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Viertes Kapitel.

Malgienski wurde, als er ganz atemlos in den vizeköniglichen Palast kam, sogleich zu dem diensttuenden Adjutanten geführt, der ihn augenblicklich dem Großfürsten meldete.

Er fand in dem behaglichen Teezimmer eine bewegte Szene.

Auf dem Sofa am Teetisch saß die Fürstin Lowicz, mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt. Der Großfürst, in aufgeknöpfter Interimsuniform, ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder, sein Gesicht war stark gerötet und seine grauen Augen funkelten in dem bei ihm so schnell aufflammenden Zorn, der sich häufig bis zu wilden Wutanfällen steigerte, die ihn dann alle Ueberlegung und Rücksicht vergessen ließen.

Seitwärts stand der Kriegsminister Graf Hauke in der polnischen Generalsuniform, eine hohe militärische Erscheinung, dem man in seiner jugendlich elastischen Haltung das Alter von fast fünfzig Jahren nicht ansah. Sein männlich schöner Kopf, mit dem kurzgelockten schwarzen Haar, zeigte in diesem Augenblick den Schrecken und die Besorgnis, welche die Zornausbrüche des Großfürsten seiner Umgebung stets einflößten, da sie unberechenbar waren und ihn sogar in Wien zu einer tätlichen Beleidigung gegen den Fürsten Windischgrätz hingerissen hatten.

Neben ihm stand, auf die Lehne eines Sessels gestützt, der Staatsrat Nowosültzow, der dem Großfürsten beigegebene Kommissär der kaiserlichen Regierung von Petersburg, der sich trotz dieser etwas delikaten Stellung, welche ihm fast eine Kontrolle und Ueberwachung der polnischen Statthalterschaft beilegte, doch das Vertrauen Konstantins zu erwerben und zu erhalten gewußt hatte.

Er war ein Mann, der mit dem Kriegsminister in gleichem Alter stand, aber älter erschien als jener, da sein bleiches, welkes Gesicht mit der hoch hinauf kahlen Stirn die Spuren von Kränklichkeit und angestrengter geistiger Arbeit zeigte. Seine hagere Gestalt in schwarzem Anzug mit seidenen Strümpfen hatte eine etwas gebückte Haltung; seine stechenden, dunklen Augen blickten kalt und scharf unter starken Brauen hervor und um seine fest geschlossenen Lippen lag ein Zug kalter Grausamkeit.

Seine Blicke folgten den Bewegungen des Großfürsten, er schien dessen leidenschaftliche Erregung zu beobachten, um den Ausbruch derselben nach seiner Berechnung und seinem Willen zu lenken.

Die Fürstin Lowicz war scheinbar ganz ruhig mit einer Stickerei beschäftigt; aber man konnte auch bei ihr eine innere Bewegung an dem leisen Zittern ihrer Hände und an den Blicken ihrer Augen bemerken, die sie bisweilen mit sorgendem, wachsamem Ausdruck auf ihren Gemahl richtete.

»Ah, da sind Sie, Malgienski!« rief der Großfürst dem Staatsrat entgegen, indem er aus seinem kurzen Tschibuk mächtige Wolken des stark duftenden türkischen Tabaks vor sich her blies; »ich habe Sie mit Ungeduld erwartet, Sie sollen mir einen Rat geben in einer widerwärtigen Sache, die mich ärgert – der Kriegsminister rät mir ab, mit derselben ein kurzes und glattes Ende zu machen, wie ich es am liebsten täte, und die Fürstin hat mich gebeten, Ihre Meinung zu hören, und sie hat wohl recht, wie die klugen und guten Frauen so oft recht haben, denn Sie sind ein loyaler Untertan des Kaisers und meinen es auch gut mit dem Lande, das ich zu regieren fast überdrüssig bin, besser gewiß als diese sogenannten polnischen Patrioten, deren Weisheit nur darin besteht, der Regierung Schwierigkeiten zu machen und den Frieden zu stören!«

Malgienski richtete sich von seiner tiefen Verbeugung wieder auf und streifte mit einem schnellen Blick die anderen.

Die Fürstin nickte ihm lächelnd zu, als ob sie die zornige Erregung ihres Gemahls gar nicht bemerke.

Graf Hauke blickte ihn ängstlich, wie bittend an.

Nowosültzow sah vor sich nieder, sein unbewegliches Gesicht glich einer undurchdringlichen Maske.

»Die Frau Fürstin hat gewiß recht,« sagte der Staatsrat, »wenn sie meiner unbedingten Ergebenheit für die väterlich wohlwollende Regierung Seiner Majestät vertraut, ich hoffe, daß es mir möglich sein wird, dieselbe auch jetzt durch den von Eurer kaiserlichen Hoheit befohlenen Rat zu beweisen.«

»Die Sache ist einfach,« sagte Konstantin, noch stärkere Tabakswolken vor sich hinblasend und hastig die Worte hervorstoßend. »Heute nachmittag hielt ich auf dem Felde von Powonski Truppenübung, ich befahl ein Manöver und der General Chlopitzki führte dasselbe so schlecht aus, daß ihn der Teufel dafür hätte holen sollen und mir die Galle überlief. Ist das nicht natürlich, sagen Sie selbst, ist das nicht ganz natürlich? Chlopitzki ist ein guter Soldat, ein tüchtiger General – daß er einen Befehl nicht versteht, kann ich gar nicht glauben, wenn er also dummes Zeug macht und mir meinen ganzen Plan in Unordnung bringt, so muß ich bösen Willen voraussetzen – ich muß den Verdacht haben, daß er den polnischen Soldaten zeigen will, daß ich nicht zu manöverieren verstehe – finden Sie es nicht natürlich, daß mir da die Galle überläuft?«

»Eure kaiserliche Hoheit«, erwiderte Malgienski, »sind Soldat mit ganzer Seele und ich begreife es vollkommen, daß militärische Unfähigkeit und Ungeschicklichkeit Ihre Entrüstung erregen muß.«

»Bah,« rief Konstantin, »Unfähigkeit, Ungeschicklichkeit – daran glaube ich nicht beim General Chlopitzki, es ist böser Wille! Diese hochmütigen Polen glauben ja immer, etwas Besseres zu sein als die Russen, und wenn ein General absichtlich meinen Befehl nicht versteht, so macht er mich den Truppen lächerlich, und das ist Meuterei. Nun, ich habe ihm meine Meinung gesagt, derbe gesagt, wie es sich im Dienst gehört. Unter Soldaten spricht man nicht wie mit einer Dame auf dem Ball, und die Soldaten sollten es hören, daß die Verwirrung in meinem Manöver nicht meine Schuld ist. Statt sich zu entschuldigen, statt für seinen Fehler um Verzeihung zu bitten, hielt er da vor mir auf seinem Pferde wie eine Statue und sah mich so trotzig und meuterisch an, daß ich, bei Gott, in Versuchung war, ihn vom Pferde zu schlagen, wie er es verdient hätte!«

Er fuhr mit seinem Tschibuk so heftig über den Kopf des Staatsrats hin und her, daß der glimmende Tabak umherspritzte. Sein Gesicht wurde dunkelrot, seine weit geöffneten Augen traten fast aus den Höhlen hervor, und mit heiserer Stimme rief er:

»Und es reut mich, daß ich es nicht getan habe. Diese meuterischen, rebellischen Polen verdienten gezüchtigt zu werden, damit sie merken, daß sie einen Herrn über sich haben, mit dem sie nicht umgehen können wie mit ihren alten lächerlichen Königen!«

Sein Zorn schien sich immer noch zu steigern.

Da sagte die Fürstin mit ihrer ruhigen, sanften Stimme:

»Ich verstehe nichts vom militärischen Dienst, aber ich glaube, gehört zu haben, daß ein Offizier vor der Front nicht das Recht hat, einem Befehl oder Tadel seines Vorgesetzten zu widersprechen. Würde der General Chlopitzki nicht einen Verstoß gegen die Dienstvorschrift begangen haben, wenn er geantwortet hätte?«

Der Großfürst zuckte zusammen, als er die weiche Stimme seiner Gemahlin hörte.

Er wendete sich um, sah sie an und schien von dem sanften, freundlichen Blick ihrer großen Augen gebannt zu sein. Sein erhobener Arm sank nieder, sein Gesicht wurde ruhig, er atmete erleichtert auf und sagte:

»Es mag sein, Du magst recht haben, aber dabei bleibe ich, seine Miene war trotzig und zeigte keine Erkenntnis seines Fehlers. Doch die Zeit war vorüber, ich wollte mich nicht mehr ärgern, brach das Manöver ab und ritt nach Hause.«

»Eure kaiserliche Hoheit hatten gewiß recht,« sagte Malgienski, »mag es nun Ungeschicklichkeit oder böser Wille gewesen sein – jedenfalls war es nicht wert, Ihnen den Tag zu verderben.«

»Das dachte ich auch,« sagte der Großfürst, indem er sich seinen Tschibuk wieder mit Tabak füllte und mit einer Zange eine kleine Kohle aus einem silbernen Becken darauf legte – »ich ritt nach Hause und wollte den Aerger vergessen, wie man ja vieles vergessen muß, wenn man regieren soll und noch dazu ein so unbändiges und widerspenstiges Volk wie die Polen. Aber dieser Chlopitzki wagt es, seine Impernitenz fortzusetzen. Da schickt er mir diesen Wisch.«

Er reichte dem Staatsrat ein auf dem Tisch liegendes stark zerknittertes Papier.

Der Staatsrat las auf des Großfürsten Befehl mit lauter Stimme:

»Eure kaiserliche Hoheit haben durch die Behandlung, welche Sie vor der Front der Truppen mir angetan, für mich die Unmöglichkeit geschaffen, in der polnischen Armee weiter zu dienen, da mir nach dem Vorgefallenen die Achtung und Autorität fehlen würden, welche ein Offizier zur Erfüllung seiner Pflicht notwendig bedarf. Ich erlaube mir daher, meinen Abschied zu erbitten, und habe in der Voraussetzung der zweifellosen Genehmigung dieses Gesuchs mein Kommando an den im Dienst nächstältesten General abgegeben.«

»Nun, was sagen Sie?« rief der Großfürst, dessen Stirnadern wieder zornig anschwollen. »Was sagen Sie zu einer solchen Unverschämtheit?«

Die Fürstin Lowicz blickte den Staatsrat wie bittend an.

Dieser antwortete ruhig dem ungeduldig wartenden Großfürsten:

»Ich finde, daß der General mit seinem Gesuch vollkommen unrecht hat. Wenn er sich verletzt glaubte, wenn er meinte, daß ihm unrecht geschehen sei, so wäre es seine Sache gewesen, nach Beendigung des Manövers Eure kaiserliche Hoheit um Audienz zu bitten und Ihnen seine Rechtfertigung vorzutragen.«

»Nicht wahr?« rief der Großfürst. »Ich habe doch recht, das ist eine Impernitenz, eine Ungezogenheit ohnegleichen; daß er es aber wagt, seinen Abschied vorweg zu nehmen und sein Kommando aufzugeben, das ist Rebellion, militärische Rebellion, wie es die Herren wohl früher gegen ihre von ihnen selbst geschaffenen Schattenkönige sich erlauben mochten, wie sie es aber nicht wagen sollten gegen mich, den Stellvertreter ihres rechtmäßigen Herrn und Kaisers. Vor ein Kriegsgericht muß er gestellt werden, aus der Armee muß er gestoßen und degradiert werden, das ist die Strafe für solche Meuterei, und darum habe ich befohlen, ihn zu verhaften. Aber der Kriegsminister da fürchtet sich davor und meint, das würde böses Blut machen in der Armee und im Volk und das Werk der Versöhnung, gegen das schon die heimlichen Verschwörer mit ihren Wühlereien im Dunkeln arbeiten, noch mehr gefährden. Aber, zum Teufel, soll ich erst fragen, wenn ich mein Recht ausübe, im Namen des Kaisers Zucht und Ordnung zu erhalten? Soll ich mich daran kehren, was die Straßenbuben denken und sagen, wenn ich einen widerspenstigen Offizier nach dem Kriegsrecht behandle, das in allen Armeen der Welt gilt und gelten muß. Bei Gott, ich will mir mein Recht nicht aus den Händen nehmen lassen, und dieser unverschämte Chlopitzki säße schon im Arrest, wenn meine Frau da nicht – mitleidig, wie die Weiber immer sind – für ihn gesprochen und mich gebeten hätte, noch Ihre Meinung zu hören, mein lieber Malgienski. Das habe ich gern getan, Sie sind ja ein vernünftiger Mensch und ein wirklich guter und tüchtiger Patriot, der nicht hierhin und dahin horcht, wenn es sich um die Autorität der rechtmäßigen Regierung handelt.«

»Tue ich das?« fragte die Fürstin Lowicz lächelnd.

»Du,« rief der Großfürst brüsk, »Du bist Polin und alle Polen hängen zusammen wie die Kletten.«

»Ich bin Deine Gemahlin,« erwiderte die Fürstin vorwurfsvoll. »Aber,« fuhr sie fort, »was Du gesagt hast, ist wahr und an sich auch gut, es ist doch natürlich, daß jeder das Volk, zu dem er gehört, und unter dem er geboren ist, glücklich und zufrieden sehen möchte. Ein Gewaltakt an Chlopitzki wäre verhängnisvoll, mit Recht oder Unrecht, und wenn ihm etwas Böses widerfährt, wird jeder im Volke darin eine eigene Kränkung erblicken, und der Haß gegen die russische Herrschaft, den ich so gern verschwunden sehen möchte, wird wieder aufflammen.«

Der Großfürst eilte zu ihr hin, küßte ihre Hand und sagte, gutmütig abbittend:

»Sei nicht böse, Johanna Antonowna, ich weiß ja, daß Du meine brave Frau bist, und wenn Du zu sanft und zu gut bist, so ist das ein Fehler, über den ich mich nicht beklagen will.«

»Du hast Dich auch nie zu beklagen gehabt,« sagte die Fürstin lächelnd, »wenn Du meinem Rat gefolgt bist – mit Sanftmut und Güte kommt man weiter als mit Heftigkeit und Gewalt.«

»Da möchte, ich mir doch ganz gehorsamst erlauben,« fiel Nowosültzow ein, »eine andere Ansicht zu haben als die gnädige Frau Fürstin – es gibt hier in Polen leider so viele, für die der Haß gegen die väterliche Regierung unseres allergnädigsten Kaisers eine Art von Glaubensbekenntnis ist, bei diesen wird man mit Sanftmut und Rücksicht nicht weit kommen, sie müssen die starke, unerbittliche Hand fühlen, dann allein wird Friede und Ordnung dauernd her gestellt werden.«

»Das ist ganz meine Meinung, ganz meine Meinung!« rief der Großfürst. »Doch laß Malgienski sprechen. Du wirst sehen, Johanna Antonowna, daß er ganz mit mir übereinstimmt.«

»Vollkommen, kaiserliche Hoheit,« erwiderte Malgienski. »Chlopitzkis Schrift ist eine trotzige Insubordination – ein jeder Diener des Kaisers kann ja seine Entlassung erbitten, aber er hat ganz gewiß nicht das Recht, seine Dienstpflicht als erloschen zu erklären, wie es der General durch die Abgabe seines Kommandos getan.«

»Bravo,« rief der Großfürst, »ganz meine Meinung! Du hörst es, Johanna Antonowna, er ist auch ein Pole und sieht doch ein, daß Zucht und Ordnung herrschen muß.«

»Wenn es sich nun darum handelt,« fuhr Malgienski fort, »wie eine solche Pflichtverletzung zu bestrafen sei, so kommt da nach meiner Ansicht alles darauf an, daß der Schlag so scharf, so sicher und so empfindlich als möglich trifft. Ich glaube, daß Chlopitzki, der, wie ich ihn kenne, mehr Eitelkeit als eigentlichen Ehrgeiz besitzt, sehr weit davon entfernt ist, an seine Entlassung aus dem Dienst zu glauben, er hat eine hohe Meinung von sich, er hält sich für unentbehrlich und ist, wie ich gewiß annehmen möchte, überzeugt, daß Eure kaiserliche Hoheit ihn nicht werden entbehren wollen und daß Sie durch sein Entlassungsgesuch in diesem Augenblick in Verlegenheit gesetzt werden.«

Der Großfürst setzte sich neben die Fürstin, blies eine dichte Tabakswolke vor sich hin und sagte lachend:

»Das glaube ich auch, mein lieber Malgienski, er ist eitel wie ein Frauenzimmer – wie sie alle sind außer Dir, Johanna Antonowna – aber er soll sich irren, er soll sehen, daß mir tausend Chlopitzkis nicht so viel wert sind als ein Nadelknopf.«

»Das wird seine schlimmste Strafe sein,« erwiderte der Staatsrat. »O, ich verstehe ihn wohl, er rechnet auf die augenblicklichen Verhältnisse, der Reichstag tritt in wenigen Tagen zusammen, Seine Majestät der Kaiser will selbst kommen, um die Annahme wichtiger Gesetzesvorlagen durch den Einfluß seiner persönlichen Gegenwart zu sichern, an denen ihm viel gelegen ist. So fest und stark der Wille Seiner Majestät auch ist, so wird der erhabene Herr doch alles ungern sehen, was den ruhigen und sachgemäßen Gang der Verhandlungen in dem Reichstage stören muß. Wenn Chlopitzki in diesem Augenblick arretiert wird, so rechnet der schlaue General, dann wird bei der Popularität, die er besitzt und die ja so oft dem Unfähigsten und Unbedeutendsten zuteil wird, in der Armee und dem Volk eine unruhige Bewegung und eine tiefe Verstimmung entstehen, und deshalb schmeichelt er sich mit der Hoffnung, daß Eure kaiserliche Hoheit ihn aus Rücksicht auf die Politik Ihres erhabenen kaiserlichen Bruders vielleicht durch ein freundliches Wort bestimmen werden, im Dienst zu bleiben.«

Der Großfürst war nachdenklich geworden.

»Niemals werde ich das tun,« sagte er kopfschüttelnd, aber ruhiger als vorher – »ich habe recht gehabt, an ihm wäre es gewesen, für seinen Fehler um Verzeihung zu bitten.«

Ein feines Lächeln zuckte um die Lippen der Fürstin Lowicz.

Malgienski rief lebhaft:

»Niemals, gewiß niemals dürfen Eure kaiserliche Hoheit seinen Trotz so bestärken, seine Eitelkeit ist seine empfindlichste Seite und an dieser muß er bestraft werden. Chlopitzki hält sich für den ersten General seiner Zeit und er hat es verstanden, diese Meinung auch vielen anderen beizubringen. Ich kann mir wohl denken, daß er mit seiner pedantischen Selbstüberschätzung Eurer kaiserlichen Hoheit, die ja ohne Zweifel militärische Dinge besser verstehen als er, oft recht lästig geworden ist.«

»Außerordentlich lästig!« rief der Großfürst lebhaft; »seine pedantischen Auseinandersetzungen, bei denen er immer um den eigentlichen Kern der Sache herumgeht, langweilen mich und schon, wenn ich sein Gesicht sehe, auf dem deutlich geschrieben steht, daß er alles besser zu wissen meint, muß ich mich ärgern.«

»Diese Eitelkeit würde vielleicht ebenso viel Befriedigung finden,« fuhr Malgienski fort, »wenn Eure kaiserliche Hoheit ihn verhaften ließen und vor ein Kriegsgericht stellen. Die Sache würde großes Aufsehen erregen, Chlopitzki würde der Mittelpunkt aller Gespräche sein, man würde ihn als einen Helden feiern, Demonstrationen für ihn machen und er würde es erreicht haben, daß sich die ganze Welt mit ihm beschäftigte. Es gibt nichts, was eitle Menschen so sehr reizt, als ein wohlfeiles Märtyrertum, und wohlfeil würde ja die Sache immer für Chlopitzki werden; das Kriegsgericht würde, da sein Trotz nicht zu tatsächlichem Ausdruck gekommen ist, nichts anderes als einige Monate, vielleicht ein Jahr Festungshaft über ihn erkennen; die einflußreichsten Personen, deren eifrige Unterstützung im Reichstage Seiner Majestät dem Kaiser von Wichtigkeit ist, würden dazu noch seine Begnadigung erbitten, und was wäre das Ende? – Ein neuer Nimbus für den eitlen General, dem die ganze Affäre in den Augen der blöden Menge so viel wert wäre wie eine gewonnene Schlacht, die er wohl kaum jemals an seinen Namen knüpfen wird.«

»Nein, wahrhaftig nicht!« rief der Großfürst. »O, ich möchte ihn sehen mit seiner schulmeisterlichen Langsamkeit auf einem wirklichen Schlachtfeld. Sie kennen ihn, Malgienski, wenn Sie auch nicht nötig gehabt haben wie ich, sich täglich über ihn zu ärgern, und ich glaube, Sie haben recht. Aber was zum Teufel soll ich denn tun?«

»Das, kaiserliche Hoheit, was ihm am empfindlichsten ist – ihm zeigen, daß er eine Null ist, daß seine Person, der er eine so große Wichtigkeit beilegt, gar nichts bedeutet. Die schwerste Strafe wird für ihn sein, wenn er so schnell als möglich seinen Abschied erhält, wenn Eure kaiserliche Hoheit ihm zeigen, daß es vollkommen gleichgültig ist, ob ein General Chlopitzki in Ihrem Dienst steht oder nicht und daß die polnische Armee ohne ihn ebenso gut und noch besser ist als wie mit seiner eingebildeten Feldherrnweisheit. Dann wird auch das Volk ihn am schnellsten vergessen – jetzt jubeln sie ihm zu, wenn er mit seinem Federbusch vor den Truppen einherreitet – wenn er aber im Zivilrock über die Straße geht, wird niemand auf ihn achten, und Eure kaiserliche Hoheit werden mit einem Hauch den falschen Schein dieses eitlen Lichtes ausgeblasen haben.«

Der Großfürst schlug, laut auflachend, mit der Hand auf sein Knie.

»Bei Gott, Malgienski,« rief er, »Sie haben recht! Es war ein kluger Gedanke von Dir, Johanna Antonowna, den Staatsrat rufen zu lassen! Ja, ja, das wird den großmäuligen General am härtesten treffen, wenn man ihm zeigt, daß er gar nichts bedeutet! – O, ich sehe ihn schon, wie er in Zivilkleidern hochbeinig über die Straße geht, als ob er jedem sagen möchte, kennt Ihr mich denn nicht – ich bin der große General Chlopitzki – aber es wird ihm nichts helfen, für einen Schulmeister werden sie ihn halten, ja, für einen Schulmeister!«

Wieder lachte er laut auf.

Dann befahl er dem Grafen Hauke, der bei diesem Beschluß der für ihn so peinlichen Sache außerordentlich erleichtert aussah, sogleich den Abschied für den General ausfertigen zu lassen und zwar in der allerkürzesten Form.

»Und heute abend«, rief er, »soll er den Abschied noch erhalten und nichts soll über die ganze Geschichte weiter gesprochen werden.«

Der Minister verbeugte sich und eilte davon, um den erhaltenen Befehl auszuführen, ehe etwa noch eine Sinnesänderung, wie es oft vorkam, bei dem Großfürsten einträte.

Nowosültzow schüttelte den Kopf und warf Malgienski einen feindlichen Blick zu.

»Ich fürchte,« sagte er, »daß auch die Eitelkeit des Generals Chlopitzki, welche Herr von Malgienski so scharf und richtig erkannt hat, aus dieser Entscheidung ihren Vorteil ziehen möchte; er wird sich als ein Opfer seines unabhängigen Sinnes der militärischen Ehre bewundern lassen, und ich weiß nicht, ob Seine Majestät der Kaiser nicht vielleicht dennoch eine scharfe Bestrafung für richtiger gehalten hätte.«

Das Gesicht des Großfürsten verdüsterte sich.

»Hier habe ich für den Kaiser zu entscheiden« rief er heftig, »und als der Chef der polnischen Armee nach meiner Ueberzeugung zu handeln!«

»Nach den Opfern,« sagte Malgienski, »die unangefochten auf der Straße umhergehen, fragt niemand, Chlopitzki würde im Gefängnis bedeutender erscheinen und gefährlicher sein als in der Freiheit.«

»Ganz gewiß,« rief der Großfürst, »Chlopitzki ohne Federhut, das ist die beste Strafe für seine Anmaßung und seinen Trotz. Mein Bruder«, fügte er mit einem strengen Blick auf Nowosültzow hinzu, »wird mir dankbar sein, daß diese ärgerliche Geschichte aus der Luft geschafft wird, bevor er hierher kommt.«

Nowosültzow verbeugte sich und zog sich, da der Großfürst entlassend mit dem Kopf nickte, zurück.

Auch Malgienski wollte sich verabschieden.

»Bleiben Sie,« sagte der Großfürst, »ich bin jetzt in der Laune, noch ein wenig zu plaudern und den Aerger mit einem Glas Punsch hinter zu spülen.«

Der Staatsrat setzte sich, für die gnädige Einladung dankend.

Die Fürstin klingelte und der stark duftende Punsch wurde serviert.

Der Großfürst tat einen langen Zug, zündete eine neue Pfeife an und lehnte sich behaglich in die Ecke des Kanapees zurück.'

»Ich bin Ihnen wirklich dankbar, mein lieber Malgienski,« sagte er, »daß Sie mir einen vernünftigen Ausweg aus dieser fatalen Geschichte gezeigt haben und werde nicht verfehlen, dem Kaiser Ihre Geschicklichkeit und Ihren Eifer zu rühmen. Wahrhaftig, es würde mir Freude machen, einen Mann wie Sie noch mehr in meiner Nähe zu haben. Meinen Ministern fehlt der Geist und der Mut, um für meinen Willen die richtige Form zu finden. Sie haben selbst gesehen, wie der Hauke dastand und nicht rechts und nicht links zu gehen wagte; das macht mich wütend, ich sage es offen, und da heißt es denn, ich sei jähzornig und gewalttätig und das bin ich doch nicht. Nicht wahr, Johanna Antonowna, Du weißt es, Du kannst es mir bezeugen, daß ich sanft bin wie ein Kind, wenn man mich nicht reizt.«

Die Fürstin lächelte.

»Du hast heute Deinen Zorn tapfer beherrscht und überwunden –« sagte sie.

»Das tue ich immer,« rief der Großfürst, »wenn ich so freundliche, gute Augen sehe wie die Deinigen und wenn ich einen vernünftigen Menschen vor mir habe wie Malgienski.«

»Ja, ja,« sagte er zu dem Staatsrat, indem er sein Glas leerte, »Sie sollen mein Minister werden, sowie sich nur Gelegenheit findet, und die wird sich finden, wenn Sie im Reichstag fest für die Gesetze eintreten, auf die der Kaiser so großen Wert legt. Apropos, wie steht's denn mit Ihnen und der schönen Luitgarde Jaczkonowska? Da schien ja etwas im Gange zu sein, wie es mir vorkam, ich habe auch sonst davon sprechen hören, werden wir bald die Frau von Malgienski begrüßen können? Wenn Sie einmal Minister sind, dann haben Sie auch eine Frau nötig, die Ihnen Ihr Haus hält.«

»Der Dienst, kaiserliche Hoheit,« erwiderte Malgienski, »hat mich in der letzten Zeit vollauf in Anspruch genommen, so daß ich nicht Zeit hatte, an persönliche Wünsche zu denken, so lockend dieselben auch sein mögen.«

»Ah bah,« rief der Großfürst, »ein Mann wie Sie, der in allen Sätteln gerecht ist, wird auch wohl Zeit finden, den Dienst mit seinen persönlichen Angelegenheiten zu vereinigen, und bei dieser Sache gehen dieselben, wie ich meine, auch mit dem Dienst Hand in Hand. Jaczkonowski ist ein vortrefflicher Mann, aber ich glaube, er hat zuweilen Anwandlungen von Ideen, die sich so ganz nicht mit der Autorität des Kaisers vereinigen lassen. Wenn Sie sein Schwiegersohn werden, das würde ihn mit der Regierung fester verbinden, und solche Leute wie er sind uns wichtig und Sie selbst werden als Schwiegersohn des Grafen und als Gemahl einer der reichsten Erbinnen in Polen auch noch kräftiger und freier wirken können. Sie sind ein vortrefflicher Diplomat, aber Sie müssen auch etwas vom Soldaten annehmen. Vorwärts zur Attacke und der Sieg kann nicht ausbleiben! Die schöne Gräfin ist in jeder Richtung eine vortreffliche Partie für Sie.«

»Und«, sagte die Fürstin mit Wärme, »eine menschlich gute Partie, das fällt auch schwer ins Gewicht, denn nicht immer vertragen sich die Herzensneigungen mit der Politik.«

Sie seufzte leise.

Der Großfürst küßte ihr zärtlich die Hand und sagte: »Sie vertragen sich doch und wenn es auch etwas Kampf kostet, so bringt es doch Glück, wenn man seinem Herzen folgt, das weiß ich am besten, nicht wahr, Johanna Antonowna, und Du auch?«

Er schlang den Arm um sie und drückte sie zärtlich an sich.

Die Fürstin dankte ihm mit einem innig liebevollen Blick.

»Vorwärts also, mein lieber Malgienski,« sagte er dann, »was ich dazu tun kann, soll geschehen, das habe ich Ihnen schon versprochen, und meine Frau wird auch mit der Gräfin Jaczkonowska ein Wort sprechen.«

»Von Herzen gern,« sagte die Fürstin, »denn ich bin überzeugt, daß Herr von Malgienski keine bessere Frau finden kann, und auch Luitgarde ist es wert, an einen Mann zu kommen, der sich über die gewöhnliche Menge erhebt.«

Der Staatsrat dankte den Herrschaften für die gnädige Sorge, die sie seinem persönlichen Glück zuwenden wollten, und versprach, alles zu tun, um sich solcher Auszeichnung würdig zu zeigen.

»Und als mein Hochzeitsgeschenk«, sagte der Großfürst, »behalte ich mir Ihr Ministerportefeuille vor – Ihre schöne Frau soll nicht lange zu warten haben, bis sie Exzellenz wird.« Er plauderte noch eine Weile in heiterster Laune über dies und jenes. Dann wurde er einsilbiger, als ob die Müdigkeit ihn überkäme, und Malgienski zog sich, sehr befriedigt über den Verlauf des Abends, zurück.


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