strafe nicht erhalten haben, der – wie man gewöhnlich glaubt – nur ein Cherub entgehen kann.

Seine Universitätslaufbahn war natürlich höchst ehrenvoll gewesen. Hier bereitete er sich für das öffentliche Leben vor, in das ihn sein Großvater, Lord Binkie, einführen sollte. Er studierte mit großem Fleiße die antiken und modernen Redner und sprach unaufhörlich in den Debattierklubs. Aber obwohl seine Worte nur so flossen und er sein schwaches Stimmchen zum eigenen Vergnügen sehr wichtigtuerisch hören ließ und er nur Gedanken oder Meinungen vorbrachte, die völlig alt und abgedroschen waren und noch durch ein lateinisches Zitat untermauert werden konnten, schlugen seine hochfliegenden Pläne fehl, trotz seiner Mittelmäßigkeit, die doch eigentlich jedem Menschen Erfolg verspricht. Er gewann nicht einmal den Gedichtpreis, der ihm doch, nach Meinung aller seiner Freunde, zukam.

Als er die Universität verließ, wurde er Privatsekretär von Lord Binkie und dann zum Attaché bei der Gesandtschaft in Pumpernickel ernannt. Diesen Posten bekleidete er in durchaus ehrenvoller Weise, indem er dem damaligen Außenminister Depeschen in der Form von Straßburger Pasteten überbrachte. Nachdem er zehn Jahre Attaché gewesen war (mehrere Jahre noch nach dem Hinscheiden des vielbetrauerten Lord Binkie) und da er fand, daß die Beförderung etwas auf sich warten ließ, gab er endlich leicht angewidert die diplomatische Karriere auf und fing an, ein Landedelmann zu werden.

Nach England zurückgekehrt, schrieb er eine Broschüre über Malz (denn er war ehrgeizig und liebte es, im Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu stehen) und nahm heftig Partei in der Frage der Negerbefreiung. Dann wurde er ein Freund von Mr. Wilberforce, dessen Politik er bewunderte, und führte jenen berühmten Briefwechsel mit Ehrwürden Silas Hornblower über die Bekehrung der Ashantis. Wenn auch vielleicht nicht während der Parlamentssitzungen, so doch im Mai, während der religiösen Treffen, war er in London. Auf dem Lande war er Friedensrichter sowie auch ein eifriger Fürsprecher und Besucher derjenigen, die der religiösen Unterweisung bedurften. Es hieß, er mache Lady Jane Sheepshanks, Lord Southdowns dritter Tochter, den Hof, deren Schwester, Lady Emily, die rührenden Erbauungsschriften »Der wahre Kompaß des Seemannes« und »Die Apfelfrau von Finchley« schrieb.

Miss Sharps Bericht von seiner Tätigkeit in Queen's Crawley war durchaus keine Karikatur. Die Dienerschaft dort mußte sich tatsächlich den erwähnten Andachtsübungen unterwerfen, und er brachte sogar, was ja ein großer Vorteil war, seinen Vater dazu, sich daran zu beteiligen. Eine Independentenkapelle im Kirchspiele stand unter seinem Schutz, zur tiefen Entrüstung seines Onkels, des Pfarrherrn, und mithin zum großen Vergnügen Sir Pitts, der sich bewegen ließ, ein- oder zweimal selbst hinzugehen. Das verursachte einige heftige Predigten in der Pfarrkirche von Crawley, direkt gegen den alten gotischen Kirchenstuhl geschleudert, den der Baronet dort hatte.

Aber der ehrliche Sir Pitt fühlte die Kraft dieser Reden nicht, da er während der Predigt stets sein Schläfchen machte. Mr. Crawley war zum Besten der Nation und der ganzen Christenheit sehr darauf bedacht, daß der alte Herr ihm seinen Parlamentssitz überließe; der Vater aber weigerte sich beharrlich, das zu tun. Beide waren natürlich zu klug, um die fünfzehnhundert Pfund pro Jahr aufzugeben, die der zweite Sitz einbrachte (um jene Zeit hatte ihn Mr. Quadroon inne, mit carte blanche betreffs der Sklavenfrage). Tatsächlich war das Familiengut sehr verschuldet, und das Einkommen aus dem Wahlflecken war für den Haushalt von Queen's Crawley von großem Nutzen.

Die Familie hatte sich nie mehr von der harten Geldstrafe erholt, die Walpole Crawley, dem ersten Baronet, wegen Veruntreuungen im Schnur- und Siegellackamt auferlegt worden war. Sir Walpole war ein lustiger Bursche gewesen, der erpicht war, Geld zu haben und es auszugeben (»alieni appetens, sui profusus«, wie Mr. Crawley stets seufzend bemerkte). Er war zu seiner Zeit in der ganzen Grafschaft beliebt wegen der Trunkenheit und der Gastfreundschaft, die beständig in Queen's Crawley herrschte. Damals waren die Keller mit Burgunder gefüllt, die Zwinger mit Jagdhunden und die Ställe mit prachtvollen Jagdpferden; jetzt mußten die Pferde von Queen's Crawley vor dem Pflug gehen oder die Trafalgarkutsche ziehen. Ein Gespann dieser Pferde hatte eines Tages, als es nicht woanders benötigt wurde, Miss Sharp ins Schloß gebracht; denn obgleich Sir Pitt durch und durch ein ungeschlachter Bauer war, so hielt er doch große Stücke auf sein Ansehen, solange er zu Hause war; selten fuhr er mit weniger als vier Pferden aus, und obgleich nur gekochtes Hammelfleisch auf den Tisch kam, mußten es doch stets drei Diener servieren.

Wenn bloßer Geiz einen Mann reich machen könnte – Sir Pitt Crawley wäre sehr reich geworden. Wäre er Rechtsanwalt in einer Provinzstadt geworden ohne anderes Kapital als seinen Kopf, so hätte er wahrscheinlich Nutzen daraus geschlagen und sich einen bedeutenden Einfluß und ein gutes Auskommen verschafft. Statt dessen hatte er unglücklicherweise einen wohlklingenden Namen und einen großen, aber belasteten Besitz, was ihm eher Schaden als Nutzen brachte. Er hatte eine Schwäche fürs Prozessieren, und das kostete ihn jährlich viele Tausende. Da er, wie er sagte, viel zu gescheit war, um von einem einzigen Verwalter ausgeraubt zu werden, ließ er ein ganzes Dutzend in seinen Geschäften mißwirtschaften, denen er allen gleichermaßen mißtraute. Er war ein so strenger Gutsherr, daß er fast nur bankrotte Pächter finden konnte, und ein so geiziger Landwirt, daß er dem Boden die Saat mißgönnte, worauf ihm die rächende Natur die Ernte vorenthielt, die sie freigebigeren Bauern spendete. Er spekulierte, wo er nur konnte, besaß Bergwerke, kaufte Kanalaktien, lieferte Pferde für Postkutschen, übernahm Regierungsaufträge und war der geschäftigste Mann und Friedensrichter der ganzen Grafschaft. Da er in seinem Granitbruch keinen ehrlichen Verwalter bezahlen wollte, so konnte er mit Genugtuung feststellen, daß ihm vier Aufseher nach Amerika durchgingen und ein Vermögen mitnahmen. Da er die nötigen Vorsichtsmaßregeln nicht beachtete, füllten sich seine Bergwerke mit Wasser; die Regierung nahm ihm die Lieferung verdorbenen Rindfleisches nicht ab; und was seine Postpferde betrifft, so wußte jeder Posthalter im Königreich, daß er mehr Pferde verlor als jeder andere, weil er zu billig kaufte und nicht genug fütterte. Von Natur aus war er gesellig und weit entfernt, hochmütig zu sein, er zog die Gesellschaft eines Bauern oder eines Pferdehändlers der eines Gentlemans, wie seines Sohnes, vor; er trank und fluchte gern und liebte es, mit den Bauerntöchtern zu scherzen. Man konnte sich nicht entsinnen, daß er je einen Shilling verschenkt oder eine gute Tat vollbracht hätte, aber er war immer guter Laune, hinterlistig und lachlustig. Er konnte mit seinem Pächter ein Gläschen trinken und Witze reißen und ihn tags darauf pfänden lassen; er konnte mit dem Wilddieb spaßen, den er in ebenso guter Laune deportieren ließ. Seine Höflichkeit gegenüber dem schönen Geschlecht hat Miss Rebekka Sharp bereits angedeutet – mit einem Wort: England besaß unter allen seinen Baronets, Peers und einfachen Leuten keinen listigeren, knauserigeren, selbstsüchtigeren, törichteren, verrufeneren alten Mann. Sir Pitt Crawleys adlige Hand war in jedermanns Tasche, nur nicht in seiner eigenen; und zu unserem großen Kummer und Schmerz sehen wir als Bewunderer der britischen Aristokratie uns gezwungen, so viele schlimme Eigenschaften bei einer Person zugeben zu müssen, deren Name im »Debrett« aufgeführt ist.

Eine Hauptursache der Zuneigung von Sir Pitt zu seinem Sohn lag in Geldangelegenheiten. Der Baronet schuldete seinem Sohn aus der Mitgift seiner Mutter eine Summe Geldes, die zu bezahlen ihm nicht einfiel. In der Tat hatte er einen fast unbesiegbaren Widerwillen gegen das Zahlen überhaupt, und nur mit Gewalt konnte er dazu gebracht werden, seinen pekuniären Verpflichtungen nachzukommen. Miss Sharp rechnete aus (denn sie wurde, wie wir bald hören werden, in die meisten Familiengeheimnisse eingeweiht), daß der ehrenwerte Baronet jährlich mehrere hundert Pfund nur an seine Gläubiger zu zahlen hatte; es bereitete ihm jedoch ein Vergnügen, das er sich nicht versagen konnte. Er hatte eine wilde Freude daran, die armen Teufel warten zu lassen und die Zahlung von einem Gericht zum anderen, von einem Termin zum anderen zu verschieben. »Was hat es sonst für sich, im Parlament zu sitzen, wenn man seine Schulden bezahlen muß?« fragte er. Und seine Stellung als Abgeordneter brachte ihm so wirklichen Nutzen.

Oh, Jahrmarkt der Eitelkeit – Jahrmarkt der Eitelkeit! Hier ist ein Mann, der nicht richtig schreiben kann und der sich nichts aus dem Lesen macht, ein Mann mit Bauerngewohnheiten und Bauernschläue, dessen einziger Lebenszweck es ist, die Leute übers Ohr zu hauen, dessen Geschmack, Rücksicht und Vergnügen nur auf das Gemeine und Schmutzige gerichtet waren; und doch ist es ein Mann von Rang und Ehre und Macht, ein Würdenträger des Landes und eine Stütze des Staates. Er ist Obersheriff und fährt in einer goldenen Kutsche. Große Minister und Staatsmänner suchen seine Gunst, und auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit nimmt er eine höhere Stellung ein als das glänzendste Genie oder die unbefleckteste Tugend.

Sir Pitt hatte eine unverheiratete Halbschwester, die das große Vermögen ihrer Mutter geerbt hatte, und obgleich der Baronet vorgeschlagen hatte, ihm dieses Geld als Hypothek zu überlassen, lehnte Miss Crawley das Angebot ab und zog die sichereren Staatspapiere vor. Sie hatte jedoch zu verstehen gegeben, daß sie ihr Vermögen Sir Pitts zweitem Sohne und der Familie im Pfarrhaus vermachen wolle, und hatte bereits ein- oder zweimal die Schulden Rawdon Crawleys auf der Universität und bei der Armee bezahlt. Miss Crawley war daher der Gegenstand größter Hochachtung, wenn sie nach Queen's Crawley kam, denn sie hatte ein Guthaben auf der Bank, das ihr überall Liebe erworben hätte.

Welche Würde verleiht doch ein Bankkonto einer alten Dame! Wie nachsichtig blicken wir auf ihre Fehler, wenn sie eine Verwandte ist (möge jeder Leser ein paar Dutzend davon haben!), wie freundlich und gütig finden wir das Geschöpf! Lächelnd führt der jüngere Teilhaber von Hobbs und Dobbs sie zu ihrer wappengeschmückten Kutsche mit dem dicken keuchenden Kutscher! Gewöhnlich finden wir bei ihrem Besuch Gelegenheit, unsere Freunde wissen zu lassen, welche vornehme Stellung sie einnimmt! Wir sagen (und das ist nicht gelogen), »ich wünschte, ich hätte Miss MacWhirters Unterschrift auf einem Scheck über fünftausend Pfund«. – »Sie würde es nicht vermissen«, sagt Ihre Frau. »Es ist meine Tante«, sagen Sie beiläufig, wenn Ihr Freund Sie fragt, ob Sie mit Miss MacWhirter verwandt seien. Ihre Frau sendet ihr ständig kleine Liebesbeweise; Ihre kleinen Mädchen arbeiten ewig Körbchen, Kissen und Fußstützen für sie. Was für ein schönes Feuer brennt in ihrem Zimmer, wenn sie zu Besuch kommt, obgleich Ihre Frau sich ihr Korsett im Kalten schnüren muß! Während ihres Aufenthaltes ist das Haus festlich, hübsch, warm, behaglich und freundlich, wie zu anderen Zeiten niemals. Sie selbst, verehrter Herr, vergessen das gewohnte Nachmittagsschläfchen und sind ganz plötzlich (obgleich Sie stets verlieren) leidenschaftlicher Whistspieler. Was für ein Essen gibt es – jeden Tag Wildbret, Madeira und Haufen guter Fische aus London. Selbst die Dienstboten in der Küche haben teil an dem allgemeinen Glück; irgendwie ist das Bier, während der dicke Kutscher von Miss MacWhirter da ist, viel stärker geworden, und es wird gar nicht darauf geachtet, wieviel Tee und Zucker im Kinderzimmer (wo ihre Kammerjungfer speist) verbraucht wird. Stimmt es oder stimmt es nicht? Ich wende mich an den Mittelstand. Oh, ihr himmlischen Mächte! Ich wollte, ihr schicktet mir eine alte Tante – eine unverheiratete Tante – eine Tante mit einem Wappen an der Kutsche und einem milchkaffeebraunen Toupet. Meine Kinder müßten Handarbeitsbeutel für sie anfertigen, und meine Julia und ich würden es ihr bequem machen! Süße, süße Vision! Törichter, törichter Traum!


 << zurück weiter >>