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Siebzehntes Kapitel.

»Der Himmel lehrt schreiben zum Trost in Bedrängniß
Das Mädchen trotz Vormund, den Freund im Gefängniß,
Den Autor auch, welcher Personen uns bringt,
Die die eigne Geschichte zu schreiben er zwingt.«

Nach Pope.

Als Mannering nach England zurückkehrte, war sein erstes Geschäft, seine Tochter in ein weibliches Erziehungsinstitut von Ruf zu bringen. Da er jedoch fand, daß ihre Fortschritte in den Fertigkeiten, die er ihr anzueignen wünschte, nicht so schnell waren, als seine Ungeduld erwartete, so nahm er Miß Mannering am Schlusse des ersten Vierteljahrs wieder aus dieser Unterrichtsanstalt zurück. Sie hatte auf diese Weise nur eben noch Zeit, eine ewige Freundschaft mit Miß Matilde Marchmont zu schließen, einer noch jungen Dame von ihrem Alter, welches etwa achtzehn Jahr sein mochte. Für ihr treues Auge waren jene furchtbar dicken Briefe bestimmt, welche auf den Schwingen der Post von Mervyn-Hall anlangten, so lange Miß Mannering dort als Gast weilte. Einige kurze Auszüge aus jenen Briefen werden nothwendig sein, um unsre Erzählung verständlicher zu machen.

 

Erster Auszug.

»Ach, meine theuerste Matilde, welch' eine Geschichte hab' ich dir zu erzählen! Das Unglück hat deiner armen Freundin von der Wiege an sein Siegel aufgedrückt. Daß wir so geringfügiger Dinge wegen getrennt werden mußten – ein grammatischer Fehler in meiner italienischen Arbeit und drei falsche Noten in einer von Paesiello's Sonaten. Aber es ist das ein Charakterzug meines Vaters; ich weiß unmöglich zu sagen, ob ich ihn mehr liebe, bewundere, oder fürchte. Sein Glück im Leben und im Kriege – seine Gewohnheit, jedes Hinderniß, selbst wo es unübersteiglich schien, durch die Energie seiner Anstrengungen zu bewältigen – alles dies hat seinem Charakter etwas Hastiges und Gebieterisches gegeben, welches weder Widerspruch duldet, noch Nachsicht mit den Schwächen Anderer gestattet. Denn er selber ist äußerst talentvoll. Du mußt wissen, daß ein Gerücht existirte, welches durch geheimnißvolle Worte, die meine arme Mutter fallen ließ, zum Theil bestätigt wurde, – daß er nämlich noch andre Wissenschaften besitze, welche jetzt der Welt verloren wären und die den Besitzer fähig machten, die dunkeln und schattigen Formen künftiger Ereignisse heraufzubeschwören. Muß nicht die bloße Idee einer solchen Macht, ja schon das hohe Talent und die überlegene Einsicht, welche die Welt fälschlich mit jener Macht verwechselt – muß dies, theure Matilde, nicht dem Besitzer schon eine geheimnißvolle Hoheit leihen? Du wirst dies romantische Ueberspanntheit nennen; aber bedenke, daß ich in dem Lande der Talismane und Zauberformeln geboren bin, und daß ich als Kind durch Märchen eingelullt wurde, deren ihr euch nur mittelst der schwülstigen Spielerei einer französischen Uebersetzung erfreuen könnt. O Matilde, ich wollte, du hättest die dunkeln Gesichter meiner indischen Wärterinnen sehen können, wie sie sich in ernster Andacht bei den magischen Erzählungen gruppirten, welche, halb Poesie, halb Prosa, von den Lippen des Erzählers flossen! Kein Wunder, daß europäische Erzählungen mir kalt und trocken erscheinen, nachdem ich die wunderbaren Wirkungen morgenländischer Geschichten auf die Zuhörer selbst erfahren habe.«

 

Zweiter Auszug.

»Theure Matilde, du kennst die Geheimnisse meines Herzens, du weißt mit welchen Gefühlen ich an Brown denke. Ich will nicht sagen, daß ich nur sein Andenken heilig halte. Denn ich bin überzeugt, er lebt und ist treu. Seine Huldigungen, die er mir brachte, wurden von meiner geschiedenen Mutter begünstigt; vielleicht unvorsichtig begünstigt, da sie die Vorurtheile meines Vaters in Bezug auf Rang und Herkunft hätte erwägen sollen. Aber ich, damals fast noch ein Kind, konnte ja doch nicht klüger sein als sie, unter deren Obhut mich die Natur gestellt hatte. Meinen Vater, den seine militärischen Dienstpflichten fast beständig beschäftigten, sah ich nur selten und man lehrte mich ihn mehr mit Ehrfurcht, als mit Vertrauen betrachten. Wollte der Himmel, es wäre anders gewesen! Es würde dann für uns Alle bis diesen Tag sich besser gestaltet haben!«

 

Dritter Auszug.

»Du fragst mich, warum ich meinen Vater nicht bekannt damit mache, daß Brown noch lebt, daß er wenigstens die Wunde überlebt hat, die er in dem unseligen Duell empfing; und daß er meiner Mutter geschrieben hatte, indem er seine völlige Genesung und seine Hoffnung ankündigte, bald aus der Gefangenschaft zu entfliehen. Ein Soldat, der in seinem Kriegshandwerk oft Menschen erschlug, fühlt wahrscheinlich keine Unruhe, wenn er an die vermeinte Katastrophe denkt, die mich fast in Stein verwandelte. Und wenn ich ihm jenen Brief zeigte, würde dies nicht zur Folge haben, daß Brown, der noch lebte und mit Hartnäckigkeit dieselben Ansprüche geltend machte, um derentwillen mein Vater früher ihm nach dem Leben trachtete, ein weit furchtbarerer Störer von Oberst Mannerings Gemüthsruhe sein würde, als wenn dieser ihn im Grabe vermuthet? Wenn er den Händen jener Räuber entkommt, so wird er gewiß bald in England sein, und dann ist immer noch Zeit, zu überlegen, wie sein Leben vor meinem Vater zu verheimlichen ist. – Aber wenn nun meine feste und vertrauende Hoffnung mich täuschte, was hälfe es dann, ein Geheimniß preisgegeben zu haben, mit welchem so schmerzliche Erinnerungen verknüpft sind? – Meine theure Mutter fürchtete so sehr, daß es bekannt werden könne, daß sie, glaub' ich, meinen Vater argwöhnen ließ, Browns Aufmerksamkeiten wären an sie gerichtet, um ihn nur den wirklichen Gegenstand derselben nicht errathen zu lassen; und o, Matilde, welche Achtung ich auch dem Andenken einer verstorbenen Mutter schuldig bin, so muß ich doch auch dem lebenden Vater Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich kann die zweideutige Politik, mit der sie gegen meinen Vater handelte, nur als unbillig gegen ihn und als höchst gefährlich für beide verwerfen. – Aber Friede sei mit ihrer Asche! ihre Handlungen wurden mehr von ihrem Herzen, als von ihrem Kopfe gelenkt; und sollte ihre Tochter, die all' ihre Schwachheit erbte, die erste sein, welche den Schleier von ihren Mängeln zieht?«

 

Vierter Auszug.

»Mervyn-Hall.

»Wenn Indien das Land des Zaubers ist, so ist dies, theuerste Matilde, das Land der Romantik. Die Scenerie ist von der Art, wie sie die Natur in ihrer erhabensten Laune hervorbringt; – brausende Katarakte – Berge, deren verwitterte Häupter bis zum Himmel ragen – Seen, die, in schattigen Thälern manchfach ausgedehnt, bei jeder ihrer Wendungen zu immer romantischern Stellen führen – Felsen, welche die Wolken des Himmels küssen. Hier all die Wildniß des Salvator, und dort all das Feenhafte des Claude Lorrain. Ich bin glücklich, wenigstens einen Gegenstand gefunden zu haben, bei dem mein Vater meinen Enthusiasmus theilen kann. Ein Bewunderer der Natur, beides als Künstler und Dichter, habe ich das höchste Vergnügen aus den Bemerkungen geschöpft, mit denen er den Charakter und die Wirkungen der glänzenden Proben ihrer Macht erläutert. Ich wollte, er ließe sich in diesem bezaubernden Lande nieder. Aber seine Absichten gehen weiter nach Norden, und er ist jetzt auf einer Tour nach Schottland begriffen, um sich nach einem Landsitz, wie ich glaube, umzusehn, den er ankaufen will. Er liebt, so viel ich mich von früher her erinnere, jenes Land besonders. Demnach, meine theuerste Matilde, muß ich, um eine Heimath mein zu nennen, noch weiter von dir entfernt werden – und o, wie sehr wird es mich freuen, wenn ich sagen kann: Komm, Matilde, und sei der Gast deiner treuen Julie!

»Ich bin jetzt Hausgenossin von Mr. und Mrs. Mervyn, der alten Freunde meines Vaters. Die letztere ist eine recht gute Frau, würdevoll und wirthschaftlich zugleich; was aber sonstige Bildung und Phantasie betrifft, – lieber Himmel, beste Matilde, da könnte deine Freundin ebenso gut Sympathie bei Mrs. Superklug suchen; du siehst, daß ich die Beinamen in eurer Schule nicht vergessen habe. Mervyn ist ganz und gar verschieden von meinem Vater, aber er ist unterhaltend und gutmüthig. Er ist dick und gutgelaunt, mit großer Schlauheit begabt und nicht ohne Humor; da er vermuthlich in der Jugend hübsch gewesen ist, so macht er immer noch Anspruch, für einen beau garçon zu gelten, und ebenso spielt er den eifrigen Freund der Landwirthschaft. Ich finde Vergnügen daran, mit ihm die Gipfel der Höhen zu erklettern, oder an den Fuß der Wasserfälle zu gehen, und zur Vergeltung sehe ich mich genöthigt, seine Rüben, seinen Lucernerklee und sein Timotheusgras zu bewundern. Ich glaube, er hält mich für ein einfältiges, romantisch überspanntes Mädchen, mit etwas (das Wort fällt mir schwer niederzuschreiben) Schönheit und leidlicher Gutmüthigkeit; und ich glaube, daß der Herr die weibliche Außenseite so ziemlich gut zu beurtheilen versteht, hoffe aber keineswegs, daß er auch meine Gefühle zu durchschauen vermag. So scherzt er und führt mich bei der Hand, während er neben mir herhumpelt (denn der arme Mann leidet an der Gicht,) und erzählt Geschichten aus der vornehmen Welt, von welcher er viel gesehn hat; und ich lausche, lächle und blicke so artig, zufrieden und auch so einfältig als möglich dazu; so vertragen wir uns recht gut.

»Doch ach! meine theuerste Matilde, wie langweilig würde mir die Zeit verstreichen, selbst in diesem romantischen Paradiese, welches von einem Paare bewohnt wird, welches gar nicht mit den Umgebungen im Einklang steht, wenn du mir nicht so treulich auf all meine uninteressanten Plaudereien antwortetest? Bitte, versäume ja nicht, mir mindestens dreimal jede Woche zu schreiben – Dir kann es ja nie an Stoff fehlen.«

 

Fünfter Auszug.

»Wie soll ich mittheilen, was ich dir jetzt zu erzählen habe! – Hand und Herz bebt mir so sehr, daß ich fast nicht im Stande bin, zu schreiben! – Sagte ich nicht, daß er lebte? sagte ich nicht, ich wolle nicht verzweifeln? Wie konntest du meinen, theure Matilde, daß meine Gefühle, da ich so jung von ihm getrennt worden war, mehr in meiner glühenden Phantasie, als in meinem Herzen ihren Grund hätten? – O, ich wußte wohl, daß sie ächt waren, so trügerisch auch die Eingebungen unsers Herzens oft sein mögen. – Doch zu meiner Erzählung – sie sei, Freundin, ebenso das heiligste Pfand unsrer Freundschaft, wie es das aufrichtigste ist.

»Wir gehen hier zeitig schlafen, zeitiger, als mein Herz mit seiner Sorgenlast sich der Ruhe hingeben kann. Ich nehme daher gewöhnlich noch einige Stunden lang zu einem Buche meine Zuflucht, nachdem ich mich auf mein Zimmer zurückgezogen habe, welches sich, wie ich dir wohl schon sagte, nach einem kleinen Balkon öffnet, dessen Aussicht auf den schönen See geht; auch von diesem versuchte ich dir ja schon eine einfache Skizze zu geben. Mervyn-Hall, zum Theil ein sehr altes Gebäude und ursprünglich als fester Ort erbaut, liegt am Rande des Sees. Ein Stein, den man vom vorspringenden Balkon hinabfallen läßt, fällt in das Wasser, welches tief genug ist, um ein Boot zu tragen. Ich hatte mein Fenster halb offen gelassen, um, eh' ich zu Bett ging, meiner Gewohnheit nach, noch den Mondenschimmer auf dem See zu betrachten. Lebhaft gedachte ich jener schönen Scene im Kaufmann von Venedig, wo zwei Liebende, die Stille einer Sommernacht schildernd, wechselseitig die Reize derselben erheben, und so war ich verloren in Gedanken und Empfindungen, die jene Schilderung erweckte, als ich vom See her den Klang eines Flageolets vernahm. Ich sagte dir bereits, daß dies Brown's Lieblingsinstrument war. Wer konnte es in einer Nacht spielen, die, obwohl still und heiter, doch zu kalt und zu spät im Jahre war, um einen Wandrer nur zum Vergnügen hieher einzuladen? Ich ging näher zum Fenster und lauschte mit atemloser Aufmerksamkeit. Die Töne schwiegen jetzt – begannen dann wieder – schwiegen auf's Neue und erreichten aufs Neue mein Ohr, immer näher und näher kommend. Endlich unterschied ich deutlich die Melodie jenes Hinduliedchens, das du mein Lieblingsstückchen nanntest – Ich sagte dir, wer es mich gelehrt hatte – das Instrument, die Melodie, alles war sein eigen! – war es irdische Musik, oder Töne, die der Wind hertrug, um mir seinen Tod anzudeuten?

»Es währte einige Zeit, eh' ich den Muth hatte, den Balkon zu betreten – nichts würde mich überhaupt dazu haben ermuthigen können, außer die feste Ueberzeugung, daß er noch lebte, und daß wir uns wiedersehn sollten – nur diese Ueberzeugung lieh mir Kühnheit und ich wagte mich, wiewohl klopfenden Herzens, zum Fenster. Ich gewahrte einen kleinen Nachen mit einer einzigen Person – o Matilde, er selbst war es! – Ich erkannte seine Gestalt nach so langer Trennung und trotz der schattigen Nacht doch so vollkommen, als wären wir gestern erst von einander geschieden und begegneten uns nun im hellen Sonnenschein! Er lenkte sein Boot unter den Balkon und redete mich an; kaum wußte ich, was er sagte, oder was ich erwiederte. Wirklich, das Weinen erstickte fast meine Stimme, aber es waren Freudenthränen. Das Gebell eines Hundes in einiger Entfernung störte uns und wir schieden, aber nicht, ohne daß er mir zuvor das Versprechen entlockt hätte, ihn am nämlichen Ort und zur nämlichen Stunde heut' Abend wieder zu erwarten.

»Doch wohin soll dies Alles führen? – Kann ich diese Frage beantworten? Ich vermag es nicht. – Der Himmel, der ihn vom Tode rettete und aus Gefangenschaft befreite, der auch meinen Vater an der Ermordung desjenigen hinderte, der ihm nicht die geringste Beleidigung zugefügt hatte, derselbe Himmel wird auch mich aus diesem Labyrinthe führen. Mir genügt der feste Vorsatz, daß Matilde nie ihrer Freundin wegen, mein Vater nie seiner Tochter wegen, und mein Geliebter nie ihretwillen erröthen soll, welcher er seine Zuneigung geschenkt hat.«



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