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Fünftes Kapitel.

Die Gräfin Dornowska hielt Wort; sie hatte einen Ausflug nach dem Walde von Bielany vorgeschlagen, und die engere Gesellschaft, welche im Hause des Grafen Jaczkonowski verkehrte, hatte mit Eifer diesen Vorschlag angenommen.

Es waren in jener Zeit die Picknicke sehr in die Mode gekommen, bei denen die Teilnehmer sich einen freien Lagerplatz in der Natur suchten und zu denen ein jeder nach seiner Wahl Speisen und Getränke mitbrachte.

Der Wald von Bielany wurde zu solchen Ausflügen vorzugsweise benützt, und so wurde denn auch dorthin das Ziel für den von der Gräfin vorgeschlagenen Ausflug gerichtet, um so mehr als der Graf ganz in der Nähe dort eine Besitzung hatte, deren ihm zugehörige Bewohner mit dafür sorgen konnten, den gewählten Platz für ein ländliches Fest zuzurichten und alles herbei zu schaffen, was man dort zur Hand hatte. Die Vorbereitungen waren in umfassender Weise getroffen, denn diese Art von Picknicken der vornehmen Welt verbanden den Naturgenuß mit allem möglichen Luxus und Komfort, so daß sie gewissermaßen an die Bilder von Watteau erinnerten, welche Gruppen von Schäfern und Schäferinnen zeigen, die verkleidete Damen und Kavaliere zu sein scheinen und sich in eleganten Rundtänzen auf glatt geschorenen Wiesen bewegen.

Am Morgen schon waren Diener mit den von allen Teilnehmern in reicher Auswahl gespendeten Lebensmitteln abgefahren und am frühen Nachmittage machte sich die Gesellschaft vom Hause des Grafen Jaczkonowski aus auf den Weg.

Der Graf selbst war mit Konstantin Backlowicz etwas vorausgeritten, um noch die letzten Anordnungen zu beaufsichtigen.

Der Staatsrat Malgienski fuhr in offener Kalesche mit Luitgarde und ihrer Mutter, denen sich die Gräfin Dornowska angeschlossen hatte.

Die übrigen Teilnehmer folgten und vereinigten in ihrem Zuge die elegantesten Equipagen von Warschau, so daß die Spaziergänger und die Arbeiter auf dem Felde bewundernd stehen blieben und dem Zuge nachblickten.

Luitgarde war glücklich; sie liebte die leuchtende Natur, die freie reine Luft und die schnelle Bewegung der feurigen Blutpferde. Das alles entzückte sie und der helle Sonnenschein schien sich in ihren strahlenden Augen widerzuspiegeln.

Der Staatsrat unterhielt die Damen in seiner gewohnten geistvollen Weise und auch auf sein sonst so ruhig gemessenes, sicheres Wesen schien das lichte Blau des Himmels, der Glanz der Sonne und das leuchtende Grün der Felder und Gehölze belebend einzuwirken; er sprudelte von Witz und Laune und wußte selbst den Anekdoten aus der Chronik der Gesellschaft, welche die Gräfin Dornowska in ihre Unterhaltung einstreute, irgendeine neue Pointe oder eine interessante und anregende Belehrung hinzuzufügen, so daß Luitgarde oft in kindlicher Fröhlichkeit hell auflachte, zuweilen auch wie erstaunt über einen spielend hingeworfenen Gedanken sinnend das Haupt neigte.

Malgienski schien durch das Sonnenlicht und die freie Natur verjüngt zu sein. Luitgarde kam es vor, als ob er zu ihr herabsteige und ihrem Denken und Empfinden näher trete, ohne daß ihm dies an seiner Ueberlegenheit Abbruch tat. Wenn sie zuweilen aufhorchend und lauschend zu ihm aufsah, so lag eine stolze Freude auf ihrem errötenden und glücklich lächelnden Gesicht und ihre Blicke zeigten deutlich, daß er für sie der Mittelpunkt all dieser leuchtenden Welt sei, die sie umgab.

Während die Wagen so durch die sonnige Landschaft dahin fuhren, waren der Graf und Konstantin bereits eine halbe Stunde voraus in den schattigen Wald voran geritten, der sich auf einer Anhöhe über dem romantisch gelegenen Karthäuser Kloster von Bielany ausdehnte.

Konstantin war wie immer, wenn er mit dem Grafen allein war, gesprächig und zeigte nichts von seiner sonstigen Verschlossenheit. Er hatte von seinen Reisen, von den Personen, die er auf denselben kennen gelernt, erzählt und dabei so viele scharfe Beobachtung und geistvolles Verständnis aller Verhältnisse gezeigt, daß der Graf trotz seiner reichen Welterfahrung oft über die Kenntnisse des noch so viel jüngeren Mannes überrascht war.

Eine Zeitlang war er schweigend weiter geritten.

Dann reichte er plötzlich in aufwallender Bewegung von seinem Pferde Konstantin die Hand und sagte:

»Wenn ich Sie so sehe und sprechen höre, mein junger Freund, dann steigt so recht lebhaft das Bild Ihres Vaters vor mir auf, der nur so nahe stand, als wäre er mein Bruder, und ich wünsche mir so recht von Herzen die Gelegenheit, Ihnen einen wirklich ernsten Dienst leisten zu können, um nicht nur meine treue Erinnerung an Ihren Vater, sondern auch meine aufrichtige und innige Zuneigung für Sie zu beweisen.«

Mit wehmütigem Lächeln sagte Konstantin:

»Ich wünsche diese Gelegenheit nicht, Herr Graf – der Mann ist immer am besten daran, der allein mit dem Leben fertig wird und keiner Dienste bedarf und kämen sie auch von dem besten und treuesten Freunde. Haben Sie mir doch schon Großes gegeben durch Ihre Freundschaft und Ihr Vertrauen, diese so hohe und ehrenvolle Auszeichnung für einen jungen Menschen, der noch nichts getan hat, um sich des Daseins würdig zu zeigen, und der,« fügte er seufzend hinzu, »vielleicht niemals Gelegenheit finden wird, irgend etwas zu tun, wozu er doch den Drang und die Kraft in sich fühlt.«

»Warum nicht?« fragte der Graf; »Sie wissen, daß ich Ihre Zurückgezogenheit nicht billige, daß ich wünsche, Sie möchten in das öffentliche Leben, in den Dienst des Vaterlandes eintreten.«

Konstantin schüttelte den Kopf und sagte ernst:

»Niemals, Herr Graf, würde ich irgendeinem fremden Einfluß, auch Ihnen nicht, das verdanken mögen, was ein Mann, der sich selbst achtet, nur der eigenen Kraft und der eigenen Arbeit verdanken darf, und dann,« fügte er traurig hinzu – »dem Dienst des Vaterlandes sollte ich mich widmen, so sagen Sie! Ist das möglich für jemand, der wie ich das Vaterland in der herrlichen Gestalt seiner großen ruhmreichen Vergangenheit liebt? Müßte der Dienst, den ich jetzt leisten könnte, nicht darin bestehen, die Ketten des Vaterlandes zu vergolden, während mein ganzes Leben sich zusammenfaßt in dem glühenden Wunsch, sie zu zerreißen.«

Der Graf schüttelte den Kopf.

»Sie haben unrecht,« sagte er, »es gilt vielmehr dem Vaterlande neue Kraft und neues Leben in neuer Form zu geben, die freilich den alten Glanz nicht wieder herstellen, aber dem Volke reineres und gesunderes Leben einflößen kann. Auch ich habe gedacht und gefühlt wie Sie, und hätte ich einen Sohn, den der Himmel mir versagt, so würde ich wünschen, daß er dächte und spräche wie Sie, wenn ich mir auch Mühe geben würde, ihn ebenso wie Sie von dem Sehnen nach schönen und unerreichbaren Idealen zur Arbeit für die Wirklichkeit zurückzuführen. Im Verkehr mit Ihnen, mein lieber Konstantin,« fuhr er lebhaft fort, »habe ich tiefer und schmerzlicher als je es empfunden, daß mir ein Sohn versagt wurde, ein Sohn, in dem ich mich selbst wieder aufleben sehen möchte und für den ich meine Erfahrungen nutzbar machen könnte, um ihn vor meinen Fehlern zu bewahren, die ich selbst in der Jugend begangen und die kein späteres besseres Erkennen an mir selbst wieder gut machen kann. Sie wären, das sage ich Ihnen offen und aus vollem Herzen, ganz der Sohn gewesen, wie ich ihn mir wünsche und wie ich ihn mir vordem oft ersehnt habe. Meine Tochter liebe ich mit aufrichtiger Zärtlichkeit, ich freue mich ihrer jugendlichen Lebensfrische und ihres edlen Sinnes, der sich von allem Niedrigen und Unreinen abwendet, aber den Sohn kann sie mir nicht ersetzen. Auf ihre Erziehung habe ich nur wenig Einfluß ausüben können, und dann muß sie mir ja doch einst ganz entfremdet werden, wenn sie etwa eine Wahl trifft, die meinem Herzen und meinem Wesen fernsteht. Wären Sie mein Sohn, ich bin gewiß, daß ich aus Ihnen viel machen würde – nehmen Sie dieses Wort nicht übel, wenn Sie auch im stolzen Bewußtsein der eigenen Kraft nur Ihre eigenen Wege gehen wollen – die Erfahrung eines älteren Mannes ist viel wert und jeder irrt in der Jugend.«

Konstantin errötete bei diesen Worten, deren Ton fast wie eine Frage klang. Wundersam blitzte es in seinen Augen auf, seine Brust hob sich, als ob eine Antwort sich zu seinen Lippen heraufdrängen wollte, dann aber schien es, als ob er diese Antwort gewaltsam zurückdränge, und mit warmem, herzlichem, aber ruhigem Ton sagte er:

»Ich danke Ihnen aus tiefster Seele, Herr Graf, für diese Gesinnung gegen mich, die mich hoch ehrt – seien Sie überzeugt, daß ich mich derselben mit meiner ganzen Kraft würdig zeigen werde und daß jeder Rat, den Sie mir geben werden, mit derselben liebevollen Ehrfurcht aufgenommen wird, als ob er von meinem Vater käme, selbst dann, wenn ich ihn nach meiner Ueberzeugung nicht zu befolgen vermag.«

Der Graf seufzte.

Konstantins Worte schienen nicht die Antwort zu sein, die er erwartet und gehofft haben mochte. Aber er schwieg, setzte sein Pferd in schnellere Gangart und bald erreichten sie den für die Gesellschaft ausgewählten Platz, zu dem ihnen ein entgegenkommender Reitknecht den Weg zeigte, während andere Diener den nachfolgenden Wagen entgegenritten.

An einem von hohen Buchen umgebenen, kaum merklich geneigten Abhange war der Rasen glatt geschoren, einige gefällte Baumstämme herangerollt und niedrige Bänke von Birkenzweigen leicht zusammengezimmert. Der Gepäckwagen mit den Beiträgen für das Picknick war bereits angekommen und auf einem roh von Zweigen aufgezimmerten und mit grünen Blätterkränzen umwundenen Büfett standen in reichster Auswahl die Speisen und Getränke in offenen Körben und Terrinen; daneben eine große Anzahl von Flaschen mit vergoldeten und versilberten Köpfen, deren Etiketten die edelsten Namen der Weinkultur zeigten. Daneben stand zahlreiches Gerät von Porzellan, Glas und Silber, umgeben von geöffneten Flaschen voll Arrak und Rum, nebst verschiedenen Fruchtgelees, um sogleich zur Erfrischung der Gäste den Tee bereiten zu können. Die Stämme der hohen Buchen, deren Kronen den Platz gegen die Nachmittagssonne beschatteten, waren ebenfalls durch Laubgewinde mit einander verbunden. Das ganze Arrangement machte, obgleich es sich ganz der freien Natur anpaßte, doch einen ganz außerordentlich eleganten und behaglichen Eindruck, und der Blick auf das tiefer hinab in einem Park von alten Bäumen liegende Karthäuserkloster mit seinen Kuppeln und Glockentürmen bot eine selten schöne Aussicht; Lakaien, welche, um den ländlichen Charakter des Festes auch äußerlich zu kennzeichnen, graue Interimslivreen trugen, waren beschäftigt, ein seitwärts brennendes Feuer mit gesammeltem Strauchwerk zu unterhalten, das dazu dienen sollte, diejenigen mitgebrachten Speisen, welche dessen bedurften, zu erwärmen.

Der Graf warf einen zufriedenen Blick auf die ganze Einrichtung, während man die Pferde nach einem seitwärts im Walde dazu vorbereiteten, großen lichten Platz führte.

Er befahl den Tee zu bereiten, warf dann einen sinnenden Blick auf Konstantin, der nach dem Abhange hin vorgetreten war und über das Kloster hinauf die weite Ebene hinabsah. In seinen Augen lag ein schmerzliches Bedauern, daß er auf dieser so schönen, festlich vorbereiteten Stätte nicht die Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche finden sollte, welche der junge Mann, den er wie seinen Sohn liebte, nicht verstanden hatte oder nicht hatte verstehen wollen.

Auch auf Konstantins Gesicht lag eine trübe, schmerzliche Wehmut, und als der Graf zu ihm herantrat, sagte er, indem ein feuchter Schimmer in seinen Augen glänzte:

»Wie schön ist das Vaterland! Wohl habe ich in der fernen Welt üppigere und reichere Natur gesehen, aber nichts kommt doch dem Zauber der Heimat gleich, der mir hier in die Seele hineinleuchtet. – Warum werden die Herzen in Polen immer seltener, die in wahrer und unauslöschlicher Liebe für die Freiheit schlagen und bereit sind, dieselbe um den Preis ihres Bluts zu erringen.«

Der Graf legte die Hand auf Konstantins Schulter und sagte ernst:

»Auch der Frieden, mein lieber Freund, ist ein herrliches, edles Gut, das unserem Volke not tut. Der Boden unseres Vaterlandes ist oft genug mit Blut gedüngt, ohne daß durch so furchtbare Opfer die Freiheit errungen wurde. Den Frieden zu begründen und zu erhalten, ist auch ein Liebesdienst für das Vaterland und edler Herzen würdig.«

Konstantin seufzte tief auf und beide blieben schweigend mit einander stehen, bis die Wagen, einer nach dem andern, herangefahren kamen, die Kalesche der Gräfin mit Malgienski und Luitgarde an der Spitze.

Konstantin trat heran und begrüßte die Damen.

Luitgardens noch unter dem Eindruck der schönen Fahrt glückstrahlendes Gesicht wurde ernst bei dem Anblick Konstantins, dessen noch schmerzvoll bewegte Miene so wenig zu ihrer eigenen Stimmung und zu der schönen, sonnenlichten Natur ringsum paßte.

Sie reichte ihm die Hand.

Ein herzliches Wort der Teilnahme, das ihn zu glücklicher Freude stimmen sollte, schwebte auf ihren Lippen. Auch er schien wie von einem Sonnenstrahl berührt, als der fragende Blick ihrer Augen ihn traf; aber schnell ließ er ihre Hand los und wendete sich nach einem flüchtigen Höflichkeitswort wieder von ihr ab.

Unmutig schüttelte sie den Kopf, nahm den Arm des Staatsrats, der diese Bewegung mit scharf forschenden Blicken beobachtet hatte, und ließ sich von ihm den Abhang hinauf zu dem so freundlich arrangierten Platz führen, zu welchem ihre Mutter und die Gräfin Dornowska schon hinaufgestiegen waren.

Als sie unter den Buchen angekommen waren, traten aus dem Schatten des Waldes eine Anzahl junger, festlich gekleideter Bauernmädchen hervor, welche der Besitzung des Grafen zugehörig waren.

Luitgarde war häufig dahin hinausgefahren, sie kannte fast alle Eingesessenen, denen sie bei jeder Gelegenheit reiche Wohltaten gebracht hatte, wenn irgend wo Kranken und Bedürftigen Hilfe not tat.

Die jungen Mädchen kamen nun, um ihre Wohltäterin zu begrüßen, sie brachten ihr ein Körbchen voll blauer Kornblumen, welche sie besonders liebte, und einen Kranz von den gleichen Blüten; schüchtern und ängstlich, aber mit dem Ausdruck aufrichtiger und inniger Herzlichkeit sprachen sie einige Worte der Begrüßung und die ganze Gesellschaft, welche schnell nach einander angekommen war und sich auf dem Kreise gruppiert hatte, rief diesem anmutigen Eingang lauten Beifall zu. Es war in der Tat auch ein reizendes Bild, diese einfachen Landkinder, die im festtäglichen Schmuck der so schönen und vornehmen, von allem Glanz des Lebens umgebenen jungen Dame, welche über diesen Beweis der Liebe und Dankbarkeit errötete, ihren duftigen Blumengruß entgegenbrachten.

Die Gräfin Dornowska nahm den Kranz, den die Mädchen mitgebracht, und befestigte ihn schnell auf Luitgardens Kopf. Die blauen Blumen paßten ganz vortrefflich zu Luitgardens aschblondem Haar und blauen Augen.

Die Gräfin klatschte in die Hände und Luitgarde schlug verwirrt die Augen nieder, als ihr von allen Seiten Ausrufe der Bewunderung entgegentraten. Sie nahm dann mit einem Wort herzlichen Dankes aus dem ihr dargebotenen Körbchen einige Kornblumen und steckte sie an ihre Brust.

Eine der Blüten fiel zur Erde.

Der Staatsrat bückte sich schnell, um sie aufzuheben.

Als er sie Luitgarden gab, reichte diese sie ihm zurück und sagte, zu ihm aufblickend:

»Nehmen Sie diese Blume, Herr von Malgienski, zur Erinnerung an diese freundliche Stunde – ich hoffe, sie wird Ihnen Glück bringen.«

»Das tut sie,« sagte der Staatsrat, ihre Hand küssend, »und diese Stunde wird mir unvergeßlich sein.«

Er steckte die Blume in das Knopfloch seines Rockes.

Luitgarde schien verwirrt und fast erschrocken über das, was sie in einer Aufwallung des Augenblicks getan.

Die Gräfin Dornowska kam ihr zu Hilfe.

»So ist es recht,« sagte sie, »nehmen wir jeder eine von diesen Blumen des Feldes zum Zeichen, daß wir heute alle unter der Herrschaft der Natur stehen und allen Zwang der Stadt von uns abwerfen und daß wir alle in diesen Blüten die Farben der Königin unseres Festes tragen.«

Sie ließ die Mädchen das Körbchen überall herumreichen, jeder nahm eine Blume und schmückte sich mit derselben.

Auch Konstantin zog eine Blüte aus dem ihm gereichten Körbchen, er hielt sie einen Augenblick in der Hand; mit düsteren Blicken sah er sie an, dann fiel sie wie zufällig zu Boden und er bückte sich nicht, um sie aufzuheben.

Unter allgemeiner Heiterkeit wurde der schnell bereitete Tee genommen. Man setzte sich dann auf die Stühle und Baumstämme und ließ dem auf so mannigfaltige Weise komponierten Diner, bei welchem die Herren die Damen am Büfett bedienten, mit dem ganzen Appetit, den die Fahrt durch die frische Luft erzeugt hatte, Gerechtigkeit widerfahren.

Den edlen Getränken, zu welchen verschiedene Keller ihren vortrefflichsten Inhalt gespendet hatten, wurde tapfer zugesprochen, die Unterhaltung belebte sich mehr und mehr, die Scherzworte flogen hin und her und die Gesundheiten nahmen kein Ende. Ein mit Begeisterung aufgenommener Toast für Luitgarde fehlte nicht. Alle Herren kamen zu ihr heran und stießen dann regelmäßig auch mit dem Staatsrat von Malgienski, der sich als ihr Kavalier an ihrer Seite hielt, an, so daß es fast den Anschein hatte, als ob diese Huldigung einem zusammengehörenden Paar dargebracht würde.

Konstantin war zu dem Grafen und der Gräfin herangetreten. Luitgardens Blicke suchten ihn; sie schien zu erwarten, daß er zu ihr kommen solle, aber er tat keinen Schritt, um durch die sie umgebenden Herren durchzudringen, sondern zog sich auf seinen Platz zurück, den er ziemlich einsam am Fuß einer Buche neben einigen älteren Herren gewählt hatte, mit denen er eine gleichgültige und einsilbige Unterhaltung führte.

Wieder blitzte es unwillig in Luitgardens Augen auf, sie schien durch diese so offen gezeigte Gleichgültigkeit verletzt.

»Ihr Vetter ist nicht eben artig, Herr von Malgienski,« sagte sie gereizt. »Wenn er auch die guten Wünsche nicht teilt, welche mir die Gesellschaft so liebenswürdig entgegengebracht, so sollte er doch wenigstens die äußere Artigkeit beobachten und nicht so tun, als ob ich für ihn gar nicht da sei.«

»Man muß ihn lassen,« erwiderte Malgienski gleichgültig; »er ist ein sonderbarer Mensch, der sich in Träumen und Phantasien begräbt und einsam durch das Leben geht, ohne Glück für sich und ohne Nutzen für die Welt.«

»Wie traurig,« sagte Luitgarde, »der Aermste, was mag er nur haben?«

Sie sah zu Konstantin hinüber, der bereits auf seinem Platz unter dem Fuß der Buche saß, ihr Blick begegnete seinem dunklen, glühenden Auge, das auf sie gerichtet war, und plötzlich errötend, wendete sie den Kopf ab.

Aber noch andere Herren kamen heran.

Unter heiteren Scherzworten vergaß sie die Verstimmung über Konstantins unartige Gleichgültigkeit, aber dennoch blickte sie scheu und verstohlen noch mehrmals zu ihm hin, als ob sie in mitleidiger Teilnahme das Geheimnis, das ihn umgab, durchdringen möchte.

Das improvisierte Diner war beendet, ein Spaziergang durch den Wald wurde vorgeschlagen, und die Gesellschaft fand sich teils zufällig, teils nach Wahl in einzelnen Gruppen zusammen, welche sich bald von einander unter dem Schatten des Waldes trennten, während die Diener beschäftigt waren, die gebrauchten Geschirre fortzuräumen.

Die Gräfin Dornowska hatte sich Luitgarde angeschlossen, der Malgienski den Arm bot; die übrigen jungen Herren zogen es vor, andere Damen zu begleiten, da sie sich mit der kalten, ruhigen Ueberlegenheit des Staatsrats nicht zurecht zu finden wußten, und so blieben die drei bald allein auf einem am Rande des Waldes sich hinziehenden Wege, welcher kühlenden Schatten und zugleich eine freie Aussicht in das sonnige Tal bot.

Luitgarde war träumerisch.

Auch der Staatsrat war schweigsamer als sonst und die Gräfin erzählte alles mögliche aus der Tageschronik der Gesellschaft, was die anderen nicht besonders zu interessieren schien.

»Ich bin ein wenig müde, meine Herrschaften,« sagte sie, »nehmen Sie's mir nicht übel, wenn ich einen Augenblick mich hier am Waldrande niedersetze und eine kleine Siesta halte – lassen Sie sich aber in ihrer Promenade nicht stören, der Weg, der dort zu jenem schönen Platz auf dem Hügel ansteigt, führt Sie ja wieder hier zurück und dann nehmen Sie mich wieder in ihren Schutz – Räuber habe ich hier wohl nicht zu fürchten.«

Luitgarde schien betroffen und zögerte einen Augenblick.

Der Staatsrat aber schritt ruhig weiter, und so ging sie denn mit niedergeschlagenen Augen neben ihm her, nachdem sie ihren Arm aus dem seinigen zurückgezogen hatte.

Eine Zeitlang schwiegen beide.

An einer Biegung des Weges, der sie von der schon weit zurückgebliebenen Gräfin trennte, blieb Malgienski stehen und sagte mit gedämpfter Stimme, aber in einem Ton, der wunderbar in Luitgardens Seele hineindrang und ihr Herz höher schlagen ließ:

»Sie haben mir heute durch diese Blüte, welche Liebe und Dankbarkeit Ihnen darbrachte, die Erlaubnis gegeben, vor allen anderen Ihre Farbe zu tragen – soll diese Erlaubnis nur für den heutigen Tag gelten?«

Luitgarde zitterte; ihre Wangen flammten in heller Glut. Sie versuchte zu lächeln und antwortete, ohne die Augen aufzuschlagen:

»Die Blume gehört dem Tage, Herr von Malgienski, und morgen wird sie nicht mehr da sein.«

»Aber«, sagte er mit noch wärmerem, noch innigerem Ton, »diese blaue Blume trägt die Farbe der Treue und sollte darum nicht ein Zeichen der Unbeständigkeit und Vergänglichkeit sein. Auch das Wort verklingt noch schneller als die Blume verblüht, und doch ist das Wort ein Markstein im Menschenleben, ein Denkstein der schmerzlichen Erinnerung oder ein Grundstein dauernden belebenden Glücks; fügen Sie der Blume ein Wort hinzu, Luitgarde, ein Wort der Erwiderung auf eine Frage, die unwiderstehlich aus der Tiefe meines Herzens zu meinen Lippen aufsteigt.«

Luitgarde stand zitternd vor ihm, ihre Brust wogte in unruhigen Atemzügen. Tiefer senkte sie das Haupt.

»Luitgarde,« sagte er, ihre Hand fassend, »ich stehe hier am Waldesrand wie vor der Zukunft meines Lebens, hinter mir der dämmernde Schatten des Hoffens, Zweifelns und Sehnens. Da unten vor mir die weiten sonnigen Fernen mit den reichen Fruchtfeldern des Segens und der Freude – in Ihrer Hand liegt meine Zukunft, und das Wort, das ich von Ihnen erbitte, soll entscheiden, ob ich einsam zurücktreten soll in den Schatten, der für mich ohne Sie überall sein Dunkel ausbreitet, oder ob ich mit Ihnen dem sonnigen, warmen Licht entgegenschreiten darf. Sprechen Sie das Wort, Luitgarde, das für mich ein schmerzvolles Erinnerungszeichen oder der Grundstein des Glücks sein wird – sagen Sie mir, ob die Farbe dieser dem flüchtigen Tag gehörenden Blüte die Treue bedeuten soll, welche für das Leben dauert.«

Er drückte Luitgardens Hand.

Sie hob ganz langsam den Kopf empor, sie schlug ihre klaren, tiefblauen Augen mit feuchtschimmerndem Blick zu ihm auf, und leise, kaum hörbar klang es von ihren Lippen: »Bedarf es des Wortes? Kann ein Wort sagen, was im Herzen lebt?«

»Nein!« rief er freudig. »Nein, Luitgarde, das kann es nicht – des Wortes bedarf es nicht, um das Herz zu verstehen. Ich habe Ihr Herz verstanden, hinter mir liegen die dämmernden Schatten des Zweifels, vor mir das sonnige Glück des Lebens – in der Farbe der Treue, die Ihre Blume schmückt, soll sich der reine Himmel unseres Glücks über uns wölben. Ich bin Dein, Luitgarde!« rief er, ihre Hand küssend und sie an sich ziehend.

Wieder antwortete sie nicht, aber sie lehnte sich an seine Brust, der demütig scheue und doch glücklich leuchtende Blick, den sie zu ihm aufschlug, sagten ihm mehr, als alle Worte es tun können, und was sie nun mit einander sprachen, leise flüsternd, das war dasselbe, was tausend schon mit einander gesprochen, so lange die Welt steht, und das doch immer wieder jung und neu bleibt in jedem einzelnen Menschenleben und auch immer wieder frisch und verschönt aufsprießt, wie die treibende Blüte aus der frühlingsgrünen Erde.

Auch in diesem Augenblick, der den Wallungen des Herzens gehörte, blieb Malgienski sicher und überlegen wie immer, er wußte die warme Empfindung so geistvoll und gedankenreich auszudrücken und Luitgardens eigenen Gefühlen so beredte Worte zu geben, daß sie erstaunt vor Bewunderung zu ihm aufsah und sich von stolzer Freude gehoben fühlte, daß ein solcher Mann sich zu ihr herabbeugte und in ihr sein Glück zu finden hoffte.

»Wir müssen gehen,« sagte sie endlich, »die Gesellschaft wird uns vermissen.«

»Du hast recht, meine Luitgarde – niemand soll flüstern über mich und meine künftige Gemahlin – morgen werde ich mit Deinem Vater sprechen und werde mein Glück aller Welt zeigen, die dasselbe doch nicht zu fassen vermag.«

Sie kehrten auf dem Wege zurück, zuweilen noch stehenbleibend, um ein inniges Wort und einen Blick zu wechseln.

Bald erreichten sie den Platz, auf welchem die Gräfin zurückgeblieben war.

Sie saß auf einer Rasenbank und vor ihr stand ein junger Mann in der Kutte der Karthäuser.

Sein blasses Gesicht war fein und scharf geschnitten; auf seinen edlen Zügen lag ein wehmütiger Ausdruck; das Feuer seiner dunklen Augen schien wie von einem Schleier verhüllt.

Verwundert blieben die beiden stehen.

Die Gräfin aber rief ihnen entgegen:

»Ich bereue nicht, daß ich hier geblieben bin – ich habe mehr gelernt als andere, der ehrwürdige Bruder hier ist so gütig gewesen, mir alle Ortschaften der Umgegend zu nennen und die Geschichte des Klosters dort unten zu erzählen – o, ich bin jetzt vollkommen orientiert und kann der ganzen Gesellschaft eine Führerin sein.«

Ein eigentümliches Feuer blitzte in den Augen des Mönchs aus, als er Malgienski sah, sein Gesicht nahm einen fast drohenden Ausdruck an. Dann aber neigte er sich tief und schritt, den Dank der Gräfin mit einer artigen Handbewegung ablehnend, den Abhang hinab auf einem Fußwege dem Kloster zu.

»Ein merkwürdiger Mensch,« sagte die Gräfin, »er kam hier aus dem Wald, da bat ich ihn, mir Auskunft über diese Gegend zu geben – doch,« sagte sie, sich unterbrechend, »was ist Dir geschehen, meine teure Luitgarde, Du siehst so seltsam aus, so bewegt – hast Du eine aufregende Begegnung gehabt?«

»Wir bedurften keiner Begegnung,« sagte der Staatsrat, »wir hatten an uns selbst genug, und was wir in uns selbst gefunden, das ist besser und kostbarer, als was von außen uns hätte entgegenkommen können.«

Er küßte Luitgardens Hand und sie blickte, glücklich lächelnd, zu ihm auf.

»Ah, steht es so?« sagte die Gräfin – »vortrefflich, vortrefflich – o, ich wußte, daß es so kommen mußte – ich wünsche von Herzen Glück und freue mich, daß sich da endlich zwei Herzen gefunden haben, die schon lange zueinander gehören.«

Sie sprang auf, umarmte Luitgarde und reichte Malgienski die Hand.

»Wir bitten um Ihr Schweigen, Gräfin, gegen jedermann,« sagte der Staatsrat, »hier ist nicht der Ort, um unser Geheimnis zu verkünden – nicht in plötzlicher Ueberrumpelung darf ich um meine Gemahlin werben.«

»Ganz recht, ganz recht,« sagte die Gräfin. »Ich gebe mein Wort, ich bin zufrieden, daß Ihr einig seid und daß ich vor allen anderen Eure Vertraute bin. Doch man kommt, die Gesellschaft wird sich bald wieder zusammenfinden, die Sonne sinkt, wir müssen an die Rückfahrt denken.«

* * *

Der Graf Jaczkonowski war, als die übrigen alle sich dem Walde zuwendeten, allein mit Konstantin stehen geblieben.

»Kommen Sie, mein Freund,« sagte er Zu diesem, »ich liebe die große Gesellschaft nicht, begleiten Sie mich hier durch die Felder hin – ich werde Ihnen das Kloster zeigen, es ist ein merkwürdiger alter Bau, und der Park hat schöne Partien.«

Beide wendeten sich dem Wege nach dem Kloster zu, die Parkgitter standen offen, einige Mönche, denen sie begegneten, grüßten den Grafen, der in der Gegend bekannt war, ehrerbietig, und sie umschritten den alten Bau, über dessen Architektur und Geschichte der Graf viele interessante Bemerkungen machte.

So sehr auch Konstantin sonst an allem Interesse nahm, was die Kunst und die Geschichte berührte, so schien er doch heute nur zerstreut zuzuhören, als ob seine Gedanken ihn weit abführten, und öfter kam es vor, daß er auf des Grafen Bemerkungen nicht ganz zusammenpassende Antworten gab.

Dann durchschritten sie den Park mit seinen weiten, schattigen Alleen, seinen Grotten, künstlichen Wasserfällen und einzelnen Kapellen, aber auch diese oft überraschenden Schönheiten schien Konstantin kaum zu beachten.

Auch der Graf war in einer etwas gedrückten, befangenen Stimmung. Er kam auf das Gespräch, das er vorher mit Konstantin geführt, nicht zurück, er berührte weder die Politik noch die persönlichen Verhältnisse seines jungen Freundes, und es schien, als ob trübe Gedanken ihn beherrschten.

Sie hatten sich auf eine Steinbank neben einem Bassin niedergesetzt, das eine über künstliche Felsen herabrieselnde Quelle aufnahm, und beide blickten schweigend auf das Spiel des Wassers.

Da kam aus dem Schatten eines Baumganges, der von dem äußeren Tor des Parks herschimmerte, ein Mönch in der Karthäuser Kutte. Es war derselbe Klosterbruder, den Malgienski und Luitgarde im Gespräch mit der Gräfin Dornowska getroffen hatten.

Er verneigte sich grüßend mit einer fast weltmännischen Artigkeit und wollte nach dem Kloster hin vorbeischreiten.

Konstantin aber sprang auf und eilte auf ihn zu.

»Mein Gott,« rief er, »sehe ich recht, Du bist es, Kasimir – Du, von dem ich so lange nichts gehört, und nach dem ich doch oft so sehr mich sehnte – Du hier in der Mönchskutte?«

Der Karthäuser Bruder schien bewegt über diese plötzliche Begegnung, er erwiderte Konstantins herzliche Umarmung und seine Augen blitzten freudig auf; bald aber nahm sein bleiches Gesicht den Ausdruck trüber Wehmut wieder an, und in schmerzvollem Ton sagte er:

»Ja, ich bin's, mein Freund, doch ich hätte wohl, als wir voll jugendlicher Hoffnung dem Leben entgegengingen, kaum geglaubt, daß ich in der Kutte Dich einst wiedersehen würde. Aber,« fügte er mit einem Seitenblick auf den Grafen, die Stimme dämpfend, hinzu, »ist es nicht besser, in den Klostermauern das Leben zu vergessen, als draußen in der Welt zuzusehen, wie das Vaterland unter seinem Joche seufzt?«

»Das hätte ich von Dir nicht erwartet,« sagte Konstantin, »daß Du Dich in Untätigkeit zurückziehen möchtest, statt wachsam und tätig zu sein in der Zeit, in der das Vaterland aller seiner Söhne bedarf, unter denen doch so viele Abtrünnige sind.«

»Abtrünnig bin ich nicht, mein Freund,« erwiderte der Mönch, »wenn jemals der Himmel die Stunde unserer Befreiung schlagen läßt, so werde ich da sein, um mein Blut einzusetzen für die heilige Sache, der wir uns einst gelobten. Was mir jetzt übrig bleibt, ist das Gebet, und ich habe den Glauben, daß es dennoch Erhörung finden wird, und daß die Verräter ihrem Lohn nicht entgehen werden.«

»Und wie bist Du hierher gekommen?« fragte Konstantin.

»Ich wurde verfolgt«, erwiderte der Mönch düster, »und habe mich vor der Gewalt in diese Mauern geflüchtet, die bis jetzt noch den büßenden Dienern des Himmels eine Zuflucht gewährt. Frage nicht mehr – mein Geschick war grausam, und das Mitleid, dessen ich bei Dir sicher bin, würde nichts ändern an dem, was ich erlebt. Ich habe mir geschworen, in der Einsamkeit zu bleiben, die mich vor der Verfolgung schützt, bis einst die Stunde der Rache schlägt.«

Eine helle Glocke tönte vom Kloster herüber.

»Die Hora läutet,« rief der Mönch, »meine Pflicht ruft mich! Lebe wohl, mein Freund – vergiß mich nicht und bete für mich und für das Vaterland.«

Er drückte Konstantins Hand, verneigte sich gegen den Grafen und schritt, jede weitere Frage schnell abschneidend, dem Kloster zu.

»Sie kannten den Mönch?« fragte der Graf; »ist es indiskret, zu fragen, wer er ist?«

»Sein Geheimnis«, erwiderte Konstantin, dem schneller Davonschreitenden nachblickend, »ist seine Sicherheit, doch bei Ihnen ist dasselbe sicher bewahrt – er war mein bester Freund auf der Universität zu Wilna. Kasimir Normut ist sein Name. Als wir uns trennten, war er freudig und lebensfrisch, und Schweres muß er erlebt haben, um sich in die Mauern des Klosters zu flüchten. Was es gewesen, weiß ich nicht, ich habe ihn seit unserer Trennung niemals gesehen und auch auf meinen Reisen niemals etwas von ihm gehört. Ich war im Begriff, seine Spur aufzusuchen und hätte bei Gott nicht geglaubt, ihn so wiederzusehen.«

Der Graf wollte nicht weiter fragen, es war Zeit, in die Gesellschaft zurückzukehren, und beide verließen schweigend in ernster Stimmung den Klosterpark.

Sie fanden die ganze Gesellschaft bereits wieder versammelt. Die Sonne begann zu sinken.

Man hatte sich auf dem Rasenplatz gelagert.

Der Samowar brodelte und die Lakaien reichten den Tee mit den Fruchtsäften und den verschiedenen Likören herum.

Luitgarde und Malgienski saßen neben einander auf einem umgestürzten Baumstamm.

Luitgarde blickte schweigend vor sich nieder.

Die Unterhaltung der Gesellschaft kam ihr so fremd und gleichgültig vor, was ihr Herz erfüllte, hätte sie ja doch hier nicht sagen können.

Auch Malgienski war stiller als sonst und nahm nur zuweilen mit einigen Bemerkungen an den Gesprächen der anderen teil.

»Ich habe«, rief die Gräfin Dornowska während einer kurzen Pause, »bei unserer heutigen Partie eine Entdeckung gemacht, eine Bekanntschaft, ja, wenn ich eitel wäre, könnte ich sagen: eine Eroberung.«

»Eine Eroberung«, fragte einer der jüngeren Herren, »hier im Walde? Die alte Schäferzeit liegt doch längst hinter uns, in welcher selbst die Göttinnen des Olymps zu den poetischen Hirten herabstiegen.«

»Und jene Hirten müssen sehr interessant gewesen sein,« sagte die Gräfin; »doch ein Schäfer war es nicht, ganz das Gegenteil.«

»Nun, erzählen Sie!« rief man ihr zu: »oder ist es ein Geheimnis?«

»Ein Geheimnis ist es nicht, sonst hätte ich nicht davon gesprochen. Ich hatte mich auf einen Rasenhügel niedergesetzt, da trat ein Mönch aus dem Wald hervor, ein Karthäuser aus jenem Kloster. Es war eine merkwürdige Erscheinung, in Gesicht, Miene und Haltung einem vollendeten Kavalier gleich, und als ich ihn um Auskunft über das Kloster und einige Ortschaften in der Gegend fragte, sprach er so interessant, so ganz im Ton der vornehmen Welt, daß ich nicht genug zuhören konnte – ich wurde wirklich neugierig, wer es sein möchte – ein gewöhnlicher Mönch war es nicht. Ich bin überzeugt, daß da eine romantische Geschichte zum Grunde liegt, eine unglückliche Liebe – vielleicht hat der Aermste einen Nebenbuhler im Duell erstochen und sich nun in das Kloster geflüchtet, um in der Kutte der Karthäuser zu büßen und sich vor der Verfolgung zu schützen. Fast wollte ich ihn fragen, aber die ernste Miene, mit der er sich verabschiedete, machte mich scheu, es war eine Figur, die in des großen Walter Scott Romanen ihren rechten Platz finden würde.«

Herr von Lanienski, ein polnischer Edelmann, welcher zu den Patrioten und Freunden des Grafen Jaczkonowski gehörte, fragte:

»Ihr Mönch, Gräfin, hat ein bleiches Gesicht, nicht wahr, dunkle Augen – eine hohe, schlanke Gestalt?«

»Ganz recht!« rief die Gräfin; »es war ganz das Bild eines Ritters der Vergangenheit, der nach schmerzlichen Lebenskämpfen in dem Frieden des Klosters Trost und Ruhe sucht.«

»Ich kenne diesen jungen Mönch,« sagte Lanienski ernst, »und seine Geschichte ist traurig genug.«

»Erzählen Sie, erzählen Sie!« rief die Gräfin; »nicht wahr, es ist eine unglückliche Liebe?«

»Das nicht,« sagte Herr von Lanienski, »vielleicht sollte ich nicht davon sprechen, aber wir sind ja unter uns, und es gibt ohnehin ja schon Personen genug, die darin eingeweiht sind; auch sind ja die Zeiten, in denen solche Geschichten möglich waren, vorüber und werden, so Gott will, niemals wiederkehren, wenn das Werk der Versöhnung weiter geführt wird. Den Namen des jungen Mannes mögen Sie mir erlassen, er gehört einer der besten Familien an und studierte auf der Universität Wilna; er war reich begabt, und seine Lehrer sagten ihm die glänzendste Laufbahn voraus. Unter allen seinen Studiengenossen war er beliebt wie selten ein anderer, denn er verstand es, seine Überlegenheit an Fähigkeit und Wissen durch bescheidene Zurückhaltung und dienstbereite Gefälligkeit gegen jedermann vergessen zu lassen. Auf der Universität bestanden patriotische Verbindungen, welche im ganzen wohl politisch ungefährlich waren, deren Zweck nur war, in den jungen Herzen die Liebe zum Vaterlande wach zu erhalten, und das Streben derselben richtete sich nur darauf, das zur Wahrheit werden zu lassen, was der Kaiser Alexander versprochen hatte und was ja auch jetzt wieder, und wie ich hoffe, mit Erfolg errungen werden soll. Sie wissen, mit welcher Gehässigkeit Nowosültzow, der russische Oberaufseher und Pelikan, der Rektor der Universität, das Spionenhandwerk trieben und sich durch Verfolgung jeder patriotischen Regung unter der studierenden Jugend nach oben hin beliebt zu machen suchten. Auf den geringsten Verdacht hin wurden die jungen Leute verhaftet, in die langwierigsten Untersuchungen verwickelt und wie gemeine Verbrecher behandelt. Auch jener junge Mann, den ich nur mit seinem Vornamen Kasimir nennen will, wurde an demselben Tage wie unser Dichter Mickiewicz, der sein Freund war, verhaftet – das einzige Mittel gegen die gefährliche Untersuchung wegen Hochverrats war eine große Geldzahlung, die unter dem Titel einer Bürgschaft an Nowosültzow geleistet werden mußte und die in der Tat ein Lösegeld war, das die Betreffenden niemals wieder erhielten. Die Eltern Kasimirs waren nicht vermögend genug, um dieses Opfer zu bringen und so die Freiheit ihres Sohnes zu erkaufen. Er wurde nach der Festung Bobroisk als Staatsgefangener abgeführt und dort in einem elenden Gefängnis gehalten. Seine Mutter, eine kränkliche Dame, starb vor Aufregung und Kummer; sein Vater ging nach Bobroisk, um wenigstens seinem Sohn nahe zu sein, und es gelang ihm durch allerlei Bestechungen, die er möglich machen konnte, dem armen Gefangenen wenigstens so viel Erleichterung zu schaffen als möglich. Bei der Kunde von dem Tode seiner Mutter vermochte der Arme kaum seine Fassung zu bewahren und sich die Kraft zu erhalten, um gegen sein Schicksal anzukämpfen. Dann aber erfuhr er, daß ein Mädchen, das er geliebt hatte, das ihm ewige Treue geschworen, ihn verraten und ihre Hand demjenigen gereicht hatte, auf dessen Denunziation er verhaftet wurde. Da brach er zusammen, er wollte das Leben nicht länger ertragen, und da er keine Waffe besaß, so erhängte er sich mit seiner Krawatte an dem Eisengitter seines Fensters. Da gerade kam sein Vater zu ihm, der mit Mühe die Erlaubnis erhalten hatte, ihn zu besuchen. Er sah den Unglücklichen, der noch im Kampfe mit dem Tode zuckte; er schnitt die Krawatte entzwei, und es gelang ihm, den Sohn am Leben zu erhalten. Der Prozeß hatte Aufsehen gemacht, es hatten sich wenig Belastungsgründe gefunden, und den Bitten des Vaters gelang es, nun die Freiheit des Sohnes zu erreichen. Aber der alte Mann war gebrochen und kaum hatte er den Sohn in sein Haus zurückgeführt, so starb er selbst. Kasimir stand nun allein auf der Welt, seine Eltern hatte der Gram getötet, und die er geliebt, hatte ihn verraten. Seine eigene Gesundheit war durch die Kerkerhaft erschüttert, er hatte mit der Welt nichts mehr zu tun und suchte Vergessenheit seiner Leiden und Schutz vor neuen Verfolgungen in dem Kloster, in welchem er sich durch strenge Bußübungen für das ewige Leben vorbereitet, das ihn mit seinen Eltern wieder vereinigen soll, nachdem er alles irdische Glück schon in dem Alter, das sonst der Freude und Hoffnung gehört, auf so grausame Weise verloren hat.

Das ist die Geschichte Ihres Karthäusers, Gräfin, sie ist einfach und auch etwas unglückliche Liebe wohl darin, aber in ihrer Einfachheit ist sie ein furchtbares Drama, in dem ein reiches Menschenleben untergegangen ist.«

Alle wurden ernst. Malgienski erbleichte bei der Erwähnung von Nowosültzow und Pelikan, aber sein Gesicht blieb unbeweglich und nur um seine Mundwinkel zuckte es wie ein hämisches Lächeln.

Konstantin hatte die Hand auf sein Herz gedrückt, als ob er dessen Schläge zurückdrängen wolle, seine Augen schienen Feuer zu sprühen, seine Brust atmete schwer.

Luitgarde hatte in tiefer Bewegung zugehört; sie neigte ihr Haupt und Tränen fielen aus ihren Augen auf ihre gefalteten Hände.

»O, mein Gott,« rief sie, »welch ein Jammer! Der arme junge Mann, wie unglücklich ist er und wie unglücklich war unser armes Vaterland, in dem so etwas hat geschehen können!«

Die Worte, mit zitternder Stimme gesprochen, klangen aus der Tiefe des Herzens hervor.

Konstantins Wangen glühten, in überwallendem Gefühl wendete er sich zu Luitgarde, ergriff ihre Hand, küßte sie feurig und drückte sie an sein Herz. Er sprach kein Wort, aber aus seinen Augen leuchtete eine glühende Bewunderung, ein heißes, aus der Tiefe der Seele hervorbrechendes Gefühl.

Luitgarde sah ihn groß an, wie erschrocken über diese plötzliche Aufwallung des sonst so stillen, zurückhaltenden Mannes. Sie zitterte, dunkle Glut färbte ihr Gesicht, in ihren Augen lag eine stumme Frage.

Im nächsten Augenblick schon war Konstantin zurückgetreten, er preßte die Lippen auf einander und kämpfte mit aller Willenskraft seine Bewegung nieder.

Der Staatsrat sagte mit ruhigem, leicht von Spott angehauchtem Ton:

»Fast wäre dieser junge Karthäuser zu beneiden, da sein Schicksal so sehr die Herzen der Damen bewegt und aus schönen Augen Tränen fließen läßt.«

»Ja, wahrlich,« sagt die Gräfin Dornowska, ihr Taschentuch an die Augen drückend, »ich weine auch, und hätte ich die Geschichte gekannt, als ich mit ihm sprach, ich hätte ein Wort inniger Teilnahme nicht zurückhalten können.«

Ein peinliches Schweigen lag auf der Gesellschaft.

Der Graf Jaczkonowski, welcher die Szene zwischen Konstantin und Luitgarde mit Verwunderung, der sich ein Schimmer von Freude beimischte, angesehen hatte, schlug die Rückkehr vor, da die Sonne sich senkte.

Niemand widersprach. Die Stimmung war getrübt. Die Wagen fuhren vor.

Malgienski half den Damen in den Wagen und die Kalesche fuhr zuerst davon.

Luitgarde, deren Augen noch von Tränen gefüllt waren, warf Konstantin einen langen Blick zu, hüllte sich dann wie fröstelnd in ihre Mantille und lehnte sich schweigend in die Kissen ihres Wagens zurück.

Die übrigen folgten, zuletzt der Graf mit Konstantin.

»Wie müssen Sie gelitten haben, mein lieber Konstantin,« sagte er, »bei der Erzählung der Leiden Ihres Freundes, die er selbst Ihnen nicht mitteilen wollte. Und doch, wie habe ich mich Ihres aufwallenden Gefühls gefreut. Sie haben polnisches Blut und ein polnisches Herz, und wahrlich, ich muß es Ihnen noch einmal sagen, wie glücklich ich wäre, wenn ich einen Sohn hätte wie Sie, wenn«, fügte er noch leiser hinzu, »Sie mein Sohn wären – o, daß es möglich wäre, eine Härte der Natur zu ersetzen.«

»Mein armer Freund,« sagte Konstantin fast in rauhem Ton, »der so schwer gelitten, erwartet in der Entbehrung des Klosters den Tag der Freiheit, und ich, der ich nichts gelitten, nichts getan, der ich im freundlichen Licht des Lebens stehe, ich sollte ein anderes Glück suchen? – Es wäre ein Verbrechen am Vaterland,« sagte er dumpf, »und möchte auch das höchste Glück der Erde mir erreichbar sich nahen.«

Der Ton seiner Worte brach jedes weitere Gespräch ab.

Konstantin ließ, ohne das Beispiel des Grafen abzuwarten, sein Pferd scharf ausgreifen, er schien im schnellen Ritt die innere Bewegung überwinden zu wollen.

Bald hatten sie die Stadt erreicht.

Mit kurzen Worten verabschiedete sich Konstantin von dem Grafen.

Luitgarde saß auf der Rückfahrt stumm und in sich gekehrt da. So heiter sie hinaus gefahren war, so traurig kehrte sie zurück. Sie schien von der Unterhaltung, welche die Gräfin und Malgienski führten, kaum etwas zu hören, klagte auf die teilnehmende Frage ihrer Mutter über Kopfweh und bat, als man nach Hause zurückgekehrt war, sich zurückziehen zu dürfen, da sie zu sehr ermüdet und angegriffen sei.

»Wir dürfen die Herrschaften nicht mehr belästigen,« sagte der Staatsrat, »es war immerhin eine anstrengende Partie, und ich begreife, daß Sie müde sind.«

Die Gräfin Dornowska blieb im Wagen, welcher sie nach Hause führen sollte, und als Malgienski sich am Schlage von ihr verabschiedete, flüsterte sie ihm zu:

»Es war die rechte Zeit, daß Sie die Sache in Ordnung gebracht haben – vielleicht haben Sie sich überzeugt, daß ich recht hatte mit meiner Mahnung.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme«, erwiderte Malgienski, »und bin glücklich, Ihrer Mahnung gefolgt zu sein, wenn ich auch niemals ein Hindernis auf meinem Wege fürchte, es mag kommen, woher es wolle.«

Der Wagen fuhr davon und der Staatsrat schlug den Weg nach seiner Wohnung ein.


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