Karl Simrock
Beowulf
Karl Simrock

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33. Hredel.

                          So war er gar vielen   Gefahren entronnen,
Viel schweren Schlachten,   der Sohn des Ecgtheow,
Mit der Arme Kraft,   bis auf den Einen Tag,
Wo er wider den Wurm   sich wehren sollte.
5   Da gieng selbzwölfter   von Zorn erfüllt
Der Walter der Wedern,   den Wurm zu schauen.
Erfahren zuvor hatt er   der Feindschaft Ursprung,
Des Unheils seiner Helden:   aus der Hand des Entwenders
War das kostbare Kleinod   ihm zugekommen.
10   Von den Degen war dieser   der dreizehnte,
Er, der des Uebels   Anfang verschuldet;
In Banden jammernd   gieng er des Hohnes Ziel,
Ihnen den Weg zu weisen   widerwillig,
Weil Er alleine   den Erdsaal wuste,
15   Die unterirdische Höhle   unweit der See,
Der tobenden Flut.   Erfüllt war er innen
Mit herrlichen Schätzen;   doch ein unheimlicher Wächter,
Ein kampfkühner,   hielt die Kleinode in Hut,
Ein alter, unter der Erde.   Nicht allzu leicht wars,
20   Das Gut zu erlangen   der Leute Einem.

Bei der Klippe der kampfharte   König saß,
Heil zu entbieten   den Heerdgenoßen,
Der Geaten Goldfreund.   Sein wanker Geist
War trüb und todbereit.   Schon trat Wurd heran,

25   Die bald den Greisen   grüßen sollte,
Der Seele Hort zu suchen   und zu scheiden beide,
Leib und Leben.   Nicht lange mehr blieb noch
In Fleisch gewunden   des Fürsten Seele.

Beowulf sprach,   der Geborne Ecgtheows:

30   »Viel Kämpfe hab ich   in der Kraft der Jugend,
Viel Unheil überstanden:   des allen gedenk ich nun.
Sieben Winter zählt ich  als mich der Schatzvertheiler,
Der Fürst der Völker,   meinem Vater entnahm.
Da hielt und hegte mich   Hredel der König,
35   Gab mir Schatz und Kost,   der Sippe gedenkend.
Nicht war ich ihm lebenslang   ein leiderer Mann
In Bau und Burg   als der Gebornen Einer,
Herebeald und Hädkynn   und mein Hygelak.
Seinem Aeltesten ward   ungeziemend
40   Das letzte Bett gestreut   von des Bruders Hand,
Da Hädkynn ihn   vom Hornbogen
Den fürstlichen Freund   mit dem Pfeil erlegte:
Das Merkziel missend   aus mordlicher Hand
Traf Bruder den Bruder   mit blutiger Spitze.
45   Unsühnbar war der Schuß,   ein sündhafter Frevel,
Herzbrechend Hredeln:   der Held ja muste,
Der junge Edeling,   ungerochen sterben.
Zu graunvoll wär es   dem greisen Fürsten,
Wenn er leiden sollte,   daß sein liebes Kind
50   Jung den Galgen ritte:   dann begänn er ein Klagelied,
Gar sorglichen Sang,   wenn der Sohn ihm hienge
Den Raben zum Raub,   und er Rettung ihm
Vor Alter unkräftig   irgend nicht wüste.
Jeden Morgen gemahnt   im Gemüth ihm nun
55   Seiner Abkunft Ausgang.   Keinen Andern mehr
Hofft er im Hause   behalten zu mögen
Als des Erbes Pfleger,   wenn der Eine so
In der Todesnoth   die That gebüßt hat.
Vorsorgend sieht er   in des Sohnes Haus
60   Den Wonnesaal wüst,   vom Wind durchstürmt,
Des Rauchs beraubt;   der Reiter schlummert
Im Heldenhügel;   Harfenklang gebricht,
Sang in den Sälen,   wie es sonst dort war.
Dann geht er zum Lager   sich leidvoll härmend
65   Nach dem Einen der Eine:   ihm ist Alles zu weit,
Hof und Halle.   So nach Herebeald
Trug der Wedern Helm   des Herzens Kummer
Wallend im Busen.   Doch wollt er des Leides
Nicht Sühne suchen   an des Schuldigen Haupt.
70   Nicht kränken konnt er   den Kampfeshelden
Mit leiden Thaten,   liebt' er ihn gleich nicht mehr.
Da mit so schweren Sorgen   dieser Schmerz ihn betraf,
Ließ er der Erde Lust   und erkor das Licht Gottes.
Den Kindern ließ er   wie Könige pflegen,
75   Land und Leuteburg,   da er vom Leben schied.

Nun suchten sich Geaten   und Schweden heim33, 76 ff. Das hier zuerst erwähnte, im 39. und 40. Abschnitt näher beschriebene Ereigniss fällt ein Menschenalter früher als das von dem in der vorigen Note die Rede war. Mit Hädkynns Z. 87 erwähnten Tode besteigt erst Hygelak den Gebieterstuhl, während es sich dort um Heardreds Tod handelte, dessen Nachfolger Beowulf ward.
Ueber das weite Waßer   in wüthigem Kampf,
Zu herbem Heerstreit   nach Hredels Tod,
Da die edeln Kämpen   König Ongentheows,

80   Die fahrtschnellen Helden,   nicht Frieden wollten
Uebers Haf hin halten   und beim Hreosnaberg
Mit ingrimmem Anfall   oft uns bedrohten.
Da rächten wohl   meine Verwandten und Freunde
Frevel und Fehde   wie es volkskund ist;
85   Doch entgalt es der Eine   mit dem eigenen Leben,
Ein herber Kaufpreis:   dem Hädkynn ward,
Dem König der Geaten   der Kampf verderblich.
Doch erfuhr man am Morgen,   daß ein Vetter den andern
Mit des Schwertes Schärfe   an dem Schuldigen rächte,
90   Als den Ongentheow   Eofors Angriff ermüdete.
Sein Helm war zerbrochen,   bleich zur Erde fiel
Der alte Schilfing:   ihm schien die Faust
Und die Fehde schwer genug:   er entschlug nicht den Todesstreich.

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