Rudolph Stratz
Die kleine Elten
Rudolph Stratz

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XVIII.

Nun war alles aus . . .

Valeska stand am Fenster und schaute in den grauen Herbstmorgen hinaus. Und während ihr Blick mechanisch den triefenden, vom Winde schiefgetriebenen Nebelschauern folgte und auf den naß spiegelnden Pflastersteinen hängenblieb, gingen wiederum die Ereignisse des gestrigen Tages durch ihren matten Kopf.

Was hatte sie jetzt noch zu hoffen?

Die paar Menschen, die ihr in guter oder schlechter Absicht hier helfen konnten, waren ihr fremd geworden.

Und allein – das merkte sie schon – war sie hilflos in dem Kampf ums Dasein, der sie ringsum umgab.

In dem öden Regenwetter draußen sah sie ihre Zukunft vor sich, die Zukunft einer Berliner Winkelschauspielerin, die ohne Rollen, ohne Verbindungen und Namen von einer Bühne zur andern pilgert.

Da war es doch wahrlich besser in der Provinz, wo man wenigstens in kleinen Verhältnissen die erste war. Vielleicht an einem mittleren Hoftheater . . .

Dort bekam man die historischen Kostüme geliefert, man wurde anständig behandelt und brauchte nicht ewig vor der Kündigung zu zittern.

Und dort, wo man doch noch eine Art von Mensch war, fanden sich gewiß auch Freunde. Vielleicht heiratete sie und verbrachte ihr Leben in einem traulichen süddeutschen Städtchen, fernab von der großen Welt und der großen Karriere.

Und unwiderstehlich stieg der Gedanke in ihr auf: »Fort von Berlin!«

Sie nahm rasch Hut, Schirm und Jacke, fuhr in die Gummischuhe – denn eine Droschke wagte sie sich bei ihren beschränkten Finanzen nicht mehr zu leisten – und ging zum Agenten.

Herr Hassel war sehr erstaunt.

»Es ist merkwürdig, mein liebes Fräulein . . .«, sagte er sanft und fuhr sich mit der Hand abwechselnd über die rosige Glatze und den seidenweichen Patriarchenbart, »erst unterzeichnen die Damen blindlings irgendeinen Kontrakt, und dann tun sie, als sei der gar nicht auf der Welt! Sie sind doch hier am Westend-Theater auf drei Jahre engagiert! Muten Sie mir zu, daß ich Sie zum Kontraktbruch anleiten soll?«

»Vielleicht läßt mich der Direktor los . . .«, meinte Valeska und sah Herrn Hassel hoffnungsvoll an.

Der schüttelte das Haupt.

»Ich glaube nicht. Und wenn auch . . . was wollen Sie denn, um Gottes willen, in der Provinz . . . jetzt . . . mitten in der Saison . . .? Nein . . .«, der Greis tätschelte sie milde auf die Schulter, »bleib' in Berlin, Kindchen . . . hier ist's schön . . .«

Valeska entzog sich ihm mit einem ungeduldigen Ruck.

»Ich werde es doch versuchen beim Direktor,« sagte sie aufstehend, »und wenn er es tut . . .«

»Dann bringe ich Sie sofort an die ›Burg‹ . . .«, ergänzte der Greis und sah ihr mit stillem Lächeln nach.

* * *

Im Theaterbureau mußte Valeska warten. Fräulein Thilda Thorbeck war mit einem Rechtsanwalt drinnen beim Direktor.

Außer ihr war noch ein zweiter Besucher in dem kleinen Raum. Er verhandelte mit dem Sekretär und ließ sich von diesem Adressen aufschreiben, offenbar für Kritiker- oder Kollegenbesuche.

Ein Mann zu Anfang der Dreißiger, hager, mittelgroß und keineswegs ein Adonis. Im Gegenteil . . . sein mageres, leichtsinniges Gesicht mit den aufgeregt glitzernden Augen war einfach häßlich zu nennen.

Verführerisch häßlich . . . dies bald kindlich gutmütige, bald faunische Lachen um die schmalen, sinnlich geschwungenen Lippen, die weichliche, klangvolle Stimme, die lässigen Bewegungen, das Mienenspiel, das in jedem Zucken den nervösen Stimmungsmenschen verriet.

Der Sekretär stellte vor:

»Herr Herbert Zajonchek, der in ›Lilith‹ bei uns auf Engagement gastiert . . . Fräulein Elten . . .«

Valeska sah mit tiefem Interesse den Gast an.

Zajonchek . . . sie hatte den Namen wohl gehört.

Eben jetzt hatte sein Träger, nach Beendigung eines lärmenden Ehescheidungsprozesses, seine Stellung an einer großen Provinzbühne verlassen müssen.

Eine junge Aristokratin, erzählte der Kulissenklatsch weiter, habe seinetwegen Gift genommen – ein Glück, daß ein Arzt gleich zur Stelle gewesen –, und alle Gatten und Väter hatten aufgeatmet, als er glücklich fort war.

Komisch, dachte Valeska, er sieht gar nicht so aus . . .

Gewiß war ja auch viel übertrieben. Aber das erkannte sie doch: das Hauptgeheimnis des Erfolges im Liebeskampf, das heiße Temperament, das sprühte und zuckte bei ihm durch alle Nervenfasern, bereit, gleich einem elektrischen Schlag auf einen jeden überzuspringen, der sich unvorsichtig näherte.

Ein merkwürdiger Mensch! . . .

* * *

Da kam Thilda heraus.

Sie strahlte vor Wonne. Gestern schon hatte Onkel Klaus plötzlich nach dem Theater aus freien Stücken seine Einwilligung zur Heirat erklärt.

Nun stand ihrem Glücke nichts mehr im Wege. Drinnen auf dem Tisch lag vor Hochmann die Konventionalstrafe von dreitausend Mark. Er hatte eingewilligt, Thilda sofort aus dem Kontrakt zu entlassen. Heute oder morgen trat sie zum letztenmal auf.

Jetzt dachte sie nicht mehr an den Streit in der Garderobe, sondern drückte Valeska zärtlich an die Brust.

»Laß dir's gutgehen, Schatzerl . . . und im Sommer . . . in den Theaterferien mußt du uns besuchen . . . wir kaufen ein Gut in der Neumark . . . ach . . . wie bin ich glücklich . . .«

Die kleine Elten lächelte trübe. Sie wußte, die Einladung war nicht ernst gemeint, aber es freute sie doch. Und eine bittere Erinnerung stieg in ihr auf . . . gestern um diese Zeit hatte sie mit Herrn von Rönne gesprochen. Nun war der schöne Traum dahin . . . von dem Gute und dem Buchenwald am See . . . und dem Geflügelhof mit dem großen Puter . . .

Aber da tönte eine joviale Stimme aus dem Nebenraum.

»Na . . . kommen Sie nur herein, Elten! . . . Was haben Sie auf dem Herzen?«

Sie trat ein.

»Wollen Sie etwa auch heiraten?« fragte Hochmann aufgeräumt. Es schien, daß er Thildas Abgang als ein recht gutes Geschäft auffaßte.

»Heiraten nicht . . .«, stotterte die Elten, »aber weg möcht' ich von hier . . .«

»Was . . .?« Hochmann legte die Hand ans Ohr. »Weg möchten Sie? . . . Wohin?«

»Irgendwohin . . . in die Provinz!«

»Und deswegen kommen Sie hierher?« fragte ihr Beherrscher erstaunt. »Darum Räuber und Mörder? . . . Gehen Sie nach Hause, Kind, und lernen Sie Ihre Rollen . . . Sie werden es schon noch einmal zu etwas bringen in Berlin. Sie haben Talent . . . das weiß ich.«

Valeska faßte einen heroischen Entschluß.

»Kriege ich denn einmal die Rolle der ›Lilith‹?« fragte sie schüchtern.

»Lilith . . . Lilith . . .«

Hochmann machte ein Gesicht, als habe er diesen Namen nie gehört.

»Herr von Seybling sagte mir, er habe . . .«

»Herr von Seybling sagt viel, wenn der Tag lang ist . . .«, unterbrach sie der Direktor. »Adieu, Fräulein!«

* * *

Im Vorzimmer war Herbert Zajonchek im Begriff, zu gehen, als Valeska, ratlos und mit hochrotem Kopf, zurückkam. Gemeinsam stiegen sie die Treppe hinab auf die Straße, wo der Regen inzwischen aufgehört hatte. Dort blieb ihr Begleiter stehen.

»Ich hab' doch keine Ahnung mehr . . .«, sagte er in seiner weichen, stark wienerisch gefärbten Sprache, »geht's jetzt in diesem dalketen Spree-Athen rechts oder links nach meiner Klause . . .?«

»Wo wohnen Sie denn?«

»Potsdamer Straße 404!«

Valeska überlegte.

»Das ist nur fünf Minuten von meinem Hause. Kommen Sie mit! Ich bringe Sie in Gottes Namen bis zu Ihrer Wohnung . . .«

Es interessierte sie doch, den merkwürdigen Menschen näher kennenzulernen, der sich eben von seiner berühmt schönen Frau hatte scheiden lassen und der bewußten Aristokratin eine bis zum Selbstmord sich steigernde Liebe eingeflößt hatte.

Aber ihre Erwartung, derlei von ihm zu hören, täuschte sie. Wohl sprach Zajonchek mit großem Eifer, während sie langsam die Straßen hinabschritten. Aber das Thema war ein ganz ungeahntes: seine alte Mutter.

Sie lebte irgendwo in einem kleinen österreichischen Städtchen. Ihretwegen allein schien ihm das Dasein noch der Mühe wert. Für sie müsse er Geld verdienen, hier in Berlin! Das sei jetzt seine Pflicht, wo er keine Familie mehr habe und auch nie mehr heiraten werde. Darum gastiere er, der gefeierte Künstler, am Westend-Theater.

Valeska sah ihn von der Seite an. Es lag wirkliche Empfindung in seinen Worten. Offenbar tat es ihm wohl, einem weiblichen Wesen, das ihm sympathisch war, von seinen Sorgen zu erzählen.

»Sehen's . . . die Mutter . . . liebe Kollegin . . .«, sagte er träumerisch, »wenn man die nicht hätt'! . . . Ich zum Beispiel . . . nach alledem, was mir passiert ist . . . na . . . Sie wissen's ja wohl . . . ich wär' wahrhaftig imstande, alle Weiber in Bausch und Bogen zu verwünschen, wenn ich nicht an die alte Frau da unten dächte . . . die da in ihrem Stübchen in Bruck an der Leitha sitzt . . . alle Wände hat sie mit meinen Lorbeerkränzen austapeziert . . . und die da an mich denkt und für mich betet . . . schauen's . . . da wird einem doch wieder anders ums Herz . . . da wird man wieder ein besserer Mensch . . .«

Er brach ab.

Valeska sah zu Boden und nickte. Sie fühlte sich gerührt und auch etwas geschmeichelt durch seine Offenherzigkeit.

»Ich hab' so Tage . . .«, fuhr Zajonchek fort, »da muß ich davon sprechen . . . zu irgend wem . . . und Ihnen seh ich's an, Fräulein . . . Sie fassen's nicht falsch auf . . . Sie haben so ein liebes Gesichterl . . . solche herzige Köpferln wachsen halt doch nur in Wien, um unsern alten Stephan 'rum . . .«

Die Elten blieb stehen und lachte laut auf.

»Falsch geraten!« sagte sie. »Ich bin aus Eisenach.«

»Schau . . . schau!« Ihr Begleiter schüttelte nachdenklich lächelnd den Kopf. »Was die Preußen heutzutag' alles zuweg bringen . . .«

»Ja . . . um Gottes willen . . .«, fragte Valeska, »glauben Sie denn etwa, daß Eisenach in Preußen liegt?«

Jawohl. Zajonchek war dieser Ansicht. »Dort heroben« sei alles preußisch oder so gut wie preußisch. Und Geographie habe er nie behalten können, überhaupt stets die Schule geschwänzt. »Ich bin immer ein Strick gewesen,« meinte er, »solang ich mich erinnern kann.«

Das freute Valeska.

»Das muß doch eigentlich so sein . . .«, sagte sie, »bei uns vom Theater . . .«

»Natürlich . . .«, bestätigte Zajonchek, »oder vielmehr . . . man muß so 'ne Mischkulanz von allem vorstellen . . . Sie wissen, wie's im Lied heißt: ›Und a bisserl Lieb' und a bisserl Treu und a bisserl Falschheit is allweil dabei . . .‹«

»Ja . . .«, meinte die kleine Elten, »bequem ist's jedenfalls, wenn man das alles auf Lager hat. Aber ich bin für die Liebe und Treue allein. Die Falschheit können Sie für sich behalten . . .«

Aber ihr Begleiter war wieder nachdenklich geworden.

»Ich wär' auch für die Liebe . . .«, sagte er und sah träumerisch ins Weite, »wenn halt nur . . .« Und plötzlich zu einem anderen Gedanken überspringend, sprach er leise und vertraulich: »Da schaun's her . . .«

Er hatte ein Medaillon hervorgezogen und öffnete die Kapsel. Sie blickte neugierig hinein.

Es enthielt das Bild eines niedlichen kleinen Mädchens von etwa vier Jahren.

»Ach . . . wie süß . . .«

Die Elten sah ihren Begleiter erwartungsvoll an.

»Aufs Frühjahr seh' ich's wieder, mein Maritscherl,« sagte er, und es lag ein zärtlicher Ausdruck in seinen sonst so begehrlich flackernden Augen, »die übrige Zeit . . . Sie begreifen . . . da ist sie bei der Mutter . . .«

»Ach . . . Sie Armer! . . .« Valeskas Stimme war voll Mitleid. »So ein herziges kleines Ding! . . .«

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, dann blieb sie stehen.

»So . . . da sind wir vor Ihrem Hause. Nun bedanken Sie sich schön bei mir! . . .«

Zajonchek erfaßte ihre Hand so fest, daß sie zusammenzuckte.

»Wann sehen wir uns wieder?« fragte er und sah ihr erwartungsvoll ins Auge.

Valeska errötete leicht.

»Nun . . . übermorgen, denk' ich . . . denn da beginnen die Proben zu ›Lilith‹ . . .«

»Und Sie spielen mit . . . als was denn?«

Sie schaute zu Boden.

»Ich?« sagte sie. »Ich . . . ich komme als ein ganz schlechtes Mädchen . . .«

»Und ich als ein ausgemachter Bösewicht! . . .«

Beide lachten laut auf.

»Wir Armen!« seufzte die Elten mutwillig und reichte ihm nochmals die Hand. »Auf Wiedersehen!«

* * *

Eine Viertelstunde darauf saß sie in ihrem Stübchen, Stecknadeln zwischen den Zähnen, mit Nadel und Fingerhut ausgerüstet, und nähte an dem über ihre Knie gebreiteten Damastkleid den Besatz wieder fest. Draußen strömte der Regen, der Wind pfiff durch die menschenleeren Gassen, und auch in ihrem Zimmerchen war es empfindlich kühl. Im Vorflur schimpfte die Haidenschild mit dem Dienstmädchen, die Schottinnen hämmerten auf dem Klavier, der Attaché schnarchte nebenan.

Valeska sann nach.

Warum hatte sie eigentlich Berlin verlassen wollen?

Es war doch wohl nur eine vorübergehende Stimmung gewesen. Gut, daß man sie nicht losließ.

Was sollte sie denn in der Provinz? Diese Misere kannte sie doch nun schon.

Man mußte eben in Berlin Geduld und Ausdauer haben, dann kam auch einmal das Glück.

Und wenn man auch bis dahin so manchen harten Schlag bekam – Valeska sah träumerisch-lächelnd zum Fenster hinaus in das graue, kalte Regengeriesel – so schrecklich war schließlich der Aufenthalt in Berlin doch auch nicht . . .

 


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