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Viertes Kapitel.

Der Glaube an Sterndeuterei war um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts fast allgemein, doch begann er gegen das Ende dieses Zeitraums schwankend und zweifelhaft zu werden, und zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts gerieth die Kunst gänzlich in Verruf und ward allgemein verlacht. Doch behielt sie noch immer so manche Parteigänger, selbst in den Sitzen der Gelehrsamkeit. Ernste und gelehrte Männer verließen ungern jene Berechnungen, welche frühzeitig Hauptgegenstände ihrer Studien gewesen waren, und fühlten ein Widerstreben, von der herrschenden Höhe herabzusteigen, wohin sie die vermeinte Gabe, die Zukunft mittelst himmlischer Einflüsse und Conjuncturen zu befragen und zu durchschauen, weit über die übrige Menschheit erhoben hatte.

Unter denen, welche diesem eingebildeten Vorrecht mit vollem Glauben anhingen, befand sich ein alter Geistlicher, von welchem Mannering erzogen ward. Er verderbte seine Augen durch Beobachtung der Sterne, und sein Gehirn durch Berechnung ihrer verschiedenen Stellungen. Sein Mündel nahm in früher Jugend natürlich einen Theil dieses Enthusiasmus an, und war eine Zeitlang eifrig bemüht, sich zum Meister in dem kunstgerechten Verfahren bei astrologischen Forschungen zu machen; so daß, bevor er sich von der Albernheit dieser Kunst überzeugte, ihm selbst William Lilly »eine seltsame Fassungskraft und ein durchdringendes Urtheil in Lösung jeder die Nativität betreffenden Frage« würde zugestanden haben.

Im gegenwärtigen Falle stand er so früh des Morgens auf, als es die Kürze des Tages gestattete, und begann die Nativität des jungen Erben von Ellangowan zu berechnen. Er unternahm das Geschäft secundum artem, theils um sein Ansehen zu behaupten, theils aus einer gewissen Neugier, um zu erfahren, ob er die eingebildete Wissenschaft noch im Gedächtniß habe und üben könne. Er stellte daher sein Schema oder seine Figur des Himmels auf, welche in zwölf Häuser getheilt war, stellte die Planeten gehörig hinein und berichtigte ihren Stand sodann nach Stunde und Augenblick der Geburt. Ohne unsre Leser mit den allgemeinen Andeutungen zu belästigen, welche eine kunstgerechte Astrologie aus diesen Umständen gefolgert hätte, sei nur gesagt, daß sich eine Andeutung aus dem Ganzen ergab, welche die Aufmerksamkeit unsers Astrologen ganz besonders auf sich zog. Mars, der in der Höhe des zwölften Hauses herrschte, drohte dem Neugebornen Gefangenschaft, oder plötzlichen und gewaltsamen Tod, und indem Mannering seine Zuflucht zu jenen Regeln nahm, wodurch sich die Wahrsager von der Heftigkeit einer so schlimmen Laufbahn überzeugen und belehren, bemerkte er aus dem Erfolg, daß drei Perioden in diesem Falle besonders gefährlich sein würden, das fünfte, das zehnte und das einundzwanzigste Jahr des Neugebornen.

Bemerkenswerth ist, daß Mannering schon vorher einmal ein ähnliches Narrenspiel, auf die Bitte der Sophie Wellwood, der jungen Dame, zu welcher er eine Zuneigung hegte, unternahm, und daß damals eine ähnliche Planetenverbindung diese Dame mit Tod oder Gefangenschaft in ihrem neun und dreißigsten Jahre bedrohte. Sie zählte damals achtzehn Jahre, so daß dem Stand der Gestirne zufolge, das nämliche Jahr auch ihr mit demselben Mißgeschick drohte, welches dem Kinde prophezeit war, das in dieser Nacht das Licht der Welt erblickte. Betroffen von dieser Uebereinstimmung, wiederholte Mannering seine Berechnungen; der Erfolg bestätigte das bereits Verkündigte noch mehr, bis endlich der nämliche Monat und derselbe Tag des Monats für beide als gefährlich bezeichnet erschien.

Man wird leicht glauben, daß wir, indem wir dieses Umstands erwähnen, auf die so erlangte Kunde kein Gewicht legen. Aber es kommt oft vor, und so groß ist unsre angeborne Liebe zum Wunderbaren, daß wir uns freiwillig Mühe geben, unser besseres Urtheil zu betrügen. Ob das Zusammentreffen, dessen ich gedachte, wirklich einer jener sonderbaren Fälle war, die sich bisweilen gegen alle natürliche Erwartung zugetragen; oder ob Mannering, durch das arithmetische Labyrinth und die tolle Kunstsprache der Astrologie verwirrt, ohne Bewußtsein zweimal demselben Knäuel gefolgt war, um aus den Irrgängen zu gelangen; oder ob seine Einbildungskraft, verführt durch einen Punkt scheinbarer Uebereinstimmung, noch dazu beitrug, die Aehnlichkeit zwischen beiden Berechnungen weit genauer darzustellen, als es sonst der Fall gewesen sein würde, das Alles läßt sich schwer errathen; aber der Eindruck, den der Umstand, daß die Resultate so genau übereinstimmten, auf sein Gemüth hervorbrachte, war lebhaft und unauslöschlich.

Er konnte nicht umhin über ein so sonderbares und unerwartetes Zusammentreffen Staunen zu empfinden. »Ist der Teufel im Spiele, um sich für unsre Tändelei mit einer Kunst zu rächen, welche, wie man sagt, zauberischen Ursprungs ist? Oder ist es möglich, wie Bacon und Sir Thomas Browne zugibt, daß etwas Wahres an einer vernünftig und nach Regeln geübten Astrologie ist, und daß der Einfluß der Sterne nicht geläugnet werden kann, wenn man auch der Betrüger wegen, welche vorgeblich die Kunst üben, diese einigermaßen im Verdacht haben mag?« – Er überlegte nicht lange, um diese Meinung als phantastisch aufzugeben, da sie nur von jenen gelehrten Männern aus dem Grunde in Aufnahme gebracht worden war, weil sie nicht wagen durften, auf einmal all die Vorurtheile ihrer Zeit umzustoßen, oder auch, weil sie selbst nicht ganz frei von jenem ansteckenden Einflusse eines herrschenden Aberglaubens waren. Der Erfolg seiner Berechnungen in diesen beiden Fällen ließ jedoch einen so unangenehmen Eindruck in seinem Geiste zurück, daß er, gleich Prospero, seiner Kunst entsagte, und sich entschloß, nie wieder, weder in Ernst noch in Scherz, die Astrologie auszuüben.

Lange überlegte er, was er dem Laird in Bezug auf das Horoskop seines Erstgebornen sagen solle; endlich aber beschloß er, ihm zwar den Erfolg seiner Berechnungen offen zu berichten, zugleich ihn aber auch mit der Unzuverlässigkeit der Kunstregeln, nach denen er verfahren war, bekannt zu machen. Mit diesem Entschluß ging er hinaus nach der Terrasse.

War der Anblick der Umgebungen Ellangowans bei Mondlicht angenehm gewesen, so verloren sie keine ihrer Schönheiten im Lichte der Morgensonne. Das Land lachte unter ihrem Einflusse selbst im Monat November. Ein steiler, doch regelmäßiger Fußsteig führte von der Terrasse aufwärts nach einer benachbarten Anhöhe, und leitete Mannering vor die Fronte des alten Schlosses. Dieses bestand aus zwei massiven runden Thürmen, welche tief und düster aus den äußersten Winkeln einer umgebenden Schutzmauer hervorragten, durch welche sie verbunden waren und so den Eingang beschützten, der sich in Form eines erhabenen Bogens inmitten der Mauer befand und nach dem innern Schloßhof führte. Die in Stein gehauenen Familienwappen prangten düster über dem Thorweg, und das Portal zeigte noch die vom Bauherrn angebrachten Fugen, um das Fallgatter nieder, und die Zugbrücke emporziehen zu können. Ein plumpes Thor, aus jungen Baumstämmen zusammengenagelt, schützte jetzt allein noch diesen einst furchtbaren Eingang. Die Esplanade vor der Fronte des Schlosses beherrschte eine herrliche Aussicht.

Die traurige Scene der Zerstörung, durch welche am vorigen Abend Mannering's Weg gegangen war, ward hier durch Höhen dem Blicke entzogen, und die Landschaft zeigte einen anmuthigen Wechsel von Hügel und Thal, durchschnitten von einem Flusse, welcher an manchen Punkten sichtbar, an andern aber, wo er zwischen tiefen und waldigen Ufern hinwallte, verborgen war. Die Spitze eines Kirchthurms und der Anblick einiger Häuser zeigten, daß an der Stelle wo sich der Strom in's Meer ergoß, ein Dörfchen lag. Die Thäler schienen gut angebaut zu sein und waren überall mit kleinen Zäunen umfriedigt, worin sich die abgetheilten Felder am Abhange der Hügel hinlagerten; zuweilen liefen auch wohl, wie in schlängelnden Linien geführt, zwischen Hecken kleine Pfade nach den Höhen. Ueber diesen lagen wieder grüne Weideplätze, die hauptsächlich mit ganzen Heerden von Hornvieh, was damals den Hauptreichthum dieses Landes ausmachte, angefüllt waren, deren entferntes Gebrüll die Landschaft auf nicht unangenehme Weise belebte. Die entlegenern Hügel waren von düstererm Charakter, in noch weiterer Ferne erhoben sie sich zu blauen Bergen mit Heidekraut bedeckt, die wie eine dem Horizont vorgezogne Decke der angebauten Landschaft eine scharf abgemessene Gränze anwiesen, und zu gleicher Zeit die angenehme Vorstellung einer gänzlichen Abgeschiedenheit von der Welt in der Seele des Reisenden, der sich in dies einsame Thal verirrte, erwecken mußten. Die Seeküste, welche Mannering nun in ihrem ganzen Umfang erblickte, war an Manchfaltigkeit und Schönheit dem Binnenlande völlig gleich. An manchen Stellen erhob sich dieselbe mit steilen Felsen, die häufig mit den Ruinen alter Gebäude, Thürme oder Warten gekrönt waren, welche der Tradition nach einander entgegengestellt waren, damit sie einander bei Einfällen oder bürgerlichen Kriegen die Signale zu gemeinsamem Schutz und Trutz mittheilen konnten. Das Schloß Ellangowan war bei weitem die ausgedehnteste und wichtigste unter diesen Ruinen, und bestätigte durch Größe und Lage das Uebergewicht, welches ihre Burgherren unter den Häuptern und Edeln der Nachbarschaft, wie die Sage ging, einst besessen hatten; an andern Orten beschrieb das von kleinen Buchten durchschnittene Ufer angenehmere Gruppen, besonders wo sich das Land allmälig absenkte oder mit waldbedeckten Vorgebirgen in die See hinaus erstreckte.

Ein so völlig verschiedenes Schauspiel von dem, was die Eindrücke der letzten Nachtreise Guy Mannering hatten erwarten lassen, hatte auch entsprechende Wirkung auf sein Gemüth. Unter sich sah er das neue Haus; ein nach den Regeln der Baukunst allerdings ungeschicktes Gebäude, aber schön gelegen und mit sonnigen, freundlichen Umgebungen begränzt. – »Wie glücklich,« dachte der Reisende, »möchte das Leben eines Mannes in solcher Abgeschiedenheit dahin fließen! Zur einen Seite die erhabenen Trümmer vergangener Menschengröße, mit dem heimlichen Bewußtsein des Familienstolzes, den sie einflößen; auf der andern Geschmack und Bequemlichkeit genug, um jeden mäßigen Erdenwunsch zu befriedigen. Und alsdann mit dir hier vereint, Sophie!« – –

Wir wollen den wachen Traum eines Liebenden nicht weiter verfolgen. Mannering blieb eine Minute lang mit unterschlagenen Armen stehen, und wandte sich dann nach dem verfallenen Schlosse.

Als er durch den Thorweg eintrat, fand er, daß die rohe Pracht des innern Hofes der äußern Größe ganz entsprechend war. An der einen Seite lief eine Reihe hoher und breiter Fenster, durch ausgehauene Pfeiler von Stein abgetheilt, welche einst die große Halle des Schlosses erleuchtet hatten; an der andern Seite befanden sich mehrere Gebäude, die zwar an Höhe und Jahrzahl verschieden, aber doch so untereinander verbunden waren, daß sie dem Auge einen allgemeinen und gleichförmigen Eindruck, von der Fronte betrachtet, gewährten. Die Thüren und Fenster waren mit erhabener Arbeit geschmückt, welche rohe Proben von Bildhauerei und Zeichenkunst damaliger Zeit enthielt; theils ganz, theils in Stücke zerbrochen; theils mit Epheu und Schlingpflanzen überdeckt, die üppig zwischen den Trümmern hervorwucherten. Das Ende des Hofes, welches dem Eingange gerade gegenüberstand, schloß sich in früherer Zeit gleichfalls mit einer Reihe von Gebäuden. Dieser Theil des Schlosses war jedoch verfallener, als alle übrigen, und zwar, wie man sagte, in Folge eines Bombardements von Seiten der Schiffe des Parlaments unter Deane, während des langen Bürgerkrieges, und daher zeigte der Bau hier eine solche Spalte, daß Mannering durch dieselbe nicht nur die offne See, sondern auch das kleine bewaffnete Fahrzeug eines Schmugglers, das mitten in der Bucht vor Anker lag, beobachten konnte. Während sein Auge noch die Ruinen ringsum betrachtete, hörte er aus dem Innern eines Gemaches zur Linken die Stimme der Zigeunerin, die er am vorigen Abend zuerst gesehen hatte. Er entdeckte bald eine Oeffnung, durch die er sie genauer beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden; er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß ihre Gestalt, ihre Beschäftigung und ihre Stellung zusammen genau den Eindruck einer Sibylle der Vorzeit hervorbrachten.

Sie saß auf einem zerbrochenen Eckstein im Winkel eines gepflasterten Gemachs, wovon sie einen Theil rein gefegt hatte, um sich für die Kreise ihrer Spindel eine ebene Bahn zu verschaffen. Ein starker Sonnenstrahl fiel durch ein hohes, enges Fenster auf ihre phantastische Kleidung und Gesichtszüge, und gab zugleich für ihre Beschäftigung das nöthige Licht, während der übrige Theil des Aufenthaltsortes völlig finster blieb. Gekleidet in einen Rock, worin sich die Nationaltracht des schottischen Volks mit einem Anflug morgenländischer Kleidung gemischt zu haben schien, spann sie einen Faden, den sie aus Wolle von dreierlei Farben, schwarz, weiß und grau, zwischen den Fingern hervorzog, mit Hilfe jenes alterthümlichen Hausfrauengeräthes, welches jetzt fast ganz vom Lande verbannt ist, nämlich des Rockens und der Spindel. Während sie spann, sang sie etwas, was beinah wie ein Zauberspruch klang. Nachdem Mannering umsonst versucht hatte, sich der Worte ihres Liedes genau zu bemächtigen, versuchte er später folgende Umschreibung dessen, was ihm, nach wenigen verständlichen Phrasen, der allgemeine Inhalt zu sein schien:

Drehe, winde! so, von je,
Mischten sich auch Freud' und Weh,
Furcht und Hoffen, Ruh und Streben,
Als Gespinnst im Menschenleben.

Während das Geweb sich spinnt,
Und des Kindes Sein beginnt,
Sieht man in des Zwielichts Walten
Schreiten mächtige Gestalten!

Thorheit, Leidenschaft und Qual,
Die verdrängt der Freude Strahl;
Zweifel, Argwohn, banges Beben,
Sind's, die dort im Tanze schweben.

Wachsend bald, und bald vergehend,
Schnell sich, gleich der Spindel, drehend; –
Winde, drehe! so von je
Mischt sich Menschenlust und Weh.

Bevor noch unser Uebersetzer, oder vielmehr unser freier Nachahmer, diese Stanzen in seinem Kopfe geordnet hatte, und während er noch an dem Reime auf vergehend schmiedete, war das Werk der Sibylle vollendet und ihre Wolle versponnen. Sie nahm nun die mit ihrer Arbeit beladene Spindel, wickelte den Faden nach und nach ab, und maß denselben, indem sie ihn über ihren Ellbogen warf und jedesmal mit der Schnur zwischen ihrem Zeigefinger und Daumen hindurch fuhr. Als sie es ausgemessen hatte, murmelte sie vor sich hin: – »Die Zahl wär' das, aber doch noch nicht voll – dreimal der Jahre zwanzig und zehn, aber dreimal gebrochen und dreimal wieder vereint: er wird ein glücklicher Bursch, wenn er's aushält.«

Unser Held war im Begriff die Prophetin anzureden, als eine Stimme, rauh wie die Wellen, mit deren Getöse sie sich mischte, zweimal Holla rief und dann mit steigender Ungeduld wiederholte: »Meg, Meg Merrilies! – Zigeunerin – Hexe – tausend Teufel!«

»Ich komme, ich komme, Hauptmann,« antwortete Meg; und binnen zwei Augenblicken zeigte sich der Befehlshaber, der sie anredete, in dem zerfallnen Theile der Ruinen.

Er war dem Anschein nach ein Seefahrer, fast unter Mittelgröße und mit einem Gesicht, das durch tausend Kämpfe mit dem Nordostwind gebräunt war. Sein Körperbau war erstaunlich muskulös, stark und stämmig, so daß es schien, als ob ein weit größerer Mann in jedem nahen persönlichen Kampfe mit ihm den Kürzern ziehen müßte. Seine Züge waren hart, und was noch schlimmer, sein Gesicht hatte nichts von der Harmlosigkeit, der sorglosen fröhlichen Lustigkeit und der müßigen Neugier eines Seemannes, der sich auf dem Lande befindet. Diese Eigenschaften sind es vielleicht mehr, als irgend etwas anderes, was unsere Seeleute so beliebt im Volke macht, und hieraus erklärt sich auch die allgemeine Zuneigung, mit der ihnen die Gesellschaft überall entgegenkommt. Ihre Tapferkeit, ihr Heldenmuth, ihre Kühnheit, sind Eigenschaften, die Ehrfurcht gebieten, und die vielleicht sogar dem friedlichen Landbewohner in ihrer Gegenwart ein demüthigendes Gefühl geben; aber Ehrfurcht und Demuth erniedrigen und sind keine Empfindungen, welche eine vertraute Zuneigung zu dem Gegenstande, der sie erweckt, einflößen. Umgekehrt mäßigt die kindische Fröhlichkeit, der jauchzende Uebermuth, der gedankenlose Jubel eines Seefahrers, der sich am Gestade lustig ergeht, gewissermaßen die furchtbaren Seiten seines Charakters. Nichts von alle dem zeigte sich in dieses Mannes Angesicht, dessen von Natur düstere Gesichtszüge, die in jeder Hinsicht und unter jedem Ausdruck abschreckend und zurückstoßend erscheinen mußten, ein mißvergnügtes, ja wildes Stirnrunzeln nur noch auffallender machte. »Wo seid Ihr, Teufelsweib?« sagte er, mit einem etwas fremdklingenden Accent, obwohl er vollkommen gut englisch sprach. »Donner und Blitz! wir warten hier seit einer halben Stunde. – Komm, segne das gute Schiff und die Reise, und dann geh zum Satan, Hexe!«

In diesem Augenblick bemerkte er Mannering, der in der Stellung, die er eingenommen hatte, um die Gesänge der Meg Merrilies zu belauschen, ganz aussah wie Jemand, der sich zu verbergen strebt, indem er zur Hälfte von dem Pfeiler, hinter welchem er stand, verdeckt war. Der Hauptmann, denn so nannte er sich, schwieg plötzlich betroffen und fuhr mit der Rechten in seinen Busen zwischen Rock und Weste, als wolle er eine Waffe hervorziehen. »Ei, Brüderchen, Ihr scheint mir hier auf der Lauer zu stehen, he?«

Ehe Mannering, etwas betroffen durch des Mannes Geberde und unverschämte Sprache, noch eine Antwort gab, tauchte die Zigeunerin aus ihrem Gewölbe hervor und trat zu dem Fremden. Er befragte sie mit gedämpfter Stimme, indem er auf Mannering blickte: »Ein Schuft von Aufpasser, he?«

Sie antwortete in dem nämlichen leisen Tone, indem sie sich der Sprache ihres Stammes bediente: »Redet nicht so unhöflich, das ist ein Herr aus dem Hause unten.«

Des Mannes umwölktes Gesicht klärte sich auf. »Einen guten Morgen für Euch, Sir; ich höre, Ihr seid ein Gast meines Freundes Mr. Bertram – ich bitte um Verzeihung, aber ich hielt Euch für einen andern.«

Mannering antwortete: »Und Ihr, Sir, seid der Herr jenes Fahrzeugs in der Bucht, wie ich vermuthe?«

»Ja wohl, Sir; ich bin Capitain Dirk Hatteraick von der Jungfrau Hagenslaapen, wohlbekannt an dieser Küste; ich schäme mich weder meines Namens noch meines Schiffes, – nein, auch ebenso wenig meiner Ladung.«

»Ich darf wohl sagen, Ihr habt auch keinen Grund dazu, Sir.«

»Tausend Donner – nein; ich mache schöne Handelsgeschäfte – frisch geladen dort bei Douglas auf der Insel Man – feinen Cognak – ächten Heysan und Souchong – Niederländer Spitzen, wenn ihr dergleichen braucht – herrlichen Cognak. – Wir brachten letzte Nacht hundert Fässer an's Land.«

»Wirklich, Sir, ich bin nur ein Reisender, und weiß für den Augenblick von alle dem keinen Gebrauch zu machen.«

»Nun gut, Sir, guten Morgen, wir haben Geschäfte – oder wollt Ihr mit an Bord gehen und einen Schnaps nehmen? auch eine Büchse Thee könnt Ihr erhalten – Dirk Hatteraick weiß wohl höflich zu sein.«

Es war ein solches Gemisch von Unverschämtheit, Kühnheit und argwöhnischer Furcht in diesem Manne, welches einen unaussprechlich widerlichen Eindruck hervorbrachte. Seine Manieren waren ganz die eines Schurken, der sich des Verdachtes, den sein Charakter erwecken muß, bewußt ist, und der sich gleichwohl bemüht, denselben durch die Affectation einer harmlosen und kühnen Vertraulichkeit zu bannen. Mannering lehnte die gebotenen Artigkeiten kurz ab; und nach einem rauhen »Guten Morgen,« zog sich Hatteraick mit der Zigeunerin nach jenem Theile der Ruinen zurück, wo er zuerst erschienen war. Ein schmaler Fußsteig ging von dort aus zum Gestade hinab, ursprünglich wahrscheinlich zur Bequemlichkeit der Garnison während einer Belagerung angelegt. Auf dieser Steige begab sich das Paar, welches ebenso liebenswürdig durch sein Aeußeres, als durch sein Gewerbe war, nach dem Strande hinunter. Der sogenannte Capitain bestieg ein kleines Boot, mit welchem zwei Leute dort auf ihn gewartet zu haben schienen, die Zigeunerin aber blieb am Strande, indem sie recitirte oder sang und zugleich heftig gestikulirte.



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