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Zwölftes Kapitel.

– – – Es gäb' manch' großer Mann
Gar gern sein halbes Gut darum, wüßt' er
Zu betteln auf die beste Weise.

Der Bettlerbusch.

Der alte Edie war mit der Lerche munter, und seine erste Frage betraf Steenie und die Brieftasche. Der junge Fischer hatte seinen Vater vor Tagesanbruch begleiten müssen, um die Fluth zu benutzen, aber er hatte versprochen, daß gleich nach seiner Rückkehr das Taschenbuch nebst Inhalt sorgfältig in ein Stück Segeltuch gewickelt durch ihn selber dem Ringan Aikwood für Dousterswivel, den Eigenthümer, übergeben werden solle.

Die Hausfrau hatte das Frühstück für die Familie bereitet, und wanderte nun, ihre Fischbutte auf den Rücken nehmend, rüstig nach Fairport hin. Die Kinder spielten vor der Thür, denn der Tag war schön und sonnig. Die alte Großmutter, die wieder auf ihrem Stuhl beim Herde saß, hatte ihre ewige Spindel zur Hand genommen, ohne daß das Lärmen und Schreien der Kinder oder das Schelten der Mutter, eh' diese fortging, einen Eindruck auf sie gemacht hätte. Edie hatte seine verschiedenen Bettelsäcke geordnet, und war im Begriff, seine Wanderung wieder anzutreten, ging aber erst mit geziemender Höflichkeit zu der alten Frau hin, um Abschied zu nehmen.

»Einen guten Tag für Euch, Mütterchen, und noch viel' andre dazu. Zur Aerndte denk' ich wieder hier zu sein, und hoff' Euch noch frisch und gesund zu finden.«

»Bittet, daß Ihr mich in meinem ruhigen Grabe finden mögt,« sagte die Alte mit hohler, geisterhafter Stimme, aber ohne eine Miene dabei zu verändern.

»Ihr seid alt, Mütterchen, und ich bin es auch; aber wir müssen uns beide seinem Willen fügen – Er wird uns zur rechten Zeit nicht vergessen.«

»Auch unsre Thaten nicht,« sagte die Alte, »was der Leib gesündigt hat, wird der Geist verantworten.«

»Das ist sicherlich wahr; und ich kann mir dies selber wohl zu Herzen nehmen, da ich ein unregelmäßiges und unstetes Leben geführt habe. Aber Ihr waret immer eine wackere Frau. Wir sind Alle schwach – aber Ihr habt doch nicht so viel auf Euch, was Euch niederbeugen könnte.«

»Weniger, als ich wohl haben könnte – aber mehr, o weit mehr, als nöthig wäre, um die stärkste Brigg zu versenken, die je aus Fairports Hafen segelte! – Sagte gestern nicht Jemand – wenigstens ist es mir so – aber alte Leute haben schwache Gedanken – sagte gestern nicht Jemand, daß Joscelinde, Gräfin von Glenallan, das Zeitliche verlassen habe?«

»Wer das sagte, hat die Wahrheit geredet,« antwortete der alte Edie; »sie ward gestern bei Fackellicht in St. Ruth begraben, und ich entsetzte mich als ein Narr, wie ich die Fackeln und die Reiter sah.«

»Es ist ihre Weise so seit den Tagen des großen Grafen, der bei Harlaw getödtet ward. Sie thaten es, um gleichsam zum Hohne zu zeigen, daß sie nicht sterben und begraben sein wollten, wie andre Sterbliche. Die Weiber des Hauses Glenallan klagten nie um den Gatten, nicht um die Schwester und nicht um den Bruder. – Aber ist sie wirklich zur großen Rechenschaft gefordert?«

»So gewiß,« antwortete Edie, »als wir Alle ihr entgegen sehn müssen.«

»Dann will ich mein Herz seiner Last entledigen, komme, was da wolle.«

Dies sagte sie mit größerer Lebhaftigkeit, als sonst ihre Reden zu begleiten pflegte, und zugleich machte sie eine Bewegung mit der Hand, als wolle sie etwas von sich werfen. Sodann richtete sie ihre Gestalt empor, die einst hoch und schlank war, und noch jetzt sehen ließ, daß sie es gewesen, obwohl Alter und Gicht sie nun gebeugt hatte; so stand sie vor dem Bettler wie eine Mumie, die ein wandernder Geist zu einer kurzen Auferstehung beseelte. Ihre lichtblauen Augen irrten hin und her, als ob sie bald vergäße, bald sich wieder besänne, was sie wolle, und wornach ihre lange, welke Hand unter dem mannichfachen Inhalt einer großen altmodischen Tasche suchte. Endlich brachte sie eine kleine Schachtel hervor, öffnete sie und nahm einen hübschen Ring heraus, worin eine Haarlocke lag, die aus zwei verschiedenen Farben, schwarz und lichtbraun, zusammengeflochten war. Brillanten von bedeutendem Werth schmückten den Ring.

»Freund,« sagte sie zu Ochiltree, »so wahr Ihr auf des Himmels Gnade hofft, geht für mich nach dem Hause Glenallan und fragt nach dem Grafen.«

»Nach dem Grafen von Glenallan, Mütterchen! ach, er will keinen von den Edelleuten des Landes sehen, und wie sollte er dann einen alten Bettelmann vorlassen?«

»Geht nur hin und versucht's. Sagt ihm, daß Elsbeth von Craigburnfoot – unter dem Namen wird er sich meiner am besten erinnern – ihn sehen möchte, bevor sie von ihrer langen Pilgerschaft erlöst wird, und daß sie ihm diesen Ring sende, woran er erkennen wird, in welcher Angelegenheit sie ihn sprechen will.«

Ochiltree betrachtete den Ring und bewunderte seinen ohne Zweifel hohen Werth; dann barg er ihn wieder sorgfältig in der Schachtel, wickelte diese in ein altes zerlumptes Taschentuch – und steckte dies in den Busen.

»Gut, Frau,« sagte er, »ich will Euer Geheiß erfüllen, so weit es auf mich ankommt. – Aber sicherlich bekam noch nie ein Graf solch ein Kleinod von einer alten Fischerfrau, und zwar durch die Hand eines alten Bettelmanns.«

Mit dieser Bemerkung nahm Edie seinen Stock, setzte seine breitrandige Mütze auf und trat seine Wanderschaft an. Die alte Frau blieb einige Zeit in ihrer aufrechten Stellung stehen, während ihr Blick auf der Thüre haftete, durch welche der Bettler verschwunden war. Der Ausdruck von Aufregung, den die Unterhaltung verursacht hatte, verließ allmählig ihre Züge – sie sank auf ihren gewohnten Sitz nieder und begann, mit der gewohnten gleichgiltigen Miene, ihre mechanische Arbeit mit Rocken und Spindel wieder.

Edie Ochiltree setzte indessen seine Reise fort. Glenallan war fünf Stunden entfernt, ein Weg, zu welchem der alte Soldat nur etwa vier Stunden nöthig hatte. Mit der Neugier, die seiner müßigen Lebensart und seinem lebhaften Charakter eigen war, quälte er sich auf dem ganzen Wege durch den Gedanken, was wohl die räthselhafte Botschaft, die ihm übertragen worden, bedeuten könne, oder in welcher Verbindung der stolze, reiche und mächtige Graf von Glenallan mit den Verbrechen oder der Reue eines alten schwachsinnigen Weibes stehen könne, deren Rang im Leben nicht viel höher als der ihres Boten war. Er bemühte sich, Alles in's Gedächtniß zu rufen, was er je von der Familie Glenallan gewußt oder gehört hatte, aber bei alledem war er doch nicht im Stande, eine Vermuthung darüber zu bekommen. Er wußte, daß das ganze große Besitzthum dieser alten und mächtigen Familie der jüngst verstorbenen Gräfin gehört hatte, welche in hohem Grade den ernsten stolzen und unbeugsamen Charakter besaß, welcher das Haus Glenallan ausgezeichnet hatte, seit es in Schottlands Annalen glänzte. Gleich den übrigen ihrer Vorfahren, hing sie dem römisch-katholischen Glauben eifrig an und verheirathete sich mit einem englischen Herrn von derselben Confession, welcher sehr reich war und die Verbindung nur zwei Jahr überlebte. Die Gräfin ward daher frühzeitig Wittwe und verwaltete die bedeutenden Güter ihrer beiden Söhne ohne Einschränkung. Der ältere, Lord Geraldin, der den Titel und die Güter Glenallan's erben sollte, war, so lange sie lebte, ganz von seiner Mutter abhängig. Der zweite nahm, als er volljährig ward, Namen und Wappen seines Vaters und trat den Besitz seiner Güter an, gemäß dem Heirathscontrakte seiner Mutter. Nach dieser Zeit lebte er hauptsächlich in England und besuchte seine Mutter und den Bruder nur selten und auf kurze Zeit; endlich wurden die letztern gänzlich mit seinen Besuchen verschont, als er sich zur reformirten Kirche wendete.

Aber auch bevor seine Mutter diese tödtliche Kränkung erdulden mußte, hatte der Aufenthalt zu Glenallan für einen muntern jungen Mann, wie Edward Geraldin Neville, wenig Anziehendes, obwohl der düstere, einsame Wohnsitz dem melancholischen und zurückgezogenen Wesen des ältern Bruders zusagte. Lord Geraldin hatte in seiner Jugend die schönsten Hoffnungen gegeben. Alle, die ihn auf seinen Reisen kennen lernten, unterhielten die größten Erwartungen von seiner künftigen Laufbahn. Aber so schöne Morgen umwölken sich oft nur zu bald. Der junge Edelmann kehrte nach Schottland zurück, und nachdem er ein Jahr in Gesellschaft seiner Mutter zu Glenallan gelebt hatte, schien er ganz und gar ihren finstern und melancholischen Charakter angenommen zu haben. Von Staatsämtern durch seine, in der Religion begründete, Unfähigkeit ausgeschlossen, von allen andern Beschäftigungen aber freiwillig abgehalten, führte Lord Geraldin ein Leben der strengsten Zurückgezogenheit. Seine gewöhnliche Gesellschaft beschränkte sich auf die Geistlichen seines Glaubens, die gelegentlich sein Haus besuchten; und sehr selten, nur bei hohen Festen, wurden einige Familien, welche sich noch zu dem katholischen Glauben bekannten, in Glenallan bewirthet. Aber dies war auch Alles – die ketzerischen Nachbarn wußten sonst nichts von der Familie; auch selbst die Katholiken sahen wenig mehr, als die glänzende Bewirthung und feierliche Pracht, die bei solchen Gelegenheiten entfaltet wurde, von denen Alle zurückkehrten ohne zu wissen, sollten sie mehr das ernste, stolze Wesen der Gräfin bewundern, oder die tiefe und düstere Niedergeschlagenheit, welche nicht einen Augenblick die Wolken von ihres Sohnes Antlitz schwinden ließ. Der letzte Todesfall hatte ihn in Besitz seines Vermögens und Titels gesetzt, und die Nachbarschaft stellte bereits Vermuthungen an, ob mit der Unabhängigkeit auch Fröhlichkeit aufleben werde; diejenigen aber, die zufällig mit dem Innern der Familie bekannter waren, verbreiteten ein Gerücht, daß des Grafen Gesundheit durch religiöse Strenge untergraben sei, und daß er höchst wahrscheinlich seiner Mutter bald in's Grab nachfolgen werde. Dies war um so glaublicher, da sein Bruder an einer schleichenden Krankheit gestorben war, die in den letzten Jahren seines Lebens Körper und Geist zugleich angegriffen hatte. Wappenkundige und Genealogen schlugen daher bereits in ihren Registern nach, um den Erben dieser vom Schicksal heimgesuchten Familie zu entdecken, und die Rechtsgelehrten schwatzten schon mit frohem Vorgefühl von einem »großen Glenallan'schen Prozesse.«

Als sich Edie Ochiltree der Vorderseite des Schlosses Glenallan näherte, welches ein altes, weitläufiges Gebäude war, dessen neuern Theil aber größtentheils der berühmte Inigo Jones aufgeführt hatte, überlegte er, auf welche Weise er es am ersten möglich machen könne, seine Botschaft auszurichten; nach langer Ueberlegung entschloß er sich, das Zeichen dem Grafen durch einen der Diener zu schicken. Mit diesem Vorsatze hielt er bei einem Häuschen an, wo er Mittel fand, den Ring in ein Couvert, nach Art eines Bittschreibens, einzusiegeln, mit der Aufschrift: » An seine Härlichkeit Graffen von Glenallan.« Da er jedoch wußte, daß Botschaften, an den Thüren großer Häuser durch Leute seiner Art abgegeben, nicht immer ihrer Adresse gemäß bestellt werden, so beschloß Edie, erst das Terrain zu recognosciren, eh' er seinen Angriff wagte. Als er sich der Wohnung des Pförtners näherte, bemerkte er vor derselben eine Anzahl armer zerlumpter Leute, deren einige aus der Nachbarschaft waren, während andre gleich ihm sich als wandernde Bettler nährten. Er bemerkte alsbald, daß eine allgemeine Spende oder Almosenvertheilung stattfinden solle.

»Ein gutes Werk,« sagte Edie zu sich selbst, »bleibt nie unbelohnt – Ich kann vielleicht hier ein gutes Almosen bekommen, was mir entgangen wäre, hätt' ich des alten Weibes Auftrag nicht übernommen.«

Er stellte sich daher bei diesem zerlumpten Regimente auch mit in Reih' und Glied, indem er seinen Posten so weit als möglich vorn nahm; eine Auszeichnung, die, wie er glaubte, seinem blauen Kittel und Schild, sowie seinen Jahren und seiner Erfahrung gebührte. Bald jedoch fand er, daß hier der Vorrang nach einem andern Grundsatze bestimmt war, wovon er nichts gewußt hatte.

»Bist du ein Dreifacher, Freund, daß du dich so keck vordrängst? – Ich glaube nicht, denn dies Schild trägt kein Katholik.«

»Nein, nein, ich bin kein Katholik,« sagte Edie.

»Dann scher' dich zu den doppelten oder einfachen Leuten, d. h. zu den bischöfflichen oder Presbyterianern dort. Es ist eine Schmach, einen Ketzer mit einem so langen weißen Barte zu sehn, der einem Eremiten Ehre machen würde.«

Ochiltree, so aus der Gesellschaft der katholischen Bettler verwiesen, oder derjenigen, die sich so nannten, nahm nun seine Stellung bei den Armen der englischen Kirche, denen der edle Geber ein doppeltes Almosen gewährte. Aber noch nie war wohl ein armer Abtrünniger von einer solchen kirchlichen Brüderschaft rauher zurückgewiesen worden, selbst nicht in den Tagen der guten Königin Anna, als die Heftigkeit in dieser Sache den höchsten Grad erreicht hatte.

»Seht den mit seinem Schild!« sagten sie; »er hört einen von den Königs presbyterianischen Kaplanen am Morgen jedes Geburtstages eine Predigt hersagen, und nun möcht' er für einen von der bischöfflichen Kirche gelten! nein, nein! dafür wollen wir schon sorgen!«

Edie, der sich so von Rom und Prälaten zurückgewiesen sah, stellte sich, um dem Gelächter seiner Brüder auszuweichen, gern unter die kleine Schaar der Presbyterianer, die es entweder verschmähten, ihre religiöse Meinung einer größern Gabe wegen zu verläugnen, oder auch wohl wußten, daß sich der Betrug nicht wagen ließe, ohne eine Entdeckung sicher zur Folge zu haben.

Die nämliche Folgereihe ward bei der Vertheilung der Almosen beobachtet, welche in Brod, Fleisch und einem Stück Geld bestanden, wovon jeder Einzelne sein Theil erhielt. Der Almosenvertheiler, ein Geistlicher von ernstem Ansehen und Benehmen, versah in Person die katholischen Bettler, indem er jedem einige Fragen vorlegte, während er die Gaben ertheilte, und ihnen zugleich anempfahl, für die Seele Joscelindens, der Gräfin von Glenallan, der Mutter ihres Wohlthäters, zu beten. Der Pförtner, ausgezeichnet durch seinen langen Stab mit silbernem Knopfe und durch ein schwarzes Ueberkleid, welches mit Borden von gleicher Farbe besetzt war und wegen der allgemeinen Familientrauer von ihm getragen ward, leitete die Vertheilung der Gaben an die bischöfflichen Bettler. Die am wenigsten begünstigten Bettler besorgte ein alter Bedienter.

Als der letztere einen streitigen Punkt mit dem Pförtner besprach und zufällig sein Name dabei erwähnt wurde, fiel dieser, so wie seine Züge, dem Ochiltree plötzlich auf und erweckte Erinnerungen früherer Zeiten bei ihm. Die Uebrigen von der Gesellschaft zogen sich nun zurück, als der Bediente, sich dem Platze, wo Edie noch weilte, nähernd, in dem harten Dialekt von Aberdeenshire sagte: »Was hat der alte Dummkopf noch zu schaffen, daß er nicht weggehen kann, da er ja doch Essen und Geld erhalten hat?«

»Francie Macraw,« antwortete Edie Ochiltree, »denkst du nicht mehr an Fontenoy, und an das: »schließt euch! Vorwärts!«

»Oho! Oho!« rief Francie, mit einem ächt nordländischen Ausruf des Wiedererkennens, »Niemand hätte das Wort sagen können, als mein alter Vordermann, Edie Ochiltree! Aber mich dauert es, dich in so ärmlichem Zustande zu sehen, armer Bursche.«

»Nicht so schlimm ist es, als du vielleicht denkst, Francie. Aber ich möchte diesen Ort nicht verlassen, ohne Eins zu plaudern mit dir; und ich weiß nicht, ob ich dich werde wiedersehen können, denn ihr Leute heißt keinen Protestanten willkommen, und das ist der Grund, warum ich zuvor nie hierher kam.«

»Still, still,« sagte Francie, »laß den Floh ruhen! kannst ihn noch zeitig genug verjagen! – Jetzt komm mit mir und ich will dir was besseres geben, als diesen Rindsknochen, Freund.«

Nachdem er darauf ein vertrauliches Wort mit dem Pförtner gesprochen, (dessen Einwilligung er wahrscheinlich erbat,) und nachdem er gewartet hatte, bis der Almosenpfleger mit langsamen, feierlichen Schritten wieder in's Haus gegangen war, führte Francie Macraw seinen alten Kameraden in den Schloßhof zu Glenallan, dessen düstere Pforte oben mit einem großen Wappen geschmückt war, worin der Heraldiker, wie gewöhnlich, die Sinnbilder menschlichen Stolzes und menschlicher Nichtigkeit vermischt angebracht hatte; es war das Familienwappen der Gräfin mit seinen zahlreichen Feldern und umgeben von den verschiedenen Schildern ihrer väterlichen und mütterlichen Verwandtschaft, untermischt mit Sensen, Stundengläsern, und andern Symbolen der Sterblichkeit, die Alles gleich macht. Macraw führte seinen Freund so schnell als möglich über den weiten, gepflasterten Schloßhof, bis er mit ihm durch eine Seitenthür in ein kleines Gemach nahe bei der Bedientenstube kam, welches er, da er dem Grafen Glenallan persönlich aufwartete, sein eigen nennen konnte. Kalte Küche verschiedener Art, starkes Bier und selbst ein Glas Branntwein herbeizuschaffen, war für eine so wichtige Person wie Francie nicht schwierig, welcher, beim Bewußtsein seiner Würde, doch die nordische Klugheit nicht eingebüßt hatte, die ein gutes Einverständniß mit dem Kellner empfahl. Unser Bettlergesandter trank Ale und sprach von alten Geschichten mit seinem Kameraden, bis er, da kein Gegenstand der Unterhaltung mehr vorhanden war, sich entschloß, auf den Zweck seiner Gesandtschaft zu kommen, die er beinah' vergessen hätte.

»Ich habe eine Bittschrift an den Grafen abzugeben,« sagte er, denn er hielt es für klug, nichts von dem Ringe zu sagen, da er nicht wußte, wie er später bemerkte, wie weit die Sitten eines Soldaten durch den Dienst in einem großen Hause verdorben sein konnten.

»Ach, Freund,« sagte Francie, »der Graf will keine Bittschriften ansehen, aber ich will sie dem Almosenier geben.«

»Sieh, es betrifft ein Geheimniß, das der Graf wohl am liebsten selber sehen möchte.«

»Ich glaube, daß es gerade aus dem Grunde der Almosenier wird vor allen Andern zuerst sehen wollen.«

»Aber ich habe den weiten Weg gemacht, um es abzugeben, Francie, und du wirst mir doch wohl behilflich sein.«

»Nun, ich muß wohl am Ende,« antwortete der Freund aus Aberdeenshire; »mögen sie so böse werden wie sie wollen, sie können mich doch nur fortschicken, und ich denke ohnehin daran, meinen Abschied zu fordern und meine Tage vollends in Inverurie zu beschließen.«

Mit diesem wackern Entschlusse, seinem Freunde einen Dienst zu erweisen, da überhaupt keine besondere Gefahr dabei zu bestehen war, verließ Francie Macraw das Gemach. Es währte lange, eh' er zurückkam, und als dies endlich geschah, äußerte er die größte Verwunderung und Bewegung.

»Ich bin gar nicht mehr im Klaren, ob du Edie Ochiltree von Carrick's Compagnie im zwei und vierzigsten Regiment, oder der leibhafte Teufel selber bist!«

»Und aus welchem Grunde sagst du so?« fragte der überraschte Bettler.

»Weil mein Herr von einer Traurigkeit und von einer Ueberraschung ergriffen worden ist, wie ich es noch nie in meinem Leben sah. Aber er will dich sprechen – das hab' ich von ihm erlangt. Er war einige Minuten ganz außer sich und ich dachte, es würde ganz zur Neige mit ihm gehen. Als er wieder zu sich kam, fragte er, wer den Brief gebracht hätte – und was meinst du, was ich sagte?«

»Ein alter Soldat,« sagte Edie; »in eines Edelmanns Hause klingt es am Besten – bei einem Pächter sagt man am passendsten, ein alter Kesselflicker, wenn man beherbergt sein will, denn die Pächterin wird immer etwas zu flicken haben.«

»Aber ich sagte weder das Eine, noch das Andre,« antwortete Francie; »mein Herr kümmert sich um Beides wenig, denn er hat die am liebsten, die unsre Sünden zu flicken verstehen. Drum sagt' ich, das Papier habe ein alter Mann mit einem weißen Barte gebracht, der, so weit ich's verstände, etwa ein Kapuciner sein könnte, denn er sei wie ein alter Pilger gekleidet. So wird er dich nun rufen lassen, so bald er im Stande ist, dich zu sehen.«

»Ich wollte, ich hätte mich schon gut aus dieser Geschichte gezogen,« dachte Edie bei sich selbst; »viele Leute meinen, der Graf sei nicht ganz bei Verstande, und wer weiß, wie wild er werden wird, daß ich mir so viel herausgenommen habe?«

Aber nun konnte er nicht mehr zurück. Eine Glocke tönte aus einem fernen Theile des Gebäudes und Macraw sagte mit leiser Stimme, als wäre sein Herr ganz in der Nähe gewesen: »das ist meines Herrn Glocke! – folge mir und geh' hübsch leise und sacht, Edie!«

Edie folgte seinem Führer, der so leise auftrat, als fürchtete er, gehört zu werden, über einen langen Gang und eine Treppe empor, die nach den Familienzimmern führte. Diese waren weit und geräumig, und so kostbar ausgestattet, daß sie die Würde und den Glanz der Familie bekundeten. Aber alle Geräthschaften waren nach dem Geschmack einer frühern und fernen Periode und man hätte fast glauben können, man gehe durch die Gemächer eines schottischen Edelmanns vor der Vereinigung beider Königreiche. Die verstorbene Gräfin hatte, theils weil sie die gegenwärtige Zeit verachtete, theils auch aus Familienstolz, nicht zugegeben, daß man die Geräthschaften verändere oder erneuere, so lange sie in Glenallan lebte. Der prächtigste Theil des Schmuckes war eine werthvolle Gemäldesammlung der besten Meister, deren schwerfällige Rahmen von der Zeit etwas verblichen waren. Auch in dieser Hinsicht schien also der düstere Geschmack der Familie vorzuherrschen. Es waren einige schöne Familienporträts vorhanden von van Dyk und andern vorzüglichen Meistern; aber am reichsten war die Sammlung versehen mit Heiligen und Märtyrern von Domenichino, Velasquez und Murillo, und mit andern Gegenständen ähnlicher Art, welchen man den Vorzug vor Landschaften und historischen Stücken eingeräumt hatte. Die Art, in welcher man diese grauenvollen und bisweilen selbst wunderlichen Gegenstände dargestellt sah, harmonirte mit der düstern Pracht der Zimmer; dieser Umstand entging auch dem alten Manne nicht ganz, als er die Gemächer unter der Leitung seines weiland Kriegskameraden durchwanderte. Er war im Begriff, einen derartigen Gedanken zu äußern, aber Francie gebot ihm durch Zeichen Stillschweigen und ließ ihn, indem er am Ende der langen Gemäldegallerie eine Thür öffnete, in ein kleines, schwarzbehangenes Vorzimmer treten. Hier fanden sie den Almosenier, welcher das Ohr nach der entgegengesetzten Thür hielt und zwar in der Stellung eines Menschen, der mit großer Aufmerksamkeit lauscht, doch zugleich dabei ertappt zu werden fürchtet.

Der alte Bediente und der Geistliche erschraken beide, als sie einander erblickten. Aber der Almosenier sammelte sich zuerst und sagte, auf Macraw zutretend, mit leisem aber gebieterischem Tone: »Wie kannst du des Grafen Zimmer betreten, ohne anzuklopfen? und wer ist dieser Fremde, oder was hat er hier zu thun? – zieht euch nach der Gallerie zurück und erwartet mich dort.«

»'s ist unmöglich, jetzt Ew. Ehrwürden zu gehorchen,« antwortete Macraw, indem er seine Stimme so weit erhob, daß er im nächsten Zimmer gehört werden konnte, denn er wußte wohl, daß der Priester den Wortwechsel nicht fortsetzen würde, wo ihn sein Gebieter hören konnte, – »der Graf hat die Glocke gezogen.«

Kaum hatte er diese Worte gesagt, als die Glocke wieder und mit größerer Heftigkeit als zuvor ertönte; der Geistliche begriff, daß sich hier nichts weiter thun ließ, und erhob nur den Finger mit drohender Geberde gegen Macraw, als er das Gemach verließ.

»Sagt' ich dir's nicht?« flüsterte der Mann aus Aberdeen dem Bettler zu; darauf öffnete er die Thür, in deren Nähe sie den Kaplan hatten auf der Lauer stehen sehen.


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