Erwin Rosen
In der Fremdenlegion
Erwin Rosen

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Die militärische Tüchtigkeit der Fremdenregimenter.

Ein Arbeitstag der Rekrutenzeit. – Von Eilen und Hetzen. – Allez, schieb' los! – Legionsetikette. – Der Dauerlauf. – Der »cercle d'enfer« und der Seifenmangel. – Das Leitmotiv der Legionsausbildung. – Brillante Marschierer. – Selbstständige Soldaten. – 40 Kilometer im Tag. – Uniform, Ausrüstung, Gepäck, Verpflegung. – Die Ausbildung des Legionärs im Detail. – Kein Gamaschendienst. – Das Praktische. – Spezialitäten der Legion. – Das Arbeitsprogramm einer Woche. – Der Legionär als Arbeiter.

Wenn im Halbdunkel des erwachenden Tages der erste rotglühende Schein der afrikanischen Morgenröte durch das Fenster des Mannschaftszimmers drang, stand der »garde-chambre«, der Mann vom Zimmerdienst, geräuschlos auf. Seine Vorsicht, ja keinen Lärm zu machen, entsprang weniger angeborenem Zartgefühl als der Kenntnis von gewissen Unannehmlichkeiten, die ihm bereitet werden würden, wenn er den Schlaf der Kameraden vorwitzig störte. Denn die Stunden des Schlafes sind ein heiliges Heiligtum des Legionärs, in das man nicht ungestraft eindringt. Als Herr von Rader zum erstenmal Zimmerdienst hatte und beim Aufstehen allerlei Geräusch machte, flogen plötzlich von allen Seiten des Zimmers schwere Soldatenstiefel auf ihn zu – eine höchst eindringliche Mahnung, hübsch leise zu sein.

Nach wenigen Minuten kehrte die Zimmerordonnanz, einen großen Tonkrug schleppend, von der Küche zurück, zündete die Petroleumlampe an, die in der Mitte der Stube hing, und gellend schallte seine Stimme durch das Zimmer:

» Au jus! – Sauce!«

Die »Sauce« war jedoch Kaffee, starker, schwarzer, ausgezeichneter Kaffee. Mechanisch richtete sich jeder Legionär, auf den Arm gestützt, im Bett auf; mechanisch griff er hinter sich nach dem »quart«, dem blechernen Trinkgefäß, das an einem Haken am Kopfende des Bettes hing und hielt es dem Mann vom Zimmerdienst hin, der mit seinem großen Tonkrug von Bett zu Bett schritt und Kaffee einschenkte. Das starke Gebräu trieb die Schläfrigkeit schnell aus den Augen, und wenn vom Kasernenhof die grellen Trompetentöne der Reveille erklangen, sprangen alle aus den Betten.

Ein Tohuwabohu von Lärm und Durcheinandereilen begann. In einer halben Stunde schon mußten die Rekruten unten im Hof zum Ausmarsch antreten. Korporal Wassermann, der gerne bis zum letzten Augenblick im Bett blieb, schrie fortwährend:

» Le – e – vez-vous donc! Steht doch auf!«

Dann wetterte er mit dem famosen Legionsausdruck »allez schieb' los« dazwischen, den deutsche Legionäre aufgebracht haben, und der in den Sprachschatz des algerischen Französisch übergegangen ist, denn nicht nur unter Soldaten wird diese komische Verquickung von Deutsch und Französisch fortwährend angewendet, sondern Araber und Negerkinder auf der Straße, wenn sie einander zur Eile anfeuern wollen, schreien:

»Allez! Schieb los!«

»Allez schieb los! Pas du temps! Keine Zeit mehr!« brüllte der Korporal – der Tag begann mit einer hetzenden Jagd. Das Waschbassin lag unten im Kasernenflur, und man mußte vier Treppen hinunter und hinauf laufen, um sich waschen zu können. Keine Minute Zeit war übrig. Die Stiefel mußten geputzt werden; die Decken und die Matratze des Bettes mußten säuberlich gefaltet und auf dem Fußende des eisernen Feldbettes aufeinandergeschichtet werden. Dazwischen schrie der Mann vom Zimmerdienst aufgeregt, wütend:

»Quoi! Nom de Dieu – balayez au-dessous vos lits! Kehrt doch zum Donnerwetter unter euren Betten hervor!«

Die Legionsetikette hält sich in diesen Dingen sehr strenge an alte Ueberlieferung: unter seinem Bett mußte jeder Legionär selbst ausfegen, die Reinigung der Stube aber war Sache des Mannes vom Zimmerdienst, der natürlich mit seiner Fegerei nicht eher beginnen konnte, ehe unter den Betten hervorgekehrt war. Daher die quoi und Nom de Dieu! Der Mann hatte allen Grund, grob zu werden – mußte er doch exerzieren wie alle anderen, und es war keine Kleinigkeit, ein großes Zimmer zu fegen, Staub zu wischen, Wasser zu holen: alles in zehn Minuten. Und blitzsauber mußte alles sein, denn einige Minuten vor Beginn des Exerzierens schritt der Feldwebel durch die Stuben, und wenn er irgend etwas nicht in Ordnung fand, wurde der Korporal des Zimmers bestraft.

Und wenn der Korporal bestraft wurde, so sorgte er natürlich dafür, daß seine Leute auch ins Loch flogen!

Pünktlich um 6 Uhr morgens traten wir Rekruten auf dem Kasernenhof an, im Exerzieranzug: weißer Leinenanzug, blaue Schärpe, Tornister, Patronengürtel und Gewehr – Uniformen und Lederzeug von blitzender Reinlichkeit. Die geradezu pedantische Sauberkeit der Legion, die Koketterie des einzelnen Legionärs, einen gewissen »Chick« in seine Uniform zu bringen, hatte Korporal Wassermanns Eitelkeit uns als Allererstes beigebracht.

Im leichten, raschen Marschschritt der Legion ging es hinaus zum »Plateau«, einem großen freien Platz beim Negerviertel. Olivenbäume und afrikanische Roteichen umsäumten ihn. Der gelbe Lehmboden war festgestampft von den Marschtritten vieler Tausende von Legionären. Auf der einen Seite des Plateaus lag die village nègre, die Negerstadt. Hart an den Exerzierplatz anstoßend, erhob sich in stolzer weißer Schönheit die Moschee über die erbärmlichen halbverfallenen Hütten des Negerviertels, und allstündlich erklang von ihrem Minarett weithinschallend der Gebetsruf des Priesters:

All' il Allah! Gott ist groß!

» Arré, arré – vorwärts, vorwärts,« schrien gellend Araber, die ihre kleinen schwerbepackten Esel mit viel Scheltworten und Stockhieben über den Platz trieben. Neben den Eseln, schwer bepackt wie die Tiere, schritten Araberfrauen, die Beine nackt bis über das Knie, das Gesicht aber züchtig verhüllt, wie die Lehre des Propheten es vorschreibt. Nur ein kleines Stückchen Stirn ließ der Schleier frei, und dieser Fleck war mit einem grellroten kreisrunden Hennafleck bemalt, dem Zeichen der verheirateten Frau.

Uns Legionäre sahen die Araber mit scheuen Seitenblicken an und beeilten sich, vorbeizukommen. Halbnackte Araber- und Negerkinder tollten sich herum, versuchten in komischer Grandezza den Marschschritt nachzumachen, und riefen uns arabische Worte zu, die höchstwahrscheinlich gröbliche Schimpfworte waren, bis Korporal Wassermann Steine aufhob und sie mit seinen Würfen verscheuchte.

» Formez les faisceaux! Sac à terre. – Die Gewehre zusammen! Tornister abhängen!«

» Pas gymnastique – Laufschritt. En avant, marche!«

Damit begann alltäglich die Morgenarbeit. Es war das berühmte »Legionsfrühstück«, das Lungen-Training des Dauerlaufes.

In weitem Viereck ging es um den Exerzierplatz: fünf Minuten lang, zehn Minuten lang, un, deux – un, deux, immer im scharfen Takt. Der Korporal, ein prächtiger Läufer, lief an der Spitze und lehrte uns den Trick, auf den es hier ankommt, den kritischen Moment der Lungenermüdung zu überwinden, die »zweite Luft« zu bekommen. Wenn auch der Atem in schweren pumpenden Stützen kam und ging, wenn auch die Augen schmerzten und man anfing zu stolpern vor Müdigkeit, man lief weiter, bis die Lunge sich an die Mehrarbeit gewöhnt hatte, bis man ein Gefühl hatte, als ob man nun eine Maschine sei und immerzu laufen könne. Dann kam das Kommando »à volonté – wie ihr wollt«, und ein Wettrennen in langen, federnden Sprüngen beendete den Dauerlauf von dreißig Minuten.

Das ist das Legionsfrühstück, das schon so manchem seine Lunge gekostet hat!

Pause. Die gequälte Lunge arbeitete in kurzen harten Stößen. Man konnte nicht stehen bleiben, sondern mußte mit raschen Schritten auf- und abgehen, um die pumpende Lunge langsam wieder zu beruhigen.

Der Körper mußte hergeben, was er nur hergeben konnte bei diesem Morgendrill. Dauerlauf, schwedische Gymnastik, »le boxe«, wechselten miteinander ab. Die Ausbildung ging sehr schnell. Alle die Rekruten hatten in irgend einem Heer gedient, und die ersten Anfangsgründe militärischer Weisheit waren ihnen schon längst eingedrillt worden. Dreiviertel meiner Mitrekruten waren Deutsche, die noch gar kein Französisch verstanden, und denen die französischen Kommandos natürlich »spanisch« vorkamen. Der Lehrmeister hier war die ewige Wiederholung.

Die heiße Sonne brannte hernieder, und an einem einzigen Vormittag durchschwitzte man zehnmal jeden Faden am Leib, um zehnmal wieder zu trocknen. In den Pausen stand man herum, paffte selbstgedrehte Zigaretten, die unvermeidliche Zigarette der Legion, die in jeder freien Minute geraucht wird und – nach der die Pause bemessen wurde, nach alter Legionsgewohnheit. »Eine Zigarette lang« dauerte die Pause. Wenn der Korporal seine Zigarette ausgeraucht hatte, ging er langsam ein gutes Stück, hundert oder zweihundert Meter weit, weg und hob die Hand:

» A moi

Das bedeutete energischen Laufschritt zu ihm hin und Wiederbeginn der Arbeit.

»So jemein jeloffen bin ick in meinem janzen Leben noch nich',« war Herrn von Raders ständige Klage.

Um elf Uhr wurde nach der Kaserne zurückmarschiert. Tornister und Patronengürtel flogen auf die » paquetage«, und man warf sich todmüde langgestreckt aufs Bett. Aber nach wenigen Minuten schon dröhnte vom Kasernenhof das Suppensignal.

A la soupe, légionaires, à la soupe, soupe, soupe.‹

Soupe...« schrie alles im Mannschaftszimmer. Wehe, wenn sich der Mann vom Zimmerdienst nicht mit langen Sprüngen auf den Weg zur Küche machte, und wehe, wenn er nicht im Handumdrehen wieder mit dem Suppenkessel erschien! Bei allem, was Essen anbetrifft, versteht ein richtiger Legionär keinen Spaß – er hat auf Feldzügen und Märschen zu oft jämmerlich gehungert, um » la gamelle« nicht zu schätzen.

Die Morgensuppe, die erste der beiden Tagesmahlzeiten, war täglich die gleiche: eine Brotsuppe mit Kartoffeln und Gemüse verkocht, und ein Stückchen Fleisch. Dazu das weißgraue französische Militärbrot, und jeden zweiten Tag ein Viertelliter schweren Rotwein. Gegessen wurde auf Blechtellern an den beiden großen Tischen des Mannschaftszimmers, an denen aber nicht alle Platz hatten. Auch hierin gab es eine Etikette: das Recht, am Tisch zu sitzen, gebührte den Dienstälteren.

Nach der Suppe rannte der Küchenkorporal von Zimmer zu Zimmer:

» Aux patates – aux pommes de terres! Zu den Kartoffeln.«

Die ganze Kompagnie marschierte hinter die Küche und schälte, im großen Kreis aufgestellt, den Tagesbedarf an Kartoffeln. Schälen mußte jeder – wer kein Taschenmesser hatte, behalf sich mit einem geschärften Löffelstiel! Der Kauf eines Taschenmessers war ein unerschwinglicher Luxus bei vier Pfennigen Tagessold.

Nachmittags machten die alten Soldaten Uebungsmärsche und Felddienstübungen oder wurden zur » corvée«, zur Arbeit mit Spaten und Hacken kommandiert, während wir Rekruten Instruktionsstunde hatten. Um fünf Uhr nachmittags, nach einer zweiten »Suppe«, die der ersten so ähnlich war wie ein Ei dem andern, begann offiziell die freie Zeit des Legionärs.

In Wirklichkeit aber fing nun die große Plage an – das Putzen und Waschen!

Gewehrputzen, Uniformenreinigen, Lederzeug »astiquieren«. Lederzeug! An das Lederzeug der Legion, an Patronengürtel und Patronentaschen, denke ich jetzt noch mit einem leisen Schauder! Welche Mühe und Arbeit steckte in diesen Lederdingen! Die eitelste Mondaine verwendet auf ihre Gesamttoilette nicht so viel Zeit wie der Legionär zur » astiquage« seines Patronengürtels! Die Prozedur war unsagbar lächerlich, im höchsten Grade zopfig und unpraktisch, und über alle Maßen zeitraubend und mühevoll. Schwarzes Wachs wurde über einem Zündhölzchen flüssig gemacht und auf das Leder aufgetragen. Dieses Wachs mußte zuerst mit einem platten Holzstückchen gehörig eingerieben werden, damit es sich gleichmäßig verteilte. Dann erst folgte die eigentliche Politur mit einem Arsenal verschiedener Lappen. Bis Patronengürtel und Patronentaschen in vollstem Glanz erglänzten, waren zwei Stunden vergangen.

So unpraktisch und so altmodisch die »astiquage« ist – auch sie gehört zur Legionsetikette und ist heilig. Ich haßte sie ganz besonders und glaubte unendlich schlau zu sein, als ich mir eine Flasche Lederappretur kaufte und mein Lederzeug einfach anstrich, anstatt zwei Stunden lang daran herumzuarbeiten. Es sah sehr gut aus und war jedenfalls viel haltbarer.

Aber – Korporal Wassermann fiel fast in Ohnmacht, als er die Bescherung sah. Er riß mir den Gürtel aus der Hand und lief wutschnaubend in allen Mannschaftszimmern herum, um den anderen Korporalen zu zeigen, was für entsetzliche Dinge in dieser schlechten Welt passierten. Ein angestrichener Patronengürtel! Die alten Soldaten der Kompagnien kamen herbeigelaufen und sahen sich unter vielen »merde« und »nom d'un chien« in starrem Staunen den Blauen an, der so bodenlos frech war, die heilige »astiquage« der Legion durch Anstreichen ersetzen zu wollen!

»Es ist aber doch praktischer,« sagte ich schließlich beschwichtigend zu dem wütenden Korporal.

»Mais, ça ne marche pas!« schrie er. »Das gibt's doch nicht. Wenn du ein alter Soldat wärst und nicht ein Rekrut, so würdest du jetzt zehn Tage ins Loch fliegen!«

Der Plagen allergrößte aber war das Waschen. Die weißen Uniformen mußten natürlich täglich gewaschen werden. Im hinteren Kasernenhof lag das Lavabo, ein großes aus Beton gemauertes Bassin mit kaltem, fließendem Wasser, vom Legionärswitz »cercle d'enfer« genannt, Höllenrunde. Denn dort standen in weitem Kreis zu jeder dienstfreien Stunde Schulter an Schulter die Legionäre um das Bassin, in aufgekrempelten Hemdärmeln, mit roten, schwitzenden Köpfen. Hinter den Waschenden warteten in Reihen andere Legionäre beharrlich, bis ein Plätzchen am Bassin frei würde. Es wurde gewaschen, gerieben, geklopft und gespült, bis die Dunkelheit herniedersank. Die weißen Leinenanzüge mußten gewaschen werden, die Unterwäsche, das Futter der Uniformen. In kaltem Wasser und mit wenig Seife. Das Stückchen Seife, das jeder Mann monatlich erhielt, reichte bei weitem nicht aus, und über wenige Dinge wurde soviel geschimpft, wie über Seifenmangel, und wenige Dinge waren ein so begehrtes Diebstahlsobjekt wie ein Stückchen Seife. Kaum drehte man sich herum – schwupps dich, war die Seife weg.

Nirgends verkörperte sich die Armut der Legion so sehr wie am Lavabo. Der Mann, der eine Bürste, eine gewöhnliche Putzbürste besaß und sich damit die Arbeit des Waschens vereinfachen konnte, wurde beneidet, als wäre er ein Reicher – eine solche Bürste auszuleihen, galt als großer Freundschaftsdienst! Zum Trocknen waren in der Nähe Seile aufgespannt, und wenn man die nasse Wäsche aufgehängt hatte, stellte man sich geduldig dicht daneben hin und wartete, bis sie trocken war. Ein Sorgloser oder ein Ungeduldiger, der das nicht tat und wegging, konnte nachher die Stelle des Seiles betrachten, wo seine Wäsche gehangen hatte – die Wäsche selbst war weg, verschwunden, weggezaubert. Wäsche war vogelfrei!

Mit der halbgetrockneten Wäsche ging man zurück ins Zimmer, legte sich seine Bettdecke auf den Tisch und – »bügelte« Hosen und Röcke, indem man sie mit der scharfen Kante eines Trinkbechers so lange glättete, bis sie faltenfrei und glatt waren. Der arme Teufel von Legionär brauchte so eine Stunde zu einer Arbeit, die ein Bügeleisen in einigen Minuten getan hätte. Aber der Fremdenlegionär ist viel zu arm, um solch ein Gut wie ein Bügeleisen zu besitzen.

*

Aus zwei Grundtönen bestand das Leitmotiv unserer Ausbildung: im Trainieren zu ungeheuren Marschleistungen und in der Erziehung des Einzelnen zu völliger militärischer Selbständigkeit. Das ist das soldatische Arbeitsprogramm der Fremdenlegion: in zwei Worten verkörpert sich ihre ganze militärische Bedeutung:

Brillante Marschierer – selbständige Soldaten.

Zu dem enormen Kampfwert dieser beiden Eigenschaften tritt das militärische Motiv, auf dem die Existenz der Fremdenlegion beruht – der Vorteil billiger, glänzend trainierter Söldnersoldaten, mit denen die gewagtesten militärischen Operationen vorgenommen werden können ohne Rücksicht auf die Opfer. Weil sie vogelfrei sind – weil kein Volk, kein Parlament Rechenschaft über die Toten fordert. Die Legion marschiert, handelt selbständig, stirbt ohne Lärm.

Der Legionär marschiert. Vierzig Kilometer im Tag sind die festgesetzte Minimalleistung. Das muß er leisten können, Tag für Tag, ohne Unterbrechung, ohne Ruhetage, wochenlang. Das ist von allem Anfang an der Zweck der Ausbildung. Der tägliche pas gymnastique, der lange, federnde Laufschritt der Legion, in einer Dosis von den Mannschaften verlangt, die jedem europäischen Kompagniechef ungläubiges Erstaunen abringen würde, ist weiter nichts als eine Vorübung zum Marschieren. Mehreremale jede Woche finden Uebungsmärsche statt, über eine niemals geringere Distanz als 24 Kilometer, in voller kriegsmäßiger Bepackung, in dem sich stets gleichbleibenden Legionstempo von 5 Kilometern in der Stunde. Keinerlei Zweck ist mit den Uebungsmärschen verbunden als ausdauerndes, rasches Marschieren. Sie endigen weder mit einer Felddienstübung, noch haben sie Uebungsaufgaben wie Aufklärungsdienst oder Geländeerforschung durch Patrouillen. Es ist nichts als glattes Marschieren im vorgeschriebenen Tempo, ein Dahinstampfen, um ein gestelltes Pensum zu erledigen. Die marches militaires, wie die Uebungsmärsche genannt werden, beginnen gewöhnlich um zwölf Uhr mittags, wenn die Sonne am heißesten brennt, nach einem Morgen anstrengenden Exerzierens, damit sie unter erschwerenden Bedingungen stattfinden und eine praktische Uebung darstellen. Auf irgend einer der Militärstraßen, die nach allen Himmelsrichtungen von Sidi-bel-Abbès auslaufen, wird mindestens bis zum zwölften Kilometerstein marschiert und dann umgekehrt.

Während des Marschierens in langer Kolonne, in Reihen zu Vieren, gelten keinerlei besondere Vorschriften. Der Legionär kann sein Gewehr tragen, wie er will, auf der Schulter, oder am Riemen, wie es ihm am bequemsten ist: er kann seinen Tornister abnehmen, wenn er ihn drückt und ihn in der Hand tragen; es wird ihm nicht anbefohlen, wann er seinen Rock öffnen und wann er ihn schließen soll. Es gilt stillschweigend als guter Legionston, daß die Offiziere den marschierenden Legionär nicht mit Kommandos in Kleinigkeiten plagen oder ihm die Erlaubnis geben: nun darf gesungen werden, nun darf geraucht werden. Wenn eine große Pfütze im Weg ist oder wenn die Straße auf der einen Seite steinig wird, biegt die Kolonne ganz von selbst ab und marschiert da, wo es ihr am besten paßt. Ich habe in ganzen Tagesmärschen kein Wort von Offizieren gehört, kein Kommando, außer den kurzen Pfeifensignalen, die »Kolonne, halt!« und »Kolonne, vorwärts Marsch« bedeuten. Sobald das Haltsignal ertönt, schwenken die Viererreihen von selbst, ohne Befehl, in Linie ein und jeder Mann setzt oder legt sich hin in der Ruhepause, wie es ihm gefällt. Die Märsche regiert nur das Prinzip: Marschier' wie du willst, lauf' mit krummem Rücken und mit einwärts gedrehten Fußspitzen, wenn du das schön und gut findest, aber – marschiere!

Immer wieder wird dem Legionär eingebläut, daß er auf der ganzen Gotteswelt zu nichts da ist, als zum Marschieren. Wenn der Hunger ihn im Magen quält und der Durst ihm die Zunge vertrocknet, so ist das sehr bedauerlich für ihn, aber noch lange kein Grund, nicht weiter zu marschieren! Er darf müde sein, todmüde, total erschöpft – aber er darf nicht aufhören, zu marschieren. Wenn seine Füße bluten und seine Fußsohle brennt wie höllisches Feuer, so ist das traurig – aber das Marschtempo muß unverkürzt das gleiche bleiben. Die Sonne mag brennen, daß die Sinne wirbeln, vorwärts muß er. Seine Aufgabe im Leben ist, zu laufen. Das größte Verbrechen, das er begehen kann, ist – auf dem Marsch zu versagen! Eine unmögliche Marschleistung gibt es nicht für das Regiment der Fremden. Jedem Einzelnen ist eingeimpft, hineingehämmert in den Schädel, daß er zu marschieren hat, solange er seine Beine noch regieren kann. Und wenn er sie nicht mehr regieren kann, dann soll er wenigstens noch versuchen, zu kriechen.

Es ist ein erbarmungsloses System, das jedoch Wunderdinge an Leistungen hervorbringt.

Unzertrennlich vom Marsch der Legion ist das Gepäck des Legionärs.

Der französische Fremdensoldat marschiert in einer Ausrüstung, die tenue de campagne d'Afrique genannt wird. Er trägt ausgezeichnet gearbeitete Schnürstiefel, weiße Drillichhosen, über den Knöcheln durch Ledergamaschen zusammengehalten, und die capote, den schweren blauen Militärmantel. Der Mantel wird über dem Hemd angezogen, ohne Rock darunter, und seine Schöße sind nach hinten geknöpft, damit Schenkel und Knie frei sind und ein ungehindertes Ausschreiten möglich ist, genau wie beim französischen Soldaten. Nur trägt der Legionär die ceinture um den Leib, die blaue, zirka vier Meter lange Schärpe aus feinem Wollstoff, die nicht nur dem Körper einen festen Halt gibt, sondern auch den Dienst einer Tropenleibbinde versieht, unentbehrlich bei den schroffen Temperaturwechseln in Afrika, wo dem glühendheißen Tag eine eiskalte Nacht folgt. – Das rote Käppi erhält einen weißen Ueberzug, und zum weiteren Schutz gegen die Sonne wird ein dünnes Leinentuch, das couvre-nuque, Nackentuch, daran geknöpft, das über Nacken und die Seiten des Gesichts fällt und den ganzen Hals, die Ohren und Backen schützt. Es kommen daher, was sehr erstaunlich klingen mag, gerade in der Legion verhältnismäßig wenig Erkrankungen an Sonnenstich vor. Der Legionär trägt Gewehr und langes Nadelbajonett, 200–400 Patronen, Patronentaschen und den Tornister, »le sac«. Dieser Tornister ist aus schwarz lackiertem Segeltuch mit einem ganzen System von Riemen und fast ohne Eigengewicht. Auf dem Marsch enthält er zwei komplette Uniformen, Wäsche, Putzzeug, teils in seinem Inneren, teils in »ballots«, in genau vorgeschriebenen Bündeln mit Riemen aufgeschnallt. Zelttuch und Wolldecke umrahmen den Tornister in einer langen Rolle. An der Seite werden die zusammensetzbaren Zeltstöcke eingesteckt. Oben wird der Eßtopf befestigt und Brennholz zum Biwakfeuer. Außerdem trägt jeder Mann noch eine der Kochpfannen der Kompagnie oder Schanzzeug. – Tornister und Gewehr und Ausrüstung wiegen zusammen nahezu 50 Kilogramm; kein Soldat irgend einer anderen Armee trägt solche Last.

Mit dieser Gepäckbürde marschiert er in Sand und Sonne bei einer Verpflegung, die auf den Märschen sehr gering ist. In der Garnison bekommt er morgens beim Aufstehen eine Tasse schwarzen Kaffees. Um 10 Uhr etwa erhält er die Morgensuppe, um 5 Uhr nachmittags die Nachmittagssuppe. Also zwei Tagesmahlzeiten. Beide gleichen sich völlig, eine Brotsuppe, in der allerlei Gemüse je nach der Jahreszeit verkocht ist, ein Stückchen Fleisch, und als Zugabe dann und wann ein besonderes Gemüse, Spinat, Karotten oder dergleichen. Dazu das französische Militärbrot, ein graues Brot, das sehr leicht verdaulich ist. Zweifellos nahrhafte, ausreichende, schmackhafte Kost. Auf dem Marsch dagegen fällt die Fleischration fort, und die Verpflegung besteht fast ausschließlich aus Reis und Makkaroni. Das Brot wird durch eine Art harten Schiffszwiebacks ersetzt.

Bei Reisemärschen wird immer in den ersten Stunden nach Mitternacht aufgebrochen. Dann wird ununterbrochen, nur mit den stündlichen Ruhepausen von fünf Minuten, marschiert, bis das Pensum abgearbeitet ist, eine Eigenart der Legion, von der selbst im Felde niemals abgegangen wird. Sei die Distanz noch so groß, sie wird in einem Zuge zurückgelegt. Der Legionär marschiert.

*

Wie eine Maschine ist die Fremdenlegion als alte Söldnertruppe, deren neuer Zuwachs an Menschenmaterial sich immer rasch in die alten, militärisch tadellos funktionierenden Teile hineinschmiegt. Im Garnisonsleben, beim Exerzierdienst, bei der Ausbildung treten die Offiziere völlig in den Hintergrund. Sie sind darin unnötig, und ihre Arbeit beschränkt sich auf papierene Rapporte, auf eine gelegentliche Visite des Exerzierplatzes. Während meiner Dienstzeit in der Legion bin ich in längerdauernde Berührung mit den Offizieren meiner Kompagnie nur bei Märschen gekommen. Wir kannten sie kaum: der Kompagniechef kam vormittags in das Bureau und war dann den ganzen Tag nicht mehr zu sehen. Die ganze militärische Erziehung, die ganze Ausbildung wird den Unteroffizieren, vor allem den Korporalen überlassen. Sie sind selbst nicht im Gamaschendienst erzogen worden und haben, mit seltenen Ausnahmen, großes Geschick für ihre Aufgabe, den Mann zum Verständnis, zur Selbständigkeit zu erziehen.

Die Märsche sind bodenlos brutal, der Legionär muß hergeben, was nur in ihm ist an Lebenskraft und Mannesstärke –aber im militärischen Dienst wird er als Soldat behandelt! Als wertvoller Soldat, den man nicht mit zopfigen Ansprüchen und leidigen Gamaschengeschichten plagt, sondern ihn verständnisvoll, ich möchte fast sagen, liebevoll, erzieht, um militärische Höchstleistungen aus ihm herauszuholen. Die infame Behandlung, die das Legionärsleben so unerträglich macht, liegt auf ganz anderen Gebieten! Militärisch, im Dienst, wird er geschätzt und gut behandelt.

Während meiner Ausbildung habe ich kaum ein Schimpfwort gehört, und wenn ein derbes Wort fiel, war es im Scherz gemeint. Jeden Morgen und jeden Nachmittag wurden wir neun Rekruten der Elften in einen ungestörten Winkel, eine schattige Allee beim Plateau geführt und von einem Korporal und einem Legionär erster Klasse bearbeitet. Jede Bewegung wurde uns erklärt, der Zweck jedes Manövers genau illustriert, damit wir auch wußten, weshalb wir diese oder jene Uebung machten. Das ging bis in kleinste Einzelheiten. Das Gewehr war uns kein Heiligtum, das nicht auseinandergenommen werden durfte, um ja kein Teilchen zu verlieren oder nicht etwa eine Feder kaput zu machen, sondern dreimal, viermal im Tag mußten wir das Gewehr in seine kleinsten Teile zerlegen. Wir mußten genau wissen, wohin jedes Schräubchen gehörte, und der Einfältigste war in acht Tagen so weit, daß er seine Waffe im Dunkeln, durch Tastsinn, hätte zerlegen und wieder zusammensetzen können. Man zwang uns nicht einfach, drei Minuten lang auf einem Bein zu stehen, sondern erklärte uns, diese Uebung habe den Sinn, an Beherrschung des Körpers zu gewöhnen. Wenn eine Nase sich um einen Zentimeter zu weit hervorschob beim Ausrichten, so war das kein Unglück: wenn jedoch ein Mann sich beim Boxen ungeschickt zeigte, so war das sehr ernst, und er wurde so lange separat vorgenommen, bis er begriff, daß die Boxerei etwas Wichtiges sei, das Schneid und Blick schärfe. In den Pausen sprachen die Instruktoren mit uns und erklärten Hunderte von kleinen Dingen. Das Gewehr müsse deshalb an einer bestimmten Stelle über der Schulter liegen, weil es so am besten balanciere und am leichtesten getragen werde.

Wir mußten angestrengt arbeiten – aber ich hatte niemals das Gefühl, müßig geplagt zu werden. Es war praktische Arbeit, deren Zweck jeder verstand.

Das wiederholte sich in größerem Maßstabe bei der Ausbildung im Kompagnieverband. Alles zielte aufs Praktische und Zweckmäßige hin; man wurde nicht mechanisch gedrillt, sondern lernte in praktischem Anschauungsunterricht. Das Kompagnieexerzieren wurde fast nie von Offizieren geleitet, sondern vom Feldwebel der Kompagnie.

Hier setzte die Ausbildung des Einzelnen zur Selbständigkeit ein. Im Laufe des Tages wurden jedem Mann Aufgaben gestellt, die er zu lösen hatte: Distanzschätzungen, Deckungsuchen, Ausnutzung des Geländes. So wurden z.B. zehn Mann als Schleichpatrouille designiert, die ein angegebenes Ziel möglichst ungesehen erreichen mußte. Am Endpunkt wurde die ganze Kompagnie aufgestellt, und jeder Legionär konnte selbst beobachten, ob und wie die Schleichpatrouille ihrer Aufgabe gerecht wurde. Es kam häufig vor, daß die Bewegungen von den zusehenden Legionären besprochen und kritisiert wurden, in förmlicher Aufregung, daß sie hin- und herdebattierten, ob nicht ein anderer Weg bessere Deckung biete, ob nicht an irgend einem Punkt die Patrouille hätte länger halten müssen, um ein weites Gesichtsfeld zu eingehenden Beobachtungen auszunützen. Diese soldatische Kritik wurde sehr gerne gesehen, und Feldwebel und Unteroffiziere beteiligten sich regelmäßig an der Diskussion. Das brachte in den anstrengenden Dienst ein Moment des Sports, ein individuelles Angeregtsein, das Ehrgeiz und Arbeitsfreudigkeit anregte. Darüber wurde die Zusammenarbeit der Truppe nicht vernachlässigt, und der Drill wurde nicht verachtet, wo er nötig war. So war z.B. die Feuerdisziplin meiner Meinung nach perfekt.

Das Praktische, Detaillierte drückte der ganzen Ausbildung den Stempel auf. Jeder Mann kannte genau die Länge seines Schrittes und wußte, daß er 117 oder 120 oder 125 Schritte brauchte, um 100 Meter zurückzulegen. In interessanten Instruktionsstunden im Gelände lernte der Legionär nicht nur die ersten Anfangsgründe des Kartenlesens, sondern wurde angelernt, eine Meldung durch eine, wenn auch noch so rohe Geländeskizze zu unterstützen. Bei den Begabteren und den Gebildeten gaben sich die Unteroffiziere Mühe, ihren Ehrgeiz anzustacheln und den Stolz in ihnen zu erwecken, Besonderes zu leisten. Man hatte ein Gefühl, im Wettbewerb des Sports zu arbeiten. Häufig wurde die Kompagnie in Sternennächten alarmiert und in die Umgebung von Sidi-bel-Abbès geführt. Weit draußen im freien Gelände hielt man. Diese Uebungen leitete unser Oberleutnant. Er versammelte die Legionäre im Kreis um sich und erklärte ihnen die Sternbilder, ihre wechselnde Bahn, ihre Beziehungen zueinander. Das wurde so oft wiederholt, bis auch der Begriffsstutzigste aus Polarstern und den Sternbildern des Bären die Himmelsrichtung bestimmen und sich allein zurechtfinden konnte.

Persönliches Interesse wurde in die Soldatenarbeit hineingebracht. Man wurde selbständig: man wußte das Wie und Warum. Immer wieder wurden Schützengräben ausgehoben und der sportliche Wettbewerb gezüchtet, rascher zu arbeiten als die nächste Sektion. Gleicher Eifer regierte bei den häufigen Uebungen im Aufwerfen von Feldbefestigungen, und in fabelhafter Schnelligkeit wurden aus sandgefüllten Feldtaschen Schanzen errichtet. Es war fast ein Spiel, wenn die escouades, die Korporalschaften. sich in brennendem Eifer mühten, welches Zelt zuerst fertig sein würde. Mit einem Griff hatte man das Zelttuch aus dem Tornister gerissen, die Stöcke zusammengesteckt: jeder hatte seine Arbeit – der eine knöpfte die Zeltteile zusammen, der andere spannte die Zeltseiten straff, ein anderer trieb die Pflöcke ein. Und wie ein Wunder wuchs das kleine Zelt aus dem Boden. Meine Korporalschaft hielt den Kompagnierekord im Zeltbau mit 70 Sekunden! Man setzte einen Ehrgeiz darein, mit größter Schnelligkeit und Exaktheit auszuschwärmen, man war stolz, aus marschierender Kolonne sich in Sekunden zum Carré zu formieren. Man rannte wie verrückt auf das Kommando à genoux. Ein interessantes Manöver, dessen Zweck das Sichschützen vor platzenden Granaten und Salvenfeuer war. Wenn à genoux kommandiert wurde – auf die Knie – rückte sofort in langen Sätzen die ganze Kolonne dicht zusammen: jeder einzelne Mann fiel auf die Knie und duckte den Kopf so tief wie möglich unter den Tornister des Vordermannes, sich eng anschmiegend, einer an den andern sich drängend. Kein Kopf – kein Rücken war zu sehen – nichts als eine kompakte Masse von Tornistern. Der Kopf des einzelnen Mannes war durch den Tornister des Vordermannes, sein Rücken durch den eigenen Tornister vor Granatsplittern und Kugeln geschützt, die nichts getroffen hätten als Tornister. Der gepackte »Sack« mit seinem Inhalt von weichen Uniformen und Wäschestücken war ja selbst für die Durchschlagskraft moderner Geschosse undurchdringlich.

So wechselte hartes körperliches Training, das Ausbilden und Herausholen der Körperkraft mit interessantem Sport: brutale Ausnützung alles körperlichen Könnens wurde erträglicher gemacht durch Spiel. Was kleinlich schien, war praktisch. Die Ordnungsfuchserei mit der paquetage, das kleinliche, peinliche Zusammenlegen der Ausrüstung nach vorgeschriebenem Plan bedeutete sofortige Marschbereitschaft. Der Legionär hat kein Spind und muß eine Unmenge von Dingen auf lächerlich kleinem Raum in fast zopfiger Methodik verpacken. Aber dafür findet er jedes Stück im Dunkeln und steht feldmarschmäßig bepackt da, zehn Minuten nach dem Alarm!

Ihr soldatisches Métier versteht die Legion, das muß man ihr lassen. Sie schießt brillant. Die allgemeinen Vorschriften für Flugbahnberechnung ignoriert die Legion prinzipiell. Aber jeder Mann erprobt sein Gewehr auf jede Distanz so lange, bis er bei der Entfernungsangabe ganz genau weiß, wie sein eigenes Gewehr auf die betreffende Meterzahl schießt. Bei vierhundert Metern eine Handbreit hoch und eine Handbreit links ... Und so weiter. Niemals ist der Schießplatz bei Sidi-bel-Abbès unbenutzt, Patronen werden nicht gespart, und jede Kompagnie würde sehr unglücklich sein, wenn nicht mindestens die Hälfte ihrer Mannschaften Schützen erster Klasse wären. Sogar Geldprämien gibt es. Ich habe mir einmal zehn Francs erschossen.

Andererseits zeigt sich gerade auf dem Schießplatz, wie niedrig der Legionär als Mensch eingeschätzt wird, und wie sehr man »offiziell« das Bewußtsein hat, er sei ein schlecht Behandelter, ein Verzweifelter, dem nicht zu trauen ist! Als Soldat muß der Legionär schießen, viel schießen. Als Verzweifelter sollte er eigentlich keine Schußwaffe in die Hand bekommen. Aber die Legion hat einen Kompromiß gefunden: hinter jedem schießenden Legionär auf dem Schießplatz steht ein Unteroffizier, der mit Argusaugen jede Bewegung des Schützen beobachtet und beim geringsten Verdacht sehr rasch mit dem unter der tunic verborgenen Revolver bei der Hand sein würde. Aus dem gleichen Motiv erhalten sogar Posten keine scharfen Patronen; dem die Wache kommandierenden Unteroffizier wird ein verschlossenes und versiegeltes Holzkästchen mit Munition übergeben, das er aber erst im Notfall öffnen darf. Wird der Posten angegriffen, so mag er sich mit dem Bajonett wehren, bis sein Alarmruf den Wachhabenden und scharfe Patronen bringt.

Im allgemeinen jedoch haben die menschlichen Nöte der Fremdenlegion nichts zu schaffen mit ihrer glänzenden militärischen Leistungsfähigkeit.

Einzelausbildung – Burentaktik – praktische Erziehung – – das ist die Legion. Und sie marschiert! Dann und wann steigert man ihre Kräfte. Die compagnies montées, eine bei jedem Regiment, auf Mauleseln beritten, haben schon 70 Kilometer im Tag zurückgelegt. Je zwei Mann haben einen Maulesel. Der eine reitet und nimmt das Gepäck des nebenherlaufenden Kameraden auf den Maulesel. So wechseln sie. Die berittenen Kompagnien liegen tief im Süden und kommen aufsässigen Arabern in kolossalen Eilmärschen auf den Hals.

Man sieht, die Legionäre werden gründlichst zu Soldaten erzogen. Sie verstehen ihr Handwerk. Sie haben, wie ich später zeigen werde, in ihrem Beruf Glänzendes geleistet – und werden noch Glänzendes leisten. Die militärische Ausbildung der Fremdenregimenter ist unübertrefflich zweckmäßig. Sie fordert zu Vergleichen geradezu heraus. Wenn ich an unsere eigene deutsche Armee denke, wo die kostbare Dienstzeit nur allzuhäufig mit bloßen Paradeübungen vergeudet wird, so läßt sich der Gedanke kaum abweisen, daß weniger Paradedrill, weniger maschinelle Äußerlichkeit und mehr Rücksicht auf das Kriegsmäßige, auf die unschätzbare Selbständigkeit des einzelnen Mannes ein Plus an Schlagfertigkeit und Tüchtigkeit für das ganze Heer bedeuten würden.

» Comparisons are odious«, sagt der Engländer, Vergleiche haben 'was Unangenehmes!

Aber: Wie intensiv bearbeitet selbst der Durchschnittslegionär eine militärische Aufgabe, wie ist ihm das Gefühl in Fleisch und Blut übergegangen, daß er für seine eigene Sicherheit arbeitet und nicht um dem Tadel irgend eines Vorgesetzten zu entgehen, wie setzt er seinen ganzen Ehrgeiz z. B. an Patrouillenaufgaben! Und wie komisch ist es, wenn man bei irgend einem deutschen Manöver sich eine Patrouille besieht: Kaum dem »Auge des Herrn« entrückt, hört die gerühmte Drilldisziplin auf, und aus dem Soldaten wird ein gemütlicher Spaziergänger, der sich im nächsten Bauernhof nach Erfrischungen umsieht. Der Parademarsch, bei uns das »Kriterium militärischer Tüchtigkeit«, ist der Legion völlig unbekannt, und dennoch: Was für brillante Soldaten!

*

Ich gebe nachstehend in deutscher Uebersetzung ein Wochenprogramm meiner Kompagnie wieder, wie es jeden Samstag am schwarzen Brett angeschlagen wurde:

Montag: 6–7 Uhr: Boxen.
7 ½–10 Uhr: Kompagnieexerzieren.
12 Uhr: Militärmarsch.

Dienstag: 6–7 Uhr: Turnen.
7 ½–10 Uhr: Gefechtsexerzieren.
11–12 Uhr: Instruktionsstunde über hygienische Maßnahmen im Felde.
1 Uhr: Arbeitsdienst nach Anordnung des Platzadjutanten.

Mittwoch: 5 ½–6 ½ Uhr: Boxen.
7 Uhr: die Kompagnie tritt zum Baden an.
8–11 Uhr: Uniformflicken, Vorbereitungen zur Inspektion durch den Regimentskommandeur.
1 Uhr: Arbeitsdienst nach Anordnung des Platzadjutanten.

Donnerstag: 5 ½ Uhr: Abmarsch auf den Schießstand.
12–1 Uhr: Instruktionsstunde über die erste Hilfeleistung bei Verwundungen.
1 ¼ Uhr: Arbeitsdienst nach Anordnung des Platzadjutanten.

Freitag: 5 Uhr: Militärmarsch.
1–2 Uhr: Instruktionsstunde über Deckungsuchen in flachem Terrain.
2 ½ Uhr: Arbeitsdienst nach Anordnung des Platzadjutanten.

Samstag: 5 ½ Uhr: Dauerlauf über sechs Kilometer. (Schnitzeljagd.)
8-11 Uhr: Kompagnieexerzieren.
12 Uhr: Kasernen- und Zimmerreinigung.
4 Uhr: Inspektion des Kasernements durch den Regimentskommandeur. Die Mannschaften stehen im Drillichanzug bei ihren Betten.

NB. Beim 11 Uhr Appell jeden Morgen ist ein durch den adjudant täglich zu bestimmendes Uniformstück zur Inspektion mitzubringen.

Mit der militärischen Bedeutung der Legion ist unzertrennlich verbunden ihre Arbeit.

Vor nicht allzulanger Zeit war Sidi-bel-Abbès ein Sandhaufen, auf dem nur ein marabout stand, das Grab eines frommen Heiligen, zu dem die Araberhorden der Beni Amer wallfahrteten. Damals kamen fremde Männer, scharten sich um die nagelneue Flagge der Legion, und belehrten die Beni Amer in blutigen Kämpfen, daß es wünschenswert sei, wenn die Söhne Amers etwas weiter nach Süden zögen. Diese fremden Männer legten Straßen an und brannten Ziegel. Sie erbauten solide Festungsmauern, drainierten das häßliche kleine Flüßchen Mekerra, das sich so müde durch den Sand schleppt und so übel riecht; sie legten Gärten an und pflanzten Olivenbäume. Die Kasernen, die öffentlichen Gebäude, die meisten der Wohnhäuser erstanden unter ihren fleißigen Söldnerhänden.

Der Legionär war immer und ist immer noch ein Arbeitstier. Die schwerste Arbeit der Fremdenlegion wird in den kleinen Militärstationen in Algerien getan, unten im Süden, an der Grenze der Sahara, wo jeder Tag körperlicher Arbeit für den Europäer einen Verlust an Gesundheit bedeutet. Dort rückt die Arbeitskolonne täglich aus und arbeitet tagaus, tagein mit Hacke und Schaufel am Wegebau, während vielleicht in einem Araberdorf, wenige Stunden entfernt, die Zivilbehörden an faulenzende Araber Naturalienunterstützungen verteilen. Achtzig Prozent der brillanten Straßen Algeriens sind von der Legion gebaut.

Die Mörtelkelle wird dem Soldaten in die Hand gedrückt: So, jetzt bist du Maurer! Er baut, je weiter die Militärposten vorgeschoben werden, Kasernen für die Truppen und Bureaugebäude für die Zivilverwaltungen – er klopft die Steine, mit denen die Wege ausgebessert werden. Er leistet die Pionierarbeit des nördlichen Afrika für eine Bezahlung, die ein Kuli hohnlachend zurückweisen würde.

Seine Kraft wird gründlich ausgenützt. Ein groteskes Beispiel dafür ist die in Saïda beim 2. Regiment herrschende Gewohnheit, Legionäre für Privatleute in der Stadt arbeiten zu lassen. Sie bekommen natürlich niedrigeren Lohn dafür als ein Zivilarbeiter fordern würde, aber das wäre ja an und für sich gar nicht so schlimm; denn auch die wenigen Francs im Tag bedeuten unendlich viel für den fremden Soldaten. Das Merkwürdige aber, das Typische daran ist, daß – diese Arbeiter einen Teil ihres Tagesverdienstes an die Kasse ihrer Kompagnie abliefern müssen! Die Kompagnie bereichert sich an ihrer Arbeit.

Im Garnisonsleben von Sidi-bel-Abbès nahm die Legionsarbeit groteske Formen an. Ich habe viele Wochen lang im Sattel zugebracht in meinem Leben; ich habe als blutjunger Mensch einen bösartigen Kampf ums Dasein geführt in den Vereinigten Staaten; ich habe gehungert und gefroren und bin monatelang alltäglich in den Schüttelfrösten der Malaria erschauert – aber niemals hatte ich so das Gefühl, als ob meine physische Kraft bis zum letzten Tropfen ausgepumpt sei wie in jenen Zeiten in Sidi-bel-Abbès. Ich war immer müde, und jede freie Minute fand mich langgestreckt auf meinem Feldbett. Während des Dienstes hatte ich einen merkwürdigen Ehrgeiz, der mir heutzutage sehr komisch vorkommt, hinter keinem an Kraft und Leistungsfähigkeit zurückzustehen. Kaum aber war die Arbeit beendet, so setzte die körperliche und geistige Depression ein – wie Blei lag es mir in den Gliedern.

Mein Kapitän hatte ganz recht, als er eines Tages bei einer Inspizierung vor mir stehen blieb und mißbilligend zu dem Feldwebel sagte: » Il a maigri beaucoup.« Er ist sehr abgemagert.

» Mais il fait son service,« antwortete der Feldwebel. Seinen Dienst verrichtet er.

Das war ja die Hauptsache.

Das Magerwerden und das Müdesein hatte seine guten Gründe. Frühmorgens fing der schwere Soldatendienst an, der Nachmittag brachte die » corvée«, den ebenso schweren Arbeitsdienst, und der Abend bescherte die lächerliche Kleinarbeit der unpraktischen Kasernenroutine. Das Wort corvée, das ja wörtlich Fron heißt und im militärischen Sinne Arbeitsdienst bedeutet, werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen und es nie wieder lesen können, ohne zu schaudern. Die corvée war ein Bestandteil fast jeden Legionstages. Manchmal war die Arbeit so schwer, daß mich jeder Knochen und jede Muskel im Körper schmerzte, manchmal war sie nur lächerlich und deprimierend.

Der größte Teil der Kompagnien versammelte sich gewöhnlich um 1 Uhr nachmittags auf dem Kasernenhofe, und der Feldwebel du jour bestimmte die Arbeitspartien, deren jede unter dem Befehle eines Korporals stand.

Die Arbeit war etwas ganz anderes als der militärische Dienst!

So abgestumpft ich damals selbst gewesen sein muß, so fiel es mir doch jedesmal auf, welch mürrische und verdrossene Gesichter die Leute machten, wenn es zum Arbeitsdienst ging. In kleinen Gruppen marschierten wir zur Kaserne hinaus, mit Besen, Hacken, Schaufeln bewaffnet.

Die Legion war zum Arbeiten da, und dem Legionär konnte man Dinge zumuten, die bei einer anderen französischen Truppe unmöglich gewesen wären. Wenn man in Sidi-bel-Abbès einen Soldaten arbeiten sah, so war es sicherlich ein Legionär. Arabische Spahis oder französische Trainsoldaten, die ja auch in Sidi-bel-Abbès stationiert waren, hatten niemals Arbeitsdienste zu tun, die Straßenfegern und Erdarbeitern zukamen. Das war das Vorrecht der Fremdenlegion!

Von den arabischen Spahis, von Eingeborenen also, verlangte man solche Arbeit nicht. Dagegen mußte die Legion häufig Arbeitskräfte stellen, um die Fourage der Spahis unter Dach und Fach zu bringen. Das mag kleinlich klingen, aber gerade diese Kleinigkeiten sind bezeichnend für die Ausbeutung der Kraft des Legionärs. Er ist zu jeder Arbeit gerade gut genug!

Auf einen Spahi nimmt man Rücksichten, keinesfalls aber auf einen Legionär.

Alle mögliche Arbeit hatten wir zu verrichten. Wir fegten den öffentlichen Garten der Stadt für die Bürger von Sidi-bel-Abbès, während die Gärtner untätig dabeistanden, uns zusahen und uns herumkommandierten; wir rodeten das dichte Unterholz aus und säuberten den Bach, der durch den botanischen Garten floß, von Schlamm und Unrat. Wir leerten die Klosettgruben in den Häusern der Offiziere: wir taten Straßenfegerdienste in schmutzigen Winkeln der Stadt.

Ich war einmal bei einer Abteilung, die die Kloaken im arabischen Gefängnis reinigen mußte. Die Arbeit war über alle Maßen widerlich. Wir hatten einen großen Karren mit Fässern mitgenommen und mußten aus dem Unterbau der einzelnen Zellen und Gefangenenräume die großen Blechgefäße voller Unrat herauszerren, um sie zu unserem Karren zu tragen. Stumpfsinnig verrichteten wir die häßliche Arbeit, während im Gefängnishof faulenzendes Arabergesindel herumlungerte und schlechte Witze über uns machte!

Bald spielten wir Gärtner im riesigen Gemüsegarten der Legion, bald waren wir Maurer, die Schuppen bauten und Baulichkeiten ausbesserten. Des Nachmittags im weißen Drillichanzug waren wir keine Soldaten mehr, sondern Arbeiter, nichts als Arbeiter. In Anbetracht unserer elenden Löhnung: Arbeitssklaven!

Nur der Sonntag war frei von Arbeit. Frei von allem Dienst. Nicht einmal Appelle wurden abgehalten. Und der Legionär legte sich den lieben langen Sonntag hindurch ins Bett! Erst gegen Abend ging er in den Jardin Public, um dem Konzert der Legionskapelle zuzuhören. Dort ging er hin aus Solidaritätsgefühl. Aber viel lieber hätte er weiter geschlafen.


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