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Neuntes Kapitel.

Während der Periode, wo Mr. Bertram sein obrigkeitliches Amt versah, vergaß er auch das Zollwesen nicht. Das Schmuggeln, wozu die Insel Man damals vorzüglich gute Gelegenheit bot, ward fast allgemein an der ganzen Südwestküste getrieben. Fast die ganze niedere Volksklasse war mit dergleichen Kunstgriffen vertraut; die Vornehmern waren nachsichtig, und die Zollbeamten wurden häufig an der Ausübung ihrer Pflichten durch diejenigen gehindert, welche sie dabei hätten unterstützen sollen.

Zu dieser Zeit war ein gewisser Frank Kennedy, dessen wir bereits in unserer Erzählung gedachten, als Zollreiter und Aufseher in diesem Theile des Landes angestellt; er war ein entschlossener, thätiger Mann, der schon viele und bedeutende Konterbande eingezogen hatte, und deßhalb auch bedeutend von denen gehaßt wurde, welche bei dem freien Handel, wie man das Treiben jener Abenteurer nannte, interessirt waren. Diese Person war der natürliche Sohn eines Mannes von Stande; diesem Umstande, so wie seinem fröhlichen, geselligen Charakter und seinem Reichthum an lustigen Liedern, verdankte er es, daß er Zutritt in den adeligen Gesellschaften der Gegend hatte und Mitglied in verschiedenen Clubs war, die sich mit gymnastischen Uebungen, worin er besonders erfahren, beschäftigten.

In Ellangowan befand sich Kennedy häufig und war da selbst stets ein angenehmer Gast. Seine Lebhaftigkeit befreite Mr. Bertram von der Mühe des Nachdenkens und von der Anstrengung, die es ihn kostete, eine Mittheilung seiner Gedanken im Einzelnen durchzuführen; während die kühnen und gefahrvollen Unternehmungen, die jener in seiner Amtsverwaltung verrichtet hatte, eine treffliche Unterhaltung gewährten. Diese Zollamtsabenteuer liebte der Laird von Ellangowan überhaupt sehr, und das Vergnügen, welches ihm Kennedy's Gesellschaft bereitete, war ein trefflicher Grund, den Erzähler in der Ausübung seiner nicht neidenswerthen und gefährlichen Amtspflicht zu unterstützen und aufzumuntern.

»Frank Kennedy,« sagte er, »wäre ein Edelmann, wenngleich von der linken Seite des Ehebetts – er wäre mit der Familie Ellangowan durch das Haus von Glengubble verwandt. Der letzte Laird von Glengubble würde das Vermögen auf die Ellangowans vererbt haben; aber da er zufällig nach Harrigate gegangen, sei er dort der Miß Johanne Hadaway begegnet – beiläufig, der grüne Drache sei der beste Gasthof von den beiden zu Harrigate – was aber Frank Kennedy betreffe, der sei in gewisser Hinsicht doch ein Edelmann, und es wär' eine Schande, wollte man ihn nicht gegen das Schmugglervolk unterstützen.«

Nachdem dies Bündniß zwischen der gesetzgebenden und der vollstreckenden Macht geschlossen war, begab es sich, daß Kapitän Dirk Hatteraick eine Ladung von Spirituosen und anderer Kontrebande nicht weit von Ellangowan an's Land gebracht hatte, und im Vertrauen auf die Gleichgiltigkeit, mit welcher der Laird früher ähnliche Beeinträchtigungen des Gesetzes betrachtete, ließ er es sich keineswegs angelegen sein, die Sache jetzt zu verheimlichen oder zu beschleunigen. Die Folge davon war, daß Mr. Frank Kennedy, versehn mit einer Vollmacht von Ellangowan und unterstützt durch einige von des Lairds Leuten, welche die Gegend kannten, so wie durch eine Militärabtheilung, sich über die Fässer, Ballen und Kisten hermachte und nach einem verzweifelten Kampfe, worin schwere Wunden gegeben und empfangen wurden, so glücklich war, sich der Sachen zu bemächtigen und sie im Triumph nach dem nächsten Zollhause zu schaffen. Dirk Hatteraick gelobte auf holländisch, deutsch und englisch eine schwere und volle Rache, beides, an dem Zöllner so wie an dessen Helfershelfern; und alle, die ihn kannten, meinten, daß er wahrscheinlich sein Wort halten werde.

Einige Tage nach dem Abzuge des Zigeunerstammes fragte Mr. Bertram seine Gemahlin des Morgens beim Frühstück, ob heute nicht des kleinen Harry Geburtstag sei?

»Genau fünf Jahr alt, an diesem glücklichen Tage,« antwortete die Lady; »daher dürfen wir in des englischen Gentlemans Papier sehen.«

Mr. Bertram zeigte gern seine Autorität in Kleinigkeiten. »Nein, meine Liebe, nicht eher als morgen. Als ich das letzte Mal bei den Vierteljahrssitzungen war, sagte uns der Sheriff, daß dies – daß dies inceptus – kurz, du verstehst kein Latein, aber es soll so viel heißen, als: ein Termintag beginnt nicht eher, als bis er zu Ende ist.«

»Das klingt wie dummes Zeug, mein Lieber.«

»Mag sein, meine Liebe; deswegen kann es aber immer ein recht gutes Gesetz sein. Ganz gewiß, da ich einmal von Terminen rede, ich wünsche, wie Frank Kennedy sagt, daß der Pfingsttag einmal den Martinstag todtschlüge und für den Mord gehangen würde – denn da hab' ich eben einen Brief bekommen wegen der Interessen der Jenny Cairns, und noch kein Teufel von Pächter ist mit seinen Zinsen auf's Schloß gekommen, – und wird auch vor Lichtmeß keiner kommen; – doch, da ich von Frank Kennedy sprach, ich glaube wohl, er wird heute hier sein, denn er war heute nach Wigton, um ein königliches Schiff, das in der Bay liegt, vor Dirk Hatteraicks Fahrzeug zu warnen, das wieder an der Küste ist, und heute wird er wohl zurückkommen; darum wollen wir eine Flasche Claret mit ihm auf des kleinen Harry's Gesundheit trinken.«

»Ich wollte,« erwiederte die Lady, »Frank Kennedy ließe den Dirk Hatteraick laufen. Warum braucht er sich mehr Geschäfte aufzuladen, als andre Leute? Kann er nicht sein Lied singen, sein Glas trinken und seinen Gehalt beziehn, wie Einnehmer Snail, der wackere Mann, der Niemand etwas zu Leide thut? und ich wundere mich über dich, daß du dich mit darein mischst und mengst – hatten wir je nöthig, wegen Thee und Rum nach Boroughtown zu schicken, so lange Dirk Hatteraick unangefochten in die Bay kam?«

»Mrs. Bertram, du verstehst nichts von diesen Sachen. Meinst du, es stehe einer obrigkeitlichen Person an, ihr eigen Haus zu einer Niederlage für Schmugglergüter zu machen? Frank Kennedy kann dir die Strafen im Gesetzbuch zeigen, und du weißt selber, daß sie all ihre Schmuggelgüter im alten Schloß von Ellangowan niederzulegen gewohnt waren.«

»O, guter Mr. Bertram, was schadet es denn auch, wenn sie in den Gewölben des alten Schlosses ihre Rumfäßchen bis zu günstiger Gelegenheit niederlegen? Ich weiß recht gut, daß du dich darum gar nicht zu bekümmern brauchst. Und welchen Schaden bringt es denn dem König, wenn die Lairds hier ihren Schluck davon trinken, und die Ladies ihren Thee davon haben, zu einem mäßigen Preise? – Es ist eine Schande, solch hohe Taxen darauf zu legen! – und standen mir nicht die flandrischen Hauben und Spitzen besser, die mir Dirk Hatteraick so von Antwerpen schickte? Ich kann lange warten, ehe mir der König oder Frank Kennedy so was schickt. Und daß du auch noch mit den Zigeunern Streit anfangen mußtest! Ich erwarte jeden Tag zu hören, daß die Scheunen in Flammen stehn.«

»Ich sage dir noch einmal, meine Liebe, du verstehst nichts von diesen Dingen – und da sprengt so eben Frank Kennedy zum Thor herein.«

»Schon gut! schon gut! Ellangowan,« sagte die Lady, indem sie ihre Stimme erhob, während der Laird das Zimmer verließ, »ich wünsche nur, daß du selbst mehr davon verstehen magst!«

Diesem ehelichen Zwiegespräch entfloh der Laird mit Freuden, um seinen treuen Freund, Mr. Kennedy, zu begrüßen, welcher in großer Aufregung ankam. »Bei eurem Leben, Ellangowan,« sagte er, »geht hinauf ins alte Schloß! ihr werdet den alten Fuchs Dirk Hatteraick sehen, und seiner Majestät Hunde, die ihn hetzen.« So sagend warf er seines Pferdes Zaum einem Knaben zu, und rannte die Anhöhe zum alten Schloß empor, während ihm der Laird und verschiedene Andere aus dem Hause folgten, welche durch das Schießen, welches man jetzt deutlich von der See hörte, aufgeschreckt waren.

Als sie den Theil der Ruinen erreichten, welcher die ausgedehnteste Aussicht gestattete, sahen sie ein Fahrzeug, welches, alle Segel beigesetzt, vor der Bay sichtbar war und von einer Kriegsschaluppe hart verfolgt ward. Letztere feuerte stark auf das verfolgte Schiff, welches indeß das Feuer eifrig erwiederte. »Sie haben die rechte Schußweite noch nicht,« rief Kennedy jubelnd, »aber sie werden bald dichter hinterdrein sein. – – Daß ihn der Teufel, er wirft seine Ladung aus! Ich sehe den schönen Branntwein über Bord fliegen, Faß um Faß! – das ist ein verdammt unhöflicher Patron, der Mr. Hatteraick, und das werd' ich ihm schon noch einzutränken wissen. – Jetzt, jetzt! sie gewinnen ihnen den Wind ab! – So ist's recht! – hört ihr wohl? hört ihr? frisch, meine Hunde! frisch daran! – hört ihr wohl?«

»Ich glaube,« sagte der alte Gärtner zu einer von den Mägden, »der Zöllner hat seinen letzten Tanz!« ein Sprichwort, womit das gemeine Volk jene heftige Aufregung bezeichnet, welche für ein Anzeichen des Todes gehalten wird.

Unterdessen ward die Jagd fortgesetzt. Der Schmuggler, welcher mit großer Gewandtheit steuerte und jedes Schifferkunststück anwendete, um zu entkommen, war schon im Begriff, das Vorgebirg, welches er erreicht hatte, und welches die äußerste Landspitze an der linken Seite der Bucht bildete, zu umsegeln, als eine Kugel die Raa traf, daß das Hauptsegel auf's Verdeck fiel. Die Folge dieses Vorfalls schien unvermeidlich, konnte jedoch von den Zuschauern nicht gesehen werden; denn das Fahrzeug, welches soeben das Vorgebirg umsegelt hatte, verlor seinen Curs und ward durch jene Höhen dem Blicke entzogen. Die Schaluppe setzte alle Segel zur Verfolgung bei, aber da sie sich zu nahe am Cap gehalten hatte, war sie, aus Furcht am Ufer zu stranden, genöthigt, abzulenken und eine Strecke in der Bucht zurück zu gehen, um das gehörige Fahrwasser zum Umsegeln des Vorgebirgs zu gewinnen.

»Sie werden's verlieren, beim Henker, Ladung und Schiff, eines oder beides,« sagte Kennedy; »ich muß nach der Spitze von Warroch reiten (so hieß das ofterwähnte Vorgebirg,) und ihnen ein Zeichen geben, wie sie sich auf der andern Seite zu wenden haben. Adieu auf eine Stunde, Ellangowan – setzt die Punschbowle zurecht und sorgt für Zitronen. Ich stehe für den Rum, sobald ich zurückkomme, und dann wollen wir des jungen Lairds Gesundheit in einer Bowle trinken, so groß, daß unsere Zollschaluppe darin schwimmen könnte.« Mit diesen Worten bestieg er sein Pferd und sprengte davon.

Etwa eine Meile vom Hause und am Rande der Waldung, die, wie wir sagten, das Vorgebirge bedeckte, welches sich mit der sogenannten Spitze von Warroch endigte, begegnete Kennedy dem jungen Harry Bertram in Begleitung seines Lehrers Simson. Er hatte dem Kinde oft einen Ritt auf seinem Pferde versprochen und war überhaupt von demselben gern gesehn, weil er zu seiner Unterhaltung sang, tanzte und Späße machte. Kaum ritt er den Weg hinan, als ihn der Knabe laut an sein Versprechen erinnerte; Kennedy, welcher dabei nichts Gefährliches sah und auch den Lehrer zu necken wünschte, in dessen Gesicht er eine Gegenvorstellung las, hob Harry vom Boden auf, setzte ihn vor sich hin und ritt weiter. Simson's »Auf alle Fälle, Master Kennedy« – wurde bereits vom Hufschlag des Pferdes übertäubt. Der Pädagog überlegte einen Augenblick, ob er ihm nachgehen solle; da jedoch Kennedy ein Mann war, der das volle Vertrauen der Familie genoß, und er sich selber gleichwohl nicht gern mit ihm befaßte, »da derselbe weltlichen und närrischen Späßen ergeben war,« so setzte er seinen eigenen Weg in seinem gewohnten Schritte fort, bis er das Schloß Ellangowan erreichte.

Die Zuschauer beobachteten von den zerfallenen Mauern des Schlosses aus noch immer die Kriegsschaluppe, welche endlich, jedoch nicht ohne beträchtlichen Zeitverlust, Fahrwasser genug fand um die Spitze von Warroch zu umsegeln und nun dem Auge durch das waldige Vorgebirg entzogen ward. Einige Zeit nachher vernahm man in ziemlicher Entfernung Kanonendonner und darauf, nach einer Pause eine noch lautere Explosion, als ob ein Fahrzeug in die Luft gesprengt sei, und eine Dampfwolke erhob sich über den Bäumen, und zog am blauen Himmel empor. Alle zerstreuten sich nun, um an ihre verschiedenen Geschäfte zu gehen, indeß sie mancherlei Vermuthungen über das Geschick des Schmugglers äußerten; die Mehrzahl aber beharrte dabei, daß das Fahrzeug unfehlbar genommen werden würde, wofern es nicht bereits in Grund gebohrt sei.

»Es ist fast Mittagszeit, mein Lieber,« sagte Mrs. Bertram zu ihrem Gemahl, »wird es noch lange dauern, bis Mr. Kennedy zurückkommt?«

»Ich erwarte ihn jeden Augenblick, meine Liebe,« sagte der Laird; »vielleicht bringt er einige Officiere von der Schaluppe mit.«

»Lieber Himmel, Bertram! warum hast du mir dies nicht eher gesagt, damit wir den großen runden Tisch hätten besorgen können? – was wir ihnen nun vorsetzen können, das wird wenig Köstliches für sie sein, und, um die Wahrheit zu sagen, ein gutes Rindfleisch ist der beste Theil unsers Mittagsessens – und dann hätt' ich auch gern ein ander Kleid angezogen und für dich würde ein weißes Halstuch auch nicht überflüssig sein – Aber du hast nur deine Freude an Ueberraschen und Ueberrumpeln – ich kann nicht lange mehr eine solche Behandlung ertragen – nun, wenn man Jemand nicht mehr hat, dann vermißt man ihn erst.«

»Pfui! pfui! der Henker hole das Rindfleisch und das Kleid und den runden Tisch und das Halstuch! wir werden ohne dies auskommen. – Wo ist der Dominie, John? (dies sagte er zu einem Diener, der mit Tischdecken beschäftigt war,) – wo ist Simson und der kleine Harry?«

»Mr. Simson ist seit länger als zwei Stunden zu Hause gewesen, aber ich glaube, Mr. Harry ist nicht mit ihm gekommen.«

»Nicht heimgekommen mit ihm?« sagte die Lady; »sagt Mr. Simson, er soll ohne Verzug hieher kommen.«

»Mr. Simson,« sagte sie, als derselbe eintrat, »ist es nicht das Allerunerhörteste auf dieser weiten Welt, daß Ihr, der Ihr hier freie Station, Bett, Tisch und Wäsche habt, und zwölf Pfund Sterling obendrein im Jahre, und das blos und einzig, um auf den Knaben zu sehn, daß Ihr ihn zwei Stunden aus den Augen lassen könnt?«

Simson verbeugte sich tief, wie zur Bejahung, bei jeder Pause, welche die zornige Dame bei Aufzählung der einzelnen Vortheile seiner Lage machte, um ihrer Rede dadurch größeres Gewicht zu geben; und darauf erzählte er in Worten, die wir aus Mitleid mit ihm hier nicht wiederholen wollen, daß Mr. Francis Kennedy von freien Stücken die Aufsicht über Master Harry übernommen habe, trotz aller Gegenvorstellungen von seiner Seite.

»Ich bin dem Mr. Francis Kennedy gar nicht sehr dankbar für seine Mühe,« sagte die Dame verdrießlich; »gesetzt, er läßt den Knaben vom Pferde fallen, daß er lahm wird? – oder gesetzt, eine von den Kanonenkugeln trifft auf's Land und tödtet ihn? – oder gesetzt« – –

»Oder gesetzt, meine Liebe,« sagte Ellangowan, »und das ist noch viel wahrscheinlicher als Alles andere, sie sind an Bord der Schaluppe oder der Prise gegangen, und kommen soeben mit der Fluth um die Landspitze gesegelt?«

»Und dann sind sie vielleicht gar ertrunken,« sagte die Lady.

»Wirklich,« sagte Simson, »ich glaubte, Mr. Kennedy sei seit einer Stunde zurückgekehrt – ich glaubte mit Sicherheit den Hufschlag seines Rosses vernommen zu haben.

»Das,« sagte John grinsend, »war Grizzel, die die Kuh aus dem Gehege jagte.«

Simson ward roth bis unter die Augen – nicht des empfangenen Hohnes wegen, den er nicht gefühlt haben würde, der ihn zum wenigstens nie verletzt hätte, sondern wegen eines Gedankens, der ihm plötzlich beifiel. »Ich bin in einem Irrthum gewesen,« sagte er; »ich hätte auf alle Fälle auf das Kind warten sollen.« So sagend ergriff er seinen schwerfälligen Stock und den Hut und eilte hinweg nach dem Warrochholze, und zwar schneller als er jemals vorher oder nachher gegangen war.

Der Laird blieb einige Zeit zurück, indem er mit der Lady noch über die Sache stritt. Endlich sah er die Kriegsschaluppe wieder erscheinen; aber, ohne sich dem Strande zu nähern, zog sie sich mit Kraft aller Segel westwärts und war bald aus dem Gesichtskreise verschwunden. Das ängstliche und besorgte Wesen der Lady war man schon zu gewohnt, als daß ihre Befürchtungen bei ihrem Herrn und Gemahl ein Gewicht hätten haben sollen; aber als sich nun Bestürzung und Besorgniß unter den Dienstleuten zeigte, ward auch er unruhig, und vorzüglich, als man ihn aus dem Zimmer rief und heimlich die Kunde ertheilte, daß Mr. Kennedy's Pferd allein zur Stallthür gekommen sei, und zwar mit umgedrehtem Sattel, der ihm am Bauche hing und mit zerbrochenem Gebiß; ferner, daß ein Landmann im Vorübergehen gemeldet habe, »an der andern Seite der Spitze von Warroch brenne ein Schmugglerschiff lichterloh wie ein Ofen, und obwohl er (der Landmann) durch das Holz gekommen sei, habe er doch nichts von Kennedy oder dem jungen Laird gehört oder gesehn, blos der Schulmeister Simson laufe draußen umher wie ein Toller, um jene zu suchen.«

Alles war nun in Aufruhr zu Ellangowan. Der Laird und seine Dienstleute, Männer und Weiber, eilten zum Holze nach Warroch. Die Pächter und Häusler aus der Nachbarschaft liehen ihren Beistand, theils aus Theilnahme, theils aus Neugier. Boote wurden bemannt, um den Strand zu durchforschen, der sich, an der andern Seite der Landspitze, in hohen und zackigen Klippen erhob. Man hegte eine unbestimmte Besorgniß, die jedoch zu schrecklich war, um ausgesprochen zu werden, daß nämlich das Kind von einer dieser Klippen gestürzt sein könnte.

Der Tag begann sich zu neigen, als die Suchenden das Gehölz betraten und sich auf verschiedenen Wegen zerstreuten, um nach dem Knaben und seinem Begleiter zu forschen. Der dunkelnde Himmel und der rauhe Hauch des Novemberwinds, der durch die kahlen Bäume strich, das Rascheln des welken Laubes, welches den Boden bedeckte, der wiederholte Zuruf der verschiedenen Betheiligten, der oft ertönte und die Zerstreuten zusammenführte, in der Erwartung, den gesuchten Gegenstand zu finden, dies Alles verlieh der Scene eine schauerliche Erhabenheit.

Endlich, nach einer genauen und fruchtlosen Durchforschung des Holzes, vereinigten sich sämmtliche Suchende, um ihre Bemerkungen mit einander zu vergleichen Die Angst des Vaters wuchs und konnte sich nicht mehr verbergen, aber kaum kam sie der Bangigkeit des Lehrers gleich. »Wollte Gott, ich wäre für ihn gestorben!« wiederholte der gute Mensch in Tönen der tiefsten Trauer. Die weniger bei der Sache Interessirten erschöpften sich in tumultuarischem Streite über all die möglichen Fälle. Jeder gab seine Meinung zum Besten, und jeder ward alsbald durch die Muthmaßung eines andern widerlegt. Einige meinten, die Gegenstände ihres Forschens wären an Bord der Schaluppe gegangen; einige glaubten, sie wären nach einem anderthalb Stunden entfernten Dorfe gegangen; noch andre flüsterten, sie könnten am Bord des Schmugglerschiffs gewesen sein, von welchem die Fluth jetzt einige Balken und Planken an den Strand trieb.

In diesem Augenblick hörte man einen Schrei vom Gestade her, so laut, so gellend, so durchdringend, so verschieden von jedem Ton, der an diesem Tage durch die Wälder gehört worden war, daß Niemand einen Augenblick anstand zu glauben, es stünden Nachrichten, und zwar Nachrichten von schrecklicher Bedeutung bevor. Alle eilten nach der Stelle hin, und indem sie sich ohne Bedenken auf Pfade wagten, die sie zu andrer Zeit nur schaudernd betrachtet haben würden, stiegen sie gegen eine Felsschlucht hinab, wo bereits die Mannschaft eines Bootes gelandet war. »Hier, ihr Herren! – hier! – diesen Weg, um Gottes Willen! – diesen Weg!« ging das wiederholte Geschrei. Ellangowan brach sich Bahn durch das Gedränge, welches sich bereits auf dem unseligen Orte versammelt hatte, und betrachtete den Gegenstand ihres Schreckens. Es war der todte Körper Kennedy's. Beim ersten Anblick schien er durch einen Sturz von dem Felsen umgekommen zu sein, welcher sich über dem Orte, wo er lag, wohl hundert Fuß senkrecht über dem Strande erhob. Der Leichnam lag zur Hälfte im Wasser; die wachsende Fluth, welche ihm den Arm erhob und die Kleider bewegte, hatte ihm aus der Ferne den Anschein gegeben, als bewege er sich von selbst, so daß diejenigen, die den Körper zuerst entdeckten, geglaubt hatten, er lebe noch. Aber jeder Funke des Lebens war längst erloschen.

»Mein Sohn! mein Sohn!« rief der entsetzte Vater, »wo kann er sein?« – Ein Dutzend Leute öffneten den Mund, um Hoffnungen auszusprechen, die keiner fühlte. Endlich erwähnte einer – – die Zigeuner! Im Augenblick hatte Ellangowan die Klippen wieder erstiegen, schwang sich auf das erste Pferd, welches er fand, und ritt in toller Hast nach den Hütten von Derncleugh. Alles war dunkel und öde; und als er abstieg, um genaue Nachforschung zu halten, stolperte er über Ueberreste von Geräthschaften, die man aus den Hütten geworfen hatte, so wie über das zerbrochene Holzwerk der Dächer, die man auf seinen Befehl eingerissen hatte. In diesem Augenblicke fiel ihm die Prophezeiung oder der Fluch der Meg Merrilies schwer auf's Herz. »Ihr habt die Dachung von sieben Hütten gerissen, – seht zu, ob der Dachstuhl eures eigenen Hauses um so fester steht!«

»Gib mir,« rief er, »gib mir mein Kind wieder! bring mir meinen Sohn zurück und alles soll vergeben und vergessen sein!« Als er diese Worte in einer Art von Wahnsinn ausstieß, fiel ihm ein Lichtschimmer aus einer der verstümmelten Hütten in's Auge – es war die, in welcher Meg Merrilies früher wohnte. Das Licht, welches von einem Feuer auszugehen schien, schimmerte nicht blos durch das Fenster, sondern auch durch das Gebälk der Hütte, wo das Dach abgerissen worden war.

Er flog zu dem Orte hin. Verzweiflung gab dem armen Vater die Kraft von zehn Männern; er stürzte mit solcher Heftigkeit gegen die Thür, daß diese seinem Gewicht und seiner Kraft nachgab. Die Hütte war leer, trug aber Zeichen, daß sie jüngst bewohnt gewesen – da war Feuer auf dem Herde, ein Kessel und einige Vorbereitungen zur Mahlzeit. Als er sich eifrig nach etwas umsah, was die Hoffnung bestärken könne, daß sein Kind, wenn auch in der Gewalt fremder Leute, noch lebe, trat ein Mann in die Hütte.

Es war sein alter Gärtner. »O Sir!« sagte der alte Mann, »solch eine Nacht wie die glaubte ich nie erleben zu müssen! – Ihr sollt sogleich zum Schlosse kommen!«

»Ist mein Knabe gefunden? Lebt er? Habt ihr Harry Bertram gefunden? Andreas, habt ihr Harry Bertram gefunden?«

»Nein, Sir; aber« –

»Dann ist er entführt! Ich weiß es gewiß, Andreas! so gewiß, als mein Fuß die Erde berührt! Sie hat ihn gestohlen – und ich werde nimmer von diesem Platze weichen, bis ich Nachricht von meinem Kinde habe!«

»Ach, Ihr sollt aber nach Hause kommen, Sir! Ihr sollt nach Hause kommen! – Wir haben nach dem Sheriff geschickt, und wir wollen hier eine Nachtwache herstellen, im Fall die Zigeuner wiederkämen; aber Ihr, Ihr sollt nach Hause kommen, Sir, denn die gnädige Frau liegt auf den Tod nieder.«

Bertram heftete seinen Blick starr und seelenlos auf den Boten, der diese klägliche Neuigkeit berichtete; und indem er die Worte wiederholte, »auf den Tod darnieder!« gleich als ob er ihre Bedeutung nicht begriffe, ließ er sich von dem alten Manne willenlos nach dem Pferde hinziehen. Während des Heimritts sagte er blos, »Weib und Kind, beide – Mutter und Sohn – o, das ist allzuhart!«

Es ist unnütz, bei der Scene des Krankenbetts, die ihn erwartete, zu verweilen. Die Nachricht von Kennedys Geschick war zu Ellangowan schnell und unvorsichtig berichtet worden, und zwar mit dem Zusatz, daß er ohne Zweifel den jungen Laird mit sich über die Klippe gerissen habe, wo denn die Fluth des Kindes Körper hinweggeschwemmt hätte, denn das arme Geschöpf sei ja leicht und werde wohl auf offner See draußen treiben.

Mrs. Bertram hörte diese Nachrichten; sie war bereits weit in ihrer Schwangerschaft vorgerückt; die Wehen stellten sich plötzlich ein, und ehe Ellangowan seine zerrütteten Geisteskräfte wieder sammeln konnte, um das Traurige seiner Lage in seinem ganzen Umfange nur zu begreifen, war er Vater eines Mädchens und Wittwer.



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