Erwin Rosen
In der Fremdenlegion
Erwin Rosen

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In der Kaserne.

Auf der Kleiderkammer. – Des Trommlers Weisheit. – Von geschickten Fingern und vom Ordnungssinn. – Das Lieblingswort der Fremdenlegion. – was der Kommandeur der alten Garde bei Waterloo sagte. – Alte und junge Legionäre. – Die Kantine. – Madame la cantinière. – Das »Regimentsfest«. – Fremdartige Menschen und unerhörte Dinge. – Der Totenkopf. – Tabaksbeutel aus Frauenbrüsten. – Der Sträflingsmarsch. – Der Reichtum des Legionärs Rassedin. – Rehabilitation. – Die Koransure von den Hengsten.

Die Kleiderkammer der elften Kompagnie war in Aufruhr! In allen Ecken und Winkeln standen wir herum. Ueberall waren wir den fluchenden Unteroffizieren im Wege, die die allerkräftigsten Verwünschungen auf die Schererei mit den verdammten Blauen herabwetterten. Ein Korporal, zwei Sergeanten, der Vizefeldwebel, ein halbes Dutzend auf die Kleiderkammer kommandierter Legionäre stolperten übereinander in heißem Bemühen, mit der Einkleidung der Rekruten so schnell als möglich fertig zu werden: mit dem Metermaß experimentierten sie an uns herum, stülpten uns zahllose Käppis auf die Köpfe, bis endlich die passenden gefunden waren, und explodierten immer wieder in neuen saftigen Adjektiven über unsere Rekrutenungeschicklichkeit. In kleinen Bergen türmten sich die militärischen Siebensachen vor jedem auf: rote Hosen, Drillichzeug, blaue Jacken, Ceintures, Mäntel, Tornister, Feldtaschen, ein Wirrwarr von Lederzeug, ein Sammelsurium von militärischen Kleinigkeiten.

Endlich atmete der Sergeantmajor mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung auf.

» Voilà, Korporal Wassermann,« sagte er mit einem malitiösen Lächeln, »hier haben Sie Ihre Blauen. Machen Sie Legionäre aus den Kerlen! Viel Vergnügen!«

Der Korporal zog mit uns ab, und die Unteroffiziere sahen uns kopfschüttelnd nach. Sie schienen nicht sehr erbaut zu sein von uns.

Drei breite blitzsaubere Holztreppen stiegen wir hinauf, schritten über einen langen Korridor, an Legionären vorbei, die uns neugierig anstarrten. Dann stieß der Korporal eine Türe auf. Ungeschickt sahen wir uns in dem Mannschaftszimmer um, in unserer neuen Heimat, und wußten nicht recht, was wir anfangen sollten. Zwanzig Betten bildeten schnurgerade Reihen an den Wänden. Die Mitte des Zimmers füllten zwei riesige Holztische aus und lange Bänke, schneeweiß gescheuert. In einem Rahmen in der Ecke standen die Gewehre. Ueber den Tischen war ein Gestell an die Decke geschraubt, das mir als praktisch sofort auffiel: die Speisekammer und der Geschirrschrank des Zimmers. Blecherne Schüsseln, Bestecke, Trinkbecher lagen darauf und große Laibe Brot. Auf den Bänken saßen Legionäre, die Gewehre reinigten und Lederzeug putzten – unsere neuen Kameraden und Zimmergenossen.

Korporal Wassermann setzte sich auf eine Bank, schlug die Beine übereinander, drehte sich eine Zigarette und betrachtete uns von oben bis unten. Er war ein schlanker, blutjunger Mensch mit einem hübschen, bartlosen Gesicht.

» Eh bien,« sagte er, »ich bin euer Korporal. Ihr müßt aufpassen und so schnell wie möglich Französisch lernen, das ist die Hauptsache. Mit dem Exerzieren fangen wir morgen an – heute richtet ihr euch ein. Eure Betten weise ich euch so an, daß jeder zwischen zwei alten Legionären seinen Platz bekommt. Dann braucht ihr nur die Augen aufzumachen und zuzusehen, wie die es machen. Nun richtet euch ein! Was ihr sonst treibt, ist mir egal.«

Damit ging er, zur Kantine wahrscheinlich.

Mein Bettnachbar war der Soldat ersterIn der Fremdenlegion und in der französischen Armee überhaupt unterscheidet man zwischen Soldaten zweiter Klasse und Soldaten erster Klasse. Der Soldat erster Klasse entspricht dem Gefreiten der deutschen Armee. D. Verfasser. Klasse Guttinger, Trommler und Trompeter der Kompagnie, Legionär im neunten Dienstjahr.

In sein hageres Gesicht hatten Fieber und Entbehrung und allerlei Sünden harte Linien gegraben, und wenn er sich eine Zigarette drehte, zitterten seine Hände ein wenig. Sein Haar war völlig ergraut. Im französischen Indo-China hatte er gegen chinesische Räuberbanden gekämpft; in Madagaskar sich die Tapferkeitsmedaille, einen schweren Anfall von Sumpffieber und einen Schuß in die Schulter geholt; in Algerien gab es fast keine Militärstation an der marokkanischen oder an der Saharagrenze, zu deren Besatzung er nicht zu irgend einer Zeit gehört hatte. Er fluchte geläufig in Deutsch, Französisch und Arabisch und beherrschte sogar die notwendigsten chinesischen Schimpfworte. Er besaß eine Menge zweifelhafter arabischer Freunde, konnte ganze Suren des Korans auswendig und wußte sehr viele wichtige Dinge über Marokko. Aber davon erzähle ich später.

Als mir der Korporal den Platz neben seinem Bett anwies, hatte Guttinger etwas über »verdammte Blaue« gemurmelt und über die falsche Taktik des neuen Colonels, die Rekruten gleich in die Kompagnien zu stecken, statt sie wie früher alle zusammen in einer Depotkompagnie zu »so was wie 'm Soldate'« heranzubilden. Dann warf er sich langgestreckt auf sein Bett und inspizierte mich gründlich.

»Dei' Schultern sin' irgendwo scho' in d' Façon 'bracht worden,« sagte er als Resultat seiner Beobachtung. »Hast gedient?«

»Ja.«

»Wo denn?«

»In Deutschland,« sagte ich lächelnd.

»Das kann i' mer denke. Hm – was bist denn?«

»Legionsrekrut.«

»Des heißt auf Deutsch: Frag' net so dumm. Aber hast recht. Ich halt auch gern 's Maul.«

Damit drehte er sich auf die andere Seite herum. Nach einiger Zeit richtete er sich auf, setzte sich rittlings auf das schmale Bett und sah mir zu, wie ich meine Uniformstücke in Ordnung brachte.

» Tiens, hast 'n Leschionstabak scho' probiert?«

Wir drehten uns Zigaretten, und der Trommler legte sich wieder auf sein Bett. Die Beine hoch aufgezogen, die Mütze tief im Gesicht, eine Zigarette paffend, predigte mir der alte Landsknecht Weisheit: »In der Leschion kann man 's scho' aushalte, wenn man sich um nix kümmert und eiskalt is und wenn man Glück hat und recht bald 'rauskommt in d' Campagne. Ob's gegen Araber geht oder gegen die Chinois in Tonkin, oder ob mer endlich nach dem Maroc marschiere – 's is ganz egal, nur los muß was sei'. Dann is's Leschionärslebe gar net schlecht. Aber eiskalt muß mer sei', und wenn ein' was ärgert, muß mer sich immer denke': C'est la légion. Wenn du meinst, du kannst nimmer, oder wenn's Fieber dich 'packt hat, oder wenn du im Loch sitzst, oder wenn ein Sergeant dich kujoniert, dann lach dir eins und sag: C'est la légion! Mach' deinen Dienst und kümmer' dich um nix, und wenn einer frech wird, schlag zu – c'est la légion! Und die Hauptsach is d' Propertät!« schloß er. »Sauber sei' – proper sei' – ganz sauber sei'! Ordnung habe in alle Sache. Siehst – so!!«

Er stand auf und wühlte in den Uniformstücken auf meinem Bett. Röcke zog er hervor, Hosen, Hemden, und faltete sie zusammen. Staunend stand ich da. Dieser alte Soldat mit seinen rauhen Arbeitshänden hatte geschickte Finger wie ein Kammerzöfchen und einen bewunderungswürdigen Ordnungssinn. Mit fabelhafter Schnelligkeit faltete er Stück für Stück, glättete jedes Fältchen, maß jedes Paket, damit alle genau die gleiche Länge hatten, und baute auf dem Wandbrett über meinem Lager einen kunstvollen Kleiderbau, die »paquetage« der Legion, die weder Schrank noch Spind kennt und mit ihrer »Packtasche« (so wird der »Kleiderbau« von den deutschen Legionären genannt ) das Kunststück fertig bringt, eine Menge von Uniformen in kompaktem Raum unterzubringen, ohne sie zu zerknittern.

Guttinger stellte sich vor mein Bett, kniff die Augen ein und betrachtete sein Werk. Fein sei es! Phantasie sei es! Denn »Phantasie machen«Der eigenartige Ausdruck der Legion für ihre merkwürdige Sucht nach Eleganz ist dem maurischen »Fantasia« nachgebildet. – Der Verfasser. nenne man es in der Legion, wenn einer sich mühe, immer » très chic« und » parfaitement propre« zu sein.

»So ist d'Leschion! Sauber sin' mir, verdammt nochmal...«

Nicht nur die Packtasche war ein Wunderwerk. Die raffinierte Schlauheit imponierte mir, mit der jedes bißchen Raum ausgenützt wurde. Die Feldbrottaschen dienten zum Aufbewahren von Wäsche, der Tornister war ein Behältnis für das bißchen Privateigentum eines jeden, für Bücher und Briefe: oben am Bett hing ein Leinenbeutel, der das Putzzeug enthielt – auch der kleinste Gegenstand hatte seinen bestimmten Platz, und selbst im Dunklen hätte der Legionär mit einem Griff alles finden können.

Als ich mein Bett machte, lachte Guttinger. Er riß es wieder auseinander, und unter seinen geschickten Griffen lagen die Kissen und Decken im Handumdrehen so gleichmäßig gerade und straffgespannt, so glatt und faltenlos da, daß eine gute deutsche Hausfrau sich gewundert hätte.

» Merde!« sagte er. »Das ist kei' Kunst.«

In jedem zweiten Satz gebrauchte der Trommler das Wort merde mit kräftiger liebevoller Betonung wie ein besonders schönes Invektiv; vorhin auf der Kammer hatte der Sergeantmajor ein- über das anderemal merde gesagt; die anderen Legionäre im Zimmer gebrauchten den Ausdruck fortwährend, und schließlich wurde ich so neugierig, daß ich den Trommler interpellierte.

Der wollte sich halbtot lachen!

»Was merde heiße' tut? ...« brüllte er unter dröhnendem Lachen. »Merde?«

Dann beugte er sich zu mir nieder und sagte grinsend ein urdeutsches Wort, das nicht im Büchmann steht und selbst auf sozialdemokratischen Parteitagen nicht gebraucht wird – ein Wörtchen, das ein ruppiges Synonym des vornehmen Wortes »Fäkalien« darstellt.

Es ist das Lieblingswort der Fremdenlegion, das – Legions-Substantiv! Was dem englischen Soldaten das zeitgeheiligte Adjektiv bloody, dem amerikanischen Regulären sein nicht minder kostbares damned und dem mexikanischen Kavalleristen das bösartige, zischende caracho ist, das bedeutet dem Legionär sein unvermeidliches merde. Das Wort fliegt nur so herum und muß die schönsten Ableitungen erdulden, als da sind: merdant, merdable, usw. ... Es hat ein trautes Heim in allen französischen Regimentern, es ist unzertrennbar mit dem Soldatenleben der französischen Armee verbunden. In höchster Blüte aber steht es in der Legion! Sogar ein Verbum hat der Legionär daraus fabriziert. Wenn ein Offizier ihn ärgert, sagt er:

»Il m' enmerde!«

Uralt ist dieses primitive Wörtchen des Ingrimms! Es ist der Armee zeitgeheiligt, es ist klassisch:

Der Kommandeur der alten Garde Napoleons soll bei Waterloo auf die Aufforderung sich zu ergeben stolz und pomphaft gerufen haben: »Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht!« In der französischen Armee aber ist es eine alte Überlieferung, er habe einfach geschrien:

»Merde!«

*

Geschimpft wurde fürchterlich im Mannschaftszimmer. Den alten Legionären machte es ein heilloses Vergnügen, die unbeholfenen Rekruten herumzustoßen und sich in drastischen Ausdrücken zu ereifern, was für dumme Blaue der Kompagnie diesmal aufgehängt worden wären. Nur Guttinger, der mir vom ersten Augenblick an gefallen hatte, machte darin eine Ausnahme. Um die Betten standen sie herum und schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, darüber, wie dumm sich alle anstellten. Das sei ja reizend mit dieser Schweinegesellschaft! Das könne ja ein nettes Mannschaftszimmer werden!

»Oh – seht doch nur her, phantasins – da hat sich dieser krummbeinige Affe auf mein Bett gesetzt! Auf mein Bett!! Willst du wohl herunter, Sohn eines Schakals! Meinst du vielleicht, mein Bett sei ein Lagerplatz für dreckige Blaue!«

Als ihnen das Schimpfen langweilig wurde, dachten sie an praktischere Dinge. Sie erklärten den Blauen, daß solch' fürchterlich dumme Kerle wie die Blauen es in zehn Jahren nicht fertig bringen würden, eine Packtasche aufzubauen! Wenn noch ein Funken von Verstand in ihren Schädeln glimme, sollten sie doch einsehen, daß nur sie, die Alten, Gescheiten, Schlauen, ihnen helfen könnten ... Aber – sie hätten Durst, sagten die Schlauberger, ungeheuren Durst! Wie ein Rekrut nur mit ansehen könne, wenn ein alter Legionär so schlimm an Durst leide, ein Rekrut, der eben seine Kleider verkauft und Franksstücke – Franksstücke! – in der Tasche habe!

»Allons donc pur un litre ... trinken wir einen Liter drüben!«

Dem Argument war schwer zu widerstehen. Alle Augenblicke verschwanden junge und alte Legionäre paarweise, um dem Liter der Legion zu huldigen. Die schlauen Alten freuen sich immer auf einen neuen Rekrutenschub; bedeutet er doch unzählige angenehme Gänge zur Kantine.

Mit einem Male schlug einer meiner Mitrekruten, der Schweizer, großen Lärm. Von der Ausrüstung auf seinem Bett fehlte der größte Teil. Eine komplette Uniform war weg, eine Drillichhose und nagelneues Putzzeug. Der erschrockene Schweizer fragte jeden einzelnen im Zimmer, ob er etwas von den Sachen gesehen habe. Aber sie waren spurlos verschwunden!

Die Alten scharten sich um des Schweizers Bett. Er müsse die fehlenden Stücke auf der Treppe verloren haben, sagten sie. Auf so 'was müsse man doch aufpassen. Wenn er die Sachen nicht wiederfinde, komme er sofort ins Gefängnis: zum allermindesten. Vielleicht gar zu den Zéphirs!Zéphirs nennt die Legion die zum Strafbataillon Verurteilten. Ich kann nur die Tatsache registrieren, ohne eine Erklärung dafür geben zu können, was die armen Teufel mit säuselnden Zephyrwinden zu tun hüben, ist mir sehr unklar. D. Verf. Uniformstücke verlieren sei das schlimmste Verbrechen, das die Legion kenne.

Der Schweizer rannte die Treppe auf und ab und suchte verzweifelt!

Er sei ein bedauernswerter armer Teufel, sagten die alten Legionäre. Sie hätten Mitleid mit ihm. Vielleicht könnten sie doch helfen! Drüben in der 3. Kompagnie sei ein Kammerunteroffizier, der mit sich reden lasse, wenn ein ancien zu ihm komme. Von ihm könnte man sicherlich Ersatz bekommen, für billiges Geld. Sie wollten ihm schon recht gut zureden. Für fünf Franks! Was seien lumpige fünf Franks, wenn es einen vor fürchterlicher Strafe rette.

Mit Freuden gab der Arme von den Franksstücken, die er von den Trödlern beim Kleiderverkauf bekommen hatte, fünf ab.

Die Alten verschwanden! Nach ganz kurzer Zeit kamen sie zurück und händigten dem überglücklichen Verlierer den Ersatz für die fehlenden Sachen ein. Lauter schöne, neue, tadellose Stücke.

Man brauchte nicht gerade ein Sherlock Holmes zu sein, um das Manöver zu durchschauen. Die Spitzbuben hatten des Schweizers Kleider selber gestohlen und ihm seine eigenen Sachen zurückverkauft!

Ich ärgerte mich über die Gauner, die dem armen Teufel sein Letztes abgenommen hatten. Die infame Bande! In dieser Stimmung war ich, als einer von den alten Legionären sich zufällig auf mein Bett setzte.

»'runter von meinem Bett!« sagte ich.

Er sah mich maßlos erstaunt an.

»Du unverschämter Blauer ...«

»Mein Bett ist mein Bett! Setz' dich auf dein eigenes Bett. Vorhin hast du einen von uns angeschrien, weil er sich auf dein Bett setzte. Mach', daß du fortkommst!«

Der ancien schnappte förmlich nach Luft vor Erstaunen und Aerger.

»Viens là bas!« schrie er mir mit zornfunkelnden Augen zu. »Komm' herunter mit mir. Ich will dir schon zeigen, wie ein verdammter Blauer sich einem Alten gegenüber zu benehmen hat!«

Miteinander stiegen wir die Treppe hinab. Einige andere Soldaten des Zimmers folgten als Zuschauer. Mir war froh zumute. Selbst in der Legion sollte mir niemand zu nahe treten.

Am hinteren Ausgang der Kompagniekaserne, in einem schmalen Gang zwischen Gebäude und Kasernenmauer, wurde die Meinungsverschiedenheit ausgetragen. Einem wütenden Fußstoß nach französischer Manier vermochte ich auszuweichen. Dann packten wir uns und rollten in der nächsten Sekunde auf dem Kiesboden. Bald war er oben, bald ich. An Kräften war er mir weit überlegen, und ich hatte ein Gefühl, als ob mir die eisernen Arme die Rippen eindrücken müßten.

Aber ich war geschickter. Immer wieder versuchte er, einen Griff an meinem Hals zu bekommen, und immer konnte ich gerade noch zu rechter Zeit seine Hände fassen. Fortwährend rollten wir auf dem Boden hin und her. Die Luft ging mir aus – meine Kräfte begannen zu erlahmen. Da sah ich einen faustgroßen Stein auf dem Boden, dicht neben seinem Kopf. Es gelang mir, eine Hand freizumachen und ihn am Haar zu packen. Blitzschnell stieß ich seinen Schädel auf den Stein – einmal, zweimal – viermal ... Seine Arme ließen mich los –

»Assez!« rief er. »Genug!«

»Gut! Ganz gut!« sagten die anderen Legionäre.

Er richtete sich auf und stand da, ein wenig schwankend. Dann ging er auf mich zu und gab mir die Hand:

»Du hast recht gehabt vorhin. Das war eine gute Idee mit dem Stein! Eh, du wirst schon ein Legionär werden. Man streitet sich, aber man hält auch wieder zusammen. So ist es in der Legion. Gehen wir wieder hinauf, Kamerad!«

Und droben im Zimmer bürsteten wir uns gegenseitig in Eintracht den Schmutz von den Kleidern.

»Wirst müd sei'!« sagte Guttinger grinsend.

»Trinke wir 'n Liter!«

Ich hatte nichts dagegen einzuwenden.

»Zahlen tu aber ich,« verlangte er, als wir über den Kasernenhof gingen.

Die Regimentskantine, ein kleines Häuschen, lag halb versteckt in einer Ecke des Kasernenvierecks. Als wir die Türe öffneten, sprang uns ein verwirrender Stimmenlärm entgegen. Deutsche, französische, englische, italienische Worte. Klirrende Gläser, Schreien und Johlen und Singen und Lachen. Einer sang:

»Trinken wir noch ein Tröpfchen
Aus dem kleinen Henkeltöpfchen!
Oh, Suff – – an – na«

Dazwischen klang im scharfen Marschtakt ein Refrain, in den alle miteinstimmten:

»Le sac, ma foi, toujours au dos!«

Die Kantine war gedrängt voll. Auf langen Bänken sahen Hunderte von Legionären in weißem Drillich oder in blauer Jacke, das rote Käppi weit nach hinten geschoben, lachend, trinkend. Auf den Holztischen vor ihnen standen in langen Reihen Flaschen und Gläser, in denen tiefroter Wein funkelte.

»Hier ist ja kein Platz!« sagte ich.

»Platz?« lachte Guttinger. » Nom d'un petard, was brauche mer Platz! Der Liter ist d' Hauptsach'!«

Er drängte sich bis zum Schanktisch durch und hob mit ernstem Gesicht einen Finger hoch. Der jungen Frau, die hinter dem Schanktisch stand, schien dies ein altbekanntes Zeichen zu sein. Sie kassierte mit einem geschickten Griff die drei Kupferstücke des Trommlers ein und reichte ihm eine volle Flasche und zwei Gläser hinüber. Sie mochte wenig über zwanzig Jahre alt sein und trat in dieser Umgebung von schreienden, lärmenden Legionären mit einer Ruhe auf, die imponierend und komisch zugleich wirkte. Es war la cantinière, die Marketenderin des Regiments.

Nach alter Ueberlieferung muß die Marketenderei der Legion in weiblichen Händen liegen. Die Inhaberin der Kantine ist zwar immer verheiratet, aber das Geschäft gehört ihr und nicht ihrem Mann, und sie ist es, die bei Märschen und im Felde die blaue Marketender-Uniform anzieht und mit ihrem Wagen hinter der Regimentskolonne herfährt.

Der Trommler nahm die Flasche zärtlich unter den Arm. In einem Winkel fanden wir noch zwei Plätzchen an einem Tisch.

»Proscht,« sagte er, stürzte den Inhalt des Wasserglases, das hier die Stelle eines Weinglases vertrat, mit einem Zug hinunter und strich sich schmunzelnd den langen grauen Schnurrbart, während er sein Glas schleunigst wieder füllte.

»Famos ist der Wein!« sagte ich.

Das war ein Thema, das Guttinger am Herzen lag. Liebevoll sprach er vom Wein Algeriens. Viele Kilometer weit rings um Sidi-bel-Abbès erstreckten sich Weinberge, und die Zange des Thessalagebirges seien eine einzige große Weinpflanzung.

»Ja, wenn der Wein net wär!« meinte er nachdenklich. »Bei Gott, 's wär' bitterhart manchmal –

Wenn der Wein net wär',
Und der Tabak net wär',
– gäb's sicherlich keine Leschionär!«

Ich saß und staunte. Schwerer blaugrauer Rauchdunst erfüllte in dicken Schichten den kleinen Raum. Ein Höllenlärm. Man mußte laut schreien, um von Nachbarn verstanden zu werden; ein ruhig gesprochenes Wort wäre unhörbar gewesen wie ein leiser Hauch. Die Legionäre brüllten sich Scherze zu, stiegen auf die Tische und machten allerlei Kapriolen, klirrten mit den Flaschen, schlugen auf die Tische. Es war ein unbeschreiblicher Lärm. Diese Menschen mit den harten Gesichtern und den trotzigen Augen benahmen sich wie übermütige Kinder, die dem Lehrer entronnen sind und sich austoben.

Mit einemmale klang eine wundervolle Stimme in das Lärmen und Schreien, und sofort war's mäuschenstill. Ich horchte in maßloser Ueberraschung auf. Ein Legionär war auf eine Bank gestiegen und sang mit einer Stimme, die in jedem Chor geglänzt hätte, ein rührendes, klagendes Liebeslied. Nach jeder Strophe kam der gleiche Refrain:

L'amour m'a rendu fou ...

Aus Liebe nur ward ich ein Narr ...

Ein Sang von Liebe und Frauen, von Liebessehnsucht und Liebeselend, gesungen in der häßlichen kleinen Kantine der Fremdenlegion ...

Mir war es, als hätte mich jemand ins Gesicht geschlagen! Mit brennenden Augen sah ich vor mich hin, hörte wie im Traum die weichen Klänge. – Bilder stiegen auf, Gedanken kamen.

Und alle standen wie unter einem Bann. Niemand rührte sich. Die Stimme jauchzte und jubilierte, weinte und seufzte. L'amour m'a rendu fou klang es leise verhallend.

Noch einen Augenblick war es totenstill. Dann sprang ein Legionär auf einen Tisch und brüllte:

» Silence! Ruhe mit dem Gewinsel! Vive le litre

Le litre! schrien hundert Stimmen. Das Toben begann von neuem. Der amerikanische Neger, der am Vormittag sehr richtig gesagt hatte, daß ich ein Narr sei, gab den Tanz seiner Rasse zum besten, die grotesken Verrenkungen eines Cakewalk, und die Legionäre wieherten vor Vergnügen, wenn er Kopf und Oberkörper zurückbeugte, seinen Gang mit nicht mißzuverstehenden Gesten illustrierend.

La cantinière machte ein brillantes Geschäft. Fortwährend klapperten die Sousstücke auf dem Blech des Schanktisches, und fortwährend wanderten neue Flaschen auf die Tische. Gläser wurden zerbrochen, Scherben lagen auf den Tischen, eine fallengelassene Flasche hatte ihren Inhalt auf den Boden ergossen und rote Weinlachen gebildet. Immer lauter wurde der Lärm.

Glas auf Glas hatte Guttinger geleert und blinzelte aus weinseligen Aeuglein hervor.

»'s is halt 's Regimentsfest!« lachte er.

Der fünfte Tag war es, Regimentsfest genannt – der Tag, der die Löhnung brachte. Fünf Centimes für jeden Tag: fünfundzwanzig Centimes! Daher der strömende Wein in der Kantine und der tolle Lärm. Dieser fünfte Tag bedeutete ja einen Zeitabschnitt – den gloriosen Abend, an dem zwei Kameraden ihr Geld zusammenlegen und sich für ihre gemeinsamen zehn Sous fünf Liter Wein kaufen konnten. Freilich war das schwerer Leichtsinn, zu büßen mit Tabaklosigkeit für die nächsten fünf Tage. Die Klugen kauften sich für drei Sous Tabak und begnügten sich mit einer einzigen Flasche Wein!

Scharf und klar übertönte ein Trompetensignal den Lärm, der Zapfenstreich. La cantinière trat in die Mitte der Stube, lächelnd, mit bedauerndem Kopfschütteln:

»Bon soir, messieurs!«

In wenigen Sekunden war die Kantine geleert, und nach allen Richtungen huschten eilende Gestalten über den Kasernenhof.

Als im Mannschaftszimmer der Abendappell beendet war und die Kameraden in ihren Betten lagen, schlich ich mich hinunter in den Hof. Es war zu dumpf und zu heiß da oben. In nachtstiller Ruhe lag die weite Fläche da. Die kahlen Kasernenmauern mit ihren dunkeln Fenstern beschien weißes Mondlicht, und zitternd, funkelnd glänzte der Sternenhimmel. Ich starrte empor in die Sternenpracht, in die kalten Lichtstrahlen und dachte an fernes, totes Glück.

Ich hörte Schritte und sah einen Schatten drüben auf der andern Seite. Und eine unbeholfene zitternde Stimme sang leise

L'amour m'a rendu fou ...

Die halbe Nacht saß ich in einer Ecke im Hofe der Legion.

*

Mir war es manchmal in diesen ersten Zeiten, als sei ich sonderbar abgestumpft und hätte die Fähigkeit der Kritik, die eigene Meinung der Persönlichkeit verloren. Jeder Tag brachte ungeheuerliche Eindrücke, die in einem zivilisierten Leben große Ereignisse gewesen wären; man staunte in Verblüffung über fremdartige Menschen und unerhörte Dinge, um sie im nächsten Augenblick über einem neuen Eindruck zu vergessen.

In den wenigen Minuten eines Spazierganges auf dem Kasernenhof mit Guttinger rannte brüllend, schreiend, von oben bis unten mit Blut bespritzt, ein Legionär an uns vorbei, der sich zwei Finger abgehackt hatte, um untauglich zu werden; ein uralter, verkrüppelter, gebeugter Araber, der sich mit einer verbeulten Standard Oil Kanne nach den Küchen schlich, um Suppe zu betteln, hielt uns an und wollte eine Zigarette haben:

»Juten Tag, Legionär! Jib mich Zigarett'. Ick sein auch Deutsches – Kriegsgefangen jewesen – Magdeburg!«

Kaum hatte ich mich von meinem Erstaunen erholt, so prallte ich entsetzt zurück. Ein Legionär schritt an uns vorbei, auf dessen Stirne ein grinsender Totenkopf eintätowiert war. Er lächelte geschmeichelt, als er mein Erschrecken sah, und freute sich offenbar über den Eindruck, den er gemacht hatte. Ich sagte irgend etwas über den Wahnwitz, sich für ein ganzes Leben lang so fürchterlich zu verunstalten, und Guttinger meinte nur achselzuckend:

»So machen sie's bei den Zéphirs. Is nix dabei...«

Is' nix dabei! Nichts, als eine Hoffnungslosigkeit, wie sie schreiender nicht ausgedrückt werden könnte.

Der Legionär mit dem Totenkopf kam nochmals. Er war uns nachgegangen. Sein groteskes Gesicht strahlte in Eitelkeit, als er mich auf die Schulter klopfte.

»Eh, Blauer, willst du etwas sehen, was nur ganz alte Legionäre haben?«

Damit zog er einen Tabaksbeutel hervor, anscheinend aus weichem Leder gearbeitet, mit vielen Goldfäden verziert.

»Brust von Araberin!« sagte der Mann mit dem Totenkopf. »Gibt sehr guten Tabaksbeutel. Selber abgeschnitten. Sind jetzt nur noch sieben im ganzen Regiment. Chose – n'est ce pas

Und grinsend ging er davon.

»Tabaksbeutel – Brust einer Araberin – ist der Kerl verrückt?« sagte ich zu Guttinger.

Der aber belehrte mich. Beim letzten Araberaufstand, tief im Süden, hatten Araberweiber die Leichen von Legionären scheußlich verstümmelt, und Verwundete zu Tode gequält. Die Legionäre aber schonten dafür kein Weib mehr – und daher diese Tabaksbeutel.

An jenem Tag sah ich auch zum erstenmal den Arbeitsmarsch der Gefangenen und erschrak:

Hinter der Kaserne, auf einem kleinen viereckigen Platz zwischen Kaserne und Mauer liefen ungefähr dreißig Mann immerfort im Kreise herum. Ein Korporal kommandierte mit scharfer Stimme fortwährend: » à droit – droit; à droit – droit

Sie marschierten in raschem Tempo, fast im Laufschritt, im engen Kreis, in tiefgebeugter Haltung. Denn die Tornister auf ihren Rücken waren mit Steinen und Sand gefüllt, und jeder trug eine Bürde von dreißig bis vierzig Kilogramm. Ihre Gesichter sahen müde aus, und ihre Drillichanzüge waren schmutzig und zerrissen. An allen Ecken des kleinen Vierecks aber standen Wachen mit aufgepflanztem Bajonett und bewachten die marschierenden Sträflinge.

Es waren nicht etwa schwere Verbrecher, sondern nur das » peloton des hommes punis«. Die Legionäre, die wegen irgendeines kleinen Vergehens zu » prison« verurteilt sind, werden nicht nur eingesperrt, sondern müssen täglich drei Stunden lang diesen lächerlichen Arbeitsmarsch laufen, bei dem die Steine im Tornister den Rücken wund drücken, und bei dem sich solch ein Gefangener, der in Wirklichkeit nur eine kleine Disziplinarstrafe verbüßt, vorkommen muß wie ein Zuchthaussträfling.

Ich stellte mir vor, wie ich fühlen würde und was ich tun würde, wenn man mir den Sandsack auf den Rücken packte und mich im Kreise herumtriebe. Und ich erschrak.

»Allez, schiebe wir los,« sagte Guttinger. »Ins Loch komme mir alle, und die ›punis‹« soll man net angucke. 's is so scho sauer g'nug.«

Fremdartig wie die ganze Umgebung waren viele der Menschen, mit denen man nun Schulter an Schulter lebte, und manchmal dachte ich an das Wort von wandelnden Romanen.

An einem Bett auf der anderen Seite des Zimmers, dem meinigen gegenüber, besagte das kleine Pappschild am Fußende:

Jean Rassedin
12 429
soldat première classe

Rassedin war ein Belgier und arbeitete auf dem Regimentsbureau als Schreiber. Kurz vor der Nachmittagsstunde war sein Dienst beendet. Dann stürmte er in das Zimmer, riß sich mit fabelhafter Geschwindigkeit die weißen Kleider vom Leibe, warf alles unordentlich auf sein Bett, wo es gerade hinflog, und hatte im Nu die Uniform angezogen, die auf der Straße getragen werden mußte. Die Suppe rührte er nicht an. Er ging sofort weg, aß in bel-Abbès und kam erst um zwei Uhr nachts wieder, denn er hatte einen permanenten Urlaubsschein. Er war lächerlich hochmütig, und wenn irgend jemand irgend etwas zu ihm sagte, so war seine Antwort gewöhnlich:

» M'en fou ... – das ist mir Wurst!«

Der Legionär Rassedin aß im besten Hotel der Stadt und gab mehr Geld aus als irgend ein anderer Mensch in Sidi-bel-Abbès!

Der Legionär Rassedin war reich; ein märchenhafter Krösus – für die Verhältnisse der Fremdenlegion. Er war Unteroffizier in einem belgischen Kavallerieregiment gewesen, aus irgendeinem Grunde desertiert und nach der Legion gekommen. Als Legionär hatte er verschiedene Erbschaften gemacht, eine nach der andern, und trug immer ein paar tausend Franks bei sich. In der Kompagnie hielt er sich drei Mann als Putzer, die ihm seine Sachen in Ordnung hielten, und auf dem Regimentsbureau las er Romane, denn er gab den anderen Schreibern so viel Geld, daß sie gerne seine Arbeit mitmachten. Seine Familie in Belgien hatte es durchgesetzt, daß er dort begnadigt wurde, und er hätte schon längst nach Belgien zurückkehren können. Aber – er wollte nicht! Er blieb in der Legion. Vor kurzem waren seine fünf Jahre um gewesen und er hatte sofort wieder von neuem auf weitere fünf Jahre sich engagiert.

Der Grund?

»Syphilis!« belehrte mich Guttinger, der weise alte Landsknecht, der in allen Dingen mein Mentor und Auskunftsbureau war. »Syphilis, von Madagaskar her. Ich hab ihn 'mal g'fragt, warum er sich net aus der Leschion drück.«

»Trommler, hat er g'sagt, du bist 'n alter Leschionär und ich will kein Streit mit dir haben. Geh du deinen Weg und ich geh den meinen. Ich hab' Gift im Leib; ich kann einmal sehr krank werden. Und ich will mir lieber in der Legion die Kugel vor den Kopf schießen, als die Heimat wieder lieb gewinnen und dann gehen müssen. Du stirbst irgendwo im Sand und ich sterbe nach meiner Façon. Allez – hop, willst du eine Flasche Sekt trinken?...«

Jeder Mensch in Sidi-bel-Abbès kannte Rassedin, der Franksstücke unter die Negerkinder auf der Straße warf, wenn es ihm gerade einfiel.

Im Mannschaftszimmer sprach Rassedin fast mit niemand. Man hatte Furcht vor ihm. Er war ein riesengroßer, starker Mensch und schlug blindlings zu, wenn ihm jemand in die Quere kam. Aber gutmütig war der reiche Rassedin doch. Kein Tag verging, ohne daß ein paar alte Soldaten der Kompagnie auf unserem Zimmer auf Rassedin warteten. Wenn er kam, faßten sie sich in komischer Pantomime an die Kehle:

» Rassedin, tant d'soif! – So großen Durst!«

Dann grinste Rassedin und suchte in seinen Hosentaschen nach Kupferstücken. –

Da war Latour, ein Franzose, der im zweiten Jahre diente. Er sah aus, als ob er sich in Sehnsucht vergräme, und bekam fast täglich Briefe. Er sühnte in der Legion eine leichtsinnige Tat, die ihn mit den Gerichten Frankreichs in schweren Konflikt gebracht hatte, und grämte sich um sein Lieb. Er diente, wie so viele Franzosen in der Legion, nur aus dem einen Grund der »rehabilitation«.

In Frankreich werden Zivilstrafen in den persönlichen Papieren eingetragen, und ein z. B. wegen Diebstahls Bestrafter findet sehr schwer Arbeit oder Stellung. Erst nach zehn Jahren, ohne weitere Verurteilung verbracht, gilt die Strafe als erloschen und von einer Eintragung wird abgesehen. Dieser Termin nun erniedrigt sich für Bestrafte, die in der Fremdenlegion dienen, auf fünf Jahre. Nach fünfjähriger Dienstzeit ist der Mann, anstatt als Zivilist erst nach zehn Jahren, »rehabilitiert« – seine Strafe gilt als ausgelöscht und stellt seinem weiteren Fortkommen im bürgerlichen Leben keine Hindernisse mehr entgegen.

Darauf wartete Latour und darauf wartete das Mädel in Frankreich. –

Am fremdartigsten aber war der alte Guttinger mit seinem unheimlichen Wissen in sonderbaren Dingen. Manchmal, wenn wir müde auf den Betten lagen, murmelte er viertelstundenlang arabische Worte vor sich hin. Wenn ich ihn neugierig fragte, sagte er gemütlich:

»Nix! Ich spinn' halt a bissel. Tu ich oft.«

Manchmal aber richtete er sich auf und – dann sprach er mit einemmal ein fehlerfreies Deutsch, und seine Augen glänzten und irgend etwas Sonderbares kam. Etwa so:

»Wir haben alle einen Sparren. Hör zu! Die Sure von den Hengsten des Propheten:

»Als dem Propheten des Abends die Pferde, auf drei Füßen stehend und mit der Spitze des vierten Fußes leise den Boden scharrend, vorgeführt wurden, da sagte er: Ich habe die Liebe zu den Dingen der Erde mehr geliebt als den Gedanken an die Dinge des Himmels und ich habe die Zeit damit verschwendet, mich an diesen Pferden zu erfreuen. Bringt sie her zu mir! Und als die Pferde zu ihm gebracht wurden, da begann er, ihnen die Beine abzuschneiden und sprach: All' il Allah – – – ah, der Koran ist interessant ...«

Wie viele Koransuren habe ich von Guttinger gelernt! Der alte Legionstrommler war ein merkwürdiges Menschenexemplar. Aber er wirkte niemals roh oder abstoßend wie so viele andere der alten Legionäre, denen lange Entbehrungs- und Kampfjahre eine kolossale Dosis Brutalität eingeimpft hatten. Ich lernte Menschen kennen, deren Sprache aus aneinandergereihten Flüchen bestand, und zwar aus Flüchen, die einen erschaudern ließen, so gemein waren sie. Andere wieder erzählten Greuelszenen aus den Araberkämpfen mit einem Behagen, das ihre Verrohung zeigte. Ein alter Legionär wurde mir gezeigt, der sich während des letzten größeren Araberaufstandes in ein Marabout, in ein mohammedanisches Heiligtum bei Tlemcen geschlichen hatte, um sich die Belohnung zu verdienen, die auf den Kopf eines der Führer der Aufständischen gesetzt war. Er fand zwei Priester in dem Tempel und schlug sie tot, ohne viel Lärm zu machen. Der eine war der Rebell. Dessen Kopf schnitt er ab und – trug die grausige Trophäe zwei Tage im Tornister, bis er seine Truppe wieder fand!

Aehnliches brachte jeder Tag, und man wurde der Enormitäten müde. Eine Welt von neuen Eindrücken stürmte auf einen ein, Häßlichem folgte Häßlicheres, bis man gleichgültig und wunderbar schnell stumpf wurde – völlig abgestumpft!


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