Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Die Tiger-Vertilgungs-Gesellschaft.

Die Laternen vor den Spielhäusern waren bereits angezündet – aus den geöffneten Thüren der langen Reihe von Gebäuden des großen Platzes strömten Helle und Glanz, tönte Musik und ein infernalischer Lärm in das Helldunkel der Sommernacht.

Aus den Felsenschluchten der Apenninen hat uns der Gang unserer Erzählung an den grünen Golf von Californien versetzt, nach San Francisco – den: Lande der Goldsucher und Goldverschwender, dem Sammelplatz der wildesten Abenteurer aller Völker und Zonen, dem Pfuhl jeder Willkür und jedes Verbrechens, dem Golconda der Spieler – nach San Francisco, dem Smyrna der neuen Welt.

Drei mächtige Anreizungen vereinen in dieser durch den Schlag des allmächtigen Zauberstabes entstandenen Stadt die bunteste Gesellschaft vielleicht der ganzen Welt: Die ungezügeltste Freiheit und Ungebundenheit, frei von jeder Schranke des Gesetzes, der Sitte und des Herkommens, nur von der Macht des Stärkeren gebändigt; – der Golddurst und Goldgewinn; – und die Romantik der wildesten Abenteuer.

Neben dem handelnden, kalkulierenden, besonnenen Amerikaner bewegt sich der schlaue, unermüdliche Chinese; der bronzefarbene Lascare geht mit dem blondhaarigen, breitschulterigen, dänischen oder deutschen Matrosen, der von der Handelsbrigg auf der Reede entwichen ist, um in den Regenschluchten des Sacramento die ersehnten Goldkörner im Schweiß der mühseligsten Arbeit zu waschen und – nicht zu finden. Der eitle, geputzte Mexikaner schreitet hochmütig an dem roten Sohn des Landes vom Stamme der Mohaves oder Payutas vorüber, der in seine Decke gehüllt, die Augen gesenkt, mit unhörbarem Schritt durch die Menge gleitet. Der kühne Perlentaucher von Spiritu Santa und Ceralvo mischt sich unter die riesigen Gestalten aus Canada, die Trapper und Jäger der Wüste an den Felsgebirgen oder an den Grenzen Sonoras. Spanier – Engländer – Irländer – Franzosen – Deutsche – der Mohr und der Tahitiner – die ganze Welt scheint ihre Nassen und Geschlechter hier ausgestellt zu haben.

Drei Spielhäuser zeichnen sich vor allem aus. Sie Hegen nebeneinander, nur durch kurze Zwischenräume getrennt – das mittlere, größeste, scheint gleichsam die Parteien zu scheiden, der neutrale Boden zu sein, auf welchem sich die Werbearmee für die großen Unternehmungen des Tages tummelt.

Denn diese wilde, leidenschaftliche, zu allen Thorheiten und Extravaganzen stets bereite Menge ist täglich das Spiel der fabelhaftesten Gerüchte, der ausschweifendsten Pläne einzelner, deren Genie, Vermögen oder körperliche Eigenschaften sie fähig machen, an die Spitze irgend einer halb wahnwitzigen Unternehmung zu treten und die Bande sonst zügelloser Menschen durch Verlockungen aller Art an sich zu knüpfen.

Vor dem linken Hause oder vielmehr dem großen hölzernen Zelt, nach Art unserer europäischen Tanzsäle in großen Städten gebaut, flattert ein mächtiges Banner, dessen Falten von dem Seewind schwer durch die Luft getrieben werden. Eine Grafenkrone, darunter ein in viele Felder geteiltes Wappen, von zwei wilden Männern als Schildhalter getragen, von drei bunten Turnierhelmen überragt, ist darauf in lebhaften Farben gemalt. Die Felder des Wappens zeigen drei Sarazenenköpfe, die Lilien Frankreichs, geteilt durch den schrägen Balken der Bastardschaft, und das Mittelstück – wahrscheinlich als eigene Phantasie des jetzigen Besitzers – einen goldenen Berg.

Ein großes Transparent über dem Eingang des Zeltes giebt die Erklärung dieses Wappens, nach dessen heraldischen Zierden gar manches Auge eines freien, amerikanischen Bürgers im Vorübergehen emporblickte; denn nichts imponiert dem edlen Republikaner mehr, als hocharistokratische Titel und Würden.

Die Inschrift lautete in französischer und englischer Sprache:

 

Hauptquartier
von
Horace Aimé Grafen von Raousset Boulbon,
Marquis de Tremblay,
aus dem fürstlichen Hause Lusignan,
General en chef
der Expedition nach Sonora und dem geheimen Schatz
der Azteken am Rio Gila.
Cours der Aktien 187½.

 

Riesige gedruckte Plakate, an beiden Seiten des Einganges angeklebt, belehrten das Publikum, daß hier »noch eine geringe Anzahl von Aktien« des großen Unternehmens für Gentlemen zur Zeichnung reserviert würden, und daß die Anmeldung der Teilnehmer zu jeder Stunde, von morgens 8 Uhr bis Mitternacht, erfolgen könne. Andere Affichen zeigten die Abbildung einer vollkommenen kleinen Armee, mit Reiterei und Kanonen, begriffen im Kampf mit einer flüchtenden Indianerhorde, dahinter fabelhafte Ruinen mit der Überschrift: »Eingang zu dem geheimen Schatzgewölbe Itze-Cate-Cäulas, Enkel Montezumas des letzten Aztekenfürsten.« Zeitungsblätter, gleichfalls an jedem freien in die Augen fallenden und von dem Licht der Laternen erhellten Fleck angeklebt, berichteten, daß die Expedition des berühmten Grafen Raousset-Boulbon, dessen Umsicht und Tapferkeit in allen Kriegen Europas seit den letzten zehn Jahren genügend erprobt worden, in vierzehn Tagen nach Guyamas unter Segel gehen werde, um von dort aus in die noch unerforschten Regionen des Aztekenlandes und der Goldberge einzudringen. Nach ihren Versicherungen hatten sich bereits über zweitausend Personen zur Teilnahme gemeldet, von denen jedoch Seine Excellenz, der General en chef, nur dreihundert der Kühnsten und Bewährtesten ausgelesen habe, um der Ehre des Zuges teilhaftig zu werden, der – selbst wenn man unvorhergesehener Hindernisse halber die Goldberge nicht erreichen sollte – für jeden Mann mindestens eine Hazienda von der Größe und dem Werte einer europäischen Grafschaft abwerfen müsse.

Anders zeigte sich die anlockende Ausstattung des Zeltes zur Rechten. Wie bei seinem Rivalen, flatterte ein großes Banner über dem Haupteingang, der ungleich reicher und prächtiger mit großen Teppichen behangen und verziert war. Auf dem Banner war ein großer indischer Tiger abgebildet, der mit einem Manne rang und von diesem eben einen Stoß mit dem Kriß in den geöffneten blutigen Rachen erhielt, der ihn zu Boden warf. Andere ausgespannte Abbildungen ringsum, gleich denen einer Menagerie oder Kuriositätenbude, zeigten Kämpfe zu Pferde oder auch Elefantenjagden gegen Tiger, doch immer den Jäger unter den furchtbarsten Gefahren als Sieger über die Bestien der Wildnis. Prächtige Tigerfelle, indianische Waffen aller Art hingen gleich Dekorationen zwischen diesen Abbildungen. Wie aus der andern Seite, so verkündete auch hier ein großes Transparent die Bedeutung der seltsamen Ausstaffierung mit der Inschrift:

 

Tiger-Vertilgungs-Gesellschaft
(San Francisco Tiger-Killing-Company)
Seiner Hoheit
des Maharadschah Srinath-Bahadur,
genannt
Nena Sahib,
Sohn des
Vazie Rû, Peischwa von Bithor in Indien.
Handgeld für die Tapferen: 40 Goldrupien Die beiden Gesellschaften sind nicht etwa Phantasiegebilde, sondern Thatsachen.

 

Dem Transparent entsprechend, erzählten die angehefteten Plakate und Blätter des »California Chronicle«, daß der reiche und vornehme Nadschah, Nena Sahib, ein leidenschaftlicher Jagdliebhaber, in Begleitung der zwei berühmtesten und gewandtesten Tigerfänger Indiens, der Herren Mac Scott und Harry Gibson, mit der eigens von ihm gemieteten schönen Brigg, »Sarah Elise,« von Calcutta vor kaum acht Tagen herüber gekommen sei, um eine Gesellschaft der berühmten Jäger und Trapper der Felsgebirge für die Tigerjagd in Indien zu engagieren. Der Chronicle pries das Unternehmen des edlen und tapferen Radschah mit vollen Backen, und ein daneben angeheftetes Blatt der »Free Preß« aus Singapore verkündete unter der Überschrift: »Rasche Entvölkerung von Singapore durch Tiger,« daß mindestens dort wöchentlich drei Menschen von den Bestien verzehrt würden und während der letzten Zehn Jahre im Gebiet von Malacca mehrere tausend Menschen ihr Leben auf diese Weise verloren hätten. Die Bedingungen, welche der indische Nabob bot, waren verlockend genug. Bei einer Verpflichtung von fünf Jahren in seinem persönlichen Dienst vierzig Gold-Mohurs Handgeld, ein Jahrgehalt von zweihundert Silberrupien bei freier Station, und für das Fell jedes getöteten Tigers außerdem dreißig Rupien.

Aber mehr noch als alle diese Bilder und verlockenden Ankündigungen fesselte eine andere seltsame Ausstaffierung des Zeltes das Publikum vor dessen Eingang. Hier stand nämlich ein großer Käfig von festen Bambusstäben, und in demselben lag ausgestreckt und trotz des Lärmens umher anscheinend schlafend, ein prächtiger Königstiger.

Es war der berühmte »Striped Bob«, der später an den Agenten des Herrn Wombwell für 890 Pfund Sterling verkauft wurde und dann lange eine Zierde seiner großen Menagerie in London bildete. Die beiden englischen Tigerjäger, die sich rühmten, bereits siebenundfünfzig der Bestien erlegt zu haben, hatten das Tier an der Mündung des Ganges gefangen. So kühn auch die in San Francisco versammelten Jäger und Männer sein mochten, so gab der Anblick des riesigen Tieres doch manchem Veranlassung, sich die Sache nochmals zu überlegen, ehe er den verlockenden Anerbietungen Folge leistete und sich bei der » Tiger-Killing-Company« meldete.

Überdies schien es nicht leicht, den Kontrakt abzuschließen, und der indische Radschah – dessen Person noch kein Mensch zu Gesicht bekommen und über den die fabelhaftesten Gerüchte umliefen – sehr wählerisch zu sein. Denn obschon niemand wußte, wer von den Bewerbern wirklich angenommen worden sei, und die es waren, nach den Bedingungen des eingegangenen Vertrages ein strenges Schweigen darüber beobachteten, so war doch so viel bekannt geworden, daß es erst wenigen gelungen, und die ganze Zahl der Gesellschaft überhaupt auf dreißig Jäger bestimmt sei. Zu dieser sorgfältigeren Beschränkung der Auswahl unter den an Tod und Gefahren gewöhnten Männern schien namentlich auch der Umstand beizutragen, daß die Sonora Company der Tiger-Gesellschaft durch ihr früheres Auftreten den Rang abgelaufen, und mehrere der berühmtesten Späher und Jäger sich bereits bei dem Grafen Raousset Boulbon engagiert hatten.


Wir führen den Leser in das mittlere große Zelt, von dem wir bereits gesagt haben, daß es als neutraler Boden zwischen den beiden großen Konkurrenzen des Tages angesehen werden konnte. Im Innern neben dem Eingänge, befanden sich rechts und links die Schankstätten, auf der einen Seite eine Konditorei mit Glühwein und feinen Liqueuren, auf der anderen der Ausschank der Spirituosen, Brandy, Gin, Rum von Jamaika und weißer Arrac. Ein dampfender Theekessel von kolossaler Dimension zeigte den massenhaften Verbrauch des Lieblingsgetränkes: Grogk. Verschiedene Männer lehnten an den Schänktischen, mit den höchst elegant gekleideten und mit kostbarem Schmuck überladenen Damen des Comptoirs plaudernd.

Man trat eine Stufe vom » tap« hinunter in den Saal und übersah daher von ersterem Orte aus vollkommen den großen, als Oblongum sich hinstreckenden Raum, in dem sich eine ansehnliche Menschenzahl bewegte.

Eine Wolke von Tabaksdampf, Ausdünstungen und Geräusch schien über dem weiten, durch Gas und Kronleuchter glänzend erhellten Saal zu liegen. Durch diese Atmosphäre von Dunst und Lärm drangen von Zeit zu Zeit vom anderen Ende des Saales einzelne Passagen eines Klavierspiels herüber, das in den Konzerten der Akademien von London und Berlin die Ohren der kunstverständigsten Zuhörer entzückt hätte, und das jetzt unbeachtet in dieser Menge verhallte. Ein berühmter europäischer Virtuose im schwarzen Frack und weißer Krawatte saß auf der Estrade und paukte, erbittert über die Unaufmerksamkeit des Publikums, seine glänzendsten Variationen auf einem Londoner Flügel ab. Die Künstlereitelkeit, die auf dem Kontinent oft zu einem Hochmut und Dünkel ausartet, gegen die aller Adel- und selbst Geldstolz in Schatten tritt, bekam hier einen argen Stoß, und gewiß hätte der Virtuose längst der undankbaren Menge den Rücken gekehrt, – wenn der Kontrakt nicht gewesen wäre. Dieser aber stand in der Person seines Yankee-Entrepreneurs und Engageurs nicht weit von ihm und schenkte ihm gewiß kein einziges Stück des Programms, ohne die kolossale Konventionalstrafe in Anwendung zu bringen. Die weiße Sklaverei der europäischen Künstler in dem freien Amerika ist von John Barnum her genügend bekannt.

In dem Saal standen mindestens zehn größere und kleinere Tische, an denen allerlei Hazardspiele, von dem Pharao und Roulette bis herunter zum gewöhnlichsten Würfelspiel, getrieben wurden. Um zwei der Haupttafeln, wo große Banken mit Haufen von Dublonen, Dollars und Banknoten vor dem Bankhalter aufgehäuft lagen, drängte sich vorzüglich die Menge. Neben dem Bankhalter lagen ein paar gespannte Pistolen und eine kleine Wage, die dazu diente, das Gold zu wägen, das häufig von den Spielern im Naturzustand, wie sie es durch die mühevollste Arbeit in den Placers des San Joaquin, des Sacramento und seiner unzähligen Nebenflüsse gewaschen, auf die Karten gesetzt wurde.

Der Bankhalter an der einen der großen Tafeln war ein von der Sonne Mexikos und Centralamerikas fast schwarz gebrannter Spanier; auf seinem Gesicht lagen alle Leidenschaften und Schicksalswechsel des Gambusino. Die Gestalt war hoch, mager, sehnig; man sah den die Ponteurs sorgsam überwachenden Augen an, daß er sich nicht ungestraft betrügen lassen werde, und in der That zeigten dunkle, noch feuchte Flecken auf dem grünen Tuche des Tisches, daß erst vor kurzem eine blutige Exekution hier vollzogen worden. In der Ecke des Saales saß, die Hand mit Lumpen umwickelt und von etlichen Freunden umgeben, ein armer Kerl, ein Irländer, der den Ertrag einer halbjährigen Arbeit in den Placers am Spieltisch gewagt. In der Leidenschaftlichkeit des Verlustes – vielleicht auch in der Hoffnung, eine leichte Beute zu machen, hatte er zweimal die Hand nach einem Einsatz ausgestreckt, der verfallen war, und der Bankhalter stach sie ihm beim drittenmale mit dem Messer durch und durch.

Man schob den Heulenden beiseite und kümmerte sich nicht weiter im ihn. Sein Geld war zu Ende – er nahm anderen nur den Platz fort.

Am zweiten Tisch war ein kurzer, untersetzter, echtblütiger Yankee der Bankhalter, ganz das körperliche Gegenteil des Spaniers. Dagegen legten die kleinen, funkelnden, listigen Augen in dem roten Gesicht eine eben so sorgsame Aufmerksamkeit auf seinen Vorteil an den Tag, wie der Spanier nur immer zeigen konnte. Der Mann hatte fast in jedem der dreizehn Staaten der Republik mindestens einmal Bankerott gemacht, und nachdem er jedes mögliche Geschäft betrieben, vom Deputierten bis zum Pferdedieb, endlich hier vom Besitzer des Spielhauses einen Platz zur Legung einer Bank gepachtet. Denn alle diese verschiedenen Tische, an denen Karten, Roulette und Würfel florierten, waren von den Inhabern für schweres Geld gemietet. Der Croupier des kleinen Yankee war ein kräftiger Kentuckier, ein ehemaliger Kamerad bei den Pferdediebstählen, ehe das strenge Regiment der Regulatoren die beiden aus dem Mississippi-Staaten vertrieben hatte. Ihm war offenbar das Amt zugefallen, der Bank Respekt zu verschaffen, dafür sprachen außer den beiden kräftigen Fäusten – die weit aus den viel zu kurzen Ärmeln des schäbigen, schwarzen Fracks – dieser Liebhaberei der Amerikaner! – hervorragten, ein breites Bowiemesser und der Revolver, die beide aus den Klappentaschen seiner langen Schoßweste höchst verdächtig herausschauten.

An den anderen Tischen fand, wie erwähnt, das Spiel in den verschiedensten Abstufungen statt, jedes Mitglied der so sehr gemischten Gesellschaft fand für seinen Geschmack und den Zustand seiner Börse die geeignete Gelegenheit.

»Master Gibson – wie viel heute?« fragte ein reduziert aussehendes Individuum, mit glatt herabgekämmten Haaren, schwarzem Frack und Beinkleidern, die an den Knieen und Posterioras stark geflickt waren. Dabei trug der Mann einen breiträndrigen Filzhut auf dem Kopf und eine chinesische Seidenbinde um den Leib gewickelt, worin ein langes Reiterpistol steckte.

»Nur zwei, Ehrwürden Slong,« erwiderte der Tigerjäger, der mit dem Genannten an dem Schenktisch stand und ein mächtiges Glas Brandy trank. »Der Radschah ist verteufelt mäklig, und das Zwinkern eines Auges kann ihm die Person verleiden.« Der Tigerjäger war ein kräftig gebauter, schon bejahrter Mann, dessen braunem Gesicht der schneeweiße buschige Bart mit den gleichen krausen Haaren, Brauen und einem Schnurrbart, dessen Spitzen lang hervorstanden, fast das Ansehen eines der Tiere gegeben, die er sein Lebenlang so eifrig verfolgt, wenn nicht seine ungemein treuherzig und sanft blickenden Augen diese Illusion zerstört hätten. »Gesindel giebt es genug in San Francisco, aber wir brauchen erfahrene Jäger und Pfadfinder, die in den verteufelten Dschungeln nötigenfalls allein ihren Mann stehen.«

»Was meint Ihr zu Ralph, dem Bärenjäger?« fragte der Methodist.

»Er wäre eine prächtige Erwerbung; aber er ist, denk' ich, bei Eurem Unternehmen angeworben?«

»Ich habe die Notion. Und Joaquin Alamos, der Pfadfinder? Ihr könntet keinen besseren Spürhund auf die Fährten eines Wiesels setzen, das sich in hundert Löcher verkriecht.«

»Gott verdamm' Eure Augen, Ihr psalmplärrender Narr,« sagte der Tigerjäger unwillig, »was nennt Ihr mir die besten, wenn sie nicht mehr zu haben sind!«

»Wer weiß,« meinte der Methodist gelassen, indem er sorgfältig sein Glas zum drittenmal mit heißem Wasser füllte und es dann dem Schankmädchen hinhielt, um den Rest mit Gin zu versehen. »Auch Adlerblick, der französische Canadier, wäre nicht zu verachten. Ich versichere Euch, er hat eine Büchse, welche nie fehlt.«

Der Anglo-Indier antwortete nicht, sondern trank seinen Brandy aus.

» John Merdith, wie er sich jetzt nennt, obschon der Bursche gewiß hundert Namen vorher geführt hat, ist noch frei,« fuhr der andere fort, »ich kalkuliere, Ihr könnt ihn haben. Er ist freilich verteufelt unlenksam, aber es giebt in der Welt nichts, vor dem er sich fürchtet, als etwa die Regulatoren am Mississippi. Er ist von echt kentuckischem Stamm.«

Der Tigerjäger setzte die Kopfbedeckung, die er der Hitze wegen neben sich gelegt, und die halb Turban, halb Mütze war, auf, um sich zu entfernen. Auch seine ankere Kleidung war halb europäisch, halb orientalisch, und bestand aus langen Ledergamaschen, die bis auf die Hälfte der Schenkel reichten, um seine Beine gegen die Dornen der Gestrüppe zu schützen, aus einem weißwollenen Jagdhemd, das vorn offen, die behaarte Brust sehen ließ, und von einem kostbaren indischen Shawl statt des Gürtels zusammengehalten war, dessen Enden schärpenartig an der rechten Hüfte herunterhingen. Über der gleichen Schulter nach der linken Seite hing eine gewöhnliche europäische Jagdtasche, deren altes, schmieriges Ansehen den jahrelangen Gebrauch verriet; das breite Bandelier aber, an dem er sie trug, war mit einem seltenen Schmuck, den abgeschnittenen Vordertatzen großer Tiger besetzt, die durch schwere Silberbuckel an dem Leder festgehalten wurden, und deren scharfe Krallen, wie zum Einschlagen bereit, aus dem Fell hervorstanden.

»Geduld! Geduld!« sagte der Methodist, indem er seinen Gesellschafter am Arm festhielt. »Ich habe die Notion, daß wir mit unserer gesegneten Liste noch lange nicht das Ende erreicht haben. Da sind zum Beispiel die drei Franzosen, Delavigne, Cordollier und Vaillant, die drei Jahre Kameraden des Löwentöters Gérard in Algerien gewesen sind, Frösche fressende Kerle und echte Windbeutel, aber tapfer und keck, das läßt sich nicht leugnen. Und was meinen Sie zu Eduard O'Sullivan und seiner Schwester, Miß Margaretha, die der Herr nicht bloß mit jenen Gaben gesegnet, die Versuchungen sind für die Augen des Fleisches?«

Der Mann verdrehte die Augen bei der Erwähnung der Schönheit des Mädchens, daß man nur noch das Weiße davon sah. Gibson aber schien jetzt den Rest seiner Geduld verloren zu haben. Er schüttelte die Schulter des Methodistenpredigers heftig und stieß einen kräftigen Fluch aus.

»Wollt Ihr Euer Spiel mit mir treiben, Bursche?« sagte er finster. »Alle, die Ihr genannt, sind Mitglieder der Expedition dieses französischen Windbeutels, den Gott verdammen möge, und Männer brechen ihr Wort nicht. Was bezweckt Ihr also mit Euren Reden, denn einen Hinterhalt hat ein heuchlerischer Kerl wie Ihr immer!«

Der Yankeeprediger kniff ein Auge zu und sah ihn mit dem anderen listig von der Seite an. »Was meint Ihr zu meiner unwürdigen und demütigen Person für die Tiger-Killing-Company?«

Der Jäger lachte ihm, trotz seines früheren Unwillens, ins Gesicht. »Seid Ihr verrückt, Master Slong? Glaubt Ihr etwa, ein Tiger, wie unser Bob, werde mit seinem Sprung auf Euern miserablen Leichnam so lange warten, bis Ihr eine Eurer langweiligen Predigten gehalten? Da seid Ihr stark im Irrtum. Überdies habe ich ja Euren eigenen Namen in der Liste des französischen Grafen gefunden.«

»Ich kalkuliere,« sagte der Schwarze höchst philosophisch, »man wird mich dort entbehren können, wenn Seine Hoheit, der Radschah, mich nur anwerben will. Überdies, Freund Gibson, wäre es nicht das erste Mal, daß ich ohne Predigt die Büchse auf eben so grimmige Feinde angeschlagen habe, als Eure Tiger sind. Doch, was ich Euch sagen wollte, ich habe eine Notion, daß bei uns drüben nicht alles mehr ist, wie es sein sollte,« er wies mit dem Daumen über die Achsel nach dem anderen Zelt. »Es dauert manchem so lange, und der bare Sold, den Euer Radschah angeboten, macht vielen den Kopf warm. Der Tiger vor Eurer Thür ist außerordentlich nach dem Geschmack unserer Jäger, und bei den anderen hat der Artikel in dem California Chronicle grausam viel gewirkt. Der Gott Zebaoth gebe, daß es darüber nicht zu Blutvergießen kommen möge!«

»Wie meint Ihr das, Hesekia Slong?«

»Seine Gnaden, der Graf, sind teuflisch erbittert über das Geschreibsel; er geht herum, wie der siebenköpfige Drache, der da kommen wird, die sündige Erde zu verschlingen, und ich möchte selbst um fünfhundert Eurer goldenen Mohurs nicht in der Haut von Master Hillmann, dem Redakteur des Chronicle, stecken, der dort so ruhig mit Eurem Freunde am Spieltisch des spanischen Betrügers steht!«

»Was wollt Ihr damit sagen? Ist Gefahr für den Mann, weil er einen Artikel gegen Euer unsinniges Unternehmen geschrieben hat?«

Der Methodist sah sich vorsichtig um. »Unsere Aktien sind mächtig gesunken seit zwei Tagen. Ich wiederhole Euch, der Graf ist wütend und behauptet, daß der elende Federfuchser im Solde der Tiger-Killing-Company die Artikel gegen ihn geschrieben habe. Die Aktionäre und die Teilnehmer sind aufsässig, und er muß etwas thun, um sich wieder in Furcht und Respekt zu setzen. Bemerkt Ihr nicht, daß keiner von unseren Leuten heute Abend hier anwesend ist?«

» Goddam Your eyes! Ihr habt recht – bis auf Euch ist keiner hier, und selbst Ihr steht hier und schwatzt, statt Euer gewöhnliches Spiel zu machen.«

»Es kommt, es kommt, Master Gibson! Ich wartete nur, um Euch einen kleinen Wink zu geben, damit Ihr ein gutes Wort bei dem Nabob für mich einlegt.« Sein Auge hatte während der ganzen Unterhaltung den Spieltisch des Amerikaners häufig gestreift, vor dem jetzt eben eine ziemlich ansehnliche Summe von Gold und Banknoten aufgehäuft lag. »Ich kalkuliere,« fuhr der Methodist mit einem neuen Augenverdrehen fort, »der gnadenreiche Augenblick, mein Glück mit einer dieser sündigen Karten zu versuchen, ist gekommen. Wenn Ihr mich begleiten wollt, Master Gibson, wird es mir lieb sein.«

Der Methodist ging langsam nach dem Spieltisch, an dem sein Landsmann, der Yankee, Bank hielt, beobachtete eine Weile das Spiel, zog dann einen alten Geldbeutel heraus, und setzte eine schmutzige, zu einem kleinen Viereck zusammengefaltete Banknote auf die Carreau-Dame.

Mehrere um den Tisch herumstehende Männer lachten mit unverhehltem Spott bei dem Verfahren des Sektierers. »Hesekia muß eine ganz absonderliche Vorliebe für schmutzige Cincinnati-Noten haben,« sagte der eine. »Er setzt nie ein blankes Stück Geld, obschon er sie regelmäßig, wenn er verliert, mit solchem wieder einlöst!«

Weder der Spieler noch der Bankhalter achteten auf die Spötterei; der Methodist schien an dem Tisch ein gewohnter Gast, und seine Art zu spielen vollkommen bekannt.

»Euer Spiel, Ihr Herren!« sagte der Bankier, »die Taille beginnt.«

Dollars, Goldstücke und Banknoten flogen auf die Quadrate. Beim dritten Abzug fiel die Dame links, zu Gunsten des Banquiers, und der Croupier strich die auf dem Felde stehenden Beträge, darunter die Note Slongs, mit ein.

Der Methodist zog aus seinem alten Geldbeutel fünf Silberdollars und schob sie dem Kentuckier hin, wofür ihm dieser die alte Note wiedergab, ohne sie weiter anzusehen. Slong nahm sie mit den Fingerspitzen, faltete sie sorgfältig auseinander und besah sie von allen Seiten, gleich als sei es ein teurer Schatz, der durch fremde Berührung gelitten haben könnte. Es war, wie mehrere Umstehende, die mit dieser Gewohnheit vollkommen bekannt schienen, deutlich erkannten, eine alte Fünfdollarsnote des Staates Cincinnati.

Slong legte hierauf die Note wieder in die nämlichen schmierigen Falten zusammen, und steckte sie in seinen Beutel, der ziemlich mager erschien. Das Spiel ging weiter und der Methodist blieb ein ruhiger Zuschauer, ohne von seinem Platz zu weichen.

Plötzlich entstand am Eingang des Saales eine große Bewegung, und man sah – denn aller Augen wandten sich dorthin – eine zahlreiche Gesellschaft eintreten, die im glänzenden Licht der Gasflammen ein überaus buntes Bild zeigte.

Voran schritt ein großer Mann, dessen soldatische Haltung mehr noch seinen Anspruch auf militärischen Rang bekundete, als die reich mit Gold gestickte Uniform und die schweren General-Epaulettes auf seinen Schultern; denn dergleichen Phantasiezierden aus eigener Machtvollkommenheit sind in dem demokratischen Amerika sehr gewöhnlich. Die Uniform stand bequem offen und zeigte das feine Battisthemd; eines der gewöhnlichen französischen Militärkäppis bedeckte das noch dunkle, gelockte Haar des Mannes, der höchstens vierzig Jahre zählen konnte. Er trug keinerlei Waffen und nur eine leichte Fischbeinreitgerte spielend in der aristokratisch feinen, von Spitzenmanschetten umgebenen Hand. Seine Gesichtsbildung zeigte einen verwegenen, entschlossenen Ausdruck, und nur das schiefe Zusammenstehen der beiden inneren Augenwinkel, die sich an der schmalen Nase zu begegnen schienen, gab seinem Blick etwas Unstätes, Unheimliches. Der Mann war der Graf Raousset Boulbon, einer der berüchtigtsten und kühnsten französischen Abenteurer der Neuzeit, der wenige Monate später der mexikanischen Regierung so bedeutend zu schaffen machen sollte. Wie man vielfach munkelte, war er bei seinen abenteuerlichen Unternehmungen nicht ohne Verbindung mit der neuen französischen Regierung.

Die Gesellschaft, die dem Grafen folgte, bot, wie gesagt, ein buntes Bild. Sie bestand aus den Hauptmitgliedern seiner Expedition, von denen vorhin der Methodist schon verschiedene näher bezeichnet hatte, und zählte ungefähr zwanzig Personen. Neben Männern von militärischem Aussehen zeigten sich die wilden phantastischen Gestalten und seltsamen Kostüme der Trapper und Jäger der Prärieen, der mexikanischen Abenteurer in den Sammetjacken und den bis zum halben Schenkel geschlitzten Beinkleidern, ja selbst das dunkle Gesicht einer Rothaut, die lange Adlerfeder in der Scalplocke, blickte mit unverwüstlichem Ernst aus den Reihen. Zwei der interessantesten Figuren aber waren ein junger, sportmäßig, aber ziemlich liederlich gekleideter Mann, mit sommersprossigem offenem und heiterem Gesicht, dessen rote Haare und ungeniertes Wesen seinen Anspruch auf direkte Abkunft von der Smaragdinsel, aus dem lustigen Galway oder Waterford bekundeten. Eine gewisse Blässe und Magerkeit in seinen Gesichtszügen deutete darauf hin, daß er wahrscheinlich noch bis vor kurzem manche Not und schlimme Zeit gesehen hatte. An seinem Arm hing ein junges Mädchen von ungefähr neunzehn Jahren, mit jenem reizenden rötlich blonden Haar, das die britischen Schönheiten auszeichnet, und einem fast durchsichtig zarten Teint, dem der Rosenhauch der Wangen dennoch jedes Krankhafte benahm. Ein paar große, funkelnde Augen vollendeten ihre seltene und eigentümliche Schönheit. Ihr Blick war heiter, schelmisch und sorglos, wenn er auf den Begleiter, ihren Bruder, fiel. Die junge Dame war von schlanker Gestalt, der es nicht an Rundung und schöner Fülle fehlte. Ein grauer Filzhut mit Straußfedern saß keck auf ihren sonst frei auf Hals und Nacken herunter fallenden glänzenden Locken; eine dunkelgrüne polnische Sammetlitefka, mit Schnüren besetzt, umschloß, auf das Vorteilhafteste ihre feine Taille zeigend, den Oberkörper, und fiel auf ein bis zur Hälfte der Wade reichendes Kleid von schwarzem Seidenzeug. Graue mit rot gestickte Gamaschen umhüllten Fuß und Bein, die feine Form der Knöchel, wie die kräftige Wölbung der jungfräulichen Wade abzeichnend. Das Paar war Eduard O'Sullivan und seine Schwester Margaretha, Irländer, die, wie so viele Tausende ihrer Landsleute, ihr Vaterland verlassen und in Amerika eine neue Heimat gesucht hatten. Aus einer alten und angesehenen irischen Familie stammend, hatten die Geschwister von ihrem früh verstorbenen Vater ein kleines Gut in Kilkenny geerbt, das aber Master Eduard durch ein lockeres Leben in Dublin bald mit Schulden belastet und in die Hände der Wucherer gebracht hatte. Ein ungerechter Prozeß, den der Geschäftsführer eines angrenzenden großen englischen Gutsherrn gegen sie erhob und der, mit den reichen Mitteln des Lords geführt, bald zu ihren Ungunsten entschieden wurde, beraubte Bruder und Schwester vollends ihrer Habe. Wie im Lande erzählt wurde, war der Prozeß, der mit allen Chikanen geführt worden, angestellt, weil Miß O'Sullivan dem Bruder des Pair, einem als höchst roh und boshaft verschrieenen Manne, einen Korb gegeben hatte. Mit den letzten zusammengerafften Mitteln verließen die Geschwister auf einem Auswandererschiff vor etwa Jahresfrist ihre Heimat, hatten aber auf amerikanischem Boden auch wenig Glück gefunden. Durch die Betrügereien der Yankees bald alles Geldes beraubt, waren sie nach vielen Kümmernissen und bitterer Not nach San Francisco gekommen, wo O'Sullivan durch Pferdehandel und Dressur seinen Unterhalt erwarb. Miß Margaretha, die, blind gegen alle seine Fehler, mit schwärmerischer Zärtlichkeit an dem Bruder hing und jede Not mit ihm freiwillig geteilt hatte, besaß in vollem Maße den lebendigen Charakter der Irländerin und hatte selbst den jungen Mann angespornt, an der Expedition nach Sonora teil zu nehmen, um dabei gemeinsam ihr Glück zu versuchen. Gebildet und feinfühlend, verstand sie es, sich in der wilden, so bunt zusammengewürfelten Gesellschaft durch ihr Benehmen Achtung und eine gewisse chevalereske Bewunderung zu erwerben, und da sie einen Hang zur Romantik hatte, so hatte das abenteuerliche Treiben um sie her bald ihr volles Interesse gefesselt. Selbst die rohesten Gesellen beeiferten sich, dem Geschwisterpaar ihre Teilnahme durch allerlei kleine Dienste und Gefälligkeiten zu beweisen.

Der Graf schritt langsam, von seiner Begleitung gefolgt, durch den Saal nach den Spieltischen, in deren Umgebung die Aufmerksamkeit jetzt zwischen den Ankommenden und der eben begonnenen Taille geteilt war.

Diesen Augenblick wahrscheinlich hatte der Methodist benutzt, um aufs neue seinen Beutel zu öffnen, und die schmutzige, zusammengebogene Banknote auf die Dame zu setzen.

Der Bankier fuhr im Abwerfen fort.

» Le Roi perd!«

» Dix gagne!«

»Doppelt, alter Bursche!« sagte ein alter Schiffskapitän, indem er den gewonnenen Dollar stehen ließ.

» Sept perd!«

» Dame gagne!«

Der Croupier schob dem einen der Spieler, der mit auf die Dame gesetzt, zwei Sovereigns zu und dem Master Slong seine fünf Dollars.

»Einen Augenblick, John, mein Junge,« sagte dieser. »Ich kalkuliere, Ihr irrt Euch. Ich bekomme tausend Dollars.«

Die originelle Forderung machte im Augenblick das Spiel stocken und der Bankier blickte erstaunt auf den Spieler.

»Macht die Note nur auf,« sagte derselbe mit großer Seelenruhe. »Es muß eine Tausenddollarnote sein, wenn mir recht ist, wenigstens wollte ich damit mein Heil versuchen!«

»Stört mit Euren Possen das Spiel dieser Gentlemen nicht,« sagte heftig der Kentuckier, »wie solltet Ihr schmutziger Lump zu einer Tausenddollarnote kommen?«

Der Bankhalter hatte unterdes die Note genommen – fünfzig Augen bewachten seine Finger – und sie geöffnet. Jeder konnte sich überzeugen, es war richtig eine Note über tausend Dollars der Bank von Ohio, die in ihrem Aussehen den Fünfdollarnoten des Staates Cincinnati sehr ähnlich sind.

Jedermann erkannte sofort den hier gespielten Betrug, aber eben so auch das Recht des Spielers, und die ganze Gesellschaft, ohnehin bei jeder Gelegenheit Partei gegen die Bank nehmend, brach in ein schallendes Gelächter aus.

Nicht so der Bankhalter und sein Kompagnon. Der erstere wurde kirschrot vor Erbitterung und sprudelte eine Menge Verwünschungen und Schimpfreden gegen den glücklichen Spieler heraus, der unberührt seinen philosophischen Gleichmut bewahrte; der andere schwor mit einem wilden Fluch, dem Methodisten eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er sich nicht augenblicklich davon machen würde.

»Wenn das eine Tausenddollarnote war, Ihr psalmplärrender Betrüger,« schrie der Bankhalter, »dann hätte ich sie schon zehnmal von Euch gewonnen. Jeder dieser Herren weiß, daß Ihr sie immer nur mit fünf Dollars ausgelöst habt.«

»Ich bin gestern noch Zeuge gewesen,« sagte eine andere Stimme aus dem Kreise, der, durch den Lärm herbeigelockt, sich jetzt um den Tisch drängte. Es war der Mann, den Slang vorher gegen den Tigerjäger als den Redakteur des California Chronicle bezeichnet hatte.

»Ladies und Gentlemen,« erhob Slong mit näselndem Ton seine Stimme, »ich fordere Sie auf, sich selbst zu überzeugen,« er öffnete seinen schmutzigen Beutel, »daß ich zwei Noten besessen habe, eine von fünf, die andere von tausend Dollars. Sie sind mein ganzes Vermögen, das mir der Herr als Segen für die Arbeit vieler Jahre gegeben. Dieser Mann hat vorhin die Fünfdollarnote selbst nachgesehen, und nach ihr meinen Verlust eingezogen – hätte ich mich unglücklicherweise vergriffen – Master Sharp und Master Merdith würden schwerlich fünf Silberdollars für ihre Auslösung angenommen haben.«

Die Spielerlogik war allerdings einleuchtend; indes, da jedermann die sehr durchlöcherte Ehrenhaftigkeit des predigenden Gentlemans kannte, erhoben sich doch auch verschiedene Stimmen für das Interesse der Bank, und namentlich sprach Hillmann, der Redakteur des Chronicle gegen den Streich. Man fing an, von einem Vergleich zu reden, und es wurden bereits Wetten über den Ausgang angeboten.

»Ihr seid ein nichtswürdiger Gauner, Slong,« schrie der Croupier. »Ihr wißt es so gut wie wir, daß Ihr auf Betrug gesonnen. Nehmt, was Euch mein Compagnon Sharp anbietet, oder – hell and damnation! – Euer spitzbübisches Gehirn soll die Dielen bespritzen, ehe Ihr Zehn zählen könnt.« Die Hand des Kentuckiers befand sich am Griff des Revolvers, und der Hahn knackte.

»Es ist himmelschreiend,« stöhnte Slong, der vergeblich einen Hilfe heischenden Blick auf seinen Gefährten, den ehrlichen Tigerjäger geworfen hatte – »daß man sein gutes Recht so mit Füßen getreten sieht.«

»Sie werden diesem Manne seinen vollen Gewinn auszahlen, Messieurs!« sagte eine volle, sonore Stimme, mit dem Ausdruck des Befehls. »Master Slong steht unter meinem Schutz, und ich werde nicht dulden, daß ihm ein Penny von dem vorenthalten wird, was ihm nach dem Recht des Spiels zukommt.«

Der Sprecher war der Graf Raousset Boulbon, der jetzt dicht am Tisch stand, die linke Hand leicht darauf gestützt, während die reichte mit der Reitgerte spielte. Hinter ihm zeigte sich seine ganze Begleitung; der Kreis um den Tisch war nun durch das Hinzuströmen aller im Saal Anwesenden zu einer dicht gedrängten Menge geworden, in der unwillkürlich bei dem Einschreiten des Grafen die Anhänger der beiden viel genannten Expeditionen sich abzusondern begannen.

»Mylord,« entgegnete der Bankhalter höflich, »Sie werden mir keine Ungerechtigkeit zufügen wollen, weil der Mann hier, den wir alle hinreichend kennen, sich bei Ihrer Expedition eingezeichnet hat. Master Hillmann und zehn andere können mir bezeugen, daß dieser Mensch seit acht Tagen systematisch den Betrug vorbereitet hat.«

»So ist es, Herr Graf,« bekräftigte Hillmann, ein Deutscher von Geburt, der drei Jahre vorher als politischer Flüchtling sein Vaterland verlassen hatte, und jetzt an der Spitze des ultraliberalen Organs stand, und somit auch der Führer dieser Partei in San Francisco war. »Master Slong ist ein schlauer Fuchs, der, wenn seine Note verloren gewesen wäre, sie sicher unbesehen mit fünf Dollars eingelöst hätte. Es ist billig, daß die Bank für ihre Unvorsichtigkeit eine Strafe zahlt, aber Sie selbst werden nicht wollen, daß sie durch eine Gaunerei ruiniert werde.«

Der Graf sah den Redner hochmütig an. »Wagen Sie es, mit mir zu sprechen, Sir?« fragte er wegwerfend in beleidigendem Ton.

Der Deutsche wurde dunkelrot. »Gewiß, Herr,« sagte er heftig, »mit wem sonst? Wir sind in dem freien Amerika, wo nur der Rang eines Gentleman gilt, und als solcher sage ich Ihnen ungeniert meine Meinung.«

Völlige Stille herrschte jetzt im Saale, denn niemand wollte von dem Streit eine Silbe verlieren; aller Augen waren auf den Chef der Sonora-Expedition gerichtet, zwischen dessen Augenbrauen sich Unheil verkündend eine tiefe Falte zusammenzog. Seine Gestalt richtete sich straff empor, in jeder Gebärde lag der Ausdruck des entschlossenen, bewußten Hochmuts, der seiner Umgebung imponieren will, als er jetzt das Wort nahm. »Was diese beiden Schurken betrifft,« sprach er mit ruhiger, klarer Stimme, die im ganzen Saale zu verstehen war, »so will ich sie von meinen Leuten an der Thür dieses Hauses am längst verdienten Strick aufhängen lassen, wenn sie nicht binnen fünf Minuten diesem Manne unverkürzt seinen Gewinn ausgezahlt haben. Was aber diesen sogenannten Gentleman angeht, so will ich meine Rechnung gleich auf der Stelle ihm quittieren!« Und rasch wie der Blitz flog die Reitpeitsche des Franzosen über den Tisch und zog mit kräftigem Hieb einen im Nu dunkel auflaufenden Streifen quer über das ganze Gesicht des unglücklichen Redakteurs.

Der Tumult, welcher diesem Angriff folgte, war im ersten Augenblicke entsetzlich. Hillmann wollte auf seinen Gegner losspringen, aber die breite Tafel des Bankhalters, die sie trennte, hinderte ihn daran. Dieser, sein Croupier und Slong, der Methodist warfen sich mit dem ganzen Leib über den Tisch, um das ausliegende Geld zu sichern, denn verschiedene diebische Hände benutzten sogleich die Verwirrung, sich danach auszustrecken. Erst als der Graf von dem Tisch zurück und in die Mitte des Saales trat, wo er ruhig, die Arme über einander gekreuzt, stehen blieb und seinen Gegner erwartete, entwirrte sich der Menschenknäuel, und es blieb Raum für die weitere Entwickelung des Dramas.

Hillmann war von einigen seiner Freunde zurückgehalten worden, unter denen sich auch die beiden Tigerjäger befanden. Alle Deutsche und Engländer hatten sich um ihn gesammelt, die Franzosen und Amerikaner drängten sich um den Grafen.

Nach einer kurzen, heftigen Beratung sah man Mac Scott, den ersten Geschäftsträger und Jäger des Radschah, von dem Kreise um den Beleidigten sich trennen und auf den Grafen zukommen.

Mac Scott unterschied sich von seinem Gefährten Gibson in mehr als einer Äußerlichkeit. Er war ein Schotte von Geburt, groß und so hager, daß der ganze Körper nur aus Haut und Muskeln gemacht schien. Sein Kopf glich dem eines Raubvogels durch die Bildung der Habichtsnase, des zurücktretenden Kinnes und die Schmalheit der Stirn und der Schläfe. In seinem Gesicht lag der den Schotten häufig so eigene Ausdruck von List und Verschlagenheit; er trug eine alte Jagdmütze von Leder, einen grünen kurzen Jagdrock und eng anliegende Lederbeinkleider, die durch gleiche Gamaschen mit den schweren dicken Schuhen verbunden waren. Fergus Mac Scott war aus einer adeligen aber armen schottischen Familie, hatte in seiner Jugend das College von Edinburg besucht, um die Rechtswissenschaft zu studieren und war bei einer Reise nach England, wohin ihn sein Vater schickte, um eine Familienangelegenheit zu ordnen, von einem der berüchtigten Preßgänge aufgehoben und an Bord einer zum Absegeln fertigen Fregatte gebracht worden. Als er aus seiner Betäubung, in die ihn ein heftiger Schlag auf den Kopf versetzt hatte, erwachte, befand er sich auf offener See, und da er zufällig keine Papiere bei sich hatte, die ihn legimitieren konnten, zog ihm alle seine Widerspenstigkeit, in den Seedienst zu treten, nur harte Züchtigungen zu, bis er sich in sein Schicksal ergab. Als gemeiner Matrose brachte er fünf Jahre in den ostindischen und chinesischen Gewässern zu; bei dem Schiffbruch der Fregatte in einem der heftigen indischen Orkane an der Küste von Malabar rettete er sich mit wenigen Gefährten, und blieb seitdem in Ostindien, da er nach der Zerstörung aller seiner Lebenshoffnungen nicht mehr in die Heimat zurückkehren mochte. Das Seeleben hatte ihm nie zugesagt, da er aber abenteuerlichen Charakters war, der in diesem Lande reiche Befriedigung fand, wandte er sich der Lieblingsbeschäftigung seiner Jugend, der Jagd, wieder zu, und wurde bald ein berühmter Jäger der Dschungeln. Als solcher hatte er, an das Klima gewöhnt, bereits fünfzehn Jahre dort zugebracht, die letzten zehn am Hofe des Peischwa von Bithoor und dort dessen Adoptivsohn zum kühnen Jäger erzogen. Ihm und einigen ähnlichen Abenteurern verdankte der junge Radschah auch den größten Teil seiner europäischen Bildung und seiner Sprachkenntnisse. Die juristische Erziehung, das Seemanns- und Jägerleben hatten die Ausdrucksweise des Schotten mit einer merkwürdigen Fülle von Kunstworten gespickt; im gegenwärtigen Augenblick jedoch raffte er alle aristokratischen Erinnerungen seiner Jugend zusammen und trat mit dem Anstand eines Edelmannes dem Grafen entgegen.

»Mylord,« sagte er in englischer Sprache, um von allen verstanden zu werden, »meine Name ist Fergus Mac Scott, und meine Familie gehört dem schottischen Adel an. Ich habe Master Hillmann, den Sie soeben beleidigt, meine Dienste angeboten, und komme in seinem Auftrage, von Ihnen Genugthuung zu fordern.«

»Ich habe durchaus nichts gegen Ihre Person, Herr Mac Scott,« sagte der Graf hochmütig, »obschon der Adel in Ihrem Vaterland so gewöhnlich zu sein scheint, wie die Disteln. Ich will mich auch herablassen, dem Burschen, den ich soeben für seine Unverschämtheit gezüchtigt, die verlangte Genugthuung zu geben, jedoch nur auf meine Bedingungen.«

»Welche sind dies, Mylord?«

Der Graf sah ihn einen Augenblick fest an. »Sie sind Jäger, Herr Mac Scott?«

»Seit fünfzehn Jahren, Mylord. Ich rühme mich, 32 Tiger teils getötet, teils gefangen zu haben.«

»Kennen Sie die Büffel der amerikanischen Prärieen?«

»Mylord, es ist das erste Mal, daß ich mich in Amerika befinde!«

»Wohl. Sie werden vielleicht wissen, daß für morgen ein Stiergefecht angekündigt ist?«

»Ich habe von der Spielerei gehört, Mylord.«

»Sie haben ja wohl eine Probe Ihrer indischen Jagd, einen Tiger, bei sich?«

»Ja, Mylord, es ist ein Königstiger von der Mündung des Ganges. Ich selbst fing ihn in Netzen. – Aber …«

»Einen Augenblick Geduld, Herr Mae Scott. Dem Büffel wird unsere Jagd in den Prärieen der Sonora gelten, dem Tiger die Ihre in den Dschungeln Indiens. Sie werden nicht verlangen, daß der Graf Naousset Voulbon, dessen Vorfahren den Thron von Byzanz inne hatten, mit einem hergelaufenen Zeitungsschreiber Kugeln wechselt, weil er ihn für eine Unverschämtheit gezüchtigt hat. Da aber derselbe Herr dort sich zum Verfechter Ihrer Gesellschaft aufgeworfen hat oder bestellt worden ist, so will ich ihm die Ehre einer anderen Art von Duell anthun, bei der ich meine Hand nicht mit dem Blute eines Elenden zu besudeln brauche. Ich verlange, daß er morgen in den Schranken die Rolle des Matadors gegen den Büffel der Sonora übernimmt, den ich ihm stellen werde, zu Fuß oder zu Pferde, mit beliebigen Waffen, und ich verpflichte mich, in denselben Schranken allein gegen den Tiger zu kämpfen, den der Radschah oder Peischwa, Ihr Herr, als Aushängeschild mitgebracht hat.«

Der ganz unerwartete Vorschlag fesselte zuerst alle Zungen in Erstaunen; dann aber brach ein lautes »Hört! Hört!« und ein stürmisches Bravo los, in das beide Parteien einstimmten.

Der arme Hillmann suchte vergeblich, gegen die Nächststehenden zu erklären, daß er kein Jäger oder Toreador sei, und in seinem Leben noch keinem zahmen, viel weniger einem wilden Stier gegenüber gestanden habe. Man hätte ihn »gefedert« – wie die Manipulationen der Teertonne und des Federsacks genannt wird, wenn er sich länger geweigert hätte, denn das in Aussicht gestellte blutige Schauspiel schien den Anwesenden allzu verlockend.

»Soll mich der Henker holen, Mylord,« sagte der Schotte rauh, »der Gedanke ist nicht übel, obschon ich meine, daß in solchen Fällen das corpus juris verlangt, sich mit aufgerefftem Topp seitlängs zu legen und ehrliche Breitseiten zu tauschen. Ich muß jedoch zuvor den Maharadschah davon in Kenntnis setzen und seinen Willen einholen.«

»Thun Sie das, Herr, und sagen Sie Ihrem Indier, daß ich, der Graf Raousset Boulbon, jeden seiner Helfershelfer, und nötigenfalls ihn selbst, ebenso behandeln werde, der es wagt, die Sonora-Company zu verdächtigen.«

Mac Scott besprach sich mit seiner Partei, so wie einige Augenblicke mit seinem Gefährten Gibson und verließ dann das Zelt.

Slong, der Methodist, schlich unbemerkt hinter ihm drein.

Der Graf war in der Mitte des Saales stehen geblieben. Mehrere Personen seiner Umgebung versuchten, ihm Einwürfe gegen den gefährlichen Kampf zu machen, doch er wies sie kalt zurück, und sprach von dem Zuge nach der Sonora, als einer abgemachten Sache und als ob keine Gefahr ihn berühren könne.

Eine plötzliche, allgemeine Stille herrschte im ganzen Saal. »Gentlemen,« sagte der Schotte mit lauter Stimme, »Seine Hoheit, der Maharadscha Srinath-Bahdur wünscht hier in Ihrer Gesellschaft zu erscheinen und seine Antwort persönlich zu bringen.«

Die beiden Schwarzen zogen auf seinen Wink die Vorhänge des Eingangs zurück, und Nena Sahib trat ein.



 << zurück weiter >>