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Siebentes Kapitel.

Raimund, im Kabinet verschlossen, lacht
Zu der Gefahr, die bang' ihn nimmer macht,
Fliegt auch sein halbes Gut empor im Rauch,
Trügt ihn die zweite Hoffnung leider auch:
Bleibt ihm der dritte Tiegel nur noch hold,
So wird ja jeder Topf und Napf zu Gold.

Etwa eine Woche nach den Abenteuern, die wir im letzten Kapitel erwähnten, fand Mr. Oldbuck, als er nach seinem Frühstückzimmer hinunter kam, daß seine Weibsleute ihre Pflicht nicht erfüllt hatten, daß sein Brod nicht geröstet und der silberne Krug, aus welchem er seine Mumme zu trinken pflegte, nicht gehörig ausgespült war.

»Nun dieser verwirrte, heißköpfige Bursche wieder außer Gefahr ist,« sagte er zu sich selbst, »kann ich dies Leben nicht länger ertragen – Alles geht drüber und drunter – In meinem friedlichen und ruhigen Haushalt scheinen allgemeine Saturnalien eingetreten zu sein. Ich frage nach meiner Schwester, keine Antwort. Ich rufe, ich schreie – ich rufe meine Hausgenossen bei mehr Namen, als die Römer ihren Göttern beilegten – Endlich beliebt es der Jenny, deren kreischende Stimme ich seit einer halben Stunde in den unterirdischen Regionen der Küche erschallen hörte, auf mich zu achten und mir zu antworten, aber ohne herauf zu kommen, und so muß ich das Gespräch auf Unkosten meiner Lunge fortsetzen.« Hier begann er wieder überlaut zu rufen: »Jenny, wo ist Miß Oldbuck?«

»Miß Grizzy ist in des Capitains Zimmer.«

»Hm, das dacht' ich wohl – und wo ist meine Nichte?«

»Miß Mary kocht Thee für den Capitain.«

»Hm, das dacht' ich ebenfalls – und wo ist Caxon?«

»Nach der Stadt, um des Capitains Vogelflinte und Hühnerhund zu holen.«

»Und wer Teufel soll meine Perücke in Ordnung bringen, du albernes Ding? Wenn du wußtest, daß Miß Wardour und Sir Arthur diesen Morgen zum Frühstück kommen werden, wie konntest du da Caxon eine solche Narrenbotschaft ausrichten lassen?«

»Ich! Wie konnt' ich ihn hindern? Sie werden gewiß nicht wollen, daß wir jetzt dem Capitain widersprechen, wo er den Tod davon haben könnte.«

»Tod haben!« sagte der beunruhigte Antiquar – »o! wie? ist er schlimmer geworden?«

»Nein, schlimmer meines Wissens nicht.«

»Dann muß es besser sein – und was soll ein Hund und eine Flinte hier nützen, außer daß der eine all' meine Sachen verdirbt, meinen Speck stiehlt und vielleicht die Katze erwürgt, und die andere Jemand durch den Kopf schießt – ich sollte denken, er hätte genug geschossen und gepuffert, um für lange Zeit genug zu haben.«

Hier trat Miß Oldbuck ins Zimmer, an dessen Thür Oldbuck diese Unterhaltung führte, während er zu Jenny hinabschrie, und sie zur Antwort heraufkreischte.

»Lieber Bruder,« sagte die alte Dame, »du schreist dich selber so heißer als ein Rabe – Lärmt man denn auf eine solche Weise, wenn ein kranker Mensch im Hause ist?«

»Auf mein Wort, der kranke Mensch scheint das ganze Haus für sich allein in Anspruch zu nehmen. Ich bin ohne mein Frühstück geblieben, und werde ohne meine Perücke gehen müssen; und vermuthlich darf ich mich nicht unterfangen, zu sagen, daß ich Hunger und Kälte fühle, aus Furcht den kranken Gentleman zu stören, der um sechs Zimmer entfernt liegt und der sich wohl genug fühlt, um nach seinem Hund und seiner Flinte zu schicken, obwohl er weiß, daß ich solche Gegenstände verabscheue, seit unser älterer Bruder, der arme Willibald, aus der Welt ging, weil er sich die Füße im Kittlefittingmoor erkältet hatte. Aber das hat ja Alles nichts zu bedeuten. Vermuthlich werde ich bald dann und wann dem Herrn Hektor die Hand reichen müssen, um ihn aus dem Bette zu führen, damit er seiner Jagdlust nachhängen kann, indem er mir meine Tauben und Truthühner schießt. Denn ich denke die ferae naturae werden wohl noch einige Zeit sicher vor ihm sein.«

Jetzt trat Miß M'Intyre ein, und begann ihr gewöhnliches Morgengeschäft, nämlich ihres Oheims Frühstück zu bereiten, aber mit jener Eilfertigkeit, die, weil das Werk zu spät angefangen wird, gern die verlorne Zeit einbringen möchte. Dies gelang ihr aber nicht. »Nimm dich in Acht, du thörichtes Weibsbild – die Mumme steht zu nah am Feuer – die Flasche wird springen – und ich glaube, du willst die Brodschnitte zu Kohle verbrennen, als ein Brandopfer für Juno, wie du sie nennst, die Hündin, mit irgend einem so heidnischen Götternamen, welche dein weiser Bruder, in seinem ersten Augenblicke wiedererlangten Bewußtseins, hieher beordert hat, als eine passende Bewohnerin meines Hauses, (wofür ich ihm sehr danke,) um den übrigen Weibsbildern meines Haushalts, bei ihren täglichen Unterhaltungen mit ihm, Gesellschaft zu leisten.«

»Lieber Oheim, sei nicht böse über den armen Hühnerhund; er ist in meines Bruders Wohnung in Fairport angebunden gewesen, und hat sich zweimal losgerissen, um hieher zu laufen; du willst gewiß nicht, daß wir das arme Thier von der Thür jagen sollten, es winselt, als könnt' es Hektors Unglück empfinden und läßt sich kaum von der Thür seiner Stube bringen.«

»Ei, es hieß ja,« sagte der Oheim, »Caxon sei nach Fairport gegangen, um Hund und Flinte zu holen?«

»Ach, lieber Oheim, nein,« antwortete Miß M'Intyre, »er sollte nur einige nöthige Kleider holen, und Hektor wünschte, daß er seine Flinte mitbrächte, da er doch einmal nach Fairport ging.«

»Nun, die Sache ist am Ende nicht ganz so närrisch, da ja doch ein Haufen Weibsbilder dabei beschäftigt war. Kleider, wozu? und wer soll meine Perücke frisiren? doch vermuthlich wird es Jenny auf sich nehmen« – fuhr der alte Junggesell, sich im Spiegel betrachtend, fort, – »sie ein Bißchen zuzustutzen. Und nun wollen wir uns zum Frühstück setzen – mit so viel Appetit, als möglich. Wohl könnt' ich zu Hektor sagen, wie Sir Isaak Newton zu seinem Hunde Diamant, als das Thier (ich verabscheue die Hunde,) das Licht unter die Berechnungen warf, welche den Philosophen zwanzig Jahre beschäftigt hatten, so daß deren größter Theil verbrannte – Diamant, Diamant, du ahnest nicht, welches Unheil du angerichtet hast!«

»Wirklich, lieber Oheim,« sagte die Nichte, »meinem Bruder thut sein rasches Benehmen höchst leid, und er gesteht, daß sich Mr. Lovel sehr gut benommen habe.«

»Und das wird viel helfen, nachdem er den jungen Mann aus dem Lande getrieben hat! – Ich sage dir, Mary, Hektor's Verstand, und noch weniger der der Weiber, reicht gar nicht hin, um den Verlust in seinem ganzen Umfange zu begreifen, den er unserer Zeit und der Nachwelt bereitet hat – aureum quidem opus – ein Gedicht über einen solchen Gegenstand – mit erläuternden Noten für Alles, was klar und was dunkel ist, und für Alles, was weder dunkel noch klar ist, sondern im düstern Zwielichte im Gebiete caledonischer Alterthümer ruht. Ich würde die celtischen Lobredner darauf hingewiesen haben. Fingal, wie sie fälschlich den Fin-Mac-Coul nennen, sollte vor meiner Kritik verschwunden sein, hinweg schwebend in seiner Wolke, gleich dem Geiste von Loda. Solch' eine Gelegenheit wird einem alten grauköpfigen Manne schwerlich wieder begegnen – und sie verloren zu sehn durch die Tollheit eines heißköpfigen Burschen! – Aber ich ergebe mich – des Himmels Wille geschehe.«

So fuhr der Alterthümler, während der ganzen Zeit des Frühstücks, fort zu schmollen, wie es seine Schwester nannte, indeß, trotz Zucker und Honig und all' den Genüssen eines schottischen Morgentheetisches, seine Betrachtungen allen, die zuhörten, das Mahl verbitterten. Aber sie kannten die Art des Mannes. »Monkbarns Bellen,« sagte Miß Griselda Oldbuck im traulichen Gespräch mit Miß Rebecca Blattergowl, »ist schlimmer als sein Biß.«

In der That empfand Mr. Oldbuck große Unruhe, so lange sein Neffe wirklich in Gefahr war; und nun sich dieser zu erholen begann, konnte er seinen Klagen, über die Unruhe, in die er ihn versetzt, und über die Unterbrechung seiner antiquarischen Arbeiten freien Lauf lassen. Während daher seine Schwester und Nichte in ehrerbietigem Schweigen zuhörten, machte er seiner Unzufriedenheit in solchen Scheltworten Luft, wie wir sie anführten, und flocht manches bittere Wort mit ein, gegen Weibsbilder, Soldaten, Hunde und Flinten: lauter Dinge, die Lärm, Zwietracht und Tumult verursachen, wie er sich ausdrückte, und die ihm im höchsten Grade verhaßt waren.

Diese mürrische Expectoration ward plötzlich durch das Rasseln eines Wagens unterbrochen, und Mr. Oldbuck, bei diesem Schall alle üble Laune abschüttelnd, rannte hastig Trepp' auf und Trepp' ab, denn beides war nothwendig, eh' er Miß Wardour und ihren Vater an der Pforte seiner Behausung empfangen konnte.

Eine herzliche Begrüßung von beiden Seiten fand statt. Und Sir Arthur fragte, indem er sich auf seine Nachforschungen durch Briefe und mündliche Botschaft bezog, angelegentlich nach Capitain M'Intyre's Gesundheit.

»Besser als er's verdient,« war die Antwort; »besser als er's verdient, da er uns mit Zänkereien behelligte, und Gottes und des Königs Frieden brach.«

»Der junge Herr,« sagte Sir Arthur, »hat unklug gehandelt; aber man ist ihm doch Dank dafür schuldig, daß er in dem jungen Lovel einen verdächtigen Mann entdeckte.«

»Nicht verdächtiger, als er selber,« antwortete der Antiquar, eifrig seinen Liebling vertheidigend; »der junge Herr war ein Bißchen thöricht und starrköpfig, und versagte Hektor's beleidigenden Fragen die Antwort – das ist Alles. Lovel, Sir Arthur, weiß seine Vertrauten besser zu wählen, ja, Miß Wardour, Sie mögen mich nur ansehen, aber es ist wahr – in meinen Busen hat er das Geheimniß seines Aufenthalts in Fairport niedergelegt, und kein Stein hätte meinerseits unberührt bleiben sollen, um ihm bei dem Vorhaben beizustehen, dem er sich gewidmet hatte.«

Als Miß Wardour diese großmüthige Erklärung von Seiten des alten Antiquars hörte, wechselte sie die Farbe mehr als einmal, und mochte kaum ihren Ohren trauen. Denn unter allen Vertrauten, die man in Liebesangelegenheiten erwählen konnte (und diese mußten aller Vermuthung nach doch der Gegenstand der Mittheilung gewesen sein,) schien ihr, nächst Edie Ochiltree, Oldbuck der unpassendste und auffallendste; sie konnte sich über das seltsame Zusammentreffen von Umständen nicht genug wundern und ärgern, wodurch ein Geheimniß so zarter Natur in Besitz von Personen kam, welche sich so wenig dazu eigneten. Zunächst fürchtete sie, daß Oldbuck von der Sache mit ihrem Vater sprechen werde, denn daß dies seine Absicht sei, daran zweifelte sie nicht. Sie wußte wohl, daß der wackere Herr, wie heftig er auch in seinen Vorurtheilen war, doch wenig Nachsicht mit denen Anderer hatte, und so mußte sie fürchten, daß ein sehr unangenehmer Auftritt stattfinden würde, sobald es zwischen beiden zu Erklärungen käme. Mit großer Besorgniß hörte sie daher, wie ihr Vater um eine geheime Unterredung bat, und wie Mr. Oldbuck bereitwillig aufstand, um jenen nach seiner Bibliothek zu führen. Sie blieb zurück und suchte ein Gespräch mit den Damen von Monkbarns anzuknüpfen, aber mit den verstörten Gefühlen Macbeth's, als dieser genöthigt ist, sein böses Gewissen zu verbergen, indem er die Bemerkungen der Thans über den Sturm der verwichenen Nacht hört, und darauf antworten muß, während seine ganze Seele darauf gespannt ist, den Lärm wegen des Mordes zu hören, der, wie er weiß, sogleich entstehen muß, sobald man das Schlafgemach Duncan's betreten wird. Aber die Unterhaltung der beiden Sonderlinge betraf einen Gegenstand, der von dem, was Miß Wardour befürchtete, sehr verschieden war.

»Mr. Oldbuck,« sagte Sir Arthur, als sie sich, nach den gehörigen Komplimenten, im Sanctum Sanctorum des Alterthümlers bequem niedergesetzt hatten, – »Sie, der Sie meine Familienverhältnisse kennen, mögen wahrscheinlich über eine Frage erstaunen, die ich Ihnen vorlegen werde.«

»Ja, Sir Arthur, wenn es Geld betrifft, so bedaure ich sehr, aber,« –

»Es betrifft allerdings Geld, Mr. Oldbuck.«

»Dann, in der That, Sir Arthur,« fuhr der Alterthümler fort, »bei dem jetzigen Zustande des Courses – da die Papiere so niedrig stehen« –

»Sie mißverstehen mich, Mr. Oldbuck,« sagte der Baronet; »ich wünschte nur Ihren Rath, wie man eine bedeutende Summe vortheilhaft anlegen könnte.«

»Der Teufel!« rief der Antiquar; da er aber fühlte, daß sein unwillkürlicher Ausruf der Verwunderung nicht besonders höflich sei, so suchte er ihn durch Bezeigung seiner Freude darüber zu mildern, daß Sir Arthur über eine Summe Geldes auf solche Weise zu verfügen habe, während gerade überall Mangel daran sei. »Und was das Anlegen betrifft,« sagte er nachsinnend, »so sind die Fonds jetzt gesunken, wie ich schon sagte, und mit Grundstücken ließe sich ein guter Handel machen. Aber thäten Sie nicht besser, sich zuerst von Ihren Verbindlichkeiten frei zu machen, Sir Arthur? – hier hab' ich den Wechsel von Ihnen, und die drei Obligationen,« fuhr er fort, indem er aus einem Schubfach zur Rechten seines Zimmers ein gewisses Notizenbuch nahm, welches Sir Arthur, früherer Erfahrung zufolge, Schrecken einjagte, wenn er's nur sah; – »mit den Interessen würde Alles in Allem betragen – lassen Sie sehen« –

»Etwa tausend Pfund,« sagte Sir Arthur hastig; »Sie haben mir den Betrag neuerdings gesagt«

»Aber seitdem sind neue Interessen hinzugekommen, Sir Arthur, und das Ganze beträgt nun ( salvo errore) elf hundert dreizehn Pfund, sieben Schilling, fünf und dreiviertel Pence. Aber sehen Sie die Berechnung selbst durch.«

»Sie haben jedenfalls ganz richtig gerechnet, mein theurer Sir,« sagte der Baronet, das Buch zurückweisend, wie etwa Jemand die altmodische Höflichkeit zurückweist, welche noch Speise aufnöthigen will, nachdem man sich schon bis zum Ekel satt gegessen hat, – »vollkommen richtig, gewiß, und binnen drei Tagen, oder noch eher, sollen Sie Alles haben. Das heißt, wenn Sie in rohem Metall annehmen wollen.«

»Rohem Metall! vermuthlich meinen Sie Blei. Was der Teufel! haben wir endlich die Ader gefunden? – Aber was soll ich für mehr als tausend Pfund Blei anfangen? – die ehemaligen Aebte von Trotcosey mögen allerdings ihre Kirche und ihr Kloster damit gedeckt haben – aber ich –«

»Unter Metall,« sagte der Baronet, »verstand ich Barren edlen Metalles, – Gold und Silber.«

»Ei, in der That? – und von welchem Eldorado kommt dieser Schatz denn her?«

»Nicht weit von hier,« sagte Sir Arthur bedeutsam; »und nun denk' ich eben daran, Sie können den ganzen Prozeß selbst mit ansehen unter einer kleinen Bedingung.«

»Und die wäre?« forschte der Antiquar.

»Nun, es würde nothwendig für Sie sein, daß Sie mir freundlich beiständen, indem Sie mir hundert Pfund oder darüber vorstreckten.«

Mr. Oldbuck, der im Geiste schon die Summe, Kapital und Interessen, einer Schuld in Händen gehabt hatte, nachdem er sie fast als verloren betrachtet, war nun sehr betroffen, als er das Blatt so unerwartet gewendet sah, und er vermochte nur in klagendem und erstauntem Tone die Worte zu wiederholen, »hundert Pfund vorstrecken.«

»Ja, mein guter Sir,« fuhr Sir Arthur fort; »aber mit bester Sicherheit, in zwei oder drei Tagen alles wiederbezahlt zu sehen.«

Es entstand eine Pause – entweder hatte Oldbuck's Unterkinnlade die rechte Stellung noch nicht wieder eingenommen, um nein zu sagen, oder die Neugier hielt ihn in Schweigen.

»Ich würde Ihnen nicht vorschlagen,« fuhr Sir Arthur fort, »mir diese Verbindlichkeit aufzulegen, wenn ich nicht ächte Beweise von der Wahrheit der Erwartungen hätte, die ich Ihnen nun mittheile. Und Sie können sich darauf verlassen, Mr. Oldbuck, daß ich mich jetzt ganz über diesen Gegenstand ausspreche, weil ich Ihnen mein Vertrauen beweisen will, so wie meine Dankbarkeit für Ihre Freundschaft bei frühern Gelegenheiten.«

Mr. Oldbuck zeigte sich sehr verbunden dafür, vermied aber sorgfältig, sich ein Versprechen fernern Beistandes entschlüpfen zu lassen.

»Nachdem Mr. Dousterswivel,« sagte Sir Arthur, »entdeckte« –

Hier unterbrach ihn Oldbuck mit zornfunkelnden Augen. »Sir Arthur, ich habe Sie so oft vor der Schelmerei dieses schuftigen Marktschreiers gewarnt, daß es mich wirklich wundert, wie Sie ihn mir noch erwähnen können.«

»Aber hören Sie doch nur,« fiel ihm Sir Arthur in die Rede, »ich werde Sie nicht beleidigen. Kurz, Dousterswivel überredete mich, einem Experimente beizuwohnen, welches er in den Ruinen von St. Ruth anstellte. Und, was meinen Sie, was wir fanden?«

»Einen zweiten Brunnen, wahrscheinlich, über dessen Lage und Quell sich der Schurke im Voraus Gewißheit verschafft hatte.«

»Nein, keineswegs – einen Kasten voll Silber- und Goldmünzen – hier sind sie.«

Mit diesen Worten zog der Baronet ein großes Widderhorn aus der Tasche, mit kupfernem Deckel versehen, welches eine beträchtliche Menge Münzen enthielt, größtentheils silberne, mit wenigen Goldstücken untermischt. Des Antiquar's Augen leuchteten begierig, während er sie auf dem Tische ausbreitete.

»Auf mein Wort – schottische, englische und ausländische Münzen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts – einige davon rari – et rariores – et rarissimi! hier ist das Mützenstück Jacobs V. – hier das Einhorn Jacobs II. – ja, und hier die Goldmünze der Königin Maria, mit ihrem und des Dauphins Bildnisse. – Und dies fand man wirklich in den Ruinen von St. Ruth?«

»Allerdings – meine eignen Augen sind Zeugen.«

»Nun,« erwiederte Oldbuck, »Sie müssen mir aber das wo, das wann, und das wie sagen.«

»Das wann,« sagte Sir Arthur, »war um Mitternacht beim letzten Vollmond; das wo, wie ich Ihnen sagte, in den Ruinen des Klosters St. Ruth; das wie, durch ein nächtliches Experiment Dousterswivel's, wobei ich ihn allein begleitete.«

»Wirklich?« sagte Oldbuck. »Und welche Entdeckungsmittel wandten Sie an?«

»Eine einfache Räucherung,« sagte der Baronet, »wobei wir freilich die passende planetarische Stunde mitwirken ließen.«

»Einfache Räucherung? einfacher Unsinn – planetarische Stunde? planetarisches Larifari – Sapiens dominabitur astris. – Mein theurer Sir Arthur, der Kerl macht einen Gimpel aus Ihnen über und unter der Erde, und er würde Sie auch in der Luft dazu machen, wenn er dabei gewesen wäre, als man Sie auf die Halketklippe emporzog. Uebrigens würde damals die Verwandlung ganz willkommen gewesen sein.«

»Nun, Mr. Oldbuck, ich bin Ihnen für Ihre Meinung von meinem Verstande verbunden; aber ich denke, Sie werden mir glauben, wovon ich sage, daß ich es sah.«

»Gewiß, Sir Arthur,« sagte der Antiquar, »mindestens in der Hinsicht, daß ich weiß, Sir Arthur wird nicht sagen, er sah etwas, was er nicht wenigstens zu sehen glaubte.«

»Nun gut,« erwiederte der Baronet, »so wahr ein Himmel über uns ist, Mr. Oldbuck, ich sah mit meinen eigenen Augen im Chor von St. Ruth um Mitternacht diese Münzen ausgraben – und was Dousterswivel betrifft, so würde er, obwohl die Entdeckung seiner Wissenschaft zu verdanken ist, so würde er, um die Wahrheit zu sagen, doch wohl nicht Charakterstärke genug gehabt haben, die Sache durchzusetzen, hätt' ich ihm nicht zur Seite gestanden.«

»Ei! wirklich?« sagte Oldbuck, in dem Tone, der ihm gewöhnlich war, wenn er das Ende einer Geschichte zu hören wünschte, ehe er eine Meinung darüber äußerte.

»Ja, allerdings,« fuhr Sir Arthur fort, »ich versichre Ihnen, ich war auf meiner Hut – wir hörten einige seltsame Töne, das ist gewiß, die aus den Ruinen hervorkamen.«

»O, die hörten Sie?« sagte Oldbuck, »ein Helfershelfer stak vermuthlich im Hinterhalte?«

»Keineswegs,« sagte der Baronet; »die Klänge, obwohl von häßlicher und unnatürlicher Art, glichen eher denen eines Menschen, welcher heftig nießt, als allen andern; überdies hörte ich deutlich ein tiefes Stöhnen; und Dousterswivel versichert, daß er den Geist Peolphan sah, den großen Jäger des Nordens, (schlagen Sie über ihn Ihren Nicolaus Remigius, oder den Petrus Thyracus nach, Mr. Oldbuck,) welcher die Geberde des Schnupftabacknehmens und seine Wirkungen nachäffte.«

»Diese Zeichen, wie seltsam sie auch bei einer solchen Person sein mögen, scheinen doch bei der Sache ganz gelegen gekommen zu sein,« sagte der Antiquar; »denn Sie sehen, dieses Behältniß, welches die Münzen einschließt, hat ganz das Ansehen einer alterthümlichen schottischen Schnupftabacksdose. Aber Sie blieben fest, trotz der Schrecknisse dieses schnupfenden Unholdes?«

»Ei, ich finde es wahrscheinlich, daß ein Mann von geringerem Muth und geringerer Bedeutung nachgegeben haben würde; aber ich argwöhnte einen Betrug, fühlte auch, daß ich es meiner Familie schuldig sei, meinen Muth unter allen Umständen zu behaupten, und daher zwang ich Dousterswivel, durch nachdrückliche und heftige Drohungen, fortzufahren mit dem, was er begonnen; und, Sir, der Beweis seiner Kunst und Rechtlichkeit ist diese Sammlung von Gold- und Silberstücken, aus denen ich Sie diejenigen auszulesen bitte, welche für Ihre Sammlung geeignet sind.«

»Nun, Sir, Arthur, wenn Sie so gut sein wollen, und unter der Bedingung, daß Sie mir erlauben, den Werth nach Pinkertons Katalog und Ankündigung in meinem Buche Ihnen gut zu schreiben, so werd' ich mit Vergnügen auslesen« –

»Nein,« sagte Sir Arthur, »ich will nicht, daß Sie es für etwas anders, als ein Geschenk der Freundschaft betrachten, und am allerwenigsten würde ich mich der Schätzung Ihres Pinkerton fügen, der die alten und ächten Autoritäten bestritten hat, auf denen, wie auf ehrwürdigen bemoosten Pfeilern, der Glaube an die schottischen Alterthümer beruht.«

»Ja, ja,« erwiederte Oldbuck, »Sie meinen vermuthlich Mair und Boece, den Jachin und Boaz, nicht der Geschichte, sondern der Fälschung und Erdichtung huldigend. Und trotz all dem, was Sie mir gesagt haben, halte ich Ihren Freund Dousterswivel für so zweifelhaft als jene.«

»Nun denn, Mr. Oldbuck,« sagte Sir Arthur, »um nicht alte Streitigkeiten wieder aufzuwecken, will ich nur denken, daß Sie, weil ich an die alte Geschichte meiner Heimath glaube, mir weder Augen noch Ohren zutrauen, um das zu erkennen, was jetzt vor mir vorgeht!«

»Verzeihen Sie mir, Sir Arthur,« sagte der Alterthümler, »aber ich betrachte all den erheuchelten Schrecken, welchen dieser würdige Gentleman, Ihr Gehilfe, zu zeigen beliebte, nur für einen Theil seiner List und Gaukelei. Und was die Gold- und Silbermünzen betrifft, so sind sie nach Jahrzahl und Heimath so sehr vermischt und verschieden, daß ich sie unmöglich für einen ächten Schatz halten kann, sondern vielmehr glaube, daß sie dem Gelde auf dem Tische des Advokaten des Hudibras gleichen:

– – – Geld, gestellt zur Schau,
Nesteiern gleich, daß die Klienten legen,
Ihn zahlend, seines falschen Rathes wegen. –

Solche Kunstgriffe hat jedes Gewerbe, mein guter Sir Arthur. Bitte, darf ich fragen, wie viel Ihnen dieser Fund kostete?«

»Etwa zehn Guineen.«

»Und Sie haben damit gewonnen, was an wirklichem Metall zwanzig beträgt, und was für solche Narren, wie wir, die wir's aus Liebhaberei bezahlen, vielleicht noch einmal so viel werth sein kann. Dies hieß, Ihnen beim ersten Einsatz einen lockenden Profit geben, so viel muß ich zugestehen. Und was verlangt er für das nächste Mal?«

»Hundert und funfzig Pfund; den dritten Theil des Geldes hab' ich ihm gegeben, und ich dachte, Sie würden mir wohl mit dem übrigen aushelfen.«

»Ich sollte denken, daß er damit noch nicht den letzten Streich beabsichtigt – Es hat nicht Gewicht und Bedeutung genug; er wird uns wahrscheinlich auch dies gewinnen lassen, so wie's Gauner mit Anfängern machen. – Sir Arthur, ich hoffe, Sie glauben, ich werde Ihnen dienen?«

»Allerdings, Mr. Oldbuck; ich denke, mein Vertrauen zu Ihnen bei diesen Gelegenheiten läßt keinen Zweifel darüber übrig.«

»Nun, dann erlauben Sie mir mit Dousterswivel zu sprechen. Kann das Geld nützlich und vortheilhaft für Sie angewandt werden, nun, dann soll es Ihnen, der alten nachbarlichen Freundschaft willen, nicht fehlen; aber wenn ich, wie ich glaube, den Schatz für Sie heben kann, ohne eine solche Auslage zu machen, so werden Sie hoffentlich nichts dagegen haben?«

»Auf keinen Fall könnt' ich etwas dagegen haben.«

»Wo ist also Dousterswivel?« fuhr der Antiquar fort.

»Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, er ist in meinem Wagen unten; aber da er Ihr Vorurtheil gegen ihn kennt« –

»Dank dem Himmel, daß ich gegen Niemand Vorurtheile hege, Sir Arthur; Gesinnungen, nicht Personen sind es, die mein Tadel trifft.« Er zog die Klingel. »Jenny, Sir Arthur und ich lassen uns Mr. Dousterswivel, dem Herrn in Sir Arthur's Wagen, empfehlen und bitten ihn, uns hier seine Gegenwart zu schenken.«

Jenny ging und richtete ihre Botschaft aus. Es war keineswegs Dousterswivel's Absicht gewesen, Mr. Oldbuck etwas von seinem vorgeblichen Geheimnisse wissen zu lassen. Er hatte gehofft, Sir Arthur werde den nöthigen Vorschuß erlangen, ohne etwas vom Zwecke verlauten zu lassen, und er wartete unten nur in der Absicht, sich sobald als möglich in Besitz des verlangten zu setzen, denn er sah voraus, daß seine Laufbahn hier bald zu Ende sein werde. Als er aber zu Sir Arthur und Mr. Oldbuck berufen ward, entschloß er sich, keck auf seine Unverschämtheit zu bauen, von welcher er, wie der Leser bemerkt haben wird, eine reichliche Portion besaß.


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