William Shakespeare
Leben und Tod Königs Richard des zweyten.
William Shakespeare

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Fünfte Scene.

Bolingbroks Lager bey Flint.

Ein Aufzug mit Trummeln und Fahnen, Bolingbroke, York, Northumberland und Gefolge treten auf.

Bolingbroke. Diese Nachricht belehrt uns also, daß die Welschen zerstreut sind, und daß Salisbury dem Könige entgegengegangen ist, der mit einer kleinen Anzahl von Freunden kürzlich an dieser Küste angeländet ist.

Northumberland. Die Zeitung ist schön und gut, Milord; Richard hat sein Haupt nicht weit von hier verborgen.

York. Es würde dem Lord Northumberland nicht übel anstehen, zu sagen, König Richard. O! des unglüklichen Tags, da ein geheiligter König sein Haupt verbergen muß!

Northumberland. Euer Gnaden nimmt mir's anders auf als es gemeynt war; ich ließ seinen Titel nur aus, um kürzer zu seyn.

York. Es war eine Zeit, wo ich es euch nicht gerathen haben wollte, so kurz mit ihm zu seyn, wenn es euch nicht gleichgültig gewesen, daß er es so sehr mit euch sey, um euch eure ganze Kopfslänge kürzer zu machen.

Bolingbroke. Nehmet seinen Ausdruk nicht übler auf als recht ist, mein Oheim.

York. Und nehmet ihr nicht mehr als recht ist, mein guter Neffe; oder ihr vergeßt zulezt, daß der Himmel über euerm Haupt ist.

Bolingbroke. Ich weiß es, mein Oheim, und widerseze mich seinem Willen nicht. Wer kommt hier?

Percy zu den Vorigen.

Willkommen, Harry! Wie? Will sich dieses Schloß noch nicht ergeben?

Percy. Das Schloß ist gegen euern Einzug königlich bemannt, Milord.

Bolingbroke. Königlich? Wie, enthält es denn einen König?

Percy. Ja, Milord, es enthält einen König; König Richard ligt innert dem Bezirk von jenem Leim und Stein, und bey ihm Lord Aumerle, Lord Salisbury, Sir Stephan Scroop, und noch ein Geistlicher von heiligem und ehrfurchtwürdigem Ansehn, dessen Name ich nicht erfahren konnte.

Northumberland. Vermuthlich der Bischoff von Carlisle.

Bolingbroke (zu Northumberland.)
Mein edler Lord, geht vor die Mauren dieses alten Schlosses, fordert durch die eherne Stimme der Trompete eine Unterredung, und sprecht so: Heinrich von Bolingbroke küsse auf seinen Knien König Richards Hand, und sende ihm die Versicherung seiner Unterthänigkeit und aufrichtigen Treue gegen seine Königliche Person; sagt ihm, ich sey in dem nemlichen Augenblik bereit, meine Waffen und Völker zu seinen Füssen niederzulegen, in welchem er mir die Widerruffung meiner Landes-Verweisung und die Wieder-Einsezung in meine Güter freywillig garantiren wolle; wo nicht, so werde ich mich des Vortheils meiner Macht bedienen, und den Sommer-Staub mit Regen von Blut legen, die aus den Wunden erschlagner Engländer sich ergiessen sollen. Wie entfernt aber von Bolingbroks Herzen der Gedanke sey, daß ein solch blutiges Ungewitter den frischen grünen Schooß von König Richards Land überschwemmen solle, davon könne ihn meine Mäßigung und Entfernung von allem pflichtwidrigen Gebrauch meiner Obermacht überzeugen. Geht, erklärt ihm dieses, indessen daß wir ohne das Getöse drohender Trummeln über diese Ebne fortziehen, damit unser Betragen, von den zerfallnen Zinnen dieses Schlosses beobachtet, die Wahrheit unsrer Erklärung bekräftige. Mich däucht, König Richard und ich sollten uns mit nicht mindern Schreknissen begegnen, als die Elemente des Feuers und des Wassers, wenn ihr donnernder Zusammenstoß die bewölkten Wangen des Himmels mit Thränen badet. Ist er das Feuer, so will ich das nachgiebige Wasser seyn; er mag rasen, indeß daß ich meine Wasser auf die Erde regne; auf die Erde, nicht auf ihn. Nähert euch den Mauren – – Milord, und beobachtet die Fassung des Königs genau.


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