Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Achtes Kapitel.

Ein rother Indier, an Ontario's Seite,
Erzogen auf der Pantherhaut zum Streite,
Sieht also schwinden sein Geschlecht mit Gram,
Seitdem der Weißen Dorf zum Vorschein kam;
Er läßt des Heimatwaldes trautes Haus,
Er läßt Ohio's lautes Fluthgebraus,
Bis, zürnend fliehend, er sich Stätten naht,
Wo nie ein Fuß gefallnes Laub betrat,
Wo Dämmerung zum Sitze sich erkoren
Den stillen Wald, seitdem die Zeit geboren.

Scenen der Kindheit.

Indem wir so den Ursprung und Fortgang des schottischen Bettlerkrieges darstellen, dürfen wir nicht vergessen zu erwähnen, daß Jahre vorübergerollt waren, und daß der kleine Harry Bertram, eines der kühnsten und lebhaftesten Kinder, die sich je ein Schwert und eine Grenadiermütze aus Binsen machten, sich nun der fünften Wiederkehr seines Geburtstages näherte. Die Verwegenheit seines Charakters, die sich früh entwickelte, machte ihn bereits zu einem kleinen Abenteurer. Er war wohlbekannt mit jedem Pfade in den Umgebungen von Ellangowan, und vermochte in seiner gebrochenen Redeweise anzugeben, auf welchen Rainen die schönsten Blumen wuchsen und welche Büsche die reifsten Nüsse trugen. Er erschreckte seine Begleiter oft durch sein Klettern auf den Ruinen des alten Schlosses, und hatte schon mehr als einmal eine verstohlene Excursion noch dem Zigeunerdorfe unternommen.

Bei diesen Gelegenheiten ward er gewöhnlich durch Meg Merrilies zurückgebracht, die, obwohl sie nicht vermocht werden konnte, das Schloß Ellangowan wieder zu betreten, nachdem ihr Neffe gepreßt worden war, dennoch ihr Rachegefühl nicht auf das Kind ausdehnen zu wollen schien. Im Gegentheil suchte sie demselben oft auf seinen Spaziergängen zu begegnen, sang ihm dann ein Zigeunerlied, ließ ihn auf ihrem Esel reiten, und steckte ihm ein Stück gebackenen Ingwer oder einen rothbäckigen Apfel in die Tasche. Die alte Familienanhänglichkeit dieser Alten, die sich jetzt vertrieben und verstoßen sah, schien sich darüber zu freuen, daß sie jetzt wieder einen Gegenstand besaß, dem sie sich völlig zuwenden könne. Sie prophezeite wohl hundert Mal, »daß der junge Mr. Harry der Stolz der Familie sein würde, und die alte Eiche hätte keinen so hübschen Sproß gehabt seit dem Tode des Arthur Mac-Dingawaie, der in der Schlacht der blutigen Bay getödtet ward; was den jetzigen Stamm aber betreffe, der sei nur schlechtes Brennholz.« Bei einer Gelegenheit, als das Kind krank war, lag sie die ganze Nacht unter dem Fenster, während sie einen Reim sang, der ihrer Meinung nach das Fieber vertreiben sollte; und auf keine Weise ließ sie sich überreden, in das Haus zu treten, oder den erwählten Posten zu verlassen, bis sie erfuhr, daß die Krisis vorüber sei.

Die Neigung dieses Weibes fing an Verdacht zu erregen, zwar nicht beim Laird, der nie voreilig einen schlimmen Argwohn faßte, wohl aber bei seiner Frau, die eine schwache Gesundheit und einen beschränkten Geist besaß. Sie war jetzt in einer zweiten Schwangerschaft weit vorgerückt, und da sie deßhalb das Haus selbst nicht verlassen konnte, die Frau aber, welche Harry wartete, jung und leichtsinnig war, so bat sie Dominie Simson das Amt zu übernehmen, und den Knaben auf seinen Streifereien zu beobachten, sobald er sonst keine Begleitung hatte. Simson liebte seinen jungen Pflegbefohlnen und war entzückt, ihn in seiner Gelehrsamkeit bereits glücklich so weit gebracht zu haben, daß er dreisylbige Wörter buchstabiren konnte. Der Gedanke, daß das gelehrte Wunderkind von Zigeunern, wie ein zweiter Adam Smith, entführt werden sollte, war unerträglich; daher übernahm er das Amt, obwohl es seiner gewohnten Lebensweise ganz entgegen war, sehr bereitwillig, und man konnte ihn oft umherwandeln sehen, wie er eine mathematische Aufgabe im Kopfe, das Auge aber auf ein fünfjähriges Kind gerichtet hatte, dessen Streifzüge ihn in hundert lächerliche Situationen brachten. Zweimal wurde der Lehrer von einer wilden Kuh gejagt, einmal fiel er in den Bach, weil er den hineingelegten Stein verfehlte, und ein andres Mal gerieth er bis an die Hüften in den Sumpf von Lochend, weil er versuchte, eine Wasserlilie für den jungen Laird zu pflücken. Die Dorfmatronen, die Simson bei letzterer Gelegenheit retteten, waren der Meinung, »der Laird könnte die Aufsicht über den Kleinen ebenso gut einer Vogelscheuche anvertrauen;« aber der gute Schulmeister trug all sein Unglück mit Gravität und unerschütterlicher Gemüthsruhe. »Wun-der-bar!« war der einzige Ausruf, den alles Mißgeschick dem geduldigen Manne entlocken konnte.

Der Laird hatte zu dieser Zeit beschlossen, die Bettler von Derncleugh mit Stumpf und Stiel auszurotten. Die alten Diener schüttelten die Köpfe bei diesem Vorschlag und selbst Simson wagte eine indirekte Gegenvorstellung. Da sie indeß in dem Orakelspruche bestand: » Ne moveas Camerinam,« so vermochte weder die Anspielung, noch die Sprache, in welcher sie ausgedrückt ward, eine erbauliche Wirkung auf Mr. Bertram hervorzubringen, und das gerichtliche Verfahren gegen die Zigeuner hatte seinen Fortgang. Jede Thür im Dörfchen ward vom Gerichtsdiener mit Kreide bezeichnet, als förmliches Warnungszeichen, daß man sich zum nächsten Termin zu entfernen habe. Dennoch zeigte sich noch immer nichts von Unterwürfigkeit und Nachgiebigkeit. Endlich kam der Termin, der unselige Martinstag, heran, und man traf wirklich Anstalten, die Leute gewaltsam hinauszuwerfen. Eine bedeutende Schaar von Gerichtsdienern, zahlreich genug, um jeden Widerstand vergebens zu machen, forderte die Bewohner auf, am Nachmittag aufzubrechen; und da man nicht gehorchte, so begannen die Gerichtsdiener, ihrer Vollmacht gemäß, die Dächer abzudecken und die elenden Thüren und Fenster loszureißen, – ein summarisches und sehr wirksames Verfahren bei der Herauswerfung, welches noch in einigen entlegenen Theilen Schottlands geübt wird, wenn sich ein Pächter widerspenstig bezeigt. Eine Zeitlang betrachteten die Zigeuner das Zerstörungswerk in finsterem Schweigen und Unthätigkeit, dann begannen sie ihre Esel zu satteln und zu beladen und machten Anstalt von hinnen zu gehen. Damit war man bald fertig, da alle die Sitten wandernder Tartaren hatten; und so begannen sie ihre Reise, um sich einen neuen Wohnsitz zu suchen, wo der Gutsherr noch mildere Gesinnungen hegte.

Eine Beklommenheit des Gefühls hatte Ellangowan abgehalten, in Person zuzusehen, wie seine Unterthanen vertrieben wurden. Er überließ den praktischen Theil dieser Angelegenheit den Gerichtsdienern, die unter der unmittelbaren Leitung Frank Kennedy's, eines Oberaufsehers der reitenden Zollbeamten, standen, der erst neulich bekannt auf dem Schlosse geworden war und von dem wir im nächsten Kapitel mehr sagen werden. Mr. Bertram selbst benutzte diesen Tag, um bei einem entfernten Freunde einen Besuch zu machen. Dennoch fügte es sich bei all seiner Vorsicht, daß er seinen ehemaligen Unterthanen, als sie von seinem Gebiete wegzogen, begegnen mußte.

Es war an einem Hohlweg, der hart am Rand einer steilen Anhöhe, wo die Gränze des Gebiets von Ellangowan war, auslief, daß der Zigeunerzug seinem vorigen Herrn plötzlich begegnete. Vier oder fünf Männer bildeten den Vorposten, gehüllt in lange flatternde Gewänder, welche ihre schlanken Glieder verbargen, so wie die großen niedergekrämpten, tief in die Stirn gedrückten Hüte ihre wilden Mienen, düster glühenden Augen und sonnverbrannten Gesichter zum Theil dem Blick entzogen. Zwei von ihnen waren mit Jagdflinten versehen, einer hielt ein breites entblößtes Schwert in der Hand und alle übrigen führten den hochländischen Dolch, obwohl sie diese Waffe nicht offen oder prahlerisch zur Schau trugen. Dem Hauptzug folgte eine Karawane beladener Esel und kleiner Karren, worauf sich derjenige Theil der verbannten Gesellschaft befand, der alterschwach oder noch ganz jung war. Bejahrten Frauen in rothen Gewändern und Strohhüten, so wie schon halb erwachsenen Kindern, mit bloßem Kopf, barfüßig und halbnackt, war die Sorge für diese kleine Karawane anvertraut. Die Straße war eng und lief zwischen zwei Reihen zerbrochener Sandbänke hin. Bertrams Diener ritt voraus, schwang mit wichtiger Miene seine Peitsche und erinnerte die Zugführer ihren Vorgesetzten Platz zu machen. Man beachtete seine Erinnerung nicht. Nun rief er den Männern, die gelassen dahin zogen, zu: »Haltet eure Bestien an, und macht Platz, damit der Laird vorüber kann.«

»Er soll seinen Theil an der Straße haben,« antwortete ein Zigeuner unter seinem niedergekrämpten, breitrandigen Hute hervor, ohne sein Gesicht zu erheben, »und mehr soll er nicht haben; die Landstraße steht unsern Eseln so gut offen, als seinem Pferde.«

Da der Ton des Mannes finster, ja fast drohend war, so hielt es Mr. Bertram für's Beste, seine Würde in der Tasche zu behalten und an dem Zuge ganz ruhig auf dem Raume vorüberzureiten, den sie ihm zu seiner Bequemlichkeit gestatten wollten, und der freilich nicht breit war. Um seine Empfindlichkeit über den Mangel an Achtung, womit man ihn behandelte, unter einem Anschein von Gleichgültigkeit zu verbergen, redete er einen der Männer an, welcher ohne irgend einen Gruß soeben wie an einem ganz Fremden bei ihm vorüberritt, – »Giles Baillie,« sagte er, »habt Ihr gehört, ob es Eurem Sohn Gabriel wohlgeht?« (die Frage bezog sich auf den jungen Mann, der zum Matrosen gepreßt worden war.)

»Hätte ich etwas vom Gegentheil gehört,« sagte der alte Mann, indem er sein ernstes und drohendes Gesicht erhob, »so solltet Ihr auch davon gehört haben.« Mit diesen Worten zog er seines Wegs, ohne eine weitere Frage abzuwarten Diese Anekdote ist buchstäblich wahr.. Nachdem sich der Laird mühsam durch einen Haufen bekannter Gesichter hindurch gearbeitet hatte, die ihm bei allen frühern Gelegenheiten, wenn er nahte, eine Ehrfurcht bewiesen hatten, wie sie einem höhern Wesen gebührt, jetzt aber nur Haß und Verachtung zeigten, da konnte er, nachdem er aus dem Gedränge war, nicht umhin, sein Pferd umzuwenden, und zu beobachten, wie sie ihren Marsch fortsetzten. Die Gruppe würde einen vortrefflichen Gegenstand für Calotte's Pinsel abgegeben haben. Der Vortrab hatte bereits ein kleines struppiges Dickicht erreicht, welches am Fuße des Hügels lag und welches allmälig den Zug verbarg, bis auch die letzten Nachzügler verschwanden.

Seine Empfindungen waren bitter genug. Allerdings war das Volk, welches er so streng aus dem alten Zufluchtsorte vertrieben hatte, müßig und lasterhaft; aber hatte er sich Mühe gegeben, es zu bessern? Ihr Charakter war jetzt nicht schlimmer, als er es damals war, wo man ihnen gestattete, sich als eine Art von Unterthanen seiner Familie zu betrachten; und war es billig, daß allein der Umstand, daß er jetzt zu einer Magistratsperson geworden war, mit einem Mal sein Betragen gegen sie so verwandelte? Einige Besserungsmittel hätten mindestens versucht werden sollen, ehe man sieben Familien auf einmal in die weite Welt schickte, und sie so gewissermaßen der Schranke beraubte, welche sie wenigstens vor größern Verbrechen zurückhielt. Auch ein natürliches Mitleid bewegte ihn, als er von so vielen bekannten und vertrauten Gesichtern scheiden mußte; für dies Gefühl war Bertram vorzüglich empfänglich, und zwar seiner beschränkten Geistesfähigkeiten wegen, die ihre Unterhaltung meist in den kleinern Gegenständen seiner Umgebung suchten. Als er im Begriff war, sein Pferd wieder zu wenden und seine Reise fortzusetzen, trat plötzlich Meg Merrilies, die hinter dem Zuge zurückgeblieben war, vor ihn.

Sie stand auf einer jener hohen, steilen Wände, welche, wie oben erwähnt ward, die Straße einschlossen; so daß sie beträchtlich höher als Ellangowan stand, obwohl dieser zu Pferde war, und ihre hohe Figur, welcher der klare blaue Himmel zum Hintergrund diente, erschien auf diese Weise von fast übernatürlicher Größe. Wir bemerkten schon, daß in ihrer Kleidung, oder vielmehr in der Weise, wie sie dieselbe trug, etwas Fremdartiges lag, welches sie vielleicht künstlich annahm, um die Wirkung ihrer Zauberformeln und Vorhersagungen zu erhöhen, oder auch wohl nur um die durch die Tradition bekannte Tracht ihrer Vorfahren zu bewahren. Im gegenwärtigen Falle hatte sie ein großes Stück rothes Tuch in Form eines Turbans um ihr Haupt gewickelt, unter dem ihr dunkles Auge mit ungewöhnlichem Glanze hervorleuchtete. Ihr langes, geringeltes schwarzes Haar fiel in phantastischen Locken aus den Falten dieses sonderbaren Kopfputzes herab. Ihre Haltung war die einer in Verzückung begriffenen Sibylle, und in der rechten Hand streckte sie einen jungen Baumzweig aus, der eben erst gebrochen zu sein schien.

»Ich will verdammt sein,« sagte der Stallknecht, »wenn sie den jungen Eschenzweig nicht im Dukitpark abgeschnitten hat!« – Der Laird gab keine Antwort, sondern fuhr fort, auf die Gestalt zu blicken, die ihm so über seinem Pfade schwebte.

»Reitet Eure Straße,« sagte die Zigeunerin, »reitet Eure Straße, Laird von Ellangowan – reitet Eure Straße, Gottfried Bertram! – Heute habt Ihr sieben rauchende Herde ausgelöscht – seht zu, ob das Feuer in Eurem eigenen Gemach dafür um so lichter brennen wird. Ihr habt von sieben Häusern das Dach losgerissen – seht, ob Euer eigner Dachstuhl um so fester stehn wird. – Ihr mögt Euer Vieh in die Hütten von Derncleugh stellen – seht zu, daß der Hase sein Lager nicht auf Ellangowan's Herdsteinen nimmt. – Reitet Eures Wegs, Gottfried Bertram – was starrt Ihr unserm Volke nach? – Es sind dreißig Herzen dort, die lieber sich ihr Brod versagt hätten, eh' Ihr Eure Leckerbissen hättet entbehren sollen, die ihr Herzblut eher gegeben hätten, eh' Ihr Euch in den Finger hättet ritzen sollen. Ja – dreißig sind dort, vom alten hundertjährigen Weibe bis zum Kinde, das in letzter Woche geboren ward, die Ihr aus ihrer Lagerstatt verjagt habt, daß sie mit Krähen und Raben in der Wüste schlafen müssen! – Reitet Eures Wegs, Ellangowan. – Unsre Kinder hängen auf unserm müden Rücken – seht zu, daß Eure Wiege daheim desto besser bereitet ist – nicht etwa, daß ich dem kleinen Harry Böses wünschte, oder dem Kinde, das noch geboren werden soll – Gott behüte mich davor – und er mache sie milder gegen die Armen, und mache sie zu bessern Leuten, als ihr Vater ist! – Und nun, reitet nur Eures Wegs; denn dieses waren die letzten Worte, die Ihr je von Meg Merrilies hören werdet, und dies ist das letzte Reis, das ich je aus den schönen Wäldern Ellangowans schnitt.«

So sagend, zerbrach sie den Zweig, den sie in der Hand hielt und warf ihn auf die Straße. Margarete von Anjou, als sie ihren triumphirenden Feinden ihren Fluch gab, konnte sich nicht mit einer Miene stolzerer Verachtung von ihnen wenden. Der Laird war im Begriff zu sprechen und steckte die Hand in die Tasche, um eine halbe Krone herauszulangen; die Zigeunerin wartete weder seine Antwort, noch sein Geschenk ab, sondern schritt den Hügel hinab, um die Karawane einzuholen.

Ellangowan ritt gedankenvoll nach Hause; und merkwürdig war es, daß er dieser Zusammenkunft gegen Niemand in der Familie erwähnte. Der Stallknecht war nicht so zurückhaltend, er erzählte die Geschichte der Länge nach dem ganzen Küchenpublikum, und beschloß sie endlich, indem er schwur, daß, »wenn der Teufel je aus dem Munde eines Weibes gesprochen habe, so sei es an diesem verwünschten Tage durch den Mund der Meg Merrilies geschehen.«



 << zurück weiter >>