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Achtes Kapitel.

Konstantin hatte die ersten Tage nach seiner Gefangennahme in fieberhafter Unruhe zugebracht.

Er erwartete mit Ungeduld ein Verhör und fragte seinen Wärter, so oft derselbe zu ihm eintrat, wann wohl der Befehl kommen könne, ihn vor seinen Richter zu führen.

Der alte Wassili zuckte halb spöttisch, halb mitleidig die Achseln und sagte, daß die Herren dort oben gar nicht so eilig mit dem Verhör der Gefangenen seien. Endlich wollte er auf die wiederholte Frage gar nicht mehr antworten und ermahnte seinen Gefangenen, nur Geduld zu haben, das wäre das Beste, was er nur tun könne; er selbst wäre gar nicht imstande, ihm zu antworten oder irgend etwas für ihn zu tun, er habe ihn nur zu bewachen und dürfe weder wissen, wer er sei, noch was man mit ihm vorhabe.

Konstantin war der Verzweiflung nahe, er sah immer die Gestalt seines Vorgängers vor sich, von welchem der Alte ihm erzählt hatte, daß er ohne Verhör und Urteil plötzlich nach Petersburg fortgebracht worden sei.

Schauer durchrieselten ihn bei dem Gedanken, daß ihm ein ähnliches Schicksal bevorstehen könne, und zuweilen rüttelte er an den Gitterstäben seines Fensters oder schlug mit den geballten Händen gegen die Mauer in wildem Ausbruch der in ihm auflodernden Wut, aber wenn die Ruhe der Erschöpfung nach solchem Ausbruch ihm wieder die Kraft des Denkens gab, so sagte er sich doch, daß er durch Toben und wilde Verzweiflung nur das Werk seiner Feinde erleichtern werde, wenn dieselben beschlossen haben sollten, ihn zu vernichten. Alles kam für ihn darauf an, sich die Kraft des klaren Denkens und des festen Willens zu erhalten, und um das zu können, mußte er einen festen Plan fassen und seine Flucht, so schwierig dieselbe immer sein mochte, überlegen und vorbereiten. Wenn sich der menschliche Wille auf ein einziges Ziel mit aller Spannkraft richtet, so war ja schon oft in der Welt etwas erreicht, was unmöglich schien. Vor allem schließt eine solche Anspannung des Willens die Erschöpfung und die innere Selbstzerstörung aus, das fühlte er schon, sowie er nur, statt sich in wilden Verwünschungen aufzuregen, alle seine Gedanken anstrengte, um einen Ausweg zu entdecken. Ein Versuch, die Mauern zu durchbrechen, wäre töricht gewesen, er hätte dazu höchstens die Scherben einer Flasche oder eines Tellers sich vielleicht verschaffen können; und würde es auch vielleicht mit solchen unzulänglichen Werkzeugen gelungen sein, den Mörtel der Mauersteine zu lösen, wie er es wohl in Beschreibungen merkwürdiger Entweichungen gelesen, so erreichte er nichts weiter, als bis in die Höfe des weit ausgedehnten und ihm völlig unbekannten Gefängnisses zu gelangen mit der Gewißheit, sogleich wieder festgenommen zu werden. Die einzige Möglichkeit, die sich ihm darbot, war die, seinen Wächter zu überlisten oder durch einen plötzlichen Überfall zu bewältigen, um dann in dessen Kleidern den Ausgang aus dem Gefängnis zu gewinnen. Auch das war schwer, aber wenigstens war es möglich, und wenn er so entdeckt würde und Widerstand begegnete, so hatte er wenigstens eine Waffe, um zu kämpfen und um nötigenfalls sein Schicksal zu einem ehrenvollen Ende zu führen.

Über diesen Plan sann er Tag und Nacht nach, und dies Denken, das den Funken der Hoffnung immer im Glimmen erhielt, bewahrte ihn vor der Verzweiflung, welche den Wahnsinn oder die Umnachtung seines Geistes hätte zur Folge haben müssen.

Zunächst kam es darauf an, den Sergeanten vertraulich zu machen und dadurch die Möglichkeit der Ausführung seiner Absichten zu gewinnen.

Dies gelang ihm leicht.

Der alte Wassili nahm bereitwillig den gebotenen Anteil an den Mahlzeiten seines Gefangenen an und trank gern den Wein, von dem dieser ihm den größeren Teil überließ. Doch tat er dies nicht am Mittage, da er dann seinen Dienst versehen mußte und keine Zeit zu einer behaglichen Mahlzeit und Plauderstunde hatte, die er gern mit Nummer acht, wie er Konstantin nannte, halten wollte; denn Nummer acht gefiel ihm, wie er, dem jungen Mann freundlich auf die Schulter klopfend, sagte, viel besser wie die anderen, die da jammerten und klagten oder Verwünschungen ausstießen, ohne zu bedenken, daß er doch nichts für ihr Schicksal könne. Am Abend, wenn er die Inspektion der übrigen ihm anvertrauten Zellen beendet, brachte er Konstantin zuletzt die Nachtkost und setzte sich dann aus seinem Anteil und den reichlichen Überbleibseln des Mittagessens eine vortreffliche Mahlzeit zusammen, worauf er sich munter und gesprächig unterhielt und oft bis Mitternacht in der Zelle zubrachte.

Konstantin trug Sorge, dem Alten stets gute Bissen und einen reichlichen Trunk übrig zu lassen, und sah es mit Vergnügen, daß Wassili sich leicht einen kleinen Rausch antrank.

Er behielt deshalb einmal eine geleerte Flasche zurück, ohne daß der Alte, dem er beim Packen des Korbes behilflich war, darauf achtete.

In diese Flasche goß er täglich einen Teil des Weins, von dem er selbst nur sehr wenig nahm, und verbarg sie in seinem Bett. Als sie gefüllt war, tat er dasselbe mit einer zweiten, so daß er nach einigen Wochen eine Sammlung von vier gefüllten Weinflaschen beisammen hatte.

Man hatte ihm bei seiner Einlieferung in das Gefängnis reine Wäsche, wie sie die übrigen Gefangenen trugen, gegeben und ebenso einen Anzug von grauem Tuch. Seine eigenen Kleider blieben in seiner Zelle hängen, damit er, wie der alte Wassili sagte, sie bei seiner Freilassung, die er ihm von Herzen wünsche, wieder anlegen könne.

Eine scharfe Kontrolle fand nicht statt, und so war es ihm möglich geworden, aus einem Hemde zwei Stricke zu machen, welche stark und fest genug waren, einer ziemlichen Anstrengung zu widerstehen, und aus den Pferdehaaren, die er aus seiner Matratze hervorzupfte, hatte er einen Ball zusammen gewunden, der wohl als Knebel diente.

Während er dies alles vorbereitete, war er in einer Nacht gegen Morgen hin plötzlich aus seinem leisen und unruhigen Schlummer durch ein eigentümliches Geräusch erwacht, welches aus der Mauer hinter seinem Bett hervor zu gehen schien; es klang wie entfernte, dumpfe Hammerschläge, dann wieder wie ein ebenso dumpfes Feilen und Sägen, ohne daß man aus den Tönen deutlich die Ursache desselben hätte erkennen können.

Konstantin fuhr empor.

Was konnte das bedeuten? Nach seiner Meinung mußte hinter der Mauer seiner Zelle in der Richtung, aus welcher die Töne kamen, das Karmeliterkloster liegen, und was konnte dort in der Stille der Nacht vorgehen? Die Mönche konnten unmöglich etwas an dieser Mauer zu tun haben, es wäre allein denkbar gewesen, daß ein Umbau dort stattfände, den man in der Nacht vornahm, um am Tage die frommen Übungen des Klosters nicht zu stören oder – solche Töne täuschen ja in der Nacht – sollte es möglich sein, daß in einer Nebenzelle ein Gefangener einen Fluchtversuch vorbereitete oder eine Verbindung mit seinem Nachbar suchte? Auch dies war kaum annehmbar, und der andere konnte ja nicht wissen, wer in der Nebenzelle sich befände und ob nicht das Geräusch zum Verräter würde.

Als dasselbe aber fortdauerte, machte Konstantin eine Probe.

Er klopfte mit dem Absatz seines Stiefels dreimal stark gegen die Mauer an der Stelle, an welcher er die seltsamen Töne zu vernehmen glaubte. Einen Augenblick war alles still. Dann erschallten drei Schläge in gleichen Zwischenräumen wie die seinigen. Das war in der Tat ein deutliches Zeichen dafür, daß kein Zufall das Geräusch hervorbrachte.

Konstantin wiederholte mehrmals die Probe.

Jedesmal klang die Antwort zurück.

Konstantin war völlig wach geworden.

War es möglich, daß man von außerhalb her auf seine Rettung dächte? Aber wer sollte das sein seine Gefangennehmung war so geheimnisvoll erfolgt, daß niemand davon wissen konnte.

Er sann nach.

Eine Idee blitzte in ihm auf.

Er klopfte schnell hinter einander die Zahl, welche der Buchstabe, den er ausdrücken wollte, im Alphabet einnahm, und stellte so, nach jedem Buchstaben einen Augenblick inne haltend, die Frage:

»Wer ist da?«

Eine Weile blieb es still.

Dann kam die Antwort in ganz gleich« Weise die Buchstaben bezeichnend:

»Ein Freund.«

Konstantin ging in höchster Aufregung in seiner Zelle auf und nieder.

Es war also eine Verbindung mit der Außenwelt vorhanden – es gab jemand, der seinen Aufenthalt kannte, eine Rettung sollte von dorther kommen.

In seine Freude über diesen Hoffnungsstrahl mischte sich aber sogleich ein jäher Schreck. Der alte Wassili blieb ja oft bis spät in die Nacht bei ihm. Wenn während dessen Anwesenheit dies Geräusch sich vernehmen ließ, so war jede Hoffnung verloren.

Die dumpfe Arbeit war inzwischen weiter gegangen.

Konstantin eilte wieder an die Mauer und klopfte dreimal.

Drei Schläge antworteten.

Dann gab er nach der einmal von der andern Seite verstandenen Weise die Buchstabenzeichen für die Worte:

»Vorsicht – niemals anfangen, bis ich das Zeichen gegeben.«

Schnell kam die Antwort:

»Gut –« und dann nahm das Geräusch der geheimnisvollen Arbeit wieder seinen Fortgang und dauerte ununterbrochen bis zum Anbruch des Morgens.

Während des ganzen nächsten Tages hatte Konstantin der Gedanken genug. Seine Stimmung war gehoben, mit der Empfänglichkeit seiner hochgereizten, ganz auf einen Punkt gerichteten Empfindung kam es ihm vor, als sehe er, wie die Mauern seines Kerkers sich öffneten und wie das goldene Sonnenlicht ihm entgegenstrahlte. Dann aber kam wieder der Zweifel und das Bangen – konnte das, was er so freudig begrüßte, nicht eine Falle sein, die man ihm stellte, um ihn um so sicherer zu verderben, um ihn zur Flucht auf dem unbekannten Wege zu verlocken und dann verschwinden zu lassen? Hin- und her wogten seine Gedanken, aber das alles hatte zur Folge, seine Lebensgeister immer noch kräftiger anzuregen und seine Willenskraft zu stärken. Mochte die Hilfe, die sich ihm da von außen darbot, aufrichtig gemeint oder eine Falle sein, er beschloß, den von ihm selbst eingeschlagenen Weg dennoch fortzusetzen, dem angeblichen Freund, der ihm von außen nahte, Vorsicht und Mißtrauen entgegen zu setzen und demselben, auch wenn er sich bis zu ihm Bahn brechen möchte, nur zu folgen, wenn er sich von dessen Aufrichtigkeit überzeugen würde. Auf dem Wege, den er gewählt, stand er zwischen der Freiheit und dem Tode im Kampf gegen seine Feinde, denen er ja auf dem Schlachtfelde entgegen zu treten bereit war – der Weg, der sich ihm von außen öffnen wollte, konnte ihn aber in einem dunklen Abgrund verschwinden lassen, in dem er nicht mehr Herr war, sein Leben im äußersten Fall freiwillig zu beenden. Er setzte also seinen Verkehr mit dem alten Wassili in ganz derselben Weise fort. Die Aufregung, in der er sich befand und die durch die Besorgnis, daß die geheimnisvollen Töne während der Anwesenheit seines Wärters beginnen könnten, noch gesteigert wurde, gab ihm bei dem Besuch des Sergeanten eine außergewöhnliche Lebhaftigkeit und fieberhafte Heiterkeit, so daß der alte Wassili oft herzlich lachte und seine Freude darüber aussprach, daß Nummer acht so vergnügt sei. Das wäre ein Zeichen, meinte der Alte, seinen Schnurrbart streichend, daß der Gefangene sich keiner Schuld bewußt sei und daß er also bald befreit werden dürfte.

Dann leerte er auf Konstantins Wohl den Rest seines Glases und ließ ihn allein.

Dieser wartete eine halbe Stunde, dann gab er durch drei Schläge das Zeichen an der Mauer.

Fast unmittelbar darauf begann das Hämmern und Knirschen und fast schien es ihm, als ob die Töne heute näher als gestern klangen.

Nach einiger Zeit verstummte die Arbeit.

Durch die Buchstabenzeichen vernahm er die Worte:

»Sei mutig – hoffe.«

»Wie lange?« klopfte er schnell zurück.

Und die Antwort ertönte:

»Drei Tage.«

Dann begann die Arbeit wieder und dauerte bis zum Morgen.

In ganz gleicher Weise verliefen die nächsten drei Tage unter steigender Aufregung des Gefangenen.

Als er am vierten Tage das Zeichen gab, blieb alles still; so oft er auch klopfte, welche Fragen er stellte, es kam keine Antwort, ebenso blieb es in den darauf folgenden Tagen, er hörte keine Arbeit mehr hinter der Mauer und seine Fragen blieben unbeantwortet.

Eine tiefe Erbitterung erfaßte ihn.

Eine Falle war es also nicht gewesen, die er befürchtet hatte, denn sonst würde man ihm den Ausweg geöffnet haben. Es blieb nichts anderes übrig, als zu glauben, daß in der Tat auf der andern Seite der Mauer irgend ein Arbeiter beschäftigt gewesen war, der sich einen boshaften Scherz daraus gemacht, die Hoffnung eines Gefangenen zu erwecken und dann zu verhöhnen.

In dieser Erbitterung beschloß er, sich selbst zu helfen. Er war unfähig, das in seiner Untätigkeit aufreibende Leben länger zu ertragen, seine feurige Natur drängte zur Entscheidung, ein Gefühl grimmiger Auflehnung gegen Gott, der ein so grausames Schicksal gegen ihn zuließ, loderte in ihm auf. Da er immer noch nicht verhört, noch immer keine Anklage, gegen ihn erhoben war, so stieg das Schreckbild einer unendlichen, geheimnisvollen Gefangenschaft, die schlimmer war als der Tod, vor ihm empor. Eine Zögerung hatte keinen Zweck, die Flucht konnte heute so gut gelingen als später, und wenn sie nicht gelang, so hatte er den Tod wenigstens in seinen Händen, da er entschlossen war, nicht lebendig in die Hände seiner Feinde zu fallen.

Der alte Wassili brachte ihm zur gewohnten Stunde sein Abendessen. Er setzte sich behaglich in die Ecke des Kanapees, stillte wie gewöhnlich erst in stummem Eifer seinen Appetit und schlürfte dann, mit der Zunge schnalzend, das erste Glas Wein.

»Ich habe Euch eine Überraschung bereitet, Wassili Gregorjewitsch, mir ist heute zu Sinn, als ob mir 'was Gutes widerfahren müßte, als ob vielleicht meine Befreiung unterwegs wäre, und da habe ich Lust, mir mit Euch einen vergnügten Abend zu machen, da wir vielleicht künftig nicht wieder zusammen kommen. Seht,« fuhr er fort, während Wassili ihn verwundert ansah, »was ich für Ersparnisse gemacht habe, um Euch einmal bewirten zu können, wie es Eure Freundlichkeit gegen mich verdient.«

Er zog aus seinem Bett die vier Flaschen Wein, welche er dort verborgen, und stellte sie auf den Tisch.

Wassilis Augen leuchteten.

»Wo habt Ihr das hergenommen?« fragte er, »es ist doch unmöglich, daß Euch jemand etwas zugesteckt hat.«

»Ich habe es erspart von meinem täglichen Getränk, ohne daß Ihr es gemerkt, und die Flaschen zurückbehalten – nun haben wir einmal Vorrat und können vergnügt sein, ohne daß ich wie ein Knicker Euch die Gläser zumessen darf, die ich Euch bieten kann.«

»Ihr habt mich überlistet,« sagte Wassili schmunzelnd, »das ist eigentlich gegen das Reglement, aber was schadet's, hättet Ihr's für Euch getan, so hättet Ihr Euch höchstens einmal betrinken können, und daran wäre nichts gelegen, nun aber habt Ihr's für mich getan, und das ist ein Zeichen, daß Ihr einen noblen Charakter habt, Nummer acht, und daß Ihr wohl da draußen ein vornehmer Herr sein möget. – Ich danke Euch dafür, es tut einem alten Soldaten wohl, einmal in guter Gesellschaft einen freundlichen Abend zu verleben. Gott möge es Euch lohnen – ich werde Euch recht vermissen, wenn Ihr fortgeht, aber darum trinke ich doch auf Eure baldige Befreiung.«

Er leerte das Glas zur Hälfte und reichte es dann seinem Wirt, der ihm nur durch einen kleinen Schluck Bescheid tat, was der Alte durchaus nicht übel nahm.

Konstantin schenkte das Glas wieder voll und fragte mit gleichgültiger Miene:

»Und wenn Eure anderen Gefangenen Euch drohen und ungebührlich sind, wie Ihr sagt, fürchtet Ihr nicht, daß einer von ihnen Euch einmal überfällt? Die Verzweiflung gibt Riesenkraft, Ihr seid ein alter Mann und habt ein steifes Bein.«

»Leider,« seufzte der Alte, »die Kugel, die mich traf, steckt noch im Knochen und macht mich lahm, sonst wäre ich wohl noch da draußen im Felde und der frischen Luft mit guten Kameraden, statt hier die armen Gefangenen zu bewachen; aber Gefahr hat's damit nicht, 'wenn einer mich wirklich anfallen wollte. Der alte Wassili kann seinen Säbel noch führen.«

»Ein Säbel,« sagte Konstantin, indem er Wassilis Glas wieder füllte, »der lange im Friedensdienst stumpf geworden ist, wird Euch auch nicht viel nützen.«

»Stumpf geworden!« rief der Sergeant, indem er sein geleertes Glas heftig auf den Tisch setzte; »da irrt Ihr Euch, Nummer acht, mein Säbel ist scharf, um ein Haar zu spalten, und wer mich angreifen wollte, dem sollte es schlecht bekommen.«

Er zog seinen Säbel halb aus der Scheide und zeigte die bis zum Griff hinauf haarscharf geschliffene Klinge.

»Und«, fuhr er dann fort, seinen Rock aufknöpfend, »für den Notfall habe ich noch bessere Waffen.«

Er zog zwei doppelläufige Terzerole aus seinem Leibgürtel und zeigte, daß die geschlossenen Pfannen derselben mit Pulver versehen waren.

»Ihr seht,« sagte er, »daß ich wohl gerüstet bin, um den Angriff eines Gefangenen nicht zu fürchten, der töricht genug sein möchte, sein Leben zu wagen. Wolltet Ihr etwas gegen mich unternehmen, Nummer acht, wahrlich, Ihr würdet ein toter Mann sein, ehe Ihr noch bis drei hättet zählen können. Der alte Wassili kennt seinen Dienst, und im Dienst gibt es keine Freundschaft.«

Konstantins Blicke leuchteten auf, als der Alte ihm seine Waffen zeigte.

Mit diesen Waffen würde er ja einen harten Kampf bestehen können und jedenfalls immer gewiß sein, durch den Tod die Freiheit erkaufen zu können.

»Doch,« sagte der Alte, gutmütig lachend, indem er selbst das Glas füllte und es Konstantin reichte – »bei Euch ist ja so etwas nicht zu befürchten, Ihr seid ein verständiger Mensch, gegen Euch werde ich meine Waffen nicht gebrauchen, und Euch kann ich von Herzen wünschen, daß Ihr bald frei gelassen werdet oder in die Verbannung geschickt, die immer besser ist als die Gefängnismauern, wie es mit dem guten Herrn von Mickiewicz ging, den ich zu eskortieren hatte, als er in die Tartarei verbannt wurde. Das war ein lieber, vortrefflicher Herr – noch denke ich dran, wie ich die schöne Reise mit ihm machte, und wie er so gut und herzlich war, daß ich mehr sein Diener zu sein glaubte als sein Wächter, obgleich ich ja auch meine Waffen bei mir und den Befehl hatte ihn lebendig oder tot abzuliefern.«

»Mickiewicz,« rief Konstantin, »ihn habt Ihr eskortiert? Wie wunderbar, er war mein Freund auf der Akademie in Wilna!«

»So,« sagte Wassili, »darum habt Ihr mich auch schon oft an ihn erinnert –_ Ihr habt so etwas von ihm in Euren Manieren und in Eurer Stimme, wenn er auch freilich sanfter als Ihr aus seinen hellen Augen blickte.«

»Also war er nicht zornig, nicht traurig«, fragte Konstantin, »über sein Schicksal, das ihn damals aus den Kreisen seiner Freunde fortriß und einer unbekannten drohenden Zukunft entgegenführte?«

»Traurig war er wohl zuweilen, aber zornig nie, am wenigsten gegen mich. Wir aßen und tranken zusammen; das Beste, was er finden konnte, teilte er mit mir, ganz wie Ihr's ja auch tut, und wenn er traurig war, so ging das bald vorüber. Er blickte zum Wagen hinaus und sprach dann mit den Bäumen am Wege und mit den Wolken so wunderbar und so schön, als ob das alles lebendige Wesen wären, deren Sprache er verstände, so daß mir ganz warm und weich ums Herz wurde, und ich habe mich so recht von Herzen gefreut, daß sich alles für ihn bald zum guten wendete. Ich hatte gar nicht nötig, ihn bis an den Ort seiner Verbannung zu bringen. Als wir nach Moskau kamen, ließ der Gouverneur ihn rufen, das war damals der Fürst Gallitzin, und der sprach lange mit ihm. Ich war im Vorzimmer und hörte zuweilen die Stimme des Herrn Mickiewicz, die so voll und rein wie eine Glocke klang, ganz so, als wenn er auf dem Wege mit den Bäumen und den Wolken sprach, und dann kam der Fürst und sagte mir, daß mein Dienst zu Ende sei, daß der Herr von Mickiewicz bei ihm in Moskau bleiben werde und er die Verantwortung für ihn übernehme.

Der Herr von Mickiewicz gab mir seine Börse, in der ich manches Goldstück fand, und drückte mir die Hand zum Abschied und sagte dem Fürsten, daß ich sein guter Freund gewesen sei.

Der Fürst klopfte mir auf die Schulter und sagte, das sei brav von mir, daß ich meinen Gefangenen gut behandelt habe.

Er gab mir auch noch eine Handvoll Gold und ließ mich in ein Regiment einstellen, das nach dem Kaukasus marschierte, da ich auf seine Frage nach meinen Wünschen ihm sagte, daß ich statt des traurigen Friedensdienstes wirklich einmal Soldat werden möchte.

Es war eine frische, fröhliche Kriegszeit, die ich so dem Herrn Mickiewicz verdankte. Ich tat nach Kräften meine Schuldigkeit, ich wurde Sergeant, aber lange sollte es mit der Herrlichkeit nicht dauern, eine verdammte Kugel traf mich, mein Bein wurde steif – vielleicht wäre es besser gewesen für mich, sie wäre mir durchs Herz gegangen. – Dann wurde ich hierher geschickt und erhielt den Posten als Gefangenwärter. Nun, so schlimm ist es eben auch nicht, ich habe mein sicheres Brot, meinen ruhigen Dienst und muß zufrieden sein. Wenn ich aber an den Herrn von Mickiewicz denke, dann wird mir immer noch das Herz warm, und ich bitte Gott, daß er es ihm gut gehen lassen möge.«

»Euer Gebet ist erhört, lieber Wassili,« sagte Konstantin bewegt. »Herr von Mickiewicz ist nicht mehr Gefangener, er befindet sich jetzt auf Reisen weit in der Ferne im Süden Italiens, wo die Sonne so viel wärmer scheint als bei uns.«

»Das gönne ich ihm von Herzen!« rief Wassili; »aus seinen guten Augen blickte es ja immer hervor wie Sonnenschein, und wenn er hort mit den Bäumen und den Wolken spricht, so muß es wohl auch noch schöner klingen als damals aus seiner Reise.

Auf sein Wohl,« sagte er, »daß es Euch so gut gehen möge wie ihm!«

Er leerte sein Glas zur Hälfte und reichte es Konstantin, der diesmal dem Alten freudig Bescheid tat und rief:

»Möge alles sich erfüllen, was mein Freund und ich wünschen und hoffen!«

Der Alte war redselig geworden, er begann wieder von seinen Feldzügen im Kaukasus zu erzählen. Konstantin schenkte ihm immer wieder von neuem ein, indem er mit einer gewissen ängstlichen Unruhe das immer mehr sich rötende, verwitterte Gesicht des alten Soldaten beobachtete.

Der Wein tat seine Wirkung.

Als die vierte Flasche angebrochen wurde, begann Wassili immer unsicherer zu sprechen; seine Blicke wurden trüber, er schien gegen die Müdigkeit anzukämpfen, und ehe noch die Flasche geleert war, sank er gegen die Lehne des Kanapees zurück und verfiel nach einigen vergeblichen Versuchen, sich zu ermuntern, in einen tiefen Schlaf.

Konstantin sprang auf, seine Augen blitzten. Die Stunde der Entscheidung war gekommen – jetzt galt es, die Freiheit zu erringen oder zu sterben.

Er fuhr mit der Hand über Wassilis Stirn, er schüttelte dessen Schulter erst leise, dann immer kräftiger, aber der Schlafende erwachte nicht, immer tiefer wurden seine schnarchenden Atemzüge.

Jetzt holte Konstantin aus seinem Bett die Stricke, welche er gedreht, er band die Hände des Schlafenden vorsichtig zusammen, ohne daß dieser irgendeine Bewegung machte. Dann nahm er demselben die Waffen ab, prüfte noch einmal die Schärfe der Säbelklinge und sagte mit einem wehmütigen Blick auf den Alten, der fest schlafend dalag:

»Gib, mein Gott, daß ich nicht gegen ihn diese Waffen brauchen darf, doch, wenn es sein muß, werde ich nicht zögern – er ist das Werkzeug meiner Feinde, und es gilt Freiheit und Leben.«

Er nahm nun den Ball von Pferdehaar, den er zusammen geknotet, und näherte sich dem Schlafenden, um den Knebel in dessen halb geöffneten Mund zu drücken. Da ertönten einige schnelle Hammerschläge von der Mauer her.

Erschrocken hielt Konstantin an und lauschte.

Er nahm den Säbel zur Hand, denn wenn Wassili von diesem Geräusch erwachte, so blieb ihm keine Wahl mehr.

Der Alte aber schlief weiter.

Noch einige Schläge erklangen. Man hörte etwas wie einen dumpfen Fall, als ob ein Stein aus der Mauer sich löste, und nach einigen Augenblicken richtete sich eine dunkle Gestalt hinter seinem Bett auf.

Konstantin stand da, von Entsetzen gelähmt.

Kam ihm von dort her die Befreiung in diesem unseligen Moment, so konnte durch ein zu frühes Erwachen des Sergeanten alles verloren sein – wenn ihm aber dort eine Falle gestellt werden sollte, so war nun sein Verderben gewiß.

Er hob die Kerze empor, um die geheimnisvolle Erscheinung, die sich geisterartig in der Mauer aufrichtete, deutlicher zu sehen.

Seine Augen öffneten sich weit.

Mit bebenden Lippen flüsterte er:

»Kasimir, ist es möglich, Du hier!«

»Ich bin es,« erwiderte der auf diesem wunderbaren Wege in die Gefängniszelle Eingedrungene, »ich komme, Dir den Weg zur Rettung zu bahnen. Aber, um Gottes willen, was ist mit dem Soldaten dort?«

»Ich habe ihn betäubt und seine Waffen abgenommen, um in seiner Kleidung zu entfliehen.«

»Das ist Torheit,«erwiderte der in einen engen grauen Anzug gekleidete Mann, in welchem Konstantin zu seinem höchsten Erstaunen seinen Freund wiedererkannt hatte, der ihm in dem Karthäuser Kloster begegnet war.

»Laß ihn gehen und vertraue mir. Schnell schnell, bringe alles in Ordnung, ehe er von selbst erwacht.«

Konstantin zögerte noch eine Sekunde, aber während Kasimir sich hinter das Bett zurückzog, war schnell sein Entschluß gefaßt. Von ihm, dem alten Freunde, dem eifrigen Patrioten, hatte er keinen Verrat zu fürchten.

Er löste vorsichtig den Strick von den Händen des alten Wassili, steckte die Pistolen wieder in dessen Gürtel und den Säbel in die Scheide. Dann verbarg er den Strick und den Knebel und setzte sich auf seinen Stuhl nieder.

»Wassili Gregorjewitsch –« rief er mit lauter Stimme, während er zugleich vor dem Ohre des Schlafenden das Glas gegen die Flasche klirren ließ.

Der Alte zuckte bei dem Klang seines Namens zusammen, dehnte sich und schlug die Augen auf.

Mühsam richtete er sich auf und blickte verwundert umher.

»Ihr seid müde, mein Freund Wassili,« sagte Konstantin lachend, »und waret ein wenig eingenickt, das ist nicht vorsichtig von Euch – seht, dort steckt der Schlüssel in der Tür, hätte ich's gewollt, so wäre es mir ein leichtes gewesen, auf und davon zu gehen.«

Der Alte erschrak, setzte sich auf und griff nach seinem Säbel und seinen Pistolen.

Als er die Waffen an ihrer Stelle fand, atmete er erleichtert auf und sagte:

»Ich bin alt und stumpf im Friedensdienst geworden und kann einen tüchtigen Trunk nicht mehr so gut vertragen wie früher im Felde. Unrecht war's, daß ich mich verleiten ließ, so die Dienstvorschriften zu vergessen, die hier so gut gelten wie auf der Feldwache vor dem Feinde. Geholfen hätt's Euch freilich nichts, würdet Ihr mein Vertrauen mißbraucht haben, denn Ihr wäret nicht einmal über den Korridor auf den inneren Hof hinausgekommen, und vielleicht hätte man Euch für solchen Fluchtversuch in Ketten gelegt, aber doch danke ich Euch, daß Ihr's nicht versucht habt, denn mich hätt's meine Stelle kosten können.«

Er schüttelte Konstantin die Hand, stand auf und schickte sich an zu gehen.

»Für heute habe ich genug,« sagte er, als Konstantin ihm noch den Rest aus der Flasche einschenken wollte, »und künftig werde ich doch vorsichtiger sein, auch selbst bei Euch ist es das erstemal, daß Wassili Gregorjewitsch nachlässig im Dienst war, es soll nicht wieder vorkommen.«

Schwankenden Schrittes, unmutig den Kopf schüttelnd, ging er hinaus.

Konstantin hörte den Schlüssel im Schloß knirschen und die schweren Riegel draußen vorschieben.

Auch Kasimir mußte dies gehört haben, denn nach wenigen Augenblicken erhob er sich hinter dem Bett und trat an den Tisch heran.

»Nun sei mir gegrüßt,« sagte er, Konstantin umarmend, »der Weg zu Deiner Rettung ist geöffnet, in wenigen Tagen sollst Du frei sein. Ich habe noch einige Vorbereitungen für Deine Flucht zu treffen, um Dich sicher aus Warschau und über die Grenze zu bringen, deshalb war ich in den letzten Tagen nicht gekommen – heute aber wollte ich Dir wenigstens Nachricht bringen, um Dich nicht länger in Unruhe zu lassen.«

»O, mein Gott,« rief Konstantin, »und ich habe eine Falle vermutet! Wärest Du heute nicht gekommen, so hätte ich tollkühn den Weg zur Freiheit oder zum Tode gesucht.«

»Es wäre der Weg zum Tode gewesen,« sagte Kasimir schaudernd, »und Gott hat mir es eingegeben, heute zu kommen, und mich noch zu rechter Zeit hierher geführt. Eine Rettung war für Dich nicht möglich, denn auch die Gefangenwärter werden nicht ohne Erlaubnisschein aus den Toren dieses Kerkers herausgelassen.«

»Doch, nun sprich,« rief Konstantin, »wie ist es Dir möglich gewesen, den Weg zu mir zu finden – wie hast Du erfahren, daß ich hier bin, da ich mich von aller Welt vergessen und verlassen glaubte.«

Kasimir setzte sich auf den Platz, welchen vorher der alte Wassili eingenommen, und sagte:

»Höre mich an, mein Freund, und Du wirst alles begreifen.

»Als ich Dir im Park von Bielany begegnete, konnte ich Dir meine Geschichte nicht erzählen, da Du nicht allein warst.«

»O, ich kenne sie,« rief Konstantin, »ich kenne die furchtbare Missetat, welche die Unterdrücker unseres Vaterlandes an Dir begangen haben! Auch die Gräfin Dornowska hatte Dich an jenem Tage gesehen, sie sprach von Dir, und Herr von Lanienski erzählte uns Dein Schicksal, das Dich dazu getrieben, im Mönchsgewande Ruhe und Frieden zu suchen.«

Kasimir schüttelte den Kopf.

»Herr von Lanienski,« sagte er, »konnte Dir nicht alles erzählen. So höre denn:

Kurz, ehe mein Vater an den Folgen seines Grames und seiner Leiden starb, erschien in Bobroisk, wohin er gekommen war, um mir nahe zu sein und mein Schicksal zu erleichtern, ein alter Freund von ihm, um die Besatzung dort zu inspizieren, der General Rozniezki.«

»Rozniezki,« rief Konstantin, »der Abtrünnige, der Vertraute des Großfürsten, der schlimmer ist als Pelikan und Nowosültzow in der Verfolgung der Patrioten?«

»Derselbe –« erwiderte Kasimir. »Doch höre weiter:

Mein Vater hatte seines Freundes Laufbahn nicht verfolgt, er wußte nur, daß er im Dienst geblieben war wie so viele andere, die da hofften, eine Versöhnung mit der neuen Regierung zum Besten des Vaterlandes zu erreichen. Er suchte Rozniezki auf, klagte ihm sein Leid und seine Sorge um mich, und dieser war wirklich sein Freund geblieben, er war es, der sogleich meine Befreiung bewirkte und mir für die Zukunft seinen Schutz versprach. Ich kehrte mit meinem Vater nach Wilna zurück, wo dieser bald starb.«

»Entsetzlich,« sagte Konstantin, seinem Freunde die Hand drückend, »entsetzlich, wie mußt Du gelitten haben!«

»Frage nicht danach,« sagte Kasimir düster, »aus meinen Leiden stieg das Gelübde hervor, mein ganzes Leben der Rache an unseren Unterdrückern und der Befreiung des Vaterlandes zu weihen. Mein Vater hatte mich kurz vor seinem Tode gebeten, den General Rozniezki aufzusuchen, der ja versprochen hatte, mich zu beschützen, denn er selbst konnte mir nichts hinterlassen, da er sein nicht bedeutendes Vermögen fast ganz verbraucht hatte, um meine Gefangenschaft zu erleichtern. Ich tat, wie er es gewollt, ich mußte ja irgend eine Stellung in der Welt suchen, um für die Erfüllung meines Gelübdes tätig sein zu können. Rozniezki nahm mich freundlich und herzlich auf, er gab mir eine Stellung in seinem Bureau, versprach mir eine schnelle Karriere und behandelte mich wie zu seinem Hause gehörig. Ob er aus Freundschaft für meinen Vater so mit mir handelte oder ob er andere Pläne hatte, weiß ich nicht; bald aber wurde mir klar, daß er sich ganz der russischen Regierung ergeben hatte und einer der schlimmsten Feinde unseres Vaterlandes war, an dessen Zukunft er nicht mehr glaubte und gegen das er keine Pflicht mehr anerkannte. Er dachte nur an sich selbst und scheute vor keinem Mittel zurück, sich den Weg zu Ehre, Einfluß und Reichtum zu bahnen. Ich schauderte bei dem Gedanken, sein Mithelfer zu werden oder als ein solcher zu gelten – ich wußte von einigen Freunden, die ich wiedergefunden, daß mehrere von der Regierung verfolgte Patrioten in Mönchskleidern eine Zuflucht gefunden hatten. Der Prior der Karthäuser war meiner Familie verwandt, ich bat ihn um Aufnahme in sein Kloster, er gewährte meine Bitte bereitwillig, ohne lebenslängliche Gelübde von mir zu fordern, und ich erklärte dem General Rozniezki, daß ich nach der kummervollen Zeit, die ich durchlebt, einen unüberwindlichen Drang fühlte, in den geistlichen Stand zu treten. Rozniezki begann damit, mich zu verspotten, dann suchte er durch alle möglichen Gründe meinen Entschluß zu bekämpfen, aber als ich fest blieb, sagte er endlich:

»Gut denn, wenn Sie es wollen, so mag es sein, vielleicht haben Sie recht, der Dienst der Kirche kann einem jungen Manne wie Ihnen unter Umständen eine bessere Karriere öffnen, als ich sie Ihnen zu bieten vermag. Vielleicht«, sagte er, lächelnd und mir auf die Schultern klopfend, »sehe ich Sie noch einmal als einen hohen Prälaten und Fürsten der Kirche – ein junger Mann von Ehrgeiz und Geist wie Sie, ist ganz geschaffen, um den bischöflichen Hirtenstab zu führen, und auch der Purpur des Kardinals wird Ihnen nicht unerreichbar sein. Folgen Sie also immer dem inneren Drang, von dem Sie mir sprachen, vielleicht ist es Ihres Schicksals Stimme, auf welche die meisten in ihrem Leben nicht genug achten. Aber eines müssen Sie mir versprechen, vergraben Sie sich nicht in die Tiefen des Klosters, werden Sie kein Kopfhänger und Büßer, sondern streben sie aufwärts, damit nützen Sie sich selbst und auch Ihrer Kirche, für die Sie in der Niedrigkeit nichts tun können. Und dann bleiben Sie mein Freund, ich habe eine aufrichtige Neigung für Sie, wie Sie nicht bezweifeln werden, ich habe mich an Ihre Gesellschaft gewöhnt, Sie werden mir oft guten Rat geben, und ich möchte Sie nicht entbehren – besuchen Sie mich recht oft, nicht wahr, das versprechen Sie mir?«

Ich versprach es, um jede weitere Einwendung gegen meinen Entschluß abzuschneiden, und trat noch an demselben Tage in das Karthäuser Kloster ein. Dir kann ich es sagen, daß dort sich die Patrioten versammeln, welche zum Bunde der Cosiniery gehören und welche unter undurchdringlichem Geheimnis sich verbergen müssen.«

»Ich habe davon gehört,« sagte Konstantin, »daß dieser Bund besteht, der den italienischen Carbonaris nachgebildet ist, und wäre gern Mitglied desselben geworden, wenn ich den Weg zu ihm hätte finden können, denn auch mein Herz gehört mit allen seinen Schlägen dem Vaterlande, und ich bin jede Stunde bereit, mein Leben in dem heiligen Kampfe einzusetzen.«

»Du wärest uns willkommen gewesen«, erwiderte Kasimir, »und würdest längst zu den Unsrigen gehören, wenn ich Dich hätte auffinden können, aber während meiner Leidenszeit warest Du auf Reisen gegangen, und ich hatte Deine Spur verloren. Du sollst aber unser Mitglied werden, sobald Du die Freiheit wiedererlangt hast, zu der ich Dir den Weg bahnen will. Doch höre weiter. Meine Freunde rieten mir, ja sie verlangten, daß ich meine Beziehungen zu Rozniezki fortsetzte und daß ich mir den Schein gebe, seine politischen Meinungen zu teilen und auf diese Weise erreichte, ihnen als geheimer Agent und Kundschafter zu dienen. Du wirst begreifen, wie sehr mir ein solches Handwerk widerstrebte, aber ich mußte dem bestimmten Willen meiner Freunde folgen, welche vor allem danach streben, in dem Lager der Gegner stets sichere Fäden zu haben, um über deren Pläne und auch über die Anschläge unterrichtet zu sein, welche sie gegen einzelne Patrioten und besonders gegen die Mitglieder des Bundes im Sinn haben. Es wurde mir leicht, Rozniezkis Vertrauen zu gewinnen, indem ich ihn glauben ließ, daß ich in der Tat nur aus Ehrgeiz in den Dienst der Kirche getreten sei und für die Zukunft mir auch seine und der Regierung Unterstützung sichern wolle. Der innere Vorwurf, den ich mir über den Mißbrauch seines Vertrauens machte, verschwand vor der Überzeugung, daß im Dienst des Vaterlandes, der ja ein heiliger Krieg gegen die Unterdrücker ist, jedes Mittel gerecht und notwendig sei: die List wie die Gewalt – und bald überzeugte ich mich, wie wichtig der mir aufgedrungene Dienst unserer Sache sei. Es gelang mir in vielen Fällen, drohende Schläge abzuwenden, die Opfer der Verfolgung zu retten und unsere Feinde auf falsche Fährte zu führen, wie ich auch jetzt wieder nur durch meine Verbindung mit Rozniezki Deine Spur habe verfolgen können und imstande bin, Dir fast mit Sicherheit die Freiheit zu versprechen.«

»So kennst Du«, rief Konstantin, »den Grund meiner Verhaftung – so weißt Du, was man mit mir vor hat?«

»Den Grund Deiner Verhaftung kenne ich. Was man mit Dir vor hat, weiß ich nicht. Es kommt ja vor,« sagte Kasimir mit bitterem Lachen, »daß man diejenigen, denen man nichts beweisen kann, oder die Personen, in denen man sich irrtümlich vergriffen hat, einfach verschwinden läßt, um einen Fehlgriff nicht einzugestehen.«

»Und warum«, fragte Konstantin, »hat man mich in den Kerker geworfen?«

»Aus einem sehr einfachen Grunde: weil Du als ein Verschwörer gegen die Fremdherrschaft denunziert worden bist.«

»Schändlich!« rief Konstantin; »meine Gesinnung konnte niemand kennen, und ich hatte ja nichts getan, um sie zur Tat werden zu lassen. Und wer war der Schändliche, der solch ein tückisches Verbrechen an mir begangen?«

»Vielleicht sollte ich es Dir nicht sagen, aber da ich Dich für unsere Sache und den heiligen Kampf anwerben will, so ist es gut, wenn Du auch die Feinde kennst und die vergifteten Waffen, mit denen sie uns bekämpfen. Dein Ankläger war der Staatsrat von Malgienski.«

»Er?« rief Konstantin erbleichend. »Er der mir verwandt ist und sich für meinen Freund ausgibt? – O, ich wußte wohl, daß er es mit den Russen hielt und an einer Versöhnung arbeitete, wie es ja auch ernste Patrioten tun. Doch einer solchen Schlechtigkeit hätte ich ihn nicht für fähig gehalten.«

Er blickte finster vor sich nieder.

Dann ergriff er Kasimirs Hand und rief:

»Mein Freund, Du hast Dir den gefahrvollen Weg zu mir gebahnt in meine von Gott und der Welt verlassene Einsamkeit, die lichtstrahlende Hoffnung, die Du mir zugeführt, zeigt mir die Welt anderes als an diesen letzten schrecklichen Tagen, in denen mir der Tod willkommen war als Befreier aus der Schmach und dem Elend des Kerkers. Jetzt will ich leben, leben für den Kampf um das Vaterland und leben auch für mein Glück, das mir aufgegangen war, ehe ich in diese Kerkernacht hinabgestoßen wurde. Höre mich an, zu Dir darf ich Vertrauen haben, Du wirst das Geheimnis meines Herzens bewahren und mir beistehen im Kampf um meine Liebe, denn ich liebe, Kasimir, ich liebe mit der ganzen Glut meiner Seele.«

»Du?« fragte Kasimir ernst und fast vorwurfsvoll; »Du, der stolz darauf war, daß die Weiber keine Macht über Dich hätten, der mit den schönen Damen in Wilna niemals mehr sprach als die unerläßlichen kalten Höflichkeitsformeln.«

»Ja, ich liebe, Freund,« rief Konstantin, »da ich endlich diejenige gefunden habe, die dem Ideal gleicht, das ich in mir trug, und keine Ähnlichkeit hat mit allen den Frauen, die ich bisher kennen gelernt.«

»So spricht jeder,« sagte Kasimir kalt, »der zum erstenmal der Lockung verfällt, welche unser Geschlecht um das Paradies brachte und manchen edlen Mann um seine Würde und sein Glück betrog.«

»Nein, nein –« rief Konstantin.

»Und wer ist sie, welche die alte Schlange erwählt, um Dich, der so stolz auf seine Freiheit war, in ihr Netz zu ziehen?«

»Sprich nicht so, Kasimir, es tut mir weh – Luitgarde ist nicht wie die anderen, sie ist –«

»Luitgarde,« fiel Kasimir ein, »ist das nicht die Tochter Deines Freundes, des Grafen Jaczkonowski?«

»Sie ist es,« sagte Konstantin; »lange trage ich diese Liebe in mir, ich habe sie überwinden wollen, aber gerade an dem Tage, da ich Dir begegnete, als Deine traurige Geschichte erzählt wurde, zeigte Luitgarde ein so tiefes Gefühl, einen solchen Schmerz über die Leiden des Vaterlandes, daß ich meine Empfindung nicht mehr zurückhalten konnte, und an jenem Tage gerade war es, als der Graf Jaczkonowski mir in einer Weise, die kaum mißzuverstehen war, anbot, sein Sohn zu werden, sein Sohn durch die Hand seiner Tochter. Und ich hatte dennoch seine Worte nicht verstehen wollen und mein Gefühl niedergekämpft in die Tiefe der Seele. Da wurde es plötzlich licht vor meinen Blicken. Wohl hatte ich meine Kraft und mein Streben dem Vaterlande geweiht und der Liebe und dem eigenen Glück entsagt, aber warum sollte ich mir diese Entsagung auflegen, nachdem ich einen Blick in Luitgardens Herz getan und die Überzeugung gewonnen, daß ich meine heilige Pflicht mit dem eigenen Glück vereinen konnte. Luitgarde liebte ja das Vaterland wie ich und würde mich nur noch mehr für dessen Befreiung begeistert haben. Ich beschloß, dem Grafen mein Herz zu öffnen und von ihm die Erlaubnis zu erbitten, daß ich mich um Luitgardens Liebe bewerben dürfe. So, mein Freund, leuchtete mir das Leben entgegen, als plötzlich dieser furchtbare Schlag mich traf und von den Höhen neu erwachender Lebenshoffnung mich in die Einsamkeit des Kerkers warf. Du kannst Dir denken, was ich gelitten in dieser Zeit, in der die Freiheit um jeden Preis oder der Tod mein einziges Sinnen und Streben war.«

»Der Tod war Dir sicher auf Deinem Wege,« erwiderte Kasimir, dessen Miene sich bei Konstantins Erzählung verdüstert hatte – »ich bringe Dir die Freiheit.«

»Und Malgienski,« sagte Konstantin sinnend, »war der tückische Angeber, der mich in den Kerker werfen ließ – er beschäftigte sich mit Luitgarde,« fuhr er fort, indem er mit der Hand über seine heiße Stirn fuhr, »er war fast immer an ihrer Seite, auch damals in Bielany – ich hörte es wohl, daß man hier und dort über die beiden flüsterte – ja, ja, jetzt erinnere ich mich, daß er selbst von ihr sprach als von einer guten Partie für mich. Wenn er mich ausforschen wollte – wenn ich ihm im Wege gestanden hätte, wenn er meine Abwesenheit benützte, um mich zu verleumden und ihr Herz sich um so sicherer zu gewinnen, o, es wäre ein teuflischer Streich, dessen ich kaum einen Menschen für fähig gehalten hätte! Sage mir, Kasimir, ich beschwöre Dich, was weißt Du davon – hast Du gehört, was im Hause des Grafen Jaczkonowski vorgeht – von Luitgarde gehört?«

Kasimir blickte zu Boden und nahm einen strengen, kalten und harten Ausdruck an.

»Ich kümmere mich nicht um die Welt, so weit es nicht das einzige Ziel meines Lebens betrifft – ich erinnere mich wohl, daß ich früher einmal wie Du auch von Malgienski und der Tochter des Grafen Jaczkonowski habe sprechen hören, doch, was spricht man nicht alles in der Welt.«

»O, Kasimir,« rief Konstantin, »wenn Du mein Freund bist, so höre – frage nach ihr, bringe mir Kunde und öffne mir bald den Weg zur Freiheit! – Eine unnennbare Angst erfaßt mich um Luitgarde – wenn sie Malgienski zum Opfer fiele, den ich jetzt erst in seiner wahren Gestalt erkenne, es wäre entsetzlich, und kann ich sie nicht für mich gewinnen, muß ich auch dem Glück entsagen an ihrer Seite, an ihn soll sie nicht geschmiedet werden, mit unauflöslichem Bande, sie würde elend werden für die Zeit und Ewigkeit! – Versprich mir, Kasimir, daß Du mir Nachricht bringen willst.«

»Ich verspreche es,« sagte Kasimir, »wenn ich auch wünschte, daß Du mehr an das Vaterland dächtest als an die Liebe zu einer Frau.«

»Ich denke an das Vaterland, bei Gott!« rief Konstantin. »Und glaube mir, die Liebe zu Luitgarde drängt mich noch mehr zum Kampfe für die Freiheit! O, bringe mir Nachricht von ihr und gib mir die Freiheit, sie zu retten!«

»Du mußt Geduld haben,« sagte Kasimir, »bis ich alle Vorkehrungen getroffen – es gilt nicht nur, Dich aus diesem Kerker zu entführen, sondern ich muß auch den Weg sichern, um Dich über die Grenze zu bringen, denn würdest Du irgendwo ergriffen, so wäre alles verloren – heute bin ich nur gekommen, um Dir Kunde zu bringen, daß Dir Rettung naht und Dich zu warnen vor tollkühnen, verzweifelten Schritten, die ich von Dir befürchtete. Ich gehe jetzt, füge die Steine in die Mauer, aus der ich sie von innen herausgelöst – man wird hier keine Untersuchung anstellen, da niemand an die Möglichkeit eines Einbruchs von außen denkt – in einigen Tagen sollst Du von mir hören. Ich verlange Dein Wort, daß Du nichts tust, bis wir uns wiedersehen.«

»Ich gebe es Dir,« sagte Konstantin, Kasimirs dargebotene Hand drückend. »Aber von Geduld sprichst Du – o, Du weißt nicht, was es heißt, Geduld zu haben, wenn man wochenlang in der Kerkereinsamkeit geschmachtet hat und draußen die Freiheit und die Liebe lockt.«

»Auch der Soldat muß Geduld haben,« sagte Kasimir streng, »ob auch die Waffe in seiner Hand zuckt, bis der Befehl des Feldherrn ihn zum Kampf ruft, und sind wir nicht Soldaten des Vaterlandes?«

»Kasimir,« erwiderte Konstantin, den Freund noch zurückhaltend, »wenn Du eine Botschaft an Luitgarde gelangen lassen wolltest, eine Warnung vor jenem Verräter, der sie mit seinen tückischen Künsten bestricken möchte zu ihrem Verderben –«

Er blickte angstvoll bittend in Kasimirs ernstes Gesicht.

Dieser aber schüttelte den Kopf und sagte rauh: »Ich diene dem Vaterlande, dem Vaterlande will ich Dich retten und nicht der Liebe zu einem Weibe. Wer bürgt mir dafür, daß Luitgarde, die auch nur ein Weib ist, Dich nicht verrät? Warte, bis Du frei bist, bis Du die Grenzen der Macht unserer Unterdrücker hinter Dir hast, und dann versuch's, ob eine Warnung sie retten mag, wenn sie überhaupt gerettet sein will.«

»Du bist hart, Kasimir,« sagte Konstantin, den Kopf neigend. »Doch vielleicht hast Du recht, Männer wie Du müssen ja nur daran denken, was sie erreichen wollen – aber nicht wahr, Du verläßt mich nicht?«

»Ich verlasse Dich nicht und führe Dich zur Freiheit,« erwiderte Kasimir, »aber eins vergiß nicht, solltest Du jemals untreu werden, jemals die heilige Sache verlassen, die mich heute durch die Kerkermauern zu Dir geführt hat, dann wirst Du tot für mich sein, mehr noch, Du wirst mein Feind sein, denn im Kampf für das Vaterland kenne ich nur Freunde und Feinde.«

»Ich schwöre es,« erwiderte Konstantin, die Hand erhebend, »daß Du mich in den ersten Reihen der Kämpfer finden sollst, wenn die große Stunde schlägt.«

Die Freunde umarmten sich.

Dann verschwand Kasimir, geschickt sich durch die Maueröffnung schmiegend.

Konstantin schob die Steine wieder zusammen, so daß man ohne genaue Untersuchung kaum eine Veränderung an der Mauer hätte erkennen können, und warf sich, erschöpft von all den Aufregungen des Tages, auf sein Lager nieder, um wenigstens in der körperlichen Ruhe die Kräfte zu sammeln, die er für die Aufregungen, welche ihm in den nächsten Tagen bevorstanden, noch so nötig bedurfte.


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