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Neunzehntes Kapitel.

Der Großfürst war, von seinem Kammerdiener geführt, über die geheime Treppe in den Park gelangt.

Der wenigen bekannte Ausweg war nicht besetzt. Tiefe Stille herrschte auf dieser Seite des Schlosses.

Der Kammerdiener, ebenso wohl um seinen noch immer ganz fassungslosen und von Fieberschauern geschüttelten Herrn, wie um seine eigene Sicherheit besorgt, führte den Großfürsten durch die Gebüsche des Parks nach der Sobieskibrücke, auf welcher sich kurz vorher die Verschworenen versammelt hatten, und von dort nach der Ulanenkaserne.

Die Posten erkannten erschrocken den Großfürsten.

Der schnell benachrichtigte Kommandeur eilte herbei, die Truppen traten im Hof an und die Offiziere führten den Großfürsten in den Speisesaal.

Hier sank er wie gebrochen auf einen Stuhl nieder. Statt der wilden Zornausbrüche, welche ihn sonst bei außerordentlichen Ereignissen zu erfassen pflegten, verfiel er in eine schmerzvolle Verzweiflung; er schien körperlich und geistig wie gebrochen, Tränen stürzten aus seinen Augen und mit schluchzender Stimme sagte er:

»Welche Undankbarkeit – ich habe doch immer ein warmes Herz für diese Polen gehabt, ich habe für sie gesorgt nach allen Kräften – ich habe sie groß machen wollen und glücklich, und mich, mich wollen sie ermorden!«

Mühsam nur vermochte er das Vorgefallene, dessen Zusammenhang er selbst nicht begreifen konnte, zu erzählen. Die Generale Krasinski und Kurnatowski, welche in der Kürassierkaserne die Schüsse gehört hatten, kamen. Ihr Rat war, sofort alle Truppen ausrücken zu lassen, das Schloß wieder zu besetzen und dann nach der Stadt vorzurücken, um dort die Ruhe zu erhalten, welche bis jetzt noch nicht gestört schien.

Der Großfürst fuhr auf.

»Nein,« rief er »nein, es soll kein Blut vergossen werden – das Volk kann mir nichts Uebles wollen, die Verschwörung wird zu Ende sein, wenn der Zweck verfehlt ist. Gewalt kann alles verderben. O, welche Undankbarkeit – welche Undankbarkeit!«

Er saß einige Augenblicke brütend da.

Dann rief er:

»Sendet einen Wagen nach der Stadt – der Staatsrat Malgienski soll kommen auf der Stelle – er ist der Mann des guten Rats, ihn will ich vor allem hören.«

Die Generale wagten nicht, dem bestimmten Befehl zu widersprechen, sie sendeten nur noch Boten zu den Kürassieren und zu den Husaren, um auch dort die Truppen zu alarmieren, und erwarteten ungeduldig den Staatsrat, der nach kurzer Zeit in den Hof fuhr.

Man hatte dem Großfürsten ein Glas spanischen Wein und Weißbrot gebracht, er hatte sich in dem Zimmer des Kommandeurs auf ein Kanapee ausgestreckt und seine Fassung und Ruhe wiedergewonnen, als Malgienski zu ihm eintrat.

»Was sagen Sie, mein lieber Staatsrat,« rief er, »zu diesem unerhörten Ueberfall, den ich noch nicht begreifen kann und bei dem die Schloßwachen ihre Pflicht verträumt haben müssen. Sie kennen die Stimmung des Volkes, Sie haben mir oft gesagt, daß das Volk mir dankbar ist, und nun will man mich ermorden!«

»Ein entsetzliches, fluchwürdiges Verbrechen, Kaiserliche Hoheit,« erwiderte Malgienski ruhig, »das gewiß nicht vom Volk, sondern nur von jenen geheimen Verschwörern ausgegangen ist, deren Spur die Polizei Nowosültzows zu meinem Bedauern niemals zu finden vermochte. Doch nun, da der Zweck der Meuchelmörder vereitelt ist und Gott das Leben Eurer Kaiserlichen Hoheit beschützt hat, sehe ich keine Gefahr mehr. Vielleicht ist es gut, daß die Verschwörer einmal die Maske abgeworfen haben, und vielleicht wird man leichter die Fäden finden können, welche, bisher von dunklem Geheimnis geschützt, sich durch das Land zogen.«

»Doch, was ist zu tun?« fragte der Großfürst. »Die Generale raten mir, die Truppen in die Stadt rücken zu lassen und jede Bewegung, die etwa entstehen könnte, zu unterdrücken.«

»Nein, Kaiserliche Hoheit, nein!« rief Malgienski. »Das wäre ein falscher, ein gefährlicher Schritt. Eure Kaiserliche Hoheit sind in Sicherheit, umgeben von Ihren treuesten Regimentern – niemand wird wagen, Sie anzugreifen und die ganze Sache wird im Sande verlaufen. Eine Bewegung der Truppen könnte nur zu der Möglichkeit eines Zusammenstoßes führen, der ein mißverstandenes Nationalgefühl erwecken möchte und den fluchwürdigen, Gott sei Dank! mißlungenen Meuchelmord zum Ausgang einer Revolution machen könnte. Das aber wäre ein großes Unglück, vor dem Eure Kaiserliche Hoheit sich selbst, den Kaiser und sein erhabenes Haus und das polnische Volk bewahren müssen.«

»Aber wenn die polnischen Truppen abfallen,« fragte der Großfürst bedenklich, »wenn das Volk sich erhebt – Ihr Polen seid leicht entzündbar!«

»Woher sollte der Zündstoff kommen?« fragte Malgienski. »Nur ein Zusammenstoß der russischen Regimenter mit den polnischen Truppen könnte dahin führen, und das darf nicht sein, um Ihrer selbst willen nicht sein, gnädigster Herr, da Ihre erhabene Person unauflöslich mit dem Schicksal Polens verbunden ist. Ein Kampf zwischen Russen und Polen würde in den Augen des Volks Eure Kaiserliche Hoheit selbst als einen Fremden, als einen Feind, als den das polnische Volk Sie nicht ansieht, erscheinen lassen.«

»Aber«, warf der Großfürst ein, »die Polen sind unzufrieden, der Reichstag hat eine Opposition gemacht, die den Kaiser erbitterte, sie wollen die russische Herrschaft nicht.«

»Die russische Herrschaft,« sagte Malgienski, »das ist richtig, es widerstrebt dem polnischen Nationalgefühl, nur eine Provinz Rußlands zu sein und nach russischem Gesetze regiert zu werden, aber niemand hat etwas gegen die russische Dynastie, gegen das Haus Romanow, unter dem die polnische Nationalität ebenso stolz sich entwickeln kann als unter Sobieski und Poniatowski oder den sächsischen Prinzen.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte der Großfürst aufhorchend.

Malgienski trat näher zu ihm heran und sagte:

»Die augenblickliche Lage zwingt mich, Eurer Kaiserlichen Hoheit den Gedanken auszusprechen, den ich lange in mir trage, und vielleicht wird diese fluchwürdige Verschwörung die Gelegenheit bieten, diesen Gedanken, wenn er von Ihnen, gnädigster Herr, gebilligt wird, zur Ausführung zu bringen.«

»Ein Gedanke?« fragte der Großfürst, indem er noch schärfer forschend in das ruhig lächelnde Gesicht des Staatsrats blickte; »und welcher Gedanke? Sprechen Sie, mein lieber Staatsrat, ein guter Gedanke ist unbezahlbar in einem Augenblick wie der jetzige.«

»Der Gedanke,« fuhr Malgienski fort, »den ich in mir trage, scheint mir sich ganz natürlich aus den Verhältnissen zu ergeben. Seine Majestät der Kaiser, unser allergnädigster Herr, kann nicht König von Polen sein, so treu und aufrichtig er es auch damit meinen mag.«

»Warum nicht?« fragte der Großfürst.

»Weil er eben Kaiser von Rußland ist. Die Sorge für sein großes Erbreich wird ihm immer die nächste sein müssen, und er wird immer dahin gedrängt werden, Polen in das größere Reich einzufügen. Diese notwendige Entwicklung der Verhältnisse ist für beide Teile ein Unglück, das widerwillige Polen wird für die russische Macht keine Kräftigung, sondern ein wunder Punkt bleiben, und das übrige Europa wird immer dieses Verhältnis benützen können, um Rußland zu schaden und Verlegenheit zu bereiten.«

»Ganz recht,« rief der Großfürst, »das ist immer meine Meinung gewesen, darum habe ich immer die Selbständigkeit der Polen und der polnischen Armee erhalten wollen.«

Malgienski schüttelte den Kopf.

»Das ist kaum möglich,« sagte er, »ein für beide Teile nützlicher Zustand würde nur herbei geführt werden, wenn Polen seine vollständige Selbständigkeit behält.«

»Seine vollständige Selbständigkeit?« erwiderte der Großfürst, indem er die Augen schloß, um den Ausdruck seines Gesichtes zu verbergen. »Wir sollten aufgeben, was wir erkämpft haben und rechtmäßig besitzen?«

»Das Haus Romanow, Kaiserliche Hoheit, soll nichts aufgeben,« erwiderte der Staatsrat, »ein Fürst aus diesem Hause sollte König von Polen sein und, gestützt auf die Macht eben seines Hauses, eine festere Autorität behaupten, als es die früheren Wahlkönige konnten, dann wird der Kaiser ganz und gar Kaiser von Rußland sein und nur darauf zu sehen haben, seine Dynastie in Polen zu stützen und zu kräftigen, Polen würde selbständig regiert und würde ein freier tatkräftiger Bundesgenosse Rußlands werden, dadurch würde die russische Macht wirklich gestärkt und Polen würde glücklich sein und zufrieden, wie es noch nie gewesen.«

»Ein seltsamer Gedanke,« erwiderte der Großfürst, »doch es liegt Wahrheit darin. Und wo wäre der König zu finden? Die Söhne des Kaisers sind Knaben, wo würden Sie den König von Polen suchen?«

»Ich würde ihn überhaupt nicht suchen, denn er ist da und ich habe die Ehre, vor ihm zu stehen,« sagte Malgienski, sich tief verbeugend.

»Ich!« rief der Großfürst, über dessen Gesicht ein Schimmer freudiger Bewegung flog. »Wie können Sie daran denken, habe ich doch die Thronfolge in Rußland aufgegeben wegen meiner Vermählung mit meiner guten Johanna Antonowna.«

»Was für die Thronfolge in Rußland vielleicht nötig sein mochte,« erwiderte Malgienski, »würde hier nicht in Betracht kommen, ja, ein Vorzug sein. Eurer Kaiserlichen Hoheit edle Gemahlin ist eine Polin und würde ein Band bilden, das Sie mit der Nation verknüpft.«

Der Großfürst stand auf und ging mit großen Schritten auf und nieder.

»Und so etwas halten Sie für möglich?« fragte er, vor Malgienski stehen bleibend. »Der Gedanke daran ist ja schon eine Rebellion, eine Felonie gegen den Kaiser, der unser Herr ist und nicht gezwungen werben kann, seine Rechte aufzugeben.

»Von Zwang, Kaiserliche Hoheit, ist keine Rede,« sagte Malgienski, »die Verhältnisse stellen sich aber so, daß die Lösung sich Seiner Majestät von selbst zu bieten scheint. Das polnische Volk verlangt nur eine selbständige nationale Regierung. Die Dynastie der Romanow ist nicht verhaßt, das hat auch der Kaiser Nikolaus an sich selbst erfahren, das Verwandtschaftsgefühl der slawischen Rasse wird Polen zu einem treuen Freunde Rußlands machen, wenn es nur immer auf seine Weise leben kann und regiert wird, und gerade die Gefahr einer drohenden Erhebung, welche immerhin bei der jetzigen Lage Europas zu einer Losreißung von Rußland führen könnte, muß eine Lösung, wie ich sie im Sinn habe, dem Kaiser selbst im Interesse seines Reiches, sowie seines Hauses wünschenswert machen. Wenn solche Lösung ihm aus dem Volke selbst geboten würde, wenn das polnische Volk selbst die Bitte an ihn stellte, seine Rechte auf seinen erlauchten Bruder zu übertragen, auf denselben Fürsten, dessen Verzicht er ja seinen Thron dankt, wenn die Armee und das Volk die gemeinsame Bitte ausspräche, Konstantin I. zum erblichen König von Polen ausrufen zu dürfen, nicht zum Nachfolger jener Schattenkönige, unter denen die polnische Macht zugrunde ging, sondern zum Erben der Krone der Jagellonen, welcher zugleich der Träger sein würde eines unauflöslichen Bundes der slawischen Stämme des Ostens, dann. Kaiserliche Hoheit, würden Sie sich keinen Vorwurf zu machen haben, gegen Ihren erhabenen Bruder oder gegen die Macht und das Wohl Rußlands gehandelt zu haben, und ich möchte wohl glauben, daß Seine Majestät der Kaiser eine solche Lösung nicht nur annehmen, sondern auch mit Freuden begrüßen würde.«

»Und wenn ich«, sagte Konstantin, »eine solche Lösung für möglich halten, wenn ich ihr nicht widersprechen wollte, was ist dann zu tun, und wo finde ich Männer, die ein solches Werk in ihre Hände nehmen möchten?«

»Einer dieser Männer, Kaiserliche Hoheit, steht vor Ihnen,« erwiderte Malgienski, »und die ganze Partei der polnischen Patrioten, welche den Frieden und die Versöhnung wollen, wird für solchen Gedanken eintreten, sobald er nur einmal ausgesprochen ist, und dessen Ausführung mit Freuden begrüßen.«

Der Großfürst sann nach.

»Und ist«, fragte er dann, »ein solcher Gedanke nicht doch eigentlich eine Untreue und Auflehnung gegen den Kaiser?«

»Er wäre es, Kaiserliche Hoheit, wenn er einem fremden Fürsten gälte, aber er ist ein Beweis treuer Ergebenheit für den Kaiser, wenn er zum Ziel hat, Polen dem Hause Romanow zu erhalten und für immer zu festem Bunde mit der russischen Politik zu vereinigen, ohne die Gefahr fortwährender Unruhen und blutiger Empörungen.«

»Sie mögen recht haben,« sagte Konstantin, »und ich muß Ihnen sagen, daß ich den Beruf, König von Polen zu sein, dies schöne Land stark und glücklich zu machen und zugleich meinem russischen Vaterlande einen treuen Verbündeten zu gewinnen, als eine mir zusagende und mich befriedigende Lebensaufgabe annehmen würde. Aber tun kann ich nichts dazu. Wenn das polnische Volk mir seine Krone anträgt und eine solche Lösung der immer wieder auftauchenden Differenzen von dem Kaiser erbittet, so werde ich nicht widersprechen.«

»So soll es geschehen!« rief Malgienski mit strahlenden Blicken. »Der heutige Aufstand, dessen einzige Gefahr überwunden ist, wenn sie überhaupt bestand, wenn nicht vielleicht gar die Eindringlinge in den Palast ähnliche Gedanken hatten und sich ihres Königs versichern wollten, wird vielleicht die beste Gelegenheit geben, um schnell die Ausführung zu sichern. Es ist nur nötig, daß das polnische Volk, vertreten durch namhafte Mitglieder seines Adels und der hohen Offiziere der Armee, die Forderung eines eigenen Königs aus dem Hause Romanow stellt, dann wird der Kaiser kaum schwanken können und im Hinblick auf die Pflicht seines russischen Reiches kaum schwanken dürfen, seinem Bruder die Krone der Jagellonen auf das Haupt zu setzen und einen mit mächtiger Wucht in die Wagschale der Geschicke Europas fallenden Slawenbund des Ostens zu gründen, dessen Leitung und Schirmherrschaft immer in den Händen des Zaren liegen wird, unter dem aber Polen seiner selbständigen Entwicklung und seiner Stimme in allen Wendungen der Politik sicher ist.«

»Und Sie halten das für möglich?« fragte der Großfürst.

»Ich halte es für gewiß, wenn ich nur sicher bin, im Sinn und Auftrage Eurer Kaiserlichen Hoheit vorzugehen und mit den maßgebenden Personen verhandeln zu können. Um eine solche Vollmacht muß ich Eure Kaiserliche Hoheit bitten, und ich möchte dafür bürgen, daß ich bald das Glück haben werde, Sie, gnädigster Herr, als den königlichen Souverän meines Vaterlandes zu begrüßen.«

»Sie haben meine Vollmacht«, sagte Konstantin, dessen Augen stolz aufblitzen, »und zugleich mein fürstliches Wort, daß Sie des Königsreichs Polen erster Minister, der Freund und Ratgeber seines Königs sein sollen.«

»Dann bitte ich Eure Kaiserliche Hoheit, mich eiligst zurückziehen zu dürfen, denn was geschehen soll, muß schnell geschehen, in dieser Nacht noch kann sich alles entscheiden.«

»Und was habe ich zu tun?« fragte Konstantin.

»Nichts, Kaiserliche Hoheit, als abzuwarten. Vor allen Dingen flehe ich Sie an, jeden Zusammenstoß zwischen russischen und polnischen Truppen um jeden Preis zu vermeiden – behalten Sie die Kavallerieregimenter hier und erlauben Sie nicht, daß diese Truppen in die Stadt geführt werden, die Bewegung darf nicht den Anschein eines Kampfes zwischen Russen und Polen annehmen. Sie selbst, gnädigster Herr, dürfen in den Augen des Volkes nicht als Russe gelten und niemand darf gegen Sie den Vorwurf erheben, daß auf Ihren Befehl polnisches Blut vergossen sei.«

»Sie haben recht,« sagte der Großfürst. »Auch meinen Gesinnungen widerstrebt es, Blut zu vergießen und damit eine freundliche Verständigung zu erschweren. Gehen Sie also ans Werk und handeln Sie mutig und vorsichtig als der künftige Großkanzler des Königreichs Polen.«

Er reichte Malgienski seine Hand, welche dieser an seine Lippen drückte.

»Meine gute Johanna Antonowna,« flüsterte der Großfürst, »Königin von Polen – nun, bei Gott, sie hat es verdient und eine bessere Königin könnte sich Polen nicht wünschen.«

»Doch, was ist das?« fragte er aufhorchend, als von unter her der gleichmäßige Schritt marschierender Truppen und Kommandos sich hören ließ.

Malgienski eilte ans Fenster.

»Die Jägerbataillone sind aus der Kaserne gerückt, sie marschieren nach der Stadt hin. Die Kavallerie steht ihnen gegenüber, das ist schlimm, es darf zu keinem Zusammenstoß kommen – ich bitte Eure Kaiserliche Hoheit, zu befehlen, daß jede Gewalt vermieden wird.«

Der Großfürst ergriff die Glocke, aber noch ehe er das Zeichen gegeben, seinen Adjutanten zu rufen, sprach Malgienski:

»Vortrefflich, alles ordnet sich von selbst, Kurnatowski und Krasinski sprechen mit den Jägerbataillonen, die Truppen halten an, die Stabsoffiziere treten an die Spitze der Bataillone – o, welch ein Glück – sie wenden um, sie marschieren nach der Kaserne zurück, jetzt ist es Zeit! Alles wird gut gehen, verlassen sich Eure Kaiserliche Hoheit auf mich!«

Und schnell sich verbeugend, eilte er hinaus.

Der Großfürst schien von seiner Erregung und seinem fassungslosen Schreck vollständig geheilt, er ließ sich eine passende Generalsuniform bringen, hüllte sich in seinen Mantel und stieg zu Pferde. Dann befahl er, daß die Kavallerieregimenter aus den Kasernen rücken und vor denselben Aufstellung nehmen sollten, und vor dieser Aufstellung hielt er, von seinem Stabe umgeben, und ritt nur von Zeit zu Zeit in langsamem Schritt die Front auf und nieder.

Von der Stadt her hörte man Kampfesrufe, das Knattern des Gewehrfeuers, die Sturmglocken, auch einzelne Kanonenschüsse; es wurden Meldungen gebracht, daß an vielen Stellen der Straßenkampf tobte, daß die russischen Gardegrenadiere und polnischen Gardejäger von den Aufständischen zurück geworfen seien. Die Generale drangen darauf, daß die Kavallerie und die Jägerbataillone der Linie jenen zur Unterstützung in die Stadt geschickt werden sollten, um durch einen festen und entscheidenden Schlag den ganzen Aufstand mit einemmal zu beenden. Der Großfürst aber verweigerte diesen Befehl und war durch nichts aus seiner abwartenden Ruhe zu bringen, ja, er schickte Adjutanten in die Stadt, um, wenn sie durchkommen könnten, die russischen Truppen von jeder Angriffsbewegung zurückzuhalten und ihnen zu befehlen, daß sie sich allein auf die Verteidigung ihrer Kaserne beschränken sollten.

Der Staatsrat Malgienski hatte keinen Wagen genommen, um die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehen, sondern war, in seinen Mantel gehüllt, zu Fuß nach der Stadt zurückgekehrt. Mit schnellen Schritten erreichte er noch die unter Wisockis Führung nach der Stadt zurückeilenden Fähnriche und folgte denselben in einiger Entfernung, weil er so am sichersten durch die Straßen nach seiner Wohnung zu gelangen glaubte, und in der Tat zogen die laut rufenden jungen Leute die hier und dort auf den Straßen wogenden Massen an sich, so daß Malgienski fast allein seinen Weg verfolgte. Wo er irgend welchen Volkshaufen begegnete, stimmte er den lauten Ruf an: »Es lebe Polen!« und alle stürmten mit demselben Ruf an ihm vorüber, um die Schar der jungen Leute zu erreichen.

Bald hatte Malgienski seine Wohnung in dem fast menschenleeren Stadtteil erreicht, er eilte in sein Arbeitszimmer, setzte sich zu kurzem Nachdenken an seinen Schreibtisch, um die nächsten Schritte zur Erreichung des weit angelegten Planes seines Ehrgeizes festzustellen. Er setzte eine Liste von Personen auf, welche er zusammen berufen wollte, um die Vermittlung in dem mit dem Großfürsten besprochenen Sinn zu übernehmen, und entwarf in kurzen Zügen eine Proklamation sowie ein Bittschreiben an den Großfürsten um dessen Vermittlung bei seinem kaiserlichen Bruder und rieb sich während dieser Arbeit mehrmals vergnügt die Hände.

»Es muß gelingen,« sagte er, dem Schall der Sturmglocken, welche von draußen hereinklangen, lauschend. »Bei dem Kampf kommt nichts heraus, wenn der Großfürst die russischen Truppen zurückhält, und doch wird der Vermittlung ein günstiger Boden gegeben. Der Kaiser wird zufrieden sein, die Gehässigkeit und Last der polnischen Regierung von seiner Person abzuwerfen und doch für die russische Politik die ganze polnische Nationalkraft zu gewinnen. Er wird die ihm unbequeme Krone der Jagellonen gern aus das Haupt seines Bruders setzen, dem er ja die russische Kaiserkrone verdankt und dem er so gewissermaßen eine Schuld abträgt, ohne von der eigenen Macht etwas abzugeben, denn, hätte Konstantin diese Bedingung bei der Thronbesteigung gestellt, so würde sie ohne Zweifel angenommen worden sein. Alles wird zufrieden sein und ich werde das alles gemacht haben, ich werde die Fäden in meiner Hand halten, Konstantin wird seine Soldaten exerzieren und ich werde der wahre König von Polen sein.«

Seine stolzen Blicke schienen in eine leuchtende Zukunft hinaus zu schauen und lächelnd setzte er seine Arbeit fort.

Wisocki war mit seinen Fähnrichen, denen sich eine immer größere Volksmasse anschloß, immer weiter gestürmt.

Konstantin Backlowicz, der von einem Kampfplatz zum andern eilte, überall die aufständischen Soldaten anspornend und das Volk aufmunternd und zu dem Weg nach dem Zeughause weisend, kam dieser Schar entgegen!

»Wohin?« rief er. »Geht nach den Kasernen und helft dort diese Zwingburgen der russischen Tyrannei erstürmen!«

»Nein,« rief Wisocki, »dort sind schon der Kämpfer genug – jene entrinnen uns nicht, vor allem gilt es, die Verräter zu fassen und der Gerechtigkeit auszuliefern, Malgienski vor allem, die zischende, giftige Schlange!«

»Ja, ja,« rief es aus dem Haufen, »Tod den Verrätern! Tod Malgienski!«

»Haltet ein!« rief Konstantin; »nicht den Tod gilt es, kein Mord darf die Ehre des Volks beflecken! – Sie wissen, mein Herr,« sagte er mit stolzem Ton zu Wisocki, »daß Sie die des Verrats Beschuldigten vor das Gericht liefern, aber nicht ermorden lassen sollen.«

Wisockis Antwort wurde übertäubt durch die lauten Rufe:

»Tod den Verrätern! Tod Malgienski!« und der immer noch mehr anschwellende Menschenhaufen, welcher jetzt seine Führer mit sich fortriß, stürmte weiter.

»Entsetzlich,« sagte Konstantin, »es wird ein Unglück geschehen, wenn er in ihre Hände fällt, aber eine solche Bluttat darf nicht geschehen, ich muß ihn retten um jeden Preis, ihn, der an mir fast Schlimmeres als einen Mord beging und mir des Lebens höchstes Glück gestohlen hat!«

Er drängte sich in die Menge und es gelang ihm, sich bis zu der Spitze derselben durchzuarbeiten, als der Haufe unter wildem, drohendem Geschrei vor dem Hause des Staatsrats anhielt und donnernd gegen die verschlossene Tür schlug.

Wisocki versuchte vergebens, die Stürmenden zurück zu drängen, indem er ihnen sagte, daß er allein mit der Verhaftung beauftragt sei und keinen weiteren Beistand dazu brauche.

Auch Konstantin sprach vergeblich.

Das wilde Geschrei: »Tod den Verrätern!« übertönte alles und bald war das Schloß der Haustür zerbrochen.

Die Flügel sprangen auf.

Der Haufe drang mit geschwungenen Säbeln ein und fragte die zitternden Lakaien nach ihrem Herrn.

Von der Treppe herab kam Luitgarde bleich und entsetzt.

Konstantin eilte ihr entgegen.

»Um Gottes willen,« sagte er, »bleiben Sie fort, zeigen Sie sich nicht, Sie können hier nichts nützen, vertrauen Sie mir, ich werde tun, was möglich ist, um diese Wahnsinnigen zu beruhigen.«

Er drängte Luitgarde, die kaum begriff, was hier vorging, in ihr Zimmer, verschloß die Tür und eilte dann wieder den die Treppe Herausstürmenden entgegen, welche Wisocki, da alle Worte vergebens waren, mit seinem Säbel bedrohte. Aber er wurde niedergeworfen, die Menge füllte bereits den Korridor und schrie nach dem Staatsrat.

Einer der Lakaien deutete in seiner Angst auf die von schweren Vorhängen verhüllte Tür, welche zu der Wohnung Malgienskis führte.

Im Nu waren die Vorhänge herabgerissen und wuchtige Säbelhiebe dröhnten gegen die von innen verschlossene Tür.

Konstantin warf sich den Stürmenden entgegen auf die Gefahr, von ihren Waffen getroffen zu werden. Er riß einige zurück, andere aber drängten wieder vor, und schnell war auch diese Tür gesprengt.

Die von Malgienski bewohnten Zimmer hatten nur noch einen zweiten Ausgang nach demselben Korridor. Die Menge drang ein. Der Staatsrat stand bleich und hoch aufgerichtet hinter seinem Schreibtisch. Er hielt eine doppelläufige Pistole in seiner Hand, eine zweite lag vor ihm auf dem Tisch.

»Zurück, Verwegene!« rief er. »Was wollt Ihr von mir? Wie könnt Ihr's wagen, hier einzudringen – zurück, wenn Euch Euer Leben lieb ist!«

Einen Augenblick stutzten die Stürmenden.

Konstantin war unter den ersten durch die geöffnete Tür eingedrungen.

»Die Waffen fort!« rief er Malgienski zu. »Um Gottes willen, ich beschwöre Dich!«

Und zu der drohenden Menge gewendet, sagte er:

»Hört mich an, ihr seid Polen, vergeßt nicht die Ehre Eures Vaterlandes – sein Leben gehört dem Gericht, das über ihn urteilen wird, nicht Euch!«

»Ha, Du hier?« rief Malgienski hohnlachend. »Du hast diese Gesellen zu mir geführt?«

Es schien, als ob der Ton von Malgienskis Stimme die Wut der drohenden Menge von neuem entzündete, sie stürmte, Konstantin vorwärts drängend, gegen den Schreibtisch an. Die geschwungenen Säbelklingen erreichten ihn fast, ein Gewehrschuß krachte von hinten her. Die Kugel sauste an Malgienskis Kopf vorbei und zerschmetterte klirrend einen Wandspiegel hinter ihm.

»Ha,« rief Malgienski, »ist es so gemeint – nun, ihr sollt sehen, daß ich mit Euch fertig zu werden weiß!«

Er rief seine Lakaien zu Hilfe und feuerte gegen Konstantin mit einem Blick voll wilden Hasses den einen Lauf seiner Pistole ab.

Konstantin fühlte sein Haar gestreift, abermals warf er sich den Andrängenden entgegen.

»Haltet ein,« rief er, »um Gottes willen haltet ein, es darf kein Blut vergossen werden!«

Aber er wurde nicht gehört.

Mehrere waren auf den Schreibtisch gesprungen und hieben auf Malgienski mit ihren Säbeln ein. Andere kamen von der Seite herum.

In einem Augenblick war er niedergeworfen und die blitzenden Klingen sausten über seinem Haupt.

Er erhob den Arm zum Schuß.

Einer der Andrängenden hatte seinen Arm erfaßt und suchte ihm die Waffe zu entwinden. In dem Ringen wendete sich die Mündung der Pistole rückwärts gegen Malgienskis Brust. Der Schuß krachte. Niemand hätte sagen können, ob er selbst oder seine Angreifer die Waffe entladen.

Mit einem ächzenden Wehlaut brach er zusammen.

Ein augenblickliches Stillschweigen trat ein.

Die Menge schien bestürzt.

Die nächsten traten zurück.

Malgienski lag blutend am Boden, nur röchelnde Töne drangen aus seiner Brust.

»Entsetzlich!« rief Konstantin außer sich. »Entsetzlich! Dieses Blut wird über Euch kommen!«

Er beugte sich zu Malgienski herab, dessen Kleider sich blutig färbten und dessen starre Augen drohend aus dem verzerrten Gesicht blickten.

Wisocki hatte sich wieder aufgerafft und stürmte herein.

»Sehen Sie, mein Herr,« rief Konstantin, »das haben die Unglückseligen getan – so beginnen sie den Kampf um die Freiheit!«

»Schändlich!« rief Wisocki. »Doch solche Untat soll nicht meinen Namen beflecken – Sie wissen, daß ich alles aufgeboten, sie zu verhindern.«

»Zurück,« rief er mit donnernder Stimme, »zurück oder ihr sollt von meinen Händen fallen!«

Mit drohend funkelnden Augen schwang er den Säbel und drang gegen die Menge vor.

Eine Anzahl von Fähnrichen hatte sich zu ihm gefunden. Die eben noch so wild tobende Menge schien gebannt.

Vor Entsetzen über diesen Ausgang wichen alle zurück und eilten bald in wilder Flucht die Treppe hinab.

Wisocki folgte, nachdem er den Fähnrichen befohlen, den Haufen zu den anderen Kampfplätzen zu führen.

Dann kehrte er in das Zimmer zurück, in welchem die Lakaien den Staatsrat auf ein Kanapee gelegt hatten.

»Sucht um jeden Preis einen Arzt,« befahl Konstantin, der neben dem Kanapee stand und die Hand auf die Brust Malgienskis gelegt hatte. »Es wird freilich vergebens sein,« fügte er mit dumpfem Ton hinzu, »kein Herzschlag – kein Atemzug mehr, die Kugel hat sicher getroffen. Hat die ewige Gerechtigkeit ihren Lauf gelenkt?« fügte er flüsternd hinzu. »Gott weiß, daß ich mein Leben gegeben hätte, um das seine zu retten!«

Luitgarde trat ein.

»Was ist geschehen?« fragte sie zitternd; »was bedeutet dieser Lärm?«

»Er bedeutet,« sagte Konstantin, indem er das Gesicht des Toten mit seinem Taschentuch bedeckte, »daß die Stunde des Kampfes um die Freiheit gekommen ist. Das Volk, unbändig und wild wie der Löwe der Wüste, hat furchtbare Rache geübt an dem, den es des Verrats für schuldig hielt. Niemand als Gott weiß es, welche Hand das Werkzeug dieser Rache wurde. Meine Hand ist rein, ich schwöre es bei dem ewigen Richter – ich habe alles daran gesetzt, ihn zu retten, obgleich seine Kugel mein Haar streifte.«

»Er?« fragte Luitgarde, die zitternde Hand auf einen Sessel stützend. »Er – mein Gemahl –« fügte sie zögernd hinzu, als würde es ihr schwer, dies Wort auszusprechen.

»Er ist tot,« sagte Konstantin, »und seine Schuld im Leben steht vor dem ewigen Richter, der ihm barmherzig sein möge.«

Luitgarde trat schwankenden Schrittes zu dem Kanapee.

Sie sank in die Kniee, faltete die Hände und betete, leise flüsternd.

Auch Wisocki und Konstantin knieten an ihrer Seite.

Die Lakaien blieben scheu an der Schwelle des Zimmers, und man hörte nur die leise geflüsterten Worte der Betenden, während von fern her die Schüsse knatterten und die Sturmglocken läuteten.

Konstantin erhob sich und sagte zu Luitgarde:

»Sie dürfen hier nicht bleiben. In dem Hause des Unheils ist kein Platz für Sie.«

Luitgarde sah ihn traurig an.

»Meine Pflicht hält mich hier,« antwortete sie kopfschüttelnd.

»Nein,« rief Konstantin, »hier hält Sie keine Pflicht mehr, jede Pflege, jede Sorge ist überflüssig und vergeblich, was hier nur zu tun ist, übernehme ich. Im Hause Ihres Vaters finden Sie Sicherheit und Ruhe.«

Noch schwankte Luitgarde, obgleich auch Wisocki in sie drang, das Haus zu verlassen.

Da erschien der herbeigerufene Arzt.

Er hatte keine lange Untersuchung nötig, um den erfolgten Tod des Staatsrats zu bestätigen.

Konstantin gab dem Haushofmeister die nötigen Befehle zur Aufbewahrung der Leiche und führte dann Luitgarde fort.

Wisocki begleitete beide.

Man machte den Weg zu Fuß, da ein Wagen vielleicht hätte angehalten werden können.

Schweigend schritten die drei durch die Straßen nach dem nahe gelegenen Hause des Grafen Jaczkonowski.

Sie begegneten nur einzelnen Trupps von Volkskämpfern, welche nach den Sammelplätzen eilten, und erreichten bald ihr Ziel.

Unter der Tür, während Wisocki die Glocke zog, nahm Konstantin Luitgardens Hand.

»Der Kampf hat begonnen,« sagte er, »mein Leben gehört dem Vaterlande, bis der Sieg errungen ist. Gedenken Sie meiner, Luitgarde.«

»Das will ich!« rief die junge Frau, zum erstenmal aus ihrer fast gleichgültigen Starrheit erwachend. »O, könnte auch meine Kraft dem Vaterlande gehören!«

»Eine Pflicht haben die Frauen, Luitgarde,« sagte Konstantin, »die Kämpfer zu begeistern und zu ermutigen. Wollen Sie diese Pflicht nicht erfüllen – wollen Sie mir nicht ein Wort der Ermutigung sagen?«

»Gehen Sie hin,« erwiderte Luitgarde mit einem Blick, der tief in sein Herz drang, »jeder Schlag meines Herzens, jedes betende Wort meiner Lippen wird Ihnen folgen – hier dieses Erinnerungszeichen mag Sie begleiten als ein schützender Talisman.«

Sie zog einen Ring vom Finger und reichte ihm denselben.

»Dank, Luitgarde, Dank!« rief er, ihre Hand ehrfurchtsvoll an seine Lippen drückend. »Nun bin ich unüberwindlich.«

Die Türe wurde geöffnet.

Graf Jaczkonowski erschien selbst.

»Du hier, meine Tochter?« sagte er erschreckt.

»Ich bringe sie zu Ihnen zurück, Herr Graf,« sagte Konstantin, »das väterliche Haus ist ihre Heimat – hier mag sie sich selbst wiederfinden und erholen von einem verhängnisvollen Irrtum, dessen Fesseln der Tod gelöst hat.«

Luitgarde sank an die Brust ihres Vaters.

Konstantin schloß die Tür und rief, den Ring Luitgardens an seine Lippen drückend: »Nun vorwärts zum Kampf und, so Gott will, zum Siege!«

Er eilte, Wisocki die Hand drückend, davon.

»Die Pflicht der Frauen ist es, die Kämpfer zu begeistern,« sagte Wisocki finster, »auch ich habe die Begeisterung nötig, ich weiß, woher sie mir kommen kann.« Auch er eilte davon und zog nach kurzer Zeit die Glocke an dem Hause des Bankrats Hoffmann.


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