Erwin Rosen
In der Fremdenlegion
Erwin Rosen

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Das Kapitel der Strafen.

Die Rückkehr der Pumpisten. – Die Stufenleiter der Strafen in der Fremdenlegion. – Wie Schikanen inszeniert werden. – Das Legions-Axiom. – Die traurige Geschichte des kleinen Jean. – Schleichwege der Bosheit. – Die Strafmaschine. – Eine Rechnung über verlorene Jahre. – Verdienst eines Legionärs in fünf Jahren: Francs 127,50! – Die Gefängnisse der Fremdenlegion. – Verpestete Luft. – Zusammengepferchte Menschen. – Die Massenzellen. – Leben der Gefangenen. – Eine Nachtwache im Zellengang.

»Nom de Dieu – voilà les poumpistes!« rief der wachhabende Sergeant am Kasernentor. Alles sprang auf. Wir Legionäre der Wache drängten uns an die Gitter des Tores, der adjudant vaguemèstre, der Postagent des Regiments, kam aus seinem kleinen Bureau dem Wachlokal gegenüber gelaufen, einige Offiziere schlenderten herbei, aus allen Ecken und Winkeln des Hofes strömten die Kameraden zum Kaserneneingang.

»Die Pumpisten sind da!« rief einer dem andern zu.

Die Ausreißer unserer Kompagnie waren es, der arme Rader und seine fünf Freunde. Sie sahen erbarmungswürdig aus. Zwei Gendarmen führten sie. Mit einer langen dünnen Stahlkette waren die sechs Menschen aneinandergefesselt. Die schmutzigen Uniformen hingen ihnen in Fetzen am Leibe: sie waren abgemagert und in sich zusammengesunken, als ob sie todmüde seien. Ihre Gesichter waren verschrammt. Rader trug eine blutige Binde um den rechten Arm. In ihren Augen lag die Angst vor der kommenden Strafe.

Die Gendarmen mochten sie schlimm genug behandelt haben. Scheu sahen sie sich um – offenbar schämten sie sich des demütigenden Gefesseltseins, der Sträflingskette. Nur Herr von Rader ließ sich seinen unvermeidlichen Humor nicht nehmen.

»Juten Tag ooch! Ick bin wieder da!!« rief er dem Sergeanten zu.

In dem kleinen Zimmer des Offiziers du jour wurde ein kurzes Protokoll aufgenommen, und die beiden Gendarmen bekamen die übliche Regimentsquittung über den richtigen Empfang der ergriffenen Deserteure. Sie zogen vergnügt ab, war doch diese Quittung 25 Franks wert, als Belegdokument für die Fangprämie.

Die Pumpisten warteten vor dem Wachlokal, immer noch an der Kette vereint. Als Herr von Rader mich sah, begrüßte er mich mit einem Kopfschütteln.

»'Ne oberfaule Sache!« sagte er ganz laut. »Bruderherz, ick bin doch keen Medizinmann jeworden! Et is nischt mit das Zaubern. Uff enmal reiten fünf verdammte arabische Gendarmen uff uns los und halten uns ihre Revolver vor die Nasen! Die konnt' ich nich wegzaubern! Nee, et is nischt, Bruderherz. Ick verzichte uffs Tippeln, wenn ick an 'n Schwanz von 'n Gaul jebunden bin. Jeloffen is dat Aas ... Un' ick immer feste mit! Weil ick dranjebunden jewesen bin, weeßte?« Silence! befahl der Wachhabende. »Ruhe! Hier wird nicht gesprochen!«

Als die Formalitäten der Uebergabe erledigt waren, wurden die sechs Deserteure (ich gehörte zu der Wache, die sie mit aufgepflanztem Bajonett eskortierte) schleunigst ins prison geführt.

Die Schlüssel klirrten. Der Sergeant der Wache hielt es für nötig, seinem Hohn Luft zu machen in einigen überflüssigen Bemerkungen über »das dreckige, zerlumpte, niederträchtige Pumpistenpack, dem im Strafbataillon das Durchbrennen schon versalzen werden würde«, und gab Rader, der als letzter über die Schwelle der Gefängnistüre trat, einen gewaltigen Stoß. Er fiel der Länge nach hin. Dann wurde die schwere Bohlentüre hinter ihnen zugeworfen ...

Vor einigen Jahren noch wäre an Herrn von Rader und seinen fünf Mitpumpisten mit einer ganz besonderen Art von Strafen operiert worden, die damals in der Fremdenlegion gerade für Deserteure als radikales Abschreckungsmittel betrachtet wurde – eine mittelalterliche Tortur, die übrigens keine Spezialität für Deserteure allein darstellte, sondern recht häufig in Anwendung kam. Es waren das silo und die crapaudine.

Das Silo bestand aus einem trichterförmigen Loch im Boden, vier Meter ungefähr tief, oben am Rande breit, nach unten spitz verlaufend. Ein richtiger Trichter. In dieses Loch, das als »Einzelzelle« galt, wurde der Uebeltäter hineingeworfen, in einen dünnen Drillichanzug gekleidet, ohne Decke, ohne jeden Schutz vor Regen und Sonne, vor der Hitze des Tages und der Kälte der Nacht. Viele Tage lang ließ man die armen Teufel in solch' einem Gefängnis. Liegen konnten sie niemals, denn das untere Ende des Loches maß nur einen oder zwei Fuß im Quadrat. Stehend, zusammengekauert, verbrachten sie Tage und Nächte. Der Unrat häufte sich an, der Regen goß herab, die Sonne brannte in das Loch. Die Gefangenen wurden krank in den üblen Dünsten. Wenn sie endlich aus dem Silo herausgeholt wurden, konnten sie weder stehen noch gehen. Sie mußten ins Hospital getragen werden. Dann und wann ist auch ein Silogefangener unten in seinem Loch gestorben.

Man erzählt in der Fremdenlegion, daß General de Négrier es war, der diese fürchterliche Strafe abschaffte. Bei einer Inspektion in Saïda fand er, in langer Reihe nebeneinander, fünfzehn Silos, alle mit Gefangenen besetzt. Er befahl, sie herauszuholen, und sie brachen zusammen, als sie an die frische Luft kamen. Da ließ der General sämtliche Silos vor seinen Augen zuschütten und ordnete an, daß die Silostrafe niemals wieder angewandt werden dürfe.

Primitiver, in ihrem Raffinement aber fast noch brutaler, war die crapaudine. Der zu Bestrafende wurde einfach zu einem Bündel zusammengeschnürt und in eine Ecke geworfen. Man band ihm Hände und Füße auf dem Rücken zusammen, bis der Körper eine Art Halbkreis bildete. Tag und Nacht lag solch ein crapaudinaire hilflos da, unfähig, sich zu rühren. Höchstens konnte er sich mit unendlicher Mühe von einer Seite auf die andere wälzen. Eine Viertelstunde lang im Tag wurde er losgebunden und bekam Brot zu essen und Wasser zu trinken. Ein Tag und eine Nacht in der crapaudine genügte, um einen starken Mann auf längere Zeit bewegungsunfähig zu machen – mehrere Tage bedeuteten Siechtum.

Auch diese Strafe ist abgeschafft worden. In einer milderen Variation lebt sie noch fort: im Felde und auf Märschen werden Vergehen durch Anbinden nachtsüber an zwei in den Boden geschlagenen Holzpflöcken bestraft.

Heutzutage tragen die Strafen der Fremdenlegion nicht mehr den grausamen Charakter von früher.

Wenigstens äußerlich nicht! Raders Freunde kamen mit vierzig Tagen prison davon, während der arme Rader selbst nach langer Untersuchungshaft kriegsgerichtlich abgeurteilt wurde. Der Aermste hatte seine Schärpe und sein Käppi verloren und wurde wegen »Diebstahls von Uniformstücken« zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Wie es ihm dort gegangen ist, weiß ich nicht.

Irgendwie festgesetzte Strafen für Desertion gibt es nicht. Im allgemeinen werden Pumpisten milde behandelt und von Regimentswegen mit prison bestraft, von 40 bis zu 120 Tagen, wenn sie Rekruten sind. Nur dann. Alte Soldaten kommen vor's Kriegsgericht. Aber auch dies gilt nur ganz allgemein; wenn z.B. ein Deserteur sich aus irgendeinem Grunde das Uebelwollen seines Feldwebels oder seiner Unteroffiziere zugezogen hat, so wird die Anklage gegen ihn sicherlich den Verlust von Uniformstücken verzeichnen, mag er auch nicht das Geringste verloren haben. Man ist in der Anwendung der Strafen sehr individuell in der Fremdenlegion!

Aeußerlich gibt es ja eine gewisse Stufenleiter von Strafen. Sie beginnt mit der Extra- corvée, die schon recht empfindlich ist. Für kleine Verfehlungen im innern Kasernendienst, für eine nicht kunstgerecht aufgebaute paquetage, für einen ungeputzten Knopf, wird durch den Sergeanten der Sektion dem Sünder eine Reihe von »Extra-Arbeitstagen« zudiktiert. Der Bestrafte hat den schweren Arbeitsdienst der corvée an jenen Tagen zu leisten, an denen seine Kameraden bei leichter Flickarbeit sitzen oder Instruktionsstunde haben. Wegen persönlicher Verfehlungen bin ich während meiner Dienstzeit in der Legion niemals bestraft worden, auch nicht mit Extra-Corvée – ich hütete mich zu sehr, auch nur den geringsten Anlaß zu geben! Massen-Corvée aber machte ich häufig mit. Sie war eine Spezialität unseres Feldwebels. Wenn er morgens unser Mannschaftszimmer inspizierte und irgendeine Kleinigkeit zu rügen fand, so plagte er sich nicht weiter mit Details, sondern sagte einfach:

»Eh, Korporal! Unangenehmes Zimmer. Scheußlich! Ganze Gesellschaft Extra-Corvée heute nachmittag, unter Ihrer Führung, Korporal!«

Worauf der Korporal fürchterlich fluchte und sämtliche Zimmerinsassen sich darüber einigten, der Feldwebel sei ein sale cochon – ein dreckiges Schwein. Da das »Schwein« aber auch die Borsten der Autorität besaß, so mußte trotz allen Schimpfens die Extra-Corvée abgearbeitet werden.

Fast ebenso häufig war der Kasernenarrest. Er stellt die nächsthöhere Sprosse auf der Stufenleiter der Strafen dar und ist immer mit »salle de police« verbunden. Salle de police, Disziplinsraum, ist die Nebenbezeichnung für die Massenzellen in den Gefängnissen. Vor allem dürfen die Kasernenarrestanten natürlich die Kaserne in der freien Zeit nicht verlassen. Sonst tun sie Dienst wie gewöhnlich. Nach Beendigung der Tagesarbeit jedoch, von fünfeinhalb Uhr bis neun Uhr abends, werden sie jede halbe Stunde, häufig jede Viertelstunde, durch ein besonderes Signal in den Kasernenhof gerufen, und der wachhabende Unteroffizier stellt ihre Anwesenheit fest. Wer das Signal verpaßt und bei einem Appell fehlt, wandert auf acht Tage ins Gefängnis. In der Angst, das Signal zu überhören, haben die Leute keine Sekunde Ruhe und finden kaum Zeit, ihre Putzarbeit für den nächsten Tag zu verrichten. Um 9 Uhr aber, beim Abendappell, müssen sie sich im Drillichanzug bei der Wache melden und werden die Nacht hindurch in den »salle de police« gesperrt – in die überfüllte Massenzelle. Schlaf ist in dem Menschengedränge, in der verpesteten Luft nur für Stunden möglich, nur dann, wenn der übermüdete Körper trotz aller Greuel der Umgebung sein Recht auf Ruhe fordert. Morgens um fünf Uhr werden sie entlassen und machen, wie alle andern, den gewöhnlichen Dienst der Kompagnie mit. Acht Tage »salle de police« gelten als leichte Strafe – ein Zeichen, daß die Legionäre nicht an übertriebener Empfindlichkeit laborieren!

Salle de police war bei uns etwas Selbstverständliches; der Kasernenarrest gehörte zum Tagewerk. In unserem Mannschaftszimmer war ich der Einzige, der seine Bekanntschaft noch nicht gemacht hatte, und das war nur Zufall, unverschämtes Glück.

Ueber Extra-Corvées und Kasernenarrest regte sich bei uns kein Mensch auf. Vor dem prison aber hatten alle Legionäre gehörigen Respekt!

Prison ist die eigentliche Legionsstrafe, die Arreststrafe im Gefängnis des Regiments, der »Mittelarrest« der Legion. Sie ist jedoch himmelweit verschieden vom deutschen Mittelarrest, und es würde eine ganz falsche Vorstellung erwecken, wenn man prison mit »Arrest« übersetzen würde. Gefängnis ist das richtige Wort! Aus schwerer, harter Arbeit und fürchterlichen sanitären Zuständen ist die Gefängnisstrafe der Legion zusammengesetzt: ein Bild von ihr kann man sich nur machen, wenn man die Ausführung der Strafe betrachtet.Siehe Schluß des Kapitels! – Der Verf.

Weiter folgt cellule, durch Hunger verschärfte Einzelhaft.

Dann kommen die »Zéphirs«, die zum Strafbataillon Verurteilten. Alle zwei bis drei Wochen verließ ein Transport von Zéphirs die Kaserne, in zerfetzten alten Drillichuniformen. Im Strafbataillon mußten sie ja doch den kaffeebraunen Sträflingskittel tragen!

»Disziplinarabteilung der Unverbesserlichen« wird das Strafbataillon offiziell genannt, und die Deportation zu den Zéphirs ist die letzte Strafe, die ohne Spruch des Kriegsgerichts verhängt werden kann. Mit der Unverbesserlichkeit aber ist es manchmal sonderbar beschaffen. Die Unglücklichen leisten unter starker Bewachung die Pionierarbeit im tiefsten Süden. Sie bauen Straßen, sie graben Brunnen, sie errichten neue Stationen in den ungesundesten und am weitesten von der Zivilisation entfernten Punkten Algeriens. Sie müssen arbeiten, wie selbst ein Legionär, dem ja allerschwerste Frohn etwas Vertrautes ist, niemals ohne härtesten Zwang arbeiten würde. – Und wenn besonderer Bedarf für Pionierarbeit im Süden ist, wenn z.B. neue Kommunikationswege angelegt werden sollen, steigt mit einemmal der Bestand der Strafbataillone. Die Unverbesserlichkeit der Legionäre vermehrt ganz merkwürdig, wenn die militärische Administration Unverbesserliche braucht – zum Arbeiten!

»Viel Arbeit – viele Zéphirs«, sagt das Legionssprichwort.

Die höchsten Sprossen der Stufenleiter endlich sind die schweren militärischen Strafen, vom Zuchthaus bis zum Tod durch Erschießen, über die das Kriegsgericht des algerischen Korps in Oran entscheidet. Seine Urteile sind berühmt durch maßlose Härte. Um vors Kriegsgericht zu kommen, braucht der Legionär gerade kein fürchterliches Verbrechen begangen zu haben. Es genügt schon, wenn er ein Uniformstück verloren hat!

In dem maßgebenden französischen Geschichtswerke über die Fremdenlegion schreibt Roger de Beauvoir: »Jede der beiden Disziplinarsektionen hat eine mittlere Stärke von 150 Mann; von diesen 300 Verurteilten sind mindestens 200 im Strafbataillon wegen Verkaufs ihrer Militäreffekten. Früher pflegte man für diesen Delikt den »Magen bezahlen zu lassen« – d.h. dem Schuldigen wurde eine Diät von Wasser und Brot zudiktiert, so lange, bis er aus dem ersparten Menagegeld den Wert des verschleuderten Uniformstückes ersetzt hatte. Diese Strafe ist schließlich zu barbarisch-veraltet erschienen und man hat sie durch das Kriegsgericht ersetzt, das auf sechs Monate Gefängnis erkennt. Die Legionäre sehnen sich nach dem alten Regime!«

»And thereby hangs a story«, wie Kipling zu sagen pflegt. Daran hängt eine Geschichte!

Eine sehr traurige Geschichte ... Kein vernünftiger Mensch wird bestreiten wollen, daß für das bunt zusammengewürfelte Menschenmaterial der Legion eiserne Disziplin nötig ist. Wenn die Justiz der Fremdenlegion praktisch so wäre, wie sie theoretisch ist – hart, aber gerecht – so würde man nichts gegen sie sagen können. Sie ist jedoch gerecht nur im Prinzip, in der Absicht des militärischen Gesetzgebers. In Wirklichkeit ist sie eine Justiz bodenloser Willkür; dazu gemacht, durch individuelle Willkür von Offizieren und Unteroffizieren in den einzelnen Fällen, durch ein zopfiges, rechtbeugendes Hangen an einem starren »Schema F« im allgemeinen.

Jeder französische Offizier, jedes französische Kriegsgericht geht von der zeitgeheiligten Voraussetzung aus, daß der fremde Legionär zwar ein tapferer Soldat sei, im übrigen aber ein abgefeimter Lump und Spitzbube, bei dem man nie fehlgeht, wenn man das Schlimmste von ihm annimmt. Das Wort eines Vorgesetzten ist stets gültiger Schuldbeweis. Keine bessere Illustration kann es dafür geben, als die ewigen schweren Strafen für den »Verkauf von Effekten«. Diese Art von Diebstahl existiert. Natürlich! Sie mag sogar häufig vorkommen, wie es nicht weiter verwunderlich ist bei einer Löhnung von vier Pfennigen im Tag.

Aber: Tausende sind im Laufe der Jahre unschuldig bestraft worden für dieses Vergehen.

Der älteste und beliebteste Kniff chikanierender Unteroffiziere ist es ja, die plötzliche Inspektion aller Effekten eines Mißliebigen zu inszenieren. Irgendeine Kleinigkeit, eine Halsbinde, ein paar Riemen, werden schon fehlen, und dann ist der casus belli gegeben! »Verloren ist gestohlen – verkauft!« So lautet das unerschütterliche Legionsaxiom, gegen das alle Beteuerungen nichts auszurichten vermögen. Dann und wann wird solch ein Verbrecher milde behandelt und vom Regiment mit sechzig Tagen Gefängnis bestraft; in den meisten Fällen kommt er vors Kriegsgericht.

Ein typischer Fall: »Malheur-Jean« wurde in meiner Kompagnie ein junger Franzose genannt, der im zweiten Jahre seiner Dienstzeit wegen Diebstahls einer Schärpe zu sechs Monaten Strafbataillon verurteilt worden war, unschuldig, wie er behauptete. Ich glaube nicht, daß er log, denn seine Mutter schickte ihm allmonatlich zwanzig Franks. Er gehörte also zu den Wohlhabenden im Sinne der Fremdenlegion und hatte es sicherlich nicht nötig, um einiger Sousstücke willen seine ceinture zu verkaufen und eine schwere Strafe zu riskieren. Die Wahrscheinlichkeit sprach für seine Unschuld, aber das half ihm nichts. Er wurde verurteilt. Die sechsmonatliche Quälerei überstand er glücklich und kehrte zur Kompagnie zurück.

Nun begann erst seine eigentliche Leidenszeit. Als er damals angeklagt worden war, hatte er im Zorn über die falsche Beschuldigung dem adjudant bittere Worte gesagt. Das vergaß ihm der Kompagniegewaltige niemals. Trotzdem der kleine Jean ein stiller Mensch war, der seinen Dienst nach bestem Können verrichtete, ein sauberer Soldat, ein ausgezeichneter Schütze, pendelte er fortwährend hin und her zwischen Gefängnis und Kompagnie, Kompagnie und Gefängnis. Nichts konnte er recht machen: bald waren seine Stiefel nicht ordentlich geputzt, bald stand sein Bett um einige Zentimeter über die schnurgerade Linie der andern Betten hinaus, bald war seine Haltung beim Appell nicht stramm genug. So sahen die angeblichen Versündigungen des kleinen Jean gegen den heiligen Geist der Legionsdisziplin aus – lächerliche, dumme Anschuldigungen, denen der Stempel der Chikane so deutlich aufgeprägt war, daß selbst der gleichgültigste Kompagniechef stutzig werden mußte.

Diese menschlichen Strafmaschinen arbeiteten jedoch automatisch, ohne Gefühl, gedankenlos. Die sühnenden Strafanträge für die gräßlichen Sünden des kleinen Jean wurden mechanisch erhöht. Wenn der Feldwebel acht Tage Kasernenarrest vorschlug, erhöhte der Herr Kapitän die Strafe auf acht Tage Gefängnis. Das war etwas Selbstverständliches, da Jean le malheureux als entlassener Disziplinär natürlich »in einem scheußlichen Ruf« stand ... Der Bataillonskommandeur als nächste Instanz wollte sich auch nicht lumpen lassen und verdoppelte die Strafe. Nun waren aus den bescheidenen acht Tagen Kasernenarrest schon volle sechzehn Tage Gefängnis geworden.

Jetzt aber kam noch die höchste Autorität der Regimentsjustiz – der Herr Oberst. Dieser Herr Oberst hatte prinzipielle Ansichten über die Behandlung schlechter Elemente in seinem Regiment.

»Soldat zweiter Klasse Jean Dubois, Nr. 14892, 11. Kompagnie, wird durch den Regimentskommandeur wegen fortgesetzter Nachlässigkeit und indisziplinierten Benehmens mit vierzig Tagen Gefängnis bestraft.«

So hieß es im nächsten Regimentsbefehl.

Man sieht, die Maschine funktionierte tadellos! Ihre Rädchen drehten sich in wundervoller Präzision. Wen es interessierte, der konnte sogar ihre Bewegungen im voraus berechnen! Dubois tat das. Er wußte ganz genau, was ihm bevorstand – er wurde immer stiller, immer trauriger, er sprach kaum ein Wort mit seinen Kameraden. Wehren konnte er sich nicht: zu einem Fluchtversuch hatte er keine Energie mehr. Du lieber Gott, sein bißchen Energie hatte er vergessen, verloren – irgendwo unten im Süden, in einem sonnverbrannten Zeltlager, dort, wo das Strafbataillon arbeitet.

Die Rädchen der Strafmaschine schnurrten weiter. – – Achtzig Tage Gefängnis waren die nächste Dosis des kleinen Jean. Zur Abwechslung kamen dann sechzig Tage cellule. Wenn man nur die Zeit rechnen wollte, so könnte man meinen, er sei diesmal besser weggekommen. Keineswegs, diese sechzig Tage waren ja Hungertage! Denn cellule bedeutete Hunger, Abmagerung; viel Hunger, große Abmagerung.

Acht Tage, wenn ich mich recht erinnere, war Dubois in der Kompagnie nach seiner sechzigtägigen Diätkur. Dann begann die Maschine wieder ihre Arbeit: Abermals dreißig Tage! ... Dreißig Tage Gefängnis – für den Unverbesserlichen, für dieses insubordinierte Subjekt? – Nein! Dem Regimentskommandeur war es wirklich nicht zu verargen, daß ihm der Geduldsfaden riß. Also bestätigte er die Strafe nicht, sondern – stellte den Schandfleck der 11. Kompagnie vor ein Kriegsgericht. Und abermals setzte sich die Maschine in Bewegung:

Zwei Jahre prison, zwei Jahre harter Arbeit in einem Festungsgefängnis für Jean le malheureux!

Mit dem nächsten Sträflingsschub transportierten sie ihn nach Oran. Ich habe nichts mehr von ihm gehört – ich weiß nicht, wie es ihm als Sträfling gegangen ist. In meinem unverwüstlichen Optimismus will ich gern annehmen, daß der zweijährige Zwischenakt der Gesundheit des kleinen Jean nicht weiter schadete – daß dieser dereinst wohlbehalten und vergnügt nach seinem Vaterlande zurückkehren wird, wenn er seine Verpflichtungen gegen die Fremdenlegion erfüllt hat. Selbst dann gibt es noch eine hübsche Rechnung:

Ursprüngliche Dienstzeit des Jean Dubois: 5 Jahre
Nachzudienende Zeit im Strafbataillon: 6 Monate
Nachzudienende Zeit der Regimentsstrafen: 7 Monate
Nachzudienende Zeit im Festungsgefängnis: 2 Jahre
  ____________
Gesamtzeit, die Jean Dubois an Stelle
der ursprünglichen 5 Jahre dient:
8 Jahre, 1 Monat

Bei dieser optimistischen Berechnung geht mein Optimismus so weit, daß ich annehme, Malheur-Jean hätte während seiner Haft im Festungsgefängnis und während seiner späteren, restlichen Dienstzeit keine weiteren Freiheitsstrafen mehr bekommen.

Zwinge ich mich aber, das Schicksal des kleinen Jean vom pessimistischen Standpunkte aus prophetisch zu betrachten, so wird die Rechnung noch viel hübscher. Dubois war keine besonders kräftige Natur, und es ist sehr gut möglich, daß Strafbataillon plus Gefängnis plus Hunger plus Kerkerhaft plus Verzweiflung ihm den Garaus machten. Dann haben eine verlorene blaue Schärpe, die Bosheit eines Feldwebels und die Strafwut einer Reihe von Offizieren ihn gemordet.

Wie das aber auch sein mag, ob Jean Dubois acht Lebensjahre der Legion hingibt oder zehn – wenn er in seine Heimat zurückkehrt (er ist Franzose!) wird seine Kraft nicht mehr viel wert sein auf dem Arbeitsmarkt der Welt.

Ach, da fällt mir ein, daß ich noch eine sehr hübsche Rechnung weiß! Der kleine Jean war ein nachdenklicher Geselle. Wenn er nun nach zehn langen Jahren in seine Heimat zurückkommt, setzt er sich vielleicht hin und rechnet aus, wieviel er denn eigentlich in den zehn härtesten Jahren seines Lebens verdient hat.

So würde das Exempel aussehen:

1. Dienstjahr 5 Cent. tägliche Löhnung Frks. 18.25
2. Dienstjahr 5 Cent. tägliche Löhnung Frks. 18.25
3. Dienstjahr 5 Cent. tägliche Löhnung Frks. 18.25
4. Dienstjahr 10 Cent. tägliche Löhnung Frks. 36.50
5. Dienstjahr 10 Cent. tägliche Löhnung Frks. 36.50
    _________
    Frks. 127.75

Die anderen fünf Jahre? In denen hat der kleine Jean gratis gearbeitet. Diese fünf Strafjahre waren »rabiau«, wie man in der Legion sagt, nutzlos, überflüssig. Ueberlaufender Schaum bei moussierenden Getränken bedeutet der Ausdruck wörtlich. Vergeudete Lebenszeit bezeichnet er in der Legion. In seinen fünf rabiau-Jahren bekam der arme Jean natürlich keine Löhnung. Seit wann bekommt ein Sträfling Löhnung?

Bleibt also für Jean le malheureux die stattliche Summe von 127 Franks und 75 Centimes. Verdient in zehn Jahren. Außerdem ist das nichtsnutzige Subjekt auch noch gefüttert worden! Bekleidet obendrein.

Ah – c'est la légion!

*

Wie eine unheimliche Drohung, wie ein Schreckgespenst sind mir immer die Gefängnisse in der Legionskaserne von Sidi-bel-Abbès erschienen. Zu beiden Seiten des Kaserneneingangs, dicht an der Straße, durch eine hohe Mauer von ihr getrennt, lagen die beiden kleinen Häuschen mit ihren flachen Blechdächern, die den Sonnenbrand so unbarmherzig auffingen. Zellentüre an Zellentüre reihte sich in schmalen rechtwinkeligen Gängen. Die Einzelzellen waren etwas über drei Meter lang und einen Meter breit: die Massenzellen mochten fünf Meter im Quadrat haben. Licht gab es nicht, für Luft »sorgten« ein schmaler Spalt über der Türe und ein kleines Loch in der Mauer. Der Boden war aus Ziegelsteinen oder aus festgestampftem Lehm. Eine hölzerne Pritsche stand in den Zellen, ein Wasserkrug und ein altes Blechgefäß ohne Deckel als Klosett. Einzelzellen und Massenzellen waren sich darin völlig gleich. Ob nun in den Massenzellen fünf Mann saßen oder vierzig, fünfzig Mann – das machte gar keinen Unterschied! Sie bekamen vorschriftsmäßig einen Wasserkrug und einen Blecheimer! Ich bin (das ist mir heute noch ein angenehmes Gefühl!) niemals im Gefängnis der Legion eingesperrt gewesen, aber ich habe, wenn ich dort auf Wache war, genug gesehen, um auch ohne Erfahrung am eigenen Leibe vor dem Prison zu erschauern.

Ich wiederhole: fünf Meter im Quadrat, dreißig, vierzig, mehr Insassen: ein Luftloch von einem Viertelmeter Durchmesser hoch oben an der Mauer, ein winziger Spalt über der Türe.

Solch eine überfüllte Massenzelle würde jeder Tierarzt als einen ungeeigneten Aufenthalt selbst für Schweine erklären! Vor der Reveille, morgens um fünf Uhr, traten sämtliche Posten der Kasernenwache bei den Gefängnissen an, und der Wachhabende öffnete die Zellen, aus denen ein infernalischer Geruch strömte. Er verlas die Namen aus der Gefängnisliste, und jeder Gefangene trat, wenn er aufgerufen wurde, aus der Zelle in den schmalen Gang. Dann begann die Säuberung. Je zwei Mann der Gefangenen trugen, von einem Posten begleitet, die Klosettgefäße zu den Kanalisationsöffnungen im Hof. Wenn die großen Zellen überfüllt waren, (und das waren sie immer) sah es schauderhaft in ihnen aus. Der Raum war eine Klosettgrube, überschwemmt, verunreinigt, verpestet ... Und an Reinigungsmitteln besaßen die Gefängnisse nichts als ein paar alte Besen. Einige Eimer Wasser wurden über den Fußboden geschüttet, oberflächlich, in hetzender Eile, denn der Wachhabende hatte keine Lust, auf die prisonniers viel Zeit zu verschwenden. Ein wenig Wasser, ein paar Besenstriche! Was nicht weggeschwemmt wurde, sickerte in die Ritzen und Risse des Steinfußbodens und bildete eine neue Basis für neue Verpestung.

Den Becher heißen schwarzen Kaffees, aus dem das Legionsfrühstück besteht, gab es nicht für die Gefangenen. Sie bekamen kein Frühstück. Am Bassin im Kasernenkorridor durften sie sich waschen. Dann wurden sie zur Arbeit geführt, nüchternen Magens, durchfroren von der kalten afrikanischen Nacht, auf hartem Holzlager ohne Schutz verbracht, erschlafft vom Aufenthalt in der vergifteten Luft der Zellen.

Wer mit prison von nur kurzer Dauer bestraft war, wurde zum Reinigen des Kasernenhofes, zum Holzspalten, zum Steineklopfen kommandiert: die Gefangenen mit langer Strafdauer und die Insassen der cellules aber mußten zum Arbeitsmarsch antreten und mit dem schweren Sandsack auf den Schultern zwei Stunden lang im Kreise laufen, mit ausgiebigem Laufschritt zur Abwechslung. Wenn der den Arbeitsmarsch kommandierende Korporal schlechter Laune war, ließ er obendrein die Tempi der in der Legion eingeführten schwedischen Gymnastik durcharbeiten. Mit dem schweren Sandsack war das eine ungeheuerliche Anstrengung, eine Anspannung aller Muskeln und Kräfte, wie sie schwerer und aufreibender nicht erdenklich ist.

Um 10 Uhr bekamen die Gefangenen ihre Suppe. Die volle Essensration erhielten sie nicht, da während des Eingesperrtseins ihre Löhnung aufhörte und ihre Kompagnie also auch kein Menagegeld für sie erhielt.

Die Suppe ist dünn, und das Stückchen Fleisch, das darin schwimmt, auf ein minimales Quantum reduziert. Die Brotration besteht aus der Hälfte dessen, was in der Kompagnie geliefert wird. Die Sträflinge der Einzelzellen sind auf Hungerkost gesetzt. Ihre Suppe ist heißes Wasser, mit Kartoffelstückchen und Brotrinden, und auch diese Suppe wird ihnen nur jeden zweiten Tag gegeben. In der Zwischenzeit ist ihre Nahrung der vierte Teil der Legionsration an Brot; sie sind eingesperrt bei Wasser und Brot, aber – bei zu wenig Brot. Wie erschrecklich diese Menschen in wenigen Tagen abmagern, muß man gesehen haben, um das Barbarische einer Strafe würdigen zu können, die sich aus drei Begriffen zusammensetzt: Unterernährung, Ueberarbeitung, üble sanitäre Verhältnisse.

Nach der Mittagsstunde setzten Arbeit und Arbeitsmarsch wieder ein. Die Drillichkleider wurden schmutzig. Sie trugen die Spuren der Nächte auf dem ekelhaft unsauberen Zellenboden. Die Arbeit des Entleerens der Blechkübel ging auch nicht ohne Verunreinigung der Kleider ab. Aber die Drillichanzüge wurden erst dann gewechselt, wenn einmal eine Inspektion durch den Regimentskommandeur bevorstand, und frische Wäsche war ein Luxus, den es im prison nicht gab.

Die Sergeanten der Kasernenwache faßten es oft als einen wichtigen Teil ihrer Amtspflichten auf, die Gefangenen möglichst schlecht zu behandeln. Schimpfworte regnete es. Viele machten sich das Spezialvergnügen, alle drei Stunden in der Nacht die Gefängnisse zu inspizieren. Sämtliche Gefangene mußten auf den Kasernenhof hinaus, und der Wachkommandierende verlas bei Laternenschein mit gesuchter Langsamkeit die Namen, die Kompagnien, die Nummern und die Strafdauer der prisonniers, die in ihren dünnen Anzügen eine halbe Stunde lang regungslos in der kalten Nachtluft stehen mußten. Dreimal, viermal in einer Nacht wurden sie herausgeholt! So hatte sich der Herr Kommandant der Kasernenwache nicht nur die langweiligen Stunden seiner Nacht auf Wache angenehm vertrieben, sondern konnte auch in dem erhebenden Gefühl ruhen, sein Scherflein zur Disziplin des Regiments beigetragen zu haben. Unter Disziplin versteht ja die Fremdenlegion eine Art Variation mittelalterlicher Abschreckungstheorie.

Wohlverstanden: die Gefängnisse in der Legionskaserne von Sidi-bel-Abbès sind eine Disziplinaranstalt, in der nur geringfügige Vergehen gesühnt werden!

Kleine Sünden gegen Ordnung und Disziplin sind es, die der Legionär in diesen Löchern büßt!!

Ich war auf Wache in dem engen Zellengang des einen Gefängnisses und schritt, Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett im Arm, fröstelnd auf den Steinfliesen auf und ab. Von zehn Uhr abends bis Mitternacht. Vor acht Stunden etwa waren unsere Pumpisten eingeliefert worden, Rader und die übrigen. Durch die schmale Oeffnung zwischen der Außenmauer und dem Gefängnishäuschen schimmerte ein Stückchen Sternenhimmel, und durch den schmalen Gang strich der kalte Nachtwind. Aber er konnte die verpestete Luft nicht vertreiben, die schwer und dumpf um das Gefängnis lagerte und immer wieder neue Zufuhr bekam aus den kleinen Luftlöchern der Massenzellen und den winzig kleinen Oeffnungen in den cellules, den dunklen Löchern des Einzelarrests. Der fast unerträgliche Geruch legte sich beklemmend auf die Nerven und machte schon das Postenstehen im prison zu einem mehr als unangenehmen Dienst.

Außer Raber und seinen Mitdeserteuren waren in der Massenzelle noch vierzig Mann. Als um zehn Uhr abends der Wachhabende die Gefängnisse inspizierte und die prisons geöffnet wurden, sah ich, wie sie auf der hölzernen Pritsche zusammengedrängt lagen, eng nebeneinander, Mann an Mann, so wie Sardinen in eine Büchse gepackt werden. Aber trotzdem hatten kaum zwanzig von den vierzig Gefangenen auf der hölzernen Lagerstätte Platz gefunden. Die andern hockten in den Ecken herum, mit weit aufgezogenen Knien und gesenkten Köpfen schlafend: viele lagen auf dem nackten Fußboden, so fürchterlich unsauber er auch war. Alle froren erbärmlich in den dünnen Drillichanzügen. Die Gefängnisdecken, die sie geliefert bekamen, waren Karikaturen von Decken, altersschwache Tuchfetzen, durch deren dünnes Gewebe man durchgucken konnte wie durch einen Schleier; so klein, daß der Gefangene die Wahl hatte, ob er sich die Füße zudecken wollte oder den Leib. Für Beides waren die famosen Decken nicht groß genug. Sie starrten von Schmutz und häufig von Ungeziefer. Tagsüber wurden sie einfach alle auf einen Haufen in einen Winkel der Zelle geworfen.

Es war kein Wunder, daß die Neueingesperrten in diesem Loch nicht schlafen konnten. Einmal rief der arme Rader leise, wer denn auf Posten stehe. Er mußte auf die Schulter eines Kameraden geklettert sein, um das Luftloch hoch droben an der Zellenwand erreichen zu können. Als ich antwortete, sagte er, es sei nicht zum Aushalten da drinnen – ob ich nicht eine Zigarette hätte. Ich spießte ein Päckchen Zigaretten auf mein Bajonett und reichte es ihm hinauf. »Kopf hoch halten!« flüsterte ich ihm zu.

»Mein Gott, mein Gott ...« war die Antwort, in einem wehen Ton, der gar nichts mehr vom Humor des Herrn von Rader in sich hatte.

Aus der Zelle drang fortwährend Schimpfen und Stöhnen und Gemurmel, leise, ganz leise, denn die Gefangenen wußten, daß sie alle bestraft würden, wenn es lärmend zuginge. Deshalb ist es Sitte, daß der Posten im Gefängnisgang mit dem Gewehrkolben kräftig aufstößt, wenn er den Wachhabenden kommen hört. Es ist das Warnungszeichen! Sprachen sie aber dann und wann in ihrer Aufregung lauter, so konnt' ich die Worte durch das Luftloch hindurch verstehen. In elegantem Französisch, dessen Wendungen allein schon gute Erziehung verrieten, klagte einer der Gefangenen über Leben und Treiben in der Legion, und es wurde mäuschenstill in der Zelle, wenn die klingende Stimme in leidenschaftlicher Erregung sprach. Bruchstücke sind mir in Erinnerung geblieben:

»Mein Gott, wenn ich nur sterben könnte! – – Freunde, ich habe meine Pflicht getan – vier Jahre lang bin ich marschiert, marschiert, immer marschiert – vier Jahre lang habe ich Lasten getragen, die Sonne hat mich gedörrt, meine Knochen sind müde geworden –. Vier Jahre lang! Nun ja, man hat seine Kravatte verloren, oh la la, einen dünnen blauen Fetzen, einige Centimes wert: Marsch, ins Gefängnis! Gestohlen hat man die Kravatte, verkauft hat man sie – Ah, was ist das Wort eines Legionärs! Mea culpa, meine Freunde!«

»Mea maxima culpa!« wiederholte ruhig der Erzähler. »Man ist nicht viel wert gewesen, hat aus seinem Leben ein häßliches, monströses Ding gemacht – ihr, ich, alle von uns! Nun, warum nicht? Es ist einmal so. Dennoch – ich schäme mich des Landes, in dem dieses Gefängnis möglich ist, in dem die Fremdenlegion existieren kann. Ich bin Franzose. Aber: Verdammt sei die Legion, verflucht das Land der Legion – –«

»Verflucht sei es!« rief eine Baßstimme dazwischen.

Und über allem die luftverpestende Ausdünstung der in den winzig kleinen Räumen zusammengepferchten Menschen.

Als ich um Mitternacht abgelöst wurde, fragte mich der Wachhabende: »Nichts Besonderes?«

»Nichts Besonderes!« antwortete ich.


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