Friedrich Schiller
Wallenstein
Friedrich Schiller

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Ein großer Saal beim Herzog von Friedland.

Dreizehnter Auftritt.

Wallenstein (im Harnisch).

Du hast's erreicht, Octavio! – Fast bin ich
Jetzt so verlassen wieder, als ich einst
Vom Regensburger Fürstentage ging.
Da hatt' ich nichts mehr als mich selbst – doch was
Ein Mann kann werth sein, habt ihr schon erfahren.
Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen,
Da steh' ich, ein entlaubter Stamm! Doch innen
Im Marke lebt die schaffende Gewalt,
Die sprossend eine Welt aus sich geboren.
Schon einmal galt ich euch statt eines Heers,
Ich Einzelner. Dahingeschmolzen vor
Der schwed'schen Stärke waren eure Heere,
Am Lech sank Tilly, euer letzter Hort;
Ins Bayerland, wie ein geschwollner Strom,
Ergoß sich dieser Gustav, und zu Wien
In seiner Hofburg zitterte der Kaiser.
Soldaten waren theuer, denn die Menge
Geht nach dem Glück – Da wandte man die Augen
Auf mich, den Helfer in der Noth; es beugte sich
Der Stolz des Kaisers vor dem Schwergekränkten,
Ich sollte aufstehn mit dem Schöpfungswort
Und in die hohlen Läger Menschen sammeln.
Ich that's. Die Trommel ward gerührt. Mein Name
Ging, wie ein Kriegsgott, durch die Welt. Der Pflug,
Die Werkstatt wird verlassen, Alles wimmelt
Der altbekannten Hoffnungsfahne zu –
– Noch fühl' ich mich Denselben, der ich war!
Es ist der Geist, der sich den Körper baut,
Und Friedland wird sein Lager um sich füllen.
Führt eure Tausende mir kühn entgegen,
Gewohnt wohl sind sie, unter mir zu siegen,
Nicht gegen mich – Wenn Haupt und Glieder sich trennen,
Da wird sich zeigen, wo die Seele wohnte.

Illo und Terzky treten ein.

Muth, Freunde, Muth! Wir sind noch nicht zu Boden.
Fünf Regimenter Terzky sind noch unser
Und Buttlers wackre Schaaren – Morgen stößt
Ein Heer zu uns von sechzehntausend Schweden.
Nicht mächt'ger war ich, als ich vor neun Jahren
Auszog, dem Kaiser Deutschland zu erobern.

Vierzehnter Auftritt.

Vorige. Neumann, der den Grafen Terzky bei Seite führt und mit ihm spricht.

Terzky (zu Neumann).
Was suchen sie?

Wallenstein.             Was gibt's?

Terzky.                                         Zehn Kürassiere
Von Pappenheim verlangen dich im Namen
Des Regiments zu sprechen.

Wallenstein (schnell zu Neumann).   Laß sie kommen.

(Neumann geht hinaus.)

Davon erwart' ich etwas. Gebet Acht,
Sie zweifeln noch und sind noch zu gewinnen.

Fünfzehnter Auftritt.

Wallenstein. Terzky. Illo. Zehn Kürassiere, von einem Gefreiten geführt, marschieren auf und stellen sich nach dem Kommando in einem Glied vor den Herzog, die Honneurs machend.

Wallenstein (nachdem er sie eine Zeit lang mit den Augen
    gemessen, zum Gefreiten).

Ich kenne dich wohl. Du bist aus Brügg' in Flandern,
Dein Nam' ist Mercy.

Gefreiter.                         Heinrich Mercy heiß' ich.

Wallenstein.
Du wurdest abgeschnitten auf dem Marsch,
Von Hessischen umringt und schlugst dich durch,
Mit hundert achtzig Mann durch ihrer Tausend.

Gefreiter.
So ist's, mein General.

Wallenstein.                       Was wurde dir
Für diese wackre That?

Gefreiter.                             Die Ehr', mein Feldherr,
Um die ich bat, bei diesem Corps zu dienen.

Wallenstein (wendet sich zu einem Andern).
Du warst darunter, als ich die Freiwilligen
Heraus ließ treten auf dem Altenberg,
Die schwed'sche Batterie hinweg zu nehmen.

Zweiter Kürassier.
So ist's, mein Feldherr.

Wallenstein.                         Ich vergesse Keinen,
Mit dem ich einmal Worte hab' gewechselt.
Bringt eure Sacht vor.

Gefreiter (kommandiert).       Gewehr in Arm!

Wallenstein (zu einem Dritten gewendet).
Du nennst dich Risbeck, Köln ist dein Geburtsort.

Dritter Kürassier.
Risbeck aus Köln.

Wallenstein.
Den schwed'schen Oberst Dübald brachtest du
Gefangen ein im Nürenberger Lager.

Dritter Kürassier.
Ich nicht, mein General.

Wallenstein.                         Ganz recht! Es war
Dein ältrer Bruder, der es that – du hattest
Noch einen jüngern Bruder, wo blieb der?

Dritter Kürassier.
Er steht zu Olmütz bei des Kaisers Heer.

Wallenstein (zum Gefreiten).
Nun, so laß hören.

Gefreiter.
Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,
Der uns –

Wallenstein (unterbricht ihn).
Wer wählte euch?

Gefreiter.                   Jedwede Fahn'
Zog ihren Mann durchs Loos.

Wallenstein.                                 Nun denn, zur Sache!

Gefreiter.
Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,
Der uns befiehlt, die Pflicht dir aufzukünden,
Weil du ein Feind und Landsverräther seist.

Wallenstein.
Was habt ihr drauf beschlossen?

Gefreiter.                                         Unsre Kameraden
Zu Braunau, Budweis, Prag und Olmütz haben
Bereits gehorcht, und ihrem Beispiel folgten
Die Regimenter Tiefenbach, Toscana.
– Wir aber glauben's nicht, daß du ein Feind
Und Landsverräther bist, wir halten's bloß
Für Lug und Trug und spanische Erfindung.
    (Treuherzig.)
Du selber sollst uns sagen, was du vorhast,
Denn du bist immer wahr mit uns gewesen,
Das höchste Zutraun haben wir zu dir,
Kein fremder Mund soll zwischen uns sich schieben,
Den guten Feldherrn und die guten Truppen.

Wallenstein.
Daran erkenn' ich meine Pappenheimer.

Gefreiter.
Und dies entbietet dir dein Regiment:
Ist's deine Absicht bloß, dies Kriegesscepter,
Das dir gebührt, das dir der Kaiser hat
Vertraut, in deinen Händen zu bewahren,
Oestreichs rechtschaffner Feldhauptmann zu sein,
So wollen wir dir beistehn und dich schützen
Bei deinem guten Rechte gegen Jeden –
Und wenn die andern Regimenter alle
Sich von dir wenden, wollen wir allein
Dir treu sein, unser Leben für dich lassen.
Denn das ist unsre Reiterpflicht, daß wir
Umkommen lieber, als dich sinken lassen.
Wenn's aber so ist, wie des Kaisers Brief
Besagt, wenn's wahr, ist, daß du uns zum Feind
Treuloser Weise willst hinüber führen,
Was Gott verhüte! ja, so wollen wir
Dich auch verlassen und dem Brief gehorchen.

Wallenstein.
Hört, Kinder –

Gefreiter.                 Braucht nicht viel Worte. Sprich
Ja oder Nein, so sind wir schon zufrieden.

Wallenstein.
Hört an. Ich weiß, daß ihr verständig seid,
Selbst prüft und denkt und nicht der Heerde folgt.
Drum hab' ich euch, ihr wißt's, auch ehrenvoll
Stets unterschieden in der Heereswoge;
Denn nur die Fahnen zählt der schnelle Blick
Des Feldherrn, er bemerkt kein einzeln Haupt,
Streng herrscht und blind der eiserne Befehl,
Es kann der Mensch dem Menschen hier nichts gelten –
So, wißt ihr, hab' ich's nicht mit euch gehalten;
Wie ihr euch selbst zu fassen angefangen
Im rohen Handwerk, wie von euren Stirnen
Der menschliche Gedanke mir geleuchtet,
Hab' ich als freie Männer euch behandelt,
Der eignen Stimme Recht euch zugestanden –

Gefreiter.
Ja, würdig hast du stets mit uns verfahren,
Mein Feldherr, uns geehrt durch dein Vertraun,
Uns Gunst erzeigt vor allen Regimentern.
Wir folgen auch dem großen Haufen nicht,
Du siehst's! Wir wollen treulich bei dir halten.
Sprich nur ein Wort, dein Wort soll uns genügen,
Daß es Verrath nicht sei, worauf du sinnst,
Daß du das Heer zum Feind nicht wollest führen.

Wallenstein.
Mich, mich verräth man! Aufgeopfert hat mich
Der Kaiser meinen Feinden, fallen muß ich,
Wenn meine braven Truppen mich nicht retten.
Euch will ich mich vertrauen – Euer Herz
Sei meine Festung! Seht, auf diese Brust
Ziel man! Nach diesem greisen Haupte! – Das
Ist span'sche Dankbarkeit; das haben wir
Für jene Mordschlacht auf der alten Veste,
Auf Lützens Ebnen! Darum warfen wir
Die nackte Brust der Partisan' entgegen;
Drum machten wir die eisbedeckte Erde,
Den harten Stein zu unserm Pfühl. Kein Strom
War uns zu schnell, kein Wald zu undurchdringlich,
Wir folgten jenem Mansfeld unverdrossen
Durch alle Schlangenkrümmen seiner Flucht,
Ein ruheloser Marsch war unser Leben,
Und wie des Windes Sausen, heimathlos,
Durchstürmten wir die kriegbewegte Erde.
Und jetzt, da wir die schwere Waffenarbeit,
Die undankbare, fluchbeladene, gethan,
Mit unermüdet treuem Arm des Krieges Last
Gewälzt, soll dieser kaiserliche Jüngling
Den Frieden leicht wegtragen, soll den Oelzweig,
Die wohlverdiente Zierde unsers Haupts,
Sich in die blonden Knabenhaare flechten –

Gefreiter.
Das soll er nicht, so lang wir's hindern können.
Niemand, als du, der ihn mit Ruhm geführt,
Soll diesen Krieg, den fürchterlichen, enden.
Du führtest uns heraus ins blut'ge Feld
Des Todes, du, kein Andrer, sollst uns fröhlich
Heimführen in des Friedens schöne Fluren,
Der langen Arbeit Früchte mit uns theilen –

Wallenstein.
Wie? Denkt ihr, euch im späten Alter endlich
Der Früchte zu erfreuen? Glaubt das nicht.
Ihr werdet dieses Kampfes Ende nimmer
Erblicken! Dieser Krieg verschlingt uns alle.
Oestreich will keinen Frieden; darum eben,
Weil ich den Frieden suche, muß ich fallen.
Was kümmert's Oestreich, ob der lange Krieg
Die Heere aufreibt und die Welt verwüstet,
Es will nur wachsen stets und Land gewinnen.
Ihr seid gerührt – ich seh' den edeln Zorn
Aus euren kriegerischen Augen blitzen,
O, daß mein Geist euch jetzt beseelen möchte,
Kühn, wie er einst in Schlachten euch geführt!
Ihr wollt mir beistehn, wollt mich mit den Waffen
Bei meinem Rechte schützen – das ist edelmüthig!
Doch denket nicht, daß ihr's vollenden werdet,
Das kleine Heer! Vergebens werdet ihr
Für euren Feldherrn auch geopfert haben.
    (Zutraulich.)
Nein! Laßt uns sicher gehen, Freunde suchen,
Der Schwede sagt uns Hilfe zu, laßt uns
Zum Schein sie nutzen, bis wir, beiden furchtbar,
Europens Schicksal in den Händen tragen
Und der erfreuten Welt aus unserm Lager
Den Frieden schön bekränzt entgegen führen.

Gefreiter.
So treibst du's mit dem Schweden nur zum Schein?
Du willst den Kaiser nicht verrathen, willst uns
Nicht schwedisch machen? – Sieh, das ist's allein,
Was wir von dir verlangen zu erfahren.

Wallenstein.
Was geht der Schwed' mich an? Ich hass' ihn, wie
Den Pfuhl der Hölle, und mit Gott gedenk' ich ihn
Bald über seine Ostsee heimzujagen.
Mir ist's allein ums Ganze. Seht! Ich hab'
Ein Herz, der Jammer dieses deutschen Volks erbarmt mich.
Ihr seid gemeine Männer nur; doch denkt
Ihr nicht gemein, ihr scheint mir's werth vor Andern,
Daß ich ein traulich Wörtlein zu euch rede –
Seht! Fünfzehn Jahr' schon brennt die Kriegesfackel,
Und noch ist nirgends Stillstand. Schwed' und Deutscher!
Papist und Lutheraner! Keiner will
Dem Andern weichen! Jede Hand ist wider
Die andre! Alles ist Partei und nirgends
Kein Richter! Sagt, wo soll das enden? Wer
Den Knäul entwirren, der, sich endlos selbst
Vermehrend, wächst – Er muß zerhauen werden.
Ich fühl's, daß ich der Mann des Schicksals bin,
Und hoff's mit eurer Hilfe zu vollführen.

Sechzehnter Auftritt.

Buttler. Vorige.

Buttler (in Eifer).
Das ist nicht wohl gethan, mein Feldherr!

Wallenstein.                                                   Was?

Buttler.
Das muß uns schaden bei den Gutgesinnten.

Wallenstein.
Was denn?

Buttler.               Es heißt den Aufruhr öffentlich erklären!

Wallenstein.
Was ist es denn?

Buttler.                       Graf Terzkys Regimenter reißen
Den kaiserlichen Adler von den Fahnen
Und pflanzen deine Zeichen auf.

Gefreiter (zu den Kürassieren).               Rechts um!

Wallenstein.
Verflucht sei dieser Rath, und wer ihn gab!
    (Zu den Kürassieren, welche abmarschieren.)
Halt, Kinder, halt – Es ist ein Irrthum – Hört –
Und streng will ich's bestrafen – Hört doch! Bleibt!
Sie hören nicht.   (Zu Illo.)
                          Geh nach, bedeute sie,
Bring sie zurück, es koste, was es wolle.

(Illo eilt hinaus.)

Das stürzt uns ins Verderben – Buttler! Buttler!
Ihr seid mein böser Dämon, warum mußtet Ihr's
In ihrem Beisein melden! – Alles war
Auf gutem Weg – sie waren halb gewonnen –
Die Rasenden, mit ihrer unbedachten
Dienstfertigkeit! – O, grausam spielt das Glück
Mit mir! Der Freunde Eifer ist's, der mich
Zu Grunde richtet, nicht der Haß der Feinde.

Siebzehnter Auftritt.

Vorige. Die Herzogin stürzt ins Zimmer. Ihr folgt Thekla und die Gräfin. Dann Illo.

Herzogin.
O Albrecht! Was hast du gethan!

Wallenstein.                                       Nun das noch!

Gräfin.
Verzeih mir, Bruder. Ich vermocht' es nicht,
Sie wissen Alles.

Herzogin.                   Was hast du gethan!

Gräfin (zu Terzky).
Ist keine Hoffnung mehr? Ist Alles denn
Verloren?

Terzky.           Alles. Prag ist in des Kaisers Hand,
Die Regimenter haben neu gehuldigt.

Gräfin.
Heimtückischer Octavio! – Und auch
Graf Max ist fort?

Terzky.                       Wo sollt' er sein? Er ist
Mit seinem Vater über zu dem Kaiser.

(Thekla stürzt in die Arme ihrer Mutter, das Gesicht
an ihrem Busen verbergend.)

Herzogin (sie in die Arme schließend).
Unglücklich Kind! Unglücklichere Mutter!

Wallenstein (bei Seite gehend mit Terzky).
Laß einen Reisewagen schnell bereit sein
Im Hinterhofe, Diese wegzubringen.
    (Auf die Frauen zeigend.)
Der Scherfenberg kann mit, der ist uns treu,
Nach Eger bringt er sie, wir folgen nach.
    (Zu Illo, der wiederkommt.)
Du bringst sie nicht zurück?

Illo.                                             Hörst du den Auflauf?
Das ganze Corps der Pappenheimer ist
Im Anzug. Sie verlangen ihren Oberst,
Den Max, zurück, er sei hier auf dem Schloß,
Behaupten sie, du haltest ihn mit Zwang,
Und wenn du ihn nicht losgeb'st, werde man
Ihn mit dem Schwerte zu befreien wissen.

(Alle stehen erstaunt.)

Terzky.
Was soll man daraus machen?

Wallenstein.                                   Sagt' ich's nicht?
O mein wahrsagend Herz! Er ist noch hier.
Er hat mich nicht verrathen, hat es nicht
Vermocht – Ich habe nie daran gezweifelt.

Gräfin.
Ist er noch hier, o dann ist Alles gut,
Dann weiß ich, was ihn ewig halten soll!
    (Thekla umarmend.)

Terzky.
Es kann nicht sein. Bedenke doch! Der Alte
Hat uns verrathen, ist zum Kaiser über,
Wie kann er's wagen, hier zu sein?

Illo (zum Wallenstein).                               Den Jagdzug,
Den du ihm kürzlich schenktest, sah ich noch
Vor wenig Stunden übern Markt wegführen.

Gräfin.
O Nichte, dann ist er nicht weit!

Thekla (hat den Blick nach der Thüre geheftet und ruft lebhaft).
Da ist er!


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