Albert Schramm
Der innere Kreis
Albert Schramm

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Eine ganz große Erbschaft hat Sventha gemacht. Eine Tante überm Meer ist gestorben. Aber wir wissen, daß man Glück nicht erben kann und warten es ab.

Aber es ist doch so, die große Zahl stimmt, nur wird sie an unzählige Erben verteilt. Eines Morgens aber bringt uns der Briefträger siebenhundert Mark ins Haus, und nun beschließen wir, weil heute grad Frühlingsanfang ist, frei zu machen, einen längst verdienten, sauer verdienten Feiertag, und ein Stück Boden zu kaufen.

Es muß topfeben sein, sagt Sventha, als wir schon über den Höhen schreiten und die Stadt hinter uns liegt, damit wir Krokett spielen können. Das haben wir als Kinder immer getan, mit Vater.

Und am Hang muß es liegen, und auch wieder steil sein, daß man über die Wiesen laufen kann – und einen weiten Blick muß man haben, über die ganze Alb hin, und auch Wald muß sein, der die Weite wieder beschränkt, daß man nicht verloren geht in Gedanken und weiß, wo man hingehört. Denn ein guter Wald ist mehr als der beste Freund. Du kannst dich auf ihn immer verlassen. Er ist da, wenn du ihn brauchst, er nimmt dich auf, wie du bist, und sein Rauschen ist alt und gut wie die Zeit.

 

Hier oben. Hier auf der Höhe, da wäre es schon schön. Bloß der Wald ist nicht da. Das können wir nicht –

Dann gingen wir weiter, bis wir im Wald waren, dort oben, auf der einsamen Burg. Hier hatten wir einmal Abschied genommen, damals, als Sventha ihr Examen gemacht. Von der Höhe des Wegs schon sahen wir die Spitze des Glockenturms, des Dachreiters vom Kloster. Durch den Wald wanderten wir ihm zu, rasteten in erster wärmender Sonne. Denn es wurde nicht im Kalender von Gelehrten erfunden, daß heute der Frühling beginnt. Man spürt ihn in allen Gliedern, man weiß, er ist da. Und der Wald weiß es auch. Er wacht auf.

Abends saßen wir in der Schenke beim Kloster und besprachen beim Wein unsere Pläne. Der junge Wirt verriet uns, ein Stück sei zu haben, droben am Waldrand gelegen, hoch überm Tal, man sähe die Alb, und doch sei der Wald – und der Bussard –

Wir sahen uns an. Es ward uns geschenkt in dieser Stunde: das ist der Boden, der uns bestimmt ist.

Früh am andern Morgen, solange ich Praxis machte, fuhr Sventha mit dem jungen Wirt zu den Leuten. Das Mädchen, dem der Boden gehörte, war in ein anderes Dorf verheiratet, die Verwandten boten ihr nichts und so gab sie es her.

Gegen Mittag kam Sventha zurück; auf einem Packpapier stand der Vertrag: sie verkauft ihren Boden an uns.

 

Nun haben wir Land. Ein winziges Stück, steil und oben am Berg, aber unser.

 

Wir ergriffen Besitz.

Drei Spatenstiche tat jeder in die Erde. Dann wurde vom Wein, der aus Sventhas Heimat kam, ein Schluck in die Erde gegossen und ein gut Wort gesprochen dabei. Und dann tranken wir aus dem silbernen Becher, der unsere Fahrten begleitet, der in Italien war, aus dem der Spumante geschäumt, den das Wasser der Seen genetzt – tranken drei heilige Schlücke. Und dann ward der Wimpel gehißt, und die Erde berührt.

Und über uns kreiste der Bussard.

 

Das nächste war, daß wir Rosen pflanzten, ungezählte Busch- und Rankerosen, und Beete gruben für die Stauden. Da kam eines Tags ein Schulfreund in meine Sprechstunde, ein Architekt. Der machte mir Mut. Er hielt den Rohbau eines Sommerhäuschens herzustellen für möglich, auch für die geringe Summe, die ich ihm nannte.

Noch am selben Tag zeichnete ich Entwürfe, und bald standen mehrere Modelle, schön aus Pappe gefertigt und freundlich bemalt, im Zimmer.

Wir gerieten an einen alten Dorfbaumeister, der selten mehr nüchtern war, und schon begannen wir den Bau. Tiefe Fundamente, wohl mit Eisen gelagert, gute Steine, trockenes Holz!

Wir hatten Zeit, wir ließen ihn trocknen, den Rohbau.

Da wurde Sventhas Vater krank und sie begleitete ihn nach Sizilien. Ein Leberleiden quälte ihn, der mehr litt, als je seine Lippen gestanden.

Noch einmal fuhren sie zusammen durch die geliebten Felder des Südens, noch einmal ließ ihr das Leben die Freude, bei ihrem Vater zu sein. Die Sonne brannte sie braun und das Meer nahm sie auf in seine Bläue. Weit schwamm sie hinaus, bis die Küste von Taormina, das felsige Ufer dahinten versunken.

Nach drei Wochen kam das Telegramm, ihre Abreise von Sizilien zu melden, und die Bitte, sie in Mailand abzuholen.

Ich kannte die Stadt nicht. Alles war wieder Fremde, die breiten Plätze, die engen Straßen, die Menschen. Der Himmel war auch bei Nacht von durchsichtiger Bläue, in der die Sterne fremd und flackernd schwammen.

Andern Tags traten wir in den Dom. Es war eine kirchliche Feier. Weihe umschloß uns und wir gaben uns den südlichen Formen der Frömmigkeit hin. Ein Priester in buntgestickten Kleidern sprach über die teppichgeschmückte Brüstung einer Kanzel herunter. Wir verstanden nicht, was er sagte, aber der Klang seiner Stimme war ein Erlebnis, und ihr Ton drang tief in die Seele. Gemeinsam umschlossen uns Worte der Ewigkeit und das Dach des Doms hob sich hinauf und Gott selber sah hernieder und segnete uns.

 

Wir waren zu Hause und Sventha brannte, den Bauplatz zu sehen. Da stand überm blühenden Hang schon der Aufbau gezimmert und das Dach war gedeckt. Durch die Rahmen der Türen und Fenster, die bis herab auf den Boden reichten, sah das Leuchten des Landes herein. Vorm Haus blühten die Apfelbäume. Ihre Zweige schwankten im Mittagswind, der Blütenblätter über den Rasen streute. Wir waren allein mit der Stille.

Was war Italien, was war Taormina samt seinem südlichen Meer, was die Bogen des Doms zu Mailand gegen der Türbalken rauhes Holz, an das man die Hand legen konnte, die Fasern und Kanten zu spüren. Was waren alle Träume von Seen und Bergen, von Fremde und Ferne, gegen die Linien der Alb, die drüben das Blau ihrer Hänge verträumte?

Was war die Weite der Welt gegen die Heimat?

 

An einem jener Tage war auch einmal wieder der alte Weingärtner bei mir gewesen und hatte Blumen gebracht. Da freute ich mich, wußte ich doch, dann ging es ihm leidlich.

Aber dann blieb er aus. Einmal sah ich ihn noch draußen in seinem geliebten Gärtle. Ich kam vom Land herein, erkannte ihn, hielt und nahm ihn im Wagen mit durch das ganze Städtchen bis an sein Haus, das etwa in meiner Besuchsrichtung lag. Da war des Dankens kein Ende für die Ehr und daß er das noch hab erleben dürfen auf seine alten Tag, denn das hab er sich schon immer gewünscht, vor seinem Tod auch einmal Auto zu fahren.

 

Übervoll war der Tag, wieder mit Arbeit gewesen. Fast war ich müde. Da ließ man mich rufen in die untere Stadt. Durch die engen Gassen, unter den winkligen Fachwerkhäusern hin, vorbei an dem Kirchlein fand ich sein Haus. Geduldig lag er im Bett, der alte Weingärtner. Furchtbare Schmerzen waren in sein Gesicht geschrieben. Die verarbeiteten Hände mit den vielen Rissen und Schrunden und Schwielen und Narben lagen verkrampft auf der Decke.

Warum habt Ihr denn so lang gewartet, Großvater. Da hätt ich doch schon bälder einmal kommen können und Euch die Schmerzen lindern?

Der Herr Doktor, hab ich gedacht, hat so viel mit anderen zu tun, da braucht ihn der Alte nicht auch noch zu plagen. Und viel helfen wird man ja doch nimmer können. Man wird eben alt, man muß es halt tragen.

Und die ersten Achtzig sind halt die besseren.

Ich untersuchte ihn und fand, außer seinem schlechten Herzen, das müde geworden in einundachtzig Jahren voll Arbeit, außer seinem alten Lungenkatarrh, wieder den bösen Druck in der Niere, der ihm die rasenden Schmerzen machte.

Ich habe manchen im Anfall, den ein Nierenstein macht, schreien hören und toben sehen. Er aber lag still und ergeben, und ertrug ohne Klage, was ihm sein Herrgott geschickt. Ich gab ihm das Gift, das ihm Erleichterung brachte, ohne ihn heilen zu können. Wer hätte gewagt, den Alten zu schneiden und schlimmer zu quälen? Wir wußten es beide, er ebensogut wie ich, und er sträubte sich nicht, ein Leben zu lassen, das reif war zu seiner Erfüllung. Als ich nachts noch einmal kam, da wachte er, hieß seine Schmerzen schier unerträglich, ohne den Ton seiner Stimme deshalb zu erheben, und bedauerte, während schon der Tod in seiner Stimme war, daß er mir auch noch bei Nacht solche Ungelegenheiten mache.

Bescheiden bat er um eine weitere Spritze, die letzte habe ihm wohlgetan. Als ich, sein Alter und Herz bedenkend, zögerte, sagte er nur: Wir wissens doch all zwei, Herr Doktor, mir kann niemand mehr helfen, mein Zeit ist um, mein Sach getan. Die Jungen tuns weiter. Aber lassen Sie mich nicht so leiden, sind Sie barmherzig!

Was hätten Worte den Alten zu täuschen vermögen; wer gab mir das Recht, die Zeit seines Leidens um qualvolle Stunden zu verlängern, in widernatürlicher Weise, und seines Sterbens Größe zu stören?

Aus schmerzgequälten Zügen traf mich sein Blick. Ich gab ihm die Spitze. Mit beiden Händen umschloß der Greis meine Rechte: Also leben Sie wohl und Dank auch für alles! Dann entspannten sich seine Züge und der Kranke schlief ein. – Andern Tags war ich auf dem Land, als er einschlief für immer.

Eine Stunde danach stand ich am Bette des Toten.

Nun lagen die Hände, endlich müßig, endlich bereit zum großen Feierabend, beisammen. Kein Schmerz war mehr in seinem Antlitz, nur der Schimmer, der über alten Christusbildern liegt: dies Gelöstsein, dies Vollbrachthaben. Selig die Toten.

 

In jener Zeit wollte Sventha nicht reisen, mir aber riet sie zu fahren, nach der dauernden, niemals ganz ruhenden Arbeit und Spannung der Praxis. Einmal mit anderen, meinte sie, sollte ich mich treffen, Freunden und Freundinnen, das täte mir gut.

Dem aber, der sich durch Nachsicht und Güte gebunden weiß, mehr als durch Recht und Verträge, dem fällt die Freiheit schwer und der Plan in die Weite der Welt wird mißlingen.

Eines Morgens aber packten wir uns, mein jüngerer Bruder und ich, in den neuen Wagen und fuhren, mit Koffern beladen, in die Weite.

Wir hatten uns angemeldet bei Mädchen, die beide in Freiburg wohnten, und wollten sie treffen, gewiß der Freundschaft früherer Zeiten, da auch Sventha sie kannte und mochte.

Wir fuhren gut, und wenn auch erst das Gefühl der Trennung von zu Hause noch hemmte, so wuchs doch mit der Weite der Fahrt unser Mut und das Herz war uns beiden beschwingt.

Voll froher Erwartung läutete ich am Hause, in dem das Mädchen bei ihren Verwandten wohnte. Doch als mir auf meine Frage die würdige Dame des Hauses einen Brief übergab, da hätte ich ihn gar nicht zu öffnen brauchen, denn es stand in ihren moralischen Mienen geschrieben, daß sie mich für einen Entführer hielt und das Seelenheil der ihr anvertrauten jungen Dame und Freundin mit der ganzen Kraft zu schützen gewußt.

Es war, ich muß es gestehen, doch eine bittere Enttäuschung, daß ich sie, die oft unser Gast im Hause gewesen, nicht einmal sehen und sprechen durfte. Den Brief wagte ich gar nicht zu öffnen. Ich ging meines Wegs zum verabredeten Treffpunkt zurück, den wir der Einsamkeit halber in einen Friedhof gelegt.

Dort riß ich den Umschlag auf und las mit Erstaunen.

Ich sah in Gedanken die Tante hinter der Schreiberin stehen, und nahm sie in Schutz. Dennoch – es schmerzte. Langsam zerriß ich das Blatt in kleine Fetzen, die ich auf- und abwandelnd in Erwartung meines Bruders und seiner Freundin auf die einzelnen Gräber verstreute, da mir schien, daß ihnen, die dem zeitlichen Kummer entrückt, diesen kleinen Teil meiner Last auf dem Grabe zu tragen nicht schwer sei.

Bei der raschen Verwirklichung meines Planes, sie zu treffen und um ein Wiedersehen zu bitten, war ich, im vorausstürmenden Gefühl der Freude, unklug genug gewesen, auch hier wieder mehr als möglich erwartet zu haben. Während ich noch über das Unmaß von Leid, das auf der Welt lag, und über den großen Anteil davon, den ich selber zu tragen hatte, nachdachte, sah ich einen jungen Mann langsam die Allee des Friedhofs herunterschlendern und sah zu meinem Erstaunen, wie er Papierblättchen verstreute. Es war mein Bruder.

Dann saßen wir auf einer Bank. Über uns, im Geäst einer Friedhoftanne, spielte mit zierlichen Bewegungen ein Eichhörnchen. Wie das Bild eines Tieres zu trösten vermag, wie seine Bewegungen allein Entzücken zu wecken und Trauer zu vertreiben vermögen!

Schließlich fragte ich ihn, ob er denn seine Freundin nicht angetroffen habe. Schweigend erhob er sich und nahm den Weg in ein Weinhaus. Ich betreute seinen Kummer, und als uns der Wein die Zunge gelöst, erzählten wir uns das Erlebnis der Briefe, das uns nun brüderlich schien und gerecht. Daß die beiden, die sich untereinander nicht kannten, uns ein gleiches Schicksal bereitet, war uns der Beweis, daß es in unseren Sternen vorbestimmt gewesen, denn wir sind beide im gleichen Monat des Jahres geboren.

Was aber jetzt? Mit Koffern und Karten und Geld am selben Tag, wie ein geschlagenes Heer, zurück, zum Gespött der Bekannten?

Wir hatten gemeinsame Freunde, ein Ehepaar, das wir heimsuchen und zu gemeinsamer Fahrt mitnehmen könnten, da waren wir der Beschimpfung unwüchsiger Mädchen nicht ausgesetzt und die Sache hatte einen moralischen Boden.

Gesagt, getan. Wir tankten auf und fuhren nach Köln, wechselnd am Steuer. In Heidelberg kauften wir Brötchen, im Rheintal fingen und überholten wir den Schnellzug, und um Mitternacht waren wir dort und wurden mit Ehren bewirtet.

Wir fuhren ein wenig herum und wir kamen nach Soest. Doch die Zeit war vorbei und alles verändert. Und Margot war fort, fort und von vielen vergessen, die ich gefragt.

Dem aber, der sich durch Nachsicht und Güte gebunden weiß, mehr als durch Recht und Verträge, dem fällt die Freiheit schwer, und der Plan in die Weite der Welt muß mißlingen.

 

Der Herbst brannte schon rot über den Wäldern. Borgun, so hieß unser Häuschen überm Hang, war gebaut und seine Farben bestimmt: kobaltblau wie die Ferne der Alb im Sommer, wenn sie im Mittag drüben lag und träumte von den Urzeiten, da Meer ihre Berge überflutet, träumte und ruhte; blau, wie der Himmel zwischen den Stämmen der Kiefern erstrahlte, und rot, wie die tiefste Farbe des Lebens. Erstmals stieg die Fahne am Mast und schwellte das Tuch ihrer Farben im Wind.

Aber das Laub fiel von den Bäumen, und der erste Schnee deckte das Land, und das Wild kam zum Garten und fraß den Liguster und die Rüben, der Frost ließ die Bäche erstarren – bis es soweit war, daß wir einziehen konnten. Und es war Weihnacht geworden.

 

Lange noch hatte ich zu tun gehabt in der Praxis und die vorgenommene Stunde des Festes war längst schon vorüber.

Dann aber, spät in der Nacht, als wir bei den Eltern gefeiert hatten und die Kerzen am Christbaum heruntergebrannt waren, da wollten wir uns Borgun schenken, unser fertiges Haus.

Der Wagen war schon gerichtet, Gerät und Decken verpackt, und hoch obenauf zwei Federmatratzen und Betten. Durch die menschenleeren Straßen fuhren wir in die Nacht hinaus. Es war wie in uralten Zeiten. Da fuhren ein paar, gelöst von der Last der Gewohnheit, befreit vom Trubel des Besitzes, mit der ganzen Habe des täglichen Lebens über die Landstraße – der Nahrung, den Decken, den Betten. Alles ging gut, durch die Weihnacht fuhren wir unserem Schlößchen entgegen. Das dunkle Dorf war durchfahren, über uns hob sich der Berg und die dunkle Wand der Föhren. Der Weg war vereist. Die Räder glitten, wir kamen nicht vorwärts. Das Hindernis war kaum zu überwinden. Mit Decken und Sand gelang es endlich, weiter zu fahren, den Hang zu gewinnen. Fast waren wir oben, da stand der Motor, lief nicht mehr weiter. Der Tank war leer. Wir stiegen aus.

Wir wußten, es war eine Probe des Schicksals. Der Wagen wurde verkeilt und versorgt, dann nahmen wir zwei auf den Rücken, was im Wagen war, und trugen es voll Freude zum Häuschen. Zuletzt noch die Rahmen der Betten.

Zu Fuß, mit dem Wenigen, das wir brachten, auf den Schultern, zogen wir ein in die Mauern der Zukunft.

Dann standen wir noch einmal oben am Waldrand, sahen hinaus in die Weite der Nacht, hörten das Rauschen des Bachs im Grund und das Wipfelsingen der Föhren.

Da trug uns der Wind über die Höhen des Waldes fernher von einem andern Dorf die Klänge eines Posaunenchors. Und in das Leuchten der Nacht klangen die Akkorde wie ein himmlischer Chor von weit, weither:

Stille Nacht – Heilige Nacht!

Seit langem schon betreute ich dies Mädchen, das seine Last trug wie keine.

Die so fromm sind, daß jede Geste es den andern beweist, die um die eigene Frömmigkeit wissen und stolz darauf sind als auf einen wohlerworbenen Wert, den man Gott einmal vorweisen könne am Tag des Gerichts, wie einen Schein der Verpflichtung, des Anspruchs – sie waren mir immer von Grund aus zuwider. Und viele, die glauben, ein äußeres Zeichen ihres Glaubens tragen zu müssen, erfüllen mich anfangs mit Mißtraun.

Sie aber war fromm. Wenn sie, totenblaß, in den Kissen liegend, die fieberdunkeln Blicke über die Wände der ärmlichen Kammer hingleiten ließ, wo das Zeichen der Zuversicht stand, das Bild ihres Heilands, wenn sie die abgemagerten Finger um das Kreuz ihres Halsbandes legte, so war es die Geste der Gläubigen und die Bewegung einer Heiligen.

Sie hatte niemanden, war Waise, stand völlig allein, hatte den kärglichen Lohn ihrer mühsamen Jahre in der Geldflut verloren und jetzt lag sie, kaum dreißig, danieder und siechte dahin.

Oft habe ich in der Heilstätte die Lebensgier der Todkranken aufflackern sehen, habe die Hochzeitsfeier zweier Kranken erlebt, am Tag, da sich des Abends die Frau aus der Lunge verblutete, ich sah, wie die meisten den Tod ablehnten, sein Dasein verneinten, ihn gar nicht mehr kannten in der Wollust des Lebens.

Maria war anders. Sie litt. Jeder Atemzug tat ihr weh, viele Monate schon lag sie zu Bett. Aber eine Gloriole des Duldens lag um ihre Stirn. Freundinnen, die an ihr, der Führerin, gehangen, so lang sie gesund war, hielten ihr, der Todkranken, die Treue. Sie sorgten, kochten für sie, wuschen und kleideten sie, die niemals um einen Dienst bat, aber mit der Stille der Dulderin Dank wußte. Der Kreis der Gemeinsamkeit schloß sie zusammen und alle ehrten sie hoch.

Wohl wäre es besser gewesen, sie in ein Krankenhaus einzuweisen, aber alle Kassen waren abgelaufen, und der Anspruch war längst schon erloschen. Kannte denn keiner die Gefahr, die sie für die anderen war? Von einer Stelle zur anderen war sie geplagt und überall abgewiesen worden. Mein Kampf um ihr Recht ging seit Monaten und war so erbittert, wie duldsam ihre Art, das Unrecht zu tragen. Einmal kam ich abends hinauf, die Straße war glatt und gefährlich, sie hatte verboten, zu rufen. Aber ich spürte es wohl, sie konnte mich brauchen. Sie verteilte, als ich kam, eben ihre Sachen unter die Freundinnen, damit sie eine Erinnerung hätten, falls sie stürbe, betete mit ihnen und bat sie, zu singen. Ich stand am Ende des Bettes. Sie sah weit über mich hin, ihr Blick begann unirdisch zu leuchten. Und als der Choral verklungen, legte sie lächelnd das Haupt in die Kissen und starb.

 


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