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Drittes Kapitel.

Wie wenn ein Greif mit raschem Flug verfolgt
Auf Bergeshöhen und durch dumpf'ge Thäler
Den Arimaspier, der ihm entwandt
Aus dem Versteck das gut bewahrte Geld:
So auch der böse Feind« – – –

Das verlorne Paradies.

Als man das Mahl beendet hatte, kam Sir Arthur wieder auf die Geheimnisse der Wünschelruthe zurück, als auf einen Gegenstand, über den er schon früher mit Dousterswivel gesprochen hatte. »Mein Freund Mr. Oldbuck wird nun vorbereitet sein, Mr. Dousterswivel, mit größerer Aufmerksamkeit auf die Berichte zu hören, die Sie uns von den jüngsten Entdeckungen mittheilten, welche die Brüder Ihrer Gesellschaft in Deutschland gemacht haben.«

»Ach, Sir Arthur, das ist ein Gegenstand, von welchem sich vor diesen Herren nicht wohl sprechen läßt, weil ihnen der Glaube mangelt – dieser Mangel gefährdet ein großes Unternehmen.«

»Lassen Sie mindestens meiner Tochter Erzählung lesen, die sie von Martin von Waldeck aufgesetzt hat.«

»O, das ist eine sehr wahre Geschichte – aber Miß Wardour ist so schlau und witzig, daß sie die Sache ganz zu einem Roman gemacht hat – wie es Göthe oder Wieland nur immer vermocht hätten, auf mein Wort.«

»Die Wahrheit zu sagen, Mr. Dousterswivel,« antwortete Miß Wardour, »das Romanhafte herrschte im Verhältniß zum Wahrscheinlichen, so sehr in dieser Geschichte vor, daß es für eine Liebhaberin des Feenlandes, wie ich bin, unmöglich war, einige Färbungen zu unterlassen, die die Sache vollkommen in ihrer Art machen mußten. Aber hier ist die Schrift, und wenn Sie nicht geneigt sind, diesen Schatten zu verlassen, bis die Hitze des Tages nachgelassen hat, und wenn Sie überhaupt Nachsicht mit meiner schlechten Schreiberei haben wollen, so wird es uns Sir Arthur oder Mr. Oldbuck vielleicht vorlesen.«

»Nicht ich,« sagte Sir Arthur; »ich war nie ein Freund von laut vorlesen.«

»Auch ich nicht,« sagte Oldbuck, »denn ich habe meine Brille vergessen – Aber hier ist Lovel, mit scharfen Augen und einer guten Stimme; denn Mr. Blattergowl, das weiß ich, liest nie etwas, damit man nicht argwohnen soll, er lese auch seine Predigten.«

Das Geschäft ward daher Lovel übertragen, welcher mit einigem Zittern ein, von Miß Wardour gleichfalls mit einiger Verlegenheit überreichtes, Heft empfing, welches die Schriftzüge dieser schönen Hand enthielt, deren Besitz er für das höchste Glück gehalten haben würde, welches ihm die Erde nur bieten konnte. Aber es war nothwendig seine Bewegung zu unterdrücken; und nachdem er das Manuscript überblickt hatte, als wolle er sich mit dem Charakter desselben bekannt machen, sammelte er sich und las der Gesellschaft folgende Erzählung vor.

Schicksale Martin Waldeck's.

Die abgeschiedenen Gegenden des Harzwaldes in Deutschland, vorzüglich aber der Blocksberg, oder besser der Brocken, sind der erlesene Schauplatz für Erzählungen von Hexen, Geistern und ähnlichen Erscheinungen. Die Beschäftigung der Landbewohner, die zum Theil Bergleute und Waldarbeiter sind, ist von der Art, daß sie dem Aberglauben besondern Vorschub leistet, und die Naturerscheinungen, die ihnen bei ihrem einsamen oder unterirdischen Beruf vorkommen, werden von ihnen häufig der Einwirkung von Kobolden oder Zauberkräften zugeschrieben. Unter den verschiedenen Sagen, die in dieser wilden Gegend im Umlauf sind, ist eine besonders beliebt, welche berichtet, der Harz diene einer Art von Schutzgeist zum Aufenthalt, welcher sich in der Gestalt eines wilden Mannes von großer Statur zeigt, das Haupt mit Eichenlaub bekränzt und mit einem Gürtel von gleicher Art versehn, und in der Hand einen entwurzelten Fichtenstamm tragend. Allerdings wollen viele Personen eine solche Gestalt gesehen haben, wie sie mit weiten Schritten in paralleler Richtung mit ihnen am Rande eines gegenüberliegenden Berges hinschritt, welcher von ihnen durch ein enges Thal getrennt war; und wirklich ist das Thatsächliche dieser Erscheinung so allgemein anerkannt, daß moderne Zweifelsucht nur in der Erklärung ihre Zuflucht finden konnte, daß sie Alles einer optischen Täuschung zuschrieb.

In alten Zeiten war der Verkehr des Geistes mit den Bewohnern noch vertraulicher, und gemäß den Harzsagen war er, nach der Laune, die man gewöhnlich solchen erdentsprossenen Mächten zuschreibt, gewohnt, sich in die Angelegenheiten der Sterblichen zu mischen, bisweilen zu ihrem Wohl, bisweilen zu ihrem Weh. Man bemerkte aber auch, daß selbst seine Geschenke im Laufe der Zeit oft denen verderblich wurden, denen sie geliehen waren, und es war eine nicht ungewöhnliche Sache, daß die Pfarrer aus Fürsorge für ihre Heerden lange Predigten hielten, worin sie vor allem, direktem oder indirektem, Umgang mit dem Harzgeiste warnten. Die Schicksale Martin Waldeck's wurden von den Bejahrten oft ihren leichtsinnigen Kindern erzählt, wenn diese über eine scheinbar nur eingebildete Gefahr spotteten.

Ein reisender Kapuciner hatte von der Kanzel in der strohgedeckten Kirche eines Dörfchens, Namens Morgenbrod, in jener Gegend des Harzes liegend, Besitz genommen, und predigte von derselben gegen die Gottlosigkeit der Einwohner, ihren Umgang mit bösen Geistern, Hexen, Feen, und besonders mit dem Waldkobolde des Harzes. Die Lehren Luther's begannen sich bereits unter dem Landvolke zu verbreiten, denn der Vorfall fand unter der Regierung Karl's V. statt, und sie lachten höhnisch über den Eifer, mit welchem der fromme Mann seinen Gegenstand behandelte. Endlich, da seine Heftigkeit mit dem Widerspruche zunahm, stieg auch der Widerspruch im Verhältnisse zu seiner Heftigkeit. Die Einwohner wollten nicht gern einen vertrauten ruhigen Geist, der seit manchem Jahrhundert den Brocken bewohnt hatte, mit Namen belegen hören, wie Baalpeor, Aschtaroth und selbst Beelzebub, und ihn so ohne weiteres zur bodenlosen Tiefe verdammt sehen. Die Besorgniß, der Geist möchte sich an ihnen rächen, wenn sie einem so illiberalen Urtheil zuhörten, vereinigte sich zu seinem Besten mit ihrem Nationalinteresse. Ein reisender Mönch, sagten sie, der heute hier ist und morgen dort, mag reden, was ihm gefällt; aber wir sind es, die alten und beständigen Bewohner der Gegend, welche der Gnade des beleidigten Geistes überlassen bleiben und natürlich für Alles büßen müssen. Bei der, durch solche Betrachtungen veranlaßten Aufregung, vertauschten die Bauern ihre beleidigenden Worte mit Steinen, und nachdem sie ihn artig gesteinigt hatten, trieben sie ihn aus dem Kirchspiel, um wo anders gegen Geister zu predigen.

Drei junge Männer, die gegenwärtig und thätig bei dieser Gelegenheit gewesen waren, waren auf dem Heimwege nach ihrer Hütte begriffen, wo sie das mühsame und geringe Geschäft betrieben, Kohlen für die Schmelzöfen zu brennen. Unterwegs drehte sich ihr Gespräch natürlich um den Geist des Harzes und die Lehre des Kapuciners. Max und Georg Waldeck, die beiden ältern Brüder, gaben zwar zu, daß des Kapuciners Sprache unartig und tadelnswerth gewesen sei, weil er sich angemaßt habe genau über Charakter und Aufenthalt des Geistes abzusprechen; indeß hielten sie es doch für äußerst gefährlich, seine Geschenke anzunehmen oder Umgang mit ihm zu pflegen. Er war mächtig, das gaben sie zu, aber auch eigensinnig und launisch, und diejenigen, die Verkehr mit ihm hatten, erlebten dabei selten ein gutes Ende. Gab er nicht dem tapfern Ritter, Ekbert von Rabenwald, das berühmte schwarze Streitroß, womit er im großen Turnier zu Bremen alle Kämpen besiegte? und stürzte sich nicht später dasselbe Streitroß mit seinem Reiter in einen Abgrund, so steil und fürchterlich, daß weder Roß noch Mann je wieder gesehn wurden? Gab er nicht der Frau Gertrude Trodden ein seltsames Zaubermittel zum buttern? und ward sie nicht vom Criminalgericht als Hexe verbrannt, weil sie sich dieses Mittels bedient hatte? Aber diese und viele andere Beispiele, die sie anführten, um zu zeigen, wie Unheil und Verderben immer am Ende die scheinbaren Wohlthaten des Harzgeistes begleite, machten durchaus keinen Eindruck auf Martin Waldeck, den jüngsten Bruder.

Martin war jugendlich, rasch und ungestüm; er zeichnete sich in all den Fertigkeiten aus, welche dem Bergbewohner eigen sind, und war wacker und unerschrocken durch seinen vertrauten Umgang mit den mancherlei Gefahren seiner Lebensweise. Er lachte über die Furcht seiner Brüder. »Sprecht mir nicht von solcher Thorheit,« sagte er: »der Geist ist ein guter Geist; er lebt unter uns, als wär' er ein Bauer, wie Unsereiner; er besucht die einsamen Klippen und Abgründe der Berge wie ein Jäger oder Ziegenhirt, und er, der den Harzwald und seine Wildniß liebt, kann gegen das Schicksal der Söhne dieses Bodens nicht gleichgiltig sein. Aber wenn der Geist so boshaft wäre, wie ihr ihn machen wollt, wie könnte er Macht über Sterbliche deswegen erhalten, die seine Geschenke nur annehmen, ohne sich damit zugleich seinem Willen zu unterwerfen? Wenn ihr eure Kohlen zum Schmelzofen bringt, ist dann das Geld, das euch der zankende Bläs, der alte böse Inspector, gibt, nicht eben so gut, als ob ihr's vom Pfarrer selbst bekämt? Es sind dann nicht des Geistes Geschenke, die euch in Gefahr bringen, sondern der Gebrauch ist's, den ihr davon macht, welchem ihr alle Schuld beimessen müßt. Und sollte mir der Geist in diesem Augenblick erscheinen und mir eine Gold- oder Silberader zeigen, so wollt' ich gleich Hand anlegen, eh' er noch den Rücken wendete, und wollte denken, du stehst unter dem Schutze dessen, der weit größer ist als er, – während ich einen guten Gebrauch von dem mir gezeigten Reichthum machen würde.«

Darauf erwiederte der älteste Bruder, unrecht Gut gedeihe schwerlich; Martin aber erklärte keck, der Besitz aller Schätze des Harzes würde in seinen Gewohnheiten, Sitten und Charakter nicht die geringste Aenderung hervorbringen können.

Sein Bruder bat Martin beständig, weniger verwegen von dieser Sache zu reden, und mit einiger Mühe gelang es ihm, seine Aufmerksamkeit davon abzulenken, indem er das Gespräch auf eine nahe bevorstehende Eberjagd brachte. Mit dieser Unterredung kamen sie zu ihrer Hütte, einer elenden Wohnung, zur Seite eines wilden, engen und romantischen Thals tief unten beim Brocken gelegen. Sie lösten ihre Schwester von dem Geschäft ab, auf das verkohlende Holz Achtung zu geben, welches beständige Aufmerksamkeit erfordert, und theilten sich selbst in das Amt, es während der Nacht abzuwarten, wie sie es gewohnt waren, indem stets einer wachte, während seine Brüder schliefen.

Max Waldeck, der älteste, wachte während der zwei ersten Stunden der Nacht und fühlte sich sehr beunruhigt, als er am entgegengesetzten Rande des Thales ein großes Feuer bemerkte, welches von einigen Gestalten umringt war, die mit seltsamen Geberden einen Tanz darum aufführten. Max war zuerst Willens seine Brüder zu wecken, aber indem er sich an den tollkühnen Charakter des jüngsten erinnerte und es unmöglich fand, den andern zu wecken, ohne zugleich Martin aus dem Schlafe zu stören – da er überhaupt meinte, das Gesicht sei gewiß ein Trugbild des Geistes, vielleicht in Folge der frevelhaften Ausdrücke Martin's vom vorigen Abend gesendet, so hielt er es für's beste, seine Zuflucht zu den Gebeten zu nehmen, die er auswendig wußte, und mit großem Schrecken und Entsetzen die seltsame und beunruhigende Erscheinung zu beobachten. Nachdem es eine Zeitlang geleuchtet, verschwand das Feuer endlich in der Dunkelheit, und der Rest von Maxens Nachtwache ward nur noch durch die Erinnerung an das erlebte Schreckniß beunruhigt.

Georg nahm nun Maxens Stelle ein, welcher sich zur Ruhe begeben hatte. Die Erscheinung eines großen flammenden Feuers auf dem gegenüberliegenden Rande des Thals, zeigte sich wieder dem Auge des Wächters. Es war, wie vorher, von Gestalten umringt, welche, durch ihre schattigen Umrisse deutlich sichtbar, da sie zwischen der rothen Gluth und dem Zuschauer waren, sich bewegten und im Kreise tanzten, als wären sie mit einer geheimnißvollen Ceremonie beschäftigt. Georg, obwohl eben so vorsichtig, war doch kühner als sein älterer Bruder. Er entschloß sich, dieses Wunder genauer zu untersuchen; er überschritt daher den Bach, welcher durch den Thalgrund floß, kletterte am gegenüberliegenden Abhang empor und näherte sich bis auf eines Pfeilschusses Weite dem Feuer, welches offenbar mit derselben Heftigkeit brannte und leuchtete, als beim ersten Anblick.

Die Gestalten, die es umringten, glichen den Phantomen, die man in wüsten Träumen sieht, und bestärkten ihn in der gleich anfangs gefaßten Meinung, daß sie nicht der Menschheit angehörten. Unter diesen seltsamen überirdischen Figuren unterschied Georg Waldeck die eines mit Haaren überwachsenen Riesen, der eine entwurzelte Fichte in der Hand trug, womit er das Feuer zu schüren schien; er trug keine weitere Kleidung, als einen Kranz von Eichenlaub um Stirn und Lenden. Georg's Muth sank, als er in ihm die wohlbekannte Erscheinung des Harzgeistes erkannte, wie ihm dieser oft von alten Schäfern und Jägern beschrieben worden war, die seine Gestalt hatten über die Berge schreiten sehen. Er wandte sich um und war im Begriff zu fliehen; aber er besann sich, tadelte seine eigne Feigheit und sprach im Stillen den Vers des Psalmisten: »alle gute Geister loben den Herrn!« welcher in dieser Gegend für so mächtig als eine Beschwörungsformel gilt; damit wandte er sich noch einmal nach dem Feuer um. Aber da war nichts mehr zu sehen.

Nur der bleiche Mond beleuchtete diese Seite des Thales; als Georg mit bebenden Schritten, feuchter Stirn und unter der Mütze emporsträubendem Haar an den Ort kam, wo das Feuer kaum noch sichtbar gewesen war, und den eine große Eiche bezeichnete, da fand er auf dem Rasen nicht die leiseste Spur von dem, was er gesehen. Das Moos und die wilden Blumen waren unversengt und die Zweige des Eichbaums, welche kaum noch in Rauch und Flammen gehüllt erschienen waren, zeigten sich feucht vom Nachtthau.

Georg kehrte bebend nach seiner Hütte zurück, und aus gleichen Gründen wie sein älterer Bruder beschloß er, nichts von dem Geschehenen zu sagen, damit bei Martin nicht der kecke Vorwitz rege werden möchte, den er fast gleichbedeutend mit Gottlosigkeit hielt.

Nun war die Reihe zum Wachen an Martin. Der Haushahn hatte den ersten Ruf hören lassen und die Nacht war ihrem Ende nah. Als er den Zustand des Meilers untersuchte, worin das Holz zum Verkohlen aufgeschichtet war, wunderte er sich, zu finden, daß das Feuer nicht ordentlich unterhalten worden sein müsse; denn bei seiner Excursion und deren Folgen hatte Georg den Hauptzweck vergessen. Martin's erster Gedanke war, die Schlafenden zu wecken; aber da er bemerkte, daß beide Brüder ungewöhnlich tief und fest schliefen, so ließ er ihnen ihre Ruhe und schickte sich an, den Meiler ohne ihre Beihilfe gehörig in Ordnung zu bringen. Was er aber auch schüren mochte, es war offenbar bloßer Qualm und untauglich zum Zwecke, denn das Feuer schien eher ganz auszugehen, als gehörig zu glimmen. Martin ging nun, einiges Reißholz von einem Haufen zu holen, welcher zu diesem Zwecke gesammelt und sorgfältig trocken aufbewahrt war; als er jedoch zurück kam, fand er das Feuer völlig erloschen. Dies war ein ernstlicher Unfall und drohte, ihr Gewerbe für mehr als einen Tag in's Stocken zu bringen. Der geplagte und geärgerte Wächter setzte sich hin, um Feuer anzuschlagen und den Meiler wieder anzuzünden; aber der Zunder war feucht und seine Mühe war also auch in dieser Hinsicht fruchtlos. Er war nun im Begriff, seine Brüder zu wecken, denn die Umstände schienen dringend; da leuchtete plötzlich eine helle Gluth nicht allein durch's Fenster, sondern auch durch jeden Spalt der roh gezimmerten Hütte, und so kam er dazu, dieselbe Erscheinung zu betrachten, welche die Wachzeit seiner Brüder schon vorher gestört hatte. Sein erster Gedanke war, daß die Müllerhauser, ihre Nebenbuhler im Gewerbe, mit denen sie schon manchen Streit gehabt hatten, etwa über ihre Gränzen gegangen wären, um ihr Holz zu rauben, und er beschloß, seine Brüder zu wecken, um jene für ihre Kühnheit zu bestrafen. Aber eine kurze Betrachtung der Geberden und Bewegungen derjenigen, die im Feuer zu arbeiten schienen, veranlaßten ihn, jenen Glauben aufzugeben und, obwohl er in solchen Dingen ein Zweifler war, den Schluß zu ziehen, das, was er sähe, sei eine übernatürliche Erscheinung. »Aber mögen es Menschen oder Teufel sein,« sagte der unerschrockene Waldbewohner, »die sich dort mit so seltsamen Geberden und Gebräuchen beschäftigen, ich will hingehen und einen Brand verlangen, um damit unsern Meiler wieder anzuzünden.« Zugleich gab er auch den Gedanken auf, seine Brüder zu wecken. Es bestand der Glaube, daß solche Abenteuer, wie er eben eins unternehmen wollte, nur von einer Person auf einmal bestanden werden könnten; er fürchtete auch, seine Brüder möchten in ihrer bedenklichen Furchtsamkeit ihn zu hindern suchen, das zu erforschen, was er sich vorgenommen hatte; daher nahm der kühne Martin seinen Eberspieß von der Wand und ging dem Abenteuer allein entgegen.

Mit derselben Absicht, wie sein Bruder Georg, aber mit weit mehr Muth, ging Martin über den Bach, stieg die Höhe empor und näherte sich der Geisterversammlung so weit, daß er an der bedeutendsten Figur die Attribute des Harzgeistes erkennen konnte. Ein kaltes Schaudern ergriff ihn zum ersten Mal in seinem Leben; aber der Gedanke, daß er ja sogar die Zusammenkunft gewünscht hatte, die jetzt stattfinden sollte, stärkte seinen wankenden Muth, und Stolz ergänzte das, was an Entschlossenheit mangelte; er ging daher mit ziemlicher Festigkeit auf das Feuer zu, und die Gestalten erschienen nur um so wilder, phantastischer und übernatürlicher, je näher er der Versammlung kam. Er ward mit einem lauten Ausbruch übeltönenden und unnatürlichen Gelächters empfangen, welches seinem betäubten Ohre beunruhigender klang, als die häßlichsten und traurigsten Töne, die man sich denken kann. »Wer bist du?« sagte der Riese, während er in seine wilden und gräßlichen Züge eine Art Würde zu legen suchte, und sie gleichwohl dann und wann durch ein krampfhaftes Lachen, welches er zu unterdrücken schien, verzerrt wurden.

»Martin Waldeck, der Köhler,« antwortete der kühne Jüngling; – »und wer seid Ihr?«

»Der König der Wildniß und der Minen,« antwortete das Gespenst; – »und warum wagtest du meine Geheimnisse zu belauschen?«

»Ich wollte einen Brand holen, um mein Feuer wieder anzuzünden,« antwortete Martin kühn, und sodann fragte er entschlossen: »was für Geheimnisse feiert Ihr hier?«

»Wir feiern,« antwortete der gefällige Geist, »die Hochzeit des Hermes mit dem schwarzen Drachen. Aber nimm dein Feuer, das du suchtest und geh' – kein Sterblicher darf uns lange zusehn und leben.«

Der Bauer spießte mit der Spitze seines Speeres einen großen Holzbrand an, den er nur mit einiger Mühe emporheben konnte, worauf er sich wandte, um wieder nach seiner Hütte zu gehen; das Gelächter erneuerte sich hinter ihm mit grausenerregender Heftigkeit und hallte tief in der engen Thalschlucht wieder. Als Martin zu seiner Hütte kam, war seine erste Sorge, wie betroffen er auch von dem Gesehenen sein mochte, die glühende Kohle so an den Holzstoß zu legen, daß dieser leicht davon anglimmen konnte; aber nach vielen Anstrengungen und wie sehr er auch Blasebalg und Schürbaum anwandte, erlosch doch die vom Geiste erhaltene Kohle gänzlich, ohne eine andere angezündet zu haben. Er sah sich um und bemerkte, daß das Feuer noch auf der Höhe brannte, obwohl die früher dabei beschäftigten Gestalten verschwunden waren. Da er meinte, das Gespenst habe nur mit ihm gescherzt, so gab er der Aufforderung seines natürlichen Muthes nach und beschloß, zu sehn, welches Ende das Abenteuer nehmen würde. Er trat den Weg zum Feuer wieder an, wovon er, ungehindert durch den Geist, auf gleiche Weise ein Stück glühender Kohle nahm, aber gleichfalls, ohne seinen Meiler damit anzünden zu können. Da er ungestraft blieb, stieg auch seine Keckheit, er beschloß einen dritten Versuch, und erreichte eben so glücklich, wie zuvor, das Feuer; als er eben wieder ein Stück glühende Kohle wegnahm und damit fortgehen wollte, hörte er die rauhe und übernatürliche Stimme, die ihn zuvor angeredet, folgende Worte sagen: »Wage nicht ein viertes Mal hieher zu kommen!«

Der Versuch, das Feuer mit dieser letzten Kohle zu zünden, erwies sich so fruchtlos, wie die frühern. Martin gab daher den hoffnunglosen Versuch auf, warf sich auf sein Bett von Laub und beschloß, sein übernatürliches Abenteuer den Brüdern erst am nächsten Morgen mitzutheilen. Er erwachte aus einem tiefen Schlafe, in den er aus Ermüdung und Gemüthsbewegung gesunken war, indem er einen lauten Ruf des Staunens und der Freude vernahm. Seine Brüder, die zu ihrer Bestürzung beim Erwachen das Feuer erloschen gefunden hatten, waren gerade damit beschäftigt, den Meiler wieder in Ordnung zu bringen, als sie in der Asche drei große Metallstücke fanden, die sie aus Erfahrung (denn die meisten Landleute des Harzes sind Kenner der Mineralien) sogleich für reines Gold erkannten.

Ihre Freude ward ein wenig niedergeschlagen, als sie von Martin hörten, auf welche Weise er zu dem Schatze gekommen war, und da sie selbst die nächtliche Erscheinung gesehen hatten, so mußten sie seinem Berichte vollen Glauben beimessen. Sie vermochten jedoch nicht der Versuchung zu widerstehn, den Reichthum mit dem Bruder zu theilen. Martin Waldeck, der sich nun an die Spitze der Familie stellte, kaufte Felder und Wälder, baute ein Schloß, erhielt einen Adelsbrief und ward, zum großen Aerger der Altadeligen in der Nachbarschaft, mit allen Vorrechten eines Mannes von vornehmer Herkunft ausgestattet. Sein Muth im Kriege und in Privatfehden so wie die Menge der Söldner, die er unterhielt, schützten ihn einige Zeit gegen den Haß, der durch seine plötzliche Erhöhung und sein anmaßendes Betragen entstanden war.

An Martin's Beispiele, wie an so vielen andern, zeigte es sich nun, wie wenig die Sterblichen voraussehen können, welche Wirkung ein plötzliches Glück auf ihren Charakter haben werde. Die übeln Neigungen, die ihm eigen waren, die aber seine Armuth unterdrückt und gebändigt hatte, reiften nun und trugen ihre schlimme Frucht unter dem Einflusse der Versuchung, und der Mittel, jener nachzugeben. Wie das Meer dem Meere zuruft, so weckte eine schlechte Leidenschaft die andere; – der Teufel der Habsucht rief den des Hochmuths hervor, und der Hochmuth ward durch Grausamkeit und Gewaltthat unterstützt. Waldeck's Charakter, von jeher muthig und kühn, aber durch den Reichthum hart und anmaßend geworden, machte ihn bald verhaßt, und zwar nicht allein bei den Edelleuten, sondern auch bei den niedern Ständen, welche mit doppeltem Mißfallen zusahen, wie die tyrannischen Vorrechte des Reichsadels so gewissenlos von einem Manne geübt wurden, der sich aus der Hefe des Volks erhoben hatte. Seine Abenteuer, obwohl sorgfältig verhehlt, flüsterte man sich doch schon überall zu, und die Geistlichen zeigten bereits auf ihn als einen Zauberer und Genossen böser Geister, weil der Arme, der einen so großen Schatz auf so seltsame Weise erhalten, ihn nicht zu heiligen gesucht hatte, welches doch durch Abtretung eines großen Theils an die Kirche hätte geschehen sollen. Von öffentlichen und geheimen Feinden umringt, durch tausend Fehden bedrängt und von der Kirche mit Excommunication bedroht, bereute Martin Waldeck, oder wie wir ihn jetzt nennen müssen, der Freiherr von Waldeck, oft bitterlich, daß er die Mühen und die Freuden seiner unbeneideten Armuth nicht mehr genieße. Aber sein Muth sank bei all diesen Schwierigkeiten nicht und schien sich vielmehr in dem Verhältnisse zu steigern, als die Gefahr zunahm, bis endlich ein Vorfall seinen Sturz beschleunigte.

Der regierende Herzog von Braunschweig hatte alle edeln Deutschen von freier und tadelloser Abkunft zu einem feierlichen Turnier eingeladen, und Martin Waldeck, prächtig gerüstet und von seinen beiden Brüdern, nebst einem stattlichen Gefolge, begleitet, war anmaßend genug, unter der Ritterschaft des Landes zu erscheinen und seine Zulassung in die Schranken zu fordern. Dies hieß das Maaß seiner Frechheit voll machen. Tausend Stimmen riefen: »wir wollen nicht, daß sich ein Kohlenbrenner in unsre Ritterspiele mische.« Bis zum Wahnsinn erzürnt, zog Martin sein Schwert und schlug den Herold nieder, welcher sich, in Folge des allgemeinen Geschreies, seinem Eintritt in die Schranken widersetzte. Hundert Schwerter entblößten sich, um zu rächen, was in jenen Tagen höchstens dem Verbrechen des Tempelraubes oder Fürstenmordes nachgestellt ward. Waldeck wurde, nachdem er sich wie ein Löwe vertheidigt, ergriffen, und von den Richtern verhört und verurtheilt, zur gerechten Strafe für den Friedensbruch und die Verletzung der geheiligten Person des Herolds, seine rechte Hand zu verlieren, alle Rechte des Adels, deren er unwürdig, einzubüßen und aus der Stadt gejagt zu werden. Als man ihm die Waffen abgenommen und er die von den Richtern bestimmte Verstümmelung erlitten hatte, ward das unglückliche Opfer des Ehrgeizes dem Pöbel übergeben, der es mit Drohungen und Schimpfreden verfolgte, Waldeck bald einen Schwarzkünstler, bald einen Tyrannen nannte und sich endlich selbst Mißhandlungen erlaubte. Seinen Brüdern (sein übriges Gefolge war geflohen und zerstreut,) gelang es endlich, ihn aus den Händen des Pöbels zu befreien, nachdem ihn dieser, in seiner Grausamkeit gesättigt, halb todt durch Blutverlust und Mißhandlungen hatte liegen lassen. Sie durften ihn aber, so weit ging die sinnreiche Grausamkeit ihrer Feinde, auf keine andere Weise entfernen, als auf einem Kohlenkarren, wie sie ihn selbst früher gebraucht hatten; darauf legten sie ihren Bruder auf einem Bund Stroh nieder, während sich kaum erwarten ließ, daß man einen andern Zufluchtsort erreichen werde, ehe der Tod ihn von seinem Elend befreite.

Als die Waldecke, in diesem kläglichen Zustande ihren Weg fortsetzend, die Gränze ihrer Heimath erreicht hatten, bemerkten sie in einem Hohlweg zwischen zwei Bergen eine Gestalt, die sich ihnen näherte, und die beim ersten Anblick ein alter Mann zu sein schien. Als er aber näher kam, wuchsen seine Glieder und die ganze Gestalt, der Mantel sank ihm von den Schultern, sein Wanderstab verwandelte sich in einen entwurzelten Fichtenstamm, und die gigantische Gestalt des Harzgeistes stand in ihren Schrecknissen vor ihnen. Als er dem Karren, worauf der unglückliche Waldeck lag, gegenüber stand, verzerrten sich seine groben Züge zu einem Grinsen voll unaussprechlicher Verachtung und Bosheit, während er den Leidenden fragte: »wie gefällt dir das Feuer, das meine Kohlen anzündeten?« Die Kraft der Bewegung, welche bei seinen Brüdern das Entsetzen aufhob, schien bei Martin durch die Energie seines Muthes wieder hergestellt zu sein. Er richtete sich selbst auf dem Karren empor, zog die Brauen zusammen und schüttelte die geballte Faust gegen das Gespenst mit einem schrecklichen Blicke voll Haß und Trotz. Der Kobold verschwand mit seinem gewöhnlichen entsetzlichen und schallenden Lachen, und ließ Martin von seiner heftigen Anstrengung gänzlich erschöpft zurück.

Die erschrockenen Brüder lenkten ihren Karren nach den Thürmen eines Klosters, welche sich aus einem Fichtenwalde seitwärts von dem Wege erhoben. Sie wurden freundlich von einem barfüßigen und langbärtigen Kapuciner empfangen, und Martin lebte nur noch so lange, um die erste Beichte seit dem Tage seines unverhofften Glückes abzulegen und Absolution von dem nämlichen Priester zu empfangen, den er, genau an diesem Tage vor drei Jahren, aus der Kirche zu Morgenbrod hatte jagen helfen. Die drei Jahre seines gefährlichen Glückes sollen in geheimnißvoller Uebereinstimmung mit der Zahl seiner Gänge nach jenem gespenstischen Feuer gestanden haben.

Der Leib Martin Waldeck's ward in dem Kloster, wo er starb, begraben, und seine Brüder, die sich in den Orden aufnehmen ließen, lebten und starben daselbst unter Vollbringung von Werken der Liebe und Andacht. Seine Ländereien, an welche Niemand einen Anspruch machte, lagen wüste, bis sie der Kaiser als verfallenes Lehen wieder zurück nahm, und die Ruinen des Schlosses, welches Waldeck nach seinem Namen benannt hatte, sind vom Bergmann und Jäger noch immer als Aufenthalt böser Geister gefürchtet. Dies war das Unglück, welches auf voreilig erworbenen und übel angewendeten Reichthum folgte, wie es das Schicksal Martin Waldeck's darthut.


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