Egon Roland
Der Fall Landru
Egon Roland

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Der achtzehnte Tag.

(Die Zivilparteien.)

(26. November.) Der Tag gehört den Zivilparteien. Das Wort ergreift zuerst M.  Surcouf, der die Interessen der Eheleute Friedmann, Schwester und Schwager der Frau Cuchet, der ersten Verschollenen, vertritt. M. Surcouf versucht zuerst den guten Ruf der Frau Cuchet wieder herzustellen, der durch die Argumente der Anklage und die Behelfe der Verteidigung angegriffen wurde. Er entwirft ein Bild von Landru, indem er ihn als Berufslügner darstellt, der die Lüge nur zur Vorbereitung des Verbrechens und nachher zu dessen Verbergen benötigt.

Landru scheint an dieser Rede nur das entfernteste Interesse zu nehmen.

Nun spricht M. Lagasse:

»Die Geschworenen haben sie gehört, diese Schwester, welche nach ihrer Schwester fragt, diese »kleine Mama«, welche ihre »Tochter« verlangt. Und sie wissen heute, daß diese Schwester, diese Tochter ermordet wurde – ermordet von Landru.« –

Jetzt spricht der Redner von den Theaterrevuen, in denen Landru vorkam, über den sich niemand empörte, und von dem man in gewissen Couloirs sagte: »Eh! eh! Zweihundertdreiundachtzig Frauen. Niemand bedauerte die Opfer, sie wurden vielmehr manchmal beneidet.«

M. Lagasse       M. Surcouf

Diese Worte erwecken einiges Gemurmel. Schnell setzt der Advokat hinzu: »Man beneidete sie, da man nicht die ganze Wahrheit kannte.« – Er fährt fort: »Wenn eine einzige von diesen Frauen, wenn der 17-jährige Jüngling noch leben würde, nach drei Jahren, die der Fall Landru nun dauert, nach diesen vierzehn Tagen, in denen der Inhalt dieser Debatten in die entlegensten Orten berichtet wurde, hätte nicht mindestens eines dieser Opfer dem Rufe geantwortet?«

M. Lagasse erkennt das System der »Mauer des Privatlebens« nicht an. Er will an das Schweigen des »Ehrenmannes« nicht glauben.

»Komödie niedrigster Sorte! Zynismus! Verstellung eines fünfmal verurteilten und schon vor der endgültigen Sühne stehenden Verbrechers! – Was machte Landru mit seinen Opfern? Wie tötete er sie? Der Herr Staatsanwalt wird es Ihnen sagen.«

Landru macht sich Notizen.

M. Lagasse gerät immer mehr in Feuer: Er steht vor den Geschworenen. »Er hat sie getötet, der elende Schurke! Aber wie? Durch Gift? Durch Erwürgen? Im Schlaf? Hat sie lange gelitten? Hat sie gerufen? Das ist die Frage, gestellt von derjenigen, welche die arme Verstorbene beweint . . . Ich habe geendigt. Ich habe den Ausdruck des Schmerzes der Frau Fauchet, Schwester der ermordeten Frau Pascal übermittelt. Der Herr Staatsanwalt wird Ihnen von den »Opfern« sprechen, im Namen der Gesellschaft, die er verkörpert. Ich wollte einfach eines der Opfer verteidigen. Auf meine Seele und Gewissen behaupte ich, daß Landru die Frau Pascal ermordet hat. Ich erwarte mit Vertrauen Ihr Urteil. Meine Herren Geschworenen, Sie werden ohne Angst, ohne Schwachheit verurteilen können; das schwarze Kleid, das ich trage, ist Ihnen Garantie gegen jeden Zweifel.«

M. Lagasse hat geendigt. Sie Sitzung ist aufgehoben.


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