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Fünftes Kapitel.

– Ihr habt auf meinem Herrensitz geweidet,
Entwaldet meinen Wald, gefällt mein Holz,
Mein Hauskleid durch mein Fenster mir entrissen,
Zerstört mein Wappen, mir kein Zeichen lassend,
Als Menschenachtung und mein Lebensblut,
Um mich der Welt als Edelmann zu zeigen.

Richard II.

Nachdem das Boot, welches den würdigen Capitain an Bord seines Fahrzeugs brachte, dahin gelangt war, erhoben sich die Segel und das Schiff begann seinen Lauf. Mit drei Schüssen begrüßte es das alte Haus Ellangowan, und dann flog es eilend vor dem Winde hin, welcher vom Strande blies, indem alle Segel beigesetzt waren.

»Ja, ja,« sagte der Laird, welcher Mannering seit einiger Zeit gesucht und jetzt gefunden hatte, »dort gehen sie – dort gehen sie hin, die Freihändler – dort geht Capitain Dirk Hatteraick, und die Jungfrau Hagenslaapen, halb Manländer, halb Holländer, oder halb Teufel! Leg aus den Bugspriet, auf das Hauptsegel, Ober- und Untersegel, da fliegt es alles miteinander, folge wer kann! Jener Kerl, Mr. Mannering, ist der Schrecken aller Zollbeamten; sie können nichts mit ihm anfangen; er packt sie oder verjagt sie; – und, da wir von Accise reden, ich komme, um Euch zum Frühstück zu holen; und Ihr werdet einen Thee haben, der« – –

Hierbei bemerkte Mannering, daß sich in der Ideenbildung des würdigen Mr. Bertram ein Gedanke gar wunderbar an den andern knüpfte.

»Wie Zufall reihet des Orientes Perlen;« und deshalb, ehe der Strom seiner Gedanken noch weiter von dem letzten Punkte schweifte, führte er ihn dahin zurück, indem er ihm einige Fragen in Bezug auf Dirk Hatteraick vorlegte.

»O, er ist ein – eine gute Art von Teufelskerl – Niemand wird ihm etwas anhaben – Schmuggler, wenn seine Büchsen im Ballast stecken – Pirat, wenn er sie am gehörigen Orte hält. Er hat unter dem Accisevolk schon mehr Unheil angerichtet, als der ärgste Schuft, der je von Ramsay kam.«

»Aber, mein guter Sir, wenn sein Charakter von der Art ist, so wundert es mich, daß er Schutz und Aufmunterung an dieser Küste findet.«

»Ei, Mr. Mannering, die Leute wollen Branntwein und Thee haben, und davon kommt nichts in's Land, außer auf diesem Wege – und dann ist da auch schnell abgerechnet, mag es ein Fäßchen sein, oder ein Dutzend Pfund, das man an der Stallthür niedergelegt findet; während man zu Weihnacht von Duncan Robb, dem Krämer in Kippletringan ewiglange Rechnungen bekommt, weil der immer Summen auftreiben muß und baar Geld nöthig hat. Der Hatteraick aber nimmt Holz, oder er nimmt Getreide, oder was sonst bei der Hand ist. Ich kann Euch davon eine gute Geschichte erzählen. Da war hier ein Laird – nämlich Macfie von Gudgeonford, – der hatt' eine große Anzahl von Zinshühnern – Hühner, die als eine Art Abgabe gezahlt werden – freilich sind sie auch schlecht genug gefüttert; Luckie Finniston schickte noch in letzter Woche drei herauf, es wäre eine Schmach, sie nur anzusehn, und doch hat das Weib einen Ueberfluß an Futter; freilich, ihr Mann, das muß wahr sein, Duncan Finniston, – der nämlich schon gestorben ist – (wir müssen alle sterben, Mr. Mannering, das bleibt immer wahr,) – und da wir just davon reden, so laßt uns lieber gehörig noch leben, denn hier steht das Frühstück auf dem Tische, und Herr Simson wird gleich das Gebet sprechen.«

Simson sprach alsbald ein Tischgebet, das an Länge alle übrigen Reden übertraf, welche Mannering bis jetzt von ihm gehört hatte. Der Thee, der natürlich von dem edeln Capitän Hatteraick herrührte, ward als vortrefflich gepriesen. Dennoch deutete Mannering, wiewohl auf möglichst zarte Weise, darauf hin, wie gewagt es sei, solche verzweifelte Charaktere aufzunehmen: »Wäre es auch nur aus Pflichtgefühl gegen die Zollbehörde, so würde ich doch voraussetzen« – –

»Ach, das Zollgesindel« – (Mr. Bertram vermochte sich nicht zu einer allgemeinen oder abstrakten Idee zu erheben, und daher personificirte sich sein Begriff vom Zollwesen in den Commissionären, Controleuren und Zollreitern, die er zufällig kannte) – »das Zollgesindel mag sich selber scharf umsehen – es braucht ihm Niemand zu helfen – überdies haben sie Soldaten zu ihrem Beistande – und was Pflicht und Recht betrifft – da werdet ihr erstaunt sein, zu hören, Mr. Mannering, – aber ich bin nicht einmal Friedensrichter.«

Mannering nahm die erwartete erstaunte Miene an, dachte aber im Innern, daß die ehrwürdige Bank eben keinen großen Verlust erleide, indem sie den Beistand seines gutmüthigen Wirths entbehre. Mr. Bertram hatte jetzt einen der wenigen Gegenstände, die ihn verdrießlich machten, berührt, und er verfolgte denselben mit ziemlichem Nachdruck.

»Nein, Sir, – der Name Gottfrieds von Ellangowan befindet sich nicht auf der letzten Liste der Friedensrichter, obwohl kaum ein Kerl im Lande existiren wird, der, mag er noch so wenig Land besitzen, nicht zu den Vierteljahrssitzungen ritte, und das F. R. unter seinen Namen schriebe. Ich kenn' ihn wohl, dem ich das verdanke – Sir Thomas Kittlecourt, der mir andeutete, er werde gegen mich sein, wenn er bei der letzten Wahl meine Stimme nicht hätte; und weil ich nun lieber mein eigen Blut und dritten Vetter, den Laird von Balruddery vorzog, so wußten sie mich von der Liste auszuschließen; und wie es nun zu einer neuen Ernennung von Friedensrichtern kommt, da fehle ich dabei! Und sie behaupten, es sei deswegen geschehn, weil ich dem Constabel David Mac-Guffog ganz und gar freie Hand in Ausstellung von Vollmachten gelassen hätte, als ob ich eine Nase von Wachs hätte, die jeder beliebig drehen kann; o, der groben Unwahrheit! Ich habe überhaupt in meinem ganzen Leben nur sieben Vollmachten ausgestellt, und Simson hat sie alle geschrieben – und wäre nicht der heillose Handel mit Sandy Mac-Gruthar gewesen, den die Constabels zwei oder drei Tage dort im alten Schlosse hielten, bis sie ihn mit guter Gelegenheit an das Obergericht abschicken konnten – und die Sache hat mir Geld genug gekostet. – Aber ich weiß wohl, wo Sir Thomas hinaus will – es war ganz genau ebenso mit dem Kirchstuhl von Kilmagirdle – hatt' ich nicht eher das Recht den Kirchsitz der Kanzel gegenüber zu haben, als Mac-Croßkie von Creochstone, der Sohn des Deacon Mac-Croßkie, des Parchentwebers?«

Mannering gab in Hinsicht dieser verschiedenen Klagen dem Laird vollkommen Recht.

»Und dann, Mr. Mannering, gehört auch hieher noch die Geschichte von dem Fahrweg und dem Teichgraben – ich weiß wohl, Sir Thomas steckte dahinter, und ich sagte es dem Gerichtschreiber geradezu, daß ich den Teufel dahinter merkte, mocht' er's nehmen wie er wollte. – Würde ein Gentleman, oder nur ein etwas gentlemanischer Mensch, würde der wohl mir nichts dir nichts einen Fahrweg mitten durch einen Teichgraben führen und dabei, wie mein Geschäftsführer bemerkte, ganze zwei Ruthen von guter Moorlandweide wegnehmen? – Und dann war auch noch die Geschichte mit dem Steuereinnehmer« – –

»Gewiß, Sir, ist es hart, wenn Ihr in einem Lande solche Vernachlässigung erfahrt, wo, nach dem Umfange Ihres Edelsitzes zu urtheilen, Eure Vorfahren so einflußreich waren.«

»Sehr wahr, Mr. Mannering – ich bin ein schlichter Mann und mache mir nichts aus solchen Dingen; und ich kann sagen, daß ich mir überhaupt wenig Gedanken damit mache; aber ich wollte, Ihr hättet meines Vaters Erzählungen von den alten Gefechten der Mac-Dingawaies hören können – das sind nämlich die jetzigen Bertrams – mit den Irländern und Hochländern, die mit ihren Streitwagen von Ilay und Cantire hieherkamen – und dann, wie sie nach dem heiligen Lande zogen – nämlich nach Jerusalem und Jericho, mit ihrem ganzen Heerbann – sie hätten besser gethan, nach Jamaica zu gehn, wie Sir Thomas Kittlecourts Oheim – und wie sie dann Reliquien heimbrachten, gleich denen, welche die Katholischen haben, und eine Fahne, die drüben im Schuppen hängt – wären es lieber Fässer mit Muscovade und Rum gewesen, dabei hätte die Familie mehr Vortheil gehabt! – aber es ist auch gar kein Vergleich zwischen dem alten Herrenhof zu Kittlecourt und dem Schloß Ellangowan – ich zweifele, ob der Hof von Kittlecourt vierzig Fuß in der Fronte – aber Ihr eßt ja gar nicht, Mr. Mannering; Ihr laßt ja das Frühstück stehen, erlaubt mir, Euch diesen Lachs zu empfehlen – John Hay war's, der ihn fing, am Sonnabend vor drei Wochen, stromabwärts unter Hempseeds Fort« u. s. w. u. s. w.

Der Laird, der aus Aerger eine Zeitlang bei ein und demselben Gegenstande beharrt hatte, verfiel nun wieder in seinen gewöhnlichen nach allen Seiten abschweifenden Styl, und gab damit Mr. Mannering hinlänglichen Anlaß, über das Nachtheilige einer Lage Betrachtungen anzustellen, die ihm noch vor kaum einer Stunde so neidenswerth schien. Hier war ein Landedelmann, dessen schätzenswerthester Vorzug seine große Gutmüthigkeit schien, und der sich dessenungeachtet heimlich abzehrte, und gegen andre Menschen solcher Dinge wegen murrte, die, auf der Wagschale des allgemeinen menschlichen Elends richtig gewogen, kaum das Gewicht eines Staubkorns hatten. So ist es jedoch, und eine so gleichmäßige Vertheilung der Erdengüter hat die Vorsehung angeordnet. Fast alle diejenigen, die außerhalb der Straße wohnen, wo große Schläge des Schicksals den Menschen erwarten, erhalten Anweisungen auf eine Menge kleiner Unannehmlichkeiten, die wenigstens alle darin übereinkommen, daß sie die Heiterkeit der Seele stören; und jeder Leser wird bemerkt haben, daß weder natürliche Apathie noch angenommene philosophische Ruhe einen Landedelmann unempfindlich gegen die Unannehmlichkeiten machen kann, die ihm bei Wahlen, Vierteljahrsitzungen und vormundschaftlichen Terminen begegnen können.

Voll Neugier, die Landessitte kennen zu lernen, nützte Mr. Mannering den Vortheil, den ihm eine Pause in des guten Mr. Bertram Erzählung bot, um zu erforschen, wozu Capitän Hatteraick das Zigeunerweib so eifrig aufgesucht habe.

»O, wahrscheinlich nur um über sein Schiff den Segen zu sprechen. Ihr müßt wissen, Mr. Mannering, daß diese freien Handelsleute, die das Gesetz Schmuggler nennt, keine Religion haben und sich daher nur mit Aberglauben behelfen; und sie haben mancherlei Bann- und Zaubersprüche und Unsinn.« –

»Eitelkeit und Thorheit!« sagte Simson: »es ist ein purer Verkehr mit dem bösen Feinde. Zaubersprüche, Amulete und Bannformeln kommen von ihm – Pfeile aus Apollyons Köcher stammend.«

»Haltet Ruhe, Simson – Ihr müßt doch immer plaudern« – (übrigens waren es die ersten Worte, die der arme Mann diesen Morgen gesprochen hatte, mit Ausnahme des Gebets vor und nach dem Essen.) – »Mr. Mannering kann vor Euch nicht zu Worte kommen! und also, Mr. Mannering, da wir von Astronomie, Zauberei u. dgl. sprechen, seid Ihr so gut gewesen, an das zu denken, wovon wir in letzter Nacht sprachen?«

»Ich fange an, Mr. Bertram, mit Ihrem würdigen Freunde hier zu glauben, daß ich mit spitzigen Dingen gescherzt habe; und obwohl weder Sie noch ich, noch sonst eine vernünftige Seele den Voraussagungen der Astrologie Glauben schenken sollte, so hat es sich dennoch zuweilen zugetragen, daß im Scherz unternommene Nachforschungen über die Zukunft sehr unangenehme und ernste Wirkungen, sowohl für den Charakter als die Handlungen der dabei betheiligten Personen, als Resultate herbeiführten. Daher bitte ich wirklich, mir die Beantwortung ihrer Frage zu erlassen.«

Es war leicht vorauszusehen, daß diese ausweichende Antwort des Lairds Neugierde nur noch höher spannen würde. Dessen ungeachtet war Mannering im Innern fest entschlossen, das Kind nicht den falschen Einwirkungen auszusetzen, die daraus entstehen konnten, wenn man dasselbe mit vorgefaßter Meinung als den Gegenstand einer unglücklichen Prophezeiung betrachtete. Er legte daher das Papier in die Hände des Herrn Bertram, forderte ihn aber zugleich auf, das Siegel daran fünf Jahre lang unerbrochen zu lassen, und dasselbe nicht eher zu öffnen, bis der Monat November zu Ende sei. Nach Verlauf dieses Datum ertheilte er ihm Freiheit, die Schrift näher zu untersuchen, indem er voraussetzte, sobald nur die erste verhängnißvolle Periode glücklich vorüber sei, werde man auch dem übrigen Inhalt keinen unbedingten Glauben schenken. Dies versprach auch Mr. Bertram gern, und um sich seiner Treue zu versichern, deutete Mannering auf Unglücksfälle hin, die eintreten würden, wofern man diese Verpflichtungen vernachlässigte. Der Rest des Tages, den Mannering auf Mr. Bertrams Einladung zu Ellangowan zubrachte, verging, ohne daß sich sonst etwas Merkwürdiges ereignete. Am Morgen darauf bestieg unser Reisender sein Roß, sagte dem gastfreundlichen Wirth und seinem geistlichen Beistande ein höfliches Lebewohl, wiederholte seine Wünsche für das Wohl der Familie, und indem er sodann den Kopf seines Pferdes gegen England wandte, verschwand er aus dem Gesicht der Bewohner von Ellangowan. Ebenso muß er aus dem unserer Leser verschwinden, denn es ist eine andere und spätere Periode seines Lebens, welche mit gegenwärtiger Erzählung im Zusammenhange steht.



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