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Zwanzigstes Kapitel.

In dem Salon des Bankrats Hoffmann waren eine Anzahl von Herren und Damen vereinigt, welche bei ihrer behaglichen Teestunde durch den Ausbruch des Aufstandes überrascht waren und es bei den ringsum geführten Straßenkämpfen nicht wagten, nach Hause zurückzukehren. Nur die jungen Herren, welche sonst gewöhnlich diesem Kreise angehörten, fehlten, da sie alle bei den Kämpfen beteiligt waren.

Der Bankrat und einige seiner älteren Freunde waren besorgt und unzufrieden und tadelten bitter den unüberlegten Aufstand, der nur zu schwerem Unheil und zu völligem Verlust der nationalen Selbständigkeit führen könne.

Frau von Tanzki war in banger Unruhe um ihren Mann. So warm auch ihr Herz für das polnische Vaterland schlug, so schauderte sie doch bei dem Gedanken, daß der Tod oder gar eine russische Gefangenschaft das Los ihres Gemahls sein könne.

Frau Clementine war ruhig und erklärte, daß es nicht Sache der Frauen sei, über die Zweckmäßigkeit von Zeit und Ort des Aufstandes zu urteilen, das müßten die Führer der Bewegung erwogen haben und diese auch hätten die Verantwortung zu tragen – ihre Sympathien und Wünsche gehörten aber den Kämpfern für die Freiheit des Vaterlandes, und der Frauen Pflicht wäre es, für die in dem edlen Kampfe Verwundeten zu sorgen.

Sie brachte Leinenzeug herbei, ließ in einigen Zimmern ihrer Wohnung Betten aufschlagen und bereitete alles vor, um, sobald es nötig würde, zur Pflege der Verwundeten nach Kräften beizutragen.

Die Gräfin Plater konnte sich zu solcher Ruhe nicht fassen. Wohl half sie den anderen Damen bei der Zurüstung von Verbandzeug und Charpie, aber mit glühenden Wangen, zitternd vor Unruhe, lauschte sie dem Lärm des Kampfes, der bald näher, bald ferner von draußen her sich hören ließ, und häufig sprang sie auf, um das Fenster zu öffnen und hinaus zu lauschen. Aber alles drängte sich nach den Stadtteilen, um die Kasernen und das Zeughaus zusammen, und einzelne Vorüberstürmende achteten nicht auf ihre Fragen oder gaben nur kurze und unverständliche Antworten.

Da endlich wurde scharf die Glocke gezogen.

Alle blickten, während der Diener draußen öffnete, in ängstlicher Spannung nach der Tür.

Gräfin Emilie wollte hinauseilen, aber sie wich erbleichend zurück, als Wisocki in bestäubter, an mehreren Stellen zerrissener Uniform, den gezogenen Säbel noch in der Hand, über die Schwelle trat.

»Endlich eine Nachricht,« sagte der Bankrat, dem Eintretenden entgegeneilend und ihm die Hand drückend – »Dank, mein Freund, daß Sie kommen, erzählen Sie, was gibt's, wie ist das alles entstanden?«

»Was es gibt –« erwiderte Wisocki, »die Stunde des Kampfes für die Freiheit des Vaterlandes ist angebrochen, Polen ist erwacht und hat sich aufgerafft, das russische Joch abzuschütteln und die fremden Unterdrücker über die Grenze zu treiben!«

»Was ist geschehen?« fragte der Bankrat. »Wo ist der Großfürst?«

»Der Großfürst,« rief Wisocki, grimmig lachend, »ich weiß es nicht, ihm muß ein besonderer Teufel zu Gebote stehen! Mir war die Aufgabe zugefallen, ihn gefangen zu nehmen – ich dürstete danach,« fügte er mit einem finsteren Seitenblick auf die atemlos lauschende Gräfin Plater hinzu, »um nachzuholen, was Ich einmal schon versäumte. Alles war vorbereitet, alles gelang – wir waren Herr des Palais, aber der Großfürst war und blieb verschwunden.«

»Welch ein Glück,« sagte der Bankrat Hoffmann, »es hatte eine furchtbare Wendung nehmen können!«

Die Gräfin Plater aber rief bitter und höhnisch:

»Also wieder entwischt! Sie haben keine glückliche Hand, mein Herr, gegen die Zwingherren des polnischen Vaterlandes.«

»Nein, bei Gott,« sagte Wisocki, indem er sie traurig anblickte, »ich habe keine glückliche Hand, und wohl zuckte diese Hand, um das Vaterland von einem Sohne zu befreien, der so wenig Glück in seinem Dienst hat, als ich auch die Jägerbataillone in den Kampf führen sollte und sie auf das Kommando des abtrünnigen Generals Kurnatowski wieder umkehren sah. Aber ich dachte daran,« fuhr er fort, zur Gräfin herantretend, »daß mein Leben dem Vaterland gehört und daß diese unglückliche Hand, die schon zweimal den Schlag gegen die höchsten unserer Feinde verfehlte, doch noch den Säbel führen kann in dem begonnenen Kampf, in dem jeder einzelne seinen Wert hat. Darum bin ich hierher gekommen, zu Ihnen gekommen, Gräfin Emilie, um zu fragen, ob ich noch das Recht habe, zu leben, und die Pflicht erfüllen soll, zu kämpfen.«

»Ich, mein Herr,« erwiderte die Gräfin kurz und kalt, »habe Ihnen kein Recht zu geben und keine Pflicht aufzuerlegen.«

»Doch, Gräfin, doch,« sagte Wisocki, indem er sie mit schmerzlich vorwurfsvollen Blicken ansah, »Sie wissen es wohl, daß sich in Ihnen alles verkörpert, was edel und groß, gut und rein ist, daß sich in Ihnen mir das Vaterland verkörpert, zu dessen Dienst Sie mich geworben und begeistert haben. Für das Vaterland zu kämpfen, ist auch nach dem Unglück, das mich betroffen, meine Pflicht. Aber wenn ich diese Pflicht erfüllen soll, so darf das Feuer der Begeisterung in meinem Herzen nicht erlöschen, denn ein solcher Kampf verlang! den ganzen Menschen mit all seinem Fühlen, Denken und Wollen, vor allem aber ein Herz, das den Stolz hat, an seinen eigenen Wert zu glauben – ohne diesen Glauben bin ich nichts wert, ohne ihn darf ich und will ich nicht leben und darf ich nicht kämpfen – darum sprechen Sie mein Urteil, Gräfin, ich lege es in Ihre Hände. – Glauben Sie, daß ich durch Feigheit oder Gleichgültigkeit schuld bin an dem Unglück, das zweimal meine Taten lähmte, dann werde ich meinen Säbel zerbrechen und Sie werden nie wieder von dem armen Peter Wisocki hören. Wenn Sie aber noch an mich glauben und mir vertrauen, wenn Sie glauben an den bittern Schmerz, mit dem ich den Fluch meines Unglücks ertrage, glauben an meinen Mut, meine Treue und meine Ehre, dann werde ich die Begeisterung wiederfinden und freudig meinen Säbel dem Vaterlande weihen, den ich wohl besser im offenen Kampf zu führen verstehe, als um wehrlose Feinde durch List gefangen zu nehmen.«

Er hatte ihre Hand ergriffen und sah ihr so schmerzvoll bittend in die Augen, aus denen eine so unendliche Liebe, so viel fragender und klagender Kummer hervorblickte, daß ihre vorher noch spöttische Miene den Ausdruck weicher, zärtlicher Teilnahme annahm.

»Leben Sie und kämpfen Sie,« sagte sie mit warmer Innigkeit, »ich glaube an Sie, ich vertraue Ihnen und ich werde stolz und glücklich sein, wenn es mir vergönnt sein wird. Ihnen unter den Siegern im heiligen Kampf die Hand zu reichen.«

»Dank, Gräfin, Dank!« rief er, feurig ihre Hand küssend. »Sie geben mir das Leben wieder und erhalten dem Vaterlande einen Kämpfer, der Ihrer und der heiligen Sache würdig sein wird.«

»Wie glücklich sind Sie,« sagte die Gräfin, zu seinem strahlenden Gesicht aufblickend, halb wehmütig, halb zornig, »daß Sie hinausgehen können und die Waffe schwingen gegen diese verhaßten Feinde unserer Freiheit und unserer Ehre! Warum sollen die Frauen nicht dasselbe Recht haben, ihr Leben einzusetzen im heiligen Kampf? Bei Gott, ich fühle den Mut und die Kraft in mir, in den Reihen der Männer meinen Platz zu behaupten, und hätte ich die Kleidung dazu gehabt und die Waffen, so hätte es mich heute nicht hier im Hause gehalten.«

»Sie schwärmen, meine Freundin,« sagte der Bankrat, »Herr von Wisocki hat die edle Pflicht der Frauen besser erkannt, indem er ihnen die schöne Aufgabe zuweist, die Herzen der Männer zu begeistern und den Siegern den Kampfpreis zu reichen.«

»Ich darf nicht wagen. Sie zurückzuhalten, mein lieber Freund,« sagte er, zu Wisocki herantretend, während die Gräfin Plater sich unmutig abwendete. »Ich beklage diese Erhebung, welche keine feste Führung und kein bestimmtes Ziel hat und darum, wie ich fürchte, nur Verwirrung und neue Leiden für unser schon so schwer geprüftes Vaterland schaffen wird; aber aufgehalten kann sie nicht mehr werden, das Schicksal geht seinen Weg und dem einzelnen steht es nicht zu, in das Rad der Geschichte einzugreifen, er muß tun, was er nach seiner Ueberzeugung für seine Pflicht hält und das Ende der unerforschlichen Macht überlassen, welche die Völker wie die Menschen gehen läßt, wohin ihr Herz sie ruft. Wenn, wenn Sie einen Einfluß üben können, wirken Sie dahin, daß diese Erhebung bald eine feste Führung erhält, die imstande ist, mit Klugheit und Mäßigung die Früchte des Kampfes zu gewinnen und zu sichern. Wenn Sie Chlopicki dazu gewinnen könnten – wo ist er?«

»Er hält sich versteckt,« erwiderte Wisocki, »nachdem er jede Teilnahme scharf abgewiesen hat.«

»Das ist ein großer Verlust,« seufzte Hoffmann traurig, »das beweist aber, daß auch er meine Meinung teilt, und dennoch dürfen Sie nicht ablassen, ihn oder einen andern zu gewinnen, denn verzeihen Sie mir, junge Offiziere wie Sie und Ihre Freunde, die diesen Kampf begonnen haben, werden es niemals vermögen, ihn erfolgreich fortzuführen, noch weniger aber den Frieden zu schließen, der doch das Ziel jedes Kampfes sein muß und Polen noch mehr not tut wie jedem andern Volk.«

»Frieden mit unsern Feinden, die uns nur den Frieden des Kirchhofs lassen möchten!« rief die Gräfin Plater auffahrend.

Aber schnell sich besinnend, schwieg sie, als ob sie ihre Gedanken zurückdrängen wollte, und auch Wisocki preßte, ohne zu antworten, die Lippen aufeinander. Man konnte in seiner düstern Miene lesen, daß er dem Bankrat nicht zustimmte, aber von einer Erörterung keinen Zweck zu erkennen vermochte.

»Und Herr von Zalewski?« fragte Marie Raszanowicz schüchtern.

»O, ihn könnte ich beneiden!« rief Wisocki; »ihm gelingt alles, er hat das Zeughaus gestürmt und gegen die Bataillone der Gardegrenadiere siegreich verteidigt, ihm verdankt das Volk die Waffen zum Kampf für seine Freiheit.«

Mariens Blicke leuchteten stolz und strahlend.

Gräfin Emilie aber reichte Wisocki die Hand und sagte:

»Beneiden Sie ihn nicht, das Glück allein macht nicht den Helden, und wer mutig ausharrt, wird endlich auch das Glück nach seinem Willen zwingen – eilen Sie, meine Gedanken und meine Wünsche folgen Ihnen.«

Wisocki verabschiedete sich schnell von der Gesellschaft und eilte hinaus, während Frau Clementine die Damen wieder zu den Vorbereitungen für die Pflege der Verwundeten antrieb.

Wisocki fand die Stadt ruhiger als vorher. Der Kampf hatte zu keiner Entscheidung geführt, die russischen Truppen und die polnischen Gardejäger hatten ihre Kasernen verteidigt, sie standen vor denselben und in dem Hof aufmarschiert unter den Waffen. Die polnischen Soldaten und das Volk hatten ihre Stellungen ebenfalls behauptet. Die Kavallerie war nicht gekommen, um in den Kampf einzugreifen, und so stand alles ungefähr ebenso wie beim Beginn desselben. Der einzige Gewinn war das Zeughaus, welches Zalewski mit seinen Bataillonen besetzt hielt, um die Waffenquelle dem Aufstande zu erhalten.

Wisocki ging von einer Stellung der Aufständischen zu der andern. Er fand überall unmutige Verstimmung darüber, daß keine Leitung vorhanden sei und keine zusammenhängenden militärischen Befehle erfolgten.

Die Truppen murrten laut und begannen, den jungen Offizieren, die sie fast allein an ihrer Spitze sahen, nur widerwillig und zögernd zu gehorchen. Das Volk begann, nachdem die Hitze des ersten Kampfes verraucht war, lau zu werden, man hörte Fragen, was denn eigentlich nun werden solle, wer zu der Erhebung aufgerufen habe, und zugleich wurden Aeußerungen ängstlicher Besorgnis laut, ob nicht am andern Tage von den Russen schwere Rache werde genommen werden. Schon lichteten sich hie und da die Volkshaufen und die Soldaten zeigten Neigung, in die Kasernen zurückzukehren, da es auch an Verpflegung mangelte und das Wetter kalt und rauh war. Alles stand auf dem Spiel, denn es war vorauszusehen, daß am andern Morgen von den ganzen nächtlichen Vorgängen nichts mehr übrig sein würde.

Wisocki eilte zu Zalewski, der immer noch das Zeughaus besetzt hielt.

»Ich bringe Dir Grüße von Marie!« rief er dem Freunde entgegen; »sorge dafür, daß Verwundete, die der Pflege bedürfen, nach dem Hoffmannschen Hause gebracht werden – morgen wollen wir daran denken, ordentliche Lazarette zu schaffen – jetzt aber müssen wir einen General haben oder es ist alles verloren!«

Er erzählte, was er soeben bei den einzelnen Abteilungen gesehen und gehört.

»Ich weiß es wohl,« sagte Zalewski finster, »aber woher einen General nehmen? Sie sind alle verschwunden, keiner wagt sich hervor. Vielleicht sind sie verletzt, daß man sie nicht früher eingeweiht hat – traurig genug, daß nur die Jugend noch den Mut hat, zu handeln. Aber was ist zu machen? Wenn nur Chlopicki einmal durch die Stadt reiten wollte, die Truppen und auch das Volk würden sofort den Mut und Vertrauen fassen, sein Name ist eine Armee wert, aber er ist nicht zu finden und hat auch bestimmt abgelehnt.«

Wisocki stand nachdenklich da.

Dann aber rief er ganz fröhlich:

»Ich hab's! Ob auch Chlopicki sich versteckt, er soll doch da sein, ohne es zu wissen, und morgen wird et erfahren, daß er der Feldherr der Revolution ist.«

»Wie das? Was willst du tun?« fragte Zalewski, indem er verwundert seinen vor kurzem noch so finstern Freund ansah, der nach seiner Begegnung mit der Gräfin Plater seine ganze jugendliche Frische und Heiterkeit wiedergefunden zu haben schien.

»Das wirst du sehen!« sagte Wisocki. »Tritt nur mit mir heraus zu den Grenadieren hin, die auch schon ganz mürrische Gesichter machen, daß sie nur hören können.«

Zalewski verließ die Vorhalle des Zeughauses und folgte mit verwundertem Kopfschütteln seinem Freunde, der sich zwischen die beiden Reihen der Grenadiere, die aus der Straße Spalier bildeten, in dienstlicher Haltung aufstellte und in lautem Ton militärischer Meldung sagte:

»Der General Chlopicki sendet mich, um Ihnen, Herr Leutnant von Zalewski, sowie allen einzelne Abteilungen kommandierenden Offizieren den Befehl zu bringen, daß die Truppen die genommene Stellung besetzt halten und gegen jeden Angriff verteidigen sollen, der etwa in der Nacht erfolgen könnte – morgen früh wird der General seine weiteren Befehle ergehen lassen.«

»Melden Sie dem Herrn General,« erwiderte Zalewski, welcher nun begriff und, mit einiger Mühe ein Lächeln unterdrückend, die Hand an den Tschako legte, »daß sein Befehl befolgt werden wird.«

Die Grenadiere horchten hoch auf, ihre Mienen zeigten freudige Zufriedenheit.

»Der General befiehlt weiter,« fuhr Wisocki fort, »daß die Abteilungskommandanten in jedem Stadtviertel bei den Bäckern und Schlächtern alle verfügbaren Nahrungsmittel für die Truppen requirieren sollen; ebenso sollen die Weinhändler wärmende Getränke liefern, damit es den braven Soldaten und den Kämpfern aus dem Volk nicht an der nötigen Verpflegung fehlt.«

»Hurra!« riefen die Grenadiere. »Es lebe der General Chlopicki, unser Oberfeldherr!« und einige Volksgruppen, welche neugierig herangetreten waren, stimmten jubelnd in den Ruf mit ein.

Wisocki drückte Zalewski die Hand.

»Hatte ich recht?« flüsterte er ihm zu. »Glaubst du nun, daß Chlopicki bei uns ist, ob er sich auch versteckt hält?«

»Ich wünsche dir Glück!« flüsterte Zalewski; »der kühne Streich rettet unsere Sache.«

»Und nun muß ich weiter,« sagte Wisocki, »um den Befehl des Generals zu den anderen Abteilungen zu bringen.« Er grüßte militärisch und eilte schnell davon, während die Grenadiere noch einmal den General hochleben ließen und Zalewski eine Abteilung unter einem Offizier absendete, um die befohlene Requisition von Lebensmitteln vorzunehmen.

Wisocki durcheilte die Stadt.

In jedem Stadtteile trat er unter die aufständischen Kämpfer und wiederholte im Namen des Generals Chlopicki den Befehl, die gewonnene Stellung zu behaupten und Lebensmittel zu requirieren.

Ueberall antworteten die Truppen und das Volk, ganz glücklich, endlich das sichere Gefühl einer festen obersten Führung gewonnen zu haben, mit einem begeisterten Hoch auf den General. Das kühne Wagnis hatte den vollkommensten Erfolg. Alles blieb unter den Waffen, die gewonnenen Stellungen wurden behauptet und die Erfolge des nächtlichen Straßenkampfes waren gesichert.

An sich freilich war das nicht genug, denn ein einziger Vorstoß der russischen Truppen würde bei dem Mangel eines einheitlichen militärischen Kommandos auf seiten der Aufständischen alles über den Haufen geworfen haben. Davon geschah aber nichts, der Großfürst blieb in der Ulanenkaserne, die Fürstin Lowicz hatte den Weg zu ihm gefunden, und er erwartete die weitere Fortführung des Planes, den der Staatsrat Malgienski ihm entwickelt hatte.

In der Stille aber entwickelte sich neben dieser militärischen Seite des Aufstandes eine andere Tätigkeit, welche vom ersten Augenblick an dahin strebte, die Lage zu beherrschen und die Ziele derer, welche den Aufstand begonnen, unerreichbar zu machen.

Der Finanzminister Lubecki, einer der entschiedensten Vertreter der Ansicht, daß eine glückliche Zukunft für Polen nur durch eine friedliche Verständigung mit dem russischen Kaiser erreicht werden könne, berief mitten in der Nacht die Mitglieder des Verwaltungsrats, welcher dem Großfürsten-Statthalter zur Seite gesetzt war, zu sich.

Es waren dies der Graf Sobolewski, die Minister Grabowski und Fedron, die Generale Rautenstrauch und Kossecki. Außer diesen aber lud er noch den Fürsten Czartoryzki, den General Radziwill und den Senator Kochanowski zur Beratung über die der Lage gegenüber zu treffenden Maßregeln ein.

Diese Männer alle waren nach ihrer aufrichtigen Ueberzeugung Gegner jedes Gewaltaktes und höchst bestürzt über den so plötzlich ohne ihr Wissen und Wollen ausgebrochenen Aufstand.

Sie waren tief erbittert über das Unternehmen der jungen Tollköpfe, wie Lubecki sagte, welche das Schicksal Polens den höchsten Gefahren aussetzten, und fürchteten außerdem mehr wie alles andere eine demokratische Wendung des Aufstandes, welche die Rechte des Adels beschränken und den konservativen Aufbau der von den europäischen Mächten garantierten Verfassung zerstören könnte. Infolge ihrer Beratungen erschien am Morgen des dreißigsten November ein Anschlag an den Straßenecken, von den Mitgliedern des Verwaltungsrats unterzeichnet. In diesem Anschlag wurde im Namen des Kaiser Nikolaus gerechte Prüfung aller Beschwerden des polnischen Volks zugesagt. Es wurde der Abzug der russischen Truppen versprochen und das Volk ermahnt, nach den beklagenswerten Ereignissen der Nacht vor allen Dingen zur Ruhe und Ordnung zurückzukehren und jedes Blutvergießen zu vermeiden. Zugleich erklärte der Verwaltungsrat, vorläufig die Regierung des Landes weiter zu führen.

Dieser Anschlag stand im schreienden Widerspruch mit dem Aussehen der blutbefleckten Straßen und der auf denselben biwakierenden Truppen und Volkshaufen, welche noch von dem stolzen Gefühl des Sieges und der erkämpften Freiheit und Unabhängigkeit erfüllt waren.

Die provisorische Regierung hatte noch während der Nacht ihren Sitz in dem Bankgebäude aufgeschlagen, um dasselbe durch ihre Gegenwart vor einer Plünderung zu schützen, und auf demselben war die polnische Nationalflagge aufgehißt.

Der Straßenanschlag erregte zuerst ein starres Erstaunen, bald aber folgte eine tiefe Erbitterung, unruhige Verwünschungen wurden laut und drohend durchzogen Truppenabteilungen und lärmende Volkshaufen die Straßen, um die Anschläge abzureißen. Als die polnischen Gardejäger einen Versuch machten, die Ruhe wieder herzustellen und die Straßen zu säubern, wurden sie in blutigem Kampf zurückgeschlagen, und das Volk zog in dichten Massen vor das Bankgebäude, um das Erscheinen des Generals Chlopicki zu verlangen, den man als den militärischen Kommandeur des Aufstandes betrachtete.

Der versammelte Verwaltungsrat erschrak bei diesen Rufen. Die Ernennung eines Generals zum Oberbefehlshaber hatte eine kriegerisch feindliche Bedeutung und mußte den Kaiser auf das tiefste verletzen.

Wäre Malgienski am Leben geblieben, so hätte er vielleicht mit seiner Geschicklichkeit und seiner Redegewandtheit die Wendung, welche er dem Großfürsten in Aussicht gestellt, herbeiführen können, so aber dachte man nur daran, die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen und durch die Ereignisse einige Konzessionen in Petersburg zu erlangen, aber die Rufe nach Chlopicki wurden immer lauter, ein neuer Ansturm gegen die russischen Kasernen war zu befürchten, und so entschloß sich denn Lubecki, in Begleitung einiger anderer Mitglieder der Regierung den General aufzusuchen, welchen sie in seiner Wohnung fanden. Sie trugen ihm die Uebernahme des Oberbefehls über die polnischen Truppen an.

Chlopicki empfing die Abgeordneten des Verwaltungsrats mit kalter Höflichkeit und hörte ihre Botschaft ruhig an.

Als sie zu Ende gesprochen, sagte er:

»Das Vertrauen, meine Herren, das Sie mir beweisen, ist mir ehrenvoll, allein ich begreife nicht, wie ich einen solchen Antrag annehmen soll, ich bin nicht mehr im Dienste, habe also nicht das Recht, ein militärisches Kommando zu übernehmen.«

»Wir führen für diesen Augenblick«, erwiderte Lubecki, »die Regierung und haben also die Vollmacht, Sie wieder in den Dienst zu stellen, Herr General.«

Chlopicki zog die Achseln.

»Ihre Vollmacht, meine Herren, kann von allen Seiten bestritten werden, zunächst von dem Kaiser, der doch der rechtmäßige König von Polen ist, dann aber auch von dem Volk, wenn es sich auf den revolutionären Standpunkt stellt, da es Sie nicht zu seinen Vertretern erwählt hat. Doch davon abgesehen, ich habe schon unter Kosciuszko für das Vaterland gefochten, und an meinem Patriotismus kann niemand zweifeln. – Würde ich Polen einen Dienst leisten können, so würde ich Ihren Antrag annehmen, aber was soll mein Kommando bedeuten? Einen General an die Spitze der polnischen Armee zu stellen, nachdem dem Großfürsten, der doch der Oberfeldherr ist, das Kommando abgenommen worden, wäre ein Zeichen der beabsichtigten Kriegsführung gegen Rußland. Nun aber sehen Sie hier, meine Herren!«

Er schlug eine Karte von Europa auf und nahm aus einem Etui einen Zirkel.

»Messen Sie mit mir den Umfang des russischen Reiches,« fuhr er fort, den Zirkel spannend, »und nun sehen Sie hier Polen. Wenn Polen es wagt, den Kampf gegen Rußland auszunehmen, so ist es verloren und zwar diesmal ganz und gar verloren, ohne auch die innere Selbständigkeit, die es noch gerettet hatte, bewahren zu können. Zu einem solchen Kriege, der dem General nur eine Niederlage und Demütigung und dem Vaterlande nur schweres Unglück bringen kann, werde ich meine Hand, meinen Namen und meinen Degen nicht hergeben.«

»Wir denken nicht an den Krieg!« rief Lubecki eifrig. »Gerade um den Krieg zu vermeiden, wünschen wir die Bewegung und die militärische Kraft in Ihre Hand zu legen.«

»Und was soll ich denn tun?« fragte Chlopicki.

»Die Ordnung herstellen,« erwiderte Lubecki, »verhüten, daß die Bewegung auf revolutionäre Wege gedrängt wird, und die Möglichkeit der Verhandlungen aufrecht erhalten.

Der Großfürst ist bereit, die russischen Truppen aus Warschau zurückzuziehen, das ist aber im Augenblick nicht möglich, da die Aufständischen die Straßen besetzt halten und bei einem Ausmarsch der Russen aus den Kasernen sogleich den Straßenkampf beginnen würden, dessen verhängnisvolle Folgen unabsehbar sind. Die polnischen Truppen sind von den jungen Offizieren aufgewiegelt, die Stabsoffiziere und Generale haben die Autorität verloren, nur ein General von dem Namen wie der Ihrige kann die Autorität wieder Herstellen und der Bewegung die Zügel der Ordnung wieder anlegen.«

»So wollen Sie verhandeln – mit dem Kaiser verhandeln?« fragte Chlopicki.

»Hier diese Proklamation ist unser Standpunkt,« erwiderte Lubecki und reichte dem General den Maueranschlag, welcher an den Straßenecken so große Erbitterung erregt hatte.

Chlopicki ging einen Augenblick nachdenkend auf und nieder.

»Gut,« sagte er dann, »ich will ihren Antrag annehmen, doch stelle ich die bestimmte Bedingung, daß man nichts von mir verlangt, als die Wiederherstellung und Erhaltung der Ordnung, und daß jede Maßregel ausgeschlossen wird, welche zu einem Kampf gegen die russischen Truppen des rechtmäßigen Königs von Polen führen könnte. Ich halte es für sehr richtig und klug, wenn der Großfürst diese Truppen aus Warschau zieht und gut wäre es, wenn überhaupt keine russischen Truppen in Polen stationiert würden, aber niemals werde ich die russischen Soldaten als meine Feinde ansehen können, da sie demselben Fürsten den Fahneneid geleistet haben, der auch unser König und Kriegsherr ist.«

»Zugestanden, Herr General!« rief Lubecki freudig. »Ihre Bedingung drückt ganz und gar unsere eigene Ansicht aus, denn auch wir wollen nichts anderes, als den unglückseligen, tollen Streich, den eine törichte und unüberlegte Verschwörung ausgeführt, wieder auf den Boden der legalen Ordnung zurückführen.«

Chlopicki neigte den Kopf.

»Und dann«, sagte er, »noch eine Bedingung. Ich weise jeden andern Titel als den des einfachen Generals zurück – wenn ich die gestörte Ordnung wieder herstelle, so erfülle ich eine Pflicht gegen das Vaterland und auch gegen den Kaiser, welche dieser selbst mir nicht verargen kann. Zum Oberfeldherrn aber können Sie mich nicht machen, und in diesem Titel allein schon liegt eine Kriegserklärung eingeschlossen.«

Auch zu dieser Bedingung stimmte Lubecki und seine Begleiter zu, denn der General hatte ganz aus ihrer Seele gesprochen.

Sie kehrten eilig nach dem Empfangsgebäude zurück und Lubecki verkündete von dem Balkon dem immer dichter sich versammelnden Volk, daß der General Chlopicki das Kommando über die Streitkräfte in Warschau übernommen habe.

Allgemeine Freudenrufe ertönten von allen Seiten und verbreiteten sich bald durch die ganze Stadt. Das Volk glaubte an die Sicherheit des gewonnenen Sieges, ohne weiter an die Zukunft zu denken, man fand in dem populären Namen des Generals die Bürgschaft für die Freiheit und Unabhängigkeit, welche jeder im Munde führte, ohne damit einen klaren Begriff zu verbinden. Die Generale und Stabsoffiziere, welche sich von der Bewegung zurückgehalten, eilten zu der Wohnung des Generals und eine Stunde später ritt Chlopicki in großer Uniform mit allen seinen Orden, unter denen die russischen nicht fehlten, von einem zahlreichen und glänzenden Stabe umgeben, durch die Straßen.

Er wurde überall, wo er erschien, mit brausenden Hochrufen begrüßt, ein Freudentaumel ergriff das Volk und alles drängte sich zu dem General heran, um ihm mit begeisterten Worten zu danken.

Die Truppen traten in Parade an, glücklich, wieder unter einer anerkannten militärischen Autorität zu stehen, und die Stabsoffiziere nahmen wieder ihren Platz an der Spitze der Bataillone.

Kurz und streng befahl Chlopicki, daß alle Regimenter wieder zu ihrer Kaserne einzurücken und da seine weiteren Befehle zu erwarten hätten, nur einzelne Abteilungen wurden zu Patrouillen beordert, um die Ordnung auf den Straßen aufrecht zu erhalten.

Nachdem noch eine Stunde vergangen, rückten die russischen Truppen, von den Patrouillen gegen jeden Angriff des Volkes gedeckt, nach dem Belvedere hin und verließen von dort aus mit dem Großfürsten die Stadt, um sich etwa eine Meile davon bei dem Dorfe Wirtsba zu lagern.

Die Ruhe war vollkommen wieder hergestellt und somit hatte Chlopicki den ersten Teil seiner Aufgabe nur durch die Macht der Autorität seines Namens erfüllt und dem Verwaltungsrat die volle Freiheit zum Beginn der Verhandlungen geschaffen.

Der Fürst Lubecki und der Graf Ostrowski begaben sich nach Wirtsba zum Großfürsten, wo sie nur die Aufrechterhaltung der Verfassung von achtzehnhundertundfünfzehn und die Wiedervereinigung von Litauen mit dem Königreich verlangten, während der Großfürst die Bedingung stellte, daß man ihn mit seinen russischen Truppen unangegriffen über die Grenze gehen lasse, wogegen er versprach, bei seinem Bruder die Verzeihung für Polen und die möglichste Erfüllung der Wünsche der provisorischen Regierung zu befürworten. Die augenblickliche Aufwallung, welche die Idee des Staatsrats Malgienski bei ihm erregt, war vollständig verschwunden. Malgienski war tot und er wäre der einzige gewesen, der für jene Idee hätte wirken und auch den Großfürsten bei derselben hätte festhalten können.

Der Widerwille gegen Unruhe und verwickelte Geschäfte, der in dem Charakter des Großfürsten lag, hatte die Oberhand gewonnen, die Fürstin Lowicz hatte ihn beschworen, sich aus dieser ganzen Angelegenheit herauszuziehen und sich nicht zwischen den Kaiser und die Polen zu stellen, und so verlangte er denn nichts weiter, als ungehindert mit seinen Truppen abzumarschieren, und kümmerte sich ziemlich wenig darum, welchen Lauf die Ereignisse dann später nehmen möchten.

So war denn scheinbar die Ruhe vollkommen wieder hergestellt und der Aufstand hatte in den Augen des wenig an die Zukunft denkenden Volkes einen glänzenden Sieg gewonnen, der die große Menge in einen jubelnden Rausch versetzte. Die Russen waren fort und die Macht der provisorischen Nationalregierung schien sich immer mehr zu befestigen. Die Generale aus den Provinzen führten Truppen heran, welche teils in der Stadt, teils in den umliegenden Flecken und Dörfern einquartiert wurden und welche Chlopicki sogleich in die musterhafte militärische Ordnung einfügte. Man sah den General durch die Straßen reiten, die Truppen inspizieren und seine populäre Autorität war so unbeschränkt, daß der Kaiser Nikolaus in Petersburg selbst nicht einen schnelleren und unbedingteren Gehorsam gefunden hätte, als Chlopicki in Warschau.

Auch die polnischen Gardejäger, welche in der ersten Nacht so fest gegen die Aufständischen aufgetreten und mit dem Großfürsten die Stadt verlassen hatten, kehrten, nachdem der Abmarsch der russischen Truppen bewerkstelligt war, nach Warschau zurück.

Das Volk, in seiner Siegesfreude zur Großmut gestimmt, dachte nicht mehr an die Vergangenheit, sondern begrüßte die Jäger als zurückkehrende Brüder und Söhne des Vaterlandes. Man jubelte ihnen zu und aus den Fenstern wurden ihnen sogar Blumen herabgeworfen. Da plötzlich aber bemerkte man in der Mitte der Jäger die Generale Kurnatowski und Krasinski.

Der Ruf »Verräter!« schallte ihnen drohend entgegen, die Volksmassen drangen auf sie ein, rissen sie vom Pferde und schwangen ihre Säbel gegen sie.

Die Jäger wagen nicht, ihnen beizustehen, schon scheint ihr Tod gewiß, da sprengt Chlopicki, welcher ihnen entgegen kommt, mit seinem Stabe heran, er läßt sein Pferd steigen und bricht sich durch die Menge Bahn, welche, sobald sie ihn erkennt, ehrerbietig zur Seite weicht.

»Was geht hier vor?« ruft Chlopicki; »wer wagt es, in den Marsch der Truppen einzudringen?«

»Die Verräter müssen sterben!« schallt es aus der Menge; »sie sind es, die zuerst den Befehl gegeben, auf das Volk zu schießen. Die Soldaten sind verführt, aber diese haben den Tod verdient!«

Chlopicki wirft einen Blick auf die beiden totenbleich neben seinem Pferde stehenden Generale. Der Zug war nahe am Bankgebäude angekommen, auf dessen Balkon die Mitglieder der Nationalregierung standen, um die zurückkehrenden Jäger vorbeidefilieren zu lassen.

»Zurück!« rief Chlopicki den von neuem Andrängenden zu; »wenn ein Unrecht geschehen ist, so soll es gesühnt werden, ich bürge Euch dafür, aber wehe dem, der eine Gewalttat versucht!«

Murrend, aber doch gehorsam, zog sich die Menge zurück.

Kurnatowski und Krasinski gingen neben Chlopickis Pferd bis zu dem Bankgebäude.

Hier stieg Chlopicki ab und trat mit ihnen unter das Portal.

Von neuem ließ sich unwilliges Murren vernehmen, aber im nächsten Augenblick schon erschien Chlopicki mit den beiden Bedrohten auf dem Balkon.

Er winkte mit der Hand und sprach unter sogleich eintretender lautloser Stille:

»Die beiden Generale hier stehen unter meinem Schutze, sie haben geglaubt, der Ordnung dienen zu müssen, und bedauern, daß auf ihr Kommando Blut geflossen ist – sie geloben mir und der Regierung, welche die Vertretung des Volkes in die Hand genommen hat, Treue und Gehorsam durch Handschlag an Eides Statt.«

Er reichte den beiden nacheinander die Hand.

Diese schlugen sogleich ein und verneigten sich dann von dem Balkon herab gegen das Volk.

An Stelle des bisherigen Murrens erschallten laute Jubelrufe, in welche die Jäger miteinstimmten.

Die Generale zogen sich von dem Balkon zurück, und als Chlopicki dann wieder zu Pferde stieg und sich an die Spitze der Jäger setzte, um sie nach ihrer Kaserne zu führen, begleitete den Zug eine begeisterte jubelnde Menge, als ob das Regiment aus einer siegreichen Schlacht zurückkehrte.

So war alles Freude und Jubel in Warschau.

Petersburg war fern und das ganze Volk dachte nicht an die finster drohende Wolke, welche sich dort zusammenzog und welche die Mitglieder des Verwaltungsrats glaubten, beschwören zu können, indem sie sich mit einigen Konzessionen zu vergleichen suchten.

Im Hause des Bankrats Hoffmann waren einige verwundete Soldaten aufgenommen und Frau Clementine besorgte die Pflege derselben, mit unermüdlichem Eifer von den Damen ihrer Bekanntschaft unterstützt. Die Gräfin Plater nahm zwar auch an dieser Pflege teil, aber sie ging mit finsterer Miene einher und zog sich, so viel sie es vermochte, in die Einsamkeit zurück. Nur mit ihrer Freundin Marie sprach sie oft leise und lebhaft, und nach solchen Gesprächen blitzten dann die Augen der beiden, als ob ein inneres Feuer aus ihnen hervorloderte.

So fand Wisocki an einem Abende der ersten Tage, nachdem Chlopicki die Ordnung wieder hergestellt, die Gräfin wieder allein am Klavier im Salon, während die übrigen noch bei den Verwundeten beschäftigt waren. Diesmal aber spielte sie nicht weiche, durcheinander fließende Melodien. Die Saiten des Klaviers klangen wie schmetternde Fanfaren, und sie war auch nicht in ihr Spiel versunken, sondern beim Klirren von Wisockis Säbel sprang sie schnell auf, eilte ihm entgegen und rief:

»Nun, mein Freund, was sagen Sie zu diesen Patrioten, die mit dem Blut des Volkes einen unwürdigen Handel treiben, die den Sieg der heldenmütigen Kämpfer für die Freiheit ein beklagenswertes Ereignis nennen und im Namen des Kaisers Nikolaus zur Ordnung mahnen?«

Wisocki blickte finster vor sich nieder.

»Was soll ich sagen, Gräfin? Das Herz tut mir weh, aber bin ich befugt, über Männer zu urteilen wie Chlopicki, Lubecki und Czartoryzki – habe ich ein Recht, an ihrem Patriotismus gegen ihr Vaterland zu zweifeln – zu zweifeln, daß sie alles zum besten hinausführen werden auf dem Wege, den sie nach reiflicher Ueberlegung eingeschlagen haben?«

»Ueberlegung?« rief die Gräfin, in deren bleichem Gesicht helle Zornesröte aufflammte. »Gilt es die Ueberlegung, wo nur das Handeln retten kann, und sind Sie gesonnen, ruhig zuzusehen, wie das Vaterland gegen den Spottpreis irgend eines Zugeständnisses, das vielleicht auf die Eitelkeit seiner Führer berechnet ist, wieder in die alte – nein, in eine noch schlimmere Knechtschaft zurückverkauft wird?«

»Doch, was ist zu tun?« fragte Wisocki bitter. »Das Volk schwört auf seine Führer und folgt Chlopicki blindlings.«

»Was zu tun ist? Mit Worten nichts,« rief die Gräfin, »mit Taten muß man sie zwingen! Zerreißen muß man die Fäden dieser schmählichen Verhandlung und die Kluft, welche Polen von seinem Zwingherrn trennt, so weit auseinanderspalten, daß es keiner noch so kunstfertigen Diplomatie gelingt, sie wieder zu überbrücken. Mit Chlopicki habe ich nichts zu tun, hier ist alles verloren, wenn man nicht die Begeisterung des Volks entzündet durch leuchtendes Beispiel, um die traurigen Patrioten, die im Namen des russischen Zaren ihre Dekrete erlassen, in die Luft zu sprengen. Mein Entschluß ist gefaßt, Ihnen vertraue ich mich an, Sie wissen, daß ich Ihnen dankbar bin für alles, was Sie für das Vaterland getan – von Herzen dankbar,« fügte sie mit einem innig warmen Blick hinzu, »und daß ich Ihnen mehr vertraue als den Trägern großer Namen, die einst ruhmvoll in der Geschichte Polens glänzten.«

»Was wollen Sie tun, Gräfin?« fragte Wisocki in höchster Spannung.

»Fortgehen von hier,« sagte die Gräfin, nahe zu ihm herantretend und die Stimme dämpfend, »denn hier widert es mich an, die Luft zu atmen – nach Litauen will ich gehen, dort wird man nicht so diplomatisch sein, dort hängt ja von dem Ausgange dieses Kampfs die ganze Zukunft ab, dort habe ich Freunde, dort will ich das Volk wachrufen, um die Russen zu vertreiben. Mein Vermögen ist nicht groß, aber ich habe es seit lange flüssig gemacht, und es wird ausreichen, um die ersten Kosten zu decken für die Bewaffnung und Verpflegung der Mannschaften, die ich sammeln werde. Dann ist uns der Krieg gewiß, und wo der Krieg ist, da kann der Sieg kommen, und wenn nicht, wenn unser Untergang beschlossen ist, dann werden wir wenigstens in offenem Kampfe fallen, unserer Väter würdig und nicht von den überfeinerten Diplomaten ohne Kampf ausgeliefert werden zu einer schmachvollen und unlösbaren Knechtschaft.«

»Bei Gott,« rief Wisocki, »Sie haben recht, das ist der Weg, um all das Dunkel zu lichten und all dies Zagen und Zögern zu überwinden – für unsere litauischen Brüder wird auch hier das Volk sich erwärmen. Der Kaiser Nikolaus wird dann kein Gehör mehr haben für zu vorsichtige Handelsleute mit unserer Ehre und Freiheit.«

»Ich wußte es,« sagte die Gräfin, ihm die Hand reichend, »daß ich Ihnen mein Geheimnis anvertrauen dürfe und daß Sie fühlen würden, wie ich fühle.«

Wisocki küßte ihre Hand, beugte das Knie und sagte, mit strahlenden Augen zu ihr aufschauend:

»Aber eines bitte ich, Gräfin, eines, das Sie mir nicht versagen dürfen. Sie sind für mich das verkörperte Bild unseres stolzen, heldenmütigen Vaterlandes. Im Namen des Vaterlandes verlange ich von Ihnen: werben Sie mich an als den ersten in den Reihen der edlen Kämpfer, denen Sie die Fahne vorantragen werden, eine neue Jeanne d'Arc! Warum sollte Polen nicht wie einst Frankreich einer Heldenjungfrau würdig sein, durch welche der Himmel die Wunder seiner Gnade einem edlen Volke kund tut? Hier in Ihre Hand lege ich das Gelübde ab, mit Ihnen für das Vaterland zu siegen oder zu sterben.«

»Ich wußte es,« sagte die Gräfin, glücklich lächelnd, »und ich nehme Sie auf in die heilige Schar, die ich im Vertrauen auf den Schutz des Himmels dem Vaterlande zuführen will – und nach dem Siege werde ich Ihnen keinen Preis versagen dürfen, den Sie zu fordern das Recht erkämpft.«

Sie beugte sich zu ihm nieder und küßte seine Stirn.

Er sprang auf, seine Augen flammten.

Er drückte ihre Hand an sein Herz und rief:

»Ich gehöre Ihnen, befehlen Sie, mein General – befehlen Sie, meine einzig und ewig Geliebte!«

»Bereiten Sie alles für die Abreise vor,« sagte die Gräfin, »so schnell als möglich, und teilen Sie mir nur Ort und Stunde mit, wo ich Sie finden kann.«

»Morgen wird alles bereit sein,« erwiderte Wisocki. »Und,« fragte er dann, »wie ist es mit meinem Freunde Zalewski, auch für ihn kann ich bürgen!«

»Werben Sie ihn an,« sagte die Gräfin, »und,« fügte sie lächelnd hinzu, »teilen Sie ihm mit, daß meine Freundin Marie mich begleiten wird.«

Man hörte Geräusch im Nebenzimmer.

Einige Damen traten ein.

Nach einer kurzen flüchtigen Unterhaltung verabschiedete sich Wisocki und eilte davon.

Er hatte nur noch einen Gedanken, nur ein Ziel, und der Erreichung dieses Zieles gehörten alle Kräfte seines Geistes und seiner Seele.


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