Erwin Rosen
In der Fremdenlegion
Erwin Rosen

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»Legionär nix Geld.«

Die Geldsorgen der Legion. – Fünf Centimes Löhnung. – Das Wuchergeschäft des französischen Staates. – Legionsbriefe. – Die Wissenschaft des »Dekorierens«. – Notindustrie der Legionäre. – Der Trommler als Posamentenmacher. – Der Mann mit den Biscuits. – Grenzen erlaubten Stehlens. – Nächtlicher Diebstahl und rasche Lynchjustiz. – Herr von Rader und die Marketenderin. – »Legionär arbeiten – Legionär nix Geld!«

Die armen Kerle, die sich hatten anwerben lassen, weil ihnen das Geld für ein Stück Brot fehlte, irrten sich sehr, wenn sie glaubten, nun den Sorgen entronnen zu sein.

In der Legion gab es erst recht Sorgen. Geldsorgen!

Diese bunt zusammengewürfelten Menschen, die zum allergrößten Teil nur deshalb den Legionsrock angezogen hatten, um einem Daseinskampfe zu entgehen, dem sie nicht gewachsen waren, quälten sich um Geld und sehnten sich nach Geld!

In der Fremdenlegion gab es noch Geld, und durch den gewaltigen Unterschied, den einige Franks Besitz machten, entstanden inmitten der rothosigen Gleichheit des Söldnertums die schönsten sozialen Abstufungen. Draußen in der Welt galt der Daseinskampf der Existenz selbst, dem Sorgen für eine gesicherte Zukunft; hier spielte sich der gleiche Kampf ab, mit dem einzigen Unterschied, daß es sich nur um ein paar Liter Wein handelte, oder um eine durchschwärmte Nacht, oder die Möglichkeit, einen anderen dafür zu bezahlen, daß er Arbeit tat, die der Legionär ohne Geld selbst tun mußte. Der Legionär mit Geld stand auf einer ganz anderen Stufe als der Legionär ohne Geld!

Rassedin, der reiche Rassedin, war ein Fürst in einer Umgebung von armen Teufeln, und ihn, den Fremdenlegionär, trennte von den anderen Fremdenlegionären eine weite Kluft. Man schmeichelte um seine Gunst und ließ sich seinen Hochmut gerne gefallen, wenn nur ein paar Sousstücke oder ein paar gute Zigaretten dabei abfielen. In unserer Stube war er der Herrscher. Die anderen Legionäre ordneten sich ihm widerspruchslos unter, und es sah komisch aus, wie die Kameraden eilten und flogen, wenn diese Legionsverkörperung des Gottes Mammon geruhte, einen Wunsch auszusprechen, und wie sie dann mit strahlenden Gesichtern zur Kantine gingen, um die erhaltenen paar Sous schleunigst in Wein zu verwandeln. Das Selbstbewußtsein, mit dem der Belgier die Würde seines Reichtums (und welch ein Reichtum sind ein paar tausend Franks für einen Legionär!) stolz und unnahbar trug, sah an und für sich komisch aus, aber ich hatte immer das Gefühl, als ob Rassedin, der so gut wußte, daß er einem Ende mit Schrecken, einem häßlichen Tod entgegenging, die kleine gemeine Gewinnsucht der Menschen gründlich kannte und tief verachtete!

Das liebe Geld – es regiert sogar in der Fremdenlegion!

Die Löhnung beträgt fünf Centimes im Tag, ungefähr ein Fünftel der Löhnung eines deutschen Soldaten! Schon der einfache Vergleich wirkt grotesk.

Wenn man aber bedenkt, daß der Fremdenlegionär seine Haut »verkauft«, daß er ein »bezahlter« Söldner ist, so ist der Vergleich geradezu verblüffend. Der Fremdenlegionär braucht gerade kein großes Geisteslicht zu sein, um recht bald den springenden Punkt seines Daseins zu erkennen: die fabelhafte Ausbeutung, deren Gegenstand er ist.

Ganz abgesehen davon, daß Frankreich mit dem billigen Menschenmaterial der Legion seine algerischen Grenzen schützt und Schritt für Schritt die südlichen Oasen erobert, daß überhaupt in den ewigen Kämpfen in den französischen Kolonien fast nur die Truppen der Legion figurieren. Nein, rein geschäftlich, rein vom Standpunkte des Unternehmers: der Fremdenlegionär ist nur zur Hälfte Soldat. Zur anderen Hälfte ist er Arbeiter; Zimmerer, Maurer, Wegebauer und Lastträger. Er ist ein so billiger Arbeiter, daß, wie gesagt, der geringste chinesische Kuli nicht mit ihm konkurrieren könnte. Er bekommt Kleidung, Nahrung und vier Pfennige täglich – der billige, billige Legionär. Zugleich kann er als Soldat in den häßlichsten Klimaten, zu den gewagtesten Operationen verwendet werden, weil kein Hahn nach ihm kräht, und weil seine Kommandeure keine Rechenschaft für sein Leben abzulegen haben.

Die Summe, die seine Arbeit mit dem Gewehr und dem Bajonett, mit Hacke und Schaufel, mit Mörtelkelle und Zimmermannsaxt, dem französischen Staat in all diesen langen Jahren erspart hat, muß enorm sein. Und wenn den Legionär eine Kugel, der Sonnenstich, Typhus oder Dysenterie hinwegrafft, dann verursacht er keine weiteren Kosten, als ein Loch im Sand! So billig! Wahrlich, die französische Republik macht brillante Geschäfte mit der Fremdenlegion. Ruhmgekrönte Soldaten, erfolgreiche Arbeiter: alles für vier Pfennige pro Tag. Bankerotte Existenzen, als Ramschware gekauft, zu Ramschpreisen!

Alle fünf Tage bekommt der Legionär seine Löhnung ausbezahlt, hält fünf kupferne Sousstücke in der Hand und kann sich nun überlegen, ob er sich Zigarettentabak kaufen soll oder Putzzeug oder eine Flasche Wein. Denn zu einem von den dreien reicht es nur. Der Kauf einer Schachtel Zündhölzer, die ja auch in Algerien monopolisiert sind und fünf Centimes kosten, stellt für diesen sonderbaren Söldner ohne Sold schon ein sehr ernsthaftes finanzielles Problem dar, und nirgends in der Welt wird man so häufig um Feuer für eine Zigarette gebeten, wie in den Straßen von Sidi-bel-Abbès und auf dem Kasernenhof der Fremdenlegion!

Da ist es kein Wunder, wenn der Besitz von ein paar Silberstücken als etwas ungeheuer Wertvolles erscheint, und wenn der Legionär Kameraden wie Rassedin gegenüber in lächerlicher Weise kriecht und schmeichelt. Wahrhaftig, die Lektion vom Wert des Geldes kann man nirgends so gut lernen wie in der Fremdenlegion!

Lächerlich klein freilich sind die Geldsorgen der Legion, die sich um Kupferstücke drehen.

Die Glücklichsten (im Sinne der Legion gedacht) sind jene, die noch irgendeine Verbindung nach der Heimat hin unterhalten!

Da werden die fürchterlichsten Brandbriefe an Eltern und Geschwister und Freunde geschrieben. Gewöhnlich übertreibt der arme Teufel von Briefschreiber ein wenig, und seine Schilderungen von Hunger und Elend und Höllenleben sind rührend... Es müssen schon sehr hartherzige Menschen sein, die solche Legions-Briefe nicht mit einer kleinen Postanweisung quittieren. Dann ist der Jubel groß im Land von Sidi-bel-Abbès, und drei Tage lang, oder eine Woche lang oder gar noch länger wird aus dem verlorenen Sohn mit der Postanweisung ein kleiner König, der sich seine Stiefel putzen läßt, und dem es, solange die zwanzig Mark reichen, nicht im Traum einfällt, sein Bett selbst zu machen. Das besorgt ein Kamerad, und der darf dafür mittrinken! C'est la légion! Es steckt ein merkwürdiges Grandseigneurtum in der Sucht des Durchschnittslegionärs, ein paar Tage lang wenigstens den Herrn zu spielen und die Wonne zu haben, andere für sich arbeiten zu lassen – ein untrügliches Zeichen, wie bitter arm der Legionär ist.

Die Legionäre mit den Postanweisungen stellen die crême de la crême, die Elite der Legionärsgesellschaft dar. Die anderen, denen selbst die Legion das eigensinnig gerade Rückgrat nicht zu biegen vermochte (sie sind selten) oder die niemand mehr haben, der sie des Opfers von ein paar Silberstücken wert erachtet (sie sind häufig), müssen sich eben helfen, so gut es geht – sie müssen »sich dekorieren«.

Das ist die große Kunst der Fremdenlegion! Dekorieren ist ein Mischmasch von Arbeit, Witz, Schlauheit und Diebstahl schlankweg.

»Dekorier' dich!«

Das ist die Summe der Weisheit eines alten Legionärs, und die beiden Wörtchen sind der einzige Rat, den er einem Neuling gibt – geben kann. Mach' dir das Legionsleben so leicht als möglich, bedeutet dieser Rat, sorge dafür, daß dein Tabaksbeutel gefüllt bleibt, daß deine Uniformstücke in Ordnung sind, daß du möglichst oft die drei Sous hast, ohne die man nun einmal einen Liter Wein nicht bekommen kann. Wie dieses »Sich dekorieren« gemacht wird, ist höchst individuell.

Guttinger verfertigte aus bunten Tuchstückchen und altem Lederzeug farbenschillernde ceintures, Gürtel mit Legionsemblemen und Legionsknöpfen, für die er bei Arabern und spanischen Arbeitern in den Kneipen von Sidi-bel-Abbès reißenden Absatz fand. Das war seine Art, sich zu dekorieren. Dabei entwickelte der alte Landsknecht einen merkwürdig regen Geschäftssinn. Mit den Arabern (die sich nach ihrer Art von barem Geld nicht trennen können), machte er Tauschgeschäfte, bei denen er jedesmal Sieger blieb. Bald handelte er für seine bunten Tuchfetzen ein Paar der hübschen, goldgepunzten Araberschuhe ein, bald war es ein grotesk geschnitzter arabischer Stecken, bald ein marokkanisches Geldtäschchen mit feiner Lederarbeit. Dann steckte sich Guttinger hinter einen der Legionäre, die im Offizierskasino Aufwärterdienst taten, und diese wieder fanden mit Leichtigkeit splendide Kunden unter den jungen Offizieren. Das Endresultat war immer wieder das gleiche: viele Liter des süßlichen, schweren, roten Algierweins – des unsterblichen Weins, in den sich alle Silberstücke der Legion unfehlbar verwandeln.

Einen Legionär von der vierten Kompagnie nannte man in der ganzen Legion » l'homme des biscuits«. Seine Spezialität war es, in allen Kompagnien die Biskuits zu sammeln, die zweimal wöchentlich als Ergänzung der Brotration verteilt wurden. Sie waren ähnlich wie Schiffszwieback, sehr hart, und die meisten Legionäre rührten sie nicht an. So hatte der »Biskuitmann« ein ergiebiges Sammelfeld. Auf irgendeinem Schleichwege, den er sorgfältig geheimhielt, schaffte er Sack auf Sack solcher Biskuits aus der Kaserne und fand auf dem Marktplatz von Sidi-bel-Abbès eine Menge Abnehmer. Andere, denen es an Witz fehlte, beschränkten sich darauf, für Kameraden, die Geld hatten, zu waschen und zu putzen. Alle aber taten ihr möglichstes, sich »zu dekorieren«, ihr wichtigster Lebenszweck war das Erhaschen der paar Kupferstücke für einen Liter ...

Im Dekorieren liegt aber auch Diebstahl.

Die Legion zieht darin eine sehr scharfe Linie. Der Diebstahl von Uniformstücken, um solche zu ersetzen, die einem selbst gestohlen wurden, oder die man verloren hat, gilt als durchaus anständig und gentlemanlike. Es geht einfach nicht anders, denn wer etwas verliert, wird erheblich eingesperrt.

Das »stehlende Dekorieren« lernt der Rekrut sehr schnell: »Ich hab' eine Drillichhose verloren,« stöhnt der Rekrut.

»Macht nix!« sagt der alte Legionär.

»Verflucht, was soll ich denn anfangen?« jammert der Blaue.

» Dekorier' dich, du Kamel!« sagt der Alte.

Worauf der Rekrut in den hinteren Hof ging, wo der Platz zum Trocknen der Wäsche war, und mit Lammesgeduld in einem verborgenen Winkel wartete, bis gerade niemand aufpaßte. Dann packte er eine Hose, patschnaß, wie sie an der Leine hing, und kam triumphierend in die Stube zurück. Er hatte sich »dekoriert«.

Eine einzige verbummelte Drillichhose führt mit tödlicher Sicherheit zu hundert verschiedenen Drillichhosen-Diebstählen.

Dem leidtragenden Bestohlenen erwächst nicht einmal ein besonderer Schaden, denn – er macht es genau ebenso, und irgendwo in der endlosen Drillichhosenkette findet sich schon einer, der eine neue Hose kauft. Irgendwie gleicht es sich immer wieder aus. Am meisten profitieren natürlich bei diesem System die »Kleiderkammern« der einzelnen Kompagnien, oder vielmehr die Unteroffiziere, denen die Verwaltung der Uniformbestände anvertraut ist. Dem Legionär ist das Dekorieren so zur Gewohnheit geworden, daß er gar nicht daran denkt, seinen Feldwebel zu behelligen, wenn ihm ein Uniformstück schadhaft geworden ist. Das wäre viel zu viel Schererei! Stehlen ist ja viel einfacher. Ist die Jacke zerrissen? N'importe, irgendwie und irgendwo stiehlt man sich eine. Wieder beginnt der Ringelreihen von Dekorierdiebstählen, und viele Jacken wechseln ihre Besitzer, bis entweder ein Ungeschickter seinen Verlust meldet und sofort ins Gefängnis fliegt oder aber ein »Wohlhabender« sich hinter einen der Kammerunteroffiziere steckt und eine neue Jacke kauft... Die Hereingefallenen sind immer diejenigen Neulinge, die noch einige Groschen Geld haben. Der richtige alte Legionär aber ist immer glücklicher Besitzer einer tadellosen Ausrüstung – aus allen möglichen Mannschaftsstuben zusammengestohlen!

Diese Sorte von Diebstahl gilt als sportmäßig und ist erlaubt, wenn – man sich nicht gerade vom Eigentümer erwischen läßt.

Wehe aber dem Legionär, der es sich beifallen ließe, weitherzig zu werden und seine Dekorierungstätigkeit auf Tabak oder Geld oder gar Brot auszudehnen. Die ganze Kompagnie würde sich sofort zum Detektivkorps konstituieren, ihn zweifellos sehr bald erwischen und – der Rest wäre Schweigen und Lazarett!

In einer der ersten Nächte schon spielte sich in unserem Zimmer eine häßliche Szene ab, die so recht zeigte, wie man in der Legion mit einem Dieb umgeht. Mitten in der Nacht hörte ich einen wütenden Schrei, sprang auf und sah schlaftrunken um mich. Um Rassedins Bett stand eine dichte Gruppe von schimpfenden, gestikulierenden Legionären. Ich trat hinzu. Guttinger und drei andere hielten mit eisern zupackenden Fäusten einen Legionär fest, der kaum sprechen konnte vor Entsetzen und kalkweiß im Gesicht war. Rassedin stand im Hemd da und leuchtete mit der Nachtlampe in das Gesicht des Ertappten.

»Du bist von der zehnten Kompagnie?« fragte er ihn.

»Ja,« stotterte der Mann.

»Was machst du dann hier bei der Elften?«

»Wein getrunken ... ins falsche Zimmer gekommen ... laßt mich doch los!« war die Antwort.

Unterdessen waren alle anderen wach geworden und umstanden die Gruppe.

» Nom de Dieu – so'n dreckiger Kerl!« sagte Rassedin. »Hört zu, Kameraden. Mein Geld hatte ich in meiner Hose, und meine Hose hatte ich unter mein Kopfkissen gelegt. Vorhin spürte ich etwas, fahre auf und greife zu. Wißt ihr, was ich erwischt habe? Die Hand von dem Kerl da.«

»Ich bin über dein Bett gefallen,« sagte der Legionär trotzig.

» Voleur!« schrie Guttinger. »Dieb!«

Es war, als sei das Wort ein Signal. Mit einemmal hoben sich Fäuste, ein Bajonett blitzte, ein Getümmel entstand, und ein Dutzend Legionäre wälzten sich auf dem Boden. Die Szene dauerte kaum eine Minute. Dann wurde es still – der Legionär von der Zehnten lag blutend und stöhnend da. Das Gesicht des Mannes sah schwarz aus, so fürchterlich zerschlagen war es. Ein Hieb mit dem Bajonett hatte die eine Backe gespalten, und ein Blutstrom rieselte über die blaue Jacke. Die Wache kam, und der Mann wurde ins Lazarett geschafft.

»Mein Geld wollte er stehlen! Dekorieren wollte er sich!« sagte Rassedin grimmig. »Vorläufig haben wir aber ihn dekoriert!«

Der Mann lag wochenlang im Lazarett, und von einer Untersuchung oder gar von einer Bestrafung der eigenmächtigen Justiz war keine Rede. Die Strafe des Diebs liegt nach alter Legionsgewohnheit in den Händen seiner Kameraden.

*

Beim Dekorieren war Herr von Rader in seinem Element. Er lebte sich so lächerlich schnell ein, daß nach einer Woche die ganze Legion ihn kannte, und daß schon nach ein paar Tagen unser Feldwebel bei einem Appell auf dem Zimmer vorwurfsvoll zu ihm sagte:

» Tu n'est pas sérieux!«

»Heh?« sagte Herr von Rader.

»Du sein nix ernsthaft. Nix gediegen!« radebrechte der Feldwebel.

»Doch! Sehr ernsthaft, mon adjudant!« grinste Rader.

»Ernsthaft und jediegen soll ick sein!« sagte Herr von Rader, als der Feldwebel das Zimmer verlassen hatte. »For fünf Centimes im Tag ooch noch ernsthaft und jediegen! Bin ick 'n preuß'scher Rejierungsrat oder bin ick 'n Fremdenleschionär??«

Ernsthaft an Herrn von Rader war jedenfalls sein Bestreben, sich zu dekorieren, wo es anging. Abend für Abend ging er hinüber in die Kantine. Er hatte zwar kein Geld, aber er jonglierte unermüdlich mit leeren Weinflaschen, machte die schwierigsten Zaubereien mit Absinthgläsern und erzählte Madame la cantinière (die ein bißchen Deutsch verstand) viele lustige Schnurren, bis es ihm gelungen war, der Naivität der Dame, die über so viele, schöne, dickbäuchige Weinfässer verfügte, tief zu imponieren. Der Mann der vielen Geschicklichkeiten amüsierte sie, und sie tat etwas, was sie in ihrem ganzen Kantinenleben noch nie getan hatte: sie schenkte dem lustigen Rader allabendlich eine Flasche Wein und gab ihm obendrein noch auf ein imaginäres Zehn-Sous-Stück heraus. Der portugiesische Gatte von Madame ahnte das kleine Geheimnis des guten Herzens seiner Frau nicht. Er hätte auch völlig ruhig sein können: Herr von Rader interessierte sich nicht für die eheliche Treue der Regimentsmarketenderin – er liebte nur ihren Wein!

So dekorierte sich Herr von Rader durch sein geschwätziges Mundwerk und seine geschickten Artistenfinger. Die Soldatenarbeit fiel seinem trainierten Körper nicht schwer. Die Kunst des Dekorierens, die nichts anderes ist als die Lebenskunst der Landstraße, hatte er in einem langen fahrenden Leben mit all' ihrer Schlauheit und all' ihren Kniffen gründlich erlernt. Der Rekrut Rader fühlte sich wohler unter der Legionsflagge als alle anderen seiner Mitrekruten. Manchmal aber (wenn Madame la cantinière schlechter Laune war, oder der portugiesische Gemahl zu sehr aufpaßte) kam auch Herr von Rader in die Stimmung der Nachdenklichkeit. Dann rieb er wütend an seinem Lederzeug herum und dozierte praktische Philosophie. Etwa so:

» Nom de Dieu!« (Die Flüche der französischen Sprache beherrschte Herr von Rader bereits.) » Nom de bon Dieu! D' Leschion is nischt! 'ne Zigarette und 'ne halbe Buddel Wein wachsen überall auf der Welt for einen so intellijenten Mann wie mir! Bin ick Soldat jeworden, um mir for jede Zigarette halb tot zu strampeln? Nee – der Vorteil von dat Jeschäft is' nich auf meiner Seite! Beschwindelt haben sie mir! Und ick mache mir jelejentlich dünne. Ich verflüchtige mir. Ick will Ihnen mal wat sagen, jeehrter Jenosse: ick schieb' ab!«

Später ist er einmal »abgeschoben« und hat die ganze maßlose Karte des Strafsystems in der Legion durchgemacht, der fidele Herr von Rader.

Selbst ihm, dem lustigen Kumpan, der sich so gut zu helfen wußte und der so viel Sinn hatte für groteske Farben, drängte sich immer wieder das einfache Rechenexempel der Legion auf, an dem schon so viele Tausende armer Teufel kopfschüttelnd herumgerechnet haben, und das ein arabischer Spahi einmal in sieben höhnenden Wörtern ausdrückte:

»Legionär viel Arbeit – Legionär gar nix Geld.«


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