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Siebzehntes Kapitel.
Herr Gervis senior und seine Ansichten über das Heiraten

Claud kehrte nach der Waldscene, die ihm Ninas Liebe offenbart hatte, in einem solchen Zustand strahlender Glückseligkeit nach Southlands zurück, sein Betragen bei Tische zeichnete sich durch so viel Geistesabwesenheit und Gleichgültigkeit gegen die ihm vorgesetzten Speisen aus, daß er ebensogut die Ereignisse des Nachmittags sogleich gegen alle hätte aussprechen können. Er zog es jedoch vor, sein Geheimnis, wie er es nannte, noch volle zwölf Stunden für sich zu behalten. Ohne Zweifel ging er so vergnügt wie ein König zu Bett und schlief so gesund, wie es ihm unter den obwaltenden Umständen gar nicht zukam.

Zu seiner Zeit aber kam der Morgen und mit ihm die unangenehme Notwendigkeit, einige Worte mit dem Haupt der Familie reden zu müssen, eine Notwendigkeit, die durch dieses Hauptes Benehmen beim Frühstückstische doppelt unangenehm gemacht wurde. Man konnte nicht sagen, daß Gervis je so zu sagen in schlechter Laune war. Es gab jedoch Tage, an denen es unthunlich war, irgend etwas von Sympathie oder Mitleid, oder auch die Gewährung einer Bitte von ihm zu verlangen. Diejenigen, die seine Manieren kannten, wußten die Annäherung solcher stürmischen Perioden an untrüglichen Zeichen wohl zu erkennen. So zum Beispiel war es ein deutliches Zeichen von »Unbeständigkeit« in der Atmosphäre, wenn der alte Diplomat auffallende Aufmerksamkeit auf seine Toilette verwendete; große Artigkeit und rücksichtsvolle Redensarten konnten übersetzt werden: »Fallendes Barometer, Regen oder Wind«; ein häufig auftretender kurzer, trockener Husten deutete eine »weit- und tiefgehende Depression« an. Nun aber erblickte unser unglücklicher Liebhaber heute morgen seinen Vater in einem neuen hellblauen Anzug, heller Krawatte und blitzenden Lackstiefeln; er hörte, wie Fräulein Potts Erkältung Gegenstand seiner teilnehmenden Erkundigung war, wie Genoveva mit den höflichsten Entschuldigungen um eine zweite Tasse Kaffee gebeten wurde; er selbst endlich wurde begrüßt mit der warmen Frage, ob er auch gut geschlafen habe – kurz, es war nur noch das bald genug folgende Aufhusten nötig, um ihm klar zu machen, was er zu erwarten habe. Dennoch – es mußte heraus und litt keinen Aufschub. Als daher Herr Gervis vom Frühstückstisch aufstand und sich langsam nach dem Bibliothekszimmer begab, folgte ihm Claud dorthin und eröffnete das Feuer – freilich nervös genug.

»Vater,« fing er an und spazierte dabei ruhelos im Zimmer auf und ab, etwas, was seinem Vater höchst verhaßt war, was Claud aber für den Augenblick nicht anders konnte, »ich werde dir gewiß recht lächerlich erscheinen.«

»Bitte sehr,« antwortete der alte Diplomat mit vollendeter Höflichkeit, »durchaus nicht. Ich weiß allerdings nicht …«

»Du wirst es im höchsten Grade absurd finden,« fuhr Claud unzusammenhängend genug fort. »Davon bin ich überzeugt … aber jeder muß doch für sich selber wählen, wie du oft selbst sagst, und was dem einen Weizen, ist, das ist dem anderen Unkraut. Ich weiß, ich bin eigentlich noch viel zu jung dazu, wenigstens von deinem Gesichtspunkte aus; aber es läßt sich da doch auch keine unumstößliche Regel feststellen, und wenn du von Anfang an alles wüßtest … aber es ist so verzweifelt schwer auseinanderzusetzen, und …« hier verschwamm des Redenden Stimme zu einem unverständlichen Murmeln.

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung,« sagte Gervis mit großer Liebenswürdigkeit, »aber auf die Gefahr hin, für hoffnungslos dumm gehalten zu werden, muß ich gestehen, daß ich noch keine Ahnung habe, wovon du eigentlich sprichst.«

»Ich weiß es. Ich habe auch noch nicht davon angefangen. Ich … o, was da! Des Pudels Kern ist, Vater, daß ich mich verheiraten will. Nun ist's heraus.«

»Bravo,« meinte Herr Gervis mit freundlichstem Tone, »das ist ohne Zweifel ein Hauptspaß. Darin liegt ein trockener Humor, ebenso wie in deiner Weise, es vorzubringen, den ich sehr hochschätze. Aber, wie Lord Chesterfield sehr richtig bemerkt, ein wahrer Witz regt nicht zu übermäßigem Lachen an; so, hoffe ich, wirst du mir verzeihen, daß ich nicht gleich in ein lautes Gelächter ausbreche. Sage mir doch, bitte, wann du diesen – hm – bemerkenswerten Entschluß gefaßt hast?«

»Erst gestern nachmittag. Wenigstens sind erst da die Dinge soweit gediehen.« Claud gab sich alle Mühe, nicht verlegen auszusehen, erlitt aber damit eine jämmerliche Niederlage.

»Und da weihst du mich schon heute in das Geheimnis deiner Projekte ein? Nun wirklich, das ist höchst rücksichtsvoll.«

Danach trat ein Schweigen ein, das Claud kaum zu brechen wußte. Als er jedoch fand, daß sein Vater nicht geneigt war, ihm herauszuhelfen, fing er endlich wieder schüchtern an: »Du hast noch nicht nach dem Namen der Dame gefragt.«

»Ach nein. Warte einmal. Es gibt in der Nachbarschaft fünf unverheiratete Damen, mit denen du Verkehr hast: Lady Croft, Frau Knowles, Fräulein Potts, Fräulein Croft und Fräulein Flemyng. Die drei ersten dürften wir aus verschiedenen Gründen als nicht wahlfähig streichen. Unsere Liste verengert sich auf zwei. Vielleicht darf ich so weit gehen, die Vermutung zu wagen, daß Fräulein Flemyng die Dame ist, die du durch deinen Vorzug ehrst.«

Claud nickte.

»Ich gratuliere dir zu deinem guten Geschmack. Und verstehe ich dich recht, daß du um sie angehalten und ihr Jawort bekommen hast?«

Claud nickte wieder.

»Ich gratuliere zu dieser Erfüllung deiner Herzenswünsche! Darf ich vielleicht fragen, in welcher Weise du dich und deine zukünftige Frau Gemahlin zu ernähren gedenkst? Es ist zwar natürlich nur eine Frage von untergeordneter Bedeutung, allein es ist eine, die mir eine gewisse Neugier erweckt.«

Das Blut stürzte in Clauds Wangen. Diese Frage, die den meisten heiratslustigen jungen Männern natürlich und unvermeidlich erscheint, fand ihn völlig unvorbereitet. Seine ganze Erziehung hatte ihn gelehrt, das Geld als eine bloße Zugabe zu einer civilisierten Existenz zu betrachten, als einen nützlichen Artikel, den zu entbehren manche Leute so unglücklich waren, der aber von seiten derer, die zur Genüge von ihm hatten, keine absonderliche Wertschätzung verlangte. Er war nie auf ein bestimmtes Taschengeld angewiesen oder genötigt gewesen, über seine Ausgaben Rechnung abzulegen. Sein Vater hatte alle seine Rechnungen bezahlt und ihn mit so viel Geld versorgt, als er nur immer gewünscht hatte, und es war ihm daher nie in den Sinn gekommen, sich anders anzusehen denn als einen reichen Mann. Während er sich an diesem Morgen angekleidet und mannigfache Zukunftspläne entworfen hatte, war es ihm nicht unwahrscheinlich erschienen, daß der Vater ihm Schloß Southlands völlig überlassen würde. Und jetzt wurde er gefragt, in welcher Weise er sich und seine Frau zu ernähren gedenke. Er wußte nichts zu sagen und konnte seinen Vater nur ausdruckslos anstarren.

»Du weißt,« fuhr Gervis fort, als er trotz seines Wartens keine Antwort erhielt, »daß du in allen Bedürfnissen des Lebens von mir abhängst. Nun kann ich mir doch nicht denken, daß meine Wünsche und Ueberzeugungen dir so unbekannt sein sollten, daß du mir zutrauen könntest, ich würde dich mit den Mitteln zu einem – moralischen Selbstmorde versorgen. Ich bitte für diesen Ausdruck vielmals um Entschuldigung, aber ich kann wirklich keinen anderen brauchen, der annähernd ebenso bezeichnend wäre. Du hast meine Ansichten über den Ehestand überhaupt und über frühe Heiraten insbesondere so oft gehört, daß es Zeitverschwendung wäre, sie jetzt noch einmal zu wiederholen. Ueber kurz oder lang wirst du ohne Zweifel eine Frau nehmen; denn wenige Männer sind glücklich und verständig genug, ihr lebenlang Junggesellen zu bleiben. Aber, wenn ich es verhindern kann, so wirst du in den nächsten Jahren noch nicht heiraten; ebensowenig wirst du, wenn ich es verhindern kann, Fräulein Flemyng überhaupt heiraten.«

»Ich schwöre, daß ich nie eine andere als Nina Flemyng heiraten werde,« erklärte Claud entschlossen und sogar trotzig.

»Nein, nein, schwöre nicht, wozu nützt das? Deine gesunde Vernunft muß dir sagen, daß du ganz in meiner Macht bist, und daß dir keine Wahl bleibt, als dich in meine Wünsche zu schicken, ob du sie für unvernünftig hältst oder nicht. Es thut mir leid um dich, aber ich kann dir nicht helfen.«

»Ich bin mündig,« stellte Claud ihm vor.

»Ja, aber ich habe die Börse in Händen, so daß du in jeder praktischen Hinsicht nicht besser daran bist, wie ein unmündiges Kind.«

Claud wandte sich um und trat ans Fenster. Er war entschlossen, sich nicht aufregen zu lassen, und gerade in diesem Augenblicke konnte er es nicht wagen, den Mund aufzuthun. Einige Minuten starrte er hinaus in die graue Landschaft und auf die herabwirbelnden Blätter; dann kam er langsam zurück, stützte sich mit einem Ellbogen auf den Kaminsims und sah seinen Vater an.

»Höre mich an, Vater. Wenn du einen starken Willen hast, so habe ich auch einen. Wir wollen uns darüber nicht veruneinigen; aber wenn einer nachgeben muß, so bin ich es nicht. Ich kann dir die Macht nicht absprechen, mich für einige Zeit in einem Zustande der Sklaverei oder der Unmündigkeit zu erhalten; aber das möchte ich dich fragen: Hast du diesen unpassenden Stand der Dinge mit Wissen und Willen herbeigeführt? Ist dem so, so habe ich wohl das Recht zu sagen, daß nie jemandem so übel mitgespielt worden ist, wie mir. Es scheint mir, daß ich ein Anrecht darauf hatte, entweder als Erbe eines beträchtlichen Vermögens auferzogen und dann mit einem genügenden Einkommen versehen zu werden, um als Erbe eines reichen Mannes leben zu können, oder aber in den Stand gesetzt zu werden, daß ich meinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Aber als eine Art Schoßhund behandelt zu werden, dem man jeden Luxus gestattet, vorausgesetzt, daß er sich in alle Launen seines Herrn schickt, das, muß ich dir freimütig sagen, gefällt mir nicht, und ich will mich dem nicht eine Stunde länger unterwerfen, als unumgänglich notwendig ist. Lieber wollte ich auf der Landstraße Steine klopfen.«

»Ja, so steht es mit dir,« sagte Gervis ruhig, »und ich gebe zu, daß es ein Uebelstand ist. Ich werde sogleich darauf zurückkommen. Zuvor erlaube mir, daß ich über mich selbst ein Wort rede. Um damit anzufangen, so brauche ich dir wohl kaum auseinanderzusetzen, daß ich nichts als dein Interesse dabei im Auge haben kann. Wollte ich nur meine eigene Bequemlichkeit zu Rate ziehen, so ließe ich jeden auf seine eigene Weise zum Teufel gehen; denn wenn ich eine Schwäche habe, so ist es die für Ruhe und Frieden, und wenn es etwas gibt, was mir mehr zuwider ist, als alles andere, so ist es eine solche Scene, wie wir sie jetzt durchkämpfen – mit einigem Anstand, wie ich zu meiner Befriedigung sagen kann, aber doch mit viel Mißbehagen von beiden Seiten. Es ist viel von dir gefordert, einzusehen, daß ich besser weiß, was zu deinem Glücke dienlich ist, als du; dennoch ist es so, und ich habe mit Thatsachen zu rechnen, nicht mit Phantasien. Allerdings hätte ich deiner kleinen Affaire de Coeur schon vor langer Zeit ein Ende machen können; aber es schien mir weiser, mich nicht hineinzumischen. Liebschaften sind sehr gute Dinge und in deinem Alter einfach nicht zu vermeiden. Sie erheben und veredeln, sie geben Erkenntnis der weiblichen Natur, mit der ein Mann der Welt notwendigerweise bekannt sein muß, und manche Leute, glaube ich, finden es auch angenehm, im späteren Leben darauf zurückzublicken. Nach meinem Dafürhalten kann einem jungen Manne nichts Glücklicheres begegnen, als daß er sich in eine liebenswürdige, gescheite, verheiratete Frau verliebt, die ihm an Jahren etwas voraus und an Rang womöglich überlegen ist. In Liebesgeschichten von dieser Art ist wenig oder kein Risiko, und für die Erziehung sind sie von unschätzbarer Wichtigkeit. Junge Mädchen sind weniger bildend, aber gefährlicher, weil in ihrem Fall die Frage der Heirat aufsteigt.«

»Entschuldige, daß ich dich unterbreche,« sagte Claud, der dieser langatmigen Erklärung mit schlecht verhehlter Ungeduld gefolgt war. »Willst du mir aber nicht sagen, ob du an Nina persönlich etwas auszusetzen hast?«

»Darauf brauchen wir uns nicht einzulassen. Ich habe nicht die Absicht, deine Gefühle zu verletzen, und deine Meinung über die Verdienste der jungen Dame würde durch die meine nicht beeinflußt werden.«

»Wahrscheinlich nicht; aber ich würde gern deine Meinung hören, wenn du nichts dagegen hättest.«

»Wie du willst. Ich würde also Fräulein Flemyng unter keiner Bedingung zur Schwiegertochter haben wollen. Ich habe sie ein wenig studiert, und wenn ich es der Mühe für wert hielte, so könnte ich dir viele vollwichtige Gründe für meinen Widerwillen angeben. Schon zwei derselben erfüllen aber meinen Zweck, denn sie gestatten die weitgehendsten Schlußfolgerungen. Sie ist egoistisch, und sie ist gefallsüchtig. Mit Frauen dieser Gattung ist jedes häusliche Leben eine Unmöglichkeit.«

»Du wirst Nina anders beurteilen lernen. Ich will gern so lange warten, bis du sie genauer kennst.«

»Ich will gern auch so lange warten – mehr als gern. Nun wollen wir, wenn du damit einverstanden bist, zu dem zweiten Teil unseres Gegenstandes übergehen. Du hast, wie ich glaube, bis jetzt meine Bemerkungen etwas unzusammenhängend gefunden.«

»Durchaus nicht,« versetzte Claud höflich.

»Ah – sie sollten jedenfalls unvollständig sein. Du beklagst dich – und ich glaube mit vielem Rechte – daß du weder für einen Beruf erzogen, noch zu der Quasi-Unabhängigkeit eines reichen Erben gebracht worden bist. Mit Bezug auf deine finanzielle Lage werde ich mich bemühen, vollkommen klar zu reden. Nur bin ich nach meiner Ansicht so ungefähr der schlechteste Geschäftsmann in ganz Europa. Ich habe Geldangelegenheiten stets gehaßt und mich nie darum bekümmert. Im gegenwärtigen Augenblick bin ich meines Wissens sehr reich; es trifft sich aber, daß mein Vermögen häufigen und unberechenbaren Angriffen ausgesetzt ist, die mich schon genötigt haben, Wertpapiere zu veräußern, und die in den letzten Jahren zugenommen haben, voraussichtlich auch ferner zunehmen werden. Ob du also bei meinem Tode als ein reicher Mann dastehen wirst, ist mehr, als ich dir sagen kann. Nachdem ich alles reiflich erwogen habe, bin ich zu dem Entschluß gekommen, dir von jetzt ab jährlich siebenhundert Pfund zu bewilligen. Davon kannst du mit allem Anstand sehr nett leben, auch noch gewisse Sprünge machen, wenn auch nicht zu weit. Diese Summe aber wird dir unter keinerlei Umständen erhöht werden. Sei so gut, dir diese Thatsache wohl zu Herzen zu nehmen – ein für allemal. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß, wenn es dir angenehm ist, hier oder an Bord der Jacht oder in meiner Wohnung in Paris zu leben, du mir jederzeit von Herzen willkommen sein wirst; doch wünsche ich dir ausdrücklich einzuprägen, daß du von heute ab gänzlich frei und dein eigener Herr bist. Du magst kommen und gehen, wie du willst und so oft du willst. Ich werde über deine Schritte keine Rechenschaft verlangen und keine Kontrolle ausüben. Wenn dir dieses Arrangement zusagt, so soll es mich herzlich freuen. Zugleich aber muß ich dir sagen, daß ich über kein anderes mit dir unterhandeln werde.«

Claud überlegte ein Weilchen. Dann sagte er: »Ich denke nicht, daß ich vernünftigerweise noch mehr fordern könnte. Es ist ziemlich plötzlich über mich gekommen und ich kann mich darin noch nicht ganz klar zurechtfinden. Ist es deine Absicht, mir die siebenhundert Pfund jährlich von heute ab zur freien Verfügung zu stellen?«

»Das ist meine Absicht.«

»Wenn dem so ist, so muß ich wiederholen, was ich vorhin sagte, daß ich Nina Flemyng heiraten will und niemanden sonst. Mir scheint es, als könnten wir mit siebenhundert Pfund jährlich wohl einen Hausstand gründen. Würdest du an dieser Verabredung etwas ändern, wenn ich gegen deine Wünsche heiratete?«

»Mein lieber Sohn,« fuhr Gervis fort, »ich zweifle nicht, daß sich in verschiedenen Teilen dieses Hauses recht gute, kräftige Stricke befinden, an deren jedem du dich aufhängen könntest, wenn du Lust dazu bekämest. Ich bin nicht willens, sie alle entfernen zu lassen, um dir die Versuchung aus dem Wege zu räumen. Wenn ich sagte, daß du Fräulein Flemyng nicht heiraten solltest, wenn ich es verhindern könnte, so wollte ich damit nicht sagen, daß ich je andere, als vernünftige Mittel anwenden würde, um dich daran zu verhindern. Für einen Mann von deinen Gewohnheiten ist es positiv unmöglich, mit siebenhundert Pfund jährlichen Einkommens zu heiraten. Ich bin fest überzeugt, daß dein eigener Verstand dir das sagen wird, wenn du dir die Sache ordentlich überlegst.«

»Hunderte und Tausende von Menschen heiraten mit einem geringeren Einkommen,« sagte Claud. »Aber lassen wir die Sache fallen. Sicherlich wirst du einsehen, daß, selbst wenn ich zu eigennützig wäre, um die Aussicht auf Einschränkungen und Entbehrungen schön zu finden, die Ehre mich dennoch binden würde, mein Nina gegebenes Versprechen einzulösen. Was dächtest du denn, daß ich Nina heute nachmittag sagen sollte?«

»Das, mein lieber Sohn, ist deine Sache, nicht die meine. Ich in deiner Lage würde ihr die nüchternen Thatsachen vorlegen und es ihr überlassen, sich die Folgerungen daraus selbst zu ziehen. Möglich, daß ich mir eine falsche Ansicht über ihren Charakter gebildet habe; aber meine zuversichtliche Erwartung ist, daß sie über mich schelten, ein paar sehr natürliche Thränen vergießen, sie aber schnell wieder trocknen und dich mit einem Korb nach Hause schicken wird.«

»Meine zuversichtliche Erwartung ist, daß sie nichts dergleichen thun wird. Du darfst nicht vergessen, daß sie weiß, was es heißt, sich einzuschränken, und daß die Summe, die für dich eine sehr armselige ist, ihr als eine ganz anständige Versorgung erscheinen dürfte. Ich hoffe und glaube, daß sie das so ansehen wird, und daß sie mich nicht, nachdem sie mich als reichen Mann angenommen hat, jetzt zurückweist, wo sie erfährt, daß ich arm bin.«

»Sehr schön, nur muß ich dir ankündigen, daß, wenn du dich verheiratest, ich dir kein Quartier mehr gewähren kann, weder hier noch anderswo. Für dich wird Raum sein, aber nicht für eine Frau und einen Haufen quakender Kinder. Ich glaube, damit wäre ja wohl alles erschöpft, was ich über den Gegenstand zu sagen habe. Ich habe alles gethan, was ich für dich thun konnte, und ich lehne alle Verantwortlichkeit für die Zukunft ab.«

»Ich verstehe vollkommen,« sagte Claud, »daß mein Leben mir gehört und daß ich verantworten muß, was ich daraus mache. Ich verlange nichts Besseres und du kannst dich darauf verlassen, daß ich dir in pekuniärer Hinsicht nicht zur Last fallen werde.«

Er schritt auf die Thüre zu, während er sprach. Als aber seine Hand auf der Klinke lag, hielt er inne und sah zurück. Gervis hatte seinen Armstuhl dicht ans Feuer gezogen und beugte sich über die Flamme. Eine seiner dünnen, durchsichtigen Hände hielt er dem Einfluß der Wärme hin, mit der anderen, etwas zitternden, hielt er den offenen Band von Balzac, den er vorhin beiseite gelegt hatte. Etwas in dieser gebeugten, greisenhaften Haltung rührte Clauds Herz mit einem Anflug von Mitleiden. Hundert Erinnerungen an vergangene Tage und erfahrene Güte stiegen in ihm auf und auf einmal ging ihm die völlige Verlassenheit dieses sonderbaren alten Mannes auf, der durch die Welt gegangen war und Beleidigungen mit wegwerfender Miene vergeben, Notleidende mit einer spöttischen Grimasse erquickt, ja der niemals unfreundlich gehandelt, aber ebensowenig je ein eigentlich freundliches Wort gesprochen hatte, den daher wenige verstanden, viele haßten, niemand liebte, außer etwa sein Sohn, der sich jetzt von ihm losreißen wollte ohne ein Zeichen des Bedauerns. Unser verlorener Sohn war zu weichherzig, um erst durch die Treberkost zu seinem Vater zurückgeführt zu werden. Er durchschritt noch einmal das Zimmer und legte die Hand leicht auf des Vaters Schulter.

»Vater,« sagte er, »wir sind viel in der Welt zusammen umhergereist, wir haben gute und böse Tage miteinander verlebt und manchen Spaß zusammen gehabt, und – und wir sind doch immer die besten Freunde gewesen, nicht wahr? Laß uns jetzt nicht miteinander zanken!«

Gervis schloß sein Buch, legte aber den Finger als Lesezeichen hinein, und sah etwas überrascht auf. »Bitte sehr, ich habe nicht die leiseste Absicht, mich zu zanken, weder mit dir noch mit sonst jemandem in der Welt. Streiten heißt thöricht und ungebildet sein, und wenn man darüber nachdenkt, ist doch wirklich nichts in der Welt wert, daß man sich darüber streitet. So viel Lärm für ein Leichentuch! Mehr ist's doch nicht! Wir sind, wie du sehr richtig sagst, gute Freunde gewesen und haben in den letzten Jahren sehr viel Verkehr miteinander gehabt. Ob das so weitergehen wird, hängt allein von dir ab. Das alles ist sehr ermüdend, aber ich nehme an, daß man es wohl einmal durchmachen muß. Ich stimme nicht ganz mit Lord Chesterfield überein, der da sagt, eine natürliche Anhänglichkeit gäbe es nicht, wenngleich du denken wirst, ich besitze kein Fünkchen davon. Aber das will ich dir sagen – eine schwache Seite die man nur bearbeiten darf, um mich zu allem zu erweichen, existiert bei mir nicht. Wenn du darauf bestehst, meinen Wünschen zuwider zu handeln, so versteht es sich von selber, daß ich nicht mehr viel von dir sehen werde. Indessen hat das wenig zu sagen. In ein paar Jahren werde ich das alles hinter mir haben, deine Geschichte und viele andere Geschichten, und unsere gegenseitigen Beziehungen werden keinen von uns mehr interessieren, sobald mich einmal die kühle Erde deckt.« Claud machte eine abwehrende Bewegung, der alte Diplomat aber lächelte trübe und sagte: »Laß nur, früher oder später kommt die Stunde doch. Du weißt ja

Nulla certior tamen
Rapacis Orci sede destinata
Aula divitem manet.

Das Allerwichtigste aber, mein lieber Claud, das ist, daß du dir deine Carriere nicht verdirbst, um einer jugendlichen Laune zu genügen. Ich denke, ich habe dir das unmöglich gemacht, so unmöglich, wie ich es überhaupt machen kann. Ich beunruhige mich über das Resultat gar nicht, so sehe ich auch die Notwendigkeit nicht ein, daraus eine Scene zu machen. Ich wünschte, du gingest nun und ließest mich ungestört lesen.«

»Ich werde sogleich gehen, Vater, und verspreche dir, keine Scene zu machen. Ich wünschte nur, Dich zu überzeugen, daß es mir heiliger Ernst ist. Ich weiß, du glaubst nicht an die Liebe –«

»Nicht als an eine dauernde Empfindung.«

»Gut; aber der Unterschied zwischen uns ist der, daß ich daran glaube. Nichts wird mich daran hindern, Nina zu heiraten, wenn sie mich will, und was du auch sagen magst, es ist so unmöglich nicht, mit siebenhundert Pfund jährlich auszukommen. Vielleicht denke ich, könnte ich noch etwas thun, um unsere Einnahme zu vergrößern.«

»Hier und dort,« sagte Gervis und blickte mit einem schwachen Lächeln zu seinem Sohne empor.

Dieser errötete. »Du weißt es also? Du hast das Buch gesehen? Warum sagtest du mir nie etwas darüber?«

»Du hast mir die Ehre deines Vertrauens nicht erwiesen, und du weißt, es ist mir eine strenge Regel, daß ich mich nie irgendwo hineindränge.«

»Ich scheute mich, es dir zu sagen. Es war mir schrecklich, daß du mich auslachen würdest, du hältst es natürlich für puren Blödsinn.«

»Nein, ich halte es für eine sehr schätzenswerte Arbeit. Ich habe deine Verse mit vielem Vergnügen gelesen und, um ganz offen zu sein, ich glaubte, daß ihre gleichzeitige Veröffentlichung in zwei Sprachen mehr Aufsehen erregen würde, als es der Fall zu sein scheint. Ein unbeschäftigter Mann konnte seine Mußezeit zu schlimmeren Dingen benutzen, als indem er niedliche Nachbildungen lyrischer Gedichte verfaßte. Aber deine Verleger werden dich wahrscheinlich nicht im Zweifel darüber gelassen haben, daß im großen und ganzen das Gewerbe eines Aktenabschreibers noch einträglicher ist als das eines Versemachers.«

»Verse zu machen, ist nicht die einzige Art der Schriftstellerei,« meinte Claud.

»Und du glaubst, Begabung für die Prosa zu besitzen? Es mag sein, nach dem, was ich von dir weiß, und ich hoffe, daß es so sein möge. Ich wünsche dir allen Erfolg. Allein erinnere dich, daß in der Litteratur so gut eine Lehrlingszeit durchzumachen ist, wie in jedem anderen Gewerbe und zwar meistens eine nicht ganz kurze. Aus diesem Grunde will ich dir nur raten, auf kein Vermögen aus deiner Feder zu rechnen, bis du einmal graue Haare haben wirst.«

»Ich erwarte gar kein Vermögen von meiner Feder; wenn ich vorläufig nur hundert Pfund im Jahr verdiene, will ich zufrieden sein.«

»Und Fräulein Flemyng? Wird sie in ihren Ansprüchen ebenso bescheiden sein?«

»Das ist es gerade, wonach ich sie fragen will.«

»Nun, dann thu mir die Liebe und geh! Ich hoffe, daß sie dich unterhaltender finden wird als ich. Viel Vergnügen!«

So ging der alte Mann wieder an sein Buch, der junge an seine Rolle in dem kurzen Roman des wirklichen Lebens. In seinem Herzen hegte ohne Zweifel jeder Mitleiden für den anderen.

( Ende des ersten Bandes.)

 


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