Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Siebentes Kapitel.
Fräulein Nina Flemyng

Bei dem Geräusch von Wagenrädern auf der hölzernen Brücke, die den breiten Graben vor der Villa Flemyng überspannte, sprangen hinter einer Gruppe von Immergrün vier kleine struwwelköpfige Burschen hervor und blieben in verschiedenen, Mißtrauen ausdrückenden Haltungen plötzlich stehen, als sie sich einem unbekannten Herrn und einer Dame gegenüber sahen. Claud, in der Absicht, eine gemütliche Unterhaltung mit ihnen einzuleiten, drohte ihnen scherzend mit der Peitsche, worauf der älteste, ein stämmiger Bursche von etwa zehn Jahren, einen großen Klumpen Erde aufhob und ihn kampfbereit in der Hand behielt, während die jüngeren Brüder sich hinter ihm gruppierten. Claud lachte, und die Phalanx der jungen Gentlemen antwortete mit einem einmütigen Grunzen. Die Beziehungen zwischen den Parteien wurden etwas gespannt, als Nina Flemyng, die in einem reizenden Kostüm von weißem Piqué mit blauen Schleifen heute ganz entzückend aussah, auf dem Schauplatze erschien und die kleine Gesellschaft auseinander jagte.

»Weg mit euch allen!« rief sie. »Weg! und laßt euch vor dem Thee nicht wieder sehen. Wie freundlich von Ihnen, zu kommen! Das ist doch aber kein förmlicher Besuch, nicht wahr? Sie verlangen nicht, im Salon feierlich empfangen zu werden? Dann wollen wir uns unter unsere Ceder setzen und uns den Thee herausbringen lassen. Ich hatte auf heute nachmittag ein paar Personen eingeladen, um Federball zu spielen, aber sie können nicht kommen. Es thut mir so leid.«

»Um meinetwillen bedauern Sie es nicht!« sagte Genoveva. »Ich hätte doch nicht spielen können. Ich habe bisher das Spiel noch nicht einmal gesehen.«

»O, Sie würden es bald lernen. Ich selbst gebe Ihnen mit Vergnügen Privatunterricht darin, wenn Sie es wünschen. Nur fürchte ich, würde es Sie zu sehr erhitzen, wenn Sie es allein spielen sollten. Ich für meine Person fühle mich allerdings nie erhitzt dabei.«

Gewiß, sie sah so aus, die schöne Nina, als könne sie nie heiß oder rot und aufgeregt werden. Genoveva, die für Kleinigkeiten das scharfe Auge der Französinnen hatte, bewunderte den feinen Geschmack, die Eleganz und die Vollendung des reizenden Kostüms der jungen Engländerin. Vom Scheitel bis zur Sohle fehlte nichts an ihr und war nichts Ungehöriges vorhanden. Ihr Teint, der lichteste, der sich bei Brünetten nur findet, strahlte von rosiger Gesundheit. Ihre Bewegungen zeigten die Anmut und Unbefangenheit, die nur häufige körperliche Uebungen verleihen.

Die kleine Gesellschaft setzte sich unter eine weitästige Ceder auf bequeme Gartenstühle. Zwischen zwei hervorragenden Aesten war eine Hängematte befestigt, illustrierte Zeitungen und ein Roman lagen auf dem Rasen. Das aus dem tiefen, kühlen Schatten hervorblickende Auge fiel auf glänzende Massen buntfarbiger Blumen und umherflatternder Schmetterlinge, weiter unten aber auf das alte rote Haus, das inmitten seiner Epheubekleidung und des reichen Schmuckes von rotblättrigem wildem Wein dalag wie eine Theaterdekoration.

»Wie köstlich ist das alles!« rief Genoveva. »Sie müssen glücklich sein, in einer so schönen Umgebung leben zu können.«

»Im Sommer ist es recht hübsch. Leider ist nur selbst dann nicht immer schönes Wetter in diesem Lande. Immerhin aber gibt es weniger angenehme Plätze, um einen heißen Sommernachmittag zu verträumen. Es freut mich, daß es Ihnen hier gefällt. Vielleicht werden Sie dann öfter hierher gelockt.«

Offenbar wollte Fräulein Flemyng sehr freundschaftlich sein. Die junge Besucherin gab sich alle Mühe, in gleichem Tone zu antworten, und wunderte sich nur, warum ihr diese Aufgabe so schwer fiel.

Jetzt kam der jüngste der vor einer Viertelstunde weggeschickten kleinen Knaben über den Rasen dahergelaufen und pflanzte sich mit weit offenem Mund und Augen seiner Schwester gegenüber auf. Wichtige Nachrichten schienen sich vergeblich über seine Lippen drängen zu wollen; er brachte es aber vorläufig nur zu einem mehrfachen Schnappen.

»Nun, Tommy,« sagte Nina, »was fehlt dir denn schon wieder?«

»O Nina, Jacky ist ein unartiger Junge!«

»Ja, mein liebes Kind, dagegen kann ich nichts thun. Du bist auch ein unartiger Junge, wenn wir davon anfangen wollen. Auch darf man nicht klatschen.«

»Aber, Nina, er legt der schwarzen Kuh einen Sattel auf und sagt, er will darauf durch den Obstgarten reiten.«

»Nun, das wird sich die Kuh schon nicht gefallen lassen.«

»Aber, Nina, er hat dein neues Kleid angezogen und –«

»Abscheuliches Kind! Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Laufe so schnell du kannst und sage Jack, wenn er nicht gleich das Kleid auszieht und nach meinem Zimmer hinaufbringt, so wird er vierzehn Tage lang um sechs Uhr ins Bett geschickt! Aber freilich, auf dich würde er doch nicht hören. Fräulein Gervis, wollen Sie mich einen Augenblick entschuldigen? Ich werde doch wohl selber nach diesen schrecklichen Kindern sehen müssen.«

»Darf ich nicht gehen?« schlug Claud vor. »Ich unternehme es, Ihre Rebellen in ein paar Minuten zur Ordnung zu bringen, und es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen einen Gang in dieser brennenden Sonne abzunehmen.«

»O, würden Sie das thun? Wie außerordentlich liebenswürdig von Ihnen! Aber Sie müssen sich auf alle möglichen Widerwärtigkeiten gefaßt machen. Ich sage Ihnen im voraus, daß diese schrecklichen Kinder wegen ihrer Ungezogenheit weit und breit bekannt sind.«

»Ich fürchte mich nicht,« lachte Claud. »Komm mit, Tommy, und zeige mir den Weg.«

Genoveva konnte nicht umhin, die Veränderung in Stimme und Benehmen herauszufühlen, die bei dem letzten kurzen Zwiegespräch über Fräulein Flemyng gekommen war. Ein wärmerer, frischerer Ton zitterte durch ihre Worte, als sie mit Claud redete, und diese Umwandlung war um so auffälliger, als sie bis dahin noch mit keinem Worte oder Blicke verraten hatte, daß sie von Clauds Anwesenheit etwas wußte. Vielleicht hatte sie gefürchtet, eine so deutliche Vernachlässigung könnte den jungen Mann verletzen, und war später deshalb doppelt herzlich gegen ihn. Hatte sie wirklich so etwas vorausgesetzt, so hatte sie sich jedoch geirrt. Claud war weder schüchtern noch eitel. Er war vollkommen zufrieden, im Schatten zu sitzen und das schöne Mädchen zu beobachten, das er ungemein bewunderte.

Als er nach einer ziemlichen Pause zurückkehrte und die vier Jungen wie Kletten an ihm hingen, da fand er die beiden Damen an einem niedrigen Tischchen sitzend, das mit Theegeschirr und Schalen voll Obst besetzt war. Nina drehte sich nach ihm um und zog lachend die Schultern in die Höhe, als sie seine Begleitung bemerkte.

»Das habe ich Ihnen ja im voraus gesagt. Meiner Warnung zum Trotz haben Sie sich nun diese ungezogenen Kinder zu Freunden gemacht; Sie können sicher sein, daß von nun an in diesem Hause für Sie keine Ruhe mehr ist.«

»Was schadet's? Das habe ich ganz gern,« erwiderte Claud.

Sie zuckte wieder die Schultern und sagte lachend, in halb spöttischem Tone: »Jedes Tierchen hat sein Pläsirchen! Und bitte, wie steht es mit meinem Reitkleide?«

»Das ist glücklicherweise nicht zu Schaden gekommen. Ein scheltendes junges Mädchen, wahrscheinlich Ihre Jungfer, trug es bei meiner Ankunft im Triumph davon. Aber Jack sagt, daß das ganze Projekt schon an dem Widerwillen der Kuh gescheitert sei.«

Die Knaben hatten sich jetzt um Genoveva gruppiert und einer unter ihnen hatte sich schon ihres Sonnenschirmes bemächtigt.

»Sind Sie auch von Kindern eingenommen, Fräulein Gervis?« forschte Nina, und diesmal war es Claud, der die leichte Aenderung in ihrem Tone bemerkte.

»Wenn sie artig sind,« antwortete Genoveva mit einer Würde, die Fräulein Potts selbst Ehre gemacht hätte.

»Gen kann sie immer artig machen,« meinte Claud. »Es ist ihre Specialität.«

Er hatte ein Schlagnetz vom Grase aufgenommen und spielte damit in der Luft herum.

»Sind Sie sehr bewandert in diesem Spiel?« fragte er seine Nachbarin.

»Nun, es geht so; mittelmäßig spiele ich sicher, denn ich kenne keine Dame, die besser spielt. Spielen Sie sehr gut?«

»Im Gegenteil, ich bin ein sehr schwacher Spieler. Seit Jahren hatte ich keine Uebung mehr.«

»Desto besser, dann müssen Sie gelegentlich einmal mit mir um ein Paar Handschuhe spielen.«

»Spielen Sie doch gleich jetzt!« bat Genoveva. »Ich möchte Sie so gern spielen sehen.« Und als Nina zögerte, setzte sie hinzu: »Bitte, machen Sie um meinetwillen nicht die geringsten Umstände. Die Kinder werden mich unterhalten, wenn ich am Zusehen nicht genug Unterhaltung habe.«

Nina wartete keine weitere Ueberredung ab. Vielleicht fühlte sie, daß sie an Konversation ihrem Gaste doch nicht mehr viel zu bieten habe.

Wenn Genoveva über Fräulein Flemyngs Spiel nicht entzückt war, so konnte das nur daher rühren, daß ihr Sinn dafür nicht entwickelt war. Kein für Schönheit der Linien und Formen gewecktes Auge konnte kalt bleiben bei dem Anblick dieser schlanken Gestalt, wie sie durch das Hin- und Herfliegen des Balles in hundert verschiedene Stellungen kam, jede ein Modell für einen Bildhauer und alle so ungezwungen wie die Bewegungen eines Naturkindes. Vielleicht wurde der Reiz des Bildes noch dadurch erhöht, daß diese junge Athletin nichts Bäuerisches an sich hatte, sondern nach den neuesten Gesetzen der Mode gekleidet war. Claud war hingerissen, in einem solchen Grade, daß er seine Gegnerin das erste Spiel mit lächerlicher Leichtigkeit gewinnen ließ. Dann fing er an, sich etwas mehr anzustrengen. Ninas Spiel verbesserte sich jedoch in gleichem Maße wie das seinige, und auch aus dem zweiten ging sie als Siegerin hervor. Ebenso ging es bei den folgenden dreien. Er mochte es anfangen, wie er wollte, es gelang ihm nicht, ihr den Ball wegzuschlagen, und das Aergerliche daran war, daß, während er sehr heiß wurde und ihm der Atem ausging, sie vollkommen kühl blieb, kaum zu laufen brauchte, sondern wie durch Instinkt zu wissen schien, wohin der Ball fliegen würde. Als sie auch das sechste Spiel mit Glanz gewonnen hatte, warf Claud sein Netz mit mißmutiger Gebärde weg.

»Lassen Sie uns lieber aufhören,« sagte er. »Ich habe keine Lust, mich noch länger lächerlich zu machen. Mit Ihnen zu spielen, wage ich nicht noch einmal, wenn ich nicht vorher einige Privatstunden genommen habe. Warum sagten Sie mir nicht, daß Sie das Spiel mit Meisterschaft spielen? Wenn Sie wenigstens eingestehen wollten, daß Sie erschöpft sind, so würde das meine verwundete Eitelkeit ein wenig befriedigen.«

»Nicht eine Spur!« lachte die junge Dame. »Wenn Sie nichts dagegen haben, können wir noch ein wenig spielen.«

»Um des Himmels willen! Ich mache mir durchaus kein Gewissen daraus, zuzugestehen, daß ich erschöpft bin, und sehne mich danach, im Schatten zu sitzen und auszuruhen.«

»Nun, vielleicht ist das noch angenehmer. Was ist denn aus Ihrer Schwester geworden?«

»Sie ist mit den Kindern davongegangen. Ich sah vor einiger Zeit, wie sie sie gefangen wegführten. Sie brauchen sich um sie nicht zu ängstigen. Ganz gewiß ist sie vollkommen glücklich mit ihnen.«

»Glauben Sie es?«

Nina lag halb in der Hängematte, ihre kleinen Füße schwebten einige Zoll über dem Erdboden müßig hin und her. Die rechte Hand hatte sie unter ihren Kopf gelegt, und während sie mit der linken von Zeit zu Zeit eine Kirsche aufhob und in den Mund steckte, blickte sie durch die lichten Stellen an dem weiten Dach der Ceder hinauf in den blauen Himmel. »Ich hatte ganz recht,« bemerkte sie nach einer Pause.

»Wieso?«

»Ich sagte Ihnen neulich, daß Genoveva mich wahrscheinlich nicht würde leiden können. Und so ist es.«

»Wie kommen Sie auf diesen Gedanken? Ich bin sicher, daß Sie sich darin täuschen. Gen ist nicht demonstrativ. Sie braucht lange, ehe sie sich für oder wider jemand entscheidet.«

»Sie hat sich wider mich entschieden. Das ist schade, denn ich mag sie schrecklich gern. Sie ist mein Ideal von einer Frau, gerade von der Art Frauen, die ich anbeten würde, wenn ich ein Mann wäre. Sie hat ein schönes Gesicht, wissen Sie, schön, weil man sehen kann, daß eine Seele dahinter steckt. Ich bin überzeugt, daß sie eine Seele hat, und das interessiert mich. Ich meinesteils habe gar keine Seele. Ein Herz habe ich – mehr oder weniger – aber absolut keine Seele.«

Alles dies wurde wie halb abweisend gesagt, in kurzen Sätzen, zwischen jedem eine Pause. Es war eher ein Selbstgespräch als ein Beitrag zur Konversation.

Claud sagte nichts. Er war ganz in die Betrachtung des reizenden Mädchens vor ihm versunken, und da schien es für den Augenblick unwichtig genug, ob das, was von diesen unvergleichlichen Lippen fiel, Sinn hatte oder nicht. Nina fuhr fort: »Das Schlimmste bei den Freundschaften mit Frauen ist, daß sie so viel Zeit kosten … Das Leben ist zu kurz für all solchen voraufzuschickenden Humbug … und sie erlassen einem kein Jota davon. Freilich, wenn man sieht, daß sich wohl eine Freundschaft in der Ferne entwickeln könnte, so watet man mit möglichster Grazie vorwärts; wenn das aber nicht zu sehen ist, so thut man am besten, wenn man die Sache aufgibt … Meinen Sie das nicht auch? Ich fürchte, ich werde Ihre Schwester aufgeben müssen.«

»Ich hoffe, Sie werden das nicht thun.«

»O, ich meine nur in einem gewissen Sinne. Mit Männern dagegen, wenn sie überhaupt nur anständig sind, hat man in dieser Weise gar keine Mühe. Solchen gegenüber kann ich immer zuversichtlich sagen: ›Wir verstehen einander ganz gut, mit der Zeit werden wir wahrscheinlich Freunde werden.‹ Wie wär's, wenn wir die einleitenden Kapitel überschlügen und thäten, als wären wir seit Jahren miteinander bekannt? Würde uns beiden nicht dadurch viele Langeweile erspart?« sagte Nina.

»Gehen die Männer darauf gewöhnlich ein?« fragte Claud.

»Neun von zehn gehen von Herzen darauf ein und fangen sogleich an, mir ihre Geheimnisse zu erzählen. Ein Mann stirbt immer vor Verlangen, über sich selber zu reden.«

»Und der zehnte?«

»Der zehnte ist gewöhnlich ein unerträglicher Geck. Ich bin überzeugt, daß Sie nicht selbst beabsichtigen, der zehnte zu sein.«

»Ich weiß es nicht. Ich fürchte nur, daß ich keine Geheimnisse zu erzählen habe.«

»O, Sie haben doch Ihren Ehrgeiz, Ihre eigenen Ideen, ein Ziel im Leben –«

»Vielleicht, ja; aber alle diese Dinge würden Sie doch nicht interessieren?«

»Ei freilich würden Sie mich interessieren. Das ist's ja eben, was mich interessiert. Bitte, fangen Sie nur an.«

»Ich höre Sie viel lieber über sich selbst reden.«

»Ich habe ja genug über mich selbst geredet, nicht wahr? Ich habe mich bemüht, Ihnen einen Einblick in meinen Charakter zu geben.«

»Aber Sie haben nichts über Ihren eigenen Ehrgeiz, Ihr Lebensziel und dergleichen gesagt.«

»Ich wüßte nicht, daß ich einen Ehrgeiz hätte, außer dem, auf eine oder die andere Weise zu Geld zu gelangen. Mein Hauptziel im Leben ist, so viel Vergnügen daraus zu ziehen, als ich imstande bin. Sind Sie jetzt befriedigt?«

»Durchaus nicht. Wenn Sie mir meine Dreistigkeit nicht übelnehmen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich Ihre Selbstbeschreibung nicht für ganz richtig halte.«

»Ich versichere Sie, sie ist richtig. Es nutzt nichts, wenn man sich besser darstellt, als man ist, weil man doch früher oder später erkannt wird. Ich bin gutmütig, und das liegt in meiner Natur; aber ich fühle nicht den geringsten Beruf, eine Wohlthäterin meiner Mitmenschen zu sein. Ich würde keinen Schritt thun, um anderen etwas Gutes zu erzeigen, und ich würde gegen jeden sehr unangenehm werden, der meinem Geschmack entgegenarbeiten wollte.«

»Darf man so kühn sein, zu fragen, worin Ihr Geschmack besteht?«

»Gewiß,« erwiderte Nina. »Ich schwärme für Gesellschaften, ich tanze gern, und bin auf neue Toiletten geradezu versessen. Und dann gibt es noch eine Beschäftigung, die ich allem anderen vorziehe und geradezu als Sport betreibe; aber wenn ich die bei ihrem wahren Namen nenne, so werde ich Ihnen durch meine moralische Verkommenheit geradezu Schrecken einjagen.«

Claud lachte: »Schadet nichts. Ich möchte Sie einmal beschrieben hören, wie Sie sind.«

»Nun also – mir den Hof machen lassen. Da – nun sind Sie verletzt – mehr als das, Sie sind außer sich. Sie sagen in ihrem Herzen: ›Das ist ein ganz ordinäres Mädchen‹.«

»Kein Mensch könnte auch nur entfernt das von Ihnen denken, Fräulein Flemyng.«

»Ah, ich sehe, Sie sind weniger aufrichtig als ich, und das Amüsanteste daran ist, daß es nie ein weibliches Wesen gegeben hat, gut oder schlecht, das sich nicht gern hätte den Hof machen lassen. Trotzdem darf man die Nerven anderer Leute nicht dadurch reizen, daß man ein Ding beim rechten Namen nennt. Ich wußte das im voraus.«

»Aber wirklich, Fräulein Flemyng, ich bin nicht so leicht zu reizen, wie Sie denken.«

»Und wirklich, Herr Gervis, ich mache mir keinen Deut daraus, ob Sie gereizt sind oder nicht.«

Claud lachte und rief munter: »Wissen Sie, wenn wir in der Weise lange fortfahren, so werden wir schließlich noch handgemein werden.«

Nina glitt aus der Hängematte und stellte sich auf ihre Füße. Sie streckte sich, gähnte und rieb sich die Augen mit dem Rücken der Hand, aber alles das mit einer geradezu bezaubernden Grazie.

»Ich glaube,« sagte sie, »die Sonne hat mir dermaßen auf den Kopf gebrannt, daß ich dumm geworden bin. Oder, was meinen Sie, ist es die Wirkung Ihrer Gesellschaft? Immerhin haben wir uns durch mein Geschwätz ein wenig besser kennen gelernt: wenn wir wieder zusammenkommen, ist die Reihe des Schwatzens an Ihnen. Da kommt Ihre Schwester in Gesellschaft eines Herrn, der sein Pferd am Zügel führt.«

Irgend etwas an diesem Schauspiel mußte Nina zum Lachen reizen und sie lachte unhörbar vor sich hin.

»Es ist nur Freddy Croft,« sagte Claud, der sich auf seine Ellbogen stützte und der Richtung ihrer Blicke folgte. »Warum lachen Sie denn?«

Nina antwortete nicht, aber ihre Lustigkeit steigerte sich. Sie hatte sich noch nicht gesammelt, als das besprochene Paar in Hörweite kam. Sofort nahmen Freddys ausdrucksvolle Züge ein sympathisierendes Lächeln an. Wie es schien, war er nach Southlands hinübergeritten und kam nach dort erhaltener Weisung auf dem Rückwege nach dem Hause mit dem Graben.

»Höre, Gervis, ihr müßt alle zu uns kommen und die nächste Woche bei uns zubringen. Wir müssen deine Schwester mit dem edlen Cricketspiel bekannt machen. Dein Vater wird zahllose Bekannte aus vorsündflutlicher Zeit bei uns treffen.«

»Mein Vater, kommt der auch?« rief Claud hoch überrascht.

»Ei natürlich kommt er. Ich bin soeben bei ihm gewesen und sagte ihm, er würde noch ein paar andere alte Knaben finden, die mit ihm spazieren gehen und plaudern könnten. So sagte er denn zu. Wenn sich nur das Wetter hält, so werden wir eine vergnügte Woche haben. Fräulein Flemyng kommt natürlich auch.«

»Wenn sie nicht eingeladen wird, nicht,« wandte die junge Dame ruhig ein.

»Eingeladen? Meine Mutter hat Sie schon vor Wochen eingeladen.«

»Faktisch? Ich hatte es ganz vergessen.«

Aus einem oder dem anderen Grunde war Nina plötzlich ernst und gesetzt geworden. Von nun an unterhielt sie sich lediglich mit Genoveva, und als die Zeit des Abschiedes kam, sagte sie Claud auf so abwesende, unbeteiligte Weise lebewohl, als ob sie sich seiner Existenz kaum bewußt wäre.

Auf seinem Heimwege dachte der junge Gervis viel über das seltsame Mädchen nach, freilich ohne seiner Schwester etwas von seinem Gedankengange mitzuteilen. Er fühlte sich geblendet und befremdet, im ganzen aber weniger befriedigt, als er es erwartet hatte. War nicht am Ende doch, wie sie es angedeutet hatte, ein Hauch von etwas Unpassendem in ihrer unbedingten Aufrichtigkeit und Rückhaltlosigkeit? Das einzige klare Gefühl gegen Nina, das er bis jetzt in sich finden konnte, war eine tiefe Bewunderung ihrer körperlichen Reize. »Um so besser für meine Seelenruhe,« dachte er.



 << zurück weiter >>