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Fünftes Kapitel.

– – Verlaßt Ihr hier die Ehre,
So meinet nicht, ihr wieder je zu dienen;
Sagt Lebewohl den fleckenlosen Waffen,
Der ehrenvolle Kriegername falle
Von Euch, so wie ein Lorbeerkranz, getroffen
Vom Blitz, der Stirn entfällt, die sein nicht würdig.

Ein guter Streit.

Am nächsten Morgen stattete ein Herr Mr. Lovel einen Besuch ab, und der letztere war schon bereit, ihn zu empfangen. Es war ein Herr vom Militär, ein Freund Capitain M'Intyres, jetzt des Recrutirens wegen in Fairport. Lovel und er waren oberflächlich bekannt miteinander. »Ich setze voraus, Sir,« sagte Mr. Lesley, (dies war der Name des Besuchers,) »daß Sie die Veranlassung errathen, welche mich Sie so früh stören läßt.«

»Eine Botschaft von Capitain M'Intyre, wahrscheinlich?«

»Ganz recht – er hält sich für beleidigt durch diese Weise, in welcher Sie sich gestern weigerten, gewisse Fragen zu beantworten, die er sich an einen Herrn zu richten für berechtigt hielt, welchen er in vertrautem Umgange mit seiner Familie fand.«

»Darf ich fragen, ob Sie, Mr. Lesley, geneigt gewesen wären, Fragen zu beantworten, die Ihnen auf so hochmüthige und unhöfliche Weise vorgelegt worden wären?«

»Vielleicht nicht; und deßhalb, da ich die Hitze meines Freundes M'Intyre in solchen Fällen kenne, fühle ich mich sehr geneigt, den Friedensstifter zu machen. Das höchst ehrenhafte und anständige Benehmen Mr. Lovel's muß Jedermann wünschen lassen, ihn jede Zweideutigkeit und Verläumdung niederschlagen zu sehen, welche jeden zu begleiten pflegt, dessen Verhältnisse nicht genau bekannt sind. Wenn Sie mir erlaubten, in freundschaftlicher Vermittelung dem Capitain M'Intyre Ihren wirklichen Namen mitzutheilen, denn wir dürfen wohl vermuthen, daß Lovel ein angenommener –«

»Entschuldigen Sie mich, Sir, aber ich kann die Vermittelung nicht gestatten.«

»Oder wenigstens,« sagte Lesley, fortfahrend, »daß es nicht der Name ist, durch welchen sich Mr. Lovel stets auszeichnete – Wenn Mr. Lovel die Güte haben will, diesen Umstand zu erklären, was er, meiner Meinung nach, thun sollte, um sich selbst Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so will ich für die freundschaftliche Ausgleichung dieser unangenehmen Sache stehen.«

»Das soll heißen, Mr. Lesley, wenn ich mich herablasse, Fragen zu beantworten, die kein Mensch zu machen berechtigt ist, und die mir jetzt unter Androhung der Strafe von Seiten des Capitains M'Intyre vorgelegt werden, so will sich Capitain M'Intyre herablassen, zufrieden zu sein? Mr. Lesley, ich habe nur noch ein Wort über die Sache zu sagen. Ich zweifle nicht, daß mein Geheimniß, wenn ich eines hätte, Ihrer Ehre völlig sicher anvertraut werden könnte, aber ich fühle mich nicht berufen, die Neugier irgend eines Andern zu befriedigen. Capitain M'Intyre traf mich in einer Gesellschaft, welche an sich aller Welt als Bürgschaft gelten konnte, vorzüglich aber hätte sie ihm als solche gelten sollen, daß ich ein Gentleman sei. Er hat, meiner Meinung nach, kein Recht, weiter zu gehen, oder nach dem Stammbaum, Rang und den Verhältnissen eines Fremden zu fragen, der, ohne seinen genauen Umgang zu suchen, zufällig bei seinem Oheim speist, oder in Gesellschaft seiner Schwester spazieren geht.«

»In diesem Falle läßt Sie Sir Capitain M'Intyre benachrichtigen, daß Ihre fernern Besuche zu Monkbarns und aller Umgang mit Miß M'Intyre aufhören müssen, weil sie ihm unangenehm sind.«

»Ich werde jedenfalls,« sagte Lovel, »Mr. Oldbuck besuchen, wenn ich es passend für mich finde, ohne der Drohungen, und der reizbaren Stimmung seines Neffen im geringsten zu achten. Den Namen der jungen Dame achte ich viel zu sehr (obwohl nichts oberflächlicher sein kann, als unsre Bekanntschaft,) als daß ich ihn in solch' einer Streitsache nennen sollte.«

»Da Sie auf diese Weise entschlossen sind, Sir,« antwortete Lesley, »so verlangt Capitain M'Intyre, daß Mr. Lovel, wofern derselbe seinen Charakter nicht als sehr zweideutig betrachtet wissen will, ihn heut Abend sieben Uhr, beim Dorngebüsch in dem kleinen Thale, dicht bei den Ruinen von St. Ruth, eine Zusammenkunft schenke.«

»Ohne Frage werd' ich ihm zu Diensten stehen. Es ist nur eine Schwierigkeit vorhanden – Ich muß einen Freund zu meiner Begleitung haben, und wo soll ich ihn in dieser kurzen Zeit finden, da ich keine Bekanntschaft in Fairport habe? – – Indeß werd' ich mich einfinden, darauf kann sich Capitain M'Intyre verlassen.«

Lesley hatte seinen Hut genommen und befand sich schon an der Thür, als er, veranlaßt durch Lovel's eigenthümliche Lage, umkehrte und ihn mit folgenden Worten anredete: »Mr. Lovel, es ist an dem ganzen Verhältnisse so viel Eigenthümliches, daß ich nicht umhin kann, noch einmal darauf zurückzukommen. Sie müssen selbst einsehen, wie unpassend es in diesem Augenblicke ist, ein Incognito zu behaupten, für welches Sie, davon bin ich überzeugt, keinen unehrenhaften Grund haben. Doch macht es dies Geheimniß schwierig für Sie, einen Freund bei einer so kritischen Gelegenheit zu Ihrem Beistande zu finden – Ja, erlauben Sie mir hinzuzufügen, daß es manche Person sogar für einen Streich à la Don Quixote von M'Intyre halten dürfte, wenn er Ihnen ein Rendezvous gibt, während Ihr Charakter und Ihre Verhältnisse in solches Dunkel gehüllt sind.«

»Ich verstehe Sie, Mr. Lesley,« erwiederte Lovel; »und obwohl mich Ihr Wort beleidigen könnte, so soll dies doch nicht der Fall sein, weil es freundlich gemeint ist. Meiner Meinung nach ist jedoch derjenige zu allen Vorrechten eines Mannes von Stande befugt, dem während der Zeit, wo er sich in einer Gesellschaft bewegte, nichts Unstatthaftes oder Unziemliches zur Last gelegt werden konnte. Was einen Freund betrifft, so werd' ich wohl einen oder den andern finden, der mir diesen Gefallen erzeigen wird; und sollte er minder erfahren sein, als ich es wünschen muß, so bin ich überzeugt, daß mir dieser Umstand nicht schaden wird, da Sie mit meinem Gegner auf dem Platze erscheinen.«

»Gewiß nicht,« sagte Lesley; »da ich aber, meiner selbst willen, dafür sorgen muß, eine so schwere Verantwortlichkeit mit einem fähigen Beistande zu theilen, so erlaube ich mir, zu sagen, daß so eben Leutnant Taffril's Brigg angekommen ist, und er selbst befindet sich jetzt beim alten Caxon, wo er seine Wohnung hat. Ich denke, Sie sind mit ihm in gleichem Grade bekannt, wie mit mir, und da ich Ihnen gewiß gern einen solchen Dienst erwiesen haben würde, wenn ich nicht bereits von der Gegenpartei in Anspruch genommen wäre, so bin ich überzeugt, daß er auf ein Wort von Ihnen dazu bereit sein wird.«

»Beim Dorngebüsch also, Mr. Lesley, um sieben Uhr diesen Abend – die Waffen sind vermuthlich Pistolen?«

»Allerdings; M'Intyre hat die Stunde gewählt, wo er am leichtesten von Monkbarns abkommen kann – er war diesen Morgen fünf Uhr bei mir, um zurückkehren und sich zeigen zu können, ehe sein Oheim aufgestanden war. Guten Morgen, Mr. Lovel.« – Lesley verließ das Zimmer.

Lovel war so muthig, wie ein Mann sein kann; keiner aber vermag, sobald eine derartige Krisis naht, daran zu denken, ohne im Innern eine tiefe Bangigkeit und Unruhe zu empfinden. Binnen wenigen Stunden konnte er in einer andern Welt sein, um eine Handlung zu verantworten, die ihm das ruhigere Nachdenken in religiöser Hinsicht als unrecht schilderte, oder er konnte in dieser Welt, gleich Kain, flüchtig werden müssen, mit dem Blute seines Bruders an der Stirn. Und Alles dies konnte durch ein einziges Wort vermieden werden. Der Stolz flüsterte ihm jedoch zu, daß, dieses Wort jetzt auszusprechen, einem Beweggrunde zugeschrieben werden würde, der ihn weit mehr erniedrigen müßte, als selbst die beleidigendsten Gründe, die man seinem Schweigen zuschreiben mochte. Jeder, Miß Wardour mit eingeschlossen, mußte ihn dann, so dachte er, für einen gemeinen ehrlosen Prahler ansehn, welcher aus Furcht vor der Zusammenkunft mit Capitain M'Intyre die Erklärung gab, die er den ruhigen und höflichen Bitten Mr. Lesley's verweigert hatte. M'Intyre's persönliches grobes Betragen gegen ihn, die Anmaßung, welche er hinsichtlich der Miß Wardour bewiesen, und die übertriebene Ungerechtigkeit, Arroganz und Unhöflichkeit, mit welcher er an einen ganz Fremden seine Forderungen richtete, schienen Lovel hinreichend, um die Abweisung seiner groben Fragen zu rechtfertigen. Kurz, er faßte den Entschluß, wie es sich von einem jungen Manne erwarten ließ, die Augen zu schließen, nämlich die seiner ruhigern Vernunft, und dem Ausspruche seines beleidigten Stolzes zu gehorchen. Mit diesem Vorsatze suchte er Leutnant Taffril auf.

Der Leutnant empfing ihn mit dem Benehmen eines gebildeten Mannes, und der Offenheit eines Seefahrers, und vernahm mit nicht geringer Verwunderung die Erzählung, welche der Bitte, ihm seine Gesellschaft bei dem Rendezvous mit Capitain M'Intyre zu schenken, voranging. Als Lovel geendet hatte, stand Taffril auf und ging einige Mal im Zimmer auf und ab.

»Dies ist ein sehr seltsames Verhältniß,« sagte er, »und wirklich« –

»Ich weiß wohl, Mr. Taffril, wie wenig ich berechtigt bin, meine Bitte an Sie zu richten, aber der Drang der Umstände läßt mir keine andere Wahl übrig.«

»Erlauben Sie mir eine Frage,« sagte der Seefahrer; »ist in den Umständen, deren Mittheilung Sie verweigerten, irgend etwas Beschämendes für Sie?«

»Auf Ehre, nein. Es ist nichts vorhanden, was ich nicht, wie ich hoffe, binnen kurzem der ganzen Welt werde sagen können.«

»Ich hoffe, das Geheimniß beruht nicht auf falscher Scham, wegen des niedern Standes Ihrer Freunde oder Verwandten?«

»Nein, auf mein Wort,« erwiederte Lovel.

»Ich habe selbst nicht viel Neigung zu dieser Thorheit,« sagte Taffril; »wirklich kann man dies auch nicht von mir denken; denn was meine Verwandtschaft betrifft, so kann ich sagen, daß ich selbst von dem Maste herstamme, und recht bald denk' ich eine Verbindung einzugehen, welche vor der Welt für ziemlich niedrig gelten mag, mit einem liebenswürdigen Mädchen nämlich, mit dem ich mich versprochen habe, als wir Nachbarn waren, und zwar zu einer Zeit, wo ich noch wenig an das gute Glück dachte, welches mich im Dienste vorwärts gebracht hat.«

»Ich versichere, Mr. Taffril,« erwiederte Lovel, »daß ich nie, weß Standes auch meine Eltern sein möchten, durch kleinlichen Stolz verleitet werden könnte, jenen zu verheimlichen. Aber ich bin jetzt in einer Lage, daß ich mich nicht auf Erörterungen hinsichtlich meiner Familie einlassen kann.«

»Es ist genug,« sagte der wackere Seemann, »geben Sie mir Ihre Hand; ich will Sie so gut durch diese Affaire bringen, als ich kann, obwohl es jedenfalls eine unangenehme ist – aber was thut das? nach unsrem Vaterlande hat unsre eigne Ehre den ersten Anspruch an uns. Sie sind ein Mann von Muth, und ich gestehe, daß mir Mr. Hektor M'Intyre, mit seinem langen Stammbaum und seinem Familienstolz, eine Art Renommist zu sein scheint. Sein Vater suchte als Soldat sein Glück, so wie ich es zur See suche – Er selbst ist, wie es scheint, wenig besser dran, wenn sein Oheim ihm nicht wohl will; und ob wir unser Glück zu Land oder zur See suchen, das macht wenig Unterschied, sollt' ich meinen.«

»Gewiß nicht den geringsten,« antwortete Lovel.

»Nun,« sagte sein neuer Bundesgenosse, »wir wollen zusammen speisen, und alles für dies Rendezvous in Ordnung bringen. Ich hoffe, Sie sind im Gebrauch der Waffe erfahren?«

»Nicht besonders,« erwiederte Lovel.

»Das bedaure ich – M'Intyre soll ein guter Schütze sein.«

»Ich bedaure es deßgleichen, sowohl seinet- als meinetwegen,« sagte Lovel – »denn ich muß dann, der Selbstvertheidigung wegen, mein Ziel so nehmen, als ich vermag.«

»Gut,« sagte Taffril, »ich will unsern Schiffschirurgen mitbringen – ein braver junger Bursch, der eine Kugel herauszuziehen versteht. Ich will Lesley, der für einen Landsoldaten ein recht wackerer Mann ist, wissen lassen, daß der Arzt beiden Parteien zu Dienst steht. – Kann ich etwa sonst noch etwas für Sie thun, im Fall, daß etwas passiren sollte?«

»Ich habe wenig Angelegenheiten, womit ich sie belästigen könnte,« sagte Lovel; »dieses Billet enthält den Schlüssel zu meinem Schreibtisch und meinen geringen Geheimnissen – es liegt ein Brief im Schreibtische« (er fühlte hier sein Herz klopfen, während er sprach,) »ich ersuche Sie um die Gunst ihn eigenhändig abzugeben.«

»Ich verstehe,« sagte der Seefahrer; »na, mein Freund, schämen Sie sich nicht dieser Sache wegen. Ein zärtliches Herz kann wohl einen Augenblick die Augen feucht machen, wenn das Schiff in's Treffen geht. Und, was die Sache auch betreffen mag, Dan Taffril wird sie sicherlich ausrichten, wie die Bitte eines sterbenden Bruders. Aber das ist Alles Nebensache. Wir müssen Alles zum Kampfe in Ordnung bringen, und Sie werden mit mir und meinem kleinen Schiffschirurgen im Wirthshaus drüben speisen, um vier Uhr.«

»Es bleibt dabei,« sagte Lovel.

»Es bleibt dabei,« antwortete Taffril, und die ganze Sache war in Ordnung. –

Es war ein schöner Sommerabend, und der Schatten des einsam stehenden Dornbusches breitete sich bereits lang hin auf dem grünen Rasenplatze, den die Waldung, rings um die Ruinen von St. Ruth, umgab.

Lovel und Leutnant Taffril mit dem Wundarzte kamen in den Thalgrund mit einer Absicht, welche mit dem sanften, milden und friedlichen Charakter der Stunde und des Ortes sehr im Widerspruch stand. Die Schafe, die während der glühenden Hitze des Tages in den Klüften und Höhlungen des Bergabhangs oder unter den Wurzeln bejahrter und abgestorbener Bäume gelagert hatten, zerstreuten sich nun auf der Oberfläche des Hügels, um sich ihrer Abendweide zu freuen, und blökten mit jenem sanft melancholischen Tone, welcher einer Landschaft zwar Leben gibt, aber doch zugleich auch die Abgeschiedenheit andeutet. Taffril und Lovel kamen in tiefem Gespräche begriffen, nachdem sie, um nicht entdeckt zu werden, ihre Pferde durch einen Diener des Leutnants nach der Stadt zurückgeschickt hatten. Die Gegenpartei war noch nicht auf dem Platze erschienen. Als sie aber auf der bezeichneten Stelle ankamen, saß auf den Wurzeln des alten Dornstrauchs eine Gestalt, so kräftig noch in ihrem Verfall, wie die moosbewachsenen aber starken Zweige, die ihr zum Zelte dienten. Es war der alte Ochiltree. »Das ist sehr unangenehm,« sagte Lovel; »wie sollen wir diesen alten Mann los werden?«

»Hier, Vater Adam,« sagte Taffril, welcher den Bettler von früherher kannte; »hier ist eine halbe Krone für dich – du mußt gleich nach den vier Hufeisen gehen, dem kleinen Wirthshaus, das du ja kennst; frage dort nach einem Diener mit blau und gelber Livree. Wenn er noch nicht gekommen ist, so wart' auf ihn, und sag' ihm, er solle in etwa einer Stunde zu seinem Herrn kommen. Jedenfalls warte, bis wir zurückkommen, – und – doch, fort mit dir, schnell, schnell, Anker gelichtet.«

»Ich danke schön für das Almosen,« sagte Ochiltree, indem er das Geldstück einsteckte; »aber ich bitt' um Verzeihung, Mr. Taffril – ich kann jetzt nicht Ihre Botschaft ausrichten.«

»Warum nicht, Mensch? was kann dich hindern?«

»Ich möchte ein Wort mit Mr. Lovel sprechen.«

»Mit mir?« antwortete Lovel; »was könntest du mir zu sagen haben? Nun, rede und faß' dich kurz.«

Der Bettler führte ihn einige Schritte bei Seite. »Sind Sie irgend etwas dem Laird von Monkbarns schuldig?«

»Schuldig! – nein; ich nicht – und warum? weßhalb glaubst du es?«

»Sie mögen wissen, daß ich heut bei dem Sheriff war; denn, Gott helfe mir, ich gehe an alle Thüren, gleich dem bösen Geist, und wer kam da in einer Postchaise angerasselt? Niemand anders als Monkbarns und zwar ganz aufgeregt – nun ist's aber gewiß nichts Geringes, was den Herrn verleiten kann, eine Chaise und Postpferde zwei Tage hinter einander zu nehmen.«

»Gut, gut; aber was hab' ich damit zu thun?«

»Nun, Sie sollen's hören. Monkbarns schloß sich mit dem Sheriff ein, wie sehr auch arme Leute draußen warten mochten – aber darauf können Sie sich verlassen, unter einander selbst sind die Herren sehr höflich.«

»Um's Himmels willen, alter Freund« –

»Können Sie mich nicht lieber gleich zum Teufel gehn heißen, Mr. Lovel? das würde sich zu Eurem argen Vorhaben besser schicken, als vom Himmel zu sprechen.«

»Aber ich habe etwas in's Geheim mit Leutnant Taffril dort zu sprechen.«

»Nun gut, Alles zu seiner Zeit,« sagte der Bettler – »mit Mr. Daniel Taffril kann ich schon ein Bischen frei reden; ich habe vor dieser Zeit manches Faß für ihn zugemacht, denn ich war eben so gut ein Holzarbeiter, als ein Kesselflicker.«

»Entweder bist du toll, Adam, oder du willst mich toll machen.«

»Keins von beiden« sagte Edie, indem er die gedehnte Bettlersprache plötzlich mit einem kurzen, entscheidenden Tone vertauschte; »der Sheriff schickte nach seinem Schreiber, und da dieser Bursche immer eine leichtsinnige Zunge führt, so hört' ich, daß man einen Verhaftsbefehl gegen Sie ausfertigte. Ich dachte erst, es sei etwa wegen Schulden gewesen; denn alle Welt weiß, daß der Laird Niemand gern in seine Tasche greifen läßt – Nun aber muß ich wohl stille sein, denn dort kommt M'Intyre und der Mr. Lesley heran, und ich merke schon, was Monkbarns Absicht sein mochte, und die Eurige ist wohl etwas schlimmer, als recht ist.«

Die Gegner näherten sich und grüßten einander mit der ernsten Höflichkeit, wie sie für solche Gelegenheit paßt. »Was hat der alte Kerl hier zu schaffen?« sagte M'Intyre.

»Ich bin ein alter Kerl,« sagte Edie, »aber ich bin auch ein alter Soldat, der Ihren Vater kannte, denn ich diente mit ihm im zweiundvierzigsten Regiment.«

»Diene wo es dir gefällt; hier hast du kein Recht, dich einzudrängen,« sagte M'Intyre, »oder« – dabei hob er seinen Stock, um jenen einzuschüchtern, obwohl er nicht daran dachte, den alten Mann anzurühren. Aber Ochiltree's Muth erwachte bei diesem Schimpf. »Weg mit Ihrem Stock, Capitain M'Intyre! ich bin ein alter Soldat, wie ich schon sagte, und ich würde mir von Ihres Vaters Sohn viel gefallen lassen; aber keinen Stockschlag, so lang ich meinen Stab noch brauchen kann.«

»Nun gut, ich hatte Unrecht,« sagte M'Intyre, »hier ist eine Krone für dich – geh' deiner Wege – was willst du hier?«

Der alte Mann richtete sich in seiner vollen ungewöhnlichen Größe auf, und trotz seiner Kleidung, die auch in der That mehr von der eines Pilgers, als eines gemeinen Bettlers hatte, sah er, seiner Größe, seinem Benehmen und seiner ausdrucksvollen Stimme und Miene zufolge eher aus, wie ein ergrauter frommer Wallfahrer oder wie ein predigender Eremit und Rathgeber der jungen Männer, die um ihn her standen, denn als ein Gegenstand ihrer Wohlthätigkeit. »Wozu seid ihr hieher gekommen, ihr jungen Männer?« sagte er, die erstaunten Zuhörer anredend; »seid ihr gekommen, um mitten unter den schönsten Werken Gottes seine Gebote zu verletzen? Habt ihr die Werke der Menschen, die Häuser und Städte, die nur Staub sind, gleich jenen, die sie erbauten, verlassen, und seid nun hierher gekommen, zu diesen friedlichen Hügeln und der ruhigen Fluth, welche dauern, so lang etwas Irdisches besteht, um euer Leben gegenseitig zu zerstören, das dem Laufe der Natur nach nur kurze Zeit besteht, um eine schwere Rechenschaft zum Schlusse auf euch zu laden? O, Freunde! Ihr habt Brüder, Schwestern, Väter, die euch erzogen, Mütter, die sich um euch bemüheten, und Freunde, die euch als einen Theil ihres eignen Herzens betrachten. Und diese wollt ihr nun auf solche Weise kinderlos, bruderlos und freundlos machen? Ach, es ist das eine schlimme Art, zu kämpfen, und wer dabei siegt, ist am ärgsten daran! Bedenkt es, junge Leute, – ich bin ein armer Mann, aber ich bin auch ein alter Mann – und was meine Armut meinem Rathe an Gewicht entzieht, das müssen wohl meine grauen Haare und ein ehrlich Herz zwanzigfach dazu thun. Geht heim, geht heim, als gute Freunde. Der Franzose wird uns dieser Tage vielleicht überfallen, und ihr werdet genug zu fechten haben, und vielleicht wird der alte Edie selber noch mithinken, wenn er eine Hecke finden kann, um seine Flinte darauf zu legen, und vielleicht erlebt er's noch, zu erzählen, wer von euch das Beste that, wo es eine gute Sache betraf.«

Es lag etwas in der kühnen, ungebundenen Weise, dem muthigen Sinne und der mannhaften natürlichen Beredsamkeit des alten Mannes, welcher seinen Einfluß auf die Gesellschaft und besonders auf die Sekundanten, übte, deren Stolz nicht dabei betheiligt war, insofern man den Streit blutig entscheiden sollte, und die im Gegentheil eifrig eine Gelegenheit erwarteten, um Versöhnung anzurathen.

»Auf mein Wort, Mr. Lesley,« sagte Taffril, »der alte Adam spricht wie ein Orakel. Unsre Freunde hier waren gestern sehr zornig, und natürlich auch sehr thöricht. Heute sollten sie kalt sein, oder zum wenigsten müssen wir es zu ihrem Besten sein. Ich denke, das Wort sollte auf beiden Seiten vergeben und vergessen werden, damit wir einander alle die Hände schütteln, diese thörichten Dinger in die Luft feuern und nach Hause gehen könnten, um in unserm Wirthshaus mit einander zu Abend zu essen.«

»Dazu wollt' ich herzlich gern rathen,« sagte Lesley; »denn, so groß auch die Hitze und Aufregung auf beiden Seiten ist, so muß ich doch gestehn, daß ich nicht im Stande bin, einen vernünftigen Grund des Streites zu entdecken.«

»Meine Herrn,« sagte M'Intyre sehr kalt, »Alles dies hätte zuvor bedacht werden sollen. Nach meiner Meinung könnten Personen, welche eine solche Sache so weit geführt haben wie wir, und welche auseinander gehen, ohne sie noch weiter zu führen, ganz vergnügt in's Wirthshaus zum Abendessen gehen; sie würden aber am nächsten Morgen mit einem Ruf erwachen, der so zerlumpt wäre, wie unser Freund hier, der uns eine sehr unnöthige Probe von seiner Beredsamkeit gab. Meine Meinung ist, daß ich verpflichtet bin, Sie aufzufordern, ohne Verzug die Sache zu fördern.«

»Und ich,« sagte Lovel, »der ich nie Verzug wünschte, muß ebenfalls diese Herren bitten, Ihre Vorbereitungen möglichst schnell zu treffen.«

»Leute! Leute!« rief der alte Ochiltree; aber er begriff, daß Niemand mehr auf ihn achtete – »Tolle, sollt' ich sagen – aber euer Blut komme über euch!« Der alte Mann entfernte sich von der Stelle, welche nun von den Sekundanten ausgemessen wurde, und fuhr fort, in seinem Unwillen vor sich hin zu murmeln und zu reden, während er zugleich Besorgniß und eine Art starker aber peinlicher Neugier empfand. Ohne seiner Gegenwart oder seinen Erinnerungen weitere Aufmerksamkeit zu schenken, trafen Mr. Lesley und der Leutnant die nöthigen Vorbereitungen zum Duell, und man kam überein, beide Gegner sollten zugleich schießen, sobald Mr. Lesley sein Taschentuch fallen ließe.

Das verhängnißvolle Zeichen ward gegeben, und beide schossen fast im gleichen Moment. Capitain M'Intyre's Kugel streifte seines Gegners Seite, ohne ihn jedoch zu verwunden. Lovel's Kugel hatte ihr Ziel besser gefaßt; M'Intyre wankte und fiel. Er suchte sich mit dem Arme wieder aufzurichten, und sein erster Ruf war: »es ist nichts – es ist nichts – gebt uns die andern Pistolen.« Aber im nächsten Augenblick sagte er mit leiserer Stimme: »ich glaube, ich habe genug, und was das schlimmste ist, ich fürchte, ich hab' es verdient. Mr. Lovel, oder wie Sie heißen mögen, fliehen Sie und retten Sie sich – Ihr alle seid Zeugen, daß die Ausforderung von mir ausging.« Darauf erhob er sich noch einmal, sich auf den Arm stützend und setzte hinzu: »Ihre Hand, Lovel – ich glaube es, Sie sind ein Ehrenmann – vergeben Sie meine Unbesonnenheit, ich vergebe Ihnen meinen Tod – o, meine arme Schwester!«

Der Wundarzt kam herbei, um seine Rolle bei der Tragödie zu übernehmen, und Lovel stand dabei, das Unheil mit verwirrtem Blicke anstarrend, wobei er thätig gewesen, obwohl wider Willen; er ward durch die Hand des Bettlers aus seinem betäubten Zustande geschüttelt. »Was stehen Sie da und starren Ihr Werk an? Was geschehn ist, ist geschehn – was gethan ist, ist unwiderruflich vorbei. Aber fort, fort, wenn Sie Ihr junges Leben vor einem schmählichen Tode bewahren wollen – ich sehe dort Leute nahen, die zwar zu spät kommen, um euch zu trennen, aber Euch in's Gefängniß zu führen, kommen sie nur allzubald.«

»Er hat Recht, er hat Recht,« rief Taffril, »Sie dürfen sich nicht auf die Straße wagen – verbergen Sie sich bis zur Nacht im Walde. Meine Brigg geht um diese Zeit unter Segel, um drei Uhr am Morgen, wenn die Fluth günstig ist, soll mein Boot Sie an der Muschelklippe erwarten. – Fort, fort, um's Himmels willen!«

»Ja, ja, fliehen Sie!« wiederholte der Verwundete, während ein krampfhaftes Schluchzen seine Worte halb erstickte.

»Kommen Sie mit mir,« sagte der Bettler, indem er ihn fast mit Gewalt fortschleppte, »des Capitains Plan ist der beste – ich will Sie zu einem Orte führen, wo Sie inzwischen verborgen sein sollen, und würden Sie auch mit Spürhunden gesucht.«

»Fort, fort,« drängte Leutnant Taffril – »hier zu zögern ist nur Raserei«

»Es war schlimmere Raserei, hieher zu kommen,« sagte Lovel, jenem die Hand drückend – »Aber, leben Sie wohl!« und nun folgte er Ochiltree in das Dunkel des Waldes.


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