Egon Roland
Der Fall Landru
Egon Roland

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Der elfte Tag.

(Fall Pascal.)

(18. November.) Auf dem Tische der Mme. Cuchet liegen diesmal einige Nippessachen und – eine Perücke.

Die Sitzung wird eröffnet. Landru erhält das Wort. Über einige Punkte seiner Buchführung befragt, erbittet er zunächst das Notizbuch zur Einsicht. Er erhält es und erwähnt bei dieser Gelegenheit: »Schließlich habe ich meine Buchführung doch nicht zu dem Zwecke eingerichtet, um daraufhin eines Tages den Geschworenen Antwort zu stehen.«

Später erklärt er: »Man hat Mme. Héon umsonst gesucht. – Nun – sie wohnt in der Nähe ihres früheren Logis, im Hotel du Mans in der rue de Rennes.

Das ist die Erklärung, die Landru tags vorher angekündigt hat.

Staatsanwalt: »Das ist sehr interessant, Landru. – Es wird untersucht werden. – Es ist interessanter als Sie glauben.« –

Nun kommt man zum Fall Pascal.

Mme. Pascal, 33 Jahre alt, hatte während des Krieges verschiedene Liebhaber unter den »Poilus«, welche Kriegspatinnen suchten. Durch eine Anzeige, die Landru einschalten ließ, kam er in Verbindung mit ihr, die damals in Belleville Villa Stendhal wohnte. Die Bekanntschaft war rasch geschlossen.

Präsident: »War sie Ihre Geliebte?«

Landru: »Ich schweige.«

In sein Notizbuch hat Landru eingetragen: Schneiderin, dunkel, jugendliches Aussehen.

Landru will davon nichts hören, auch nicht von den Heiratsplänen, – von nichts als von seinem Handel mit Möbeln. Mme. Pascal besaß sonst nichts.

Zu jener Zeit wohnte Landru (für Pascal – Lucien Forest) in der rue de Maubeuge unter dem Namen Guillet.

Mme. Pascal hatte ihrer alten Freundin, Mme. Carbonel, erzählt, daß Landru sie eines Abends in der Villa Stendhal ihre Haare auflösen ließ und sie schweigend starr ansah. Wollte er sie vielleicht hypnotisieren? (NB. trug Mme. Pascal eine Perücke.)

Landru: »Von dieser Erzählung erfuhr ich überhaupt erst im Gefängnis.«

Er fügte hinzu, daß Mme. Pascal des öfteren »die Wahrheit durcheinanderbrachte«.

Der Präsident gibt zu, daß sie hysterisch gewesen sein konnte.

Im April zog Mme. Pascal zu Landru nach Gambais. »Da es sich im April am Land angenehm leben läßt«, bemerkt dieser.

Nunmehr ging Landru an die »rituelle« Übersiedlung. Mit einem Handwagen, unter Beihilfe seines Sohnes Charles, wurde sie durchgeführt. Die Einrichtung zu Gambais fand am 4. April 1918 statt. Auch diesmal sind unter diesem Tag eine einfache und eine Tour-Retour-Fahrkarte verzeichnet.

Landru: »Man macht mir Anstände wegen dieses Retourbilletts. Dabei gibt aber die Anklage selbst zu, daß Mme. Pascal sich ständig am Land einrichten wollte.«

Am 4. April begleitete Mme. Carbonel ihre Freundin zum Bahnhof. Mme. Pascal hatte ihre Lieblingskatze mitgenommen. Aus dem Waggon noch versicherte sie ihre Freundin: Ich werde dir schreiben.

Die Anklage konstatiert, daß die Verschwundene weder ihrer Freundin, noch ihrer Hausbesorgerin ihre neue Adresse zurückließ.

Präsident: »Es ist so, als ob alle diese Frauen unter einem gewissen Einfluß gehandelt hätten, als sie so hartnäckig ihre neue Adresse geheim hielten. – Landru, Sie sind am 6. April nach Paris zurückgekehrt?«

Landru: »Das stimmt.«

Präsident: »Von Mme. Pascal hat man nichts mehr gehört. Hingegen liest man im Notizbuch unter dem 5. April: »17 Uhr 15«. Wollen Sie diesmal die Stundenangabe erklären?«

Landru: »Nun gut, ich werde ein Alibi oder eine plausible Erklärung zu finden wissen. Allerdings erinnere ich mich nicht mehr genau, um die Sache zu erklären. Aber wenn Sie an diesem Tag ›17 Uhr 15‹ finden, so werden Sie am folgenden Sonntag ›44,70‹ verzeichnet sehen.«

Weder der Präsident, noch der Staatsanwalt finden diese Bemerkung.

M. Lagasse: »Es gibt doch gar kein ›44 Uhr‹.«

Landru (heftig): »Es handelt sich hier doch gar nicht um Stunden!«

Präsident: »Aber ich bitte Sie, Maitre –«.

Landru liefert keine Erklärung.

Frage: »Was wurde aus Mme. Pascal?«

Landru: »Sie blieb in Gambais.«

Präsident: »Und ruht vielleicht noch dort im Schweigen . . . des Todes!«

Landru: »Nein, nein! Suchen wir nur keine Tragik. Da ich es bin, der ich meine Unschuld beweisen muß, so will ich so gut sein, Ihnen zu sagen, daß Mme. Pascal nach Paris am 12. oder 13. April zurückgekehrt ist. Am 18. kommt sie wieder nach Gambais. Im Notizbuch finden Sie die genauen Aufzeichnungen. Demnach hat also Mme. Pascal, die Sie bereits am 5. April sterben ließen, am 18. noch die Energie zur Reise nach Gambais gehabt.« –

Der Präsident, seine Heftigkeit beherrschend, treibt Landru durch verschiedene Fragen in die Enge. Er erklärt weiter: »Die Anklage findet noch neue Beweise in drei Briefen der Mme. Pascal.«

Der erste kündigt einen geplanten Besuch bei Mme. Carbonel an. »Ich und meine Katze«, schreibt sie, »befinden uns in der Fremde, zu Gambais«. Der zweite Brief wurde bei Landru gefunden. Er ist vom 5. April datiert, zeigt einen zweiten Besuch an und teilt mit: »Mein Kätzchen ist artig«. Als ihre Adresse gibt sie an: »Villa Guillet zu Boulay bei Bazinville«.

Frage: »Sollte man nicht annehmen, daß dieser Brief abgesandt wurde, um die Angelegenheit zu verschleiern? Wozu diese falsche Adresse?«

Landru: »Mme. Pascal hatte eine besonders starke Phantasie. Sie kann diese falsche Adresse nach meinen Angaben gemacht haben, weil es ihr eben so gefiel.«

Präsident: »Der dritte Brief war an Mme. Fauchet. Das Datum ist vielfach überschrieben. Nach Feststellung des Schriftsachverständigen wurde das erste Datum ›4. April‹ zunächst in ›5‹, dann in ›15‹ umgewandelt. Schließlich wurde der ›19.‹ daraus. Die letzte Zahl stammt nach Aussage des Sachverständigen von Landru. Wollten Sie vielleicht glauben machen, daß Mme. Pascal am 19. in Gambais war? Geben Sie zu, die Ziffern überschrieben zu haben?«

Landru (gezwungen lachend): »Oh, keineswegs. – Über das Aussehen einer einzigen Ziffer will mich ein Sachverständiger aburteilen. Mme. Pascal ging am ursprünglichen Datum des Briefes nicht zur Post. Bei ihrer zweiten Reise bemerkte sie wohl ihre Vergeßlichkeit und besserte das Datum aus. Das ist meine Auffassung.« –

Am 10. April kam Landru allein in die Villa nach Gambais zurück. In seinem Buch liest man: »Kassenbilanz Pascal 8,85, was bedeutet das?«

Landru (niedergeschlagen): »Wozu immer diese lästigen Beschuldigungen! Es wäre so einfach, diesen Aufzeichnungen ihren kaufmännischen Wert zu lassen.«

Nochmals gefragt, erwidert er, er habe eben eine Verrechnung mit Mme. Pascal gehabt.

Frage: »Haben Sie nicht fast sofort das Mobiliar der Mme. Pascal verkauft, das Sie aus der rue Maurice weggeschafft hatten?«

Landru: »Ich erinnere mich nicht. Ich antworte genau.«

Frage: »Unter dem 4. Juni 1918 trugen Sie in Ihr Notizbuch den Verkauf eines goldenen Gebisses ein, anschließend an Ihre Verkäufe vom Mai. – Mme. Pascal trug ein Gebiß.«

Landru: »Der Akt spricht doch sogar von zwei Gebissen. Nach dem Pseudoverschwinden der Mme. Pascal stürzt man sich auf diese Aufzeichnung. Nun –«

Und er erklärt, daß das Gebiß von seinem Vater stammte.

Frage: »Verkauften Sie nicht auch einen Ring?«

Landru: »Nichts als einen Platinring aus einem Automotor.«

Mme. Pascal hatte verschiedene Gegenstände versetzt. Die Pfandscheine wurden später von einem Unbekannten ausgelöst.

Ferner hat man ein Billett der Verschwundenen mit dem Vermerk: »Bitte, meine Schwester zu verständigen, falls mir etwas zustoßen sollte«, bei Landru gefunden.

Präsident: »Das ist das Geschick der Familienpapiere aller Klientinnen dieses sonderbaren Möbelhändlers. Warum kann Landru nicht genau antworten?«

Landru: »Ah, bitte, Herr Präsident, hier muß ich Sie unterbrechen! Ich kann nicht antworten. Aber sie alle sind dorthin, wohin sie ihre Bestimmung gerufen hat. So wie Mme. Guillin nach der Avenue de Ternes. Sie machen mich zum moralischen Vormund dieser Frauen. Ich kann nicht antworten, wenn Sie mich noch so oft fragen: Wo sind sie nachher gewesen.«

Präsident: »Aber das ›Ihnen heilige Depot‹, wie Sie sagen, mußte doch zurückverlangt werden!«

Landru: »Ich will nicht antworten« –

Nachdem der Vorsitzende sein Verhör beendet hat, stellt der Staatsanwalt eine schwierige Frage:

Am 10. April besitzt Landru 6 Francs 25. Am 11. kassiert er in Gambais 8 Fr. 85 ein. Von wem? Von Mme. Pascal als Abrechnung, da er für sie in Paris 15 Francs für Rückstände gezahlt hat. Demnach hat er also am 10. mehr als 6 Fr. 25 besessen?

Der Verteidiger fragt etwas verwirrt: Worum handelt es sich da? Der Staatsanwalt wiederholt und forscht weiter.

Landru entschuldigt sich, daß er hier einen Einkauf von Artischocken erwähnen müsse. Er lenkt von der Hauptsache ab.

Staatsanwalt: »Nach der Rückkehr der Mme. Pascal am 18. April –«

Landru: »Ich wäre eigentlich nicht verpflichtet gewesen, Sie auf die andere Angelegenheit nochmals aufmerksam zu machen.«

Staatsanwalt: »Auf Mme. Héon? – Ich habe davon bereits mittags erfahren.«

Landru: »Und warum haben Sie nicht darauf geachtet?«

Staatsanwalt: »Landru, glauben Sie, wenn ich etwas gefunden hätte, das für Sie günstig ist, daß ich dies nicht dem Gerichtshof mitgeteilt hätte.«

Mme. Koeßler ist die Hausbesorgerin der Villa Stendhal. Sie weiß, das Mme. Pascal einen Herrn Lucien Forest heiraten wollte, nachdem sie ihr geringes Mobiliar verkauft hatte. Am Tage des Umzuges sah die Zeugin Mme. Pascal mit zwei Koffern wegfahren, später hat sie diese nicht wieder gesehen. »Sie wollte mir schreiben. Ihre Adresse hat sie mir nicht gegeben.«

Nach einigen weiteren Aussagen und einem Zwischenfall – eine Zeugin ruft dem Angeklagten »Landru, der Mörder« zu, worüber sich der Verteidiger aufregt – beschreibt eine Zeugin das Gebiß der Mme. Pascal. Die nächste, Mme. Marie Brissot, Nachbarin der Pascal, half beim Umzug. Die Pascal war nicht dabei.

M. Lagasse: »Wer brachte Ihnen einen Brief für Mme. Carbonel?«

Zeugin: »Landru.«

M. Lagasse: »Wer hat Ihnen angekündigt, daß Mme. Pascal Sie besuchen werde?«

Zeugin: »Landru.«

M. Lagasse: »Die Herren Geschworenen mögen sich daran erinnern.«

Nun folgt Mme. Carbonel. Es ergibt sich ein kurzes Zwischenspiel, da die Zeugin über den Präsidenten gekränkt ist, der sie unterbrochen hat. Schließlich erzählt sie und kommt auch zur Episode der »Fascination« und der aufgelösten Haare. Die Aussage ist ziemlich verworren. Landru blickt seinen Verteidiger an. Es ergibt sich jedoch keine weitere Debatte und die Sitzung wird geschlossen. –

Man ging sofort der Angabe Landrus bezüglich der Mme. Héon nach und fand Folgendes:

In dem angegebenen Hotel du Mans hatte auf der Durchreise in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 1915 tatsächlich eine Mme. Madeleine Eon gewohnt, nach ihrer Angabe 32 Jahre alt, geboren in Rennes. Ist sie mit Mme. Berthe Héon aus Havre identisch? Aber wenn sie es ist, warum hält sie sich seit 6 Jahren verborgen?

Der Verteidiger hat ferner dem Vorsitzenden einen Brief aus London übergeben, in welchem ein M. Ensel mitteilt, er habe vor etwa einem Jahre in einem Café in Buenos Aires eine Frau getroffen, die erzählte, sie habe mit Landru zusammen gelebt. Der Schreiber dieses Briefes erbietet sich, als Zeuge in dem Prozeß aufzutreten.


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