Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Hohe Politik.

Es war bereits Abend; obschon Tag- und Nachtgleiche, zündet man in London auch zu dieser Zeit bereits in einer Stunde die Kerzen und Laternen an, wo auf dem Festlande sich alles noch der sanften Abendstrahlen des großen Gestirns im Freien unter Laub und Blumen erfreut.

In einem ganz modisch ausgestatteten ziemlich großen Kabinett im britischen Staatssekretariat des Äußeren stand, an den Kamin von schwarzem Pyrenäenmarmor gelehnt, ein ziemlich bejahrter, großer und hagerer Mann. Weißes Haar umgab die hohe und breite Stirn, das ziemlich starke Kinn versank, eine Eigentümlichkeit des Mannes, zuweilen ganz in der weißen Kravatte, die seinen Hals umgab. Sein Anzug war modern, er streifte beinahe geckenhaft an das Jugendliche, und wer da hätte beobachten können, mit welcher Eitelkeit der alte Herr die zierliche kleine Form seiner lackierten Stiefel betrachtete, hätte schwerlich in ihm den erkannt, der er war: einer der berühmtesten und gefährlichsten Staatsmänner Englands.

An einem großen mit Briefschaften und Portefeuilles bedeckten Tisch saß ein anderer Mann von etwa 30 bis 35 Jahren, aus einer Reihenfolge von Papieren dem andern kurze Berichte abstattend oder nach seiner Angabe Vermerke darauf machend.

»Sir Henry Addington,« sagte der Sekretär, »wünscht zu wissen, wann der neue mexikanische Gesandte die Antwort auf das Schreiben des Generals Aristo Damaliger Präsident von Mexiko. erwarten darf?«

»Ich lasse ihn bitten, die Sache noch zu verzögern. Der nächste Dampfer wird uns den Bericht Bulwers über den Fortgang der Kuba-Expeditionen und die Anerbietungen Santa-Anas bringen. Hat der Graf Boulbon die Wechsel bekommen?«

»Sie sind nach San Francisco expediert.«

»Gut. Der Aventurier wird die Verlegenheiten in Mexiko nicht wenig vermehren. Die Kuba-Angelegenheit schafft uns in Spanien freie Hand. Dagegen müssen wir morgen über die Laplatafrage entscheiden. Haben Sie Nachrichten, Clarel, wann Graf Walewski seine Abreise bestimmt hat?«

»Nein, Mylord. Im Elysée ist noch nichts festgesetzt.«

»Merken Sie auf, Clarel! Die Debatte mit Cavaignac ist bloßes Geplänkel. Ehe sechs Monate vergehen, werden wir einen Hauptschlag in Paris erleben.«

Der Sekretär lächelte. »Ew. Herrlichkeit beabsichtigen mit der Prophezeiung doch nicht, mir eine Lektion in der Diplomatie zu geben?«

»Nein, Clarel, dazu sind Sie zu scharfsichtig, jedes Kind kann heute bereits die Schritte voraussehen und nur die Demokratie ist so einfältig, an das Präsidententum noch zu glauben. Lassen Sie Ledru-Rollin immerhin eine kleine Warnung zukommen!«

»Aber Ihrer Majestät Regierung wird das Kaisertum anerkennen!«

»Sicher. Wir werden die Ersten sein; es ist jetzt keine Zeit für die albernen Reminiscenzen von Pitt und Fox. Was schadet uns der Name, wenn wir damit für uns dreimalhunderttausend Mann und eine Flotte in Bewegung setzen, die uns gefährlich zu werden beginnt.«

»Sir William Temple sendet von Neapel die geheime Abschrift des bourbonischen Defensiv-Vertrages.«

»Herr Mazzini schickte ihn mir gestern schon. Master Temple scheint etwas schwerfällig. Ist Graf Revel bereits von Turin eingetroffen?«

»Heute Morgen, Mylord.«

»Man muß die Effektuierung der Anleihe von 75 Millionen Lire an der Börse auf das Möglichste erleichtern. Mit der Unterstützung des Kabinetts von Turin halten wir Österreich in Schach, dessen Truppen unbedingt aus Altona fortmüssen. Hat Lord Eddisbury sich mit dem dänischen Gesandten besprochen?«

»Ja, Mylord.«

»Ich bin neugierig auf die Forderungen. Aber nochmals auf Italien zu kommen, wir brauchen in nächster Zeit irgend eine Gelegenheit zum Auftreten in Neapel.«

»Es ist schwierig, Mylord – der russische Einfluß ist dort im Wachsen.«

»Eben darum. Wie ich aus den Zeitungen ersehe, ist die Unsicherheit im Lande sehr groß.«

»Die Räuberbanden nehmen überhand. Die Zahl der politischen Flüchtlinge ist sehr groß und verstärkt sich. Man hat noch kürzlich an der neapolitanischen Grenze den österreichischen Soldaten ganz offen ein Gefecht geliefert.«

» A propos! Sind die Ungarn und Polen aus Konstantinopel angekommen?«

»Größtenteils, Mylord.«

»Gut, erinnern Sie mich daran – schreiben Sie vertraulich an Westmooreland, wenn Fürst Schwarzenberg sich gegen ihn beklagen sollte, ausdrücklich hervorzuheben, daß die Überfahrt nur auf Handelsschiffen geschehen ist und jeder Unterstützung der Regierung ermangelt. Was ich sagen wollte, – geben Sie acht darauf, ob bei den Räubern in Neapel oder an den Grenzen irgend ein englischer Reisender, sei er noch so unwichtig, zu Schaden kommt, und instruieren Sie die Konsuln danach. Die Broschüre › Addio al Papa‹ ist nicht übel. Lassen Sie dem Komitee auf dem bekannten Wege 50 Pfund zukommen, um sie durch den Druck weiter zu verbreiten. Wie viel besitzt das sizilianische Komitee gegenwärtig in der Londoner Bank?«

»Dreizehntausend Pfund, Mylord.«

»Dann kann man die Vermehrung der Waffendepots in Gibraltar und Korfu immerhin gestatten. Wir dürfen nur nicht zu Schaden kommen. Bei Gelegenheit von Korfu – der Presse in Athen muß schärfer auf die Finger gesehen werden. Sir Thomas Wyse möge sich beklagen, mit einiger Grobheit – er versteht das. Wir haben hier genug zu schaffen mit den albernen liberalen Deklamationen des Earls von Fitzroy gegen die jonische Regierung. Sind noch immer keine Nachrichten über den Rebellen Grimaldi eingegangen?«

»Er scheint gänzlich verschwunden und muß auf einer oder der anderen Seite das Festland erreicht haben. Ist er nach Italien entkommen, so ist er aus dem Regen in die Traufe gefallen, denn die österreichische Regierung hat 200 Scudi auf seinen Kopf gesetzt. Unsere sämtlichen Konsuln an den Küsten haben sein Signalement.«

»Sir Henry Ward bezeichnet ihn als den gefährlichsten Kopf auf allen sieben Inseln. Alle alten Familien halten zu ihm. Lassen Sie genaue Nachforschungen nach ihm in der italienischen Propaganda anstellen – die Schufte halten zu einander. Es ist ein faux pas des Lords Ober-Kommissars gewesen, ihm nach der Einnahme von Venedig die Rückkehr nach Korfu zu gestatten. Das Verbannungsurteil des Senats hätte unter allen Umständen aufrecht erhalten werden müssen.«

Der Sekretär zuckte die Achseln. »Sir Henry Ward pflegt sonst nicht besondere Bedenklichkeiten zu haben. – Aus Rom und Bologna sind in den letzten Tagen wieder mehrere politische Mordthaten gemeldet.«

»Wir werden uns später mit den italienischen Angelegenheiten ausführlich beschäftigen, Clarel, Paris und Petersburg sind jetzt wichtiger. Haben Sie das Memoire bereit zur Beantwortung der Interpellation über die dänische Erbfolge in der heutigen Sitzung des Unterhauses?«

»Hier, Mylord! Layard berichtet von Konstantinopel vertraulich über die Beschwerden gegen unsern Konsul in Smyrna. Die Entrüstung über den Raubangriff auf das Haus des österreichischen Konsuls und das Erkennen der Mörder als Schützlinge des Konsuls hat sich noch immer nicht bestätigt.«

»Ich erinnere mich nur dunkel. Haben Sie den Bericht Layards bei der Hand? Ich habe noch einige Minuten Zeit, und wenn Sie die Güte haben wollen, mir, während ich meine Toilette beende, den Vorfall mitzuteilen, so kann ich Ihnen gleich meine Meinung sagen. Wir dürfen im Orient, selbst wo das Unrecht auf Seite unserer Agenten ist, jetzt nirgend nachgeben. Layard ist ein Phantast, der fortwährend krakehlt, ohne zu bedenken, daß man mit diesem Lumpengesindel nicht anders fertig werden kann, und daß Rußland jeden Zoll breit Boden in Konstantinopel uns streitig macht.«

Er hatte geschellt. Ein schwarzgekleideter Kammerdiener, den Pudermantel über dem Arm, war durch eine Tapetenthür eingetreten.

»Friesieren Sie mich hier, Saunders,« sagte der Lord, auf einem Fauteuil Platz nehmend. »Clarel nimmt es nicht übel, die Zeit drängt. Aber nehmen Sie sich in acht mit dem Toupé, es war heute Morgen sehr ungleich. Sie wissen doch, ich wünsche es mehr nach den Seiten hin. Auch mit den Handschuhen bin ich unzufrieden, das Odeur ist viel zu stark. Ich wiederhole Ihnen ausdrücklich, einen Tropfen Eau de Lavande in das Paar, nicht mehr!«

Während der Lord unter den Händen des gewandten Kammerdieners für die Sitzung des Unterhauses seine Vorbereitungen traf, trug der Geheimsekretär Sr. Herrlichkeit den Vorfall in Smyrna vor.

Er hatte diesen Bericht kaum beendigt, und war eben beschäftigt, seine Papiere zu ordnen, als ein Huissier in Roccoco-Gala mit der Meldung eintrat:

»Der sehr honorable Earl Grey, Secretary of State for the foreign Colonies.«

Zugleich überreichte er auf einem silbernen Teller ein kleines versiegeltes Billet, das, seiner Form nach, nur eine Karte enthielt.

Der Minister öffnete zunächst das Couvert, las die Karte und gab sie an den Sekretär. »Empfangen Sie Signor Mazzini,« bemerkte er leise, »und sagen Sie ihm, daß ich ihn erst nach der Sitzung sprechen könne. – Lassen Sie den Herrn Staatssekretär eintreten.«

Ritter Grey erschien auf der Schwelle und wurde mit einer gewissen vornehmen Kordialität von dem Lord bewillkommnet. »Ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, werter Kollege, Ihnen zu der Bill über die 300 000 Pfund für den Kaffernkrieg zu gratulieren,« sagte dieser. »Ich hoffe, wir werden diesmal vollständig nicht bloß mit den wilden Stämmen, sondern auch mit der unruhigen und lästigen Sippschaft der Boers zu Ende kommen.«

»Ew. Herrlichkeit Ansichten werden mich im großen Rat unterstützen,« antwortete der Earl. »Ich komme, um Sie noch einen Augenblick vor der Sitzung in Anspruch zu nehmen – vielleicht beliebt es Ihnen dann, von meinem Wagen Gebrauch zu machen.«

»Sehr verbunden, Freund. Hat Ihre Mitteilung auf die Sitzung Bezug?« Ein Blick des Earl zeigte ihm, daß dieser allein mit ihm zu sprechen wünsche, und ein kurzer Wink entfernte sogleich den Sekretär.

»Was ich Ihnen zu sagen habe, Mylord,« bemerkte der Earl, »berührt nur in einem Punkte unsere parlamentarische Thätigkeit und betrifft die indischen Angelegenheiten. Da Sir John Com Hobhouse, unser Kollege, krank ist, wird es nötig sein, daß wir uns über die Schritte verständigen. Sie kennen wenigstens durch den Ruf Sir David Dyce Sombre, den reichen Enkel der Begum von Somroo?«

»Ei gewiß, Mylord. – Er war eine ganze Saison lang der Löwe der Fashion, bis ihn St. Paul für seine Tochter kaperte.«

»So werden Ew. Herrlichkeit sich auch des weiteren Schicksals des Mannes erinnern, und daß es kein Geheimnis ist, daß er, mit Übergehung seiner Verwandten, sein großes Vermögen, wie es heißt, nach einer früheren Bestimmung der Begum, zur Gründung einer indischen Universität testiert hat?«

»Ich erinnere mich.«

»Vor einer Stunde, Mylord, war Sir John Shephard, der Präsident der Kompagnie, mit dem Marquis von St. Paul bei mir, um mir die Nachricht zu bringen, daß Dyce heute gestorben ist.«

»Auf Ehre, man kann ihm Glück wünschen, von dem Schwiegervater und der Frau erlöst zu sein. Wollen Sie mich vielleicht zu dem Begräbnis einladen, Freund?«

»Weniger, Mylord, aber Ihre Hilfe in Anspruch nehmen gegen die Unannehmlichkeit, die sein Tod uns in Indien und im Parlament bereiten wird.«

»Wie meinen Sie das?«

»Das Mitglied für Ballycastle, der geschworene Gegner des Ministeriums, ist einer der Testamentsvollstrecker. Sie sind doch mit uns vollkommen einverstanden, daß von der Gründung einer Universität nicht die Rede sein kann?«

»Absurder Gedanke! Wollen Sie den Sepoys vielleicht Vorlesungen über Logik, oder einem schmutzigen Paria über Euklid halten lassen? Ich möchte die Gesichter unserer Herren von der Kompagnie sehen, wenn in Audh oder Bengalen die Humaniora ex officio gelehrt würden!«

»Aber Kapitän Ochterlony wird einen bedeutenden Lärm erheben und die Sache vor die Öffentlichkeit ziehen.«

»Der Teufel hole ihn und seinen ganzen Anhang,« sagte der Minister heftig. »Ich bin ihm noch die Bezahlung schuldig für die Angriffe in der katholischen Frage und warte nur auf die Gelegenheit. Jede Maßregel, welche die Kompagnie zur Unterstützung der Familie für gut findet, Mylord, muß unsererseits befördert werden. Es ist ein trauriges Verhältnis, diese Zwitterherrschaft in Indien, wir wollen aber zunächst uns davor schützen, daß aus Kalkutta je ein Boston In Boston brach der amerikanische Aufstand aus. für uns werden könnte! Jetzt, Mylord, lassen Sie uns den Herren von der Opposition in der dänischen Frage mit den nötigen Redensarten dienen, durch die sie so klug sein werden, wie zuvor, und wegen der Excesse in Santiago die Initiative ergreifen.«

Die beiden Lords, die über das Wohl und Wehe von fast hundert und vierzig Millionen ferner Menschen zu entscheiden hatten, bekomplimentierten sich, vom Turf plaudernd, nach dem harrenden Wagen.



 << zurück weiter >>