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Siebentes Kapitel.

Wohlan, ihr Fürsten aus dem Lumpenreiche,
Ihr vom Geblüt! Schnapphahn mein edler Ritter; –
Was euer Nam' und Titel immer sei:
Falschpaß und Schusterle, Tollkopf und Hehler,
Barfuß und Gauner, hört, ich ruf' euch alle. –

Die Bettlerschenke.

Obwohl der Charakter jener Zigeunerstämme, welche früher fast alle Nationen Europa's überschwemmten und die in gewissem Maaße noch als besonderes Volk unter ihnen bestehen, allgemein bekannt ist, so wird mir der Leser doch verzeihn, wenn ich einige Worte über ihre Lage in Schottland sage.

Es ist wohlbekannt, daß in einer frühern Periode die Zigeuner von einem der schottischen Monarchen als ein besonderes und unabhängiges Geschlecht anerkannt wurden, daß sie aber durch ein späteres Gesetz in minder günstige Stellung kamen, weil dadurch der Charakter der Zigeuner in der Rechtswage mit dem gemeiner und gewöhnlicher Diebe gleichgestellt und auch denselben Strafen unterworfen wurde. Trotz der Strenge dieser und anderer Statuten gedieh die Brüderschaft unter den Bedrängnissen des Landes und erhielt großen Zuwachs durch diejenigen, welche Hungersnoth, Unterdrückung oder das Schwert des Kriegs der gewöhnlichen Mittel des Unterhalts beraubt hatte. Durch diese Vermischung verloren sie in bedeutendem Grade ihren ursprünglichen Nationalcharakter und wurden zu einer gemischten Race, die alle Faulheit und Diebsgewohnheiten ihrer orientalischen Vorfahren mit einer Wildheit vereinigte, welche sie wahrscheinlich von den Männern, die aus Norden zu ihrer Bande gestoßen waren, ererbt hatte. Sie streiften in verschiedenen Horden umher, und beobachteten dabei unter sich Gesetze, nach denen jeder Stamm auf das ihm angewiesene Gebiet beschränkt wurde. Der geringste Einfall über die Gränzen eines andern Stammes führte verzweifelte Scharmützel herbei, in denen oft viel Blut vergossen ward.

Der patriotische Fletcher von Saltoun entwarf vor etwa hundert Jahren ein Gemälde dieser Banditen, über welches meine Leser erstaunen werden.

»Es gibt heut zu Tage in Schottland (ungerechnet eine große Menge armer Familien, welche aus den Kirchenbüchsen unterstützt werden, und andere, die wegen schlechter Nahrung in mancherlei Krankheiten verfallen) zweihunderttausend Leute, die von Thür zu Thür betteln. Diese Menschen bringen nicht nur durchaus keinen Vortheil, sondern sind auch für ein so armes Land eine drückende Last. Und obwohl ihre Zahl jetzt vielleicht doppelt so groß ist als früher, wovon die Noth dieser Zeit der Grund ist, so gab es doch jeder Zeit hunderttausend solcher Vagabunden, die ohne irgend eine Achtung oder Unterwürfigkeit in Bezug auf die Landesgesetze, ja selbst auf die der Gottheit und Natur, dahin lebten; … Keine Obrigkeit konnte unter hundert Fällen nur von einem dieser Elenden erfahren, auf welche Weise sie starben, oder ob sie jemals getauft waren. Viele Mordthaten sind unter ihnen entdeckt worden, und sie sind nicht allein eine unaussprechliche Plage für arme Pächter, (die, wenn sie nicht an einem Tage vielleicht vierzig solcher Schurken Brod oder andere Lebensmittel geben, sicher auf Mißhandlungen von denselben rechnen dürfen), sondern sie berauben auch arme Leute, deren Wohnungen abgelegen und ohne Nachbarschaft dastehen. In fruchtbaren Jahren versammeln sich viele Tausende von ihnen in den Gebirgen, wo sie viele Tage lang schmausen und schwelgen; und bei Dorfhochzeiten, Jahrmärkten, Begräbnissen und andern ähnlichen öffentlichen Gelegenheiten, sieht man sie, beides, Männer und Weiber, beständig trinken, fluchen, lästern und miteinander fechten.«

Trotz des kläglichen Gemäldes, welches diese Stelle gewährt, und wofür selbst Fletcher, dieser energische und beredte Freund der Freiheit, kein anderes Besserungsmittel sah, als die Einführung einer häuslichen Sklaverei, haben doch die Fortschritte der Zeit, die Vermehrung der Unterhaltsmittel und die Macht der Gesetze dies schreckliche Uebel allmälig auf engere Gränzen beschränkt. Die Stämme von Zigeunern, Gauklern und Wahrsagern, – denn unter all diesen Benennungen kannte man jene Banditen, – verminderten sich an Zahl und viele wurden völlig ausgerottet. Doch blieb noch immer eine hinreichende Anzahl übrig, um gelegentlich Unruhen und beständige Quälereien zu veranlassen. Einige rohe Handwerke blieben diesen Landstreichern gänzlich überlassen, vorzüglich die Kunst Holzteller und Hornlöffel zu machen, so wie das ganze Geheimniß des Kesselflickens. Damit verbanden sie einen kleinen Handel mit groben Sorten irdenen Geschirrs. Darin bestanden ihre sichtbaren Unterhaltsmittel. Jeder Stamm hatte gewöhnlich einen bestimmten Platz für Zusammenkünfte, wo sie gelegentlich eintrafen, und den sie als Hauptquartier betrachteten, weßhalb sie sich auch in seiner Nachbarschaft des Stehlens enthielten. Viele beschäftigten sich nicht ohne Erfolg mit Musik, und der beliebteste Fiedler oder Pfeifer einer Gegend fand sich oft in einem Zigeunerflecken. Sie verstanden alle jene altmodischen Künste, wie Otternfang, Fischen, oder Wildpretaufsuchen. Sie zogen die besten und kühnsten Spürhunde und handelten zuweilen damit. Im Winter wahrsagten die Weiber, die Männer zeigten Taschenspielerstückchen; und diese Unterhaltungen halfen oft einen langweiligen und stürmischen Abend im Kreise der Pachterstube vertreiben. Die Wildheit ihres Charakters und der unbezähmbare Stolz, womit sie alle regelmäßige Arbeit verachteten, gebot eine gewisse ehrfürchtige Scheu, welche nicht durch die Betrachtung vermindert wurde, daß diese Landstreicher ein rachsüchtiges Geschlecht wären, welches sich weder durch Furcht noch durch Gewissen im Zaum halten ließ, sondern an allen denen, die es in irgend einem Falle beleidigt hatten, sicher eine verzweifelte Rache ausübte. Kurz, diese Stämme waren die Parias von Schottland, die gleich wilden Indianern mitten unter europäischen Niederlassungen lebten, und gleich ihnen eine richtigere Schätzung erfuhren, wenn man sie nach ihren eigenen Sitten und Meinungen beurtheilte, als wenn man sie als Mitglieder des civilisirten Theils der Gesellschaft beurtheilen wollte. Einige Horden von ihnen sind noch übrig, besonders in solchen Gegenden, die eine schnelle Flucht in ein wüstes Land oder unter eine andere Gerichtsbarkeit gestatten. Auch sind die Züge ihres Charakters noch nicht sehr gemildert. Ihre Zahl indeß ist so bedeutend verringert, daß, statt Hunderttausend, wie Fletcher angab, jetzt vielleicht unmöglich wäre, fünfhundert in ganz Schottland zusammenzubringen.

Ein Stamm dieser Landstreicher, zu welchem Meg Merrilies gehörte, hatte sich lange Zeit so fest, als seine Sitten dies gestatteten, in einem Thal im Gebiete Ellangowans aufgehalten. Dort hatten sie einige wenige Hütten errichtet, die sie ihre »Stadt der Zuflucht« nannten, und wo, wenn sie nicht gerade auf Streifzügen begriffen waren, sie so ungestörte Herberge fanden, wie die Krähen, die in den alten Eschen ringsumher ihre Nester hatten. Sie hatten so lange daselbst gehaust, daß man sie gewissermaßen als Eigenthümer dieser elenden Obdächer, wo sie wohnten, ansah. Diesen Schutz vergalten sie dem Laird vormals, wie man erzählte, durch Kriegsdienste, und vielleicht noch häufiger durch Einfälle und Plünderungen im Gebiete benachbarter Barone, mit denen der ihrige gerade in Fehde war. In neuern Zeiten nahmen diese Dienste einen friedlichern Charakter an. Die Weiber spannen Handschuhe für die Edelfrau und strickten Stiefelstrümpfe für den Laird, welche jährlich zu Weihnacht mit vieler Förmlichkeit überreicht wurden. Die bejahrten Sibyllen segneten das Brautbett des Lairds, wenn er heirathete, und die Wiege seines neugebornen Erben. Die Männer stellten das zerbrochene Porzellan der Dame her und waren dem Herrn bei Jagdpartien behilflich, nahmen seinen Hunden den Wurm und verschnitten seinen jungen Dächsen die Ohren. Die Kinder sammelten Nüsse im Walde, Preißelsbeeren im Gebirg und Schwämme auf den Weiden, um sie als Tribut auf den Edelhof zu bringen. Diese freiwilligen Dienstleistungen und die Anerkennung der Abhängigkeit, wurden bei manchen Gelegenheiten durch Schutz vergolten, bei andern durch Nachsicht, zuweilen auch wohl durch eine Spende verdorbener Lebensmittel, Bier, Branntwein, sobald nämlich die Umstände Beweise eines besondern Edelmuths erforderten; und diese gegenseitige Erzeigung von Liebesdiensten, welche seit mindestens zwei Jahrhunderten statt fand, machte die Bewohner von Derncleugh zu einer Art privilegirter Insassen auf Ellangowans Gebiete. »Die Schelme,« waren des Lairds »vorzüglich gute Freunde;« und er würde es für eine Hintansetzung gehalten haben, wenn sein Ansehen sie nicht zuweilen gegen die Landesgesetze und die Ortsobrigkeit zu schützen vermocht hätte. Doch löste sich dieser freundliche Verein bald auf.

Die Gemeinde von Derncleugh, die sich um keine andern Schufte als um die ihrigen bekümmerte, ließ sich die Strenge des Friedensrichters in seinem Verfahren gegen die Landstreicher wenig zu Herzen gehen. Sie zweifelten gar nicht, daß er entschlossen sei, keine Bettler oder Gauner im Lande zu dulden, außer denen, die auf seinem eignen Grund und Boden wohnten und ihre Gewerbe kraft seiner besondern Erlaubniß trieben, mochte sie stillschweigend oder ausdrücklich ertheilt sein. Auch Mr. Bertram beeilte sich nicht zu sehr seine neue Würde auf Kosten dieser alten Ansiedler geltend zu machen. Aber die Umstände rissen ihn mit sich fort.

Bei den vierteljährigen Sitzungen wurde es unserm neuen Friedensrichter von einem Herrn der Gegenpartei in der grafschaftlichen Politik öffentlich vorgerückt, daß während er großen Eifer für die öffentliche Polizei affektire und viel auf den Ruf einer thätigen Magistratsperson zu halten schiene, er gleichwohl eine Horde der größsten Schufte in der Gegend hege und denselben gestattete eine Meile von Ellangowan ihren Wohnsitz zu haben. Dagegen ließ sich nichts erwiedern, denn die Thatsache war offenbar und wohlbekannt. Der Laird verschluckte den Bissen so gut er konnte, und auf seinem Heimwege unterhielt er sich mit Anschlägen über die leichteste Methode, wie er sich von diesen Landstreichern befreien könne, die einen Flecken auf seinen guten Ruf als Magistratsperson brachten. Eben als er entschlossen war, die erste Gelegenheit zum Streit mit den Parias von Derncleugh zu ergreifen, bot sich von selbst die Herausforderung dar.

Seit unsers Freundes Beförderung zum Erhalter des Friedens, hatte er es sich angelegen sein lassen, das Thor des Haupteingangs, das früher nur an einer Angel hing und zu allen Zeiten gastfreundlich offen stand – hatte er es, sag' ich, sich angelegen sein lassen, dies Thor neu einhängen und zugleich hübsch anstreichen zu lassen. Auch hatte er mit Pfählen, die sorgfältig mit Dornen umwickelt waren, in der nahen Hecke gewisse Oeffnungen geschlossen, durch welche die Zigeunerknaben in die Anlagen zu klettern pflegten, um Vogelnester auszunehmen, durch welche die Aeltesten im Dorfe sich ihren Weg verkürzten und welche die Burschen und Dirnen zu ihren abendlichen Rendezvous benutzten, – und alles dies ohne Jemand zu nahe zu treten, oder erst um Erlaubniß zu fragen. Aber diese halcyonischen Tage sollten nun ein Ende haben, und eine drohende Inschrift an der einen Seite des Thors verkündigte, »Unumgängliche Strafe von Amtswegen« (der Maler hat buchstabirt »unvergängliche« – l'un vaut bien l'autre) allen und jedem, die bei Uebersteigung dieses Zauns betroffen würden. Auf der andern Seite war, der Gleichförmigkeit wegen, eine warnende Drohung angebracht, welche Selbstschüsse und Fußangeln verhieß, die von so fürchterlicher Gewalt wären, daß sie, wie die Rubrik mit einem bedeutsamen Nota bene sagte, »selbst ein Pferdebein brechen würden, wenn ein Mensch hineingehen sollte.«

Trotz dieser Drohungen ritten sechs wohlgewachsene Zigeunerknaben und Dirnen auf dem neuen Thore, und flochten Maiblumensträußchen, die sie offenbar erst in dem verbotenen Bezirke gepflückt hatten. Mit so viel Zorn als er fähig war zu fühlen, oder vielleicht nur zu zeigen, befahl ihnen der Laird herabzusteigen; sie schenkten seinem Gebote keine Aufmerksamkeit; er begann nun einen nach dem andern herunterzuziehen; sie widerstanden, insofern sich jeder kleine sonnverbrannte Bursch so schwer als möglich machte und dann eben so schnell wieder hinaufkletterte, als er herabgekommen war.

Der Laird rief nun einen von seiner Dienerschaft zum Beistand herbei, einen mürrischen Kerl, der sogleich seine Reitpeitsche zur Hand nahm. Wenige Hiebe verjagten den Schwarm; und so begann zuerst der Friedensbruch zwischen dem Hause Ellangowan und den Zigeunern von Derncleugh.

Letztere konnten es eine Zeitlang gar nicht glauben, daß der Krieg ernstlich sei, bis sie fanden, daß ihre Kinder derb gepeischt wurden, wenn sie beim Zaunüberklettern betroffen waren, daß der Flurschütz ihre Esel pfändete, wenn sich diese in die Pflanzungen des Lairds verliefen, oder auch nur der Landstraßenseite zugewandt, dem warnenden Fußangelmandat entgegen, grasen wollten; daß der Kirchspielaufseher endlich begann neugierige Erkundigungen einzuziehen, über die Art, wie sie ihren Unterhalt erhielten, und sich zugleich sehr erstaunt zeigte, daß Männer den ganzen Tag in den Hütten schliefen und den größsten Theil der Nacht außen wären.

Als die Sachen so weit gekommen waren, machten sich die Zigeuner kein Gewissen mehr daraus, ihre Zuflucht zu Repressalien zu nehmen. Ellangowan's Hühnerställe wurden geplündert, seine Leinwand vom Bleichplatz gestohlen, seine Fische entwendet, seine Hunde weggenommen und seine jungen Bäume umgehauen oder beschält. Mancher kleine Schaden ward angerichtet und oft nur aus Schadenfreude. Andrerseits wurden Vollmachten ausgestellt, ohne Erbarmen zu verfolgen, zu forschen, einzufangen und aufzugreifen; und trotz aller Gewandtheit konnten einige der Zigeuner diesen Gefahren nicht entgehen. Einer von ihnen, ein trotziger junger Kerl, der zuweilen an die See fischen gegangen war, ward einem Capitain überantwortet, der eben damit beschäftigt war, Leute zum Seedienst zu pressen; zwei Kinder wurden wacker gepeitscht und eine Zigeunermatrone kam in's Zuchthaus.

Indessen trafen die Zigeuner noch immer keine Anstalt, die Stätte zu verlassen, wo sie so lange gewohnt hatten, und Mr. Bertram konnte es nicht über sich gewinnen, sie ihrer alten »Stadt der Zuflucht« zu berauben; so setzte sich der kleine Krieg, dessen wir gedachten, mehrere Monate fort, ohne daß die Feindseligkeiten auf beiden Seiten vermehrt oder vermindert worden wären.



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