Egon Roland
Der Fall Landru
Egon Roland

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Vorgeschichte

Am 2. Februar 1919 machte ein Kindermädchen, namens Lacoste die Pariser Staatsanwaltschaft auf das beunruhigende Verschwinden ihrer Schwester aufmerksam. Diese, Célestine Lavile, verwitwete Buisson, geboren 1873, war im August 1917 plötzlich verschwunden – zu einer Zeit, da sie eben im Begriffe stand, sich mit einem gewissen Ingenieur George Frémyet zu verehelichen. In der Anzeige war der Vermutung Ausdruck gegeben, daß es sich hier um einen Mord handeln dürfte. Mme. Buisson war seit dem Tage nicht wieder gesehen worden, da sie und ihr Bräutigam sich entfernt hatten, um sich in einer Villa einzurichten, die Frémyet in Gambais bei Houdan (Seine-et-Oise) gemietet hatte.

Fast zur gleichen Zeit erhielt der Staatsanwalt Anzeigen über das Verschwinden von zwei weiteren Frauen – einer Mme. Anna Moreau, verwitwete Collomb, 44 Jahre alt, Kontoristin, und einer Mlle. Marie-Thérése Marchadier, 38 Jahre alt, von Beruf Zimmervermieterin. Beide waren laut Anzeige verlobt gewesen, die Marchadier mit ebendemselben Frémyet, Collomb mit einem Geschäftsmann namens Guillet, beide seit dem Tage nicht wiedergesehen worden, da sie sich entfernt hatten, um mit ihrem Bräutigam einen Spaziergang nach Gambais zu machen.

Das Gericht ging der Sache nach. Man untersuchte Gambais und fand, daß eine Villa »Ermitage«, abseits von jeder Behausung gelegen, von einem gewissen M. Dupont gemietet worden war, der tatsächlich zu verschiedenen Malen Damen hiehergeführt hatte. Aber dieser Dupont hatte sich bereits seit längerer Zeit nicht mehr in der Villa gezeigt, sein Aufenthalt war unbekannt. Eine Klage auf Mordverdacht wurde gegen den Unbekannten erhoben.

Am 10. April desselben Jahres traf Mlle. Lacoste in der rue de Rivoli zufällig einen Mann, in dem sie Frémyet erkannte. Bevor sie sich von ihrer Bestürzung erholt hatte, war er verschwunden. Das Mädchen hatte jedoch bemerkt, daß Frémyet aus einem Porzellanladen gekommen war, die Polizei, rasch verständigt, erfuhr vom Geschäftsinhaber Namen und Adresse des Kunden: M. Guillett, 76 rue de Rochechourt.

Am nächsten Tag, frühmorgens, erschien ein Polizeikommissär in der angegebenen Wohnung und fand hier, gemeinsam mit einer jungen Frau, seiner gegenwärtigen »Braut«, – »Guillet« – »Frémyet« – »Dupont« – den Mann von Gambais – – Landru.

Henri-Désiré Landru, zur Zeit seiner Verhaftung etwa 50 Jahre alt, wurde in Paris als Sohn eines Mechanikers geboren. Der Knabe erwies sich als guter Schüler, war eine Zeitlang Chorknabe, wurde dann Unter-Diakonus. Doch die kirchliche Beschäftigung schien bald durch eine etwas weltlichere verdrängt. Landru ließ sich in verschiedene Liebesabenteuer ein, er heiratete schließlich. Dann rückte er zum Militär ein und kehrte mit dem Rang eines Quartiermeisters (sergent-fourrier) zurück. Gegen das Jahr 1900 beging er, bis dahin unbescholten, Ehemann, Vater von zwei Kindern, sein erstes Vergehen, das ihn mit dem Gericht in Konflikt brachte. Es folgten verschiedene Schwindeleien, Kautionsbetrügereien, Landru begann durch Zeitungsanzeigen zu arbeiten, »er übte sich ein«. 1902 erhielt er zwei Jahre Gefängnis, weitere Verurteilungen folgten 1906, 1909, 1910. – – –

Die Eltern hatten sich bereits 1909 nach Agen zurückgezogen. 1912 – während Landru eben eine Verurteilung im Gefängnis von Loos abbüßte – starb die Mutter. Am 26. August desselben Jahres verübte der Vater Selbstmord.

Doch schon 1914 wurde Landru neuerdings verurteilt, und zwar per contumaciam zu 4 Jahre Gefängnis und Verweisung. Nun verschwand er von der Bildfläche – und tauchte wieder auf als Frémyet, Nattier, Guillet, Diart, Dupont etc. – Er ließ in die Zeitung Inserate mit folgendem Wortlaut einschalten: »Herr, 45 Jahre alt, allein, ohne Familie, in angesehener Stellung, mit eigenem Heim, wünscht gutsituierte Dame zu heiraten. Alter entsprechend.«

Auf diese Weise sammelte er bis zu seiner Verhaftung nicht weniger als 283 »Bräute«. Um diese nicht immer an einem Ort »empfangen« zu müssen, mietete er außer der Villa in Gambais und mehreren Garagen in Clichy und Neuilly als zweites Absteigequartier die Villa »The Lodge« zu Vernouillet, dann eine andere in Gouvieux bei Chantilly – alle entsprechend isoliert gelegen. Ja, mit einer seiner Eroberungen zog er sich sogar auf kurze Zeit in einen entlegenen Winkel der normannischen Küste zurück. – – –

Als man Landru verhaftete, entdeckte man bei ihm ein umfangreiches Notizbuch, sein »Hilfsbuch« (aide-mémoire), wie er es nannte, voll von merkwürdigen Aufzeichnungen, denen man nachging: So fand man die Frauen verzeichnet, mit denen er verkehrt hatte, bei manchem Namen sah man besondere Zeichen hinzugeschrieben, Ziffern, eine Stundenzahl, manchmal auch ein Kreuz. Man konstatierte, daß gerade diese Frauen seit ihrem Verkehr mit Landru spurlos verschwunden waren. Es waren insgesamt zehn. Dazu kam ein junger Mann, der Sohn einer der »Bräute«, der gemeinsam mit seiner Mutter nach Gambais gegangen war, um nicht wiederzukehren.

Das Notizbuch führte diese Frauen teilweise unter irgendeinem Stichwort an, das auf die Betreffende Bezug hatte. Die Liste lautete: Cuchet – A. Idem – Brésil – Crozatier – Havre – Collomb – Babelay – Buisson – Jaume – Pascal – Marchadier.

Landru befleißigte sich einer peinlich genauen Buchführung. Bei allen diesen Namen standen genaue Ziffern über die Beträge, die ihm nach dem Verschwinden der Bräute durch den Verkauf ihres Besitzes zugeflossen waren. Er führte dieses unter einer Rubrik – »Rekapitulation« an und verzeichnete genau das Bargeld, den Verkaufsbetrag für Möbel, Kleider, Wertpapier, ja selbst für das Gebiß einer der Vermißten. –

Man forschte den einzelnen Fällen nach (die Untersuchung wurde von M. Bonin geleitet) und kam zu folgenden Ergebnissen:

1. Cuchet. – Die Witwe Cuchet, geborene Jamart, Weißnäherin, Mutter eines 17jährigen Sohnes, macht im Jahre 1914 die Bekanntschaft eines M. Diart. Die Näherin, die übrigens von angenehmen Äußeren ist, etwas Vermögen und Möbel besitzt, ist entzückt von dem Geist, den feinen Manieren des Herrn Diart, der sich für einen Industriellen ausgibt. Diart zieht erst zu ihr, dann mietet er mit ihr die Villa in Vernouillet. Mme. Cuchet zieht mit ihrem Sohn André (im Notizbuch »A. Idem« genannt) hinaus und beide verschwinden.

Landru erklärt ihren Freunden, daß sie nach England gefahren seien, aber man findet nirgends die Pässe verzeichnet. Als man Landru verhaftet, trägt er die Kravattennadel des André Cuchet.

2. Brésil. – Dies bezieht sich auf Mme. Laborde-Line, aus Buenos-Aires stammend, 46 Jahre alt. Im Mai 1915 gibt sie eine Annonce in die Zeitung, Landru antwortet ihr. Er veranlaßt sie, ihre Geldangelegenheiten entsprechend zu ordnen; am 28. Juni verläßt Mme. Laborde ihre Wohnung – und bleibt für immer verschwunden.

3. Crozatier. – Das ist der Name der Straße, in der Mme. Guillin wohnte. Diese war zwar eine Fünfzigerin, dafür aber besaß sie etwa 20.000 Francs, die ihr ein älterer Herr vermacht hatte, dessen Haushälterin sie war. Sie gelangt in den Kreis Landrus, der ihr erzählt, er habe Aussicht auf eine Konsulstelle in Australien. Sie fährt mit ihm nach Vernouillet – und ist verschwunden.

Unter dem 2. August finden wir im Notizbuch als »Eingang« den Schmuck der Witwe verzeichnet. Ebenso zwei Obligationen, die sie bei sich hatte. Dann gelingt es Landru, die Banque de France, in der die Ersparnisse der Mme. Guillin hinterlegt waren, zu täuschen und durch eine Anzahl von Fälschungen deren Wertpapiere in seinen Besitz zu bringen.

4. Havre. – Ungefähr zur gleichen Zeit wie Mme. Guillin hatte er auch die Witwe Héon, gebürtig aus Havre, kennen gelernt. Er veranlaßt sie, ihren beweglichen Besitz zu verkaufen und ihre Ersparnisse zu Geld zu machen. Inzwischen hat er den Schauplatz seiner Tätigkeit gewechselt und sich in einer Villa zu Gambais eingerichtet. Hierher führt er Mme. Héon – und sie verschwindet.

Landru setzt im Mai 1916 seine Unternehmungen fort.

5. Collomb. – In der Untergrundbahn macht Landru die Bekanntschaft der Mme. Collomb, Witwe, Maschinschreiberin von Beruf. Seine Beziehungen zu ihr werden intim und er führt sie nach Gambais. Gelegentlich dieser Reise notiert er: »Eine Rückfahrkarte und eine einfache Karte nach Gambais«. Die Rückfahrkarte war für ihn – die einfache für Mme. Collomb, welche nicht mehr zurückkehren sollte. Sie kommt nach Gambais – und verschwindet.

Landru eignet sich ihre Ersparnisse, etwa 18.000 Francs an, und versucht, durch fingierte Briefe die Familie der Verschwundenen glauben zu machen, daß diese noch am Leben sei. Ja, er geht so weit, der Familie in einem Paket, welches den Stempel »Nizza« trägt, Blumen mit der Visitenkarte der Mme. Collomb zu senden. Man merkt jedoch, daß die Aufschrift nicht von ihrer Hand herrührt und hört nichts mehr von ihr.

6. Babelay. – Andrée Babelay ist – zum Unterschied von den Vorhergehenden – weder alt, noch Witwe, noch reich. Sie ist 19 Jahre alt und Dienstmädchen bei einer Kartenlegerin. Von Landru begeistert, fährt sie mit ihm am 29. März 1917 nach Gambais, man sieht sie einige Tage im Garten arbeiten und Radfahren lernen – dann verschwindet sie.

Landru verzeichnet in seinem Tagebuch bei dem 12. April: »4 Uhr nachmittags«.

7. Buisson. – Mme. Cecile Buisson, verwitwet, Köchin und schon ziemlich ältlich, jedoch Besitzerin von 15.000 Francs. Sie macht die Bekanntschaft Landrus im September 1917. »Ich liebe meinen Sohn, aber Dich noch viel mehr!« schreibt sie an ihn. Sie will auch, daß er ihre Familie kennen lernt und ladet diese nach Gambais ein. Sie selbst kommt ebenfalls nach Gambais, lernt dort Radfahren – und verschwindet.

Das Notizbuch vermerkt bei dem 1. September, dem Tag ihres Verschwindens: »10 Uhr 15« und »einkassiert 1.031 Frcs.« Am folgenden Tag versteigert Landru ihre Möbel, läßt seine Frau unter dem Namen Buisson Renten und Wertpapiere von 109 Frcs., die auf diesen Namen erliegen, beheben und holt von der Schneiderin das Kleid, das sich die Verschwundene für ihre bevorstehende Hochzeit bestellt hatte.

Die Liste geht weiter.

8. Das Notizbuch verzeichnet: Jaume. – Mme. Jaume, 38 Jahre alt, wohnhaft in der rue de Lyanes, ist fromm. Landru weiß sich auch dem anzupassen – er geht mit ihr in die »Sacré Coeur« beten. Am 24. November 1917 führt er sie nach Gambais, nimmt wieder nur eine einfache Karte für seine Begleiterin – und sie verschwindet.

Das Notizbuch verzeichnet am 26. November: »5 Uhr« und »Rekapitulation Lyanes 1.111 Francs«, (Lyanes hieß die Straße, in der Mme. Jaume wohnte.)

9. Weiter. Notizbuch: Pascal. – Mme, Annette Pascal, 33 Jahre alt, geschieden, Schneiderin, lernt Landru durch eine Annonce kennen. Er gewinnt ihr Vertrauen, das Verhältnis dauert durch einige Monate. Sie machen zusammen einen Ausflug nach Gambais, von dem sie begeistert zurückkehrt. Am 4. April 1918 reisen sie nochmals dorthin – und vom folgenden Tag enthält das Notizbuch die Bemerkung: »17 Uhr 15.« – Mme. Pascal blieb verschwunden.

Einige Tage später notiert Landru: »Kassenbilanz Pascal 8,85«. Dann verkauft er ihre Möbel, ihre Kleider und – um 15 Frcs. ihr künstliches Gebiß.

10. Nun folgt der Abschluß »Marchadier« des Notizbuches. Marie-Thérèse Marchadier, Besitzerin eines kleinen Hotels, besitzt einige tausend Francs in bar und zwei kleine Seidenpintscher. Sie lernt Landru durch ein Heiratsvermittlungsbüro kennen und erzählt ihren Freundinnen: »Ich habe einen fabelhaften Bräutigam gefunden«. Landru befindet sich in Geldverlegenheiten, er muß sich sogar bei seiner legitimen Frau Geld ausleihen. Mme. Marchadier wird von ihm zum Verkauf ihrer Möbel gedrängt und folgt ihm. Sie machen zusammen einen Ausflug nach Gambais, kehren zurück, dann entschließt sie sich, ganz hinauszuziehen. Sie übersiedelt samt ihren zwei Hunden – und verschwindet.

Die Kadaver der beiden Hunde werden später in der Nähe der Villa gefunden.

Ebenso die Dokumente aller Verschwundenen, ferner verschiedene Kleidungsstücke und Habseligkeiten aus deren Besitz.

Das waren die Tatsachen, die gegen Landru sprachen.


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