William Shakespeare
Leben und Tod Königs Richard des zweyten.
William Shakespeare

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Fünfter Aufzug.

Erste Scene.

Eine Strasse in London.

Die Königin mit ihren Damen tritt auf.

Königin. Diesen Weg wird der König kommen: Diß ist der Weg zu jenem fatalen Thurm, den Julius Cäsar aufführte, und worein der stolze Bolingbroke meinen Herrn zur Gefangenschaft verurtheilt hat. Hier wollen wir ausruhen; wenn diese aufrührische Erde anders noch eine Ruhe für ihres rechtmäßigen Königs Gemalin hat. – –

König Richard tritt mit seiner Wache auf.

Aber stille! aber seht, doch seht lieber nicht, wie verwelkt meine schöne Rose ist – – Nein, seht auf, schaut und zerfließt aus Mitleiden in Thau, um ihn mit den Thränen einer getreuen Liebe wieder frisch zu waschen.

O du, der Trümmer, wo das alte Troja stand, du Ruin der Majestät, du Grabmal von König Richard, und nicht König Richard selbst! Du schöner Gasthof, soll Gram und Jammer in dir herbergen, indeß daß Triumph der Gast in einer Bierschenke worden ist?

König Richard. Vereinige dich nicht mit meinem Kummer, schönes Weib, mein Ende zu sehr zu beschleunigen. Lerne, gute Seele! unsern vorigen Zustand als einen glüklichen Traum ansehen, von dem wir nun erwacht sind, und uns in der That in keinen bessern Umständen finden, als worinn wir sind. Meine Liebe, ich bin ein geschworner Bruder der unerbittlichen Nothwendigkeit, und wir beyde werden im Bündniß stehen bis zum Tode. Eile du nach Frankreich, und verbirg dich in irgend eine andächtige Freystätte. Es ist uns nichts übrig, als durch ein heiliges Leben die Crone in einer bessern Welt wieder zu gewinnen, die wir durch unheilige Stunden verlohren haben.

Königin. Wie? Ist mein Richard an Gestalt und Gemüth verwandelt? Hat Bolingbroke auch deinen Geist abgesezt? Ist er bis in dein Herz eingedrungen? Ein sterbender Löwe sträubt sich, und verwundet, aus Wuth überwältigt zu seyn, wenigstens die Erde, wo er fiel; und du, willt wie ein unmündiger Knabe deine Züchtigung mit Sanftmuth empfangen, die Ruthe küssen, und deinem Feind mit schaamwürdiger Demuth die Füsse lecken, du, der ein Löwe, ein König der Thiere war?

König Richard. Ein König von Thieren, in der That; und wenn es nichts als Thiere gewesen wären, so wär' ich noch ein glüklicher König von Menschen. Meine gute ehmalige Königin, mache dich reisefertig nach Frankreich. Denk, ich sey todt, und daß du eben hier, als bey meinem Todbette, den lezten Abschied von mir nimmst. In verdrieslichen Winternächten size mit guten alten Leuten zum Feuer, und laß dir Geschichten von Jammer und Unglük erzählen, die längst begegnet sind; und ehe du ihnen gute Nacht giebst, erzähl' ihnen hinwieder meinen kläglichen Fall, und schike die hörenden weinend zu Bette – –


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