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Neuntes Kapitel.

Auch am Morgen nach dem Abend, an welchem Konstantins Abwesenheit die Gesellschaft im Hause des Grafen Jaczkonowski in Erstaunen und Unmut versetzt hatte, kam keine Nachricht und keine Entschuldigung, welche die Nichtbeachtung der Einladung wohl erforderlich gemacht hätte.

Die Gräfin sprach ihren Unwillen über die Unart des jungen Mannes, der nach seiner Geburt und seiner Erziehung wohl hätte mehr Höflichkeit und Takt besitzen sollen, beim Frühstück unumwunden aus und erklärte, daß sie ihn nach einer solchen Verletzung der einfachsten Höflichkeit nicht wieder in ihrem Hause empfangen wolle, ohne daß er ihr vorher wenigstens eine formelle Entschuldigung gemacht hätte, und Luitgarde stimmte ihrer Mutter in bitteren und spöttischen Bemerkungen bei, die sonst nicht in ihrem so heiteren, lebensfrohen und gutherzigen Wesen lagen.

Der Graf suchte den Vorfall mit einem Mißverständnis zu erklären, das sich lösen müsse, und ging selbst, seinen jungen Freund aufzusuchen, um von ihm die Erklärung seines so seltsamen Benehmens zu erhalten.

Er fand die Tür zu Konstantins Wohnung verschlossen, und die Wirtsleute des Hauses teilten ihm mit, daß der Herr von Backlowiecz gestern, ohne irgendeine Bestellung zu hinterlassen, ausgegangen und seither nicht wieder zurückgekehrt sei, worüber sie selbst erstaunt und unruhig wären, da der junge Herr ein sehr regelmäßiges Leben führe und noch niemals eine Nacht über aus dem Hause geblieben sei.

Der Graf erschrak.

Er fand keine Erklärung für das seltsame Verschwinden; von der Absicht einer Reise hatte Konstantin, der kein Geheimnis vor ihm hatte, nichts gesagt, ein Unglücksfall war auch kaum vorauszusetzen, da man ja dann wohl schon davon gehört haben würde.

Er kehrte noch mehrmals am Tage zurück, aber immer war die Hoffnung, seinen Freund zu finden, vergeblich.

Konstantin war weder zurückgekehrt, noch hatte er irgendeine Nachricht nach Hause gelangen lassen.

Die Wirtsleute wußten noch nicht genau, wann er ausgegangen sei und mit wem er etwa das Haus verlassen hatte – genug, sein Verschwinden blieb völlig unerklärlich.

Die Gesellschaft, welche sich wieder im Hause des Grafen versammelt, um die begonnene Lektüre weiter fortzusetzen, zeigte im ganzen wenig Teilnahme für das seltsame Ereignis, das den Grafen so sehr beschäftigte; der Staatsrat Malgienski zuckte die Achseln und sagte leichthin:

»Ich glaube, mein Vetter wird abgereist sein, er hält sich ja immer von der Gesellschaft fern, in die er mit seinem phantastischen und verschlossenen Wesen nicht hineinpaßte, so viel ich mir auch Mühe gab, ihn zum Aufgeben seines Einsiedlerlebens zu bewegen, und auch die Bemühungen des Herrn Grafen blieben ja ganz erfolglos gegenüber seiner Menschenscheu oder seinem Hochmut, von dem ich ihn nicht ganz frei sprechen kann. Vielleicht befindet er sich jetzt schon auf dem Wege nach Frankreich oder Italien, wo er wieder seinen Studien und Grübeleien leben kann.«

Der Graf wollte dies nicht glauben, er konnte sich's nicht vorstellen, daß Konstantin gegen ihn, der ihm eine so warme Freundschaft bewiesen, ein so verdecktes Spiel spielen sollte.

»Nun, man wird es sehen,« sagte Malgienski, »ich glaube, daß nach einiger Zeit ein Brief ankommen wird, der seine übereilte Abreise mit einem dringenden Geschäft entschuldigt und daß wir dann wohl längere Zeit nichts von ihm sehen und hören werden.«

Luitgarde blickte sinnend vor sich nieder, ihr Gesicht verfinsterte sich und sie sagte bitter:

»Die ganze Gesellschaft hier muß ihm jedenfalls sehr wenig wert gewesen sein, und ich bedaure es fast, daß ich mir mehrmals Mühe gegeben habe, ihn aus seiner Verschlossenheit heraus zu ziehen, weil ich glaubte, daß vielleicht ein geheimer Kummer ihn drücke.«

»Vielleicht mag das sein,« sagte Malgienski lächelnd, »ich habe den Verdacht gehabt, daß er irgendwo im Auslande sein Herz verloren habe und daß eine unglückliche Liebe sein Kummer sei, unglücklich vielleicht, weil ihr irgendwelche Hindernisse entgegenstehen – oder auch wohl,« fügte er mit einem schnellen, forschenden Seitenblick auf Luitgarde, welche erbleichend das Haupt neigte, hinzu, »weil er unter seinen Stand herabgestiegen ist und nicht wagen kann, die Geliebte seiner Wahl in die Welt, der er angehört, einzuführen. Ich habe mehrmals mit ihm über seine Zukunft gesprochen und würde gern gesehen haben, daß er sich verheiratet hätte; aber er wies dies so entschieden zurück, daß ich fast glauben mußte, er sei nicht mehr frei.«

»Nun,« rief die Gräfin Dornowska lachend, »dann werden Sie vielleicht nach einiger Zeit hören, daß irgendwo im Ausland eine hübsche Bäuerin oder sonst etwas derart als Frau von Backlowicz erscheint, ich muß sagen, das würde mir eine gewisse Genugtuung bereiten, wenn ich an die unartige Gleichgültigkeit denke, mit welcher dieser hochmütige Herr alle Damen hier behandelt.«

»Mich macht dieser Gedanke traurig,« sagte Malgienski, »er ist mein Vetter, und ein verlorenes Leben, zu dem er durch eine solche Verirrung geführt würde, ist eine schmerzliche Sache.«

»Ich begreife nicht,« rief Luitgarde fast heftig, »wie ein Mann der vornehmen Gesellschaft unter seinen Stand herabsteigen kann, eine solche Liebe, welche ihm doch unmöglich Befriedigung des Geistes und des Herzens bringen kann, ist eine Niedrigkeit, und jedenfalls wird die Gesellschaft, wenn er aus solchem Grunde sich zurückzieht, nicht zu viel an ihm verlieren.«

Der Graf schwieg und sah seine Tochter mit einem traurigen Blick an.

Das Gespräch wurde nicht weiter fortgesetzt. Der Abend verlief, ohne daß Konstantins weiter Erwähnung geschah.

Als auch die nächsten Tage keine Aussicht von dem Verschwundenen brachten, begann der Graf eifrige Nachforschungen; er suchte die wenigen Bekannten Konstantins auf, aber keiner konnte ihm Auskunft geben, keiner hatte ihn in den letzten Tagen gesehen. Er forschte bei der Polizei nach über bekannt gewordene Unglücksfälle, aber auch hier fand er keine Spur und doch vermochte er nicht an eine heimliche Abreise des jungen Mannes zu glauben. Er fuhr nach dem Karthäuserkloster, um den jungen Mönch aufzusuchen, dem er mit Konstantin im Klostergarten begegnet war. Hier erfuhr er, daß der Bruder Kasimir mit Zustimmung der Oberen den Orden gewechselt habe und zu den Karmelitern gegangen sei; aber man konnte oder wollte ihm nicht sagen, welchem Kloster er sich zugewendet habe.

Er bat den Staatsrat Malgienski, durch seinen Einfluß bei der Regierung die Nachforschungen nach dem Verschwundenen zu unterstützen, und der Staatsrat zeigte großen Eifer, er war ja selbst, wie er sagte, tief bekümmert um das Schicksal seines Vetters, obgleich er an einen Unglücksfall nicht glauben wollte; aber auch seine Nachforschungen blieben ebenso erfolglos als die des Grafen.

Luitgarde fragte täglich, ob man eine Spur gefunden; es schien, als ob sie von dem Gedanken an das seltsame Geheimnis verfolgt würde, aber in der Art und Weise, wie sie davon sprach, lag eine gewisse Erbitterung gegen den Verschwundenen, als ob sie es nicht vergessen und verzeihen könne, daß der junge Mann, aus dessen Augen soviel Feuer und Leidenschaft hervorblitzte, gerade ihr gegenüber eine so kalte und verletzende Zurückhaltung gezeigt hatte, die sie nur einer hochmütigen Unterschätzung ihres eigenen Wertes zuschreiben konnte.

Alle Nachforschungen aber blieben dauernd erfolglos. Malgienski konnte trotz des Eifers, den er an den Tag legte, und des Einflusses, den er bei den Behörden aufbot, keine Spur entdecken, wie er ganz niedergeschlagen berichtete. Er blieb dabei, daß es sich um eine Liebesangelegenheit, eine Entführung oder heimliche Heirat handle. Er sprach immer gut und wohlwollend, aber mit einem gewissen mitleidigen Bedauern von Konstantin und schien besonders zu fürchten, daß dieser sich durch seine leidenschaftliche Natur zu einer Heirat unter seinem Stande habe hinreißen lassen.

Luitgarde hörte dann sinnend und nachdenklich zu, bald schien ihr wehmütig teilnehmender Blick dem Staatsrat zu danken, daß er über seinen Vetter nicht so hart und abfällig urteilte wie ihre Mutter und die Gräfin Dornowska, bald aber warf sie auch selbst ein bitteres und scharf verurteilendes Wort hin und brach dann das Gespräch über diesen Gegenstand kurz ab.

Die übrige Gesellschaft sprach gar nicht mehr von dem Verschwundenen, der ihr so fern gestanden. Der Graf allein erkundigte sich täglich in Konstantins Wohnung, ob keine Nachrichten von ihm eingegangen seien, immer aber lauteten die Antworten verneinend, und als vier Wochen vergangen waren, erklärten die Wirte, daß sie die Wohnung nicht länger frei halten könnten, da ihnen für die Miete keine Sicherheit geboten würde, und daß sie, um jede Verantwortung abzulehnen, die Polizei bitten müßten, das Eigentum ihres verschwundenen Mieters in Gewahrsam zu nehmen.

Der Graf bezahlte sogleich die rückständige Miete und erklärte, daß er selbst auf seine eigene Verantwortung alles aufbewahren würde, was Konstantin gehöre.

Die Wirtsleute waren bei der bekannten und hoch angesehenen Stellung des Grafen damit einverstanden. Dieser mußte dazu den Schreibtisch und die Schränke öffnen lassen, was er mit großem Widerstreben tat, aber dennoch für das beste hielt, um jede polizeiliche Recherche auszuschließen. Er ließ die Kleidungsstücke und Bücher zusammenpacken. In den Schubfächern des Schreibtisches fand er einiges Geld und die Nachweisung, bei welchem Bankier Konstantin sein Vermögen niedergelegt habe, worüber er während seines Verkehrs mit dem jungen Mann niemals gesprochen.

Auch bei dem Bankier forschte er nach, aber derselbe konnte ihm auch keine Auskunft geben. Er hatte keine Anweisung zu irgendwelcher Geldsendung erhalten. Eine Anzahl Briefe verschloß der Graf ungelesen in ein Paket, auf das er seinen Siegel drückte, neben diesen Briefen aber fand er das Blatt mit dem sprechend ähnlichen und so seltsam ausdrucksvoll ihm entgegenblickenden Bilde seiner Tochter.

Er war tief bewegt beim Anblick dieser Zeichnung.

Konstantin hatte sich in fast schroffer Weise von Luitgarde zurückgehalten, er hatte die Deutung, welche ihm der Graf über seine Wünsche gemacht, nicht verstehen wollen, und dennoch lieferte das Bild den Beweis, daß er sich mit ihr beschäftigt, sehr eifrig beschäftigt hatte, denn sonst wäre es ja nicht möglich gewesen, eine solche Ähnlichkeit zu schaffen und gerade diesen Ausdruck in dem Gesicht des jungen Mädchens so lebenswahr wiederzugeben, dessen sich auch der Graf erinnerte, und der auf Konstantin augenblicklich einen so lebhaften Eindruck gemacht hatte. Was für ein Geheimnis war da vorhanden? Wenn ein junger Mann das Bild eines jungen Mädchens so sorgfältig zeichnet und im geheimen bei sich aufbewahrt, so würde man doch immer annehmen müssen, daß die Liebe ihm dazu den Blick geschärft und die Hand geschickt gemacht. Wenn dies aber der Fall war, wie war dann die fast unhöfliche Zurückhaltung zu erklären, da Konstantin doch gewiß sein konnte, daß seine Bewerbung von dem Grafen nicht nur freundlich aufgenommen wäre, sondern auch dessen volle Unterstützung gefunden haben würde, und gerade nach der Szene in Bielany, welche dem Grafen nun nach dieser Entdeckung wie der plötzliche Ausbruch eines lange zurückgehaltenen Gefühls erschien, war Konstantin auf geheimnisvolle Weise verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Fast begann er nun auch die Meinung Malgienskis zu teilen, daß Konstantin durch irgendeine frühere Verpflichtung gefesselt sei und dem in ihm wieder aufwallenden neuen Gefühl durch schnelle Flucht sich habe entziehen wollen. Dadurch wurde das so auffallende und geheimnisvolle Ereignis für ihn erklärbar – freilich erklärbar in einer ihm selbst sehr traurigen Weise. Er erkannte aus dem Bilde Luitgardens, das ja ganz zweifellos nur mit dem Herzen gemalt sein konnte, wie leicht sich sein sehnsüchtiger Herzenswunsch, in Konstantin einen Sohn zu gewinnen, hätte erfüllen können, wenn nicht ein geheimnisvolles Hindernis der Erfüllung entgegengestanden hätte, und er mußte glauben, daß dies Hindernis auch für Konstantin selbst schmerzlich sei, denn sonst hätte dieser ja sich nicht durch heimliche Flucht dem Konflikt, in welchem er sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart befinden mußte, entzogen. Ein solcher Konflikt hätte sich ja, wie er meinte, lösen lassen müssen. Er war tief verstimmt, daß er nun gar nichts tun konnte und daß sich vielleicht in dieser Zeit, die er mit erfolglosen Nachforschungen verbrachte, ein unüberwindliches und unwiderrufliches Hindernis aufbauen möchte, das durch seine Vermittlung hätte beseitigt werden können.

Er zog sich mehr und mehr von dem Gesellschaftskreise seiner Frau zurück und setzte ganz im stillen um so eifriger seine Nachforschungen fort, obwohl er sich überzeugen mußte, daß dieselben immer erfolgloser wurden, da auch bei Konstantins Bankier in Warschau immer keine Nachrichten einliefen.

Der Staatsrat Malgienski hatte in der ersten Zeit nach Konstantins Verschwinden, das den Grafen so schmerzlich bewegte, in einer Rücksicht, für die ihm Luitgarde Dank wußte, seinen Wunsch einer baldigen Vermählung nicht weiter berührt; er begnügte sich, durch zarte Aufmerksamkeiten aller Art, durch ein hingeworfenes Wort und einen innigen Händedruck seiner Liebe Ausdruck zu geben und dabei alle seine glänzenden Eigenschaften vor Luitgardens Augen in das hellste Licht zu setzen, um die Herrschaft, die er über das junge Mädchen gewonnen, immer mehr zu befestigen und zugleich in ihr den Stolz darüber immer mehr anzuregen, daß ein Mann wie er gerade sie erwählt. Seine auf sichere Menschenkenntnis begründete Berechnung war richtig und tat ihre Wirkung. Der Zauber, den die Persönlichkeit Malgienskis auf Luitgarde ausübte, verstärkte sich immer mehr, ihre kindliche Eitelkeit fand eine stolze Befriedigung, wenn die Gräfin Dornowska ihr erzählte, wie man sie allgemein um die Eroberung des glänzenden jungen Staatsmannes beneide, und wenn Konstantin wirklich irgendeinen Eindruck auf sie gemacht hatte, über den sie sich vielleicht selbst nicht klar war, so konnte derselbe nicht erfolgreicher verwischt und beseitigt werden als durch den Vergleich zwischen dem jungen, düsteren Mann, der sich von der Gesellschaft in einem durch nichts berechtigten Hochmut schroff zurückhielt und endlich in einer so geheimnisvoll verletzenden Weise verschwunden war und dem in sich selbst sicheren Weltmann, der die Gesellschaft durch seinen Geist beherrschte, in hohem Ehrgeiz eine weit offene, schnell aufwärts führende Bahn verfolgte und dazu alle äußeren Vorzüge besaß, welche ein weibliches Herz zu bestricken vermochten.

Die Gräfin wurde nicht müde, die diskrete Rücksicht Malgienskis auf die Sorge des Grafen um das Schicksal seines jungen Freundes zu rühmen und auch in dessen Abwesenheit die Erinnerung an ihn bei Luitgarde zu erhalten.

So saß sie eines Morgens wieder mit Luitgarde allein, welche, da ihre Mutter ausgefahren war, alle Besuche abgelehnt hatte, und machte ihr Vorwürfe, daß sie noch nichts getan, um die Sache, von welcher bereits die ganze Welt zu sprechen begann, mit ihrem Vater ins reine zu bringen.

»Ich habe es nicht gewagt,« erwiderte Luitgarde zögernd, »mein Vater ist so traurig und verstimmt noch immer über das Verschwinden seines Freundes Backlowicz, für den er so wunderbare Zuneigung an den Tag legt und von dem er«, fügte sie errötend hinzu, »mir mehrmals gesagt hat, er wünsche sich einen Sohn wie ihn.«

Die Gräfin lachte laut auf.

»Einen Sohn wie ihn,« rief sie, »das wäre bei Gott eine schöne Akquisition, eine lachende Zukunft für dies Haus, das ich wie meine Heimat betrachte! Aber wie kommt er auf diesen pedantischen, hochmütigen Backlowicz, der durch sein unerhörtes Verschwinden so viel Störung und Verwirrung angerichtet? Und doch ist es das Beste, was er tun konnte. Dein Vater, meine liebe Luitgarde,« sagte sie spöttisch, »wäre vielleicht auch noch auf den Gedanken gekommen, diesen steifen, übermütigen Menschen, der nichts ist und nichts werden kann, zu seinem Schwiegersohn zu machen. Nun, daß er sich einen Sohn wünscht, das begreife ich, aber kann er einen besseren finden als den Staatsrat, der ihm alles bietet, was er wünschen kann, und Dir eine Stellung geben wird, die seines Namens würdig ist? Deine Pflicht ist es auch gegen Deinen Vater, ihn von seinen Sorgen um diesen Konstantin zu befreien, der Wohl durch eine unwürdige Verbindung für immer herabgestiegen ist aus der Gesellschaft, der er angehören sollte – für ihn ist es am besten, wenn er so schnell als möglich vergessen wird, und Du sollst wahrlich nicht dazu beitragen, die Erinnerung an ihn lebendig zu halten. Malgienski ist zu stolz, um mir davon zu sprechen, aber er leidet, er liebt Dich mehr, als Du es mit Deiner kalten Gleichgültigkeit um ihn verdienst.«

»Ich gleichgültig und kalt!« rief Luitgarde, hoch errötend. »O, mein Gott, er weiß es, er muß es ja wissen, daß ich –«

Der Lakai meldete den Staatsrat von Malgienski, auf den er als einen so nahen Freund des Hauses die allgemein für die Besuche befohlene Ablehnung nicht bezogen haben mochte.

»Da ist er,« flüsterte die Gräfin, »sage es ihm selbst, was Du mir bekennen wolltest.«

Malgienski trat ein. Er küßte Luitgarde, die sich hoch errötend und zitternd erhob, die Hand und sah sie mit einem Blick an, den sie zu fühlen schien, denn langsam schlug sie die Augen zu ihm mit einem Ausdruck von demütiger Hingebung auf.

»Nun,« sagte die Gräfin lachend, »mit der stummen Augensprache ist es nicht getan – vor mir habt Ihr nicht nötig, verdecktes Spiel zu spielen, ich bin ja die Vertraute Eurer Herzen – fragen Sie die liebe Luitgarde nur ganz bestimmt danach, was sie eben im Begriff war, mir zu bekennen, und fordern Sie eine klare und bestimmte Antwort, ich bin überzeugt, Sie werden mit dem Bekenntnis zufrieden sein.«

»Ich habe kein Bekenntnis nötig,« erwiderte Malgienski, Luitgardens Hand fest in der seinen haltend, »ich weiß ja, daß Luitgardens Liebe mir gehört, sie hat es mir gesagt, und eine Unwahrheit kann nicht über ihre Lippen kommen. Wankelmut findet keinen Platz in ihrem Herzen.«

Luitgarde drückte seine Hand und blickte dankbar und glücklich lächelnd zu ihm auf.

»Freilich,« fuhr er mit trauriger Miene fort, »ist ihre Liebe wohl nicht so tief und innig wie die meinige, sonst würde auch ihre Sehnsucht der meinigen gleich sein, und sie würde nicht durch scheues Zögern das süße Glück unserer Vereinigung hinausschieben.«

»Mein Herz«, rief Luitgarde errötend, »hat keinen Teil an meinem Zögern, ich wagte keine Bitte an meinen Vater, da er verstimmt und sorgenvoll war.«

»Sollte er dann nicht um so lieber sein Kind glücklich machen,« fragte der Staatsrat, »wenn er nur weiß, von ihr selbst weiß, was sie zu ihrem Glück bedarf?«

»Ganz recht,« sagte die Gräfin, »ganz recht, ich kenne Deinen Vater, Luitgarde, es liegt nicht in seinem Charakter, wegen eigener Sorgen anderen das Glück zu versagen, am allerwenigsten Dir, und wenn er Dich glücklich sieht, so wird er vielleicht um so schneller die nach meiner Meinung törichten Sorgen um diesen unausstehlichen Herrn von Backlowicz vergessen.«

»Ich stimme der Gräfin bei,« sagte der Staatsrat, »ich dränge Dich nicht, Luitgarde, aber traurig macht es mich, mein Glück verschoben zu sehen, um so mehr, da meine Stellung und vielleicht auch die Deinige, peinlich und lästig wird. Die Gesellschaft hat wohlbemerkt, daß unsere Herzen sich gefunden haben, sie betrachtet uns fast zu einander gehörig, man flüstert über uns, und es ist nicht meiner würdig,« sagte er mit Nachdruck, »die Rolle eines leeren Courmachers zu spielen, und auch für Dich ziemt sich ein Verhältnis nicht, wie es jetzt zwischen uns besteht.«

Luitgarde erschrak vor dem ernsten, fast gebieterischen Ausdruck, mit dem er sprach.

»Du hast recht,« sagte sie leise, »die Welt soll nicht mehr flüstern, stolz und frei soll unsere Liebe vor sie hintreten, und wenn sie dann unser Glück beneiden will, so mag sie es tun.«

Mit einem reizenden Lächeln lehnte sie ihr Haupt an seine Brust. Er küßte zärtlich ihre Stirn und sagte: »Du zürnst mir nicht, meine Luitgarde, daß ich zögerte, das erste Wort der Bewerbung zu sprechen? Verzeih' mir diesen Stolz. Wenn ich meinen Wert vielleicht überschätze und mich keiner Ablehnung, keiner ausweichenden Antwort aussetzen will, so mag Dir das nur beweisen, wie hoch ich Dich achte und ehre, da ich mein ganzes Lebensglück in Deine Hände lege.«

»O,« flüsterte sie, »ich liebe diesen Stolz und will dessen würdig sein.«

Er drückte sie innig an seine Brust und blieb noch eine kurze Zeit, heiter und ruhig plaudernd, nur wie in einzelnen Blitzen flammte leidenschaftliche Glut aus seinen Worten und Blicken hervor, um so mehr auch Luitgardens Herz entzündend, je sicherer er sein Gefühl zu beherrschen schien.

Dann begleitete er die Gräfin, und während er Luitgarde zum Abschied noch einmal an seine Brust drückte, flüsterte sie ihm zu:

»Wenn wir uns wiedersehen, soll kein Schatten mehr unser Glück verhüllen.«

»Er hat recht,« rief sie, als sie allein war, »verdient jener Konstantin so viel Sorge meines Vaters, da er mir immer nur Verachtung gezeigt? Verachtung.« flüsterte sie leise, »war es Verachtung, was in seinen Blicken flammte, als er mir die Hand drückte, gerührt über meine Teilnahme an dem Schicksal seines Freundes.«

Sie versank in tiefes Sinnen.

Dann aber schüttelte sie den Kopf, ihr Blick wurde frei und stolz.

Sie klingelte und fragte den Lakaien, ob ihr Vater zu Hause sei.

Auf die bejahende Antwort eilte sie in das Zimmer des Grafen und legte demselben, zwar errötend und zuweilen stockend, aber frei und stolz zu ihm aufblickend, das Bekenntnis ihrer Liebe zu Malgienski ab.

Der Graf sah sie traurig an.

»Und er,« fragte er, »teilt er Deine Liebe – warum kommt er nicht zu mir, um Dich zu werben?«

»Weil ich es nicht wollte,« erwiderte Luitgarde. »Bin ich nicht Deine Tochter, hast Du mich nicht im Vertrauen zu Dir erzogen, mein Vater, ist es nicht meine Sache, Dir zuerst mein Herz zu öffnen?«

Der Graf blickte liebevoll, aber wie schmerzlich bewegt in das Gesicht des Mädchens.

»Wie schön wäre es gewesen,« flüsterte er leise vor sich hin, »und doch ist es wohl für immer vorbei.«

Er trat vor seinen Schreibtisch und machte eine Bewegung, als ob er das Fach öffnen wolle, in welchem er das von Konstantin gezeichnete Bild aufbewahrte.

Dann aber schüttelte er den Kopf.

Was sollte es helfen, wenn er ihr das Bild zeigte? War es ein Beweis für Konstantins Liebe, wie er es zuerst geglaubt, und wenn es das wäre, würde Luitgarde, wenn ihr Herz nicht mehr frei war, so schnell ihr Gefühl ändern können, und wenn bei Konstantin ein unübersteigliches Hindernis bestände, würde nicht eine unselige Verwirrung aus dem allen entstehen?

Er zog seine Hand wieder zurück, trat zu Luitgarde hin und fragte mit sorgendem Blick auf ihr kindlich frisches Gesicht:

»Du liebst Malgienski wirklich, mein Kind, Du bist gewiß, mit ihm glücklich zu sein? Er ist älter als Du, sein Denken und Streben gehört dem Ehrgeiz, der vielleicht Dir wenig Platz für Deine Liebe in seinem Herzen übrig läßt.«

»Ich liebe ihn,« rief Luitgarde, »und sein Ehrgeiz macht mich stolz, mein Glück wird es sein, ihn aufsteigen zu sehen über alle anderen auch in äußeren Ehren, wie er die meisten in innerem Wert überragt!«

Der Graf seufzte.

Er sah sich fast einer vollendeten Tatsache gegenüber, die seinen Wünschen zwar nicht entsprach, die er aber zu ändern nicht die Macht hatte. Er konnte ja gegen Malgienski nichts einwenden, das ihn hätte berechtigen mögen, den Gefühlen seiner Tochter Zwang anzutun und ihre freie Wahl zu beschränken.

Leise seufzend fuhr er mit der Hand über ihre Stirn und sagte:

»Du weißt, mein Kind, daß ich nur Dein Glück will, wenn Du Dich ernstlich geprüft hast und gewiß bist, niemals Deine Wahl zu bereuen, so soll Dir mein Segen nicht fehlen.«

»Er darf also kommen?« rief sie, ihres Vaters Hand küssend – und als dieser mit einem wehmütigen Lächeln nickte, eilte sie mit einem Freudenruf davon, um ein Billett an den Staatsrat zu senden.

Malgienski kam sogleich.

Seine Unterredung mit dem Grafen war kurz; es war ja nichts weiter dabei zu erwägen und abzumachen. Der Staatsrat bot ja auch äußerlich alle Bürgschaften einer guten Ehe, und da Luitgarde ihn liebte, wie sie ihrem Vater erklärt hatte, so war ja alles in bester Ordnung. Daß der Graf keine Sympathie für den von aller Welt bewunderten und vom Glück begünstigten, aufstrebenden jungen Staatsmann fühlte, durfte für ihn nicht bestimmend sein, da er für dies Gefühl ja keine tatsächlichen Gründe hatte. Ein warmer Ton aber klang zwischen beiden nicht an, Malgienski sprach ehrerbietig mit dem Vater seiner künftigen Gemahlin; er dankte ihm für das Glück, das er ihm gewährt, aber aus seinen Worten klang die Selbstschätzung hervor, nach welcher ein jedes Haus auf seinen Eintritt in die Familie stolz sein müsse.

Der Graf hatte Mühe, das schmerzliche Gefühl, das ihn bewegte, zu verbergen, er empfand es deutlich, daß er Malgienski niemals näher treten und daß an dessen Seite sein Kind sich ihm entfremden werde.

Er vermochte den Gedanken nicht zu bannen, wie alles anders sein würde, wenn er, nach seinem Herzenswunsch, in Konstantin wirklich einen Sohn hätte gewinnen können.

Er führte Malgienski zu seiner Gemahlin, welche mit glücklicher, unverhehlter Freude ihn als Schwiegersohn begrüßte. Im kleinen Freundeskreise wurde die Verlobung proklamiert und die Vermählung auf des Staatsrats Wunsch, dem Luitgarde errötend beistimmte, in einer Zeit von sechs Wochen festgesetzt. Dem Grafen war das ganz recht, er liebte einen langen Brautstand nicht, und da er einmal seine Einwilligung gegeben, wünschte er alles bald in Ordnung zu bringen.

Am nächsten Morgen durchflogen die Anzeigen die Stadt und die Besuche drängten sich, um Glück zu wünschen. Sogar der Großfürst Konstantin kam selbst mit der Fürstin von Lowicz, seine Freude über eine Verbindung auszudrücken, die er selbst vorhergesagt habe, und die ganze offizielle Welt überhäufte die Braut des so außerordentlich bevorzugten Staatsrats mit ihren Huldigungen, welche der harmlosen Eitelkeit des jungen Mädchens schmeichelten.

Es begann eine unruhige Zeit im Jaczkonowskischen Hause. Wenn auch die Vermählung keiner umfassenden Vorbereitungen bedurfte, da das Haus des Staatsrats bis auf geringe Ausschmückungen zur Aufnahme seiner Gemahlin bereit war, so mußte doch Luitgardens persönliche Ausstattung hergestellt werden, wobei die Gräfin Dornowska eine staunenswerte Tätigkeit entwickelte.

Luitgarde durchlebte diese Zeit wie im Taumel, sie hatte Besuche anzunehmen und zu erwidern, die Auswahl unter den Ausstattungsgegenständen zu treffen, in den befreundeten Häusern fanden Diners und Soupers zu Ehren der Verlobten statt.

Malgienski entwickelte eine bezaubernde Liebenswürdigkeit und war unerschöpflich, an jedem Tage neue Aufmerksamkeiten der zartesten Art für seine Braut zu ersinnen; sie fühlte sich glücklich und stolz erhoben in der Schätzung ihres eigenen Wertes, und wenn sie auch fast scheu zu dem Mann aufblickte, der ihr so viel glänzendes und berauschendes Glück entgegenbrachte, so war sie doch überzeugt, ihn mit der ganzen Kraft ihres jungen Herzens zu lieben.

Ihre Mutter war entzückt, und der Graf selbst vergaß seine Zweifel und Bedenken, wenn er in die strahlenden Augen seiner Tochter blickte.

Der Tag der Vermählung kam bald heran.

Die ganze vornehme Welt nahm an der großartigen Hochzeitsfeier teil. Dichte Volksmassen strömten im Dom zusammen, um die wunderbar schöne und reich geschmückte Braut zu sehen, welche der Staatsrat in großer Uniform, mit dem an diesem Tage ihm verliehenen Kommandeurkreuz des St. Annenordens dekoriert, zum Altar führte, vor welchem der Erzbischof selbst die Trauung vollzog.

Der Großfürst selbst nahm an dem Hochzeitsmahl teil und brachte einen überaus gnädigen Trinkspruch auf die Neuvermählten aus, und als Luitgarde in den glänzenden Galawagen stieg, um an der Seite ihres Gemahls nach dessen Haus zu fahren, das nun ihre Heimat sein sollte, da war sie überzeugt, daß es kein größeres Glück als das ihre auf Erden geben konnte.


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