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Sulma.

Wir sind in Afrika! – Nicht in den schrecklichen Wüsten, denen Tau und Regen fehlt, nicht in den weitgestreckten Ländern, die der Fuß des gierigen Europäers noch nie betreten – sondern auf einem der wenigen Flecke in diesem Meere von Felsen und Sand, die Gott lieb gehabt: an der äußersten Grenze der britischen Eroberungen im Süden – im Kaffernland.

Es ist einer jener herrlichen Morgen, wie sie nur den heißen Zonen eigen sind; keine Wolke treibt über das leuchtende Blau des Himmels. Der Osten glüht wie schmelzendes Gold und einzelne purpurne Lichtstrahlen schießen weit in das Firmament hinauf, denn noch ist die Sonne nicht über den Horizont gestiegen. Im Flußthal weilt noch ein graueres Morgenlicht; träge Nebel heben sich von der breitem stillen Fläche des weißglänzenden Stroms und eine kühle Luft weht vom Thale herauf.

Da plötzlich erhebt sich der Feuerball über dem Horizont und wirft feine ersten Strahlen über das Thal, gleich einem Memnonsklang das Leben und die Farben der Wildnis erweckend.

Einsam und traurig ist zwar das Land umher, aber an den Ufern des Kai entwickelt sich ein reges Leben. In den tiefen, stillen Lagunen, die der angeschwollne Strom sich seitwärts wühlt, und die er gefüllt verläßt, wenn er in sein Bett zurück sinkt; wo an wehenden Weiden, üppigem Gebüsch und hohen Palmieten zierliche Vogelnester hängen und bunte, kolibriähnliche Vögel im ersten Sonnenstrahl sich auf den leichten Federbüschen der Schilfe zu wiegen beginnen, taucht ein träges Flußpferd auf und streckt mit behaglichem Grunzen seine Schnauze über den Grasrand empor. Plötzlich kracht das trockene Schilf, und eine dunkle Masse braust hindurch und dreht sich schnaubend und unbehilflich nach allen Seiten; ein Rhinoceros, das aus der dürren Ebene gekommen, um hier seinen Durst zu löschen, und sich an den grünen, saftigen Zweigen zu sättigen. Sein Riesenleib bricht auf dem Weg, den es einschlägt, Stämme und Büsche wie schwache Halme, denn nie weicht es von der geraden Linie, und sein gewaltiges Horn entwurzelt selbst Bäume, die ihm im Wege stehen.

Von den Felsen steigt eine Herde Affen herab. Die Äfflein reiten auf dem Rücken der Mutter; ein Geschnatter geht vor ihnen her, gleich einem alten Weiber-Kongreß; oder das stoßweise Gebrüll des Brüllaffen, das aus einem gewaltigen Sprachrohr hervorzugehen scheint, ruft die Gefährten. Auch sie, gesättigt von dem aus Skorpionen und Spinnen, und kleinen Zwiebelgewächsen bestehenden Morgenmahl, steigen zum alles belebenden Wasser hinunter.

Durch die Binsen und das Schilf schleichen verstohlen die leichtfüßigen Rehe. Der braune, runde Duikerbock, der ungestalte Kudu, die Gazelle und hundert andere Gattungen des großen Antilopen-Geschlechts setzen mit zierlichem Sprung an das Ufer, trinken hastig und entfliehen bei dem Geräusch, das ein Alligator macht, der mit dem Schwanz auf die Wasserfläche schlägt. Sie wissen, es ist noch nicht der gefährlichste Feind, der im Schilf ihrer lauert. Hier und da steckt eine schöngefleckte Zibethkatze den Kopf aus dem Gebüsch und schaut klug umher; dann folgt vorsichtig und zögernd ein feines, schwarzsammetnes Füßchen; aber sie erspäht Gefahr – ihre Augen leuchten und mit einem verdrießlichen Geknurr verschwindet sie wieder.

Nicht minder lebendig ist es auch im Strom selbst. Hier und da taucht ein Biber auf und zimmert unter den Hölzern; dort schiebt sich schwerfällig und träge eine große Schildkröte einher; tief flattern wilde Enten und furchen die spiegelnde Fläche; Schnepfen schießen im jähen Fluge von einem Rohrgebüsch zum andern und das flinke Volk der Bekassinen scherzt zwischen Schilf und taucht in die klare Flut. Auf seichten Stellen stolziert der langbeinige, purpurne Flamingo; am Rande der Lagune steht in philosophischer Ruhe auf einem Bein der graue Kranich und schaut unbeweglich in das stille Wasser. Von den Dorngebüschen, umsäumt mit zahllosen, weißen Glocken der Calla aethiopica, ertönt der schrille Ton des Perlhuhns, der laute Ruf des roten Rebhühnervolkes und der prächtigen Goldfasane.

Auf einem Felsen, der auch Dom Lande aus steil emporsteigend seinen flachen Gipfel in einer Höhe von wohl 50 Fuß, gleich einer Warte, hinüberstreckt über den Spiegel des Om-Kai, ruhen drei Männer, höchst verschieden in ihrem Aussehen und in ihrem Wesen. Zwei davon scheinen eben aus dem Schlaf erwacht, der dritte Wache gehalten zu haben.

Dieser ist offenbar ein britischer Soldat, dahin deuten die an vielen Stellen von den Dornen des Weges zerrissenen Leinenhosen, die schmutzig-rote, mit Militärknöpfen versehene Jacke und das Kommißgewehr mit dem Bajonett, das neben ihm liegt. Auf dem Kopf trägt er einen Hut von Rohrgeflecht; sein wohlgebauter, kräftiger Körper schauert zuweilen zusammen, denn die dünne Kleidung hat ihn gegen die Kühle des Morgens und den erkältenden Tau nur wenig zu schützen vermocht. Er ist ein noch junger Mann von gutem Aussehen. Aber seine Augen liegen tief in den Höhlen, von dunklem Rand umgeben, und blicken mit einem düstern, starren Ausdruck vor sich hin.

Der Mann, der neben ihm liegt, hat während der Nacht noch einen weit geringeren Schutz der Kleidung genossen, als jener, aber Luft und Tau scheinen ihn eben so wenig zu kümmern, wie die glühenden Strahlen der Sonne. Der fast gänzlich nackte Körper ist von rotbrauner, fast schwarzer Farbe. Der Mann ist ein Kaffer. Der Carroß, ein Mantel aus Tierhaut, den er um die Schultern trägt und der am Hals mit den Vorderklauen verschlungen ist, bildet seine Hauptkleidung. Daß sein Carroß aus einem prächtigen Tigerfell besteht, statt der gewöhnlichen Leopardenhaut, beweist, daß er ein Häuptling ist; denn die großen, goldenen Ohrringe, die Goldspange am Iinken Arm und die Schnur großer Glasperlen hat er mit allen Kaffern gemein. An einem schmalen Gürtel von Antilopenhaut hängt hinten und vorn die eigentümliche, nur wenige Zoll breite und etwa einen Fuß lange Schürze aus geflochtenen und fransenartigen Riemchen. Sie bildet mit dem Carroß und den fein mit Tiersehnen ausgenähten, mit den Stacheln des Stachelschweins und Glasperlen verzierten Mokassins die einzige Bekleidung des Mannes.

Sein Kopf ist unbedeckt. Eine dichte Masse wolliger, krauser Haare, ein fast filzartiges Gewebe von der Form einer Mütze oder eines Helmes bildend, schützt ihn besser wie jede europäische Kopfbedeckung. Aus diesem Haarwulst ragt der zierlich geschnitzte Stiel des kleinen Elfenbeinlöffels hervor, dessen sich der Kaffer bedient, um seine Nase mit Schnupftabak zu füllen. Den letzteren trägt er in einem kleinen, ausgehöhlten Kürbis an seinem Gürtel, an dessen anderer Seite Pulverhorn und Kugelbeutel hängen.

Neben dem Häuptling liegt eine schöne Büchse französischer Arbeit, mit sorgfältig umhülltem Schloß, doch auch der Assagai, der gefährliche Wurfspieß des Volkes, aus dem zähen Holze der Cartisia faginea geschnitzt, nebst Bogen und Pfeilen, und dem Kerie, der kurzen und dicken Keule von hartem Holz.

Die Züge des Wilden zeigen fast gar keine Spur des Negerartigen, ja sie nähern sich der Reinheit der klassischen Linien, in Nase und Stirn, und nur die breiteren Backenknochen und die volleren, wenn auch keineswegs unschönen Lippen, verraten, wie die Hautfarbe, den afrikanischen Ursprung.

Der Mann, der hier in der stolzen Nacktheit seines Volkes, europäische Sitte und Weichlichkeit verspottend, liegt, ist nichts destoweniger wohl mit ihr vertraut. Es ist Tzatzoe, der kühne und von den Briten gefürchtete Gaika-Häuptling, der eine liberale Erziehung in England genoß, und dort eine geraume Zeit ganz nach europäischer Weise lebte. Er spricht fertig die französische, englische und holländische Sprache, und ist mit vielen Künsten der Civilisation wohl vertraut; aber bei der Rückkehr in die Heimat warf er alles Europäische von sich und nahm mit dem Carroß wieder die wilde Majestät eines Häuptlings an.

Das dritte Mitglied der kleinen Gesellschaft ist ganz sein Gegenteil. Es ist ein breitschultriger, kräftiger Boor, dessen zähe Stärke und Thätigkeit das Alter von 60 Jahren noch wenig gebeugt hat. Es ist Andries Pretorius, der berühmte Führer der Booren in der Boomplaats-Schlacht am 22. November 1845, in der die Ausgewanderten für ihre Freiheit gegen britische Willkür kämpften.

Ehe wir in unserer Erzählung weiter gehen, müssen wir der Geschichte des Kaps einige Worte widmen.

Viele Jahre sind verflossen seit die Kapkolonie zu Beginn des XIX. Jahrhunderts den Holländern aus den Händen gespielt, und ihre damals fast rein holländische Bevölkerung unter englische Herrschaft gestellt wurde: aber diese lange Zeit hatte weder vermocht, die zähe Hartnäckigkeit nationaler Antipathie zu mildern, noch die Heftigkeit des Hasses zu entkräften, welcher aus jener Umgestaltung entsprang und immer der Inbegriff der politischen Gefühle der holländischen Kolonisten geblieben ist. Dieser Haß wurde durch verschiedene unpassende und tyrannische Maßregeln des englischen Gouvernements genährt. Jene Humanität und jener Liberalismus, mit denen England auf Kosten anderer zu kokettieren liebt, ruinierte die alten Bewohner. Indem es die Schwarzen zu Schoßkindern machte, bevölkerte es das Land mit Vagabunden, Dieben und Mördern; eine Legion von Missionaren verwickelte die Grenzbewohner in fortwährende Streitigkeiten; Schmarotzer und junge Leute mästeten sich vom Mark des Landes, ohne das Geringste von seinen Sitten und seiner Verwaltung zu verstehen; verwickelte Gesetze traten an die Stelle einfacher, verständiger Maßregeln. Der Boor durfte seinen übermütigen, schwarzen Knecht nicht mehr selbst strafen: er mußte vielleicht ein paar hundert Meilen weit bei einem englischen Magistrat Gerechtigkeit suchen, der weder mit der Sprache, noch mit den Gebräuchen des Landes bekannt war; ja er durfte, ohne sich einer gefährlichen Untersuchung bloßzustellen, nicht mehr seine eigene Verteidigung gegen die Räuber und Mörder an der Grenze wagen, obgleich das Gouvernement, 600 Meilen entfernt, ihm keinen Schutz gewähren konnte. Die Parteilichkeit der Engländer für die Schwarzen war den Farbigen sehr bald bekannt, und wurde von diesen als Garantie für gänzliche Straflosigkeit angesehen. Raub und Mord kamen häufiger vor als je. Dazu kam der schwere Verlust durch die Sklavenemanzipation. Ein Drittel des von den sogenannten, aus England abgeschickten Humanitäts-Agenten abgeschätzten Wertes – der oft kaum den zehnten Teil des Anlagekapitals betrug – wurde von der englischen Regierung vergütet. Allein, da dieses Drittel nicht in der Kolonie, sondern in London ausgezahlt wurde, mußte sich der Boor der Agenten bedienen, so daß die Vergütung gewöhnlich auf nichts zusammenschmolz. Die früher wohlhabenden Männer waren bald so weit gebracht, daß sie in der Bitterkeit ihres Herzens kein Opfer scheuten, um sich der englischen Herrschaft zu entziehen. Denn die von ihnen dem Gouvernement zu wiederholten Malen vorgetragenen Beschwerden waren immer nur mit Verachtung oder jener arglistigen Zweideutigkeit abgewiesen worden, welche ebensowohl zu feig zur Opposition als zur Konzession ist.

So entstand vom Jahre 1836 an eine allgemeine Auswanderung der Booren, nachdem sie vorher beim britischen Gouvernement angefragt, ob ein Gesetz bestände, welches ihre Auswanderung von der Kolonie und ihre Niederlassung im Innern verhindern könne, und man ihnen mit »Nein« geantwortet hatte. Die Booren zogen aus ihrer Heimat, indem sie Bauergüter, die später für 1000 bis 2000 Pfd. Sterling verkauft wurden, oft gegen einen Ochsenwagen oder gegen sonst notwendige Güter vertauschten, die kaum 40 Pfd. wert waren. Fünftausend Männer verließen von 1836-38 die Kolonie. Aus dem vereinigten Lager jenseits der Grenze richtete ihr Anführer ein ehrerbietiges Abschiedsschreiben an das Gouvernement, in welchem er wiederholte, daß sie erst, nachdem alle ihre Bemühungen um Abhilfe ihrer Leiden fruchtlos geblieben, beschlossen hätten, das Land ihrer Geburt zu verlassen, um einen rebellischen Streit mit dem Gouvernement zu vermeiden. Dann teilten sie sich und zogen nordöstlich über den Garing (Oranjefluß), an die Quathlamba-Gebirge; andere drangen noch weiter vor und gründeten die reiche Niederlassung in Port-Natal. Kolossale, fast unbewohnte, fruchtbare Weidegebiete hatten sie von den bisherigen Besitzern durch Vertrag erworben. Schwer und blutig waren die Kämpfe, welche sie mit ihren wilden Nachbarn zu bestehen hatten, ehe es ihnen gelang, drei neue kleine Staaten zu gründen und Pietermauritzburg zu erbauen.

Aber die britische Habsucht witterte nicht sobald, daß die neuen Kolonieen blühend und wohlhabend wurden, als sie plötzlich die Entdeckung machte, daß Port-Natal schon seit Olims Zeiten eine englische Kolonie gewesen, daß alle dort Ansässigen britische Unterthanen seien, und daß die kleine Republik an der nordöstlichen Grenze der Kapkolonie ein zu gefährliches Beispiel der Unabhängigkeit für die unruhigen Wilden wäre. Alsbald kam eine ganze Schar von Soldaten, Beamten, Advokaten und anderen Blutegeln an; mit Bomben und Raketen wurde die Aufnahme in Port-Natal erzwungen, und als die Booren – mit Erbitterung erkennend, daß selbst die Wüste der britischen Verfolgung keine Grenze setze – mit den Waffen in der Hand widerstanden und die englischen Beamten zurückschickten, zog der damalige Gouverneur, Sir Harry Smith, mit Heeresmacht gegen sie, und setzte einen Preis von 500, dann von 1000 Pfd. auf den Kopf ihres Anführers, Andries Pretorius. Dieser antwortete damit, daß er den doppelten Preis für den Kopf des Gouverneurs proklamierte.

Die Folge war die Boomplaats-Schlacht, in welcher die Booren, nach hartnäckigem Widerstand, der englischen Übermacht, verstärkt durch erkaufte wilde Horden, unterlagen. Ein Teil unterwarf sich der britischen Herrschaft, ein anderer zog noch tiefer hinein in die Wüsten Afrikas.

Der Kaffernkrieg von 1835 war, ähnlich wie die Kriege von 1812, 1819, 1820 und 1827, die Folge der willkürlichen Beraubung des Häuptlings Macomo um sein Gebiet im Chumil-Thal, das von den Missionaren zu der berüchtigten Hottentotten-Niederlassung Katrevier verwendet wurde. Nach blutigem Kampf wurden die Kaffern über den Kai zurückgedrängt.

Doch der weiße Mann in seiner Ländergier wird nimmer satt. Immer weiter dringt er vorwärts – die Missionare als Avantgarde; ihnen nach die Tochtgänger mit Glasperlen, blanken Knöpfen und Branntwein; dann die bewaffnete Macht, um die Civilisation unter den Wilden einzuführen und zu erhalten; zuletzt das Gesetz und der rotgefärbte Galgen, und vor diesen Wohlthaten der Civilisation wird das Geschlecht der Kaffern einst verschwinden, wie die roten Söhne der amerikanischen Wälder und Prairieen verschwinden; denn nimmer wird der stolze Kaffer der entwürdigte Sklave des Weißen werden.

Der Streit zweier Stämme im Innern um einen Weideplatz mußte jetzt dem britischer: Gouvernement aufs neue Gelegenheit geben, sich in die Angelegenheit des Volkes zu mischen und das Gebiet der Kolonie zu erweitern. Sir George Cathcart, der nachherige General-Gouverneur der Kapkolonie, jetzt Leutnant-Gouverneur des östlichen Teils, hatte bereits ein Corps zusammengezogen und stand mit diesem an der Grenze des britischen Gebiets.

Nach diesen historischen Andeutungen kehren wir zu der kleinen Gruppe am Ufer des Kai oder Keebia zurück, der bis zum Amatola-Gebirge die Grenze zwischen den englischen Kolonieen und den Gebieten der großen Völkerschaften der Tambookies und der Amakosas bildet, die in verschiedene von einander unabhängige Stämme zerfallen, und denen sich weiter nördlich die Zulus anschließen.

Der alte Boor hatte ein intelligentes entschlossenes Gesicht, in dem jedoch auch der gutmütige phlegmatische Ausdruck des Holländers unverkennbar war. Er trug eine kurze Jacke von grobem Tuch, Lederhosen mit Mokassins und einen breiten Sombrero, in dessen Band seine kurze Pfeife steckte. Quer über seinem Knie lag eine der sogenannten Pavianspooten, die 6 Fuß langen überaus schweren Lieblingsgewehre – »Roere« der Booren, aus denen sie mit erstaunenswürdiger Präcision in unglaublicher Entfernung schießen, deren Gebrauch aber den Uneingeweihten nicht zu raten ist, da das Ricochet ihm den Arm zerschmettern oder ihn zu Boden schleudern würde. Das schön polierte Pulverhorn und der lederne Kugelgürtel nebst einer wollenen Decke bildeten den Rest seiner Ausrüstung.

»Nimm die Decke, Neef Piet,« Neffe Peter sagte der Alte, »und hülle Dich hinein. Der kalte Tau macht die verwöhnten Stadtleute frieren, selbst in den heißen Monaten. Überdies ist Dein roter Rock unseren Augen nicht angenehm.«

»Fluch ihm und allen, die ihn tragen!« rief der junge Mann mit einem Ausdruck wilden Grimms.

»Hast Du etwas ungewöhnliches vernommen während Deiner Wache?«

»Nichts, Oom Andries, als das Schnauben der Hyäne und das ferne Brüllen eines Löwen.«

»Hat der junge Abalungo,« fragte der Wilde, »das Winseln des Schakals gehört, der den Herrn der Wüste begleitet?«

»Ich erinnere mich, daß vor einer Stunde, ehe noch die erste Morgendämmerung sich zeigte, ein Geschrei, wie das eines Kindes, wiederholt erklang. Es kam vom anderen Ufer, aber aus ziemlicher Entfernung. Ist es der Ton, den Du meinst, Häuptling?«

Der Wilde nickte. »Tzatzoe,« sagte er, »ist zehn Sommer fern gewesen im Lande der großen Mutter, Königin Victoria. aber er hat die Stimme seiner Jugend in seinem Ohr zurückgebracht in das Land seiner Väter.«

»Der Junge ist in der Kapstadt erzogen worden,« entschuldigte der alte Boor, »und nur selten zu seinen Verwandten gekommen. Doch ich glaube, es ist Zeit, daß wir aufbrechen – die Sonne wird uns jetzt die Fährte weiter zeigen, die wir bis hierher verfolgt.«

Aber der Kaffer hielt ihn zurück, indem er die Hand auf seinen Arm legte und sprach: »Der Inkosie Inculu der Dütchmen Großer Häuptling der Holländer (Deutschen – wie der Wilde alle Europäer, außer den Engländern, benennt). wird wohlthun zu warten. Die Büffel sind noch nicht zur Tränke gekommen, und die Büsche jenes Rohrs wehen Übles.«

Der Alte sah scharf auf den bezeichneten Punkt in einem Dickicht von Binsen und Rohr, das seine Federbüsche fünf bis sechs Ellen hoch in die Luft erhob. An einer Stelle, nach dem Flußufer, zeigte sich eine Lücke, und das Rohr bewegte sich in diesem Augenblick in einer Weise, die nicht von dem Luftzuge herrühren konnte.

Der Boor griff sogleich nach seinem Roer und wollte das Tuch abwickeln, mit dem das Schloß gegen den Nachttau geschützt worden, aber wiederum verhinderte ihn der Häuptling daran. »Mein Bruder möge bedenken,« sagte er, »daß der Donner der Feuerwaffe uns unseren Feinden verraten wird, wenn sie jenseits des Kai ihr Nachtlager aufgeschlagen. Wir müssen harren, bis der Herr der Wüste sein Mahl gehalten, wenn wir ihre Spur nicht verlieren wollen.«

Der Holländer sah augenblicklich die Richtigkeit der Bemerkung ein und begnügte sich mit der Frage: »Wie lange werden wir warten müssen?«

»Das Gestirn des Tages muß eine Stunde am Himmel stehen, ehe der Büffel sich zeigt,« antwortete der Häuptling.

»Sie werden ihre Fährten verwischen, Tzatzoe?«

»Die Büffel kommen vom Morgen – die Spuren unserer weißen Feinde wenden sich gegen Niedergang.« Damit streckte der Wilde sich wieder auf seinen Carroß, nachdem er seine Nase mit Hilfe des Löffels voll Schnupftabak gefüllt hatte.

»So haben wir noch eine halbe Stunde Zeit, Neef Piet,« meinte der Boor, die kurze Pfeife aus seiner Ledertasche stopfend, »und Du magst uns jetzt ausführlich berichten, was Dich hierher und in unsere Gesellschaft gebracht; als wir Dich gestern Abend fanden, war es zu spät dazu.«

»Du sollst alles erfahren, Oom Andries,« sagte der junge Mann, »meine Schmach und Schande, und die Glut der Rache, die mich verzehrt!« Er riß die alte Uniform vom Leibe und ließ das Hemd über die Schultern fallen. Ein schrecklicher Anblick zeigte sich den Augen seiner beiden Gefährten: der Rücken des jungen Mannes war mit einer Unzahl von langen, meist nur halb oder schlecht geheilten Wunden bedeckt, die offenbar durch die Schläge eines Züchtigungs-Instrumentes veranlaßt waren, und von denen viele so tief waren, daß man die Finger in die halb offenen Narben legen konnte.

Der alte Boor schauderte zurück. Das Blut seiner alten Familie regte sich in ihm, die seiner europäischen Heimat reiche Handelsfürsten, mächtige Ratsherren und kühne Krieger gegeben hatte, und er fragte den Neffen, der sein erglühendes Gesicht in den Händen verborgen hielt, kurz und rauh: »Wer that dies?«

Der Kaffer sah ihn mit höhnischem Blick an: »Warum fragt mein Bruder? Der Amakosa tötet seine Söhne, wenn sie Unrecht gethan, aber er entehrt sie nicht! Tzatzoe hat gar oft gesehen, als er im Lande der großen Mutter war, wie die Krieger, die dieses Kleid tragen, geschlagen wurden, wie Hunde.«

»Die Engländer also? – Rede, Neffe – welches Verbrechens hast Du Dich schuldig gemacht?«

Wieder lachte der Wilde höhnisch auf. »Alter Häuptling,« sagte er bitter, »warum fragst Du diesen da, was er verbrochen? Was hatten die Kinder meines Volkes gethan, das friedlich wohnte an den Quellen des Nicokamma, bis er sich mischt mit dem großen Salzsee gen Mittag, In der Delagoa-Bai; – die von dem Wilden erwähnte scheußliche Handlungsweise des britischen Gouvernements ist historisch und ereignete sich 1812. als die Engländer ihnen befahlen, binnen zwei Mondenfristen das Land zu räumen, das ihre Väter besessen, ehe der Abalungo an unsere Küsten kam. Was hatten sie gethan, daß Greise, Männer, Weiber und Kinder niedergeschossen wurden, wie die Hyäne der Felsgebirge, alle, die man noch nach der festgesetzten Frist im Lande fand; nur, weil sie sich nicht so leicht von den Gräbern der Ihren trennen konnten!« Das Auge des Kaffern leuchtete in wildem Haß bei der Erinnerung an jene furchtbare und grausame Maßregel, die durch nichts gerechtfertigt noch entschuldigt werden kann, und deren Gedächtnis unvertilgbar im Herzen der Stämme fortlebt. »Als der Dütchman an die Küsten meines Volkes gekommen ist,« fuhr der Häuptling fort, »gab er ihm Perlen und viele Dinge, die der Kaffer nie gekannt. Meine Väter waren schwach, und sie gaben dem Fremdling Land dafür aber es war ein ehrlicher Handel, und wenn auch der Abalungo reich und mächtig ward, und der schwarze Mann arm an Weiden und Herden, sie handelten ehrlich mit einander, sie kämpften als Krieger, wenn sie Streit hatten; ihr Land wurde ihnen nicht ohne Kampf genommen, um es den schlechten Hottentotten zu geben, Wie bei der oben erwähnten Kolonie Katrevier geschah. und die Medizinmänner im schwarzen Kleid drangen ihnen nicht einen blutigen Gott auf, den ihre Väter nicht kannten, statt Utika, des Schönen! Bei den südlichen Stämmen das höchste Wesen. – Tzatzoe hat geprüft und mit eigenen Augen geschaut, und er hat erfahren, daß das Volk der großen Mutter mehr Schelme zählt, als selbst der Hottentott und der Buschmann. Er ist weise geworden und wird lieber sterben auf dem Land, das er bewohnt, ehe er es in die Hände seiner und Deiner Feinde giebt. Der Amakosa und der Dütchman haben den Assagai vergraben und sind Brüder geworden im Kampf gegen den Engländer.«

Der Häuptling verließ seinen Platz und verschwand, ohne zu sagen, wohin er sich begeben wolle, von der Felsplatte, seine Waffen dort zurücklassend.

»Neef Piet,« sagte der tapfere Anführer der Booren, »wir sind jetzt allein. Ich bin Dein ältester Verwandter von Deines Vaters Seite her, Du mußt zu mir sprechen, als ob Du zum Pfarrherrn sprächst. Dein Vater war mein Bruder, aber er ward einer von den Studierten, und schied aus den Reihen seines Volkes, als er die Engländerin, Deine Mutter heiratete.«

»Ich weiß, Oom, daß mein Vater Unrecht that, von den alten Gebräuchen der Familie zu weichen, und ich glaube, er hat es späterhin oft bereut, obschon er meine Mutter herzlich liebte.«

»Laß es gut sein, Piet,« meinte der andere, »er war ein unruhiges Blut, volle zehn Jahre jünger als ich, und ruht auf dem Kirchhof am Kap. Ich bot Deiner Mutter an, als ich vor acht Jahren, nach meines Bruders Tode, zur Kapstadt kam, Dich mit mir zu nehmen und in unserem Stand zu erziehen. Sie aber wollte, daß Du ein Bücherwurm würdest, wie Dein Vater. Vielleicht war es gut für Dich, denn zwei Jahre später setzte Sir Harry Smith 1000 Pfund auf den Kopf Deines Ooms.«

»Meine Mutter starb,« sagte der Neffe, »wir hatten mancherlei Anfeindungen auszustehen, Oom Andries, zu jener Zeit, weil wir Deinen Namen trugen. Aber meine Mutter segnete Dich noch auf dem Sterbelager, denn sie wußte, von wem nach meines Vaters Tode die Mittel ihr gekommen waren, sich und mich zu ernähren. Ich wollte nach England gehen, um meine Studien fortzusetzen. Ich gedachte Advokat zu werden, Oom Andries, um die Sache meiner unterdrückten Landsleute vor den Schranken der Gerichtshöfe führen zu können; denn ich fühlte das Blut meines Vaters in mir und war stolz, als ich von Euren tapferen aber unglücklichen Kämpfen um die neue Heimat hörte, die Ihr Euch erworben. Da trat das unglückliche Ereignis ein, das mich zum elendesten der Menschen machte.«

»Wie kamst Du zu diesem Rock, Neef Piet?«

»Höre weiter. Ich liebte eine Fremde – die Tochter eines deutschen Missionars, den der große Missionsverein in Berlin, der Hauptstadt des Königs, der mit unseren alten Gebietern nahe verwandt ist, hierher geschickt. Luise hieß das Mädchen, und ich glaube, sie liebte mich wieder. Aber ins Haus ihres Vaters, der noch längere Zeit in der Kapstadt bleiben wollte, ehe er nach der Grenze zog, kam ein englischer Kapitän, Sir Hugh Rivers, vom 93. Linienregiment. Was soll ich weiter sagen, wir waren Nebenbuhler, er der wohlhabendere, mächtigere, von der Mutter unterstützt – ich auf das Herz der Geliebten vertrauend. Er haßte mich, ich wußte es, aber sein Zorn war mir gleichgültig. Ich ahnte nicht, daß er mir eine tückische Schlinge gelegt hatte. Eines Abends war ich mit mehreren Gefährten, Schreibern und Advokaten und Praktikanten, in einer fröhlichen Gesellschaft gewesen, wo der Konstantia-Wein nicht geschont wurde. Schon halb berauscht, ließ ich mich verleiten, noch eine Schenke zu besuchen, in der Soldaten und Matrosen ihr Wesen trieben. Ein Mann, den ich oft gesehen im Gespräch mit den Offizieren der Stadt, machte sich an mich – er trank mir zu, Weiber kamen zum Tanz, wir wechselten im trunkenen Jubel die Röcke zur tollen Maskerade, ich trank auf die Gesundheit der Königin und – als ich am anderen Morgen erwachte, lag ich in der Wachtstube der Kaserne; man sagte mir, ich hätte das Werbegeld genommen und sei Rekrut!«

»Schändlich!« murrte der Boor, »und dennoch magst Du Dich bedanken, daß sie nach dem menschenfreundlichen Rechte ihrer Gesetze Dich zum Soldaten geworben und Dich nicht als Matrosen gepreßt und nach entlegenen Meeren gesandt haben.«

»Ich wollte, es wäre geschehen!« stöhnte der junge Mann. »Schreckliches wäre mir erspart worden. Aber teuflische Bosheit hatte gerade dieses Los für mich ausgesucht. All mein Protestieren, mein Flehen half mir nichts – man warf mir mein holländisch Blut, meinen Namen vor und meinte, ich möge als Soldat beweisen, daß ich kein Rebell gegen die Krone sei, wie Du. Ich ward dem Regiment, ja, der Kompagnie meines Nebenbuhlers zugeteilt, und bald erfuhr ich durch einen mitleidigen Sergeanten, daß alles das, ja meine Anwerbung selbst, sein Werk sei. Ich hatte beschlossen, mein Schicksal wie ein Mann mit Gottes Hilfe zu tragen; aber, Oom Andries! es giebt auch für den Stärksten, für den Geduldigsten eine Grenze, das sollte ich bald erfahren. Ein Leben voll Höllenqualen begann für mich, Rivers wußte täglich Gelegenheit zu finden, mich zu demütigen und mit Strafen zu belegen. Wenn er des Morgens seine Kompagnie zum Exerzieren führte, geschah es an ihrer Wohnung vorbei; jedes kleine Versehen, jede Unkenntnis des Dienstes wurde mit der größten Härte bestraft, und die Zahl meiner Quäler war bald stark angewachsen, als die Korporale und Sergeanten merkten, daß sie sich dadurch ihrem Kapitän angenehm zu machen vermöchten.

»Zwei Dinge hielten mich damals nur noch aufrecht, das war der Schutz und Trost, den mir ein junger Leutnant unserer Kompagnie, Edward Delafosse, wo er nur konnte, zu teil werden ließ, und ein Zettel, den mir eines Abends, als ich vor der Kaserne auf Posten stand, ein Knabe in die Hand steckte. Es kam von ihr, es waren Worte des Trostes, der Hoffnung und der Liebe, sie selbst sprach sie aus und gelobte mir Treue. Aber es war zugleich der Abschied, ich sollte sie nicht mehr sehen – sie zog mit ihrem Vater nach einer Missionsstation an den Grenzen des Kafferngebiets.

»An der steigenden Bosheit des Kapitäns konnte ich sehen, daß seine Bewerbungen um Luise fruchtlos ausgefallen. Alles frühere Leiden wog nichts gegen die Peinigungen, denen ich jetzt unterworfen wurde, denn Rivers, von seinem Rechte Gebrauch machend, wählte gerade mich aus der ganzen Kompagnie zu seinem persönlichen Diener.«

»Der Herr züchtigt, die er lieb hat,« sagte der alte Boor feierlich.

»Das Regiment,« fuhr der junge Mann fort, »war nach Fort Beaufort beordert, und man sprach bereits viel von einem Zuge gegen die Kaffern. Es war vor vierzehn Tagen, als bei einem Rekognoszieren an den Ufern des Katzenflusses Rivers mir befahl, mit einem Handpferde nach dem anderen Ufer überzusetzen und ihn dort zu erwarten. Das Tier war unbändig und wild, in der Mitte des Stromes scheute es und riß sich los, ich vermochte es nicht zu halten. Das Pferd wurde von der angeschwollenen Flut erfaßt und stromabwärts gerissen, alle Versuche, es zu retten, waren vergebens. An den glatten Klippen bemühte es sich, hinauf zu klimmen, aber es glitt ab, überschlug und war verloren. Rivers hielt zornrot am Ufer, als ich es erreichte. Ich wollte mich rechtfertigen – hundert Zeugen standen umher, die es gesehen, daß mich keine Schuld traf, er aber hieb mir mit der Reitgerte ins Gesicht, daß das Blut herabfloß, und rief: ›Schurke, Du hast mein bestes Pferd mutwillig umkommen lassen!‹ – Das Blut kochte in mir, aber ich dachte der Disziplin und – Luisens und schwieg. Ein zweiter Hieb folgte, ein dritter – da war ich meiner nicht länger mächtig, ich drückte dem Pferde, das ich ritt, die Sporen in den Leib und warf mich auf ihn. Er hielt dicht am Rande des Stroms: der heftige Anprall warf ihn samt dem Roß in die Wellen.

»Ein Schrei des Schreckens kam von aller Lippen, einen Augenblick stand ich selbst stumm und bestürzt, – dann schoß der Gedanke an die Folgen wie ein Blitz durch mein Gehirn, ich sprang vom Pferde und ihm nach in das Wasser. Das seine hatte sich bereits emporgearbeitet, mein Feind aber war versunken, nur die Hand noch, die mich eben geschlagen, tauchte aus den Wellen. Einen Moment lang dachte ich daran, mit meinem Peiniger zu sterben, im nächsten aber war ich bei ihm, tauchte unter und brachte ihn mit unerhörter Anstrengung an die Oberfläche. Gott lieh mir Kraft, und der eigenen Lebensgefahr nicht achtend, gelang es mir, den Besinnungslosen ans Ufer zu bringen. Dort fiel ich, selbst zum Tode erschöpft, in Ohnmacht. Als ich wieder zu mir kam, stand Rivers neben mir, bleich, triefend – mit boshaft funkelnden Augen. ›Diesmal, Bursche,‹ sagte er mit dem Tone erbitterten Hasses, ›sollst Du dem Verbrechertode nicht entgehen, bindet ihn!‹ und seine Kreaturen warfen sich auf mich und schnürten mir die Arme auf den Rücken, daß mir die Stricke tief in das Fleisch einschnitten.

»Laß es mich kurz machen, Oom. Der Mann, den ich mit Gefahr meines Lebens wieder aus den Wellen geholt, übergab mich einem Kriegsgericht und ward mein erbitterter Ankläger. Ich wünschte den Tod, er wäre mir willkommen gewesen, aber wegen meines sonstigen guten Betragens und weil den Oberoffizieren vielleicht so manches zu Ohren gekommen, ward ich begnadigt, – begnadigt zu dreihundert Peitschenhieben.«

Der Unglückliche bedeckte das Gesicht mit den Händen; der Boor schwieg, stumm vor sich hinschauend.

»Das Urteil wurde vollstreckt,« fuhr jener fort. »Als der Schambock Peitsche aus Rhinozeroshaut. mein Fleisch in blutige Fetzen riß, sah ich meinen Peiniger wenige Schritte vor mir stehen und mit gleichgesinnten Genossen höhnisch lachend eine Wette schließen, wie viele Streiche ich aushalten würde. Da, Oom Andries, biß ich die Zähne zusammen und schwor, daß kein Laut des Jammers sein Herz erfreuen sollte, aber auch einen anderen Schwur that ich: wenn ich lebendig davon käme, mich blutig an ihm zu rächen und ihn zu töten, wie die Bestien der Wüste.«

»Frevle nicht, Neef Piet,« sagte der Alte, »für das Vaterland und Deine Brüder magst Du kämpfen, aber, ›die Rache ist mein,‹ sagt der Herr, und er allein hat sie sich vorbehalten.«

»Der junge Abalungo fühlt seine Wunden,« sprach die Stimme des Wilden neben ihm, »und jede ruft ihm zu, daß er seinen Feind töten müsse. So will es das Gesetz der Wüste und der tapferen Männer, wenn auch Jankanna Der Kaffernname eines unter den Stämmen vielgeehrten holländischen Missionars Dr. van Kemp. anders lehrt. Mein Vater ist alt und sein Blut weiß, er fühlt nicht mehr, wie die Jugend, wenn er auch ein tapferer und weiser Führer ist in der Schlacht. Ich bitte Dich, junger Freund, laß Deinen schwarzen Bruder die Wunden heilen, welche Deine weißen Brüder Dir geschlagen haben.« Damit legte der Wilde ihm heilende Kräuter auf den Rücken, die er soeben an den Felsen gesucht und zwischen zwei Steinen zerrieben hatte, und bekleidete ihn dann sorgsam wieder mit dem Hemde und der Jacke.

Der junge Mann drückte ihm dankbar die Hand; ein Blick des Einverständnisses, den die beiden tauschten, zeigte zur Genüge, daß sie über das Gefühl persönlicher Rache einverstanden und anderer Ansicht waren, als der Boor. Dann fuhr der Soldat fort:

»Kein Laut kam über meine Lippen, ich verbiß den Schmerz, bis Ohnmacht meine Sinne umnachtete – von Zeugen meiner Schmach und meiner Leiden hörte ich, daß das letzte Dritteil der Strafe an einem leblosen Körper vollstreckt wurde. Der Büttel selbst muß Mitleid bei seinen Streichen gefühlt haben, sonst hätte ich die furchtbare Zahl unmöglich überstehen können. Als ich wieder zu mir kam, durch aufregende Mittel ins Leben zurückgerufen, lag ich in dem Lazarett des Forts. Sechs Wochen brachte ich dort zu, ehe mein gemißhandelter Körper so weit wieder hergestellt war, um die verhaßten Abzeichen meiner Knechtschaft tragen zu können. Dann mußte ich ohne Barmherzigkeit fort, dem Regiment nach, das bereits an den Ufern des Kabusi an der Grenze des Kafferngebietes stand. Meinen Feind sah ich nicht wieder, eben so den Leutnant nicht, der mir allein Wohlwollen bezeigt; es hieß, sie wären auf einem Posten weiter hin am Amatola-Gebirge. Mein Schicksal war allgemein bekannt, ich las es in jedem Blick; aber ich war auch entschlossen, die erste Gelegenheit, die sich bot, zu benutzen, um die Fesseln meiner Knechtschaft zu brechen, und zu den Feinden meiner Tyrannen zu fliehen.«

»Aber wie erfuhrst Du, daß ich in der Nähe weilte, und den Ort unsers Verstecks?«

»Es trieb sich ein trunkener Kaffer in der Umgebung unseres Lagers umher, ein Mensch, den der Branntwein entnervt und zum Spott der Engländer gemacht hatte. In allen Kantinen war er zu finden; man sagte, er sei fürstlicher Abkunft, und deshalb behandelte man ihn mit desto größerem Hohn. Als ich das erste Mal wieder auf Posten stand, taumelte er betrunken in meiner Nähe zu Boden. Ich kümmerte mich nicht um ihn, denn meine Seele hatte nur Raum für einen Gedanken. Plötzlich hörte ich meinen Namen nennen – niemand anders konnte es gethan haben, als der trunkene Kaffer, der sich immer näher zu mir heranwälzte. Ich sah auf ihn, und zu meinem Erstaunen blickten seine Augen mich listig und verständig an, sein Finger lag auf den Lippen zum Zeichen des Schweigens. Ich begriff, daß er mir unbemerkt etwas Wichtiges sagen wollte, setzte vor den Augen meiner Kameraden das Auf- und Niedergehen fort und weilte nur wie zufällig, wenn ich wieder in seine Nähe kam, einige Zeit bei dem Trunkenen, denn ich wußte, daß ich von vielen boshaften Augen beobachtet werden konnte. ›Bist Du der Blutsfreund des Incosi Inculu der Dütchmen, der auf dem Boomplaat gegen die Rotröcke gekämpft?‹ fragte der Trunkene. Ich bejahte. ›Ich weiß, was Dir geschehen,‹ fuhr er das nächste Mal fort, ›wird der junge Krieger bei denen bleiben, die ihn geschlagen, wie einen Hund?‹ Fluch ihnen, rief ich, jede Stunde, die ich hier aushalten muß, wird mir zur Höllenqual! – ›Wenn der junge Abalungo,‹ flüsterte jener, ›eine Stunde vor Sonnenaufgang seinen Posten verlassen will und immer in der Richtung jenes Berges fortgeht, dessen Spitze sich dort erhebt, wird er am Abend an die Quelle des Bolo kommen, der seine Wasser in den Kai ergießt. Dort, wo drei mächtige Dattelpalmen ihre Federn in die Luft strecken, möge er das Wort rufen, das ich ihm sagen werde, und er wird einen Blutsfreund finden.‹ Ich überlegte, hin- und hergehend die Worte des Mannes, und als ich zu ihm zurückkehrte, war ich entschlossen, seinem Rat zu folgen. Ich sagte es ihm. ›Möge der junge Krieger unbemerkt sich zu mir bücken,‹ sprach er weiter, ›und was ich ihm geben werde, in die Hand des Mannes legen, den er bei seinem Verwandten finden wird. Der Name ›Macomo‹ wird ihm Schutz und Beistand sichern, wenn er einem schwarzen Mann begegnet.‹ Ich stolperte wie zufällig über den Trunkenbold und ließ mein Gewehr fallen. Indem ich mich schmähend bückte, es aufzuheben, drückte er mir das Stückchen Haut in die Hand, das ich Dir gab, Häuptling. Bald darauf taumelte der seltsame Mensch, der sich mir als Freund erwiesen, der nächsten Branntweinschenke wieder zu, und gab vor zwei jungen Fähnrichen für ein Glas Rum den Kriegstanz seines Stammes zum besten, die Zielscheibe des brutalen Hohns aller Umstehenden, bis er seiner Sinne gänzlich beraubt nochmals zu Boden fiel!«

Der Gaika-Häuptling lächelte ernst. »Der junge Abalungo,« sagte er, »sieht mit dem Auge seiner Kameraden. Wenn Macomo, der Sohn der großen Frau der Gaikas, auf seinen Tamtam schlägt, werden tausend Krieger zu Fuß und eine gleiche Zahl auf schnellen Rossen seinem Rufe antworten. Macomo ist ein großer Häuptling in Kaffaria, und weiß das Auge seiner Feinde zu verdunkeln. Mein Bruder hat wohlgethan, ihm zu folgen, denn …«

Ein lautes Schnauben am jenseitigen Ufer unterbrach seine Rede. Aufblickend sahen sie durch das Rohrgebüsch zwei mächtige Büffel sich dem Flusse nähern. Der breite, mit zottigem langen Haar bedeckte Kopf und Vorderteil des Körpers, die starken kurzen Hörner und der tückische Blick gaben der ganzen Erscheinung dieser Tiere etwas überaus Wildes. Sie kamen in kurzem Galopp über die Ebene, die sich jenseits des Flusses ausdehnte, auf einer zum Wasser führenden breiten Fährte heran, während sich in einiger Entfernung bereits ein größerer Haufe ihrer Gefährten zeigte. Sie standen schon nahe am Ufer, als sie plötzlich die Witterung eines gefährlichen Feindes zu empfangen schienen. Sie stutzten, schnaubten wild auf und peitschten mit ihren Schweifen die Luft, dann drehte sich der eine plötzlich um und galoppierte mit lautem Brüllen davon, während der andere, der seinem Gefährten einige Schritte voran gewesen war, gleich als erkenne er, daß er der Gefahr nicht mehr entfliehen könne, die Vorderfüße in den Boden stemmte und den dicken Kopf senkte. In demselben Augenblicke erscholl ein donnerartiges Gebrüll, welches das Herz des jungen Soldaten erbeben machte, und sein Auge sah aus dem dichten Rohrgebüsch eine dunkle Masse sich erheben und mit einem gewaltigen Sprunge sich auf den Büffel werfen.

»Der Löwe!« flüsterte der Boor.

Der überfallene Büffel war ein Bulle von ungewöhnlicher Größe und durch seine Witterung auf den Kampf vorbereitet. Der Löwe fiel daher bei dem Sprung kaum auf den Nacken seines kräftigen Gegners, als er auch schon wohl zwei Ellen hoch wieder in die Luft geschleudert wurde und blutend in das Rohrgebüsch zurückfiel. Wohl zwei Minuten lang – während der die drei Männer auf dem Felsen unbeweglich das interessante blutige Schauspiel belauschten – schienen sich die beiden Kämpfer mit einem gewissen beiderseitigen Respekt vor ihren Kräften zu messen. Der Löwe, aus ein paar leichten Wunden blutend, hielt den Kopf zwischen den Vordertatzen, und man konnte den heißen Dampf aus seinem roten Rachen stoßweise hervordringen sehen, während sein wütendes Gebrüll die Luft erschütterte und alle Tiere umher in die Flucht trieb; sein trotziger Feind hielt wieder die Stirn ihm zugekehrt und die Hörner zum Empfang bereit. Plötzlich aber, wie einer Anwandlung des Schreckens unterliegend, sprang er scheu zur Seite und begann, den Schweif hoch emporgestreckt, davon zu galoppieren. Doch hatte er noch keine vier Sprünge gemacht, als sein königlicher Gegner ihm zur Seite war und mit gewaltigem Satz sich auf den Rücken des Stiers warf. Der Anprall war so heftig, daß das Tier, trotz seiner riesigen Kraft, zu Boden stürzte; einige Zeit bildete die Gruppe einen sich wälzenden Knäuel von Gliedern, umherfliegendem Gestrüpp und Erdboden, in dem sich das gelblich fahle Fell des Löwen mit der dunklen Haut des Büffels schlangenartig wand; aber ehe die Anstrengungen des überfallenen Tieres ihm wieder auf die Beine helfen konnten, hatte der kräftigere Feind den empfindlichsten Teil, die Schnauze des Büffels gepackt und zermalmte sie in seinem Gebiß, während die langen, scharfen Krallen Hals und Brust des Stiers zerrissen, daß der warme Lebensstrom aus den zerfetzten Adern sprudelte. Der kräftige Bulle zuckte und schlug röchelnd umher, indes der Löwe sein Blut aus den Kehladern schlürfte, dann streckte er verendend die Glieder. Noch bevor das Leben entflohen, saß der Löwe bereits auf dem Körper und riß große Stücke rauchenden Fleisches von demselben, die er heißhungrig verschlang.

Der Boor und der Kaffernhäuptling waren zu alte, mit allen Scenen der Wildnis vertraute Jäger, als daß ihnen der Kampf der beiden Tiere etwas neues hätte sein können, dennoch betrachteten auch sie ihn mit dem größten Interesse, gespannt auf den Ausgang, der keineswegs bei solchem Zusammentreffen immer für den König der Tierwelt günstig ist. Mehr als einmal hob sich das lange Gewehr des Booren, um dem gefährlichsten Feinde seiner Herden das tötende Blei zuzusenden, aber immer wieder hielt ihn Tzatzoe zurück und ungestört durfte der Wüstenkönig seine Mahlzeit verzehren, bei der man das Krachen der großen Markknochen zwischen seinen gewaltigen Zähnen selbst auf dem diesseitigen Ufer hören konnte. Dies mochte etwa eine Stunde gewährt haben, als der Gaika sich erhob und seinen beiden Gefährten ankündigte, daß die Zeit zum Übersetzen gekommen. Der alte Boor folgte ihm ohne Verwunderung, der Erfahrung des Wilden vertrauend, nur Pieter konnte nicht begreifen, warum sie jetzt den Strom passieren wollten, da ihr gefährlicher Feind noch immer am andern Ufer lagerte.

Tzatzoe ging eine kurze Strecke am Ufer entlang, und das Gebrüll des Löwen verkündete alsbald, daß er den Menschen bemerkt. Unbekümmert darum suchte der Wilde unter dem Gestrüpp weiter, aber ein mißvergnügter Ausruf verkündete bald, daß er sich in seinen Erwartungen getäuscht, und er kam eilig zu dem Boor zurück. »Macomo sprach die Wahrheit,« sagte er, »der schwarze Mann, der die weißen Späher begleitet, führt nicht ohne Grund das Bild der Schlange. Es ist Congod, der Fingoe, und verflucht sei sein verräterisches Geschlecht. Die Bambus, welche zum Floß dienen, sind alle fort. Er hat sie mit zum andern Ufer genommen, oder sie den Strom hinabtreiben lassen.«

»So wollen wir uns neue fällen,« entgegnete der Boor, indem er ein kleines scharfes Beil aus dem Gürtel zog und nach dem nächsten Rohrdickicht schritt.

»Mein Bruder vergißt, daß es uns zu lange aufhalten würde. Zwanzig Stämme von der Dicke meines Schenkels würden die Arbeit vieler Stunden erfordern, und wir haben schon zu lange gesäumt. Tzatzoe wird ein anderes Mittel versuchen, um zu prüfen, ob ein Alligator lauert.«

Die Wilden und ihre halb civilisierten Nachbarn führen den Übergang über die Ströme, die sie wegen der Alligatoren nicht zu durchschwimmen wagen, gewöhnlich auf einem Floß von Bambushölzern aus. Die oft fußdicken Stämme werden in der Nähe gefällt, mit Wurzeln und Zweigen zusammengebunden und bilden durch ihre Leichtigkeit ein äußerst tragfähiges Fahrzeug. Es ist die Sitte der Einöde, die wieder gelösten Hölzer an den Ufern der Fährten liegen zu lassen, zum Gebrauch der Nächstkommenden. Gewöhnlich findet sich an beiden Seiten solcher Stellen eine genügende Menge von Rohrbalken.

Der Häuptling ließ seine Büchse bei den Freunden zurück und verschwand, mit dem Kerie bewaffnet, zwischen den Felsen. Es waren kaum zehn Minuten vergangen, als er zurückkehrte, in seinem Karroß ein großes Stachelschwein tragend, das durch die Schläge seiner kurzen Keule betäubt, in sich zusammengerollt lag. Nachdem er es auf den Boden geworfen, schnitt er rasch ein Paar wohl acht Ellen lange, junge Bambusrohre ab, und band an die Spitze des einen das Stachelschwein, indem er durch die Sehnen seiner Hinterfüße einen starken, zähen Zweig zog. Es wurde bei dieser Operation sehr vorsichtig verfahren, denn die Wilden und Ansiedler fürchten es sehr, sich an den Stacheln des sonst ungefährlichen Tieres zu verletzen, weil die kleinsten Wunden davon schwierig heilen. Das Tier war bei der Manipulation aus der angenommenen oder wirklichen Betäubung erwacht und schrie kläglich. Nachdem sie damit fertig, gingen die drei an das Ufer, an die Stelle, wo die passierbare Furt sich befand, und etwas oberhalb auf der entgegengesetzten Seite der Löwe mit seiner Mahlzeit beschäftigt war. Das gewaltige Tier schien jetzt gesättigt und saß schon seit einiger Zeit auf den zerfleischten Resten seines Opfers, gleichsam die Bewegungen seiner menschlichen Gegner beobachtend.

Während der Boor die Bambusstange mit dem schreienden Stachelschwein in ein Felsspalt des Ufers steckte und in diesem befestigte, so daß die Spitze sich weit hinüber über das Wasser bog und das Tier etwa zwei Fuß über dessen Fläche hielt, beobachtete der Geika aufmerksam den ziemlich durchsichtigen Umkreis der Wellen, indem er sich selbst möglichst versteckt hielt. Das Stachelschwein schien das ihm bevorstehende Schicksal zu ahnen und quiekte jetzt noch lauter als zuvor, sich möglichst zusammenballend. Auch der Boor und sein Neffe hielten sich versteckt hinter den Felsen.

Nach wenigen Minuten konnte man auf dem Grunde des Flusses eine dunkle Masse sich hin- und herbewegen sehen, die jedoch allein blieb. Plötzlich erhob sich der gräßliche Kopf eines Alligators über der Wasserfläche und schnappte nach der Beute. Durch eine geschickte Bewegung des Gaika an dem Rohr verfehlte er sie bei dem ersten und zweiten Mal; aber die grimmige Bestie wiederholte den Versuch und es war leicht zu bemerken, daß sie allein war. Sobald der Häuptling sich davon überzeugt, ließ er das Rohr fallen, und der Alligator verschlang mit einem gewaltigen Biß das Stachelschwein. Die Mahlzeit schien ihm aber schlecht genug zu bekommen, denn Blut färbte sogleich die Stelle, wo er niedergetaucht war, die konvulsivischen kräftigen Schläge seines Schwanzes machten das Wasser schäumen und man konnte deutlich erkennen, wie das durch die Stacheln in seinem Hals und Gaumen schwer verletzte Tier in dem Wasser stromabwärts davon schoß, als könne es sich durch seine wütende Flucht den Schmerzen entziehen.

Der Gaika lachte still vor sich hin. »Ehe eine Stunde vergeht,« sagte er, »wird dieser Vater des bösen Geistes seinen weißen Leib nach oben kehren. Es ist gut, daß er allein war. Ist der alte Häuptling der Dütchmen bereit, für seinen Sohn einen Schuß zu thun, wenn der Dieb der Wüste nicht auf seine Stimme hören will?«

Der Holländer nickte, er hatte bereits sein langes Gewehr auf einen Felsvorsprung in Anschlag gelegt, doch so, daß der Löwe nichts davon bemerken konnte.

Der Fluß war hier etwa dreißig bis vierzig Schritte breit. Der Gaika, seine Büchse, sein Pulverhorn und den Karroß zurücklassend, schritt, nur mit dem Assagai bewaffnet, sogleich in das Wasser, das ihm während des größten Teiles des Überganges bis an die Brust ging; nur in der Mitte brauchte er eine kurze Strecke zu schwimmen. Bald hatte er das Ufer erreicht und befand sich etwa zwanzig Schritt von dem Löwen entfernt.

Sogleich stieß er den Spieß in die Erde und stand dem Tiere nun ganz waffenlos gegenüber.

Der Löwe hatte unverwandten Blickes mit blinzelnden Augen das Näherkommen des Mannes beobachtet. Dieser befand sich nicht sobald auf festem Grund, als er die seltsamsten Kapriolen zu machen begann. Er hob die Arme und Beine, sprang, tanzte und schrie dazu aus Leibeskräften wie ein Verrückter: »O Dir großer Dieb, Du Sohn eines großen Diebes, was willst Du von uns, nachdem Du Deinen Hunger gesättigt hast? Entferne Dich, Sohn einer bösen Mutter, und laß dem Sohn des Weibes den Weg frei.«

Wäre die Gefahr nicht so furchtbar gewesen und hätte jeden ihrer Nerven gespannt, es müßte für die Zuschauer dieser Scene ein fast komischer Anblick gewesen sein, wie das majestätische Tier sich langsam von dem getöteten Büffel erhob und vor dem Tänzer einige Schritte zurückwich. Dieser folgte sofort, den Löwen nicht aus den Augen verlierend, mit neuem Geschrei und neuen Kapriolen.

»O Du Wegelagerer, der Du Dich den Tapfersten nennst,« haranguierte ihn der Kaffer, »glaubst Du, mir Furcht einzuflößen? Du weißt gewiß nicht, daß ich Tzatzoe bin, der Sohn Jalushas, der zehn Seiner Verwandten getötet hat. Mache Dich eilig davon, Du Rinderdieb, daß meine Geduld nicht ihr Ende erreicht.«

Diese seltsame Scene wiederholte sich zwei- oder dreimal, wobei der Löwe immer weiter zurückwich. Endlich schien der Herr der Wüste der beschämenden Rolle müde zu sein, die er hier spielte, und als er den Rand des Gestrüpps erreicht hatte, wandte er sich um, stieß ein Geheul aus und trabte davon.

Der Gaika kehrte sogleich an das Ufer zurück und rief seinen Freunden zu, möglichst schnell herüber zu kommen. Der Boor, der mit seinem Gewehr, den Finger am Drücker, den Kopf des Löwen nicht von dem Korn verloren hatte, setzte den Hahn alsbald in Ruh. Rasch wurden die beiden anderen Bambusstöcke ins Kreuz gebunden und an diese der Karroß des Wilden in der Art befestigt, daß er eine hohle Mulde bildete, die breit und leicht auf dem Wasser schwamm. In diese wurden die Gewehre und alle sonstigen Gegenstände gelegt, die man nicht durchnässen lassen wollte, und dann machten sich die beiden Holländer, den improvisierten Kahn vor sich herschiebend, daran, ihren Übergang in gleicher Weise wie der Wilde auszuführen. Dieser war des Umstandes so sicher, daß kein Alligator ihnen mehr Gefahr drohe, daß er sich ohne ihre Ankunft abzuwarten, sofort an die Wiederauffindung der verfolgten Spuren gemacht hatte, nachdem er noch von den Überresten des Büffels eine großes Stück Fleisch abgeschnitten.

Sein Ruf führte die beiden zu ihm.

»Möge mein weißer Vater die Eindrücke dieser Hufe in den Boden betrachten,« sagte er, »es sind die beiden Pferde der Weißen, und hier daneben laufen die Spuren vom Mokassin dieses Hundes von Fingoe.«

»Sie sind gestern Abend noch weiter gezogen?«

»Der Tau der Nacht steht in den Eindrücken der Pferde.«

»Aber woher kannst Du unterscheiden, daß dies die Fährte der Spione ist und daß die Spuren nicht von den wilden Pferden der Ebene oder den Ponnys eines Boors oder Kaffers gemacht worden sind?« fragte der junge Pretorius, der zum erstenmal Gelegenheit hatte, den Scharfsinn der Wilden im Aufspüren einer Fährte zu bewundern.

Der Gaika lächelte. »Das Auge der Abalungos ist trübe, wenn es jung ist, und wird erst scharf, wenn das Alter ihr Haupt färbt. Möge mein junger Bruder seinen Vater fragen.«

»Die Sache ist sehr leicht,« sagte der Boor, immer auf den Spuren fortschreitend, »und keine Aufgabe für den Scharfsinn eines Wilden. Wir haben, nachdem Du gestern uns Botschaft gebracht, noch Zeit gehabt, die Spuren der Pferde bis an die Furth des Kai zu verfolgen. Die Tiere gehören zur europäischen Rasse, denn ihre Hufe sind breit und hochgefesselt, während die kleinen einheimischen Pferde die Fessel so tief haben, daß ihr Haarbusch sich mit in den Spuren abzeichnet.«

»Die Rosse gehören den Kriegern der großen Mutter,« fügte der Wilde bei.

»Das zeigen die Eindrücke ihrer Eisen.«

»Aber wenn ich die Deutlichkeit dieser Spuren jetzt nach der Beschreibung auch selbst erkenne, die eines leichten Mokassins vermag ich nicht einmal zu sehen, viel weniger zu verfolgen.«

»Die niedergebeugten Halme der Gräser genügen für das Auge eines Wilden, um sie so deutlich zu erkennen, als wären sie in Lehmgrund abgedrückt. Meint der Häuptling, daß unsere Feinde die ganze Nacht fortgezogen sind, oder daß sie in der Nähe gerastet haben?«

Tzatzoe wies nach einem etwa eine halbe Meile entfernten, von einigen Cypressen besetzten und von Büschen umgebenen Hügel. »Mein Vater wird dort die Antwort finden.«

Nach einem raschen Marsch waren die drei Männer zu der Stelle gelangt, die sich etwa eine englische Meile von dem Flußufer entfernt befand, von diesem aber durch die zwischenliegenden Felsen nicht zu sehen war. Obschon der Boden sehr steinig und die Fährte für europäische Augen gänzlich unsichtbar war, führte der Wilde doch seine Gefährten mit einer Sicherheit nach jenem Punkt, welche die feste Überzeugung kundgab, daß Irrtum unmöglich sei. In der That hatten sie auch unter vorsichtiger Annäherung den Raum kaum betreten, als unzweifelhafte Zeichen ihnen bewiesen, daß die Gesellschaft, welche sie verfolgten, die Nacht hier zugebracht hatte. Die Stelle war auch wirklich sehr geeignet zu einem solchen Halt. Der nicht sehr große Hügel war an seinem Fuß fast rings umher von großen stachligen Kaktusgewächsen umgeben, die eine sichere Schutzwand gegen den Besuch wilder Tiere boten und zugleich den Schein des kleinen Feuers verbergen halfen, das die Männer zur Bereitung ihrer Mahlzeit angezündet hatten. Dies war jedoch nicht offen auf dem Hügel geschehen, vielmehr hatte man ein Loch in denselben gegraben, mit Steinen ausgelegt, und in diesem ein Feuer angezündet. Die Steine und die Asche waren noch heiß, ein Beweis, daß das Feuer wohl noch bei Tagesanbruch unterhalten gewesen, und der Gaika hatte nichts eiligeres zu thun, als das mitgenommene Stück Büffelfleisch, in einige breite Blätter gewickelt, in diesen improvisierten Backofen zu stecken und ihn wieder mit Erde zu beschütten, ehe er an eine weitere Untersuchung des Terrains ging.

Diese wurde mit großer Sorgfalt ausgeführt, jeder Stein schien von dem Häuptling dabei umgewendet zu werden, um die jetzt so offen zu Tage liegenden Spuren seiner Feinde zu prüfen und daraus auf ihre Eigenschaften zu schließen.

Die beiden Holländer sahen ihm aufmerksam zu, wie er bald den Boden genau betrachtete und jeden Grashalm umzuwenden schien, der das Gesicht auf die Erde hielt.

Endlich kam er zu dem Feuerplatz zurück, setzte sich an diesem nieder und zog das Stück Antilopenhaut aus dem Gürtel, das ihm der junge Soldat von dem trunkenen Kaffer überbracht hatte.

Auf dem Innern der Haut waren mit einer Nadel oder einem anderen scharfen Gegenstand verschiedene Zeichen eingeritzt, zunächst zwei Linien, die mit großer Genauigkeit den Lauf des Kai und seines Nebenflusses, des Bolosi, darstellten. An einem Punkt in der Nähe der Vereinigung beider Ströme war ein Querzeichen, welches offenbar einen Übergangspunkt über den Strom bedeuten sollte. Darunter befanden sich die Zeichnungen einer Schlange und zweier europäischen Bajonette in roher Form, mit zwei Augen und der Abbildung der Wigwams eines Kaffern-Kraals. Neben den Bajonetten waren die rohen Formen zweier Pferdeköpfe eingerissen.

»Die Schrift des Häuptlings ist klar, wie der Tag,« sagte der Boor zu seinem Neffen; »drei Männer, zwei Engländer und ein Führer, dessen Bild die Schlange bedeutet und der, wie Tzatzoe sagt, der verräterische Fingoe Congo ist, sind in die Kafferndörfer als Späher ausgeschickt und an der Stelle, die uns bezeichnet worden, über den Kai gegangen. Aber es ist mir unbegreiflich, daß zwei Soldaten es wagen sollten, über die Grenze von Kaffaria vorzudringen, da der Krieg fast so gut wie ausgebrochen ist und der Tod ihrer auf jedem Schritte lauern würde.«

Der Gaika nahm einige Büschel Gras, die er bei seiner Untersuchung des Bodens abgerissen, und hielt sie seinem Verbündeten unter die Nase. »Was riecht mein Bruder?«

Der Alte beroch es aufmerksam, schien aber nichts Ungewöhnliches daran zu finden. »Meine Sinne werden alt, Häuptling, was meinst Du damit?«

»Zwei Männer sind auf dem Wege, welche ihre Brüder Tochtgänger oder Smause zu nennen pflegen; sie sind auf dem Handel mit dem schwarzen Mann, und wissen, daß ihm die Flinten und das Pulver willkommen sein werden. Aber sie führen auch das Gift mit sich, mit dem der Abalungo die Völker unterjocht, denen die warme Sonne eine andere Farbe gegeben, als in seinem kalten Nebellande.«

»Du meinst Branntwein?«

Der Kaffer nickte und wies nach einem Baum. »An jenem Stamm haben die Späher die Last ihrer Pferde abgeladen – es waren zwei Fäßchen des flüssigen Feuers darunter, und selbst der Rasen, auf dem sie geruht, ist von ihnen vergiftet worden. – Kennt der junge Krieger dieses?« Er zeigte dem jungen Holländer einen Bleiknopf, auf dem sich eine Zahl befand.

»Es ist ein Knopf von meiner eignen Kleidung, ein Gamaschenknopf mit der Nummer meines Regiments.«

»Wenn der junge Krieger die Knöpfe seines Anzugs zählt, wird er finden, daß sie alle an ihren Stellen sind. Diesen hat einer verloren, der vor wenig Stunden hier an diesem Orte schlief.«

»So sind die beiden Weißen Leute meines Regiments?«

Der Wilde nickte. »Erzählte mein Bruder nicht, daß er zwei seiner Offiziere im Lager nicht gesehen habe? Erinnert sich der junge Krieger vielleicht, ob diejenigen, welche er meint, in fremden Zungen sprechen können?«

»Bei Gott im Himmel, Häuptling, Du könntest Recht haben. Kapitän Rivers versteht die holländische Sprache und auch etwas vom Kaffern-Dialekt. Er gab dem Vater Luisens Anleitung darin, und das war die Ursache, welche ihn in die Familie brachte. Auch mehrere andere Offiziere des Regiments bemühten sich, sie zu lernen.«

»Kennt mein Bruder etwas besonderes am Gange seines Feindes?«

Der junge Mann errötete bis über die Stirn, denn die Frage rief ihm die Erinnerung seiner Dienstbarkeit bei dem zurück, der ihn so tief gedemütigt; doch konnte er nicht erraten, was der Wilde meinte.

»Der linke Fuß seines Feindes,« sagte dieser, »ist breiter als der rechte, während das sonst umgekehrt zu sein pflegt.«

Der Soldat dachte nach und erinnerte sich in der That des ihm beim Reinigen der Stiefel aufgefallenen Umstandes, der durch einen Knochenbruch in der Jugend veranlaßt worden war, und sagte dies. Der Wilde führte ihn zu jenem Baum, unter dem das Gepäck gelegen, und verfaulte Rinde umher einen lockeren Boden bildete, in welchem zwei Fußspuren deutlich zu erkennen waren. Die linke war um etwa einen Viertelzoll breiter, als die rechte; das scharfe Auge des Kaffers hatte diesen einem gewöhnlichen Beobachter gewiß unbemerkt gebliebenen Unterschied sogleich entdeckt.

»Es ist Rivers,« rief der Gemißhandelte. »Kein Zweifel! Fluch ihm und mir selbst, wenn ich diese Gelegenheit nicht benutze, mich zu rächen. Laß uns aufbrechen, Oom, und Du, Häuptling, jeder Augenblick des Zögerns ist eine neue Qual für mich!«

»Geduld ist die Mutter der Thaten,« sagte der Wilde. »Mein junger Freund möge sich gedulden; Tzatzoe verspricht ihm, daß er das Weiße im Auge seines Feindes schauen soll, noch ehe die Sonne im Lande der Buschmänner niedersinkt. Der Häuptling der Gaikas wandelt jetzt auf dem Kriegspfad, und es ist Zeit, daß er sich Utika in dem Schmuck des Mannes zeige.«

Nach einer kurzen Verständigung mit dem alten Boor ließen sie sich alle drei, ohne daß die Ungeduld des Jüngsten beachtet wurde, wieder an der Stelle des Feuerherdes nieder, der Gaika öffnete den unterirdischen Backofen und zog das Stück Rinderfleisch heraus, das, halb gebraten, Duft verbreitete. Jeder schnitt oder riß seinen Teil davon, und selbst der Kaffer begnügte sich diesmal, bloß die dreifache Portion seiner Gefährten zu verschlingen, statt sich der entsetzlichen Unmäßigkeit zu überlassen, der sich die wilden Stämme hingeben, sobald sie Gelegenheit zum Genuß von Fleisch finden, das von anderen Tieren, als denen ihrer eigenen Herden herrührt. Sobald er mit der Mahlzeit fertig war, nahm er aus einem kleinen Säckchen, das am Gürtel neben dem Tabaksbeutel hing, Farben und bemalte sich das Gesicht und die nackte Brust mit roten und schwarzen Streifen, gleich der Kriegsmalerei der nordamerikanischen Wilden, von denen sich die Kaffern jedoch auch dadurch unterscheiden, daß sie ihren Körper nicht tätowieren.

Nachdem diese Operation vollendet war, mit der der Häuptling anzeigte, daß er nunmehr für seine eigene Person den Kriegspfad gegen seine Feinde beschritten, obschon die Versammlung der Amapahatis Die hohen Räte, der Rat der Greise, der alle wichtigen Angelegenheiten der Kaffernstämme entscheidet. noch nicht das Kriegswort ausgesprochen hatte, machten sich die drei auf den Weg zur weiteren Verfolgung der Spur. – – – –


Die Nachmittagssonne sandte ihre heißen Strahlen bereits in schiefer Richtung auf die weite Ebene von Sand und Lehmboden, die sich zwischen Kai und Somo bis zu den mit fruchtbaren Thälern und grünbewachsenen Wänden gegen Osten aufsteigenden Umtata-Bergen erstreckt, als in dieser Richtung eine andere Gesellschaft von drei Personen rüstig zuschritt. Zwei weiße Männer, ihrer Kleidung nach Tochtgänger, schritten neben starken Pferden her, denen durch das bloße Auflegen einer Decke statt des Sattels und einige andere Veränderungen das Aussehen von Saumrossen gegeben, und deren Rücken mit verschiedenen Paketen und Fäßchen beladen war. Namentlich bestand die Belastung aus einem Dutzend alter Kommißflinten, eben solchen Kavalleriepistolen, einem Fäßchen Pulver, zwei kleinen Fäßchen Branntwein, Glasperlen und englischen Schnittwaren. Jeder der drei Tochtgänger trug außerdem ein altes Gewehr auf der Schulter, doch hätte ein scharfes, waffenkundiges Auge leicht bemerkt, daß die beiden Flinten der Weißen keineswegs so schlechter Beschaffenheit waren, als ihr Äußeres schließen ließ. Der Dritte war ein Wilder, halb Hottentott, halb Kaffer in zerlumpten Linnenhosen und gleicher Bluse, mit einer Miene voll List und Verschlagenheit.

Die beiden Tochtgänger in ihrer holländischen, auf den Weg durch die Wüste berechneten Kleidung waren ein Mann von etwa dreißig Jahren, der andere acht bis neun Jahre jünger; die englische Sprache, deren sie sich bedienten und manche andere Anzeichen, auf die sie bei der Abwesenheit aller Gefahr jetzt weniger achteten, verrieten leicht, daß sie diejenigen waren, welche von dem Gaika und seinen Gefährten verfolgt wurden.

»Die Fabel, daß wir unsere Ochsenwagen am Kai zurückgelassen haben, weil das Vieh an der Klaauwzinkte Klauenfäule, eine bei den schwierigen Transporten durch das Innere des Kaplandes häufig vorkommende Krankheit der Zugochsen, die sich auf dem steinigen Grund das Horn der Füße durchlaufen. erkrankte, ist nicht übel,« sagte der ältere der beiden Weißen, »sie wird uns für ein paar Tage helfen, und inzwischen wird es uns hoffentlich gelingen, über die Resultate der Versammlung dieser schwarzen Schufte ins Klare zu kommen. Höll' und Verdammnis! wäre die Aufregung des gefährlichen Abenteuers nicht eine kleine Entschädigung und hätte mich nicht noch ein anderer Grund getrieben, Sir Georges hätte sich einen anderen suchen mögen, um mit diesen schmutzigen, stinkenden Bestien in der Maske eines faulen Mynheers Handel zu treiben, als Kapitän Rivers von Ihrer Majestät 93stem Regiment. Wie gefällt Ihnen denn der Marsch, Leutnant Delafosse?«

»Dieser Zug ins Innere,« erwiderte der junge Mann, »ist mir etwas Neues, Spannendes; jede Stunde bringt mir frische Anregungen und die Hoffnung auf den glücklichen Erfolg unserer Sendung, und das Lob des Generals läßt mich das Unangenehme derselben vergessen.«

»Hüten Sie sich nur, des Guten zu viel zu thun, Kamerad,« meinte der Kapitän. »Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn Sie als französischer und ich als holländischer Händler die dummen Wilden nicht täuschen sollten. Die einzige Gefahr ist, daß einer der französischen Missionäre von Madagaskar sich unter ihnen befände, und eben deshalb hat der General Sie zu der Expedition mit kommandiert, weil Sie französisch sprechen, wie Ihre Muttersprache. Das Vorgeben, ein Franzose zu sein, wird uns am sichersten unsern Hauptauftrag ausführen lassen, zu ermitteln, auf welche Unterstützung diese schwarzen Halunken rechnen. Wie weit ist es noch bis zu dem Kraal, Congo?«

Der Fingoe zeigte zweimal die fünf Finger seiner Hand. »So viele Meilen, Herr, dann werden wir vor dem Wigwam Sandilis stehen. Es ist Zeit, Herr, daß Dein Mund die Sprache der Inglishmen verlernt, denn die Bäume und Büsche, denen wir nahe sind, können das Ohr eines Amakosas verbergen, und es war gut, daß die Krieger der großen Mutter bereits die Pferde verlassen hatten, als wir den Männern vorhin begegneten.«

In der That war es eine notwendige Vorsichtsmaßregel gewesen, welche die Offiziere auf den Rat des Fingoe gebraucht hatten, als sie sich mehr dem Wohnsitz des Stammes näherten, die Pferde zu verlassen und ihren Weg, wie wirkliche Tochtgänger, zu Fuß fortzusetzen. Denn bald darauf waren sie einzelnen kleinen Abteilungen von Kaffern begegnet, die, ohne sonderliche Notiz von der in den Grenzgebieten sehr gewöhnlichen Erscheinung der Tochtgänger zu nehmen, rasch an ihnen vorüberzogen, alle anscheinend nach einem Ziel, dem großen Kraal oder der Stadt der Gaikas.

»Du bist also gewiß, daß eine Versammlung der Häuptlinge im Werke ist?« fragte der Kapitän wiederum den Spion.

»Um die Zeit des Vollmondes ist der große Runlho des Stammes, Herr,« berichtete der Fingoe, »und es ist nicht ungewöhnlich, daß der Amapahati zur selben Zeit mit den Jünglingen und Jungfrauen des Volkes die Häuptlinge und Krieger dann zur Beratung zusammenruft. Die Männer und Frauen, denen wir begegnet, waren geschmückt mit den Blüten des Granatapfels, der Runlho muß nahe sein, und wir werden zur rechten Zeit eintreffen.«

»Was ist dies, der Runlho?« fragte Delafosse.

»Wie?« lachte der Kapitän. – »Sie kennen wirklich nicht diese treffliche Sitte unserer schwarzen Nachbarn – oder stellen Sie sich bloß so?«

»Sie wissen, Kapitän, daß ich erst seit vierzehn Monaten am Kap bin und die Stadt bis zum Ausmarsch nach Fort Beaufort nur auf kurze Strecken verlassen habe. Man sieht nur wenig Kaffern in der Kapstadt.«

» Goddam! oder Blixem! wie ich jetzt sagen muß,« lachte der Kapitän, »wollten die schwarzbraunen Burschen ihr Runlho in der Nähe der Kapstadt oder eines anderen civilisierten Ortes halten, sie würden verdammt vielen Zuspruch genießen, trotz des Zeter-Mordios, das die Missionare und die ganze Pfaffen-Sippschaft dagegen erheben möchte. Denn auf Ehre, Kamerad! die dunklen Geschöpfe, ihre Weiber und Mädchen, könnten einem Bildhauer zum Modell einer Venus dienen. Die Formen sind tadellos, das Fleisch kernig und fest, und manche unter den Dirnen hat Augen und Zähne, die sich jede Lady in Whitehall wünschen könnte.«

Der jüngere Offizier errötete unter der bräunlichen Färbung, die sein Gesicht verstellte. »In der That, wir sahen im Fort, als die Kaffernfrauen in voriger Woche die trefflichen Pfirsiche, Guaven und Muskmelonen zum Kauf brachten, schöne und stattliche Gestalten unter ihnen. Erinnern Sie sich eines Mädchens, Kapitän, das ziemlich gut auf englisch sich verständlich machen konnte und eine fast klassische Gesichtsbildung hatte? Gulma nannte man sie!?«

»Auch ich huldige,« sagte der Kapitän mit rohem Gelächter, »diesen dunklen Weibern wegen ihrer reizenden Formen, und schere mich den Teufel um ihre Farbe. Ich hoffe nur, Sie haben Ihr Glück bei der schwarzen Schönheit nicht zu teuer bezahlt?«

»Ich verstehe Sie nicht, Sir,« sprach ernst und von Schamröte übergossen der junge Mann.

»Ei, ich meine, einige blanke Knöpfe und Glasperlen genügen, um diesen hübschen braunen Katzen den Kopf zu verdrehen. Freilich ist man dabei der Nebenbuhlerschaft jedes Rekruten ausgesetzt; denn zu welchem Zweck kommen die Dirnen zu uns ins Lager?«

Die Stirn des Leutnants hatte sich bei der rohen brutalen Spötterei zusammengezogen; doch unterdrückte er seinen Unwillen gewaltsam und suchte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu bringen. »Sie haben mir noch immer nicht gesagt, was der Runlho ist?«

Ein Faunenlächeln spielte um die tiefgezeichneten, ein wildes, in Ausschweifungen verbrachtes Leben verratenden Züge des älteren Offiziers, als er seinen Gefährten höhnend betrachtete. »Sie werden Gelegenheit haben, selbst zu schauen, Kamerad, ich will ihre jungfräuliche Seele nicht im voraus zu sehr aufregen, nur machen Sie sich auf eine Einrichtung gefaßt, die so viel naturwüchsige Vorteile mit sich bringt, daß ich in der That staune, warum ein so praktisches Volk, wie wir Briten sind, sie nicht längst bei sich zu Gunsten Ihrer Majestät Flotte und Armee eingeführt hat.«

Delafosse schwieg – er mochte nicht weiter fragen, und da der Kapitän ein Gespräch mit dem Fingoe begann, schritt er stumm neben ihnen her, seinen Gedanken nachhängend. Diese schweiften unwillkürlich zu dem Bilde der jungen Kafferin, deren er vorhin Erwähnung gethan, zurück, und er gedachte der schlanken reizenden Gestalt, des eigentümlichen, feurigen und zärtlichen Ausdrucks im Auge der jungen Farbigen. Es kommt sehr häufig vor, daß sowohl zu den Garnisonen der Grenzforts, als bei den häufigen Kriegen und Streitigkeiten zu den lagernden Truppen die Frauen und Mädchen der feindlichen Stämme ganz unbesorgt kommen und Milch, Früchte und andere Lebensbedürfnisse zum Verkauf bringen. Gewöhnlich geschieht es, um in den europäischen Lagern zu spionieren; denn der Kaffer sendet nie männliche Spione aus, und das Beispiel Macomos, der von besonderem persönlichen Haß zu der Rolle getrieben wurde, die er so trefflich spielte, steht vereinzelt in den Kriegen des Kaplandes. Fast immer erreichen die weiblichen Spione ihren Zweck, und ein blutiger Überfall in den Engpässen der Berge, ein nächtliches Gemetzel oder die völlige Vernichtung einer abgeschnittenen kleineren Abteilung und Patrouille ist fast jedesmal die Folge von der Thorheit der britischen Posten.

Aber die sich jetzt mit jedem Schritt verändernde Umgebung zog bald alle Aufmerksamkeit des jungen Mannes von jedem anderen Gegenstande ab. Das Umtata-Gebirge hob sich in majestätischen Formen voll Fruchtbarkeit und Großartigkeit, je tiefer sie hineinkamen. Belebende Quellen sprudelten zwischen den Felsen und Bergen hervor, die gigantische Aloe und der Kaktus in seinen tausend verschiedenen Abarten verdeckte das Gestein, auf den Abhängen der Berge erhoben sich dunkle Wälder von Palmen, Cypressen, amerikanischen Fichten und Kork-Eichen, um deren Stamm und Äste die Schlingpflanzen ihre Gewinde zogen. In den Thälern wuchsen die kleineren Palmietten, der Brotbaum, dieser Segen der Tropen, mit seinen langen Fächerblättern, die Dattelpalme mit ihrer Federkrone, die Orange mit dem Feigen- und Mandelbaum, dem Pfirsich und der dunklen Granate, und ein Strom von Duft würzte die Luft. Herden wohlgenährter Rinder weideten auf den Berghängen, und auf den Hügeln sah man zerstreut zahlreiche runde, bienenkorbähnliche Hütten, wie sie der Kaffer sich als Wohnung baut.

Die Hütten schienen jedoch leer, nur Kinder und ältere Frauen sah man bei den Zelten – das ganze Volk schien einem großen Zuge gefolgt. Ihr Weg – den der Fingoe genau kannte – führte jetzt fortwährend bergan, durch gewaltige von Felsen gebildete Schluchten, welche beiden Offizieren die Überzeugung gaben, daß es keine geringe Anstrengung auch der besten Truppen kosten würde, sie zu nehmen, und durch eben so starke Walddefileen. Durch ein solches nahten sie sich jetzt dem Ziel ihrer Reise, und als sie aus den dichten Gebüschen hervortraten, bot sich ihren Augen ein eben so unerwartetes, als belebtes Bild.

Vor ihnen lag, von der Abendsonne beleuchtet, ein großes, etwa zwei englische Meilen langes Bergplateau, auf dem Amatata, die große Stadt der östlichen Gaikas stand. Die Hütten, vielleicht 300 an der Zahl, lagen um einen sanft aufsteigenden Hügel, auf dessen Spitze ein Kreis riesiger Korkeichen den großen Beratungsplatz des Stammes umgab. Rauchwolken stiegen von den vor jeder Hütte angelegten Feuerungsplätzen empor, um die sich Männer, Frauen und Kinder versammelt hatten. Ochsenviertel, Wild und Hammel brieten an hölzernen Spießen oder zwischen heißen Steinen, und überall standen Milchvorräte in jenen weichen, elastischen Körben, die die Kaffernfrauen so wunderbar fein aus zähen Grashalmen und dünnen Zweigen zu flechten verstehen, daß keine Feuchtigkeit durchfließt, während diese Gefäße durch die größere Verdunstung die Milch eiskalt erhalten. Weiber stampften in hölzernen Mörsern das gigantische Hirse- und Kafferkorn zur Bereitung des Breies, der beliebten Nationalspeise, oder breiteten die Früchte des Kubu und des Melkhout auf riesigen Palmenblättern aus. Auf den Knieen oder auf dem Leib lagen Männer im dichten Kreis um ein mit Wasser gefülltes Loch, an dessen Rand eine kleine Höhle mit Tabak gefüllt war. In diese Höhle waren lange, hohle Schilfe durch das Wasser geführt, aus denen sie, die rohe Nachahmung des indischen Hoskah und orientalischen Nargileh, gekühlte Rauchwolken einschlürften und durch Nase und Mund von sich stießen. Scharen von jungen Männern und Mädchen, mit den Blüten des Granatenbaumes geschmückt, Zweige in den Händen, zogen zwischen den Wigwams umher, unter dem Ruf: »Runlho! Runlho!« ohne daß jedoch die beiden Geschlechter dabei sich unter einander mischten.

Andere Gesellschaften von Kriegern und jungen Männern belustigten sich auf der Ebene, teils auf den kleinen, den schottischen Ponnys ähnlichen Pferden des Kaplandes umherjagend, teils im Wettwerfen mit dem Assagai, oder im Schießen mit Pfeil und Flinte, denn die Holländer und Franzosen, und selbst die eigene Habsucht der Engländer, haben bereits dem Kaffer ziemlich zahlreiche Feuerwaffen in die Hand gegeben und ihn ihren tödlichen Gebrauch gelehrt. Überall war Jubel, Geschrei, Leben und Bewegung.

Die falschen Tochtgänger waren kaum aus dem Dickicht des Waldes getreten, als sie auch sofort von einer, jeden Augenblick wachsenden Menge umgeben wurden, die sie zwar nach dem Innern des Kraals zu drängte, jedoch keineswegs feindlich gegen sie verfuhr. Der Smause oder Tochtgänger ist ein dem Wilden fast eben so bekannter Mann, wie den Boors, und als ein Abnehmer ihrer Jagdbeute höchlich willkommen. Der Anblick der Flinten, welche die Hauptladung der Pferde ausmachten, war unter den obwaltenden Umständen besonders geeignet, die Aufmerksamkeit zu erregen. Man führte sie zu einer der ersten Hütten und reichte ihnen sofort Milch und Fleisch zum Zeichen der Gastfreundschaft. Der Fingoe, vollkommen mit den Dialekten der Stämme vertraut, übernahm alsbald das Amt des Dolmetschers, und verbreitete die Nachricht, daß die Bagagewagen der Tochtgänger eine Tagereise weit zurückgeblieben, die Händler aber auf die Nachricht von der Volksversammlung mit einigen Waren vorausgegangen seien. Der Führer benahm sich dabei sehr gewandt und kriechend, denn die freien Kaffern verachten den Fingoe, obgleich er zu ihrem Volk gehört, und betrachten den Stamm als Sklaven der Engländer. Es besteht deshalb zwischen beiden ein alter Haß, der aber keineswegs ihre Handelsgeschäfte hindert.

Während dessen hatten Rivers und der Leutnant die Tiere abgeladen, und sie in der Nähe des Wigwams, den man ihnen eingeräumt, gefüttert. Nun begannen sie ihre Packen zu öffnen und mit allerlei Kleinigkeiten zu handeln. Während Rivers mit großer Sicherheit die Manieren und die Ausdrucksweise eines holländischen Tochtgängers nachahmte, wußte der Leutnant mit gleicher Gewandtheit den Franzosen zu spielen, und das Gemisch von französischen, englischen und nationalen Worten, in denen er sich ausdrückte, hätte wohl selbst einen schärferen Beobachter getäuscht, als es diese Naturkinder waren.

Das Gerücht von der Ankunft der Tochtgänger hatte sich bald durch das ganze Dorf verbreitet, und die Kundschafter hatten sich noch nicht lange niedergelassen, als sie durch zwei Krieger auf den Versammlungsplatz der Amapahati und vor den berühmten ersten Häuptling der Gaikas, Sandili, beschieden wurden, der, an Stelle seiner Mutter, der alten Königin Suta, die Herrschaft über die Stämme führte, und der erbittertste und gefährlichste Feind der Engländer war.

Die Abenteurer hatten rasch ihr Gepäck wieder zusammengerafft und auf die Pferde geladen, mit der Vorsicht echter Handelsleute, die ihre Güter nie aus den Augen verlieren, und folgten, von der Menge der Wilden umgeben, ihren Führern zu dem Hügel, wo die Vornehmen und Weisen des Volkes versammelt waren.

Es war unterdes Abend geworden, und die kurze Dämmerung der Tropen ging rasch in das Dunkel über, das jedoch von hundert Feuern erhellt wurde.

Ein solches, von großen Dimensionen, brannte in der Mitte des Platzes, auf dem sie jetzt erschienen, und beleuchtete den Blätterdom der riesigen Kork-Eichen und die dunklen Gesichter der Männer, die in einem großen Kreise auf einer Art von Erdbank umhersaßen und lagen. Es waren zum Teil sehr alte Männer mit weißem Haupt- und Barthaar, mit verwitterten, faltenreichen Zügen, den Bauch geschwellt von der ungeheueren Gefräßigkeit, die sie an diesem Tage bereits geübt. Zum Teil stolze, prächtige Kriegsgestalten mit dem Karroß um die Schultern, die Flinte oder den Assagai in der nervigen Hand. Hätten die Engländer ihre Namen gewußt, sie würden erfahren haben, daß sich darunter fast alle die furchtbaren Häuptlinge befanden, die sich längst zum Schrecken der Kolonie gemacht, und die in dem ausbrechenden Kriege eine große Rolle spielen sollten: Umahala, das mächtige Oberhaupt der H'Llambins, mit seinen Unterhäuptlingen Pato und Siwani, die beiden Söhne Macomos: Kona und Namba, Kreli, der Führer der Tambookies, und die Häuptlinge der Gaikas: Stoch, Thlatlha, Zana und Faudala. Mit großem Interesse aber für den Zweck ihrer Sendung und nicht ohne das Gefühl neuer Besorgnis bemerkten die Offiziere unter den Wilden mehrere weiße Männer – kräftige Booren-Gestalten, mit trägen, aber nichts desto weniger entschlossenen Gesichtern, und einen ganz von diesen verschiedenen Mann, der zwar die gewöhnliche Kleidung eines Reisenden trug, dessen ganze Haltung, dessen scharfer, entschlossener Blick und dessen wohlgestutzter Schnurr- und Knebelbart jedoch den Soldaten und Europäer erkennen ließen.

Die Führer der Tochtgänger geleiteten sie nach dem anderen Ende des Kreises, wo auch die weißen Männer standen, und die Gruppe, die sich hier ihren Blicken bot, war noch eigentümlicher, merkwürdiger, als alles bisherige.

Sie standen vor Sandili, dem Oberhäuptling, und der Königin Suta. Die greise, achtzigjährige Frau, von Alter und Krankheit gebeugt, kauerte auf einer mit Matten bedeckten Erderhöhung, den Rücken an ein Felsstück gelehnt. Sie war in einen Mantel von weichem Pantherfell gehüllt, und der Kopf eines dieser Tiere bedeckte, gleich einer Kapuze, ihr graues, runzeliges Haupt, das Abschreckende desselben noch erhöhend. Aus dem großen, vom Alter schwer getrübten Auge leuchtete nur zuweilen noch ein Blitz des früheren Geistes. Neben ihr kniete ein überraschend schönes Kaffernmädchen, Arme, Brust und Knöchel reich mit goldenen Ringen und bunten Glasperlen geschmückt, in dem wohlgeflochtenen Haar einen Kranz von Granatblüten und um die Hüfte eine Lendenschürze von weißer Wolle, das Zeichen, daß sie heute zum erstenmal dem Runlho bestimmt sei.

Das schöne, große, ausdrucksvolle Auge richtete sich beim Erscheinen auf die Fremden, begegnete dem Blick des Leutnants und blieb mit dem Ausdruck wachsenden Erstaunens auf ihm haften. Edward erbebte – er erkannte sofort in dem Mädchen Gulma, die schöne Kafferin, und fühlte, daß auch er, trotz seiner Entstellung und Verkleidung, von ihr erkannt sein müsse. Er sah wie die Lippen der Kafferin sich zum Ruf an ihre Umgebung öffneten, wie ihre Hand sich hob, auf ihn zu deuten, und unwillkürlich, von der furchtbaren Gefahr überwältigt, faltete er die Hände und heftete einen bittenden, flehenden Blick auf das Mädchen.

Einen Augenblick schwankte er in bangem Zweifel, – dann sah er, wir ihr Mund sich schloß, ein Finger der kleinen, zarten Hand sich an die Lippen hob, und ihr hübsches Gesicht sich senkte.

Seine volle Geistesgegenwart und Besorgnis wurde jedoch bald von anderen Gegenständen in Anspruch genommen. Hinter der alten Königin stand der Tsanuse, der große Medizinmann des Kraals, der die Namen der Umtakatis, der eingebildeten, bösen Zauberer, aufzufinden und sie ihrer Strafe zu überliefern vermag. Die Haut eines großen Springbocks bildete seinen Mantel, so daß die langen Hörner des Tiers hoch über seinen scheußlich bemalten Kopf hinwegragten. Ein Bündel von Assagaien und Kirries war klappernd um seinen Leib gebunden, von dem Gürtel hingen Schwänze wilder Tiere; Schlangenhäute, kleinere Felle und getrocknete Eidechsen waren um den Hals und alle Gelenke befestigt, und große Geierfedern ragten aus dem struppigen Helm seiner Haare hervor.

Der Häuptling dagegen, Sandili, der Vater Gulmas, war eine hohe Gestalt mit einem männlich schönen Gesicht. Er trug die gewöhnlichen großen goldenen Ohrringe der Kaffern, die Spange am linken Arm und die Schnur großer Glasperlen um den Hals, aber sein Karroß war ein riesiges, weich gegerbtes Löwenfell, und der Schweif des mächtigen Tieres schleppte bei seinen Bewegungen lang hinter ihm drein auf dem Boden.

In der Nähe Sandilis standen die weißen Männer. Sein forschendes, stolzes Auge heftete sich fest auf die Ankömmlinge; er wartete einige Augenblicke, ehe er das Schweigen brach.

»Fliegen die weißen Raben durch die Wüste der schwarzen Männer, wenn der Sturm weht?« fragte er in gebrochenem Englisch. »Wissen die Händler der Abalungos nicht, daß Streit ist zwischen meinem und ihrem Volk?«

Die Worte waren an Rivers direkt gerichtet, da der Häuptling es verschmähte, sich des verachteten Fingoe als Dolmetscher zu bedienen. Der Kapitän war jedoch zu gewandt und wohlvorbereitet, um in die Falle zu gehen, und antwortete in holländischer Sprache mit einer anderen Frage: »Hat der Incosi Inculu der Gaikas die Smause je als Feinde auf seinem Wege gefunden? – Sie hassen die Rotröcke, wie Du, und bringen seinem Volke das Pulver und die weittragenden Flinten.«

Der Fingoe hatte den Kram der falschen Händler unterdes im Kreise auszubreiten begonnen, und der Kapitän nahm zum Beweise seiner Worte einige der Gewehre und legte sie vor dem Häuptling nieder; dieser aber trat einen Schritt vor, hob das Fell, das einen der Packen bedeckte, und zeigte auf die Branntweinfäßchen.

»Ist dies das Pulver, das die Smause den Gaikas bringen will?« Der scharfe Geruchssinn des Wilden hatte ihm das Gift verraten, das schon so viele seines Volkes verderbt hatten. Im ersten Augenblick war der Kapitän verdutzt, dann aber antwortete er rasch: »Der Incosi Inculu weiß, daß eine arme Smause mit allem handelt; der Feuertrank ist für die Ooms aus ihrem Volke bestimmt, denen er auf seinem Trekken Umherziehen. begegnen wird. Das Pulver ist das Eigentum dieses französischen Händlers. Der Häuptling weiß, daß die Rotröcke den Dütchmen nicht gestatten, damit zu handeln.«

Das Auge des Oberhauptes wandte sich lebhaft auf den jungen Mann bei der Erwähnung der Eigenschaften desselben als Franzosen.

»Wenn mein Sohn von dem Volke stammt, das der Feind der Inglishmen ist, so wird er seine Sprache verstehen?«

Der junge Mann bejahte es.

»So möge die junge Smause mit ihrem Bruder reden und ihm sagen, woher sie kommt und was sie weiß von den Feinden der schwarzen Männer.« Der Häuptling winkte zugleich dem fremden Weißen, dessen militärisches Aussehen den verkleideten Offizieren schon früher aufgefallen war, heran. »Mein Bruder Tzatzoe, der seine Sprache redet, ist mit dem weisen Vater der Dütchmen noch auf dem Kriegspfad und fehlt am Beratungsfeuer. Möge der weiße Krieger, der unser Freund ist, prüfen, ob die Smause von seiner Nation ist?«

» Parbleu! Häuptling,« sagte der Fremde, sich den Schnurrbart streichend, »das wollen wir bald erfahren. – Wie heißt Du, Bursche, und wo kommt Ihr her?« wandte er sich in französischer Sprache an den jungen Mann.

Delafosse stammte aus einer Emigranten-Familie, die sich in England niedergelassen, und sprach das Französische als zweite Muttersprache. Er erzählte daher geläufig nach dem vorher besprochenen Plan, daß er der Kommis einer französischen Handlung auf Sanct Mauritius sei, die, trotz der strengen britischen Aufsicht, einen ausgedehnten Schmuggelhandel an den Ostküsten Afrikas treibe, und holländische Händler mit den verbotenen Waren versorge. Es sei ihnen kürzlich gelungen, eine Ladung in die Mündung des Kai zu schmuggeln, und mehrere französische und holländische Tochtgänger wären in diesem Augenblicke damit beschäftigt, sie durch das Land zu verbreiten. Die Insel Mauritius nannte er vorsichtig, weil er annehmen durfte, daß der militärische Agent, denn ein solcher war offenbar sein Gegner, von Madagaskar oder der noch unter französischer Herrschaft stehenden Insel Bourbon gekommen sein müsse. Zugleich erzählte er die Geschichte von den in der Einöde zurückgebliebenen Wagen.

Der Dialekt des jungen Mannes war so unverfälscht, der Schmuggelhandel und Tochtgang eine so häufig vorkommende Sache, daß der Franzose keineswegs Verdacht schöpfte, vielmehr, da Delafosse ihm erzählte, daß er ein geborener Pariser sei und dies durch mancherlei Erwähnungen glaubhaft machte, ihn unter seinen besonderen Schutz nahm und jedes Mißtrauen des Häuptlings beseitigte.

Während dieses Gesprächs war auch Rivers nicht müßig gewesen, und unterhielt sich mit den drei oder vier Booren, die in der Versammlung der Wilden anwesend waren, und sich ohne weiteres jetzt um ihn drängten, um das willkommene »Gut,« den Branntwein, zu probieren. Das Holländisch, welches Rivers sprach, genügte vollkommen, sie zu überzeugen, daß er, wenn ihnen auch persönlich unbekannt, ein echter Tochtgänger sei, denn selten versteht ein Engländer die Sprache der unterdrückten Kolonisten. Er gab, um sich das Vertrauen zu sichern, eine Menge teils wahrer, teils falscher Nachrichten von der Stellung der englischen Streitmacht jenseits des Kai und ihren drohenden Bewegungen, indem er erzählte, daß er selbst im Lager gewesen, als er in den Forts alte Gewehre gekauft, und hörte dafür von den arglosen Booren, daß sie die Abgesandten der in der Boomplaatsschlacht zerstreuten Kolonisten und der Ansiedler im Viktoria-Lande (Port Natal) seien, die sich mit den Kafferstämmen in dem drohenden Kriege diesmal gegen ihre englischen Unterdrücker zu verbinden gewillt wären.

Diese verschiedenen Umstände hatten den Verdacht der Kaffern ganz beseitigt, und es hatte sich bereits ein lebhafter Handel um das Gut der mit Milch und Fleisch bewirteten Tochtgänger entspannen, während dessen Sandili und der französische Agent bemüht waren, noch verschiedene Nachrichten über die feindliche Stellung einzuziehen.

Der Fingoe, der durch Schmutz, mit dem er sein Gesicht bedeckt und seine Kleidung einem Hottentotten ähnlich gemacht hatte und außerdem durch ein Pflaster auf einem Auge unkenntlich war, besorgte unterdessen den Handel mit den Kaffern. Der Kapitän hatte an die einzelnen Häuptlinge und deren Weiber einige kleine Geschenke von Tabak, Ringen und Glasperlen verteilt, wobei es ihm gelungen war, mit einem bedeutsamen Blick dem Medizinmann ein Päckchen mit Gold in die Hand zu drücken; Edward aber hatte zwei schöne Schnüre von Bernsteinperlen genommen und diese der alten Königin und deren Enkelin übergeben. Die Augen begegneten sich dabei, und er glaubte in den ihrigen das Versprechen des Schweigens mit der Mahnung zur Vorsicht zu lesen, und deutlich zu fühlen, wie ihre kleine Hand bei der Berührung der seinen zitterte, als plötzlich die Scene durch die Ankunft zweier neuer Personen eine Veränderung erlitt.

Der Name »Tzatzoe!« und »Oom Pretorius!« lief durch die Menge; der Kreis, der sich um die Händler gebildet, gab Raum, und hindurch auf die Hauptgruppe zu schritt der Häuptling der westlichen Gaika-Stämme, dem wir zu Anfang unseres Kapitels an der Furt des Kai begegnet sind, mit dem Anführer der aufständischen Booren.

Sandili bewillkommnete mit großer Freude die Angekommenen, denn auf sie hatte man gewartet, um die Beratung zu beginnen, und gab alsbald den Befehl, daß sich die beiden weißen Händler, die niederen Krieger, Frauen und Kinder aus dem Bereich des geheiligten Kreises entfernen sollten, als Tzatzoe ihnen zu bleiben winkte und das Wort nahm.

»Wenn es der Incosi Inculu aller Gaikas gestattet,« sagte er in der Sprache seines Volkes, »möchte ich diese beiden Männer noch um einiges fragen, bevor sie ihr Wigwam suchen für die Nacht, die unserer großen Mutter geheiligt ist. Tzatzoe ist gewohnt, den weißen Gesichtern nicht zu trauen, wenn er sie nicht viele Sommer kennt.«

»Tzatzoe ist ein großer Häuptling,« erwiderte Sandili, offenbar etwas beleidigt über dies Mißtrauen gegen seinen Scharfblick, – »aber wir haben diese Männer geprüft und nichts Verdächtiges an ihnen gefunden. Es sind Kaufleute, wie sie häufig zu uns kommen, und Feinde der Inglishmen.«

»Vielleicht vermögen sie uns eine Nachricht zu bringen von Macomo,« beharrte der Häuptling. »Erlaubt mein Bruder, sie danach zu fragen?«

Der Oberhäuptling nickte ungeduldig Gewährung, denn es drängte ihn, zu dem wichtigen Geschäft des Abends zu kommen.

Rivers hatte mit Ungeduld und Besorgnis die neue Gefahr gesehen, die sie bedrohte, doch war kein Mittel, ihr zu entgehen, und man mußte ihr kühn die Stirn bieten. Dabei aber gefiel ihm weder das Aussehen des Häuptlings, noch des Boors, und seine Besorgnis wurde noch gesteigert, als er sich niederbückte, um ein Paket zusammenzubinden und der Fingoe ihm dabei ins Ohr flüsterte: »Hüte Dich und eile zu den Pferden!« Im nächsten Augenblick bemerkte er, daß der schwarze Führer durch eine geschickte Bewegung von seiner Seite glitt und in dem Gedränge verschwand.

Er hatte weder Zeit noch Gelegenheit, dein Leutnant einen Wink zu geben, und versicherte sich nur durch einen raschen Griff, daß der Revolver unter seinem Jagdhemd handgerecht lag; dann wandte er kühn sein Auge auf den Häuptling, der ihnen nahe getreten war.

»Haben die Smause der weißen Männer gehört, wie es einem Häuptling meines Volkes, Namens Macomo, geht, der bei ihren Brüdern in der festen Stadt am Keiskamma wohnt, und bringen sie uns vielleicht Botschaft von ihm?«

Rivers schüttelte den Kopf. »Wir haben Fort Cox schon vor zehn Tagen verlassen,« sagte er in holländischer Sprache, »damals trieb sich allerdings ein trunkener Kaffer dort umher, der sich Macomo nannte, aber wir kennen ihn nicht weiter.«

»So hab' ich kürzere Botschaft,« sagte der Häuptling mit einem scharfen Blick. »Macomo hat uns dieses gesandt, und der Bote verließ das Fort der weißen Männer vor zwei Nächten.« – Er reichte an Sandili die Haut mit den Hieroglyphen. »Ich höre, die Smause haben ihre Wagen auf dem Wege hierher zurückgelassen,« wandte er sich dann in französischer Sprache an Delafosse. »Will mein junger Bruder mir sagen, wo er ihre Spur verloren hat?«

»Am Bolofluß beim Übergang über den Kai,« sagte der junge Mann rasch.

»Die Smause wird sich irren oder ihr Gedächtnis ist zu kurz,« bemerkte mit höhnischem Lächeln der Kaffer. »Tzatzoe und der Vater der Booren sind an den Ufern des Volo und des Knebia umhergestreift seit vier Sonnen, doch sie haben keinen Tochtwagen gesehen. Aber sie haben die Spuren zweier weißen Hunde gefunden und eines braunen, die nach dem Lager der Gaikas gingen, um die Dienste des Schakal zu verrichten, der nach der Beute des Löwen spürt. Die schwarzen Männer haben die Augen des Adlers und sehen in das Herz eines Verräters. Die Smause erhebe ihr Angesicht in die Höhe, und sage mir, ob sie einen Fremdling kennt?«

Seine ausgestreckte Hand zeigte nach einer Stelle, von der Pretorius, der Boor, zurückgetreten war. Der Blick des Kapitäns wandte sich dahin, und sein Auge erkannte den Todfeind.

»Fluch und Verdammnis! In die Hölle mit dem Hunde!« Mit der Schnelle des Gedankens, der ihm zeigte, daß jede fernere Verstellung unnütz und alles verloren sei, hatte er den Revolver aus der Blouse gerissen und der Schuß krachte nach dem jungen Holländer hin. Aber eine rasche Bewegung, die dieser gemacht, um sich auf den Feind zu werfen, rettete ihn, und die Kugel schlug in die unbeschützte Brust eines grimmigen Kaffernkriegers, der hinter ihm gestanden.

»Kapitän Rivers! Laßt ihn mir, laßt ihn mir!«

Aber bereits hatte sich der Engländer gewendet ein zweiter Schuß streckte den Häuptling Zana zu Boden. Die unerwartete Entwickelung war so plötzlich, so überraschend gekommen, daß Rivers, der mit großer Stärke begabt war, wirklich den dichten Kreis der Kaffern hinter sich durchbrach, ehe diese noch zur Besinnung gekommen waren, teils wurde ihm dies auch dadurch möglich, daß Pieter Pretorius selbst alle anderen zur Seite warf, um sich auf seinen Feind zu werfen. Dennoch wäre er gewiß nicht dem raschen Zuspringen des Kaffernhäuptlings und der Verfolgung des jungen Holländers entgangen, wenn Delafosse nicht mit edelmütiger Preisgebung des eigenen Lebens seine Flucht gedeckt und sich Tzatzoe entgegengeworfen hätte, den Wurf seines Assagai zur Seite lenkend. Im nächsten Augenblick war er zu Boden gerissen, und über ihn hinweg stürmten die rasenden Häuptlinge und Krieger dem Flüchtigen nach.

Dieser hatte jedoch schon den Fuß des Hügels erreicht und eilte die Gasse des Kraals dahin, wo er zwei dunkle große Gestalten im Schein der Feuer halten sah. Es war Congo, der Fingoe, der die beiden Pferde rasch hierher geleitet hatte und bereits auf dem einen saß. Der Kapitän legte die Hände auf den Hinterteil des Rosses und sprang mit einem Satz auf den Rücken desselben. Ein dritter Schuß streckte einen schwarzen Krieger zu Boden der sich den Pferden entgegenwerfen wollte, ein Kerrieswurf traf, in furchtbarem Schwung die linke Schulter des kühnen Mannes; doch achtete er in der Aufregung des gewaltigen Schmerzes nicht, und im nächsten Augenblick sprengten die beiden Rosse in rasendem Lauf über die Hochebene mitten durch die Feuer des Kraals hindurch.

Der Tumult war schrecklich, sinnbetäubend. Zahllose Pfeil- und Flintenschüsse folgten alsbald den Flüchtigen, aber Entfernung und Dunkelheit schützten sie bereits. Wild rannte alles durch einander und nach den Stellen, wo die kleinen, den Bewohnern des Kraals gehörenden Pferde aus den Weiden lagen, die wenigsten angebunden, und es dauerte eine Zeit von mindestens zehn Minuten, ehe eine Zahl von etwa zwölf Kriegern mit Tzatzoe und Pieter Pretorius den Fliehenden in der Richtung folgte, die diese, entgegengesetzt ihrem Eintritt auf das Plateau, eingeschlagen hatten.

Während der ersten Verwirrung hatte sich niemand um den zu Boden geworfenen zweiten Engländer gekümmert, der, von Stößen und Tritten getroffen, halb betäubt dalag und erst wieder zum vollen Bewußtsein seiner Lage kam als Gulma auf einen Wink des Tsanuse ihn ergriff und zu den Füßen ihrer Großmutter schleppte, so daß seine Hand deren Mantel berühren konnte. Dies rettete ihn vom augenblicklichen Tode; denn nach der Sitte der Stämme kann ein Verbrecher, dem es gelungen, die Person der Königin oder »großen Frau« zu berühren, nur auf den Beschluß der Amapahati getötet werden, und die erhobenen Kerries und Assagaien sanken vor der abergläubischen Furcht, Unheil auf das eigene Haupt herab zu ziehen. Dennoch hätte von der großen Willkür und der geringen Ehrfurcht der Häuptlinge bei ihrer Rückkehr von der ersten Verfolgung vielleicht auch dieser Schutz den jungen Mann nicht gesichert, oder er wäre von den Flinten der erbitterten Booren gefallen, wenn nicht ein anderes wichtiges Ereignis seiner Retterin zu Hilfe gekommen wäre.

Mitten zwischen dem wütenden Lärm, und diesen weithin übertönend, daß das Echo von den Bergwänden zurückschlug, dröhnte nämlich der majestätische Klang eines riesigen Tamtam in drei langverhallenden Schlägen. Gleich als übe der mächtige Klang eine Zauberwirkung aus, so folgte plötzlich eine allgemeine Stille und Bewegungslosigkeit dem Ton; – jedes Antlitz wandte sich nach Osten, wo über die Bergwände sich in diesem Augenblick die glänzende Scheibe des Vollmonds zu erheben begann und ihre ersten Strahlen über die Ebene warf – und dann erklang eine gewaltige Stimme von der Spitze des Hügels her in dem Ruf: »Runlho! Runlho!«

Das ganze Volk hatte sich auf den Boden geworfen und stimmte einen Gesang an zu Ehren Atalmas, der Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, die sie unter dem Bilde des Mondes begrüßen. Dann sammelten sich die jungen unverheirateten Männer und die Mädchen und stellten sich getrennt von einander zum Zuge nach dem Beratungshügel auf. Männer und Frauen zogen voran, auf den unvollkommenen musikalischen Instrumenten des Volkes, der zweisaitigen Hottentotten-Fidel, einer Art Tambourin und Schilfflöten einen ohrenzerreißenden Lärm vollführend. Die Mitglieder des Amapahati, mit den Häuptlingen, stellten sich zur rechten Seite der alten Königin, die andere blieb frei. Noch immer, von den Kriegern mit finsteren Blicken bewacht, stand Edward Delafosse, sein Schicksal erwartend, in der Nähe der alten Frau.

Jetzt nahte, unter den Klängen unsichtbarer Tamtamschläger, der Zug der Mädchen dem Ort, Gulma an ihrer Spitze, und stellte sich auf der anderen Seite der Königin auf, zunächst, mit der weißen Schürze geschmückt, die Jungfrauen, die zum erstenmal zum Opfer des Runlho bestimmt waren.

Ehe wir weiter gehen, müssen wir wenigstens andeutend dieser eigentümlichen Sitte des Naturvolkes einige Worte widmen.

Es herrscht zwar bei den Kaffern, wie überhaupt im Orient, die Sitte der Vielweiberei, wird aber nur selten und nur von den Reichen ausgeübt, da für das Mädchen den Eltern desselben eine oft ziemlich bedeutende Gabe an Vieh etc. gezahlt werden muß. Wie häufig bei wilden Völkerstämmen, ist die Beschäftigung sehr ungleich verteilt, indem alle wirkliche Arbeit den Frauen aufgebürdet bleibt. Trotzdem artet das Geschlecht auch körperlich nicht aus, da die Arbeit überhaupt nur gering ist; sie behalten ihre schönen, stolzen Gestalten, die zierlichen Hände und die regelmäßige Gesichtsbildung. Die Treue und Züchtigkeit der Frauen ist ohne Tadel – es sei denn, daß dieselbe zu den oben angedeuteten Zwecken verletzt wird. Auch unter den Unverheirateten wird Sitte, Zucht und Schamhaftigkeit beobachtet und streng aufrecht erhalten, mit Ausnahme eines Tages im Jahre, an welchem sich unter den Augen der Ältesten des Volkes im Hauptkraal des Stammes alle erwachsenen Mädchen und Jünglinge versammeln müssen zu einem allgemeinen Hymen im politischen Interesse der Volksvermehrung.

Auf ein Zeichen des Tsanuse begann mit einem noch betäubenderen Lärm, als der frühere, der langsame Zug der jungen Männer. So wie sie einzeln an dem Sitz der alten Königin vorbeigingen beugten sie sich, die Hände über die Brust gekreuzt, und eines der weißgeschürzten Mädchen trat hervor und gab dem Manne ihrer Wahl den Granatenzweig aus ihren Haaren, worauf dieser sie wegführte. Die Jungfrauen des Stammes, die zum erstenmal den Runlho feiern, genießen das unbedingte und nie von den Verwandten bestrittene Recht, den Gefährten zu wählen.

Die jungen Männer, die nicht durch eine solche Wahl ausgezeichnet werden, suchen nach Zufall und Belieben unter den anderen Mädchen ihre Genossin.

Aber Jüngling auf Jüngling zog vorüber – die Jungfrauen hatten alle schon den Geliebten gewählt – nur wenige von den Mädchen standen noch am Sitze der greisen Königin, – aber noch immer nicht hatte sich Gulma, die Tochter des Oberhäuptlings, von ihrem Platz gerührt, noch immer glühte das Rot der Granaten in ihrem mit Perlen durchflochtenen Haar.

Verwundert sahen alle auf das Mädchen, als auch Kona und Namba, die Söhne Macomos, ohne das beglückende Zeichen vorbeigeschritten waren, da man doch wußte, daß die tapferen Brüder sich um das Kind des Oberhäuptlings bewarben. Die Schar der jungen Männer nahte ihrem Ende, doch Gulma stand noch immer, den Blick zu Boden gesenkt, neben der alten Frau, während alle ihre Gespielinnen längst den Augen der übrigen Zuschauer entschwunden waren.

Ein allgemeines Schweigen herrschte in dem Kreise, abseits standen noch mehrere der jungen Männer, die übrig geblieben waren, darunter die Gebrüder Kona und Namba, als sich Sandili jetzt mit strenger Miene an seine Tochter wandte.

»Es ist ungewöhnlich und gegen das Gesetz Atalmas,« sagte er, »daß eine Jungfrau bei dem Runlho zurückbleibt, ohne den Mann zu wählen, um die Pflicht gegen ihr Volk zu erfüllen. Gulma ist die Tochter eines Häuptlings, sie möge ihn zeigen, und es wird keiner sein, der sie verschmäht!«

Blässe und Röte bedeckte in flüchtigem Wechsel das schöne dunkle Gesicht des Mädchens. Sie hob langsam das Haupt und nahm die Granatblüte aus ihrem Haar. »Befiehlt der Häuptling, mein Vater, daß ich wähle nach meinem Willen?« fragte sie mit leiser Stimme.

»Ich befehle es!« rief ungeduldig Sandili. »Das Kind meines Blutes darf die Sitten seines Volkes nicht gering achten.«

Das Mädchen trat verlegen einen Schritt vor – darauf wandte sie sich entschlossen – ihr großes, dunkles Auge streifte furchtlos und herausfordernd die Menge, dann blieb sie vor dem jungen Engländer stehen, reichte ihm den Granatenzweig und kreuzte die Arme über die Brust zum Zeichen des Gehorsams.

Ein lauter Schrei des Erstaunens und der Entrüstung schallte von aller Lippen, dem jedoch das Mädchen, jetzt vollkommen entschlossen über ihr Thun, mit einem trotzigen, kühnen Blick antwortete.

»Hat meine Tochter das Licht des Geistes verloren,« schrie der stolze Oberhäuptling, »oder wagt sie es, ihr Volk zu verhöhnen, daß sie seinen Feind wählt? Hinweg von ihm, der dem Tode geweiht ist!«

Er wollte sie fortreißen, aber das Mädchen klammerte sich an die alte Königin an. »Schütze mich, Mutter, um der Liebe Utikas willen, schütze das Recht Gulmas!«

Die alte Frau, durch diesen Ausruf aus ihrer Teilnahmlosigkeit erweckt und zum Schutz ihres Lieblings bereit, richtete sich halb empor und streckte die Hand aus. »Wer wagt es, den Frieden des Runlho zu stören, nachdem das Gesicht Atalmas über die Berge emporgestiegen ist? Der große Sohn der großen Mutter möge sprechen zu seiner Mutter!«

Der Oberhäuptling beugte sich, trotz seines Zornes, ehrerbietig. »Gulma, das Licht Deiner Augen, die Deine Hand selbst geschmückt zum Runlho, hat es verweigert, einen jungen Krieger zu wählen, der ihr Lager zum erstenmal teilen soll.«

»Aber ich sehe mein Kind an der Hand eines Mannes,« sagte die Greisin, ihr trübes Auge auf den jungen Offizier richtend, der noch immer kaum begriff, was um ihn her vorging, und wie er gerettet worden.

»Der Mann, den die Unglückliche gewählt, ist nicht von Deinem Volk; er ist ein Abalungo, ein Feind!«

»Warum hat ihn der Speer meines Sohnes nicht getötet?«

»Er hat Deine Hand berührt, Mutter, und das Gesetz sagt, daß alsdann nur der Amapahati ihm das Leben nehmen darf.«

Die alte Königin wandte sich nach dem Wahrsager. »Was spricht der weise Mann und das Gesetz der Väter?«

Der Tsanuse, wie viele seinesgleichen ein heimlicher Agent der Engländer und durch ihr Geld gewonnen, benutzte eilig die Gelegenheit. »Kein Gesetz des freien Volkes von Kafaria beschränkt die Wahl der Jungfrau zum Runlho, wenn der Mann von Atalma gesegnet und fähig ist, ein Krieger zu sein.«

»Ist der Fremdling ein Krieger?«

»Er hat sich als tapfer bewährt,« sagte der Oberhäuptling, zu stolz, um zu lügen. »Er ist nicht geflohen, wie sein Gefährte.«

»So möge mein Kind ihn zu ihrer Hütte nehmen und ihn morgen, wenn die Sonne aus dem großen Salzsee steigt, hierher zurückführen, daß ihm geschehe, wie der Amapahati mit ihm beschlossen haben wird. Utika, der Schöne, segne Deinen Schoß in dieser Nacht!«

Keiner der Häuptlinge und Krieger hätte es nach dieser Entscheidung gewagt, hindernd dazwischen zu treten, als das Mädchen jetzt den fast willenlosen jungen Mann fortführte und mit ihm aus dem Lichtkreis des Feuers verschwand, während die alte Frau wieder in ihren halb schlummernden, teilnahmlosen Zustand zurücksank.

Auf der kräftigen Stirn Sandilis lagen tiefe Falten verhaltenen Grolls, als er die beiden Söhne Macomos und einige jüngere verheiratete Krieger zu sich winkte. »Das Wort der großen Frau,« sagte er, »muß vom Stamme der Gaikas geehrt werden. Aber Eure Sorge sei es, alle Ausgänge der Ebene des Kraals zu bewachen, daß es dem Verräter nicht gelinge, im Schatten der Nacht zu entfliehen, während Tzatzoe und unsere Brüder noch seinen Gefährten verfolgen. Die jungen Männer meines Volkes werden morgen an beiden die Sicherheit ihrer Flinten und die Kraft ihrer Assagaien versuchen können. – Der Rat der Häuptlinge und der Amapahati hat wichtige Dinge zu bedenken in dieser Nacht und keiner möge sich nahen dem geheiligten Kreise bei Todesstrafe.«

Nach diesem strengen Gebot zog sich alles Volk zu den Wigwams und deren Feuern zurück, um die Nacht in unmäßigem Gelage und Verschlingen von halbrohem Fleisch, Brei und dem T'ttualo – dem halbspirituösen Nationalgetränk von gegornem Kafferkorn – zu verbringen, während die Häuptlinge mit den Bevollmächtigten der Booren und dem französischen Agenten in eifrige und wichtige Beratung traten. – – – – – – – – – –


An der Hand des jetzt in Verwirrung und Scham zitternden Mädchens schritt Edward willenlos immer weiter hinein in die vom Mondstrahl mit seinem bleichen Licht übergossene Fläche. Es war eine prächtige, milde Sommernacht – aus den Zweigen der mächtigen Kork-Eichen, die hin und wieder die weite Fläche des Plateaus unterbrachen, flötete der Spottvogel seine nachtigall-ähnlichen Töne; von dem schon fernliegenden Kraal her tönte der Lärm des bacchantischen Gelages, und das wilde Zusammenschlagen der Kerries und Assagaien. Aus den Thälern stiegen mit den Nebeln der Nacht berauschende Düfte von Kräutern und Blumen hervor, die der im Kapland so seltene, vor wenig Tagen gefallene Regen mit zauberischer Üppigkeit überall hervorgetrieben hatte.

Der vorhergegangene Auftritt war natürlich in der Kaffernsprache verhandelt worden, von der Edward nur einzelne Worte verstand. Indes hatten die eigentümliche Ceremonie, der er beigewohnt, und die frechen Anspielungen, die Rivers unterwegs gegeben, ihn wenigstens den Charakter der eigentümlichen Sitte ahnen lassen, und von seltsamen Gefühlen bedrängt, schritt auch er deshalb eine Zeitlang schweigend neben dem Mädchen her, das ihn jetzt nach einer Stelle geleitete, über die Bäume und Felsen ihre Schatten warfen.

Auf dem Wege dahin kamen sie an einer Menge von Hütten oder Lauben vorüber, die aus Zweigen und Ästen flüchtig erbaut, und über die ganze Ebene zerstreut, unter ihrer dichten Blätterhülle ein süßes Geheimnis zu verbergen schienen.

Leises, zärtliches Flüstern – süßes, schwellendes Seufzen aus wild erregter Brust: – im Nachthauch, der aus den Schluchten des Gebirges strich, erstarben die leisen, leidenschaftlichen Laute.

Das Antlitz des jungen Soldaten glühte dunkel, als er den Arm des Mädchens faßte, und sich erinnernd, daß sie etwas Englisch verstand, fragte er: »Wohin führst Du mich?«

Sie stand still; eine Laubhütte, von Ästen und Zweigen des Orangenbaumes gebildet, war vor ihnen und zeigte ihre dunkle Öffnung. Riesige Palmenblätter bildeten das Dach, große Geranien schlangen ihre Blüten durch das Laub – aus dem seltsamen Wigwam duftete es, wie ein Bett von wohlriechenden Kräutern und Blumen; die große Kork-Eiche streckte ihre riesigen Äste über das seltsame Brautlager und hüllte es in ihren Schatten gegen den bleichen Strahl des Mondes.

Die junge Wilde hatte das Haupt gesenkt, sie wagte nicht, den Blick empor zu schlagen. »Wir sind zur Stelle, Herr,« flüsterten die roten Lippen. »Verzeihe, aber es war das einzige Mittel, Dich zu retten, der so freundlich und gütig zu dem armen Kaffernmädchen sprach, als sie auf das Geheiß ihres Vaters mit den Frauen ihres Volkes im Lager der weißen Krieger war.«

»So hast Du also wirklich mich sogleich erkannt?«

»Das Auge Gulmas war in ihrem Herzen. Es glaubte nimmer, den jungen Tapfern wieder zu sehen.«

Beide schwiegen befangen.

»Was soll aus mir werden, Mädchen?« fragte endlich der Offizier. »Ich verstehe die Sprache Deines Volkes nicht, und weiß nicht, was mich erwartet. Kannst Du es mir sagen?«

»Der Tod!« flüsterte sie leise. »Die Flinten und Speere der jungen Männer meines Volkes werden ihr Ziel nicht verfehlen.«

Ihn schauderte.

Er war jung, so jung und voll von den mutigen Hoffnungen des Lebens, seiner Lust und seines Ruhmes! Und als er die Hand erhob und ihren vollen, lebenswarmen Arm fühlte, ihre hohe Brust vor sich wogen und schwellen sah, da überkam ihn gewaltig der Gegensatz des glühenden Lebens und des kalten, bittern Todes, und er preßte die Hand vor die Stirn und sein Auge schweifte wild und sehnsüchtig in die freie Ferne.

Es war nur ein Mädchen, eine arme, vertrauende Wilde, die ihn hier zurückhielt. Wie leicht konnte sie unschädlich gemacht werden, machtlos, seine Flucht zu hindern. Er trug seinen Revolver noch unter der Bluse auf der Brust – wenn es ihm gelang, einen der Felsenpässe zu erreichen …

»Will mein Herr sich auf das Moos dieser Laube niederlassen,« sagte schüchtern das Mädchen, – »er wird der Kräfte bedürfen, die der Schlummer gießt«

»Schlafen? – schlafen, wo in wenigen Stunden ein schrecklicher Tod meiner harrt? – Sprich, Weib, ist keine Rettung möglich? – die Flucht – o hilf mir, die Du schon einmal mich gerettet, und niemals will ich Deiner vergessen!«

»Utika streckt die Hand über alle guten Menschen,« sagte das Mädchen. »Meint der junge Krieger der Abalungos, daß Gulma ihn hierher geführt hätte, wenn sie nicht wenigstens versuchen wollte, ihn zu retten? – Aber Atalma mit seinem bleichen Gesicht steht hoch am Himmelsdom und wirft seinen verräterischen Strahl über die Wigwams der Gaikas, und ihr Auge ist scharf, ihr Ohr wachsam für die Tritte des Feindes. Erst wenn das bleiche Gesicht hinter der Spitze des Pavian-Berges steht, und seine Schatten über die Ebene wirft, wird Gulma versuchen, ob sie einen Pfad frei findet für ihren weißen Freund.«

»Und bis dahin …«

»Muß der junge Krieger sich gedulden und den Platz einnehmen in dieser Hütte, damit die Leute meines Stammes denken, daß er sich ihrer Sitte gefügt, und kein spähendes Auge ihn entdeckt und bewacht.«

Der junge Mann fühlte die Notwendigkeit und das Zweckmäßige des Rates, und machte Anstalt, in die kleine Hütte, die kaum Raum gewährte für zwei Menschen, sich zurückzuziehen, was nur in tiefgebückter Stellung geschehen konnte.

Plötzlich hielt er inne. »Aber Du, Gulma?«

Hätte er in dem Schatten zu sehen vermocht, wie tiefe, brennende Glut das Antlitz des Mädchens überströmte – er würde die Frage schwerlich gethan haben.

»Der junge Krieger der großen Königin muß gestatten, daß das schwarze Mädchen zu seinen Füßen einen Platz sucht; denn es würde ihn verraten, wenn man sie jetzt außerhalb der Hütte sehe.«

Er lag bereits auf dem weichen Lager von Moos und duftigen Kräutern des Gebirges, und fühlte, wie eng zusammengeschmiegt das schöne Mädchen am Eingang der Laube kauerte. So wenig Raum sie aber auch einzunehmen versuchte, so war die Hütte doch zu eng, als daß nicht jede unwillkürliche Bewegung den jungen Mann mit dem schönen, jugendkräftigen Wesen hätte in Berührung bringen sollen. Wenn er die Hand ausstreckte, fühlte er die samtweiche, warme Haut ihrer schön gerundeten Schultern. Der Atem ihrer vollen, halb ängstlich, halb leidenschaftlich auf- und niederwogenden Brust drang warm an sein Gesicht.

Ach! dieser weiße, selbstsüchtige Mann!

Und dennoch flutete heißes, jugendliches, halbfranzösisches Blut in seinen Adern, dennoch klopften seine Pulse und seine Augen schienen das Dunkel zu durchdringen.

Höher und höher stieg das bleiche Gesicht Atalmas am glänzenden Nachthimmel – eine Stunde war verronnen – durch die Blätter der Kork-Eiche, in den Zweigen und Blumen der Laubhütte rauschte der Wind des Gebirges und flüsterte seltsame Fragen und Melodieen – drüben am Kraal erloschen die Feuer der Kaffern.

In das Flüstern des Nachtwindes, in das Rauschen der Blätter und den leisen, klagenden Ton des Spottvogels mischte sich ein anderer Laut, leise, schmerzlich Verhalten, mühsam unterdrückt.

»Gulma – Du weinst?«

Da brach es wie ein Strom, der im mächtigen Drang die Dämme überflutet und alle Ordnung des gewohnten Zwanges hinwegreißt, aus den schwarzen Augen des Kaffernmädchens in vollen, heißen Thränen, und der jugendliche Busen hob sich wie stürmische See in schmerzlichem Stöhnen eines tiefverwundeten Herzens.

»Gulma!«

Seine ausgestreckte Hand traf die Locken des Mädchens, ihre Wange, ihren Mund, und wurde von ihr stürmisch an diesen gedrückt und geküßt. Dann glitt sie fieberzitternd weiter über weiche, reizende Formen, und umschlang das weinende Mädchen und zog sie näher und näher, und die heißen Thränen des Schmerzes wurden selige Thränen der Freude, und das Schmerzensstöhnen des Busens zum Klagelaut des Entzückens!

Runlho! – Runlho! – – – – – – –


Mitternacht war vorüber, der gigantische Pavians-Berg verbarg die große Scheibe des Mondes und warf seine gewaltige Schatten über das ganze Plateau, als eine dunkle, schlanke Gestalt aus dem Schutz der mächtigen Kork-Eichen glitt und gleich dem flüchtigen Windhauch über die Ebene dahineilte.

Plötzlich aber stockte ihr Fuß, denn vor ihr erhob sich, wie aus dem Boden gestiegen, ein anderer dunkler Schatten; furchtbar war die Gestalt anzusehen, über deren Haupt sich lange Hörner in die Luft streckten; dazu rauschte und klapperte es um sie her so seltsam, wie das Rasseln von Schlangen und Totengebein.

Das Mädchen – denn Gulma war die Eilende – erschrak; im nächsten Augenblick aber erkannte sie auch die Gestalt: es war der Tsanuse – gerade der Mann, den sie suchte.

»Wohin eilt die Tochter des Häuptlings,« fragte der Zauberer, »in der Nacht, da sie an der Seite dessen weilen darf, den sie liebt?«

»Eben weil ich ihn liebe,« sagte das Mädchen entschlossen, »suchte ich Dich auf. Du warst im Kreis der Amapahati, sprich, was hat man über den Inglishman beschlossen?«

Der schlaue Betrüger, der durch manche frühere Vorteile der Tochter des Oberhäuptlings verbunden war, hütete sich wohl, zu verraten, daß er schon seit einer halben Stunde ihre Hütte umschlichen hatte, um eine Gelegenheit zu finden, sich mit dem Gefangenen zu besprechen. Er fand es vielmehr in seinem Vorteil, wohlvertraut mit den leicht erregten Leidenschaften und Gefühlen eines Naturkindes, die Angst des Mädchens zu steigern, und bestätigt ihr, daß der Rat der Alten und der Häuptlinge durch die Erbitterung ihres eigenen Vaters bestimmt, den Tod des jungen Mannes am Morgen beschlossen habe.

»Höre mich an, Tsanuse,« sagte das junge Weib, »ich weiß. Du liebst das Gold über alles und mein scharfes Auge hat heute Abend einen Umstand bemerkt, der, wenn ich ihn morgen den Rat der Häuptlinge erzähle. Dich verderben muß. Ich sah, wie Du heimlich etwas nahmst, das Dir der entflohene Inglishman zusteckte. Dein Ruf zum Runlho war es, der im gefährlichen Augenblick seine Flucht sicherte und die meisten Verfolger zum Kraal zurückführte. Rette seinen Gefährten den Jüngling, der an meinem Herzen gelegen, und Du sollst die Spangen haben, die meinen Arm und Fuß einschließen und die den Preis von hundert Rindern wert sind.«

»Laß mich mit dem Inglishman selber sprechen,« erwiderte klug der Zauberer. »Mein Ohr ist offen und Deine Worte sind nicht vergeblich hinein gefallen. Führe ihn vorsichtig an den Stamm jenes Baumes, wo uns niemand belauschen kann.«

Gulma entfernte sich so eilig, als sie gekommen war, und bald darauf brachte sie mit gleicher Vorsicht Edward Delafosse herbei.

»Meine Tochter möge aufpassen, daß uns kein Späher belausche,« sagte der Tsanuse, welcher nicht wünschte, daß das Mädchen von seiner geheimen Verbindung mit den Engländern Kenntnis erhielte, indem er den Offizier einige Schritte weit hinwegführte. »Hat der junge Krieger von dem roten Golde der Inglishman bei sich, was er an seine Befreiung setzen kann?« fragte er.

»Ich habe zwanzig Guineen bei mir,« erwiderte der junge Mann, »und bin bereit, sie Dir zu geben, wenn Du mich aus dieser verdammten Lage befreien willst, Mann. Vermagst Du mir Nachricht zu geben, ob meine entflohenen Gefährten glücklich entkommen sind?«

»Tzatzoe ist zurückgekehrt, um an dem großen Rate teil zu nehmen,« berichtete der Zauberer. »Man hat sie bis zu der Affenschlucht verfolgt, wo die Ebene des Kraals endet, und die Tollkühnen sind mit ihren Rossen da hinunter gejagt, wo selbst der kühne Jäger des Springbocks beim Lichte des Tages nur mit Gefahr einen Weg zum Niedersteigen findet. Man sah sie am Rand verschwinden und ihre Leiber müssen zerschmettert in der Tiefe liegen. Wenn das große Gestirn des Tages emporgestiegen, wird eine Schar ausziehen, die Toten zu suchen. Der junge Abalungo muß bis dahin fern sein von dieser Stelle.«

»Aber wie soll ich entkommen?«

»Mein Sohn öffne seine Ohren, ehe wir das Mädchen zurückrufen, das sein Lager geteilt hat. Sie liebt meinen Sohn und wird uns helfen. Wenn der junge Krieger zu den Seinen kommt, möge er dem großen Führer General Chathcart. berichten, daß der Amapahati aller südlichen Kaffernstämme einen großen Krieg beschlossen hat. Auch die Zulus und die Dütchmen werden im Haufen herbeiziehen und sie werden die Dickichte des Kai verteidigen mit ihren Leibern. Sandili ist ein großer Häuptling und seinem Ruf folgen zehntausend Krieger. Der Sohn des großen Königs, den die Inglishmen getötet haben, auf dem Eiland im Meer, in das die Sonne am Abend sinkt, hat den Kaffern seine Hilfe zugesagt. Sein Bote ist unter ihnen und viel Pulver und Flinten lagern verborgen am Strande des Meeres. In der vierten Nacht von heute wird Sandili mit seinen Kriegern über den Kabusi gehen und die festen Städte der Inglishmen am Büffelgebirge angreifen.«

Der Offizier hatte aufmerksam den in gebrochenem Englisch ihm gegebenen Mitteilungen zugehört. »Das sind wichtige Nachrichten,« sagte er, »indes wie soll ich sie dem General überbringen?«

Der Tsanuse rief leise das Mädchen, das sogleich herbeikam.

»Die sämtlichen Ausgänge der Ebene sind von Deinem Vater mit Wachen besetzt,« berichtete er. »Der Tsanuse hat jedoch ein Mittel, ungesehen den jungen Krieger an den Fuß der Felsen zu bringen. Aber dieser ist kein Kind in der Wildnis. Wie soll er zu seinen Landsleuten kommen, ohne daß ihn am Morgen unsere jungen Männer fangen?«

»Ich werde ihn geleiten,« sagte das Mädchen.

»Bedenke aber meine Tochter, welcher Gefahr sie sich aussetzt, wenn am Morgen der Oberhäuptling sie nicht findet.«

»Ich werde da sein, wenn die Nacht wiederum auf den Kraal der Gaikas sinkt. Der weise Mann möge mir dann ein Mittel gewähren, in den Schutz der Königin zu gelangen. Gulma kann für den Mann sterben, dessen Weib sie geworden.«

»So höre mich an, Kind, aber gelobe mir zuvor, wenn Du zurückkehrst, keinem zu sagen, was Du gesehen.«,

»Ich schwöre es bei Utika, dem Schönen.«

»Du kennst meinen Wigwam an der Wand des Pavianberges. Du mußt den Abalungo heimlich dahin bringen, indes ich Namba,. der am Fuß des Berges Wache hält, beschäftige.«

»Kein Krieger wagt es die Hütte des großen Zauberers zu betreten,« sagte schaudernd in abergläubischer Scheu das sonst so mutige Mädchen. »Wie sollte mein Fuß es wagen, die Schwelle zu überschreiten, wo die bösen Geister der Berge gebannt liegen?«

»Die Nähe eines Weißen hebt den Zauber auf, der dem Auge des Gaika Verderben bringen würde,« erwiderte gewandt der Betrüger. »Meine Tochter möge dreist durch den Wigwam schreiten und an seinem Ende die Büffelhaut heben, die sie dort finden wird. Sie wird einen geheimen Eingang in den Felsen sehen. Wenn sie die Hand zur Linken auf den Boden legt, wird sie einen Haufen Stäbe von dem harzigen Holz der Fichte finden, die in unsern Bergen wächst. Sie möge drei oder vier davon nehmen, damit sie ihr zur Leuchte dienen durch die Windungen der Höhle, durch die sie mit dem Abalungo ihren Weg nehmen muß. Gulmas Fuß ist leicht und ihre Hand sicher, die Gefahr wird sie nicht schrecken, der Tsanuse kann weiteres nicht für sie thun; er hat gesprochen.«

Nach wenigen Fragen noch über die Richtung, welche sie in die Höhle, von deren Dasein sie das erste Mal hörte, zu nehmen habe, erklärte sich das Mädchen bereit, zu dem gefährlichen Wege.,

Delafosse hielt noch einen Augenblick den Zauberer an. »Ich bin nur ungenügend bewaffnet. Wenn wir verfolgt werden, vermag ich mich nur schlecht zu verteidigen.«

»Der junge Krieger,« sagte der Betrüger leise, »möge mir sein Gold geben. Wenn er auf die andere Seite dieser Eiche tritt, wird er an ihrem Stamme seine Flinte finden. Das Pulverhorn trägt er noch an seinem Gürtel. Utika beschütze seinen Weg, – die Zeit eilt, und er muß in einer Stunde am Fuße der Berge sein, wenn er gerettet werden soll.«

Damit machte er sich eilig in der angedeuteten Richtung davon.

Der junge Offizier fand, wie es ihm der Tsanuse versprochen, das von diesem beiseite gebrachte Gewehr hinter dem Stamme, und nachdem sie einige Augenblicke gewartet hatten, um dem Zauberer den nötigen Vorsprung zu lassen, ergriff das Kaffernmädchen die Hand des jungen Mannes und schlug mit ihm vorsichtig die Richtung nach dem Pavians-Berge ein. Der Fuß dieser ziemlich steil emporsteigenden Klippe war von der Stelle, wo die Zusammenkunft mit dem Tsanuse stattgefunden, etwa eine Viertelstunde entfernt, und als sie, durch die Ortskenntnis des Mädchens unterstützt, im Schutz der Felsen und in gebückter Stellung näher schlichen, hörten sie die Stimme ihres Verbündeten, der mit Namba und zwei älteren Kriegern der Gaikas sprach, die am Eingang der Schlucht, welche hier zur Seite des Berges von dem Plateau in die Thäler führte, eine Wache bezogen hatten.

Das Mädchen voran, begannen sie an der anderen Seite die Bergklippe zu erklirnmen, welche den Wigwam des Zauberers etwa 100 Fuß hoch über der Ebene trug. Die scharfen Stacheln des Kaktus und die spitzen Schiefer des Felsen rissen ihre Hände und Füße blutig, ohne daß ein Laut des Schmerzes ihre Anwesenheit verraten durfte. Nur durch die Hilfe der Kafferin wurde es dem Briten möglich, die Felswand zu ersteigen, die ihm sonst wahrscheinlich selbst bei Tage unzugänglich gewesen wäre. Nach einem mühsamen und gefährlichen halbstündigen Klettern erreichten sie endlich die Felsenplatte, die den Wigwam des Tsanuse trug.

Edward Delafosse fühlte hier, wie das Mädchen zitterte gleich dem Laub der Espe, so viel Macht übte der gewohnte Aberglaube selbst über ein festes Herz und starkes Gemüt, und er selbst schrak zurück und griff nach seinem Gewehr, als er ein dumpfes, grimmiges Schnauben vor sich hörte und zwei große, blutgierige Augen in grünlichem Feuer aus dem Dunkel ihnen entgegen funkeln sah. Erst nachdem ihre Blicke sich an die Umgebung gewöhnt, überzeugten sie sich, daß der ungewöhnliche und gefahrdrohende Gegenstand eine gezähmte Hyäne war, die der Tsanuse in der Nähe des Eingangs zu seinem Wigwam angekettet hielt.

Dieser war geräumiger, als die Hütten der Wilden zu sein pflegen, und ebenfalls nicht in Kegelform abgerundet, sondern lehnte mit der Rückseite an die Bergwand. Nachdem beide durch den Eingang, der, wie bei allen Wigwams der Kaffern, zum Schutz gegen den Besuch wilder Tiere sehr niedrig war, hineingekrochen waren, diesmal der Engländer voran, machte er mit einem Feuerzeug, das er in seiner Jagdtasche bei sich trug, Licht und zündete ein kleines Stück Kerze an, das ihnen hinreichend die Umgebung erhellte.

Das Innere des Wigwams bot übrigens einen seltsamen und auf ein dem Aberglauben offenes Gemüt wirkenden Anblick dar. Rings umher an der Wand waren gebleichte Tierschädel befestigt, zwischen dem riesigen Kopf des Elefanten und des Rhinoceros mit den langen Stoßhörnern die Schädel von Antilopen, Alligatoren, Springböcken, wilden Hunden, Panthern und Löwen. Dazu hingen von der Decke große, getrocknete Schlangenhäute und Eidechsen mit Bündeln von Straußenfedern und allerlei Kräutern der Wüste. Der Gegenstand aber, der dem armen Mädchen den meisten Schrecken verursachte, obschon gerade er ein Lächeln ihres Begleiters veranlaßte, war eine chinesische Figur, die durch die Bewegung ihrer Schritte oder eine geheime Vorrichtung mit unheimlichem Geklapper Kopf und Hände bewegte, ein Ding, das der Tsanuse bei irgend einer Gelegenheit an der Küste erhandelt und in seinem Wigwam zur Abschreckung aller Unberufenen aufgestellt hatte.

Edward gewahrte bald das Entsetzen, mit dem die Spielerei das Mädchen erfüllte, und seine Hand brachte den thönernen Kobold zur Ruhe. Dann sahen sich beide nach dem geheimen Ausgang um und fanden ihn nach kurzem Suchen. Hinter einer großen Löwenhaut trafen sie einen, wohl mannshohen, ziemlich engen Felsenspalt, der sich aber, als sie hineinleuchteten, in kurzer Entfernung schon breiter erwies und in sanfter Abdachung tief in das Innere des Berges zu führen schien. Nachdem sie sich mit mehreren der Kienspäne, die am Eingang der Höhle aufgehäuft waren, versehen und einen derselben angezündet hatten, traten sie ihren Weg eilig an, denn sie wußten, daß die Schwierigkeit der Flucht mit jedem Augenblick wuchs. Die Wölbung wurde schon nach fünfzig Schritten so hoch und geräumig, daß das Licht ihrer Fackel deren Umfang nicht mehr erleuchtete; die Fußspuren in dem weichen Sande des Bodens zeigten ihnen die Richtung, die sie zu verfolgen hatten. Um ihre Häupter schwirrten unheimlich, von der Helle aus ihren finsteren Löchern aufgeschreckt, Fledermäuse und ähnliches Getier, und seltsames Gewürm raschelte oft über ihren Weg, aber der Offizier zog, ohne darauf zu achten, seine Begleiterin mit sich fort. Sie hatten den dritten Span in Brand gesetzt, wie der Tsanuse ihnen gesagt, als sie den frischen Hauch der Nachtluft sich entgegenwehen fühlten und, nachdem sie um eine Wendung der Höhle geschritten waren, durch eine Öffnung zwischen Gesträuch und langen Kaktusgewinden den hellen Strahl des Mondes leuchten sahen. Sie begriffen sogleich, daß sie auf der Südseite des Berges und außerhalb des Plateaus des Gaika-Kraals standen.

Vorsichtig schritten sie, nachdem ihre Fackel ausgelöscht war, bis an den Rand des Ausgangs und sahen hier zu ihrem neuen Schrecken den Felsen etwa 40 Fuß senkrecht abfallen. Bei Überlegung jedoch, daß der Tsanuse selbst hier irgend ein Hilfsmittel besitzen müsse, um diesen Ausgang benutzen zu können und nach sorgfältigem Umhertasten fanden sie auch an einem Felsvorsprung im Innern befestigt ein langes Seil von Aloefasern, in das auf jede Armeslänge ein kurzer Stab von hartem Holz eingeknüpft war. Der Gebrauch lag nahe, und als sie es über den Rand der Felsenöffnung geworfen, überzeugten sie sich, daß es bis zum Ende der Felswand reichte, wo diese in eine schmale Regenschlucht auslief. Rasch stiegen sie hinab, das Mädchen zuerst, und folgten dann der Schlucht, die sie nach einem mühsamen Wege ins Thal führte. Hier machten sie einen Augenblick halt, um sich auszuruhen.

»Durch des Himmels und Deine Hilfe, Mädchen,« sagte der Offizier, »bin ich einem schrecklichen Tode von der Hand Deiner Landsleute entgangen. Wo aber sollen wir uns hinwenden?«

»Kennt der junge Krieger die Station des weißen Vaters mit dem schwarzen Gewande, der von Eurem Gott erzählt, an den Ufern des Somo?«

»Du meinst das Haus des Missionars? Ich hörte davon.«

»Es ist der nächste Ort, wo der weiße Mann wohnt. Wenn der junge Mann befiehlt, wird ihn Gulma dahin geleiten. Ehe die Sonne im Mittag steht, werden wir dort sein.«

»Wohlan, Mädchen – ich vertraue mich ganz Deiner Leitung, und wenn Du es willst, sollst Du mich nicht wieder verlassen.«

Er hatte ihre Hand gefaßt, zog sie an sich und küßte sie auf die Stirn. Dann setzte das junge Paar seinen Weg fort.

Der Mond war untergegangen, und die erste Dämmerung begann eben das Thal, durch das sie schritten, zu lichten, als das Mädchen plötzlich den Arm ihres Begleiters faßte und, ihn festhaltend, nach einer Seitenöffnung des Grundes deutete, aus der zwei dunkle Gestalten emporstiegen.

Im Nu hatte Edward die Flinte an der Wange, aber auch die Fremden hatten ihn erblickt, und beide, mit Gewehren bewaffnet, richteten die tödliche Mündung auf sie.

»Tritt hinter mich, Mädchen,« sagte der junge Mann. »Sie sollen mich wenigstens nicht lebendig wieder fangen.«

Er nahm fest den größten Gegner aufs Korn und legt den Finger an den Drücker. Im nächsten Augenblick –



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