Balduin Möllhausen
Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas – Band 2
Balduin Möllhausen

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Achtundzwanzigstes Kapitel

Aufbruch von Leroux' Quelle – Lager bei der vermeintlichen Cosnina Caves – Der Schneesturm – Der Ruhetag im Schnee – Reise abwärts, dem Colorado Chiquito zu – Ruinen indianischer Bauwerke – Ankunft im Tal des Colorado Chiquito – Teilung der Expedition – Hinüberschiffen über den Fluß der nach den Moqui-Städten bestimmten Abteilung – Reise am Fluß hinauf – Chevelons Fork – Zusammenkunft mit Savedra – Erzählungen über Savedra – Letztes Lager am Colorado Chiquito

Heftig fegte der Wind durch die kleinen Täler, als wir am Morgen des 28. April von Leroux' Quelle aufbrachen und Beales Straße gegen Osten folgten. Die Gipfel der San Francisco Mountains waren in dichten Nebel gehüllt, der sie wie eine regungslose Masse umlagerte; an dem sonnigen Himmel dagegen trieben kleine Wölkchen eilig dahin, und mit ihnen hielten gleichen Schritt die tiefen Schatten, welche bald die bewaldeten Abhänge der Berge, bald die grasreichen Prärien verdunkelten. Wir zogen bergauf und bergab, durch hohe Tannenwaldungen und durch liebliche Täler. Wir verließen Beales Straße, um Whipples Wagenspuren zu verfolgen, wir verloren letztere auf felsigem Boden und wandten uns der ersteren wieder zu; doch wo wir uns auch immer befanden, überall tauchten bekannte Bergkuppen und Waldungen auf, die mich lebhaft an jene Zeiten erinnerten, in denen ich mir mühsam mit meinem Tier Bahn durch den tiefen Schnee brach.

Es wurde Nachmittag, und ich riet, die nähere Richtung des Captain Whipple einzuschlagen, die ich genau wiedererkannte, doch zog es Lieutenant Ives jetzt vor, den deutlicher ausgeprägten Spuren von Lieutenant Beale zu folgen, die gemäß der von letzterem selbst eingezogenen Nachrichten an die wasserhaltige Schlucht bei den Cosnina Caves führen sollten, also zu demselben Punkt, an dem Whipples Expedition das Weihnachtsfest feierte.

Ich überzeugte mich indessen, daß wir uns zu weit südlich hielten und in der Entfernung von sechs Meilen an jener Stelle vorüberzogen. Auch vermißte ich die hohe Tannenwaldung, die damals so sehr zur Behaglichkeit unseres winterlichen Lagers mit beigetragen hatte; wohl aber vermochte ich solche über die Zederngruppen hinweg nördlich von uns zu unterscheiden. Der Boden, über den wir ritten, war trotz zahlreicher Schwellungen und Senkungen wegsam, und selten nur stießen wir auf Hindernisse, die eine Verzögerung in unserem schnellen Fortschreiten eintreten ließen. In den Schluchten, die wir passierten, erblickten wir überall Kalksteinformation, und auf dieser ruhten die ungeheuren Massen der Eruptivfelsen, die ihr Vorhandensein den nunmehr schlummernden Vulkanen verdankten, an deren Fuß wir die letzte Nacht zugebracht hatten. Weite Aschenfelder wechselten mit schwarzen Lavaströmen ab, und zwischen den bewaldeten Bergen hindurch erblickte man immer neue, fast jeder Vegetation entbehrende Kegel, deren Krater einst als glühend-flüssige Masse an den Abhängen niedersandten, was diese jetzt wie ein schwarzes Geäder schmückte.

Der Abend rückte unterdessen immer näher, die Atmosphäre wurde kälter, unheimlich heulte der Sturm durch die strichweise abgestorbenen Zedernwaldungen, und erst kurz vor dem Scheiden der Sonne erreichten wir die Stelle, die von Lieutenant Beale für die Cosnina Caves gehalten worden war und wo auch die deutlichen Spuren seines Lagers noch sichtbar waren.

Lieutenant Beale hatte auf seiner Hinreise nach Kalifornien in Albuquerque einen von Whipples alten Führern, den Mexikaner Savedra, in seine Dienste genommen. Dieser nun mußte beim Hinaufgehen vom Colorado Chiquito in die Gebirge die sehr schwachen Spuren von Whipples Expedition verloren haben; vom Zufall begünstigt, hatte er aber sechs Meilen weiter südlich eine ähnliche, aber bei weitem nicht so tiefe, wasserhaltige Schlucht entdeckt, die er alsdann seinem Kommandeur trotz des Nichtvorhandenseins der Höhlen als das Wasser bei den Cosnina Caves bezeichnete. Lieutenant Beale war gezwungen, den Versicherungen Savedras Glauben beizumessen, und wenn ich nicht sehr irre, so war dieses Lager gerade der Punkt, von dem Lieutenant Torborn, einer von Lieutenant Beales Assistenten, mir in Kalifornien versicherte, daß Captain Whipple in seinen astronomischen Beobachtungen einen Irrtum begangen haben müsse.

Wenn wirklich die von beiden Expeditionen im Lager bei den Cosnina Caves angestellten Beobachtungen sich als nicht übereinstimmend ausweisen sollten, so ist der Fehler nicht in einer der astronomischen Berechnungen, sondern lediglich in dem Umstand zu suchen, daß zwei einander ähnliche Punkte durch Zufall für denselben gehalten worden sind.

Vulkanische Asche und Lavablöcke bildeten den Boden, auf dem wir mühsam unsere Zelte errichteten; astreiche, niedrige Zedern umgaben uns, und es fehlte nicht an trockenem Holz zu den Feuern vor den Zelten. Doch gepeitscht von dem heftigen Sturm leckten die Flammen den schwarzen Boden, und kaum gelang es uns, die während des langen Rittes erstarrten Glieder vor der flüchtigen Glut zu erwärmen. Nach alter Weise rollten wir daher künstlich erhitzte Lavablöcke in die Zelte, und behaglich rauchten wir dann auf den Feldbetten ein Pfeifchen, während draußen der Sturm tobte und in heftigem Andrang morsche Bäume im hohen Forst umknickte. Das eigentümliche Singen des Windes zwischen den Nadeln der Kiefern, das Heulen des Sturms, wenn er stoßweise in eine enge Felsschlucht hinabfuhr, das ferne, dumpfe Krachen niederschmetternder Bäume, zusammen mit dem Aufschlagen einzelner schwerer Regentropfen auf die straffe Zeltleinwand – all dies vereinigte sich zu einer einschläfernden Musik, und nur der Gedanke an unsere armen Tiere, die zum Schutz gegen das Unwetter in eine enge, bewaldete Schlucht getrieben worden waren, störte uns in unseren gemütlichen Betrachtungen. Einer nach dem anderen verstummte endlich; tiefe Ruhe herrschte im Lager; im Schatten der Bäume schlichen die verhüllten Schildwachen umher, und blitzschnell entfernten sich helle Funken von den glimmenden Feuern, um auf den Flügeln des Windes in der undurchdringlichen Finsternis des Waldes zu sterben.

Peacock war der erste, der sich in der Frühe des 29. April von seinem Lager erhob, um einen Blick ins Freie zu werfen. Schneller aber, als er die Zeltwände auseinanderschob, ließ er diese wieder zusammenschlagen, als ihm durch die Türöffnung eine ganze Ladung Schnee entgegenfiel. Gleichzeitiger als an diesem Morgen hatten wir uns noch kein einziges Mal ermuntert, denn der Schnee fand gedankenschnell einen Weg zwischen unsere Decken, und besonders der Doktor und Egloffstein, die der Tür zunächst lagen, waren sehr reichlich mit der unwillkommenen Morgengabe bedacht worden. Nachdem der erste Schrecken vorüber war, bestand unsere nächste Arbeit darin, daß wir in unseren Feldbetten nach überzähligen Kleidungsstücken und Wäsche suchten, und diese übereinander auf unsere Körper streiften; dann erst, als wir uns nach besten Kräften gegen die Kälte geschützt hatten, traten wir hinaus ins Freie, wo die ganze Umgebung im schönsten winterlichen Schmuck prangte.

Gegen drei Zoll tiefer Schnee bedeckte den Boden, und ununterbrochen wirbelte der Sturm immer neue Massen auf uns nieder, so daß wir kaum die Augen zu öffnen vermochten und jeden Gedanken an die Weiterreise sogleich aufgaben. Hierzu gesellte sich noch, daß eine Anzahl der Maultiere sich unter dem Schutz des Unwetters von der Herde getrennt hatten und ihre Spuren vom Schnee zugetrieben worden waren. Nach langem, vergeblichem Suchen wurden die armen Tiere endlich einzeln aufgefunden; sie hatten sich unter dichtem Buschwerk gleichsam verkrochen, und bebend vor Kälte standen sie da mit genäßtem und beschneitem Rücken. Erst gegen Mittag klärte sich das Wetter etwas auf, und die leidenden Tiere begannen an den Abhängen der Hügel nach kärglichem Futter unter dem Schnee zu scharren.

Nicht wenig beunruhigte uns das Befinden des Doktors, der an diesem Tag von einem solchen Unwohlsein und von einer solchen Schwäche befallen wurde, daß wir schon für sein Leben fürchteten und nicht ohne Sorge an unsere Weiterreise dachten. Die Ruhe, die er zwischen seinen Decken den Tag über im Zelt genoß, sowie die warme Temperatur, die wir in dem eingeschlossenen Raum durch glühende Lavablöcke herstellten, übten indessen einen so wohltätigen Einfluß auf ihn aus, daß er am Morgen des 30. April sein Tier wieder besteigen konnte, und wenn auch nicht ohne bedeutende Anstrengungen, so hielt er doch den Tag über mit uns aus.

Das Schneelager befand sich, wenn ich es in gleicher Höhe mit den Cosnina Caves rechne, doch noch 6139 Fuß über dem Meeresspiegel; wir beeilten uns daher, jene winterlichen Regionen zu verlassen, in denen ein neuer Schneesturm uns jeden Augenblick überraschen konnte. Das Wetter war freilich milder geworden, doch hatten wir in den letzten Tagen kennengelernt, wie schnell auf solcher Erhebung die Temperatur wechselt. Die Richtung unserer Reise war ziemlich genau östlich, und nach Zurücklegung von vier Meilen auf dem sich stark senkenden Weg überschritten wir die östliche Grenze der jungen Schneedecke. Es hatte natürlich tiefer abwärts auch geschneit, doch waren die Flocken dort ebenso schnell geschmolzen, als sie den Boden berührten.

Fast gleichzeitig mit dem Schnee erreichte auch die hohe Baumvegetation ihr Ende, und bald befanden wir uns zwischen nackten vulkanischen Kegeln, die der ganzen Landschaft das Gepräge einer wilden, unfruchtbaren Wüste verliehen. Ein Marsch von neun Meilen brachte uns auf die Westseite der konischen Hügel, und wir bezogen unser Lager nahe einer Gruppe von Zedernbüschen, die uns sehr spärlich trockenes Holz zu den unentbehrlichen Lagerfeuern lieferten. Wasser befand sich dort nicht, doch lag gegen Norden vor uns die weite Senkung des Bodens, in dessen Mitte der Colorado Chiquito floß, und es gewährte einigen Trost, uns in nächster Zeit gegen Wassermangel gesichert zu wissen.

Obgleich sonnig, war es am 1. Mai doch sehr kalt, und da uns heftiger Nordwind gerade ins Gesicht wehte, so fühlten wir das Unangenehme der rauhen Temperatur doppelt. Mit rüstigem Schritt folgten wir indessen Beales Spuren, die an geeigneter Stelle zum Fluß hinabführen mußten, und trotz der vielen Windungen gelangten wir schnell vorwärts in der unbeschreiblich öden Wildnis. Die Unebenheiten des Weges waren vergleichsweise nur gering zu nennen, denn die tiefen, unzugänglichen Schluchten liefen, in derselben Richtung mit uns, dem Fluß zu und hinderten nicht weiter, als daß sie uns zuweilen zu Umwegen zwangen. Die Oberfläche bestand größtenteils aus massiven Gesteinslagen, und da diese ungeachtet des verschiedenen Alters und der verschiedenen Härte mit merkwürdiger Gleichförmigkeit dem Fluß zu niedergewaschen waren und wir deren Stärke früher an den korrespondierenden Straten der tiefen Cañons beobachtet hatten, so konnten wir mit ziemlicher Genauigkeit an der Farbe und dem Charakter unseres Weges berechnen, um wieviel Fuß wir uns von Meile zu Meile niedriger befanden. Lavafelder und Ströme bedeckten nach allen Richtungen hin den Kalkstein; den weiten Umfang dieser Formation hatten wir schon auf der Westseite der Gebirge kennengelernt, und gegen Norden nach dem durchbrochenen Plateau hinüberblickend, vermochten wir leicht die Fortsetzung dieser fast horizontalen Gesteinsschicht an der Farbe wiederzuerkennen und mit den Augen weithin zu verfolgen.

Ehe wir die Lavaanhäufungen verließen, gewahrte ich die Ruinen eines kleinen indianischen Bauwerks, dieselben, die ich in dem vorhergehenden Kapitel als die Überreste eines Wachtturms bezeichnete. Beim Hinblick auf die felsige, nicht zur geringsten Nutzung geeignete Wüste mußte es befremden, daß einst gerade an solcher Stelle menschliche Wesen hausten. Ich ritt daher zu den Trümmern hin, um deren Charakter genauer kennenzulernen, und wider Erwarten fand ich die tiefe Schlucht, auf deren Ufer sie sich erhoben, vollständig trocken. Allerdings konnte unter dem vulkanischen Sand, der den Boden der Schlucht größtenteils bedeckte, eine Quelle oder eine zur Zisterne sich eignende Felsvertiefung verborgen liegen, doch erblickte ich sonst nichts, was selbst einen wilden Eingeborenen zum Verweilen an jenem Ort hätte veranlassen können. Der turmartige Bau der Ruinen, die augenscheinlich nicht zur Wohnung von Menschen bestimmt gewesen waren, ferner der Umstand, daß sich diese auf dem nächsten und gangbarsten Weg von den Quellen des Rio Verde nach dem Colorado Chiquito und zugleich eine Tagesreise von diesem Fluß befanden, war der erste Grund zur Idee einer früheren Heerstraße zwischen diesen beiden Flüssen; eine Idee, die sich im Verlauf meiner ferneren Reise und im Vergleich mit den Erfahrungen früherer Jahre immer mehr und mehr festigte.

Während unseres Rittes auf dem metallähnlich klingenden Gestein hatten wir gegen Norden und Nordwesten beständig eine Aussicht vor uns, die, obgleich in bläulichen Duft gehüllt, uns an die tiefen Cañons, wie ich sie früher beschrieb, lebhaft erinnerte. Es war in der Tat eine östliche Ausdehnung jenes hohen Plateaus, nur daß hier die zerstörenden Wirkungen des Wassers und der Atmosphäre nachdrücklicher gewesen und mehr von den oberen Schichten des Plateaus fortgenommen, dagegen nicht so tief in die feste Erdrinde hineingewühlt hatten. Das Farbenspiel war übrigens ganz dasselbe wie früher, und auch das Gewirr von abgesonderten Wällen, Mauern und Türmen zeigte denselben Charakter wie jene in den Cañons; dagegen gewahrte ich gegen Nordosten eine Anzahl basaltischer Kuppen, die sich auf dem Trias-Plateau erhoben. Nach einem Marsch von etwa zehn Meilen erreichten wir die Lage des roten Sandsteins, die alsdann bis in die Nähe des Flusses die Oberfläche des Bodens bildete und auf das wunderlichste ausgewaschen und abgespült war. Der Sandstein war durchzogen mit roten Lehmstreifen, und mehrfach traten magnesiahaltiger Kalkstein und Dolomit in regelmäßigen Schichten von sechs Zoll bis zu einem Fuß Stärke zutage, und diese senkten sich wie die ganze massive Gesteinslage in einem Winkel von zehn bis sechzehn Grad gegen Norden.

Beständig niedersteigend, gewannen wir endlich die Aussicht auf das Tal des Colorado Chiquito, der sich in vielen Windungen, so weit das Auge reichte, aus Südosten gegen Nordwesten hinzog und dort in den tiefen Schluchten verschwand. Ich war überrascht, als ich die waldigen Uferstreifen erblickte und zugleich bemerkte, daß der Frühling dort noch nicht eingekehrt war. Zwar ruhte es wie ein leiser, grünschimmernder Hauch auf Baum und Strauch, doch war die winterliche Farbe noch vorherrschend, aber demungeachtet war es, als ob das Tal mit seinem Strom und die Ufer mit ihrem Laubholz uns freundlich entgegenlächelten. Wir trieben die Tiere an, und auf den letzten vier Meilen einer Schlucht nachfolgend, erreichten wir noch vor Abend den ersehnten Fluß, nachdem wir seit dem frühen Morgen eine Strecke von 17½ Meilen zurückgelegt hatten. Es war nicht schwer, eine angenehme Lagerstelle zu finden, denn Holz, Wasser und Gras befanden sich überall, und es kam also nur darauf an, die sich etwa bietenden größeren Bequemlichkeiten im Auge zu behalten und womöglich weichen Rasen zu Unterlagen für unsere Betten zu entdecken; eine willkommene Zugabe, nachdem unsere Glieder so lange von scharfem Gestein gepeinigt worden waren.

Wir lagerten ganz in der Nähe des Punktes, an dem die Expedition Captain Whipples im Jahre 1853 diesen Fluß verließ, und somit nach dessen Berechnung unter 35° 18' 43'' 78''' n. Br. und 110° 53' 37'' 05''' westlich von Greenwich. Die Erhebung des Lagers über dem Meeresspiegel betrug nur noch 4597 Fuß, und dies war zugleich der niedrigste Punkt, den wir zwischen den San Francisco Mountains und dem Rio Grande del Norte berührten.

Ehe wir am Abend das Feuer verließen, wurde ein neuer Plan für die Fortsetzung unserer Reise entworfen. Lieutenant Ives nämlich, noch immer von der Hoffnung beseelt, den Großen Colorado wiederzufinden, beabsichtigte einen letzten Versuch zu wagen, in nördlicher Richtung durchzudringen, um in der Nähe der Moqui-Städte, vielleicht von den Indianern selbst geführt, an den Strom hinabzugelangen. Der Zustand unserer Tiere sowie auch der Mangel an Lebensmitteln gestatteten es indessen nicht, diese Reise mit der ganzen Expedition zu unternehmen, es sollte deshalb zu einer Teilung derselben geschritten werden, und zwar so, daß Lieutenant Ives, Dr. Newberry und Egloffstein, begleitet von einigen Soldaten und Packknechten und ausgerüstet mit den besten Tieren sowie mit Lebensmitteln auf fünfzehn Tage, sich nördlich wandten, während die Hauptexpedition, nur noch auf acht Tage mit Rationen versehen, versuchen sollte, in kürzester Zeit die Stadt Zuñi zu erreichen. Von dort aus sollte sie, nach Vervollständigung der etwa mangelnden Lebensmittel, in nördlicher Richtung nach Fort Defiance ziehen, um auf diesem Militärposten wieder mit Lieutenant Ives und seinem Kommando zusammenzutreffen.

Obschon ich mehr Neigung fühlte, die Moquis zu besuchen, so mußte ich mich doch entschließen, mit der Expedition nach Zuñi zu reisen, denn da ich den Weg sowie die Wasser- und Lagerstellen dorthin genau kannte, glaubte Lieutenant Ives meine Kenntnis des Landes nicht besser verwerten zu können, als wenn er mich aufforderte, dieser Abteilung gleichsam als Führer zu dienen. In Fort Defiance nun sollten abermals Lebensmittel bezogen werden, und zwar soviel, als zur Reise bis nach Albuquerque am Rio Grande erforderlich waren, wo alsdann die Auflösung der Expedition und danach die Heimreise der einzelnen Mitglieder bevorstand.

Dr. Newberry, Peacock und zuletzt auch Egloffstein – der ursprünglich nach Kalifornien zurückzukehren beabsichtigte – hatten sich endlich für meinen Plan der Reise durch die Prärien entschieden, und so wurde uns denn von Lieutenant Ives, der sich von unserem festen Entschluß überzeugt hatte, jede Hilfe von seiten des Gouvernements zugesagt, wobei er den Wunsch äußerte, daß wir die Arbeiten und Sammlungen der Expedition auf diesem Weg mit uns nach den Vereinigten Staaten führen möchten. Natürlich waren wir gern bereit dazu, doch erhoben wir Einwände, als er uns zum Schutz gegen die Eingeborenen eine Eskorte aufdrängen wollte. Denn einesteils erblickten wir in einer Militäreskorte eine Last, die uns nur in unseren freien Bewegungen hinderte, dann aber auch glaubten wir uns mit unseren Erfahrungen leichter zwischen feindlichen Indianerhorden hindurchwinden, als diesen mit einigen Dutzend Soldaten die Spitze bieten zu können. Die nächste Zukunft beschäftigte uns indessen zu sehr, als daß wir schon an die Ausrüstung zum Ritt durch die Steppen hätten denken mögen, und allein schon beglückte mich vorläufig die Aussicht einer Reise, deren Freuden ich in früheren Jahren so vielfach und so lange genossen hatte und für die ich noch immer mit ganzer Seele schwärmte.

Der 2. Mai wurde zum Ruhetag bestimmt und die Teilung der Expedition vorgenommen. Die für Lieutenant Ives und sein Kommando bestimmten Gegenstände wurden mittels eines Leinwandbootes nach der Nordseite des Flusses hinübergeschafft und in beiden Lagern die Vorbereitungen zu einem frühen Aufbruch am folgenden Tag getroffen. Ich durchstreifte unterdes jagend die nächste Umgebung, erblickte auch zahlreiche frische Spuren von Hirschen, doch das Wild selbst hatte sich wie gewöhnlich aus der Nachbarschaft des geräuschvollen Lagers entfernt, und nur kleinere Vögel der mannigfaltigsten Art belebten die Baumgruppen, die mit niederem Buschwerk und Gestrüpp abwechselten. Unter den Bäumen bemerkte ich kaum etwas anderes als die einzige Art des Cottonwood-Baums; zwar lagen sehr vereinzelt einige modernde Stämme von Eichen und Nußbäumen umher, doch schienen diese aus weiter Ferne dorthin geschwemmt und diesem Teil des Colorado Chiquito nicht eigentümlich zu sein. Talgholzsträuche und Artemisien bedeckten dicht weite Strecken, und nahrhaftes Gras wucherte nur da, wo es von dem ebengenannten Gestrüpp nicht erstickt worden war. Die Vogelwelt am Kleinen Colorado lieferte mir dafür reichere Beute, und manche Art erkannte ich wieder, die ich schon vor Jahren in derselben Gegend bemerkt und teilweise auch gesammelt hatte.

Der Fluß selbst erschien mir ganz anders als bei meiner früheren Anwesenheit in jener Gegend, denn der letzte Schnee in den Gebirgen war im Zergehen, und wo früher ein seichter Bach rieselte, da drängte sich jetzt ein tiefer, reißender Strom zwischen den lehmigen Ufern hin, so daß es Mühe verursachte, die unbepackten Tiere, die zur Moqui-Expedition bestimmt waren, durch diesen schwimmen zu lassen.

Die Teilung war endlich bewerkstelligt, und aufs herzlichste nahmen wir Abschied voneinander, als das Boot am Abend mit der letzten Ladung unserer Gefährten über den Fluß setzte. Jedes Mitglied wußte, daß wir uns nun in dem Gebiet der Navajos-Indianer befanden, von denen wir in dieser abgelegenen Wildnis alles zu fürchten hatten, wenn sie uns in überlegener Anzahl begegneten. Wir teilten uns daher scherzweise gegenseitig unseren Letzten Willen mit für den Fall, daß der eine oder der andere nicht in Fort Defiance eintreffen sollte, und bald darauf plätscherte der Strom zwischen den beiden vollständig abgesonderten Expeditionen.

Fast gleichzeitig verließen die beiden Trains am 3. Mai ihre Lager, um in entgegengesetzten Richtungen demselben Ziel zuzueilen. Das Wetter war herrlich, die Straße eben, und schnell vergrößerte sich der Zwischenraum zwischen uns und unseren Gefährten. Wir bogen schon nach kurzer Zeit aus dem Tale, das einen weiten Bogen gegen Norden beschrieb, ab, und die südöstliche Richtung beibehaltend, rechneten wir darauf, am Abend wieder an den Fluß zu gelangen. Unsere Umgebung blieb während des ganzen Tages unverändert und war durchaus nicht geschaffen, ein besonderes Interesse zu erregen. Der Weg führte über roten Lehmboden und umfangreiche Kiesfelder, welche häufig von Schluchten aufgerissen waren; der öde, trübe Charakter des Landes aber, in dem sogar Artemisien und Talgholzpflanzen zu den Seltenheiten zu gehören schienen, blieb ununterbrochen derselbe. Doppelt freundlich schimmerte dafür der Waldstreifen des Flusses aus der Ferne zu uns herüber, und wenn dieser Anblick uns durch eine neidische Schwellung des Bodens entzogen wurde, dann ergötzte ich mich an den schönen Bergformen, die am Horizont auftauchten und die ermüdende Einförmigkeit der ringsum ansteigenden scheinbaren Ebene malerisch unterbrachen. In lichteres Blau hüllten sich allmählich die San Francisco Mountains, doch unverändert in Farbe und Gestalt blieben südlich von uns die nebligen Gipfel des Mogollon-Gebirges liegen. Im Norden spielte die Mirage mit den buntschillernden Felsformationen, und vor uns auf dürrem Boden schaffte sie wie neckend trügerische Wasserspiegel, die, gleichsam mit uns Schritt haltend, sich ebenfalls gegen Südosten schoben. Eidechsen und Hornfrösche schlüpften zwischen den Hufen der Maultiere hervor, große Weihen schwebten über dem Tal des Colorado Chiquito, neugierige Antilopen betrachteten uns aus der Ferne, wir aber zogen ungestört unsere Straße und erreichten endlich nach einem Marsch von achtzehn Meilen wieder das Tal des Flusses, wo wir sogleich unter einer Gruppe von Cottonwood-Bäumen unser Zelt aufschlugen.

Vor Einbruch der Nacht durchforschte ich sorgfältig das Tal in seiner ganzen Breite, doch entdeckte ich nur zwei ältere Fährten, die von den Mokassins einiger jagender Apachen herrührten, ein sicherer Beweis, daß die Navajos ihre Frühlingsjagd hier noch nicht begonnen hatten und wir hoffen durften, nicht vor unserer Ankunft in ihren Ansiedelungen mit dieser räuberischen Nation zusammenzutreffen.

Die Nacht verging ohne Störung, und als am 4. Mai die ersten Strahlen der Sonne in den Kronen der Bäume spielten, waren wir schon zur Weiterreise gerüstet. Diesmal verließen wir das Tal nicht, sondern zogen in geringer Entfernung vom Fluß hin, wobei wir nach einer passenden Übergangsstelle ausschauten. Nach Zurücklegung von sechs Meilen stießen wir auf ein Flüßchen, das, aus dem Süden kommend, sich im Tal des Colorado in mehrere Arme teilte und danach sich mit diesem Strom vereinigte. Ich erkannte es als Chevelons Fork, das ich früher als eine trockene Schlucht gesehen hatte. So unbedeutend der Bach erschien, so verursachte dessen Überschreiten doch viel Mühe, und wir waren nahe daran, einige der schwächeren Tiere in dem aufgeweichten, sumpfigen Boden zu verlieren.

Nachdem wir, ohne ernstlichen Unfall zu erleiden, über Chevelons Fork gelangt waren, wandten wir uns sogleich dem Colorado Chiquito zu, wo wir bald eine Stelle entdeckten, deren fester Sandboden und ebenso feste Ufer uns den Übergang zu erleichtern versprachen. Die Strömung war indessen sehr stark, und um nicht samt den Tieren fortgerissen zu werden, entkleideten wir uns, befestigten Zeug wie Waffen auf den Sätteln, und jeder sein Tier am Zügel führend, stiegen wir in die eisigkalten Fluten hinab. Der Andrang des Wassers, das uns bis über die Hüften reichte, war sehr heftig, und nur mit Mühe vermochten wir uns auf den Füßen zu halten; wir erreichten indessen wohlbehalten das jenseitige Ufer, und es blieb uns dann noch die schwierigere Arbeit, auch die beladenen Packtiere hinüberzuschaffen. Nachdem wir vorsichtig die beste Richtung erforscht und die Ufer hatten niederstechen lassen, wurden die kräftigsten Tiere in den Fluß getrieben, Leute mit Peitschen hielten sie in einer Reihe hintereinander, und so stiegen sie denn eins nach dem anderen nach dem nördlichen Ufer hinauf, wo sie sogleich ihrer Last entledigt und die Vorbereitungen zum Lagern getroffen wurden.

Es war freilich noch nicht um die Mittagszeit, als der letzte Mexikaner den Fluß durchschritt, doch wurde der übrige Teil des Tages zum Trocknen der durchnäßten Gegenstände und zur Ruhe für die Tiere bestimmt. Unser Lager befand sich hart am Ufer des Flusses; weithin gegen Westen, Norden und Osten dehnte sich das Tal aus, das an dieser Stelle durch ältere und neuere Überschwemmungen versandet war und daher nur wenig Gras zum Durchbruch hatte kommen lassen. Da wir indessen die Fläche, auf der sich kein Baum erhob, nach allen Richtungen hin zu übersehen vermochten, so wurde die Herde der Freiheit überlassen, damit sie sich nach Willkür ausdehnen und die wenigen grünen Halme aufsuchen konnte, die vorzugsweise in der Nähe der alten Anhäufungen von moderndem Treibholz und zwischen den jungen Weidenschößlingen wucherten.

Den Nachmittag brachte ich mit Angeln hin, doch schien das trübe Wasser arm an Fischen zu sein, und nur ein einziges Exemplar erhielt ich aus jenem Fluß, das ich sogleich meiner Sammlung beifügte. Es war dieselbe Gattung, die ich schon am Großen Colorado kennengelernt hatte und die sich durch den Höcker auf dem Rücken auszeichnet.

Wir setzten in der Frühe des 5. Mai unsere Reise fort, und zwar ritten wir in nordöstlicher Richtung dem nördlichen Saum des Tals zu, wo wir, möglichst gerade gegen Südosten ziehend, die zahlreichen Windungen vermieden, in welchen der Fluß beständig von dem einen nach dem anderen Talrand hinüberschwankte. Gegen Mittag kamen wir durch das trockene Bett der Cottonwood Fork, eines augenscheinlich nur bei heftigem und anhaltendem Regen Wasser führenden Flusses, der sich aus Nordost dem Colorado Chiquito zugesellt. Vereinzelte Cottonwood-Bäume bezeichnen das breite, sandige Flußbett, und diese waren die Veranlassung, daß Captain Whipple der trockenen Schlucht einst den Namen eines Nebenflusses beilegte. Abwechselnd befanden wir uns im Tal selbst oder in der angrenzenden Wüste, je nachdem es die von uns eingeschlagene Richtung erheischte und ebener Boden uns zu Abweichungen von dieser veranlaßte. In der geologischen Formation war keine Veränderung bemerkbar, nur selten trat grauer Sandstein zutage, doch häufiger bedeckten glattgewaschene Fragmente schönfarbigen versteinerten Holzes die nackte Erdoberfläche. Wir reisten sechzehn Meilen und bogen dann in das Tal ein, wo wir in einem anmutigen Winkel auf dem Ufer des Flusses unser Lager bezogen. Nicht weit von unseren Zelten entdeckte ich eine Stelle, an der ein Trupp Navajos bei Gelegenheit der Herbstjagd längere Zeit verweilt hatte. Eine überhängende Felswand, die ihnen etwas Obdach gewährte, hatte sie angezogen, und daß ihre Jagden dort sehr erfolgreich gewesen waren, davon zeugten die zahlreichen Schädel und Geweihe starker Hirsche, die den Boden des verlassenen Lagers gleichsam bedeckten.

Als eine sehr annehmbare Zugabe zu unseren dürftigen Speisen betrachteten wir die wilde Zwiebel, die dort vorzugsweise heimisch zu sein schien. Sie war nur klein, doch stand sie stellenweise so dicht umher, daß wir mit geringer Mühe soviel einsammeln konnten, als nötig war, um auf einige Tage unsere Speisen zu würzen.

Die Nacht war stürmisch und kalt, und schwere Wolken umdüsterten den Himmel, als wir am 6. Mai unsere Weiterreise antraten. Nach gewohnter Weise zogen wir am Rande des Tals dahin und befanden uns kaum zwei Meilen von unserem Lager, als wir plötzlich in der Ferne eines Reiters ansichtig wurden, der in gerader Richtung auf uns zueilte. Dem Reiter folgten zwei Fußgänger, die ein paar Maulesel oder Pferde vor sich hertrieben. Der zufällige Anblick eines Menschen in einer Wildnis, wo man am wenigsten auf Menschen zu stoßen erwartet, ist immer hinreichend, die größte Neugierde bei Reisenden hervorzurufen, und jeder einzelne ergeht sich gern in Mutmaßungen und Schlüssen über das Woher und Wohin des einsamen Wanderers, die nicht eher ihr Ende nehmen, als bis direkte Fragen an diesen gestellt werden können. Bei unserer Gesellschaft entstand allgemein zuerst die Frage: Sind es Indianer oder weiße Menschen? Als wir uns für überzeugt hielten, daß es keine Eingeborenen waren, folgte die zweite Frage: sind es amerikanische Trapper oder mexikanische Jäger?

Unsere Zweifel wurden bald gelöst, als ein vierschrötiger Mexikaner zu uns herantrabte und uns mit höflicher Bewegung sein Buenos dias, señores« zurief.

Ich hatte den Fremden aufmerksam betrachtet, seine Züge erschienen mir bekannt, doch kaum vernahm ich den Ton seiner Stimme, als ich ihm antwortete: »Come le va, compadre Savedra

Savedra, denn es war wirklich Captain Whipples alter Führer, stutzte, blickte mir in die Augen, spornte sein Tier an meine Seite, und mit dem Ausruf: »Mi care amigo!« breitete er mir seine Arme entgegen.

Ebensowenig, wie es mit unserer Gevatterschaft ernst war, hatten auch die innigen Freundschaftsbezeigungen einen tieferen Grund, doch gestehe ich, daß es mir viel Freude gewährte, hier mit einem Bekannten zusammenzutreffen und von diesem so herzlich begrüßt zu werden. Ich folgte also Savedras Beispiel, und nachdem ich, um einer tragischen Szene vorzubeugen, meine Büchse, die vor mir quer auf dem Sattel lag, über die Schulter geworfen hatte, umarmten wir uns mit dem ganzen Zeremoniell wohlerzogener Mexikaner, die trotz der abgerissenen, nicht zu sauberen äußeren Hülle das Herz und den Wert des besten Caballeros in sich zu fühlen glauben.

Das Fragen und Antworten nahm endlich seinen Anfang; um uns herum hielten unsere Packknechte und Soldaten sowie auch Savedras Begleiter, und gespannt lauschte jeder auf die Unterhaltung zwischen Señor Savedra, Peacock und mir. Außer daß wir uns gegenseitig sehr umständliche Berichte über den in den letzten Tagen zurückgelegten Weg, über die besten Lagerstellen, Wasser, Gras sowie auch über die etwa zu begegnenden Eingeborenen machten, erfuhren wir auch noch, daß Savedra den Lieutenant Beale auf seiner Rückreise von Kalifornien nach den Vereinigten Staaten bis an den Rio Grande begleitet hatte und daß letzterem im Tal des Colorado Chiquito einige Maultiere verlorengegangen seien. Nach ihrer Ankunft in Albuquerque, von wo aus Lieutenant Beale direkt nach Fort Shmith am Arkansas reiste, hatte Savedra sich mit zwei Gefährten auf den Weg begeben, um, wie er sagte, für Lieutenant Beale die drei oder vier Maultiere zu suchen. Peacock, der während seines langjährigen Aufenthaltes in Neu-Mexiko ganz eigene Ansichten über den Charakter der Mexikaner gewonnen hatte, lächelte zwar ungläubig zu Savedras Worten, doch war ich der Meinung, daß ein Mann, der über zweihundertfünfzig Meilen durch die Wildnis reise, um verlorengegangene Maultiere zu suchen – und der überhaupt wenig Aussicht auf sicheren Erfolg hatte, da einesteils die Tiere schon längst von den Indianern gefunden sein konnten und andernteils, wenn er sie wirklich fand, doch immer zusammen mit seinen eigenen die Raublust der Navajos reizen konnte –, wohl dazu berechtigt sei, auf diese Weise erworbenes, bereits aufgegebenes fremdes Eigentum als sein eigenes zu betrachten.

Nachdem wir uns gegenseitig genug gefragt und erzählt hatten, richtete Savedra die Bitte an uns, ihm mit Salz und Mehl auszuhelfen. Die Bitte war schwer zu bewilligen, denn wir selbst mußten uns schon seit längerer Zeit mit halben Rationen begnügen und konnten nicht wissen, ob wir nicht durch unvorhergesehene Fälle gezwungen sein würden, länger, als wir erwarteten und rechneten, auf der Strecke bis zur Stadt Zuñi zubringen zu müssen. Es wurde ihm indessen Salz sowie etwas Mehl verabreicht, und als wir uns dann voneinander trennten und in entgegengesetzter Richtung dahinritten, erging sich Peacock in den bittersten Bemerkungen über die Mexikaner und ihre Fehler. »Da verlassen diese Menschen ihre Heimat«, grollte er, »um eine Reise von vielen hundert Meilen zu unternehmen; ihr ganzer Mundvorrat besteht aus einem kleinen Säckchen mit Pinole;Pinole besteht aus Mais und Weizen, der zwischen zwei glatten Steinen zu überaus feinem Mehl gerieben und sodann mit braunem Zucker vermischt wird. Ein Löffel voll dieser Masse, in kaltem oder kochendem Wasser aufgelöst, genügt, um eine sehr nahrhafte Suppe herzustellen. Befindet sich unter dem Pinole ebenso fein geriebenes, gedörrtes Rindfleisch, so läßt sich kaum etwas Geeigneteres für Reisende jener unwirtlichen Regionen denken; denn ein Mann kann auf diese Weise seinen notwendigen Lebensunterhalt auf vier Wochen ohne Unbequemlichkeiten mit sich führen. ein Löffel desselben täglich genügt, um ihnen das Leben zu erhalten, und so hungern sie ihre Zeit hin, bis sie anderen Reisenden begegnen, die dann gleichsam gezwungen sind, ihnen von ihren kargen Lebensmitteln zukommen zu lassen.« Peacock trug in seiner Beschreibung der mexikanischen Reisenden die Farben ziemlich stark auf, doch hatte er im Grunde recht, denn es erscheint oft kaum glaublich, daß ein gesunder Mann mit so wenig Nahrungsmitteln sein Leben zu fristen vermag, mit denen der Mexikaner schnell und ausdauernd reist.

Unser Marsch betrug zwölf Meilen, und er brachte uns bis zu dem Punkt, wo der Colorado Chiquito sich südlich wendet, während Zuñi fast genau östlich von jener Biegung liegt. Es war also unser letztes Lager an jenem Fluß, und wir hatten von dort ab lange Märsche durch wasserlose Wüsten zurückzulegen, bevor wir uns den indianischen Pueblos an den Abhängen der Rocky Mountains, und somit den Ansiedlungen im Tal des Rio Grande näherten. Aus diesem Grund verließen wir auch den Fluß an diesem Tag nicht mehr, obwohl wir noch wenigstens sechs Meilen bis zum Abend hätten zurücklegen können, und hielten an der nördlichsten Spitze des fließenden Wassers, wo wir leicht eine geeignete Lagerstelle entdeckten.

Der Donner krachte, Blitze sprühten, Hagel und Regen prasselte auf uns nieder und als das Wetter sich aufzuklären begann, waren wir gerade mit dem Aufrichten der Zelte fertig geworden und beeilten uns dann, vor einem tüchtigen Feuer unsere genäßten Kleidungsstücke wieder zu trocknen. Das Gewitter hatte einen heftigen, sehr kalten Westwind zurückgelassen, der den Aufenthalt im Freien unangenehm machte, wir begaben uns daher frühzeitig auf unsere Feldbetten, besprachen aber bis tief in die Nacht hinein die neuesten Tagesereignisse, zu denen besonders unser Zusammentreffen mit Savedra gehörte. Peacock wurde, als wir auf die neumexikanische Bevölkerung zu sprechen kamen, überaus redselig, und zwar tadelte er an den Männern alles, so daß zuletzt kein gutes Haar an ihnen blieb; die Mexikanerinnen dagegen erhob er in den Himmel, sowohl ihrer Schönheit als auch ihres Charakters wegen, und mit Enthusiasmus schilderte er die wonnigen Tage, die ihm in früheren Jahren das schöne Geschlecht in Santa Fé bereitet hatte.

Da meine Ansichten weniger kalifornisch waren, so nahm ich die Männer wieder mehr in Schutz, doch konnte ich auch nicht umhin, durch das Erzählen kleiner Ereignisse die neumexikanische Eitelkeit und Tapferkeit zu illustrieren. »Don Savedra, den Sie heute mit soviel Mißtrauen beobachteten«, hob ich an, »ist einer der freundlichsten und gefälligsten Menschen, die man nur finden kann; ich will seine Eigenschaften als Führer und Waldläufer gerade nicht als außerordentlich rühmen, doch zeigt er stets einen so eifrigen, guten Willen, daß man sich gern geneigt fühlt, über kleine Mängel hinwegzublicken.

Als er im Jahre 1853 von Captain Whipple engagiert wurde, übernahm er die Rolle eines zweiten Führers – der bekannte Antoine Leroux war ja der erste –, und der gutmütige Mexikaner schien sich seinen Landsleuten gegenüber nicht wenig auf seine Stellung sowie auf das in ihn gesetzte Vertrauen einzubilden. Einen komischen Beweis hierfür erhielt ich damals im Lager am Lithodendron Creek, einem trockenen Flußbett, in dem wir wahrscheinlich morgen übernachten werden. Die uns begleitenden Zuñi-Indianer beabsichtigten nämlich vom Colorado Chiquito aus wieder heimzukehren und zugleich die bereitgehaltenen Briefe des einen oder anderen von uns nach Albuquerque zu befördern. Auch Savedra hatte geschrieben, doch waren die eigenen Worte ihm nicht genügend, seinen Verwandten und Bekannten einen Begriff von der Wichtigkeit seines Postens sowie von seinen Fähigkeiten beizubringen, und er wünschte diesem Schreiben auch noch ein Porträt von sich hinzufügen zu können. Er trat also zu mir ins Zelt und ersuchte mich auf das höflichste, eine leichte Bleifederzeichnung von seiner ganzen Figur zu entwerfen. Natürlich war ich sogleich bereit, ihm nach besten Kräften seine Bitte zu erfüllen, doch kaum befanden sich Papier und Stift in meinen Händen, als er mich mit etwas verschämter Miene noch einen Augenblick zu zögern bat, um seine Ansichten und Wünsche hinsichtlich des Bildes zu vernehmen. Diese lauteten ungefähr folgendermaßen: ›Zeichnen Sie mich auf die Mitte des Papiers, wie ich durch eine wasserlose Wüste dahingaloppiere und mit der rechten Hand, in der ich einen gespannten Revolver halte, auf eine schöne, frische Quelle zeige. Im Hintergrund bringen Sie den ganzen Train an, der sich nach langem Wassermangel mühsam dahinschleppt; einige Schritte hinter mir bitte ich Sie die Gentlemen der Expedition zu zeichnen, wie diese voll Freude über meine glückliche Entdeckung ihre Tiere zur Eile anspornen, aber lassen Sie alle recht müde und durstig aussehen!‹

So kindisch mir auch Savedras Anliegen erschien, so suchte ich doch seinen Wünschen so genau wie möglich nachzukommen. Ich zeichnete daher die wichtigsten Punkte und Gegenstände, die mehr als alles andere ins Auge fallen sollten, unverhältnismäßig groß, was nicht wenig zu Savedras Zufriedenheit beitrug. So erhielt er selbst zum Beispiel einen Bart, der ihm bis auf den Sattelknopf reichte, was keine geringe Schmeichelei für sein kurzes, krauses Bärtchen war. In die Hand gab ich ihm einen Revolver von der Länge seines Arms, an die Seite hing ich ihm statt des kurzen Dolchmessers ein langes, zweihändiges Schwert, und die Ohren seines Lieblingsmaultiers, das er ritt, zeichnete ich, damit es ja nicht mit einem Pferd verwechselt werden sollte, so lang wie seine Beine. Die Quelle nun glaubte ich nicht treffender darstellen zu können, als durch einen Springbrunnen, der einen mächtigen Wasserstrahl bis in die Wolken sandte. Nachdem ich sodann die Reiter und deren Tiere sowie alle sichtbaren Menschen und Maulesel des ganzen Trains zum Zeichen ihres Durstes und ihrer Müdigkeit mit ellenlangen, herabhängenden Zungen geschmückt hatte, überreichte ich mit verbissenem Lachen Don Savedra meine Arbeit. Unter den Versicherungen der größten Dankbarkeit nahm der eitle Mexikaner das Blatt hin, betrachtete es aufmerksam, und immer deutlicher wurde der Ausdruck innerer Zufriedenheit auf seinen Zügen, als er die große Verständlichkeit gewahrte, durch die das Bild sich auszeichnete. Er überschüttete mich förmlich mit Danksagungen, siegelte alsdann das Bild in einen Brief, und ich bin überzeugt, daß es in irgendeiner kleinen Stadt von Neu-Mexiko unter Glas und Rahmen zwischen einigen Heiligenbildern hängt. Übrigens schenkte mir Savedra, als wir uns später in Kalifornien trennten, ein Paar Sporen zum Andenken, die ich mit nach Europa nahm und bis jetzt sorgfältig aufbewahrt habe; es sind monströse Dinger, wenigstens ein halbes Pfund schwer und reich mit klirrenden Ketten und Zierat behängt.«

»Echt neumexikanisch!« rief hier Mr. Peacock aus.

»Nein, echt menschlich, müssen Sie sagen, denn dem kleinen Bryan, der auf der ›Explorer‹ nach Fort Yuma zurückkehrte und der kein Neu-Mexikaner, sondern ein gesunder, amerikanisierter Irländer ist, mußte ich ja einen ähnlichen Dienst erweisen, und zwar wünschte dieser ein Porträt für seine Braut. Er wollte nur mit angelegtem Gewehr gezeichnet sein, und als Staffage mußte ich ein halbes Dutzend tote Indianer zeichnen, die schon von seiner Büchse gefallen waren. Der kleine, närrische Mensch stand beinahe eine Stunde vor mir mit zeitweise angelegtem Gewehr, gerade so lange, bis ich Indianer, Bäume und Vordergrund fertig gezeichnet hatte, denn obgleich sein Gesicht in der eigentümlichen Stellung ebensowenig in Natur wie auf dem Papier zu sehen war, so glaubte er doch nicht, daß man imstande wäre, auf andere Weise zu porträtieren. Ich ließ ihn in seiner Stellung und bei seinem Glauben, war es mir doch leichter, eine Ähnlichkeit der Figur ohne Gesicht als mit diesem auf dem Papier herzustellen, und nicht geringer als Savedras Dankbarkeit war die des Irländers Bryan, als er seine kurze Figur in dem Bild wiedererkannte. Das Gegengeschenk aber, das er mir in Form eines Dollars bot, schlug ich freilich aus.

Von dem Mut Savedras habe ich keine so schlagenden Beweise als von seiner harmlosen Eitelkeit; ich weiß nur, daß er einst mit mehreren Gefährten – unter diesen auch einige der sonst so friedliebenden Moquis und Zuñis – eine kleine Expedition gegen die Apachen unternahm, um Kinder derselben zu Peons oder Leibeigenen zu rauben. Es ist ein solches Verfahren vielleicht nur deshalb verzeihlich, weil sich zahlreiche Mexikaner unter den Apachen befinden, die ebenfalls als Kinder ihrer Heimat entrissen wurden und ihr Leben teils als Sklaven, teils als anerkannte Mitglieder der eingeborenen Stämme hinbringen. Savedra gelangte mit seiner Expedition wirklich bis in die Nähe des anzugreifenden Dorfes, doch liefen die Wilden ganz wider Erwarten diesmal nicht davon, sondern fielen über ihre Feinde her und jagten sie nach einem, wenn ich nicht irre, ganz unblutigen Kampf in die Flucht. Ich glaube, dies war das erste- und letztemal, daß Savedra sich an dergleichen Unternehmungen beteiligte.

Ein Vorteil ist ihm übrigens aus dieser Expedition erwachsen, und zwar der, daß er sich mit den San Francisco Mountains soweit bekannt gemacht hatte, um sich später zu dem einträglichen Posten eines Führers durch jene Regionen anbieten zu können.«


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