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Die Feuersbrunst.

Ruhig und fest erwartete der Graf Raousset Boulbon in der Arena zu San-Francisco Striped-Bob, den Königstiger aus den indischen Dschungeln.

Als das Tier mit gewaltigem Sprung seinen Käfig verlassen, blieb es etwa zehn Schritte davon auf seinen Vordertatzen liegen, peitschte die Flanken mit seinem Schweif und schaute mit zusammengekniffenen Augen umher.

Die ungewohnte Freiheit seiner Bewegungen, das glänzende Tageslicht, die Masse Menschen umher schien ihn einige Augenblicke zu betäuben und einzuschüchtern.

Dann aber that er einen zweiten Sprung, der ihn dem Grafen wieder um zehn Schritte näher brachte.

Jetzt erblickte der Tiger diesen und erkannte instinktmäßig in ihm seinen Feind.

Ein wütendes Fauchen kam aus seinem Rachen, von diesem Augenblick an verließen seine grünlich leuchtenden Augen den Grafen nicht wieder und seine Vordertatzen zerrissen den Boden.

Der Graf ertrug diesen furchtbaren Anblick, ohne zu wanken, sein Auge kreuzte sich mit dem des Tigers und bewachte jede seiner Bewegungen, indem er zugleich langsam die Büchse nach seiner Schulter erhob.

Es ist oft bemerkt worden, daß die Bestien der Wildnis bald die Gefahr recht gut kennen und würdigen lernen, die ihnen von den Schußwaffen der Europäer droht. Der Tiger verfolgte die Büchse mit den Augen, und ehe sie noch vollständig zur Wange des Schützen gekommen war, warf er sich auf die Hinterfüße zurück und hob sich zum Sprung.

Aber dieser Moment hatte dem Grafen genügt, sein Ziel zu nehmen. Die Büchse knallte, der Rauch stieg empor, und der Tiger stürzte, wie vom Blitz getroffen, zu Boden.

Ein Viva-Geschrei, wie vorhin bei dem Fall des Bullen, tobte durch den Cirkus, Männer und Frauen erhoben sich von ihren Sitzen, und viele stürzten die Treppen hinunter oder schwangen sich über das Geländer, um in das Innere der Arena zu gelangen. Eduard O'Sullivan spornte sein Pferd zu einem mächtigen Sprung über die Barriere und war in zwei Sätzen bei dem Grafen.

Nur der indische Prinz und seine beiden Tigerjäger teilten die allgemeine Begeisterung nicht, ja die beiden letzteren suchten mit Winken und Zuruf von ihrem gesicherten Sitz herab die Menge zurückzuhalten.

Ihr scharfes Auge hatte im Nu entdeckt, daß der Tiger kein Blut verlor.

In der That hatten die ersten Herandrängenden kaum die innere Barriere erreicht, als der Tiger sich langsam auf den Vorderpfoten emporrichtete und, den Rachen weit aufreißend, wie erstaunt um sich schaute.

Einen Moment darauf stieß er ein heiseres Zischen aus.

Man kann sich denken, welchen Eindruck diese unerwartete Erscheinung auf die sich drängende Menge machte. Wie eine Herde gescheuchter Vögel flogen die Vorwitzigen zurück und suchten, übereinander herstürzend, mit Angst- und Hilfegeschrei die schützenden Barrieren wieder zu erklimmen. Einige Augenblicke lang bot der Cirkus das Bild unbeschreiblicher Verwirrung.

» Goddam! ich sagte es ja,« murrte Master Gibson, der Tigerjäger zu seinem Gejährten. »Diese Franchmänner werden nie klug werden. Er hat kein Zinn zu dem Blei genommen, die Kugel hat sich am harten Schädel Bobs abgeplattet und ihn mir betäubt.«

»Halt' die Augen auf, Kamerad!« antwortete der Schotte, »ich meine, wir werden eine schwere Bö zu sehen bekommen!«

Der Tiger hatte die Fliehenden entkommen lassen, ohne auch nur eine Bewegung zu machen. Der Graf, der Tiger und – Eduard O'Sullivan waren allein im Innern der Arena.

Das Pferd des jungen Irländers war bei dem Fauchen des Tigers unbändig vor Angst und Schrecken geworden, seine Flanken bebten, seine Nüstern bedeckten sich mit weißem Schaum, Mähne und Schweif begannen sich zu sträuben. Der Reiter selbst schien den Kopf verloren zu haben und nicht zu wissen, was er beginnen solle.

Auf der Tribüne der Franzosen konnte man einen leisen Aufschrei hören; Todesblässe überzog das Gesicht der schönen Margarethe, und ihre Hand faßte krampfhaft den Arm des Indiers, der mit unverwandten Blicken den Vorgang verfolgte. Seine Augen begannen jenes geheimnisvolle dämonische Funkeln anzunehmen, das sie einen Augenblick im Spielerzelt beim ersten Erblicken des jungen Mädchens gezeigt.

Graf Raousset Boulbon stand noch auf dem vorigen Fleck, er hatte nach dem Schuß die Büchse als nutzlos fortgeworfen und nach dem Yatagan gegriffen, der in seiner Seidenschärpe steckte, um dem Tiger den Gnadenstoß zu geben; als aber dieser sich so unerwartet wieder erhob, ließ er den Griff fahren und streckte seine Hand rückwärts nach seinem Sekundanten aus.

»Die Flinte, Edward, die Flinte!« rief er auf Französisch.

Sei es, daß O'Sullivan den Befehl nicht verstand, sei es, daß er zu sehr alle Geistesgegenwart verloren oder nicht imstande war, sein zitterndes Pferd näher an den Grafen heran zu bringen, er hielt bewegungslos die Flinte in seiner Rechten, während das Roß fast auf den Hacken der Hinterbeine liegend, Schritt um Schritt nach dem Ende der Arena zurückdrängte.

»Die Flinte, Edward! die Flinte, Memme!« wiederholte der Graf mit gewaltsam unterdrückter Aufregung.

Aber Edward O'Sullivan hörte nicht.

Der Tiger, durch das frühere Angstgeschrei der Menge, die jetzt wieder in atemlosen Schweigen der Entwickelung lauschte, aufgeregt, hatte die Betäubung, die ihm der Schlag der wohlgezielten Kugel an den Schädel verursacht, abgeschüttelt, und als habe er vor seinem wirklichen Gegner Respekt dadurch bekommen und die Lust eines Angriffs auf ihn verloren, richtete er seine flammenden Augen auf das zitternde Pferd und dessen Reiter.

Dann, mit gewaltigem Satz, sprang er an dem Grafen vorbei auf jene Beute los.

O'Sullivan ließ die Flinte fallen und galoppierte, ohne einen Versuch des Widerstandes zu machen, davon, vielleicht, um am Ende der Arena nochmals den Sprung über die innere Barriere zu wagen. Man sah, wie der sonst so feste und kühne Reiter im Sattel schwankte.

Aber ehe er noch das Ende erreicht, ehe noch das Pferd den Sprung vollführen konnte, wenige Schritte von der Tribüne entfernt, war der Tiger vor ihm und sprang mit einem gewaltigen Satz dem bäumenden Roß an die Brust, mit den scharfen Krallen in dem Fleisch sich festgrabend.

Das Pferd stieß ein durchdringendes, jammerndes Stöhnen aus und brach, mit Blut bedeckt, zusammen, indem es seinen todesbleichen Reiter über die Kruppe auf den Sand warf.

Ein Ruf des Entsetzens erscholl von aller Lippen. Die Frauen verhüllten ihr Gesicht mit den Händen und Tüchern, die Männer standen erstarrt vor Schreck oder klatschten enthusiastisch in die Hände – ein solch glorreiches Schauspiel hatte San Francisco noch nicht genossen, seit der erste Goldplacer entdeckt worden.

»Zehn Dollars gegen einen,« sagte Slong, der Methodist, zu seinem jetzigen Kompagnon, dem großen Kentuckier, »zehn Dollars gegen einen, daß Master O'Sullivan aufgefressen ist, ehe Du Dir eine neue Cigarre anstecken kannst.«

»Es gilt!« rief der würdige Genosse, indem er eilig seinen Tabaksbeutel hervorlangte, und eine Papiercigarre zu drehen begann.

Auf der Tribüne des Grafen ereignete sich zu gleicher Zeit eine eben so dramatische Scene, wie die, die in der Arena sich abspielte.

Die junge Irländerin war nach jenem ersten Schrei mit stummem Entsetzen der Gefahr des Bruders und der furchtbaren Jagd gefolgt. Jetzt, in diesem Augenblicke der höchsten Not, wandte sie sich zu ihrem Nachbar. Ihr schönes Gesicht war bleich, ihr Auge starr wie das einer Sterbenden. Kaum vernehmlich war ihr Ton, kaum Bewegung in den weißen Lippen, als sie, die Hände gefaltet, dem Indier zuflüsterte: »Mein Bruder – o retten Sie meinen Bruder!«

Srinath Bahadur heftete einen Moment seine Augen auf die ihren, dann stieß er einen wilden gellenden Kampfruf aus und sprang über die Brüstung seiner Loge in den äußern Gang der Arena. Man sah ihn die Hand auf den Rand der hohen Barriere legen und mit der Leichtigkeit einer Stahlfeder darüber hinweg fliegen.

In diesem Augenblick hob der Tiger seinen Kopf von der zerrissenen zuckenden Brust des Pferdes und streckte die Vordertatze nach dem unglücklichen Irländer aus, der besinnungslos am Boden lag.

Ein Blitz funkelte, zischte durch die Luft.

Der Tiger stieß ein kurzes Brüllen des Schmerzes aus und drehte sich zur Seite.

Die Dschambea, die der indische Prinz fast im Sprunge geschleudert, hatte die Muskeln des Vorderbeines durchschnitten, noch ehe die blutgeröteten Krallen den Irländer berührt hatten.

Ein weißer heller Schatten schien der funkelnden Dschambea durch die Arena zu folgen, – es war der flatternde weiße Mantel des Indiers, der mit drei Sprüngen die Gruppe erreichte, und sich vor den Bruder der schönen Margarethe warf.

Einen Moment lang schien diese furchtbare schöne Gruppe ein einziger Ball von Farben, Glanz, Funkeln und Gebrüll, dann erst vermochten die erstaunten Zuschauer die einzelnen Gestalten zu sondern.

In der Rechten die mit der Spitze nach dem Boden gesenkte Klinge seines krummen Säbels, erwartete er, um den linken Arm den weißen Kashmir des Mantels gewickelt, das eine Knie auf den Boden gestützt, den Angriff der Bestie.

Aber der Tiger hatte sich gleich einer Katze zusammengekrümmt, die Borsten seiner Nase sträubten sich, das grünliche Auge funkelte und der weitgeöffnete Rachen sprudelte Gischt und Schaum.

Eine geheimnisvolle Macht schien ihn zu lähmen – statt vorwärts zu springen auf seinen Feind, begann er langsam, Zoll um Zoll, rückwärts zu kriechen.

Das Auge des Tigers und des Maharadschah verließen einander nicht.

Jene geheimnisvolle dämonische Macht, die aus dem matten, sanften Auge des Indiers in Augenblicken der Aufregung strahlte, die leidenschaftliche Erregung des Menschen, beherrschte die Wut des Tieres.

Der Tiger kroch immer weiter zurück. Fast in derselben Stellung, halb erhoben, Zoll um Zoll, folgte ihm der indische Fürst.

Inzwischen war der Graf, als er O'Sullivan fliehen sah, nach dem entgegengesetzten Ende der Arena gestürzt, um die Flinte aufzuheben, die der Irländer in der Bestürzung hatte fallen lassen. Er hatte nicht so bald das Gewehr ergriffen, als er auch zurückeilte, um sich dem Tiger entgegenzustellen.

Aber er würde natürlich für Edward O'Sullivan zu spät gekommen sein ohne die Dazwischenkunft des Maharadschah, seines Rivalen.

Jetzt, die seltsame Stellung des Tieres und des Mannes erratend, sprang er hinter den Tiger und hob das Gewehr zum Schuß, daß der Lauf dessen Kopf berührte.

Die Bestie zeigte mit dumpfem Knurren, daß sie die Nähe des neuen Feindes fühlte, aber sie wagte nicht, das Auge des Indiers zu verlassen.

Ohne seinen Blick abzuwenden, winkte dieser mit der Linken den Grafen zurück. »Schieße nicht, Monseigneur – überlasse ihn mir! Ich liebe den Tiger

Der Graf trat erstaunt zur Seite, die Flinte noch immer schußfertig; fast an seinen Füßen vorbei kroch der Tiger in Windungen gleich einer Schlange immer weiter zurück.

Zwei Schritte von seinem Rachen entfernt folgte der Indier, seinen furchtbaren Feind allein mit der Macht seines Auges zurückdrängend, nach dem Käfig zu, von dessen Höhe die beiden Tigerjäger – atemlos wie die ganze Menge umher – dem Sieg ihres Herrn zuschauten.

Der Tiger schien jetzt jeden Widerstand aufgegeben zu haben. Seine Wildheit verlor sich, das wütende Schnauben hörte auf, und man sah ihn endlich am ganzen Leibe zittern. So erreichte er die offene Thür des Käfigs und sprang, die Öffnung fühlend, mit einem Satze hinein und bis in den hintersten Winkel, wo er sich erschrocken zusammenkauerte.

Sogleich rasselte, von den kräftigen Händen Mac Scotts und seines Kameraden aus seinen Klammern befreit, das eiserne Gitter der Thür herunter und verschloß den Käfig.

Wie ein schwerer Atemzug aus befreiter Brust lief es durch die Menge, und jetzt brach ein fast wahnsinniger Jubel aus. Nicht bloß die Männer, sondern selbst die Frauen stürzten in die Arena, andere tanzten und sprangen auf den Bänken, schleuderten die Hüte in die Luft und gebärdeten sich wie toll. Der Name Nena Sahib war auf allen Lippen.

Während dieses allgemeinen Aufruhrs und Lärmens war der Graf zu seinem Rivalen getreten und reichte ihm mit dem Ausdruck hochherziger Offenheit und Biederkeit die Hand. »Sie haben das Leben O'Sullivans gerettet, Hoheit,« sagte er, »und wahrscheinlich auch das meine – ich erkläre mich Ihnen gegenüber besiegt. Um Ihren Wünschen zu genügen, halte ich mich verpflichtet, von der Sonora-Expedition zurückzutreten und werde morgen abreisen.«

Der Maharadschah war mit der Beendigung seines kühnen Abenteuers ein ganz veränderter Mann geworden. Seine kriegerische Haltung war verschwunden, sein Auge wieder matt und freundlich, und sein Benehmen von neuem das eines europäischen Gentlemans.

»Monseigneur,« sagte er leise, »Sie kennen meine Zwecke, aber Brahma möge mich bewahren, auf Kosten Ihres Gefühls und Ihrer Interessen sie zu erreichen. Wollen Sie mir gestatten, es Ihnen auf meine Weise möglich, ja notwendig zu machen, Ihre Expedition auf drei bis vier Monate zu verschieben?«

»Wenn Sie dazu imstande sind, Prinz, wäre uns beiden geholfen. Ich achte Sie hoch und wünschte. Ihnen diese Achtung zu beweisen.«

»Dann sind wir einig, Monseigneur. Verschieben Sie gefälligst Ihren Aufbruch nach der Stadt noch einige Zeit, – wir kehren dann zusammen zurück.«

Er ließ den Grafen im Kreise seiner Umgebung und zog sich einige Schritte zurück, indem er Gibson winkte. Dieser trat sofort zu ihm.

»Du kennst den schwarzen Mann mit den Augen eines Fakirs, der diesen Platz gemietet?« fragte er ihn in indischer Sprache.

»Gewiß, Hoheit, der Kerl wollte ja zu uns übertreten. Er ist ein durchtriebener Hallunke.«

»Suche ihn auf und bringe ihn an den Ort, wo unsere Pferde stehen. In wenigen Augenblicken bin ich bei Dir.«

Master Gibson brach sich mit seinen rüstigen Ellenbogen Bahn und hatte nicht viel Mühe, Slong, den Methodisten, zu finden, denn die Neugierde oder Teilnahme hatte diesen nicht vermögen können, sich von seiner mit den Dollars der Schaulustigen gefüllten Kassette zu trennen oder ins Gedränge zu wagen.

Mit seinem Schatz unterm Arm und in der Entfernung von zehn Schritten von dem Kentuckier John Merdith und dessen Pistole, teils zum Schutz, teils aus Mißtrauen begleitet, fand sich dieser Gauner alsbald auf der Stelle ein, wo die indischen Diener des Maharadschah die Pferde umherführten.

Der Platz war von Neugierigen ziemlich leer, denn alles hatte sich, da der Eintritt zum Cirkus jetzt jedem frei stand, dort hinein gedrängt, um die Helden des Tages und den Tiger in der Nähe zu sehen, und das Geschehene zu besprechen.

Master Gibson stellte Hesekiah Slong dem Maharadschah vor und ließ ihn auf dessen Wink mit ihm allein.

»Du bist ein Mann, der für Geld alles thut?« eröffnete der Indier sofort das Gespräch.

Slong schaute ihn verdutzt an. Diese Manier, mit seiner Moralität umzuspringen, imponierte ihm.

»Die Gerechten in Israel leben in Kummer und Sorgen in dieser schweren Zeit,« wimmerte er. »Der leidige Mammon regiert die Welt und ein armer Mann muß sehen, wo er etwas verdient.«

»Wie viel hast Du in jenem Kasten?«

»O, Illustrissimus! Es ist nicht viel – die Hälfte geht ab für jenen habgierigen Schurken, der mich nicht aus den Augen läßt. Auch sind die Kosten so groß …«

»Sage es rasch! Meine Zeit ist kurz.«

»Nun, wenn es Eure indische Majestät durchaus wissen will, es werden so an drei- bis viertausend Dollars darin sein.«

»Willst Du fünftausend verdienen?«

»Fünftausend?«

»Ich sagte es.«

»Und was muß ich dafür thun? – Vielleicht diesem lumpigen französischen Grafen, der Eure Majestät beleidigt, so von hinten etwa eine kleine Kugel …«

»Schurke, schweig'! – Wenn binnen einer Stunde –« er flüsterte ihm einige Worte zu, »so erhältst Du fünftausend Dollars.«

»O Jesu, Du mein Heiland! Was muten Eure Herrlichkeit mir zu! – Es kann Ihr Ernst nicht sein, Eure Hoheit würde ja selbst dabei Schaden haben?«

»Narr, was kümmert's Dich?«

Slong legte den Finger an die Nase. »Ich kalkuliere, es ist dergleichen vielleicht so ein absonderliches Plaisir, wie man sich's in Eurer Hoheit Heimat zu machen pflegt. O ihr heiligen Märtyrer, es wäre eine schreckliche That und wer sie thäte, würde büßen im ewigen Pfuhl, da es am heißesten ist! Wann würden Euer Majestät wohl das Geld auszahlen?«

Der Maharadschah zog eine Brieftasche aus dem Gürtel und wollte einige Banknoten herausnehmen. Der Methodist aber verhinderte ihn mit einer demütigen Gebärde daran.

»Verzeihung, Hoheit, ich traue Ihrem Wort. Der Schurke von Kentuckier dort drüben braucht nicht zu sehen, daß ich Geld von Eurer Majestät bekomme. Die Sache ist abgemacht! Aber alle diese Leute werden binnen einer halben Stunde, wenn sie sich müde geschwatzt und gesehen, nach der Stadt zurückkehren. Wie komme ich ihnen zuvor!«

Der Maharadschah legte die Hand auf den Sattel seines schwarzen Pferdes: »Ich werde Dir Orkan leihen, er überholt seinen Namensvetter, den Sturm! – Mache Dich bereit, indes ich eine Zeile schreibe.«

Der Methodist winkte dem Kentuckier, warf sich neben ihn auf den Boden und begann den Inhalt der Kassette nach kurzer Zänkerei mit ihm zu teilen.

Der Maharadschah Srinath Bahadur schrieb auf dem Sattel des Renners auf ein Blatt seines Taschenbuchs einige Worte in indischer Sprache.

»Bist Du fertig?«

Der Methodist mußte die letzten Goldstücke, die er eben im Begriff war, in den Ärmel zu eskamotieren, seinem würdigen Geschäftsfreund überlassen und sich erheben. »Ich stehe Euer Herrlichkeit Hoheit zu Befehl!«

»Dann fort in den Sattel! Dies Blatt gieb an Madahna, den Diener, den Du am Eingang meines Zeltes findest. Das weitere ist Deine Sache – in einer halben Stunde brechen wir auf zur Stadt!«

Der Psalmensänger hockte bereits wie ein Affe im Sattel des feurigen Arabers. Auf ein schnalzendes Zeichen seines Herrn griff das Pferd weit aus und flog mit seinem Reiter, der mit einer Hand sich am Sattelknopf festklammerte, mit der anderen es lenkte, auf dem Wege nach San Francisco fort.

Der Maharadschah wandte sich sogleich um und kehrte in die Arena zurück, wo bereits tausend Augen sich vergebens nach ihm umgeschaut.

Als er, von seinen zwei Jägern begleitet, auf die Gruppe zu schritt, aus der die hohe Gestalt des Grafen über seine Umgebung hervorragte, öffneten sich die Reihen der rohen lärmenden Männer und ließen ihn mit einer gewissen Ehrerbietung durch, die unter allen abenteuerlichen Verbindungen immer dem Mut und dem Erfolg gezollt wird.

Von der Gruppe, die den Grafen umgab, trennte sich ein Paar und kam auf den Maharadschah zu: die Geschwister O'Sullivan.

Der Jubel bei dem glänzenden Sieg des Indiers über den Tiger hatte den jungen Mann aus seiner Betäubung geweckt, und seine Freunde und Kameraden hatten ihn aufgehoben und zu seiner Schwester geleitet, die in seinen Armen aus der Ohnmacht erwachte, welche ihre Sinne umschleiert hatte, nachdem sie den Indier auf ihr halb bewußtloses Flehen in die Arena sich stürzen und dem geliebten Bruder zu Hilfe eilen gesehen.

Edwards Gesicht war von der Röte der Scham über die bewiesene Schwäche gefärbt, als er sich dem Indier an der Hand seiner Schwester näherte, während ihr Antlitz von Freude und Dank strahlte. Des Bruders Verwirrung zu Hilfe kommend, nahm das Mädchen das Wort. »Fürst,« sagte sie, »Sie haben mit Gefahr Ihres eigenen das Leben meines Bruders geschützt. Monseigneur, der Graf hat Edward auf unsere Bitte soeben seiner Verpflichtung entlassen, und wir kommen, um Ihnen unser Leben in Ihrem Dienst anzubieten. Es ist das einzige, was Edward und Margarethe O'Sullivan zu geben haben.«

Der Maharadschah faßte ihre Hände.

Seine Augen, leuchtend und strahlend, tauchten sich in die ihren – eine sanfte Röte überzog ihr Antlitz; dieser Blick entschied über das Schicksal Indiens – dieser Blick sollte einst Ströme britischen Blutes, Ströme von Thränen englischer Mütter und Töchter kosten.

Mit diesem Blick tauschten Nena Sahib, der Erbe von Bithoor, und Margarethe O'Sullivan, die arme Irländerin, ihre Herzen für das Leben aus!

»Dame,« sagte der Maharadschah, »jener Tiger hat unter den Rosen von Schiras geschlummert, seine grünen Augen sind mir teurer als die Diamanten von Nischnupoor und sein giftiger Atem ist für mich wie der Hauch der milden Lüfte Kashmirs. Einer der guten Geister meiner sonnigen Heimat hat sich in den gefleckten Leib des Tigers verwandelt, um Srinath Bahadur durch ihn die Königin der Frauen zuzuführen. Dein Bruder soll mein Bruder sein, und ich will jedes Haar auf seinem Haupte schützen.«

Er reichte Edward die Linke und berührte mit den verschlungenen Händen der Geschwister den Tilluk, das heilige Zeichen auf seiner Stirn.

Von diesem Augenblick an war ihr Bund geschlossen.

Der Maharadschah näherte sich darauf dem Grafen. »Srinath Bahadur, der Sohn Bazie Rûs,« sagte er freundlich, »dankt dem tapferen Nasib der Franken für das Geschenk, das er ihm gemacht. Er wird die Blume des Abendlands pflegen, als ob sie dem Garten Brahmas entsprossen wäre.«

»Sie haben das Geschwisterpaar redlich erworben, Hoheit,« antwortete der Graf, »und ich gönne Ihnen seine Ergebenheit. Ohnehin,« fuhr er in französischer Sprache fort, die, wie er wußte, der junge Irländer wenig verstand, »ist es gut, daß wir uns trennen, denn mein Anblick würde Herrn O'Sullivan vielleicht zu unangenehm an einen Augenblick der Schwäche erinnern, der dem Tapfersten passieren kann. Aber ich meine, Hoheit, wir brechen auf, denn in einer Viertelstunde wird die Sonne im Ocean verschwunden sein, und ich glaube, wir haben für einen Tag diesen Herren genug zu sehen gegeben. Werden Sie den Tiger noch heute nach Ihrem Hause zurückschaffen lassen?«

»Den Tiger?« Der Indier sah ihn mit Erstaunen an. »Der Tiger, Monseigneur, ist nicht mehr mein Eigentum. Er gehörte Dir von dem Augenblicke an, als Du ihn verlangtest. Srinath Bahadur nimmt nie zurück, was er einem Freunde gegeben.«

»Ich nehme Ihr Geschenk an, Hoheit,« sagte der Franzose heiter, »und will es in San Francesco pflegen lassen, bis ich mir in der Sonora ein kleines Königreich erobert habe, und Striped Bob zu meinem Leibtiger machen kann. Aber nun zu Pferde, meine Herren, zu Pferde! und Sie meine schöne Dame, erlauben Sie mir, zum letztenmal Ihren Beschützer und Kavalier zu machen.«

Er reichte Miß Margarethe den Arm und führte sie unter dem Hurraruf der sie umdrängenden Menge durch die Arena nach dem Platze, wo die Pferde standen.

Die Scene gewährte ein überaus belebtes und buntes Bild, als das Gewühl die kleine interessante Reiterschar umdrängte und langsam auf der Straße nach der Stadt zurückzuwogen begann. Die roten Strahlen der untergehenden Sonne zitterten vom Westen her über den Ocean und vergoldeten jenseits des Eingangs der prächtigen Bai den Gipfel des Table-Hill, während rechts über die weitgestreckte Bai vom vielersehnten Golddistrikt an den Ufern des Rio San Joaquim und San Sacramento her sich bereits die Schatten der Sierra Bolbones zu lagern begannen.

In zwanzig verschiedenen Sprachen wurden die Abenteuer des Tages besprochen – nur wenige gedachten des armen, zerrissenen Deutschen, der das traurige Opfer des Schauspiels geworden. Der Maharadschah, der Graf und die Irländerin ritten zusammen, gefolgt von ihren beiderseitigen Freunden und Dienern.

»Das Land, das jenseits jenes großen Meeres liegt, und in das ich Sie führen werde, Miß,« sagte der Prinz, der die schwungreiche Feierlichkeit des indischen Fürsten wieder mit der leichten Galanterie und Gewandtheit der civilisierten Gentlemen vertauscht hatte, »ist tausendmal schöner und herrlicher, als das, welches Sie verlassen. Es ist mit allen Schätzen der Welt von Brahma gesegnet. Seine Berge geben den Menschen Gold und edle Gesteine, in seinen Lüften wiegt sich der Paradiesvogel und jener gefiederte Smaragd und Rubin, der Kolibri. Seine Erde öffnet den Völkern ihre Brust und giebt ihnen Nahrung ohne die Mühe der Arbeit. In den Wellen der heiligen Flüsse findet der Kranke Genesung und der Tote die Auferstehung zu einem neuen Leben. Sie werden die Stätten schauen, wo eine gewaltige Geschichte seit Jahrtausenden ihre Monumente aufgebaut, das goldene Delhi – das heilige Benares, die riesigen Tempel von Ingarnaut …«

»Gewiß, Prinz, ich freue mich, Ihr schönes Indien zu sehen, von dem, gleich dem Lande der Märchen, schon unsere Kinderträume schwärmen. – Aber um Himmels willen – was ist das – was geht vor? – was bedeutet jener Rauch? das Geschrei?«

Ein gellender Ruf erhob sich von der Spitze der Kolonne, die sich auf der Straße von San Francisco fortbewegte, und verbreitete sich unter der Menge; hundert Hände wiesen nach der Stadt, aller Augen waren nach jener Richtung gewendet.

Der Ruf: »Feuer! Feuer! Es brennt in der Stadt!« zitterte durch die Massen, die in wildem Gewühl jetzt querfeldein vorwärts stürzten.

Ein Blick auf die etwa noch eine Viertelstunde entfernte Stadt zeigte die schreckliche Wahrheit.

Eine dunkle Rauchwolke, die allmählich mit der jetzt rasch heraufwachsenden Dämmerung eine feurige Röte annahm, wälzte sich aus San Francisco empor zum Abendhimmel, brennende Flocken begannen, vom Seewind gehoben, in die Höhe zu fliegen, Flammen hoch und gewaltig aus dem Rauch emporzuschlagen, und der Brand schien mit zauberhafter Schnelligkeit zu wachsen.

» Cap de Bioux!« schrie der Graf auf, »unser Eigentum verbrennt! Das Feuer muß mitten in dem verfluchten Nest sein, auf dem plazza major! Lassen Sie uns eilen, Prinz!« Er wollte davon sprengen, aber der Indier faßte den Zügel seines Pferdes.

»Wo wollen Sie hin, Mylord?«

»Ei, zum Teufel, sehen Sie denn nicht? Retten was möglich ist von meiner Ausrüstung!«

»Ihr Eigentum, Mylord,« flüsterte der Maharadschah leise, »ist hier versichert!« Er wies auf die Brusttasche seines Gewandes. »Von Ihrer Habe in jener Stadt ist nichts mehr zu retten. Lassen Sie San Francisco immerhin brennen, es ist nicht das erste Mal und wird nicht das letzte Mal sein!«

»Aber Ihnen selbst verbrennen Schätze dort – Ihre prächtigen Sachen …« Er versuchte den Zügel von der Stahlhand des Indiers frei zu machen.

»Der Brand kommt mir viel zu gelegen, Monseigneur, als daß ich den kleinen Verlust nicht verschmerzen sollte. Sie werden jetzt den Grund haben, den Sie verlangten, um die Sonora-Expedition auf einige Monate verschieben zu können!«

Der Graf starrte ihn entsetzt an, ohne das unergründliche spöttisch dämonische Lächeln auf dem Gesicht Nena Sahibs lösen zu können. – »Verstehe ich Sie recht? Prinz – es wäre barbarisch!« Mit Gewalt riß er sein Pferd los und sprengte davon, von seinen Begleitern gefolgt, die keuchende, schreiende, dahinstürzende Menge rücksichtslos durchbrechend oder zu Boden werfend.

Nur der Maharadschah schien seine Ruhe und Kaltblütigkeit bewahrt zu haben; er hielt gleichfalls Edward O'Sullivan zurück, der sich dem Strom anzuschließen eilte und befahl seinen Leuten, ihn und die Geschwister zu umgeben, so daß der kompakte Kreis sie gegen die wogende Flut der Menschenmenge schützte.

Nachdem er den Kapitän seines Schiffes mit der Hälfte Matrosen nach dem Hafen gesandt, drang er langsam nach der Stadt vor.

Alle Befehle, die er erteilte, waren ruhig, klar und verständig. Er befahl, daß keiner sich ohne ausdrückliches Geheiß aus seiner Nähe entferne und versprach, jedem den Schaden, der er durch die Feuersbrunst erlitte, zu ersetzen. Durch diese Ruhe und Sicherheit wurde selbst die zitternde Margarethe an seiner Seite beruhigt, und sie blickte mit dem Gefühl der Bewunderung und des Vertrauens zu dem Mann auf, den sie sich zu ihrem neuen Beschützer gewählt; ja, die stolze Ruhe des indischen Fürsten stärkte den Funken eines heißeren, innigeren Gefühls, den seine Heldenthat und sein Auge bereits in ihrem schwärmerischen Herzen geweckt hatten.

Je näher sie der Stadt kamen, desto furchtbarer und schöner war der Anblick. Ganz San Francisco schien ein einziges Flammenmeer. Der leichte Bau aus dürrem Holz und Segeltuch, den der größte Teil der Stadt zeigte, die Masse der häufig auf den offenen Straßen oder in bloßem Verschlag von Leinwand lagernden Warenvorräte hatte den Brand mit zauberhafter Schnelligkeit sich verbreiten lassen, und nachdem derselbe erst in vollem Gange und ein Teil der Bevölkerung von dem Cirkus zurückgekehrt war, loderten die Flammen plötzlich auch von zehn noch unberührten Stellen empor, denn es fehlte in San Francisco nie an Händen, die bereit sind, ein zufälliges Unglück zu vermehren und davon verbrecherischen Nutzen zu ziehen.

Der Seewind hob und senkte die Flammen in gigantischen Wogen zum Himmel auf und nieder – die Fläche der Bai war weithin gerötet von dem Wiederschein, so daß die ankernden Schiffe wie im Tageslicht zu sehen waren. Die Glut wurde schon in einiger Entfernung bemerklich und vermehrte sich mit jedem Schritt, den man näher that, fast zum Unerträglichen – das Geschrei, der Lärm war wahrhaft furchtbar.

Der Maharadschah hielt am Eingang der Stadt. »Das ist kein Schauspiel für Sie, Miß,« sagte er besorgt, »Mac Scott und Ihr Bruder sollen Sie mit vier Matrosen zum Hafen begleiten, wo in Zeit einer Viertelstunde Boote der Brigg zu Ihrer Aufnahme bereit sein werden.«

»Und Sie, Hoheit, wohin gehen Sie?«

»Ich werde den Grafen Boulbon, Ihren bisherigen Beschützer, aufsuchen und mir dieses Schauspiel ein wenig ansehen. Ich weiß das Gefühl nicht zu deuten, aber, ich gestehe Ihnen, es hat etwas Erhabenes und Anziehendes für meine Natur!«

»Dann, Hoheit, gestatten Sie, daß auch ich und mein Bruder dahin gehen, wo Sie hingehen. Wir haben gelobt. Sie nie zu verlassen!«

Sein Auge leuchtete und dankte ihr.

»Vorwärts denn!«

Nur Schritt um Schritt vermochte man vorwärts zu kommen, obschon die Straßen breit gebaut und die Zwischenräume groß waren. Die zusammenstürzenden Gebälke sprühten die Funken hoch in die Luft, Fässer mit Terpentin, Spiritus und Rum gerieten in Brand und ließen die blauen Flammen weit hinein in den Weg laufen. Von Löschen war natürlich gar nicht die Rede, nur wenig Eigentum konnte gerettet werden, und was gerettet wurde, mußten die Eigentümer mit den Waffen in der Hand gegen Räuber und Banditen verteidigen, oft genug dabei ihr Leben lassend. Die Hölle schien sich geöffnet und ihre Brut ausgespieen zu haben, so infernalisch und verwildert, so ohne Mitleid und Gefühl waren die Gestalten, die hier umhertobten. In zwanzig Sprachen kreischten und lästerten Flüche und Verwünschungen! Das Carambo! des Spaniers und Mexikaners mischte sich mit dem Geschrei der Chinesen und den weichen Lauten der Südseeinsulaner. Zwischen englischen und französischen Verwünschungen klang der Gutturalton der Wilden, das zeternde harte Geschrei der Malayen und der deutsche Hilferuf, der rauhe, abscheuliche Fluch der Magyaren und des Polen. Erst bei einer solchen Gelegenheit konnte man merken, welche Masse von Gesindel aus allen Himmelsgegenden San Francisco beherbergt. Das gellende Mordio war grauenhaft – dazwischen knallten Schüsse – Blut mischte sich mit den lodernden Flammen – Kindergeschrei, Weibergekreisch – es war entsetzlich, und über das alles her die rote wogende Glut der riesigen Feuersbrunst.

So langte die kleine Schar, Schritt um Schritt weiter dringend, endlich auf dem plaça major an. Hier war, wie man hörte, das Feuer ausgebrochen und das große Spielhaus wie die Zelthäuser der Sonora-Expedition und der Tiger-Killing-Company lagen vollständig in Asche. Es war offenbar unmöglich gewesen, das Geringste von den Vorräten zu retten. Das Gedränge und der Lärm waren hier wo möglich noch größer als in den Straßen. Die Geschwister sahen zwar auf einer Erhöhung die hohe Gestalt des Grafen zu Pferde, aber es war keine Aussicht, zu ihm zu dringen.

Plötzlich scholl über all dem Lärm der gewaltige Ruf: »Platz für den Richter Lynch! Platz für die Gerechtigkeit des Volkes!« und in der Menschenmasse öffnete sich eine Gasse bis hin zu dem Hügel, auf dessen Höhe unter einem großen Laternenpfahl der Graf Raousset Boulbon mit seiner Umgebung hielt. Aus dem Gewühl der Menge drangen sechs starke, wohlgekleidete Männer, Revolver und Bleistöcke in den Händen, in ihrer Mitte ein Mensch mit besudelten Kleidern und blutrünstigem Gesicht, an einem Strick um den Hals ohne Erbarmen fortgeschleift. Die Menge heulte, pfiff, grunzte, aber so viele Verbrechensgenossen der Gefangene auch rings umher haben mochte, so wagte doch keiner, auf sein flehentliches Hilfegeschrei seine Rettung zu versuchen; denn die entschlossenen Gesichter der Männer des Lynch und ihre gespannten Pistolen flößten auch dem Verwegensten Respekt ein. Überdies stießen auf jenen Ruf bald von allen Seiten anständig aussehende Männer, auf dieselbe Weise bewaffnet, zu den sechs und bildeten einen Wall um den gefangenen Verbrecher. Der indische Fürst und seine Gesellschaft benutzten die Öffnung der Menge und warfen sich dicht hinter dem Gefangenen in die Gasse. Der Eindruck, den die heldenmütige That des Maharadschah auf alle diese rohen Gemüter gemacht hatte, war noch zu neu, als daß ihm die Menge nicht hätte Raum geben sollen, und so gelangten er und seine Umgebung in die Nähe des Grafen.

Ein halb bitteres, halb süffisantes Lächeln lag um den Mund des Franzosen, als er den Maharadschah erblickte. »Ich erwartete kaum Sie hier zu sehen, Hoheit!« sagte er mit scharfer Betonung. »Wenn Sie kommen, mir Ihr Bedauern über die Zerstörung aller meiner Aussichten auszudrücken, so kann ich mich revanchieren. Ich mache Ihnen den Mann da zum Geschenk mit seiner Schatulle, den ich das Glück hatte, aus den Händen einiger Spitzbuben zu erlösen, die eben ihren verdienten Lohn empfangen sollen.«

»Hurra für den Richter Lynch! Es lebe die Gerechtigkeit des Volks!« Gebrüll, Pfeifen, Toben rings umher! Mit Entsetzen sah Margarethe O'Sullivan, daß ein Mann, auf den Schultern eines andern hockend, zwei Stricke an die beiden Arme des Laternenpfahls befestigte.

Dazu das Mordio der entfernten Menge, das Prasseln der einstürzenden Gebälke!

Der Indier sah nach der Richtung, die der französische Graf ihm andeutete. Dort stand Madahna, sein Diener, den er zur Bewachung des Zeltes zurückgelassen, die Stirn mit Blut bedeckt, in der Rechten den malayischen Krys, während die Linke ein Kästchen von Elfenbein und Silber fest in die Falten seines Mantels gewickelt hielt, gleich als wolle er es sich nur mit dem Leben noch einmal entreißen lassen.

Wenige Schritte von ihm wurde der Bankhalter, der am Abend vorher mit Master Merdith, dem Kentuckier, die Bank im großen Spielhaus geführt, von kräftigen Händen festgehalten.

Sein Gesicht hatte eine Aschfarbe angenommen, und er richtete seine grauen Augen starr auf die furchtbaren Vorbereitungen am Laternenpfahl.

»Ihr Sklave oder Diener, Hoheit,« sagte der Franzose, indem er auf den ehemaligen Kongreßdeputierten und Pferdedieb wies, »wurde von diesem Burschen und zwei Genossen überfallen, während er irgend ein Stück seines Eigentums zu retten versuchte. Er verteidigte sich tapfer und stieß einem der Raubgesellen seinen Dolch ins Herz. Aber die beiden anderen wurden ihm zu viel. So nahm ich mir denn die Freiheit, den zweiten niederzuschießen und diesen da dem Richter Lynch zu überliefern. Sie können sogleich Zeuge der Exekution sein.«

Während der Maharadschah seinen Diener ans Pferd winkte, ihn befragte und ihm das Kästchen an Mac Scott zu geben befahl, hatte man den zweiten Gefangenen herbeigeschleppt, und es wurde rasch, mitten in dem Flammenmeer von den, wie oben beschrieben, thätigen Männern, ein Kreis um sie gebildet. Beide standen unter dem Laternenpfahl und die Stricke hingen – eine sehr trübselige Aussicht – neben ihnen nieder.

Der Prozeß war äußerst kurz. Ein stattlicher Mann warf sich zum Präsidenten des Lynch auf und begann das Verhör mit dem zweiten Gefangenen.

»Wie heißt Du?«

»Was kümmert's Euch? Ihr seid nicht der Alcalde.«

»Wie Du willst! Was hat der Bursche begangen?«

Ein Mann aus der Reihe trat vor.

»Ich traf ihn, wie er ein Warenlager in Brand zu stecken bemüht war.«

»Könnt Ihr das beschwören, Master Weidler?«

Der Deutsche hob die Finger in die Höhe. »Ich thue es, Herr.«

»Gut! Was entscheidet der ehrwürdige Lynch?«

»Den Strick!« antworteten alle im Chor.

Der Verurteilte begnügte sich mit der Antwort: »Hol' Euch alle der Teufel, Ihr Halunken! Ihr seid eben nicht besser als ich!«

Der Präsident wandte sich zu dem anderen Gefangenen. »Und Du? Wie heißt Du?«

»O, Ihr kennt mich ja wohl, Sennor Enriquez; Ihr gewannet gestern noch an meiner Bank zwanzig blanke Dollars! Sharp! James Sharp, Euch zu dienen! Ich bin unschuldig wie ein neu geborenes Kind, Sennor, und es ist eine reine Verwechselung der Person. Überdies bin ich Mitglied für Ohio im hohen Kongreß und es darf niemand an einen Deputierten die Hand legen!«

»Ein Schurke erster Sorte seid Ihr,« antwortete kaltblütig der Präsident, »und es ist ein Segen für die bürgerliche Gesellschaft, wenn es gelingt, Euch aus der Welt zu schaffen. Wessen ist der Halunke angeklagt?«

»Ich traf ihn,« sagte der Graf, »wie er mit zwei Genossen diesen Mann, einen indischen Diener überfallen und ihm mit Gewalt sein gerettetes Eigentum zu rauben suchte. Der Kasten, den dieser Herr dort unterm Arm hat, war bereits in den Händen des Diebes, als wir ihn packten.«

»Er ist mein rechtmäßiges Eigentum, würdiger Richter Lynch,« schrie Sharp. »Ich pflege mein Geld für die Bank darin zu verschließen, und jener verdammte Heide selbst ist es, der mir und meinen Freunden die Kassette zu rauben versuchte. Wenn Ihr mir nur zehn Minuten Zeit und die Erlaubnis geben wollt, mich auf der Plaça umzuthun, will ich zwanzig Bekannte finden, die mit jedem Eid beschwören können, daß der Kasten mein Eigentum ist!«

John Merdith, der ehemalige Croupier des Bankhalters, drängte sich aus der Menge. »Wenn Ihr mir zehn Dollars gebt, Sharp,« grinste er, »will ich's auf der Stelle beschwören.«

Der Präsident machte einen bedeutsamen Wink mit der Hand nach dem Griff seines Revolvers, und der Helfer in der Not zog sich sogleich in respektvolle Entfernung zurück.

»Es soll niemand sagen,« sprach der spanische Kaufmann, der in diesem Augenblicke vielleicht die Hälfte seines Vermögens unter der Feuersbrunst von San Francisco verloren hatte, aber sich nicht in der Ausübung der Pflichten jener Verbrüderung stören ließ, die damals allein in Kalifornien Gerechtigkeit handhabte, »niemand soll sagen, daß der Richter Lynch ihm Unrecht gethan. Zeigen Sie das Kästchen her, Sennor.«

Auf einen Wink des Maharadschah brachte der Tigerjäger dasselbe herbei. »Da Ihr der Eigentümer seid, Master Sharp,« fuhr der Präsident fort, »so werdet Ihr es hoffentlich öffnen können?«

»Ich habe den Schlüssel leider im Gedränge verloren, Sennor,« winselte Sharp.

Der Maharadschah nahm schweigend eine goldene Kette vom Hals, an der ein gleicher kleiner Schlüssel hing und reichte ihn dem Kaufmann.

Don Enriquez steckte den Schlüssel ins Schloß, er paßte genau, der Deckel sprang auf und den neugierigen Blicken der Umstehenden blitzte ein Flammenmeer, eine Zauberpracht von Diamanten, Rubinen, Smaragden und Gold entgegen.

Hundert Hälse verlängerten sich und gierige Blicke wurden auf den reichen Schatz geworfen oder bedeutungsvoll getauscht, aber der wackere Kaufmann schloß rasch wieder den Deckel und gab Schlüssel und Schatulle zurück.

»Verzeihen Sie, Mylord,« sagte er zu dem Grafen, der etwas ungeduldig diesem Vorgange zugesehen, »es verstand sich, daß Ihr Wort genügte, aber ich wollte dem Schurken nur jeden Vorwand der Verteidigung widerlegen. Was beschließt der Richter Lynch über den gegenwärtigen sogenannten James Sharp?«

»Den Strick!«

Das würdige Kongreßmitglied versuchte vergebens die Schnur zu sprengen, mit der man seine Hände auf den Rücken gebunden. »Es ist eine Schande – ich protestiere! ich will vor den Alcalden geführt sein!«

Niemand achtete auf sein Geschrei. »Ist jemand hier,« fragte der Präsident, »der fähig ist, das Geschäft an den beiden Verurteilten zu verrichten?«

»Wenn Sie erlauben, Sir – ich habe einige Übung!« Die Stimme gehörte niemand anderm, als John Merdith, dem ehemaligen Genossen Sharps. Der Schurke hoffte in den Taschen und Kleidern der beiden Verurteilten, deren Besitznahme dem Henker zustand, Geld und Geldeswert zu finden.

Aber zehn andere machten ihm sofort Konkurrenz.

Da John Merdith auf dem Recht der ersten Meldung bestand, wurde ihm die Ehre zuerkannt, einen der Verurteilten zu hängen.

»John!« flüsterte Sharp, »Du wirst nicht so gemein sein, Hand an mich zu legen. Bedenke, wir haben so manches Glas Whiskeypunsch mit einander getrunken und oft unter einer und derselben Pferdedecke geschlafen, wenn wir nichts Besseres hatten. Deine Hand war stets in meiner Tasche und wir haben alles brüderlich mit einander geteilt«

»Narr, der Du bist! eben deshalb!« meinte John gleichmütig, indem er die Schlinge knüpfte. »Da Du nun einmal baumeln mußt, wirst Du doch nicht wollen, daß ein Fremder Dich beerbt?«

»Nun vorwärts, Schurke!« befahl der Anführer des Lynch, »verrichte Dein Geschäft, wenn Du nicht selbst die Stelle an der Laterne einnehmen willst!«

»Da hast Du's!« sagte der Kentuckier, während er die Schlinge um den Hals seines Opfers legte, »die Gentlemen haben verteufelte Eile!«

»Einen Augenblick noch, John – bei dem Andenken an Deine Mutter! – Thu' einen Schnitt mit dem Messer über den Strick an meinen Händen, um alter Freundschaft willen, und ich kann mich retten. Ich gebe Dir alles Geld, was ich habe!«

»Trägst Du es bei Dir?«

»Ja!« Die Zähne des Todeskandidaten klapperten, denn eben stieß der Indianer, der seinen Mitverurteilten in die Ewigkeit spedierte, den Schemel unter diesem weg, der trotzig und stumm den Tod erlitt.

»Es wird nicht viel sein, der Halunke Slong hat Dich gestern ausgebeutelt. Aber steige hier hinauf.« Er schob ihm den alten halbverbrannten Stuhl unter, der den Galgen-Apparat vervollständigen mußte. »Wir müssen die Schufte bis zum letzten Augenblick täuschen und ich kann dann besser Deine Handgelenke erreichen!«

»Aber John – Du wirst doch nicht! … mach' die Schlinge nicht so fest …«

»Jetzt ist's Zeit – spring'!« Er hielt sein Wort und trennte die Schnur mit einem scharfen Schnitt, aber zugleich stieß er den Schemel mit dem Fuß weit fort und Sharp baumelte in der Luft, noch ehe er sich von der Schlinge befreien konnte.

Der Todeskampf des Verbrechers, der jetzt mit den freien Händen in der Luft umher fuhr, war entsetzlich und selbst die Mitleidslosesten wandten sich schaudernd ab.

Lange vorher, ehe die beiden Exekutionen vollzogen worden, hatte der Indier mit seiner Begleitung und dem Grafen den Platz verlassen, den er bat, auf seiner Brigg ein Unterkommen für die Nacht anzunehmen, da sein eigenes Obdach zerstört worden, und in San Francisco gegenwärtig weder Ruhe noch Nahrung zu haben war. Mac Scott und Gibson richteten auf den Wink ihres Gebieters die gleiche Einladung an eine Anzahl Mitglieder der Sonora-Gesellschaft und trafen dabei eine sorgfältige Auswahl, die ziemlich genau mit der anpreisenden Liste übereinstimmte, die Slong am Abend vorher im Spielzelt dem Tigerjäger zu dessen Verdruß vorerzählt. Außer den drei Franzosen Delavigne, Cordollier und Vaillant befanden sich Ralph, der Bärenjäger, Joaquin Alamos der Pfadfinder und der Kanadier Adlerblick darunter. Aber, ob es infolge einer Weisung des Maharadschah oder infolge irgend einer Antipathie geschah – sie vermieden bei ihrer Auswahl sorgfältig die geborenen Engländer, obschon Gibson selbst zu der Nation gehörte.

Am Hafen traf die Gesellschaft die harrenden Boote der Brigg, die auf den Befehl des Maharadschah ans Ufer gekommen waren, und nach wenigen Minuten schwamm man auf den vom Feuerschein noch geröteten Wellen der Bai dem Schiffe zu.

Die Heftigkeit des Brandes begann jetzt abzunehmen, da die Hauptstraßen der Stadt vollständig in Asche lagen. Drei Vierteile von San Francisco waren ein Raub der Flammen geworden. Hin und wieder ging noch ein einzelnes Haus in Brand auf und der Feuerschein beleuchtete die Scenen der Verwirrung und des Verbrechens, die in dem unglücklichen Ort fortwüteten. So rasch und leicht wie die Stadt entstanden und gewachsen war, war sie auch vom Feuer vernichtet worden. Aber das war ein Ereignis, das regelmäßig von Zeit zu Zeit eintrat und höchstens den Bankerott einiger Assekuranzen herbeiführte, im übrigen aber dem Gedeihen der Stadt mehr nützte als schadete.

Auf dem Verdeck der »Sarah Elise« herrschte während der ganzen Nacht ein reges Leben. Mac Scott und Gibson bewirteten ihre Gäste mit großen Bowlen von Whiskeypunsch und anderen feurigen Getränken, während Srinath Bahadur, der den Geschwistern O'Sullivan seine eigene Kajüte eingeräumt, unter dem Zelt auf dem Hinterdeck mit dem Grafen in langem und ernstem Gespräch saß. Der Maharadschah erzählte seinem Gaste von dem Wunderland seiner Heimat und der Knechtschaft seines Volkes! –


Die Morgensonne beleuchtete bereits wieder eine volle Thätigkeit auf der Brandstätte. Mit dem den Amerikanern eigenen und bald allen Einwandernden sich mitteilenden Fleiß waren tausend kräftige Hände mit der Wegräumung des Schuttes, und selbst schon mit dem Ausbau neuer Wohnungen und Boutiken aus Leinwand, Brettern, Latten und allen möglichen Materialien beschäftigt. Die Spekulation war in voller Thätigkeit, die zahlreichen im Hafen ankernden Schiffe hatten Mannschaften ans Ufer gesetzt und die Kapitäns verkauften alle irgend entbehrlichen Vorräte. Fabelhafte Gebote wurden für Arbeitskräfte gethan und reich und arm legte mit gleicher Energie Hand ans Werk.

In den ersten Stunden hatte der Brand natürlich jedes andere Interesse absorbiert, und erst später dachte man daran, daß mit dem Verlust aller Vorräte und Anstalten die Sonora-Company verloren sei. Die Aktien begannen rasch zu sinken, ebenso wie die verschiedener Brand-Assekuranzen, und man gab sich um so eher der Überzeugung eines vollständigen Ruins und Bankerotts hin, als der Graf mit einem Teil seiner Begleiter verschwunden blieb.

Plötzlich um Mittag verbreitete sich aus einer unbekannten Quelle die Nachricht, daß die Vorräte der Sonora-Expedition bei zwei der besten Assekuranzen von New-Orleans und London zu einer so hohen Summe versichert gewesen, daß diese nicht allein hinreichen würde, das Aktien-Kapital zu decken, sondern auch noch eine gute Prämie zu gewähren.

Auf diese Nachricht hin stiegen die Aktien mit gleicher Schnelle, wie sie gefallen waren, und es wurden bereits von den glücklichen Besitzern neue Bau-Spekulationen abgeschlossen.

Es hieß, der Graf sei bereits nach New-Orleans abgereist, um das Geld zu holen.

Gegen zwei Uhr mittags sah man von der Brigg »Sarah Elise« ein Boot abstoßen und zugleich auf dem Verdeck Anstalten zum Absegeln treffen.

Als das Boot näher kam und am Quai anlegte, erkannte man darin den Grafen Boulbon mit seinem Adjutanten Vaillant.

Der Graf stieg sorglos ans Land, als wäre nicht das Mindeste passiert und als werde die Sonora-Expedition binnen drei Tagen aufbrechen.

Die Anhänger des Grafen umringten ihn sofort mit Jubelgeschrei, die Aktionäre eilten herbei und bestürmten ihn mit einer Flut von Fragen.

Aber der Graf wies alle Fragen zurück, und die Neugierde auf eine Publikation, die sofort erfolgen sollte.

Es fand sich zum Glück, daß eine der Druckereien vom Feuer verschont geblieben war. Dorthin begab sich der Graf, umgeben von einem Gedränge von Menschen. Die gewöhnliche Ungeniertheit der Amerikaner, mit der sie bis an die Presse selbst vordringen wollten, wurde jedoch durch die Maßregeln des Grafen in einige Schranken zurückgewiesen, indem er seine Anhänger Thüren und Fenster besetzen ließ, zum großen Ärger des freien Volkes, welches das Haus seines Nachbars als sein Eigentum anzusehen gewohnt ist.

Alles Schreien, Pfeifen, Rufen und Lärmen half nichts. Der Graf, der die Publikation schon vorher entworfen haben mußte, blieb selbst am Setzkasten und an der Presse stehen, bis das Blatt gedruckt war.

Dann wurden die Fenster des Hauses geöffnet und man warf einige hundert Exemplare den Leuten auf die Köpfe, während eine Zahl derselben fortgetragen wurde, um sie an den Resten der Pfosten und Wände von San Francisco anzuschlagen.

Ein großer Jubel erhob sich bei dem Lesen der Proklamation, und die Aktien der Sonora-Expedition stiegen rasch um zehn, zwanzig, dreißig Prozent!

Die Bekanntmachung lautete:

 

Hauptquartier
von
Horace Aimée, Grafen von Raousset-Boulbon,
Marquis de Tremblay,
aus dem fürstlichen Hause Lusignan,
General en chef
der Expedition nach Sonora und dem geheimen Schatz der Azteken am Rio Gila.

 

»Bei dem gestrigen Brande sind die sämtlichen Ausrüstungen der Sonora-Expedition von den Flammen vernichtet und von Schurken gestohlen worden.

Die Expedition wird aber trotzdem unter allen Umständen vor sich gehen und nur eine solche Verspätung erleiden, wie sie die Anschaffung einer vollständigen neuen Ausrüstung erfordert.

Zu dem Ende hat der General en chef aus seinem Privatvermögen eine gleiche Summe, wie das Aktien-Kapital betrug, nämlich hunderttausend Dollars, bei Don Enriquez Estevan, dem ersten Bankier dieser guten Stadt, deponiert.

Die Aktionäre verlieren demnach keinen Heller, und der Zeitverlust der Expedition wird dadurch wieder eingebracht werden, daß dieselbe zu Schiff über Guayamas abgehen wird, statt des früher beabsichtigten Landweges durch die Mohahwes.

Die Verpflichtungen der angemeldeten Teilnehmer übrigens sind von diesem Augenblicke aufgehoben, die gezahlten Vorschüsse gestrichen. Es steht jedem frei, sich an einem beliebigen Unternehmen zu beteiligen, namentlich an der › Tiger-Killing-Company‹ Seiner Hoheit des Maharadschah Srinath Bahadur, des sehr geehrten Freundes des Generals en chef.

Der letztere eröffnet sofort eine neue Anmeldung und wird jeden seiner bisherigen Begleiter mit Vergnügen und unter denselben Bedingungen wie früher aufnehmen, auch für seinen Unterhalt bis zum Abgang der Sonora-Expedition Sorge tragen.

Kund und zu wissen sei zugleich jedermann, daß mit der Einwilligung und den besten Wünschen des Generals bereits verschiedene ehemalige Mitglieder in den Dienst Seiner Hoheit des Maharadschah getreten sind.

Jeden Schurken, der sich von diesem Augenblicke an noch eine ungünstige Bemerkung über die Sonora-Expedition zu erlauben wagt, wird der General en chef zur gebührenden Rechenschaft zu ziehen wissen.

Gegeben zu San Francisco am Tage des heiligen Elogius, den 25. Juni im Jahre des Herrn 1851.«

Als man sich durch eine Nachfrage bei Don Enriquez überzeugt hatte, daß die hunderttausend Dollars richtig in guten Noten und Wechseln bei ihm deponiert worden, kannte die Begeisterung der würdigen Aktionäre für den Grafen keine Grenze mehr. Man verlangte eine öffentliche Ovation ließ einstweilen alle Bauprojekte im Stich und wollte ihn im Triumph in ein Meeting tragen.

Aber der Graf war so klug gewesen, sich durch eine Hinterthür längst zu entfernen; er kannte die schmutzigen Hände und den Gin-verdorbenen Odem der würdigen Bevölkerung von San Francisco! – – – – – –

Eine Stunde nachher ruderten zwei Boote von verschiedenen Seiten auf die Brigg »Sarah Elise« zu.

In dem einen befand sich der Graf mit seinem Adjutanten – er kam, um Abschied zu nehmen.

In dem anderen Boot, das von der Insel Yerba Buëna kam, saß Hesekiah Slong, der Methodist. Der Mann, welcher die Ruder führte, war kein anderer, als John Merdith, der Kentuckier.

Es hatte diesen bedeutende Mühe und Schlauheit gekostet, seinen würdigen Meister und Kameraden aufzuspüren, der vom ersten Augenblick des Brandes an spurlos verschwunden war. Ein Zufall führte ihn am Morgen zu der Entdeckung, daß Master Slong noch in der Nacht nach der kleinen Insel übergesetzt war, die zwischen der Bai von San Pablo und der Bai von San Francisco mitten innen liegt und den Ausgang von Golden Gate ins offene Meer, wie die Aussicht über die Reede beherrscht.

Der Kentuckier sah alsbald ein, daß sein edler Freund dies nicht ohne besondere Absicht gethan haben konnte, und er unternahm alsbald eine Spazierfahrt nach der Insel.

In einer Schifferspelunke der untersten Klasse traf er nach vielem Suchen den Methodisten, der mit einiger Unruhe durch ein kleines Fernrohr die Anstalten zur Abfahrt beobachtete, die an Bord der »Sarah Elise« gemacht wurden. Da alles Volk von der Insel nach San Francisco übergesetzt war, so fehlten ihm die Mittel, an Bord des Schiffes zu gelangen und er sah daher bei allem Mißtrauen mit einem gewissen Vergnügen die Ankunft seines Kompagnons aus dem Zirkus.

Nachdem die beiden Schurken sich nach Möglichkeit über den Zufall ihres Zusammentreffens angelogen hatten, machte Slong dem Kentuckier den Vorschlag, mit ihm, gegen eine Vergütung von zwei Dollars, an Bord der »Sarah Elise« zu fahren, indem er vorgab, daß er sich bei seinen Freunden, den Tigerjägern, für die Company anwerben lassen wolle. Er trug dabei Sorge, den Kentuckier wissen zu lassen, daß er das bei der Zirkus-Spekulation erworbene Kapital bereits untergebracht habe – ob im Schoß der Mutter Erde, oder in einer Handelsspekulation, ließ er ungesagt! – und daß alles Geld, was er bei sich führe, aus lumpigen fünf Dollars bestände.

Der Kentuckier antwortete damit, daß er seine Taschen umkehrte. Es befand sich nichts darin, als einige Ditriche, ein schmutziges Spiel Karten und eine Hanfschnur.

Beide kannten sich – beide wußten, was sie von einander zu erwarten hatten, aber beide brauchten sich.

Das war das Paar, das sich zugleich mit dem Grafen der Brigg nahte.

Während dieser am Steuerbord aufs Deck stieg, klommen Slong und sein Kompagnon auf dem Backbord empor, wo sie ihren Kahn festgemacht. John Merdith hatte sich geweigert, im Kahn zu bleiben, wie sein Gefährte ihn überreden wollte.

Der Maharadschah saß rauchend unter dem Sonnenzelt des Hinterdecks mit Edward und Margarethe O'Sullivan, als die beiden Kähne sich näherten. Edward verließ das Deck, ehe der Graf es betrat, und ging in den Raum.

Vorn am Gangspill war die Mannschaft beschäftigt, den Anker aufzuwinden, und ihr einförmiger Singsang tönte über das Meer.

Die Sonne begann zu sinken – die Brigg wollte noch mit dem Wind, der gegen Abend gewöhnlich vom Lande strich. Golden Gate passieren und das Meer gewinnen.

Der Maharadschah erhob sich, sobald der Fuß des Grafen den Bord berührte, ging ihm entgegen und führte ihn zu dem Sitz neben Margarethe, während Vaillant sich zu seinen Gefährten wandte. Die angeworbenen Abenteurer jetzt dreißig an der Zahl und darunter fast alle, die den Grafen am Abend vorher auf die Einladung Mac Scotts und Gibsons an Bord begleitet hatten, lehnten lustig und plaudernd in verschiedenen Gruppen und Beschäftigungen auf dem Verdeck umher.

Die Tiger-Killing-Company war jetzt vollständig.

Der Maharadschah bat den Grafen, ihn zu entschuldigen, wenn er sich eines Geschäftes halber einen Augenblick zurückzöge, und ging in die Kajüte, indem er Gibson einen Wink gab, ihm zu folgen.

Gleich darauf holte der ehrliche Tigerjäger den Methodisten in die Kajüte.

Der Maharadschah stand neben einem Tisch, auf dem das geöffnete Kästchen stand, das Madahna aus den Flammen von San Francisco gerettet. So fand ihn der Methodist, als er unter tiefen Bücklingen eintrat.

»Eure indische Majestät nehmen es nicht ungnädig,« sagte der Hallunke, »daß ich mir erlaube, meine devoteste Aufwartung zu machen. Es steht geschrieben in der heiligen Schrift: ein jeder Knecht ist seines Lohnes wert! Euer Hoheit werden sich vielleicht eines gewissen gnädigen Versprechens erinnern und die Sonne Ihrer Gunst leuchten lassen über Dero stets bereitwilligen Diener.«

Der Maharadschah sah ihn mit Verachtung an. »Ich habe gehört, daß Du ein Prediger des Christenglaubens, ein Missionär bist?«

»Wenn auch nicht gerade ein Missionär, Hoheit, so doch ein demütiger Diener des Herrn Zebaoth. Ich bin wandernder Prediger – was man bei Euer Majestät, wie ich gehört habe, Fakir oder Derwisch zu nennen pflegt, und der Herr hat meinen Geist erleuchten lassen, daß ich gläubige Gemüter mit der Salbung meiner Rede und dem Vortrag der heiligen Psalmen schon oft in Trübsal und Not getröstet habe!«

Sein Augen schielten begehrlich nach den Schätzen der offenen Schatulle.

Der Indier wandte sich mit tiefem Ekel von ihm. »Der Gott der Christen,« sagte er endlich ernst, »muß in Wahrheit ein großer Gott sein, daß sein Glaube bestehen kann bei so viel Schlechtigkeit seiner Diener! Hier ist der Lohn, den ich Dir verheißen,« – er warf ihm einen Sack mit Gold vor die Füße – »geh' und besudle mit Deiner Gegenwart nicht länger dieses Schiff!«

»Die Gerechten in Israel werden verkannt! ich wollte mich eben in Eurer Hoheit Company …«

»Fort mit Dir! – Sorge dafür, daß dieser Mann das Schiff verläßt und zögert er, so wirf ihn mit seinem Geld über Bord!«

Er scheuchte mit einer Handbewegung den Methodisten vom Eingang fort und verließ die Kajüte. Gibson aber, der die begehrlichen Blicke Slongs nach den Herrlichkeiten der Kajüte wohl bewachte, lud diesen jetzt ein, dem Befehl des Maharadschah Folge zu leisten. »Es wird spät, ehrwürdiger Hesekiah,« sagte er mit Laune, »und der Anker ist bereits an Bord. Die Segel werden im Augenblick gehißt sein, und ich möchte nicht gern, daß ein alter Freund, wie Ihr, den Haifischen zum Futter würde, besonders, nachdem er so viel Geld verdient, wie Ihr in den letzten zwei Tagen. Also kommt, macht Euch überseit in Euern Kahn und grüßt mir noch einmal Striped Bob. Gott verdamm Eure Augen, die so schielig sind, wie die des Tigers, aber es ist mir ordentlich schwer geworden, mich von dem Vieh zu trennen!«

Damit schob er den Psalmensänger zur Thür hinaus und die Lukentreppe hinauf.

Das Schiff begann bereits langsam vor dem Winde zu treiben und die Mannschaft war damit beschäftigt, leichte Segel anzusetzen.

Der Maharadschah stand mit dem Grafen, der jungen Irländerin und einem Teil der Tigerjäger auf dem Hinterdeck, die Blicke nach der Stadt gerichtet.

Er bekümmerte sich nicht mehr um Slong, nachdem er seine Befehle erteilt.

Dieser, von Gibson getrieben, wollte eben die Bootsleiter besteigen, als eine Welle das Schiff schwanken machte und ihn nötigte nach einem Halt zu greifen. Dabei fiel ihm der Beutel mit den Mohurs auf das Deck und obschon er, von Leder gemacht, hielt, zeigte doch der metallische Klang seinen Inhalt. John Merdith, der kentuckische Henker, hatte kaum Zeit, einen erstaunten und begehrlichen Blick auf den Schatz zu werfen, als sein würdiger Freund auch schon mit der Schnelligkeit des Raubvogels auf sein Eigentum fiel und es unter seinem Rock wieder verbarg. Beide stiegen ins Boot und dasselbe verlieh das Schiff.


»Was Sie mir von Ihrer Heimat erzählt, Hoheit,« sagte der Graf, »hat mein höchstes Interesse erregt. Ich wiederhole Ihnen, was ich Ihnen vorgestern sagte, bänden mich nicht alle meine Interessen jetzt an dieses Land, ich zöge mit Ihnen nach Indien und erkämpfte mir dort eine Existenz, wie einst der Gatte Ihrer Verwandten, der Begum von Somroo, gethan. Ich habe so viel von dieser merkwürdigen Frau gehört, daß ich wohl wünschte, Sie benutzten die kurze Zeit, die wir noch zusammen sind, um mir etwas von ihr zu erzählen. Man hat ja, wie ich in den Zeitungen gelesen, Ihren Verwandten, den Enkel der Begum in London für verrückt erklärt und sein Vermögen gestohlen. Hüten Sie sich, daß man Sie nicht auch Ihres Reichtums beraubt, – die Kompagnie hat sicher längst beide Augen darauf gerichtet! – Aber Sie wollten mir von der Begum erzählen!«

»Sie sollen die Geschichte der Begum hören, der Großmutter des Freundes und Beschützers meiner Jugend, David Sombres oder David Dyces, wie ihn die Engländer nennen! Ich selbst habe als Knabe die hohe Frau gar oft in ihrem Palast im goldenen Delhi gesehen. Mein Vater, der Peischwa, war ihr Freund und Verwandter.«

Die Zuhörer hatten sich um den Maharadschah aufmerksam gruppiert, um die Geschichte der merkwürdigen Frau zu hören, von der in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts oft in Europa die Rede war, und die ein Beispiel giebt von den abenteuerlichen und wechselnden Zuständen in dem alten Reich des Großmoguls. Wir geben diese interessante Geschichte nach den besten – jetzt längst verschlossenen Quellen.

»Die Begum,« begann der Maharadschah, »soll mongolischer Abkunft sein und war ums Jahr 1753 Ihrer Zeitrechnung geboren und im mohammedanischen Glauben erzogen. Von ihrer frühesten Jugend ist nichts bekannt. Als sie noch ein herumirrendes Mädchen war, fesselte ihre Schönheit einen deutschen Abenteurer, der in den Diensten der französischen Kolonieen stand und von Ihren Landsleuten le Sombre genannt wurde, woraus der indische Name Somroo entstand. Er hieß Walter Reinard und war in Trier geboren. Dieser tapfere und kühne Mann war es, der im Jahre 1763 die Ermordung der Engländer in Patna leitete. Als diese Patna wieder genommen, mußte er die Flucht ergreifen, trat zuerst in die Dienste des Radschah von Bithoor, woher sich das alte Bündnis zwischen dem General und dem Vater des Peischwa schreibt, und dann in die mehrerer anderer Fürsten, wobei die Begum ihn und seinen geworbenen Heerhaufen überall hin begleitete, bis es ihm gelang, im Audh, nordöstlich von Delhi, bedeutende Besitzungen zu erwerben. Mächtig und reich starb er, und die Begum folgte ihm in dem Besitz und in der Anführung seiner Soldaten, deren Treue und Begeisterung sie sich durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit erworben hatte. Während der großen Erschütterungen in den letzten Regierungs-Jahren des Schah-Aulam verteidigte sie diesen bei vielen Gelegenheiten mit großer Tapferkeit und erhielt zur Belohnung ihrer Treue mit der Benennung Heeb al Rissah (Zierde ihres Geschlechts) ein Fürstentum, Sirdhana genannt, daß sie durch weise Verwaltung zu einem Garten Indiens umschuf.«

»Nach einer kurzen Witwenschaft kam ein Franke an ihren Hof, Le Vassu, und gewann ihre Liebe. Sie vermählte sich mit ihm und gebar eine Tochter, die sie Juliane nannte. Ihr Gatte aber sehnte sich nach seinem Heimatland und beschloß, nach Europa zurückzukehren. Er bestand darauf, seine Frau mit sich zu nehmen und sagte ihr, sie würde mit ihrem Golde und ihren Juwelen weit glücklicher in Paris als in den Wildnissen Indiens leben. Die Begum war eine kluge Frau. Sie besorgte mit Recht, in dem fremden Lande ihre Macht einzubüßen und die Sklavin ihres Mannes zu werden, während sie in Sirdhana die rechtmäßige Gebieterin blieb. Aber es wäre unerhört gewesen, wenn ein Weib sich geweigert hätte, ihren Mann zu begleiten – unter Indiens Sonne ist der Mann Herr über das Leben seiner Familie. Die Begum nahm deshalb zu einer List ihre Zuflucht. Nachdem sie ihre wahre Absicht einigen Vertrauten mitgeteilt, stellte sie sich gegen den drängenden Gatten, als willige sie in sein Vorhaben, gab ihm aber zu bedenken, daß ihre Flucht entdeckt werden könnte, und daß es eine Schande für sie sein würde, wenn ihre Unterthanen sie wider ihren Willen nach Sirdhana zurückbrächten. Ehe sie dies erlebe, würde sie sich lieber mit eigener Hand töten. Durch solche Reden lockte sie Le Vassu den Schwur ab, daß, wenn sie verfolgt und eingeholt würden, er sie nicht überleben wolle.

»Um Mitternacht bestieg der Franzose seinen Elefanten, die Begum ihren Palankin und sie reisten ab. Aber an einem bestimmten Ort wartete ihrer ein Hinterhalt von ihren eigenen Soldaten und die Begleitung des Paares wurde zerstreut. Man hörte einen Schrei und ein der Begum ergebener Diener eilte zu dem gefangenen Franken ihm verkündend, daß seine Gattin sich erstochen habe. Le Vassu stürzte zu dem Palankin, um ihre letzten Atemzüge zu empfangen und mit ihr zu sterben, als man ihm schon mit einem blutgefärbten Tuch entgegenkam. ›Diesen Abschied sendet sie Dir,‹ berichtete eine der treuen Frauen, ›und mahnt Dich an Dein Versprechen.‹ Da hörte der unglückliche Mann, der seine Frau wirklich geliebt und den nur die Thorheit getrieben hatte, auf seiner Flucht zu bestehen, nur auf die Stimme der Verzweiflung – er riß ein Pistol aus dem Gürtel und erschoß sich. In demselben Augenblicke verließ die Begum den Palakin und bestieg einen Elefanten. Sie redete die Soldaten an und sagte ihnen, daß ihre Treue für sie über ihre Liebe zu ihrem Gatten gesiegt hätte, und daß sie fortan nur ihnen gehören würde. Im Triumph wurde die Fürstin nach Sirdhana zurückgeführt und seit jener Zeit hat sie allein ihr Reich regiert und ihre Krieger in wilden Schlachten angeführt.«

»Abscheulich!« rief die junge Irländerin, »wie war es möglich, einen Gatten, den sie liebte, tückisch selbst dem Tode zu weihen!«

»Rechten Sie nicht mit Sitten und Gefühlen, schöne Miß,« sagte der Graf, »die außer unserm gewohnten Kreise liegen. Was bei einer Europäerin eine That der Nichtswürdigkeit und des Verrats sein würde, ist ein heroisches Opfer der eigenen Liebe bei der indischen Fürstin, die den schwachen, eigensinnigen Gatten dem Tode weiht, um sich ihrem Volke zu erhalten.«

»Sie haben Recht, Monseigneur – jener Franke war ein Unwürdiger und Undankbarer. Indien hat nie eine bessere Fürstin gesehen, als die Begum Somroo war. Unter ihrer Hand wuchs der Reichtum ihres Landes, ihre Dörfer waren volkreicher und glücklicher, als die irgend einer anderen Gegend im weiten Indien. Der Reisende war willkommen an ihrem Herd und der Flüchtling fand Schutz in den starken Mauern ihrer Stadt. Wenn ihr stolzes Pferd oder der mächtige Elephant sie durch die Straßen Delhis trug, wies das Volk auf sie und nannte sie die Mutter der Glücklichen!«

»Und hat sie nie die Reue über den begangenen Mord getrübt?« fragte schüchtern Margarethe.

»Nur Brahma selbst schaut in die Herzen der Menschen. Die Begum verließ, als sie alt wurde, den Glauben ihrer Väter und horchte auf die schwarzen Priester der Christen. Man sagt, daß sie schlimme Stunden gehabt hat, in denen das blutige Bild ihres Gatten vor ihre Seele trat. Ich weiß es nicht, denn ich war ein Kind noch, als der tückische Holkar sie durch falsche Briefe bei den Engländern in Kalkutta verleumdete. Da zeigte sich zum letztenmal ihr mächtiger Geist – sie schlug dem schändlichen Feind ins Antlitz und enthüllte mit Hilfe des Peischwas, meines Vaters, den Verrat, den er gesponnen. Zum Dank dafür sollte ich an ihrem Erbe teilnehmen, obschon ihr Wille nicht erfüllt wurde. Sie starb im Jahre 1836, noch ehe die Heirat vollzogen wurde, 83 Jahre alt, geliebt und betrauert von allen, die sie kannten.«

»Welche Heirat, Hoheit?«

»Der Begum einzige Tochter hatte den Obersten ihrer Leibwache geheiratet, Dyce genannt. Ein Sohn und eine Tochter waren die Frucht dieser Ehe, und die Begum ließ sie auf europäische Art erziehen. David war fünfzehn, Anna Mary dreizehn Jahre älter als ich. Aber die Begum hatte noch eine viel jüngere Enkelin – wenigstens nannte das Volk sie so. Ich war damals ein Knabe und zählte fünf Jahre weniger als diese, mit der ich verlobt wurde. Man sagt, es sei das Kind des Obersten Dyce und einer Sklavin der Begum gewesen. Niemand weiß, ob es wahr ist, und ob die Sklavin oder Juliane, die rechtmäßige Hindufrau, das Kind geboren. So viel aber ist gewiß, daß die Begum Somroo die Sklavin drei Tage nach der Geburt jenes Kindes lebendig begraben ließ, und da sie fürchtete, daß man ihr zu Hilfe kommen werde, so befahl sie, ihre königlichen Teppiche über das Grab zu breiten, schlief drei Nächte darauf und hielt am Tage Gericht.«

»Entsetzlich! Aber was wurde aus dem Kinde?«

»Ich habe Ihnen schon erzählt, daß sie es als das Kind ihrer Tochter ausgab und als solches erziehen ließ. Als die Begum starb, war ich noch zu jung zur Verheiratung, die Prinzessin Georgine wollte nichts von mir wissen, weigerte sich, dem Befehle ihrer Großmutter und ihres Bruders zu gehorchen und entfloh mit einem italienischen Abenteurer, Savelli mit Namen. David Dyce Sombre folgte ihr mit der älteren Schwester nach England und ist seitdem nicht wieder nach Indien zurückgekehrt.«

»Man hat ihn in Bedlam eingesperrt und ihn für verrückt erklärt,« lachte der Graf. »Ich selbst habe ihn einmal flüchtig in Paris nach seiner Flucht gesehen, und glaubte nicht, einen seiner Verwandten am äußersten Ende Amerikas noch meinen Freund zu nennen. Und nun lassen Sie mich sagen, Hoheit, daß ich bedauere, von Ihnen scheiden zu müssen, denn meine Bootsleute dort winken mir schon seit zehn Minuten, und da drüben erscheint der weiße Schaum der Brandung des Weltmeeres, das künftig unsere Lebensbahnen scheiden soll. Diese da,« er wies auf Margarethe, »möge Sie an mich erinnern! Schirmen und schützen Sie sie und ihren Bruder!«

Der Maharadschah legte mit einem glühenden Blick auf die junge Irländerin die Hand beteuernd auf die Brust.

Der Graf – seltsam bewegt – führte den Fürsten einige Schritte aus der sie jetzt umdrängenden Menge. »Es ist etwas Eigenes, mir selbst Unerklärbares, was mich zu Ihnen zieht. Mir ist, als würden wir dasselbe Schicksal haben und die Welt einst unsere Namen auf einem großen Throne oder – einem Schafott nennen! – Nehmen Sie in dieser Stunde des Scheidens eine Warnung von einem älteren Freunde: trauen Sie den Engländern nicht – sie sind Harpyen, wo es ihr Interesse gilt und tauber Fels für den Schrei der Gerechtigkeit!«

»Ich bin reich, unabhängig – mächtig und mit ihnen im Bündnis, obschon ich sie nicht liebe,« sagte ruhig der Inder. »Was sollte ich von ihnen fürchten?«

»Alles! – Denken Sie an meine Worte und benutzen Sie jene Tapferen, die ich Ihnen mit Widerstreben gegeben, um sich eine Schutzmauer gegen Ungerechtigkeit und Verrat zu bauen. Es wird eine Zeit kommen, wo Sie nicht Tiger jagen werden, sondern Menschen. Delavigne ist ein tüchtiger Artillerist, Cordollier war Ingenieur-Offizier – beide können Ihnen sehr nützlich werden. – Und nun, Kinder, Freunde,« er wandte sich zu den Abenteurern, »lebt wohl und der Gott der Tapferen möge Euch schirmen in den Dschungeln Indiens!«

Er sprang an die Öffnung des Fallreeps. Sie drängten sich um ihn, sie preßten seine Hand, die der Gefahr gewohnten Männer. Stumm über sie hinweg reichte der indische Fürst dem tapferen Franzosen die Dschambea, mit der er den Tiger verwundet, und der Graf nahm das Geschenk und steckte es in seinen Gürtel. Dann noch einen Blick auf dem Verdeck um sich her werfend, sprang er auf Edward O'Sullivan zu, der mit sich kämpfend in der Ferne stand, drückte ihn heftig ans Herz, und wenige Augenblicke darauf stieß das Boot, das ihn trug, von der Seite des Schiffes ab.

Ein dreimaliges Hurra aus fünfzig Kehlen grüßte die Scheidenden. Die Abenteurer und die Matrosen sprangen auf die Bänke und die Takelage, schwenkten Hüte und Mützen und schauten dem Boote nach; dann donnerten auf den Wink des Maharadschah die Kanonen der Brigg den letzten Gruß.

Mac Scott berührte den Arm des Maharadschah, der gedankenvoll dem Boote nachschaute und deutete mit der Hand nach der andern Seite.

In dem roten Strahl der untergehenden Sonne konnte man in der Ferne das Boot Slongs und seines Genossen auf dem Kamm der Wellen in der Richtung der Insel Yerba-Buëna sich schaukeln sehen.

Zwei Gestalten standen aufrecht im Kahn, dann verschmolzen sie in ein wildes Ringen und als das Boot auf dem Kamm der nächsten Welle sich hob, war nur einer der dunklen Schatten noch zu erschauen.

»Bei dem Kreuz von Midlothian,« murmelte der Schotte, »der Tiger verschont den Tiger, aber das giftige Menschengewürm frißt einander selber auf.«



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