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Sechstes Kapitel.

– – – Zunächst: Gerechtigkeit.
Mit stattlich rundem Bauch und wohlgenährt,
Mit strengem Blick und äußerst würd'gem Bart,
Voll weiser Sprüch', und neuerer Exempel:
So spielt er seine Rolle. – –

Wie es euch gefällt.

Sobald Mrs. Bertram von Ellangowan fähig war, die Neuigkeiten anzuhören, die sich während ihrer Entbindung zugetragen hatten, erklang ihr Zimmer von aller Art von Gevattergeschwätz in Bezug auf den hübschen jungen Studenten aus Oxford, welcher aus den Sternen dem jungen Laird viel Glück geweissagt hatte, »Segen und Heil seinem holden Gesicht.« – Gestalt, Sprache und Benehmen des Fremden wurden sodann gehörig geschildert. Sein Pferd, Zaum, Sattel, Steigbügel blieben auch nicht unerwähnt. Alles dies machte einen tiefen Eindruck auf Mrs. Bertrams Gemüth, denn die gute Dame besaß einen tüchtigen Vorrath von Aberglauben.

Ihr erstes Geschäft, sobald sie fähig war etwas zu verrichten, bestand darin, ein kleines Sammetbeutelchen zur Aufnahme des Horoscop's zu verfertigen, welches sie von ihrem Gemahl erhalten hatte. Es zuckte ihr in den Fingern, das Siegel zu erbrechen, aber der Aberglaube war stärker als die Neugierde, und sie besaß Festigkeit genug, es in vollkommener Integrität in zwei Pergamentstreifchen zu legen, welche sie ringsum zunähte, damit es sich nicht abscheuern möchte. Das Ganze ward dann in den vorbesagten Sammtbeutel gelegt, und hing als ein Amulet um des Kindes Hals, wo es die Mutter so lange hängen lassen wollte, bis die Zeit gekommen wäre, wo sie ihre Neugierde auf rechtmäßige Weise befriedigen könnte.

Der Vater war gleichfalls entschlossen, das Seine bei dem Kinde zu thun, indem er für eine gute Erziehung sorgte; und in der Voraussetzung, daß diese mit dem ersten Beginn der Vernunftentwickelung anfangen müßte, ward Dominie Simson leicht dazu vermocht, sein öffentliches Geschäft als Schulmeister des Kirchspiels aufzugeben, seinen beständigen Wohnsitz auf dem Edelhofe aufzuschlagen und für einen Gehalt, welcher selbst zu jener Zeit den Lohn eines Bedienten nicht völlig aufwog, dem künftigen Laird von Ellangowan alle die Gelehrsamkeit einzuflößen, die er besaß, so wie all' die Anmuth und die Talente, die er – in Wahrheit nicht besaß, deren Mangel er jedoch niemals entdeckt hatte. Bei dieser Einrichtung fand der Laird auch noch seinen besondern Vortheil, indem er sich die beständige Wohlthat eines geduldigen Zuhörers sicherte, dem er, waren sie allein, seine langen Geschichten erzählen konnte, und auf dessen Kosten er, wenn Gesellschaft da war, seine schlauen Witze äußern durfte.

Etwa vier Jahre nach dieser Zeit entstand eine große Bewegung in der Grafschaft, worin Ellangowan liegt.

Diejenigen, welche auf die Zeichen der Zeit achteten, waren längst der Meinung gewesen, daß bald ein Ministerwechsel stattfinden werde. Endlich, nach einem gehörigen Zeitraum voll Furcht, Hoffnung und Verzug, voll Gerüchte, die wohlbegründet und schlechtbegründet und auch gar nicht begründet waren; nachdem so manche Klubs einen Staatsmann hatten leben lassen, während andere riefen: nieder mit ihm! nachdem Reitens und Rennens und Postfahrens, nachdem des Sendens von Adressen und Gegenadressen, des Anerbietens von Blut und Vermögen genug vorgekommen war, da endlich fiel der Streich wirklich; die gegenwärtige Regierung ward aufgelöst und das Parlament, wie sich von selber versteht, ebenfalls aufgelöst.

Sir Thomas Kittlecourt, gleich andern Parlamentsmitgliedern in derselben Lage, begab sich eiligst nach seiner Grafschaft, fand aber nur eine gleichgiltige Aufnahme. Er galt für einen Anhänger der alten Regierung, und die Freunde der neuen hatten sich bereits einen tüchtigern Stellvertreter in der Person des John Featherhead Esq. erlesen, der die besten Hunde und Renner in der ganzen Grafschaft hielt. Unter andern, die sich zur Fahne des Aufruhrs schaarten, war auch Gilbert Glossin, Schreiber in – –, Geschäftsführer des Laird von Ellangowan. Dieser würdige Gentleman hatte entweder in irgend einer Sache eine abschlägige Antwort vom alten Parlamentsmitgliede erhalten, oder er hatte, was ebenso wahrscheinlich ist, alles erhalten, worauf er nur den entferntesten Anspruch machen konnte, und hatte nun nur noch aus einer andern Seite neuen Vortheil zu erwarten. Mr. Glossin besaß schon eine Stimme, die auf Ellangowans Besitzthum ruhte; und nun war er entschlossen, daß sein Patron auch eine haben solle, da er keinen Zweifel hatte, auf wessen Seite sich Mr. Bertram in diesem Streite schlagen würde. Leicht wußte er Ellangowan zu überreden, daß es sein Ansehn sehr heben werde, wenn er an der Spitze einer möglichst starken Partei hierbei aufträte; so begab er sich unmittelbar an's Werk, indem er sich, auf die, jedem schottischen Anwalt bekannte Weise, dadurch Stimmen verschaffte, daß er die Oberherrlichkeit dieser alten und einst mächtigen Baronie in lauter Unterabtheilungen zersplitterte. Dieselbe war von solcher Ausdehnung, daß, wenn man hier etwas wegnahm und beschnitt, dort etwas zusetzte und anflickte, und dabei auch Oberlords für alle Güter, die Bertram von der Krone besaß, ernannte, man sicherlich am Tage der Entscheidung an der Spitze von zehn so wackern Pergamentmännern auftreten konnte, als nur je ihren Eid auf Treu' und Vermögen abgelegt hatten. Diese gewaltige Verstärkung gab am Tage des zweifelhaften Kampfes den Ausschlag. Der Principal und sein Geschäftsführer theilten die Ehre; der Lohn fiel ausschließlich dem letztern zu. Mr. Gilbert Glossin ward Schreiber des Friedensgerichts und Gottfried Bertram sah seinen Namen, gleich nach der Sitzung des Parlaments, dem Verzeichniß des neuen Ausschusses von Friedensrichtern eingereiht. Dies war das Höchste, was Mr. Bertrams Ehrgeiz erstrebt hatte; nicht etwa, daß ihm das Beschwerliche und die Verantwortlichkeit in diesem Amte besonders zusagte, er meinte vielmehr nur, es sei eine Würde, die ihm von Rechtswegen gebühre, und die ihm durch Bosheit bisher vorenthalten worden sei. Es gibt aber ein altes und wahres schottisches Sprichwort: »dem Narren gib kein scharfes Schwert in die Hand.« Mr. Bertram war kaum in Besitz der richterlichen Würde, die er so sehr gewünscht hatte, als er auch begann, sie mit mehr Strenge als Gnade geltend zu machen, so daß er all die Erwartungen, die man von seiner Gutmüthigkeit bisher gehegt hatte, Lügen strafte. Wir lasen einmal von einem Friedensrichter, der, nachdem er zu dieser Würde gelangt war, an einen Buchhändler einen Brief schrieb, worin er die Statuten seines neuen Amtes nach folgender Orthographie verlangte: »Belieben mir zu senten die Anweißung bedreffend einem Friedensrichter.« Ohne Zweifel wird dieser gelehrte Gentleman, wenn er die Anweisung erhalten hat, mit gutem Erfolg das Schwarze weiß und das Weiße schwarz gemacht haben. Mr. Bertram war in der englischen Grammatik nicht so ganz fremd, wie sein würdiger Vorgänger, aber gewiß konnte jener Friedensrichter mit seiner »Weißung« nicht unvorsichtiger gewirthschaftet haben.

Er betrachtete im vollen Ernst das ihm anvertraute Amt als ein Zeichen der persönlichen Gunst seines Fürsten, indem er vergaß, daß er früher die Entbehrung eines solchen Vorrechts, welches bei denen von seinem Range so gewöhnlich war, für ein Werk bloßer Kabale gehalten hatte. Er befahl seinem treuen Gehilfen, Abel Simson, die Amtsertheilung laut vorzulesen, und bei den ersten Worten, »Es hat dem König gefallen, zu verordnen,« rief er »gefallen!« und dabei gab er sich dem Gefühle eines dankbaren Entzückens hin. »Der edle Herr! sicherlich kann es ihm nicht mehr gefallen, als mir selber.«

Daher ließ er, weil er seine Dankbarkeit nicht auf bloße Gefühle oder leere Worte beschränken wollte, dem neuen Amtseifer vollen Lauf, und bemühte sich die Anerkennung der ihm erwiesenen Ehre durch eine unermüdliche Thätigkeit in seinen Amtsgeschäften an den Tag zu legen. Man sagt, neue Besen kehren gut, und ich selbst kann bezeugen, daß bei der Ankunft eines neuen Dienstmädchens die alten, eingewohnten Hausspinnen, die während der friedlichen Herrschaft der Vorgängerin die untern Fächer meiner Bücherbrete (hauptsächlich angefüllt mit juristischen und theologischen Sachen) übersponnen hatten, sich eilig vor den plötzlichen Einfällen der neuen Miethstruppen zurückziehen. Ebenso begann der Laird von Ellangowan unbarmherzig seine Verbesserungen auf Kosten verschiedener wohleingerichteter und eingewohnter Gauner und Diebe, welche ein halbes Jahrhundert hindurch seine Nachbarn gewesen waren. Er brachte seine Wunder wie ein zweiter Herzog Humphrey zu Stande, und mit Hilfe des vermögenden Büttelstockes lehrte er Lahme gehen, Blinde sehen und vom Schlage Getroffene arbeiten. Er entdeckte Wilddiebe, Krebssammler, Obststehler und Taubenschützen; und dafür ward ihm zum Lohne der Beifall seiner Collegen und der Ruhm einer thätigen Magistratsperson.

All diesem Guten war aber auch die gehörige Portion von Bösem beigemischt. Auch eine alte Unbill, die zur Gewohnheit eingewurzelt ist, sollte man nicht ohne einige Vorsicht beseitigen. Der Eifer unsers würdigen Freundes brachte nun viele Personen in große Bedrängniß, deren Neigung zu Müßiggang und Bettelei seine eigene Trägheit so lange genährt hatte, bis jene Neigungen zur zweiten Natur geworden waren, oder bis die wirkliche Unfähigkeit dieser Leute zur Arbeit sie (nach ihrer eigenen Redeweise) der Milde aller wohldenkenden Christen würdig gemacht hatte. Der von Alters her bekannte Bettler, der seit mehr als zwanzig Jahren seine regelmäßige Runde in der Nachbarschaft gemacht hatte, wo man ihn eher als den armen Freund, denn als einen Gegenstand der Wohlthätigkeit betrachtete, ward in ein benachbartes Arbeitshaus gesandt. Das gebrechliche Weib, welches auf einer Tragbahre rings durch das Kirchspiel reiste, wo es von Haus zu Haus circulirte gleich einem falschen Schilling, den jeder gern so schnell als möglich seinem Nachbar überläßt; sie, die so laut, oder noch lauter nach ihren Trägern zu rufen pflegte, als ein Reisender nach den Postpferden, auch sie theilte dasselbe unselige Loos. Der taube Hans, der, halb Schelm halb Dummkopf, den größten Theil des Jahrhunderts hindurch für jedes neuheranwachsende Geschlecht der Dorfkinder ein Gegenstand des Scherzes gewesen war, ward in das Correctionshaus der Grafschaft geschafft, wo er, abgeschlossen von freier Luft und Sonnenschein, den einzigen Gütern, die er zu genießen vermochte, dahinsiechte, bis er nach sechs Monaten starb. Der alte Seemann, der so lange die rußigen Schornsteine von jeder Küche in der Gegend fröhlich hatte widerhallen lassen, indem er vom Capitän Ward, oder vom kühnen Admiral Benbow sang, ward einzig und allein aus dem Grunde aus der Gegend gewiesen, weil seine Sprache etwas von irischem Accent an sich hatte. Sogar die jährlichen Runden des Hausirers schaffte der Friedensrichter ab, und zwar aus übereiltem Eifer für die Verwaltung der Landpolizei.

Diese Dinge geschahen nicht ohne Aufsehn und Tadel zu erregen. Wir sind nicht aus Holz und Stein gemacht, und die Gegenstände, die mit unsern Herzen und Gewohnheiten zusammenhängen, können nicht, wie die Rinde vom Baume, losgerissen werden, ohne daß wir sie vermissen. Die Frau Pächterin entbehrte die gewohnten Neuigkeiten, vielleicht auch die Selbstzufriedenheit, die sie empfunden hatte, während sie dem Bettler, der die Neuigkeiten brachte, das Almosen in Gestalt einer handvoll Hafergrütze gab. Der Hüttenbewohner empfand die Unbehaglichkeit, welche durch Unterbrechung des Kleinhandels, den die wandernden Krämer trieben, entstand. Die Kinder vermißten Zuckerpflaumen und Spielzeug; die jungen Weiber entbehrten Nadeln, Bänder, Kämme und Lieder, und die alten konnten nun nicht mehr Eier für Salz, Docht und Schnupftabak vertauschen. All diese Umstände brachten den geschäftigen Laird von Ellangowan in Mißkredit, welcher um so allgemeiner war, je größer seine frühere Popularität gewesen. Selbst sein Geschlechtsregister mußte gegen ihn zeugen. Man meinte: »Das kommt gar nicht in Betracht, was die von Greenside, oder Burnville, oder Viewforth thun möchten, die wären ja Fremdlinge in dieser Gegend; aber Ellangowan! ein Mann, der seit den grauen Mönchszeiten und lange vorher hier einheimisch gewesen – wenn der die Armuth auf solche Weise drücken will! – Sie hießen seinen Großvater den gottlosen Laird; aber wenn er auch schlimm genug war, und mit seiner lustigen Gesellschaft mehr als zuviel trank, so hätte er sich doch niemals benommen! Nein, nein, damals sah man weit und breit die Esse auf dem alten Schlosse wie einen Schmelzofen rauchen, und da sättigte sich an den Ueberbleibseln auf dem Hofe und am Thor so viel armes Volk, als Edle in der Halle waren. Und die Dame, sie kam in jeder Christnacht und gab jedem armen Menschen zwölf Silberpfennige zu Ehren der zwölf Apostel. Sie nennen das jetzt lieber Papisterei, aber ich dächte, das vornehme Volk könnte sich an den Papisten ein Beispiel nehmen. Sie wissen aber den armen Leuten auf andere Art zu helfen, am Sonntag werfen sie ein Sechspencestück in den Klingelbeutel und die sechs Tage der Woche schinden und plagen sie das arme Volk auf erbärmliche Weise.«

So sprachen sich die Politiker beim Zweipfennigkrug in jedem Bierhause drei Meilen in der Runde um Ellangowan aus, denn so groß war ungefähr der Durchmesser des Kreises, in welchem unser Freund Gottfried Bertram Esq. F. R. sein Licht leuchten lassen konnte. Noch mehr Stoff ward den bösen Zungen dadurch gegeben, daß eine Zigeunercolonie verbannt wurde, wovon unsere Leser bereits ein Mitglied kennen gelernt haben, und die seit langen Jahren auf dem Gebiete von Ellangowan ihren Hauptsitz gehabt hatte.



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