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Der Spreewald

Burg im Spreewald

Von Prof. Dr. Richard Andree.

Bei Burg, wo die Spree ihre zahllosen Verzweigungen beginnt, werden infolge der sumpfigen Bodenbeschaffenheit unsere gewöhnlichen Vorstellungen von einem Dorfe bankerott. Burg hat einen Umfang fast so groß wie Berlin; es umfaßt einen kleinen Fabrikort, ein Dorf im gewöhnlichen Sinn, und dann die über eine Quadratmeile zerstreuten Einzelhöfe. Offiziell unterscheidet man das eigentliche Dorf Burg, das der Wende hobsedne nennt (d.h. Grod, von Osada, Gemeinde); dann die Kaupergemeinde (vom wendischen Kupa, Insel) und Colonieburg, wendisch Prisakare (d.h. Grod, weil hier das Land in unglaublich kleine Teile, Prisen, zerschnitten ist?). Wer von Süden sich Burg nähert, kommt zunächst durch eine Fabrikanlage, kleine Häuser, in denen munter der Webstuhl klappert. Die Inwohner sind Deutsche, Nachkommen von Kolonisten, die Friedrich II. hier ansiedelte. Es folgt Dorf Burg mit der Kirche, einer Schule, der Apotheke, den Kaufmannsläden, der Post, den Gasthöfen, dem Friedhof, kurz mit allen Kultureinrichtungen, die hier auf hoher, trockener Stelle für den Bedarf des ganzen weit ausgedehnten Dorfes angelegt wurden, zu denen von allen Seiten auf ihren Kähnen die Spreewäldler herangefahren kommen.

Kein mühseligeres Werk als das des Geistlichen in Burg. Er muß nicht allein doppelt predigen, wendisch und deutsch, auch seine Pflicht ruft ihn hinaus, zwei oder drei Stunden weit, bis zum letzten Häuschen der Gemeinde, wo er einen Kranken besuchen muß. Im Sommer fährt er mit dem Kahn oder geht ein Stück zu Fuß, im Winter schnallt er die Schlittschuhe an. Wie oft hat man die Geistlichen im Hochgebirge beschrieben und abgebildet, die mit dem Meßgewand auf dem Rücken und der Monstranz in der Hand über angeschwollene Wildbäche schreiten und das Sakrament zu einem Sterbenden in das ferne Tal tragen! Der Pfarrer im Spreewalde ist ihr Nebenstück; aber oft kann er gar nicht fort aus seinem Häuschen, denn das Wasser hat alle Verbindung gehemmt; das schmelzende Eis gestattet weder Kahnfahrt noch Schlittschuhlaufen. Während sonst überall der Konfirmationsunterricht im Winter stattfindet, ist er hier aus diesen Gründen auf den Sommer verlegt, und die Einsegnung der Kinder findet nicht zu Ostern, sondern zu Michaelis statt.

Auffallen könnte es, wie der Name »Burg« in diese flache, sumpfige Gegend kommt, zumal keinerlei alte Gebäude oder Ruinen hier weit und breit anzutreffen sind, wenn man die gotische Backsteinkirche im Dorfe Werben ausnimmt. Aufklärung erhalten wir aber sofort, wenn wir den ein halbes Stündchen nördlich von Dorf Burg gelegenen »Schloßberg« aufsuchen. Mitten zwischen den Spreefließen, Kanälen und Sumpfwiesen erhebt sich eine 6–8 Morgen große und 50–60 Fuß über dem Spiegel der Spree gelegene künstliche Aufschüttung, welche ganz an eine friesische Wurt in den Marschen an der Weser gemahnt. Wie dort in der flachen sumpfigen Umgebung künstliche Hügel aufgeschüttet wurden, auf welche man die Kirchen oder Dörfer stellte, so auch hier. Denn jedenfalls ist es der Zweck dieses bedeutenden Erdhaufens gewesen, eine Sicherungsstelle für Menschen und Vieh bei Überschwemmungen der Spree herzustellen; auch können strategische Zwecke damit verbunden gewesen sein.

Bis zum Schloßberg können noch Wagen und Pferde gelangen: dann hören aber weiter ins Innere des Spreewaldes hinein alle Wege auf, und nur schmale Fußsteige schlängeln sich längs der Wasseradern hin. Letztere treten nun als Verkehrsstraßen in ihr Recht, und der Kahn wird das Mittel der Fortbewegung für Menschen, Tiere, Waren. Viele der allergewöhnlichsten Vorstellungen werden in dieser Landschaft hinfällig. Kein Pflug, kein Pferd, kein Wagen; der Spaten ackert, die Schultern tragen, die Kähne fahren. Der flach gebaute, oft nur aus drei Brettern bestehende Kahn ist so primitiv, wie er nur irgend sein kann; er scheint der direkte Nachkomme des Einbaums zu sein, und in der Tat kann man hier und da im Spreewalde noch solche aus einer einzigen mächtigen Eiche plump ausgehauene Einbäume finden. Ruder und Segel sind im Spreewald unbekannt, mit einer Schalte stößt ihn der Ferge (wendisch Forman, Fuhrmann!) leise und sicher über die träge, stille Flut dahin. Alles, Männer, Weiber, Kinder, ist erfahren in der Handhabung des Kahnes; auf ihm begegnet uns der Postbote, der die Briefe in die einzelnen Gehöfte bringt, der Arzt, der die Kranken besucht; auf ihm ziehen unter fröhlichen Pistolenschüssen die bunten Hochzeitszüge dahin, auf ihm gleitet, von den Trauernden geleitet, der Sarg zur letzten Ruhestätte, fahren die Kinder zur Schule, wird die Heuernte eingebracht – ohne den Kahn kein Leben im Spreewald.

Wer nicht im Spreewald geboren ist oder jahrelang dort gelebt hat, der möge es unterlassen, sich ohne Führer in das wahrhaft labyrinthische Gewirr der Wasseradern zu begeben. Hier verzwieseln sie sich, dort treten sie wieder zusammen, ein Kanal durchschneidet sie, rechts und links führen Seitenarme ab, und stets ist es dasselbe Bild mit derselben Staffage, dem ihr tagelang nicht ausweichen könnt, wenn ihr alle Fließe befahren wollt. Die Erle, im Durchschnitt 40 Fuß aufragend, ist der Baum, der hier prächtig kerzengerade gedeiht und alle Wasser am Rande mit einer schönen lebenden Mauer einfaßt. Die vielen Hausnamen Wolschowka oder Wölsnitz deuten darauf hin, daß dieser Baum (slawisch Olse) von altersher hier herrschte. Fast jedes der isolierten Häuser führt seinen eigenen Namen, den oft der Besitzer annimmt, und der auch auf den fremden Käufer vererbt; wohl entsteht dadurch Verwirrung, und der Gebrauch der sogenannten »Hofnamen« vor Gericht ist ausdrücklich untersagt und wird bestraft. Neben der Erle gedeiht die Weide, angepflanzt zur Uferbefestigung. Mehr noch diesem Zweck entsprechen die langen »Senkbäume«, die floßartig, aneinander gebunden, längs des Ufersaums im Wasser liegen und das Erdreich vor dem Wegspülen bewahren sollen. Seltener ist schon die Eiche geworden, wie denn überhaupt der Waldbestand des eigentlichen Spreewaldes sehr zusammenschrumpft und den erlenbestandenen Wiesen Platz gönnt. In allen Flußarmen wuchert aber eine prächtige Teichflora, deren Gedeihen durch den trägen Wasserlauf begünstigt wird. Die gelben und weißen Wasserrosen wiegen neben den breiten Blättern ihre schönen Blüten, da sprossen Wasserliesch, Speerkraut, Igelkolbe, Froschlöffel, Fieberklee und Kalmus, überschwärmt von Tausenden und Abertausenden blauer Libellen.

Im Durchschnitt taucht alle zehn Minuten zwischen den Erlen das einsame Haus des Spreewälders auf. Wer polnische Bauernhäuser oder tschechische Chalupen kennt, der findet sofort hier das Geschwisterkind. Alle liegen vereinzelt, inmitten des dazu gehörigen Grundes und Bodens. Vom strohgedeckten Dache winkt uns die Giebelzier entgegen; die Wände bestehen aus Schrotholz, es ist der einfachste quadratische Blockhausbau, urtümlich, die Form, wie sie seit Jahrhunderten, ja, wohl seit Niederlassung der Wenden in diesem Walde besteht. Zur Seite liegt der Backofen, aus Lehm erbaut, und der Stall. Ein kleiner Einschnitt in den Ufersaum bildet den Hafen ( hustawalisco) für die Kähne, über das Wasser führt der hohe, eigentümlich gestaltete Steg ( lawa, die Bank), im Wasser selbst birgt der Fischkasten Krebse und Hechte, die hier in seltener Größe und Schmackhaftigkeit vorkommen. Der Wende, der hier seine Behausung aufgeschlagen hat, ist wesentlich Viehzüchter und Gemüsegärtner, Das Gras für die Kühe, welche alle durch Stallfütterung erhalten werden und die kostbare Spreewaldbutter liefern, wird täglich im Kahne von den Wiesen geholt. Für den Winter wird der Heuvorrat in eigentümlichen, zuckerhutförmigen Schobern gesammelt, die wesentlich die Landschaft charakterisieren und den deutschen Namen »Stock« führen, von dem Stabe, der zu ihrem Halt in der Mitte angebracht ist.

Still, melancholisch wie der Spreewald, ist auch das Volk, das in ihm lebt.

R. Andree, Wendische Wanderstudien. Zur Kunde der Lausitz und der Sorbenwenden. Stuttgart 1874, Julius Maier.

siehe Bildunterschrift

Spreewaldhof.

 

Osterwanderungen im Spreewalde

Von Max Bittrich.

Allemal am Osterfeste leben die Kinder im Spreewalde wie die Mäuse auf dem Speckboden, und dazu geht eine gewaltige Völkerwanderung vor sich. Die Ostergesänge erfrischen uns allen das Herz; aber das kleine Volk des Spreewaldes hat seine besondere Freude. Es sehnt sich nach dem Feste wie nach dem »heiligen Christ«.

Ostersonnabend! Die Eisenbahn führt uns in lauer Lenzluft jenem Landesteil entgegen,

– wo nicht Berge sind
und die Waldwasser nicht mehr rauschend schäumen,
die Flüsse ruhig und gemächlich ziehen.

Dort, wo das Land so schön ist wie ein Garten, verlassen wir den Zug und betreten den Boden einer der niederlausitzer, ehemals sorbischen »sechs stete«, die der Volksmund in das Reimlein: »Lübben, Lücke, Lübbenauke, Cale, Vetsche, Drauke« gebracht hat. Wenn Vetschau heute als eine gute Eingangspforte des Spreewaldes anzusehen ist, so hat das schmucke Städtchen diese Eigenschaft dem Eisenbahnkönig Strousberg zu danken, der den Schienenweg von Berlin nach Görlitz schuf. Aus dem Spreewalde selber vollzogen sich allerdings schon viel früher große Wanderungen nach Vetschau, waren doch des Städtchens Flachsmärkte weit berühmt, auf denen das Wenden- oder Sorbenvolk in hellen Haufen zusammenströmte. »Einstmals sollen sogar« – so lautet ein alter Bericht – »1500 Mägdlein, alle mit roten Röcken zierlich angetan, versammelt gewesen sein. Wahrscheinlich hatte diese Feier einen gleichen Entstehungsgrund wie der noch jetzt in Lübbenau gebräuchliche Lobtanz, zu welchem stets eine große Menge Landvolk sich einfindet und der zugleich mit einem Markte verbunden ist oder vielmehr mit der Zeit sich in ihn umgewandelt hat. Es ist ein Erntefest, wie schon seine Benennung bezeichnet.« Wie mögen da die weitbauschigen Röcke der Wendenmädchen geflogen sein, wenn die kleine slawische Geige kreischte, die Pfeife quiekte und der Dudelsack rasselte! Heute, da wir den Ort durchwandern, ist er schon feiertagsmäßig still. Kuchendüfte dringen aus den Häusern, und die Jugend ist eifrig dabei, die Vorbereitungen zu dem uralten wendischen Osterspiele zu treffen. In den Gärten und sogar auf öffentlichen Plätzen werden »Waleien «, jene oben schmalen, unten sich verbreiternden schrägen Vertiefungen, mit dem Spaten ausgeworfen, in die man die Ostereier kollern läßt, welche je nach der Art ihres Laufes dem Eigentümer Gewinn oder Verlust bringen. Die buntgefärbten Eier versieht der Wende mit so kunstvollen Zeichnungen, daß sogar unsere Museen für Volkskunde einzelnen Prachtstücken ein Plätzchen eingeräumt haben.

siehe Bildunterschrift

Bäuerin. Trachtenbild aus dem Fläming
Farbendruck nach einem Gemälde von Wilh Schulze-Rose

Der Weg führt uns gen Burg, zum größten und ursprünglichsten Spreewalddorfe. Die Umgegend Vetschaus hat anfänglich nichts sonderlich Eigenartiges, doch wenn wir die das Wiesengelände durcheilende Kzschischoka, von der die hübsch gelegene Kersta-Mühle getrieben wird, erreicht haben, so umfängt uns echte Spreewaldstimmung. Aber die Kzschischoka, deren Bett der Teufel mit einem störrischen Bullen gepflügt haben soll, ist einstmals, wie die Sage erzählt, gar oft der Nachtjäger gezogen unter Sturmwind und Sausen. In der Schänke des sagenreichen Dörfchens Müschen halten wir kurze Rast. Der freundliche Wirt weiß uns mit Überlieferungen aus der Großväter Zeit zu unterhalten. Dereinst ist die Müschener Dorfstraße so sumpfig gewesen, daß man die Häuser durch hohe Holzgalerien verband. Die Hirten ritten auf dem Vieh zur Weide, um nicht zu versinken. Als »die Feinde« in Müschen waren, hat der Bauer Badak einem Trompeter, der die Soldaten nach Müschen zurückrufen sollte, mit der Armbrust eine Eggenzinke in die Brust geschossen. Bei dem Dorfe liegt der Schwurstein an einer Stelle, an der ein Bauer falsches Zeugnis ablegte. Jach tat sich die Erde auf. Der Teufel holte den Sünder:

»Mit dem riesengroßen Felsen
Satanas den Schacht bedeckte,
daß der Sünder nimmer fliehe,
wenn ihn Höllenqual erschreckte.«

Wir treten aus dem engen Stübchen wieder hinaus und sind schon umgeben von der geheimnisvollen Vorfrühlingsnacht. In den uralten knorrigen Baumriesen an der Straße ist märchenhaftes Weben: der Lenz kommt leise angegangen, und erschauernd beugt sich die Natur seiner Macht. Das fahle Licht des Mondes durchbricht den Wolkenschleier und weist uns unseren weiteren Weg durch Wiesen und am Wasser entlang. Nicht viel fehlt an der Mitternachtsstunde, als wir das Dorf Burg erreicht haben. Rauschend stürzen die Fluten über das Wehr der alten Mühle, und als wäre des Müllers und des Wassers Wanderlust in uns, so ruhen wir nicht eher, bis wir in das Gelände der Burger Kaupen getreten sind, wo jedes Gehöft ein Reich für sich bildet, umschlossen von Garten, Feld und Wiese. Schon huschen an uns schweigsame Gestalten vorüber, die hinausgehen, um – am besten an einem fließenden Kreuzwasser – das wunderkräftige Osterwasser zu schöpfen. Das ist aber nicht die einzige Osterwanderung im Spreewalde. Kaum hat der Lenzwind die zwölf Schläge der Glocke über das stille Land getragen, so treten die Spinnstubenmädchen ihre Bittgänge an. Die Angehörigen jeder Spinnstube haben sich besonders vereinigt. In geordneten Zügen wallen sie über die Felder, um Osterlieder zu singen, bis an die Grenzen des Dorfes und den Segen des Höchsten auf die Fluren herabzuflehen. Auch in die Häuser, wo sie erwartet werden, treten die Sängerinnen, um ihre Vorträge dort fortzusetzen. Sie kennen keine Ermüdung, und noch im Morgengrauen, wenn alles Osterwasser bereits heimgetragen ist, ziehen sie dahin. Eine schönere Volkssitte kennt wohl kaum ein anderes Dorf in Deutschlands Gauen!

Nicht lange, nachdem die Bittgänge vollendet sind und die Menge in bunten Gewändern dem Gottesdienste beigewohnt hat – in der Passionszeit wurden Trauergewänder angelegt – ist die Zeit für eine neue und die größte Völkerwanderung gekommen, die alljährlich am Osterfeste im Spreewalde vor sich geht. Kinder, die »aus dem Gröbsten« sind, wandern neben ihren Eltern, und die kleineren werden auf den Arm genommen. Das Kind hat kaum das Bett verlassen, so lallt es schon sein: » Mama, Mama, pojžomey po jaja!« (»Mama, Mama, woll'n nach Eiern gehen!«). Und wenn dann der Vater oder die Mutter mit den Kleinen wandert, ist heller Jubel, holt man doch die »Kicke«, d.h. die alljährliche Gabe der Taufgevattern. Diese würden bittere Klage führen und es wäre ihnen kein rechtes Osterfest, kämen die Patenkindchen nicht, ihren Tribut in Empfang zu nehmen. Die Überlieferung hat ein förmliches Gesetz geschaffen. Zuerst muß den Kindern die Kicksemmel gegeben werden, ein geflochtenes Backwerk, das oft mehr als einen Fuß lang ist und in dem früher ein kleinerer oder größerer runder Fleck die Höhe des Preises angab. Dazu kommen ein großer und ein kleiner Pfefferkuchen oder statt des kleinen ein paar Bretzeln oder eine Semmel. Auf diese Gaben wird öfter ein buntes »Taschentüchel« oder eine kleine Geldspende gelegt.

Bis zur Beendigung ihrer Schulzeit durchstreifen so alljährlich am Osterfeste viele hundert Kinder den Spreewald und tragen im »Tüchel« ihre Geschenke heim. Beim letzten Besuche haben die Kinder den Paten für alles ihren Dank abzustatten. Der kenntnisreichste der Spreewaldforscher, Willibald von Schulenburg, berichtet, daß manche Leute zu Ostern 10–30 Kinder zu versorgen haben. Ein schlauer Viehhändler, der im Spreewalde seine Geschäfte machte, soll 73mal Gevatter gestanden haben; so verschaffte er sich auf Jahre hinaus Verbindungen mit den Viehverkäufern, denn ein Gevatter ist beim Spreewaldbauer heimisch wie ein lieber Verwandter. Einstmals war das Kickeholen so ausgeartet, daß von der Kanzel dagegen Einspruch erhoben wurde. Die Übertreibungen sind aber längst verschwunden; man sucht sich nicht mehr über die Verhältnisse hinaus zu überbieten. Die Kreuz- und Querzüge durch den Spreewald jedoch sind im Schwange wie nur je zuvor. Auch die Eisenbahn steht an den Ostertagen im Zeichen des Kickeholens; oft genug sieht man kleine Wenden und Wendinnen zu entfernteren Gevattern fahren. Während die Kinder die Geschenke bewundern, plaudern die Alten über die Tücken des vergangenen Winters, der die Spreewaldleute mitunter wochenlang von jedem Verkehr abschließt. Da entsteht dann wohl ein heiteres Gelage, und der Bauernhumor feiert Triumphe. Die wahrhaft ausgelassene Freude nach der feierlicheren Stimmung bricht allerdings erst am Tage nach dem Feste durch. Da möchte man sich »sielen« vor Lachen. Nun wird auch ein Tanz nicht verschmäht, und die Balken des niedrigen Tanzsaales biegen sich unter der Last der glücklichen Jugend.

 

Pfingsten in der Wendel

Von Max Bittrich./em

In der warmen Pfingstnacht war Wetterleuchten gewesen; »lichte Flammenbrände« durchbrachen das schwere Gewölk, und lauer Regen erquickte die Fluren. Als die Sonne heraufstieg, sah sie auch ein Stück elender Sandfläche der Wendei in festlichem Anstrich. Von den Blütenzweigen tropften glitzernde Perlen, Maibäume waren aufgepflanzt, die Lerche schmetterte ihr Lied, und der Star pfiff unermüdlich. Blüten- und Kiefernduft und urfrischer Erdgeruch konnten in vollen Zügen genossen werden, und ich ließ mir die Herrlichkeiten des vom Touristentroß gänzlich vernachlässigten Winkels nicht entgehen.

Die Bahn trug Pfingstreisende nach und von der Residenz an dem Wendendörfchen Schleife vorüber; in die Wendei warf keiner einen Blick. Was sollte gerade sie an dem lieblichen Feste bieten können!

Wie dürfte man jemand zumuten, an einer Stätte zu halten, von der Bahnschaffner und angeblich eingeweihte Reisende überzeugungsvoll zu berichten wissen, man esse dort – im Dörfchen Schleife – nur einmal im Jahre Fleisch!

Das Gasthaus Halbendorfs ist eine echte und rechte Heideschänke. Kleine Fenster lassen nur wenig Licht in das niedrige, verräucherte Gastzimmer. An den Wänden viele, viele Bilder aus alter Zeit: dicht nebeneinander Heilige und der alte Fritz, Derfflinger und Engelsgestalten, – alles recht auffällig bunt, denn der Wende liebt die Farben. Unter den Bildern ungefüge Holzstühle und derbe Bauerntische, auf die beim Kartenspiel krachend die Fäuste der sehnigen Gestalten niedersausen. Ohne undurchdringlichen Tabaksqualm und dröhnende Faustschläge ist das Kneipenvergnügen nicht recht; Ruhe und frische Luft hat man alle Tage! und Piwo (Branntwein und Bier) schmecken dem Bauer nur in der geliebten Luft, von der Reuter sagen läßt, sie habe so wenig »Atmosphäre«.

Das Nachtquartier, die Schänke verlassend, trat ich hinaus in den erquickend frischen Maimorgen.

Halbendorf zeigt die Eigentümlichkeit aller wendischen Dorfanlagen, die Aneinanderreihung der Gehöfte ohne zwischenliegende Gärten.

Aus den Ställen dringt eben das Geräusch der Futterstampfen und das Brüllen der Rinder. Hier und dort tritt die Magd aus dem Hausflur, reibt sich die Augen und entnimmt dem Ziehbrunnen, die über eine Gabel gelegte schwere Zugstange erfassend, das Kaffeewasser. An einem rissigen alten, aus Lehm halbrund geformten Backofen spielt ein kleiner, nur mit dem Hemd versehener Wendensprößling. Das so andeutungsweise bekleidete Bürschchen steckt, als es mich sieht, erstaunt den Finger in den Mund; vielleicht bin ich der erste Fremdling, der den kleinen Naturmenschen jemals in so früher Morgenstunde störte. Verwahrloste Hofhunde empfangen den Fremden mit viel Gekläff und ziehen sich hinter den Lattenzaun zurück, sobald man sich ihnen naht.

Die Bevölkerung Halbendorfs bewahrt viel Ursprünglichkeit in Sitte, Gebrauch und Kleidung. Alle weiblichen Wesen, auch die kleinsten Kinder, tragen die rote wendische Kappe, – eine Eigentümlichkeit, die sich schon in dem kaum eine Stunde weit entfernten Schleife nicht so rein erhalten hat.

Der Fuß hat eine sagenreiche Gegend betreten. Wer einen Abstecher über die Bahnstrecke macht, findet drüben, gen Kromlau im Brandenburgischen, den dicht mit Kieferngestrüpp bewachsenen Katzenberg. Auf ihm soll einst ein Schloß gestanden haben, in dem ein reiches Fräulein wohnte. Das Fräulein liebte die Katzen über alles. Nach dem Tode des weiblichen Sonderlings vermehrten sich die Tiere derart, daß sie die ganze Gegend unsicher machten.

Jetzt ist auf dem Katzenberge heilige Stille; kaum, daß einmal ein flinkes Häslein vorüberhuscht, drüben im Forst der Specht klopft oder in den Wiesen die Grille zirpt. Eine Dornröschenstimmung kommt über den Wanderer. Die Hitze wirkt ermattend. Es findet sich ein schattiges Ruheplätzchen. »Die Falter flattern im Kreise; halb wach' ich, halb lieg' ich im Traum,« – und ich träume von dem im Katzenberge ruhenden, verzauberten Schatz und von den zwergenhaften Vorfahren der Wenden, den Lutchen, die verschwanden, als zum ersten Male Kirchenglocken läuteten. Die Phantasie, Schein und Sein eng verknüpfend, spinnt mich geschäftig in ihre Fäden ein. Ich träume von dem Riesen der Vorzeit, dessen Oberkörper das Ende eines Lastfuhrwerks einnahm, während die Beine vorn, bei den Pferden, herunterhingen; und ich sehe schon wieder die im wendischen Lande, auch im Spreewalde, volkstümlich gewordene Gestalt des deutschen Schriftstellers, Willibald von Schulenburg, der verdiente Forscher auf dem Gebiete wendischen Volkstums. der aus Liebe zum Volke monatelang in den elendesten Hütten Einkehr hielt, um das wendische Volkstum, Sitten, Sagen und Gebräuche, kennen zu lernen. Und wie die Morgensonne heiß herniederbrennt, versetzt sie mich schon in die sengende Glut des Sommermittags, an dem die Mittagsgöttin Pschipolniza die Fluren durchwandelt. Sie ist weißgekleidet und trägt auf dem Haupte einen Kornblumenkranz. Wen sie in der heiligen Mittagszeit bei der Arbeit trifft, und wer dem prächtigen, aber unerbittlichen Weibe nicht auf alle Fragen antworten kann, dessen Kopf fällt unter der blitzenden Sichel der Mittagsgöttin.

Der Göttin gedenkend, schrecke ich auf und setze die Wanderung fort: von ferne naht sich auf dem tief ausgefahrenen Sandwege eine weiße weibliche Gestalt. Das ist kein Traumgesicht! Die erste Kirchgängerin, eine Trauernde. Wie die weiße Hülle beweist, wandert sie nach Schleife; auf dem ferneren Wege durch Halbendorf schließen sich ihr bald Männer und Frauen an. Die Männer tragen noch den ererbten blauen Rock mit weißen Metallknöpfen. Die Frauen unterscheiden sich in der Kleidung auffällig von den Bewohnerinnen der nahen deutschen Dörfer. Der weitbauschige bunte Kittel, bedeckt von der farbenprächtigen seidenen Schürze, ist durch die Spreewälderinnen in weiten Kreisen bekannt geworden. Das Jäckchen ist an den Ärmeln mit Pelzaufschlägen versehen. Um den Kopf ist kunstvoll ein weißes Tuch geschlungen. Jede zur Kirche gehende Frau trägt unter dem Arm ein zusammengerolltes weißes Leinentuch, das rubisco. Es gehört allemal zum Feierstaat. Bei unsicherer Witterung wickelt man eine Hülle gegen den Regen hinein. Brautmütter pflegen der Braut bei der Trauung eine Brotschnitte in das rubisco zu stecken; das soll Segen bringen. Hier und da sieht man eine Kirchgängerin das unvermeidliche Riechbüschel im Garten suchen, – ein paar Nußblätter oder ein Sträußchen Pfefferminze. Während der Predigt wird das Riechkraut fleißig unter die Nase gehalten. Unter den Kirchgängerinnen sind viele in der weißen Trauertracht. Wie der Tote ein weißes Sterbekleid erhält, so hüllen sich die trauernden weiblichen Personen gänzlich in schneeweißes Linnen. Bei Halbtrauer wird ein Tuch über Kopf und Oberkörper gelegt. Einzelne lassen sich das Trauergewand erst auf dem die Kirche umgebenden alten Friedhofe anlegen.

Die Kirche ist dicht gefüllt. Unten nehmen nur Frauen Platz; sie knien bis in den Vorderraum hinein. Vom Vorraum führt eine Holztreppe zu der den Emporen vorgebauten Galerie. Die Galerie gestattet keinen umfassenden Blick in das Innere der Kirche; aber auch auf ihr stehen die Männer dicht gedrängt. Der Altar ist frühlingsmäßig geschmückt mit geschmeidigen Birkenzweigen. Der Duft des frischen Laubes erfüllt den hohen Raum. Wendische Lieder erklingen. Dann tönt des Pastors Stimme voll und melodisch bis in den Vorraum. Noch nicht lange weilt dieser Pastor in der Gemeinde, ist doch erst seit kurzer Zeit der »alte Wehlan« gestorben, der eifrige Beschützer wendischer Eigenart.

Draußen auf dem sonnigen Friedhofe singen die Vögel. An den ältesten, verfallenen Grabeshügeln spielen ein paar kleine Wendinnen, und wenn ein Choral erklingt, so stimmen sie in die Weisen ein. Weiter im Dorfe flattert der mit bunten Bändern geschmückte Kranz auf der schwankenden Maistange, dem Ausrufungszeichen der Liebe. Ein paar Schwälblein huschen – ziwitt, ziwitt! – an der offenen Kirchtür vorüber; sie müssen ihr Nest in dem Mauerwerk des Hauses haben, an das sich merkwürdige Sagen knüpfen. So sollen die Steine der Turmwand, die wunderliche Zeichen tragen, von dem »alten Schlosse« stammen. In ihm hauste einstmals das Schloßfräulein Katharina. Sie wollte dem Turm eine ungewöhnliche Höhe geben, starb aber bald. Da wurde die Ausführung ihres Planes nicht vollendet, und nun sieht der Turm so »abgestumpft« aus. Den Kirchhof betritt man durch ein hölzernes Tor. An der inneren Seite eines Pfostens hängt noch jetzt die kurze eiserne Kette mit dem Halseisen, das den Spitzbuben angelegt wurde. Wer zur Kirche ging, durfte dem Geschlossenen ein auswischen. Über dem Altar aber mußten vor der ganzen Gemeinde die Mädchen knien, die, wie es im wendischen Volkslieds heißt, »das Rautenkränzelein .d. i. der Schmuck der jungfräulichen Braut. verloren« hatten. Andere Zeiten, andere Sitten! –

Die kirchliche Feier ist zu Ende. Die Männer steigen von den Chören hernieder und stellen sich in langen Fronten, zwischen denen die Frauen schreiten, zu beiden Seiten der Tür auf. Als jetzt die Glocke ertönt, lüften die Männer die Mütze. Wer in Schleife wohnt, tritt den Heimweg an; wer dort Verwandte besitzt, besucht sie. Viele der nicht aus Schleife stammenden Leute wollen auch die Nachmittagsandacht abwarten. Was der Wende tut, geschieht reichlich, arbeite oder bete, liebe oder hasse er. Die Männer sitzen über den Mittag in der alten Schänke, durch deren weinumrankte Fenster man den nahen Friedhof übersehen kann. Die Frauen aber lagern sich gleich auf diesem; sie sind genügsame Haushälterinnen, haben aus dem Heimatsdorfe Gebäck mitgebracht und laben sich nun. Man hat am Nachmittag noch einen weiten Marsch bis zum Heim zurückzulegen.

Nur in der Schänke lacht und lärmt's; je weiter man sich entfernt, um so mehr scheint das Dorf zu schlafen. Das ist die Stimmung, wie sie Storm ausklingen läßt in die Worte:

Kaum zittert durch die Mittagsruh
ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
dem Alten fällt die Wimper zu,
er träumt von seinen Honigernten.
Kein Klang der aufgeregten Zeit
drang noch in diese Einsamkeit.

Die staubige, sandige Dorfstraße wate ich entlang und schreite, Schleife verlassend, an der Berlin-Görlitzer Bahnstrecke hin auf Spremberg zu, auf die prächtig gelegene Lausitzer Industriestadt. Der Weg ist lang und öde. Aber wer zur Oase will, den darf die Wüstenei der märkischen Streusandbüchse nicht abschrecken. Zwischen Rohne und Schleife stößt der Fuß auf die »Schmala«. Von ihr erzählt Willibald von Schulenburg: War früher die Kiefernheide so hoch, daß sie einem Reiter bis an die Sporen gereicht hätte, so sollte das Holz der Herrschaft gehören, im anderen Falle hatte die Gemeinde das Hutungsrecht. Weil das die Leute wußten, brannten sie alle paar Jahre die Bäume ab, so daß der Nutzen der Gemeinde blieb.

Gut, daß die Sage die Gegend verschönt. Kümmerliches Gestrüpp, – Heidekraut, – feiner, mehliger Sand!

Fünf Stunden währt die Wanderung, dann breitet sich tief unten Spremberg, die Oase, im duftigen Blütenkleide des Lenzes vor dem entzückten Auge aus. Wer mag sich satt sehen an solch' malerischem Bilde! So ruhe und liege und schaue ich noch, als der Sonne letzte Strahlen dem Landschaftsbilde überirdische Schöne zu verleihen scheint.

Die Natur ist schlafen gegangen.

Drinnen, in den Straßen Sprembergs, ist noch viel Leben. Bald flammen überall Lichter auf, die Stadt erwacht zum zweiten Male. In dem weltabgeschiedenen Wendendörfchen Schleife wird schon der Wächter allein auf dem Posten sein, denn heute und morgen ist alles zeitig im Bett.

Aber den Pfingst-Dienstag muß dann ein Mensch sehen! Den Pfingst-Dienstag, an dem in der Schänke zum Tanz aufgespielt wird. Da kommen von weit und breit alle Schönen, geschmückt mit den farbenprächtigsten wippenden Röcken, und locken die Burschen zum Tanze, dem sich der Wende mit ungewöhnlichem Feuer hingibt. Nicht vergebens lockt das Mädchen:

Dreh mich vor dem Spielmann,
mein Herzallerliebster!
Deutsch tanz ich so gerne,
Wendisch noch viel lieber!

Da brummt der Dudelsack; die wendische Pfeife quiekt, daß sie der Wanderer in stiller Nacht weit draußen auf der Landstraße hört, und die dreisaitige kleine, schrille Husla ertönt dazu. Solche Musik, ungestüm und wild, liebt man. Der sonst so stille Mund wird gesprächig; die Augen leuchten heller, die Bewegungen werden bestimmter. Es ist ein Aufflackern wendischen Empfindens, wendischen Lebens, – aber das letzte Aufflackern. Das Feuer greift das Deutschtum nicht an. Denn das Lausitzer Wendenvolk sieht sein Ende vor sich.

siehe Bildunterschrift

Spreewaldbank am Hochwald.


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