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Dreizehntes Kapitel.

– – – Der Ring, –
Der kleine Ring, mit Zauberkräften, hat
Den Geist der Freud' erweckt um mich zu schrecken,
Beschworen das Gefühl der Lieb' und Ehre
Auf solche Weise, daß ich vor mir selbst
Mich fürchte.

Die unglückliche Heirath.

Die alten Formen der Trauer waren in Glenallan beobachtet, obschon man von den Gliedern der Familie glaubte, sie vermieden hartnäckig jede Klage, die man sonst den Verstorbenen zu widmen pflegt. Man erzählte, als die alte Gräfin den unglücklichen Brief erhielt, welcher den Tod ihres zweiten und, wie es hieß, ihres liebsten Sohnes meldete, habe ihre Hand nicht gezittert, ihr Augenlid nicht gezuckt, gleich als ob der Brief ein ganz gewöhnliches Ereigniß besprochen hätte. Der Himmel allein weiß, ob die Unterdrückung ihres mütterlichen Kummers, die ihr Stolz verlangte, nicht ihren eigenen Tod beschleunigte. Wenigstens glaubte man allgemein, daß der Schlagfluß, der so bald nachher ihr Leben beschloß, nur die Rache der beleidigten Natur gewesen sei, für den Zwang, den sie ihren Gefühlen aufgelegt hatte. Aber obwohl Gräfin Glenallan die gewöhnlichen äußern Zeichen des Kummers nicht blicken ließ, so hatte sie doch viele der Gemächer, unter andern auch ihr eigenes und das des Grafen, mit den Stoffen, welche die Trauer anzeigen, bekleiden lassen. Der Graf von Glenallan saß daher in einem mit schwarzem Tuch ausgeschlagenen Zimmer, welches in düstern Falten die hohen Wände bedeckte. Ein Schirm, gleichfalls mit schwarzem Stoff überzogen, war vor hohe, schmale Fenster gestellt, und hielt zum größten Theil das Licht auf, welches durch das gemalte Glas fiel; das letztere stellte, so gut es die Kunst des vierzehnten Jahrhunderts vermocht hatte, das Leben und die Leiden des Propheten Jeremias dar. Der Tisch, an welchem der Graf saß, ward mit zwei silbernen Leuchtern erhellt, die jenes unfreundliche und ungewisse Licht ergossen, welches aus der Mischung einer künstlichen Beleuchtung mit dem Schimmer des Tages entsteht. Auf demselben Tische stand ein silbernes Kruzifix und einige verschlossene Pergamentbücher. Ein großes, treffliches Gemälde von Spagnoletto, welches das Martyrthum St. Stephan's darstellte, war der einzige Schmuck dieses Zimmers.

Der Bewohner und Herr dieses trostlosen Gemachs war ein Mann, der die Blüthe der Lebens noch nicht hinter sich hatte; aber so von Kränklichkeit und Seelenleiden niedergebeugt, so hager und geisterhaft, daß er nur der Schatten eines Mannes zu sein schien; als er hastig aufstand und dem Gaste entgegentrat, schien diese Anstrengung seinen abgemagerten Körper fast zu überwältigen. Als sich beide in der Mitte des Zimmers begegneten, bildeten sie einen höchst auffallenden Kontrast. Die gesunde Wange, der feste Schritt, die aufrechte Gestalt und das unerschrockene und feste Benehmen des alten Bettlers zeigte, wie geduldig und zufrieden er im höchsten Alter und in dem niedrigsten Stande war, welcher in der Gesellschaft vorkommen kann. Das eingesunkene Auge, die bleiche Wange und die wankende Gestalt des Edelmanns, dem er gegenüber stand, zeigte dagegen, wie wenig Reichthum, Macht und selbst die Vortheile der Jugend auf das Einfluß haben, was dem Geiste Ruhe und dem Körper Festigkeit gibt.

Der Graf empfing den alten Mann in der Mitte des Gemachs, und nachdem er seinem Diener befohlen hatte, nach der Gallerie zurück zu gehen und Niemand in das Vorzimmer zu lassen, bis er die Glocke ziehen werde, wartete er mit unruhiger und banger Ungeduld, bis er gehört hatte, wie sich erst die Thür seines Gemachs und dann auch die des Vorzimmers schloß und zugeklingt war. Als er sich so überzeugt hatte, daß kein Lauscher in der Nähe sei, trat Lord Glenallan dicht vor den Bettler hin, den er wahrscheinlich für einen verkleideten geistlichen Ordensbruder hielt, und sagte in hastigem, doch bebendem Tone: »Im Namen Alles dessen, was unsrer Religion das Heiligste ist, sagt mir, ehrwürdiger Vater, was ich von einer Mittheilung zu erwarten habe, die durch ein Zeichen eingeleitet wird, welches mit so schrecklichen Erinnerungen im Zusammenhange steht?«

Der alte Mann, betroffen über ein Benehmen, welches so sehr verschieden von dem war, was er von dem stolzen und mächtigen Edelmann erwartet hatte, wußte kaum, wie er antworten und wie er ihn aus dem Irrthum bringen solle. – »Sagt mir,« fuhr der Graf in einem Tone fort, der immer zitternder und ängstlicher wurde, »sagt mir, ob Ihr kommt, mir zu melden, daß Alles, was gethan wurde, um eine so schreckliche Schuld zu sühnen, zu wenig war und zu gering für das Unrecht, und wollt Ihr mir eine neue und wirksamere Weise strenger Buße angeben? – Ich bebe nicht davor, Vater – lieber laßt mich die Strafe für mein Verbrechen hier am Leibe erdulden, als später an der Seele!«

Edie hatte Besonnenheit genug, um zu begreifen, daß, wenn er die offenen Bekenntnisse des Grafen nicht unterbreche, er wahrscheinlich Dinge erfahren werde, deren Kenntniß mit seiner Sicherheit nicht verträglich sein möchte. Schnell und ängstlich sagte er daher: »Ew. Herrlichkeit ist im Irrthum – ich bin nicht von Ihrem Glauben, bin auch kein Geistlicher, sondern, mit aller Ehrfurcht, blos der arme Edie Ochiltree, des Königs und Ew. Herrlichkeit Bettelmann.«

Diese Erklärung begleitete er mit einer tiefen Verbeugung nach seiner Weise; darauf richtete er sich auf, ließ seinen Arm auf dem Stabe ruhen, strich sein langes weißes Haar zurück und blickte den Grafen fest an, als sei er einer Antwort gewärtig.

»Und also,« sagte der Graf, nachdem er sich von seiner Ueberraschung erholt, »also seid Ihr kein katholischer Priester?«

»Gott bewahre!« sagte Edie, der in der Verwirrung nicht daran dachte, was er sprach; »ich bin blos des Königs und Ew. Herrlichkeit Bettelmann, wie ich schon sagte.«

Der Graf wandte sich hastig ab und schritt einige Mal im Zimmer auf und ab, als wollte er sich von den Wirkungen des Mißverständnisses erholen, und sodann fragte er, dicht vor den Bettler hintretend, in strengem und gebieterischem Tone, was er beabsichtige, indem er sich so bei ihm eindränge, und von wem er den Ring erhalten habe, welchen er ihm zu schicken für gut fand. – Edie, der viel Muth besaß, ward durch diese Weise zu fragen weit weniger eingeschüchtert, als es durch den vertraulichen Ton geschehen war, womit der Graf das Gespräch begonnen hatte. Auf die wiederholte Frage, von wem er den Ring erhalten habe, antwortete er ruhig, »von einer, die dem Grafen besser bekannt sein werde, als ihm.«

»Besser mir bekannt, Mensch?« sagte Graf Glenallan; »was bedeutet das? erkläre dich augenblicklich, oder du sollst erfahren, welche Folge es hat, wenn man eine Familientrauer zu stören wagt.«

»Es war die alte Elsbeth Mucklebackit, die mich hieher schickte,« sagte der Bettler, »um Ihnen zu sagen« –

»Alter närrischer Mann!« sagte der Graf; »ich hörte den Namen nie – aber dies schreckliche Zeichen erinnert mich –«

»Jetzt besinn' ich mich, Mylord,« sagte Ochiltree; »sie sagte mir, Ew. Herrlichkeit würde bekannter mit ihr sein, wenn ich sie Elsbeth von Craigburnfoot nennen würde – Sie führte diesen Namen, als sie auf Ihren Gütern lebte, das heißt, die damals Ew. Herrlichkeit ehrwürdiger Mutter gehörten – sie möge sanft ruhn!«

»Ja,« sagte der erschrockene Graf, während sich sein Antlitz veränderte, und seine Wange eine noch leichenhaftere Farbe annahm; »dieser Name ist allerdings in das tragische Buch einer beklagenswerthen Geschichte geschrieben – Aber was kann sie von mir wollen – ist sie todt oder lebend?«

»Lebend, Mylord; und bittet inständig, Ew. Herrlichkeit zu sehen, bevor sie stirbt, denn sie hat Ihnen etwas mitzutheilen, das ihr auf der Seele lastet, und sie sagt, sie könne nicht in Frieden sterben, bis sie Ew. Herrlichkeit gesehn habe.«

»Nicht, bis sie mich gesehn hat! – was kann das bedeuten? – aber sie ist schwachköpfig vor Alter und Schwäche – ich sage dir, Freund, ich ging selbst zu ihrer Hütte, es sind nicht zwölf Monate her, weil ich hörte, sie sei in Noth, aber sie erkannte weder mein Gesicht noch meine Stimme.«

»Wenn Ew. Herrlichkeit mir erlauben wollten,« sagte Edie, dem die fortgesetzte Unterhaltung seine berufsmäßige Keckheit und seine angeborne Geschwätzigkeit zum Theil wiedergab, »wenn's Ew. Herrlichkeit mir erlauben wollten, so möcht' ich, mit aller Ehrfurcht vor Ew. Herrlichkeit besserer Meinung, doch sagen, daß die alte Elsbeth einem der alten verfallnen Schlösser gleicht, die man auf den Bergen sieht. Viele Theile ihres Geistes scheinen, so zu sagen, wüst' und im Verfall zu liegen, andere Theile sehen aber noch um so fester aus, um so stärker und stattlicher, weil sie sich wie erhaltene Stücke unter dem übrigen Verfall erheben – Sie ist ein grauenhaftes Weib.«

»Das war sie stets,« sagte der Graf, fast unwillkührlich des Bettlers Bemerkung wiederholend; »sie unterschied sich stets von andern Weibern; am ähnlichsten war sie vielleicht ihr, die nun nicht mehr ist, an Gemüth und Charakter. – Sie wünscht mich also zu sehen?«

»Bevor sie stirbt,« sagte Edie, »sie bittet ernstlich um diese Freude.«

»Es wird für keines von uns beiden eine Freude sein,« sagte der Graf ernst, »aber ich will sie befriedigen. – Sie lebt, glaub' ich, am Seestrande südlich von Fairport?«

»Genau zwischen Monkbarns und Knockwinnock, aber näher bei Monkbarns. Ew. Herrlichkeit kennen wahrscheinlich den Laird und Sir Arthur?«

Ein starrer Blick, als begriffe er die Frage nicht, war Glenallan's Antwort. Edie sah, daß seine Gedanken anderswo waren, und wagte nicht, eine Frage zu wiederholen, die so wenig zur Sache paßte.

»Bist du ein Katholik, alter Mann?« fragte der Graf.

»Nein, Mylord,« sagte Ochiltree stolz, denn ihm fiel alsbald die ungleiche Vertheilung der Almosen ein; »ich bin, Gott sei Dank, ein guter Protestant.«

»Wer sich mit gutem Gewissen gut nennen kann, hat allerdings Grund, dem Himmel zu danken, mag seine Kirche sein, welche sie wolle. – Aber wer darf sich so zu nennen wagen?«

»Ich nicht,« sagte Edie; »ich denke vor der Sünde des Hochmuths sicher zu sein.«

»Welches Gewerbe triebst du in der Jugend?« fuhr der Graf fort.

»Ich war Soldat, Mylord; ich habe da manchen heißen Tag erlebt. Ich sollte Sergeant werden, aber –«

»Ein Soldat! dann hast du gemordet und gesengt, geplündert und geraubt?«

»Ich will nicht sagen,« erwiederte Edie, »daß ich besser als meine Nebenmänner war – 's ist ein rauhes Gewerbe – Krieg ist nur dem angenehm, der nie dabei gewesen ist.«

»Und jetzt bist du alt und elend, und erbittest von der Barmherzigkeit das Brod, das du in der Jugend der Hand des armen Bauers entrissest?«

»Ich bin ein Bettler, das ist wohl wahr, Mylord; aber so ganz elend bin ich eben nicht. Was meine Sünden betrifft, so ward mir die Gnade, sie zu bereuen, wenn ich so sagen darf, und sie auf Jemand zu legen, der sie besser tragen kann, als ich. Was meine Nahrung anlangt, so verweigert Niemand einem alten Manne einen Bissen und einen Trank. So leb' ich wie ich kann, und werde gern sterben, wenn ich abgerufen werde.«

»Und also kannst du auf wenig Angenehmes oder Preiswürdiges in deinem vergangenen Leben zurücksehen, kannst noch weniger auf deine übrige irdische Zukunft mit Freude blicken, und bist dennoch zufrieden, den Rest deines Daseins bis an's Ende zu schleppen? Geh, geh; und beneide in deinem Alter, deiner Armut und Noth nie den Herrn eines solchen Hauses wie dies hier, mag er schlafen oder wachen – hier ist etwas für dich.«

Der Graf legte in des alten Mannes Hand fünf oder sechs Guineen. Edie hätte vielleicht gern, wie bei andern Gelegenheiten, seine Bedenklichkeiten über die Größe der Gabe geltend gemacht, aber der Ton des Grafen Glenallan klang zu entschieden, um eine Einwendung zu gestatten. Der Graf rief nun seinen Diener. »Sieh zu, daß dieser alte Mann wohlbehalten aus dem Schlosse kommt – laß Niemand ihm Fragen vorlegen – du aber, Freund, geh', und vergiß den Weg, der zu meinem Hause führt.«

»Das dürfte schwer für mich sein,« sagte Edie, auf das Gold blickend, welches er noch in der Hand hielt, »das dürfte gar schwer für mich sein, da mir Ew. Herrlichkeit ein so gutes Andenken gaben.«

Lord Glenallan staunte, als könne er kaum des alten Mannes Kühnheit begreifen, der Worte mit ihm zu wechseln wagte, und er gab ihm ein zweites Zeichen fortzugehen mit der Hand, welchem der Bettler sogleich gehorchte.


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