Jack London
Die Insel Berande
Jack London

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Sonnenglut

Die zehn Tage bis zu Tudors Genesung waren friedliche Tage für Berande. Die Plantagenarbeit lief wie ein Uhrwerk. Mit der Unterdrückung der verfrühten Revolte Gogoomys und seiner Genossen schien jeder Ungehorsam verschwunden. Von den alten Arbeitern hatte die Martha wieder zwanzig, deren Zeit um war, fortgebracht, und die neuen Arbeiter bewährten sich bei der gerechten Behandlung, die ihnen zuteil wurde, außerordentlich. Bei einem Ritt über die Plantage, bei der er sich die Annehmlichkeit und Bequemlichkeit eines Pferdes klar machte und sich wunderte, daß er nicht selbst längst auf den Gedanken gekommen war, eines anzuschaffen, dachte Scheldon über die Verbesserungen nach, die Joan eingeführt hatte: die prächtigen Punga-Punga-Leute, das Obst, das Gemüse und schließlich die Martha, die für ein Butterbrot dem Meere abgerungen war und trotz der langsamen und vorsichtigen Art und Weise, mit der der alte Kinroß sie handhabte, viel Geld einbrachte. Und Berande, das wieder einmal finanziell gesichert war, näherte sich mit jedem Tage mehr dem Zeitpunkt, an dem es Einkünfte bringen mußte, und wuchs von Tag zu Tag, während die schwarzen Arbeiter Busch rodeten, Gras schnitten und immer mehr Kokosnüsse pflanzten.

Diese und viele andere Tatsachen machten es Scheldon klar, wie viel Dank er für das Gedeihen der Plantage Joan schuldete, diesem schlanken Mädel, aus dessen grauen Augen die Romantik blickte, dessen langläufiger Revolver an der Hüfte von Abenteuern erzählte, das in einem tosenden Sturm von den starken Tahitianern auf die Insel gebracht worden, sein Bungalow betreten und mit Knabenhänden den Revolvergürtel und den Cowboy-Hut an den Nagel neben dem Billard gehängt hatte. Er hatte alle frühere Erbitterung vergessen, erinnerte sich nur ihres Reizes und ihrer Anmut und liebte jetzt die Eigenschaften, die ihm zuerst am meisten mißfallen hatten: ihre Knabenhaftigkeit und Abenteuerlust, ihre Freude am Schwimmen und ihre Wagnisse mit den Haien, ihren Wunsch, Arbeiter zu werben, ihre Liebe für die See und für Schiffe, ihre scharfen Befehle, wenn sie das Boot zu Wasser bringen ließ, oder wenn sie, die Streichhölzer in der einen, Dynamit in der andern Hand, mit ihrer malerischen Bootsbesatzung abfuhr, um im Balesuna zu fischen, ihre mehr als unschuldige Verachtung für alles Herkömmliche, ihre jugendliche Streitsucht, ihre Freiheitsliebe und ihre fast krankhafte Leidenschaft für Unabhängigkeit. Alles das liebte er jetzt und hatte nicht mehr den Wunsch, sie zu zähmen und zu halten, wenn es auch wahnsinnig schien, sie ohne Zähmen und Halten gewinnen zu wollen. Zeitweise schwindelte ihn bei dem Gedanken an sie und seine Liebe zu ihr, er hielt sein Pferd an und stellte sie sich mit geschlossenen Augen vor, wie er sie am ersten Tage gesehen hatte: am Ruder ihres Bootes, in wilder Fahrt auf den Strand schießend, wie sie streitlustig auf die Veranda getreten war und gesagt hatte, daß es eine schöne Gastfreundschaft sei, Fremde vor seinem Garten versinken oder schwimmen zu lassen. Und wenn er dann die Augen öffnete und sein Pferd antrieb, grübelte er zum tausendsten Male darüber nach, ob es ihm je gelingen würde, sie festzuhalten, die wie ein wilder Vogel war und ihm unter der Hand zu entflattern drohte.

Es war Scheldon klar, daß Tudor sich für Joan interessierte. Der Gast lebte ausschließlich auf der Veranda, wenn er auch, obgleich er noch sehr schwach auf den Beinen stand, darauf bestand, zu den Mahlzeiten hereinzukommen und sich zu ihnen zu setzen. Das erste Anzeichen dieses wachsenden Interesses für das Mädchen war für Scheldon, daß Tudor allmählich unterließ, ihn mit seinem gewohnten Spott und seinen spitzen Redensarten zu sticheln.

Das Aufhören dieser Sticheleien ähnelte dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen zwei Nationen vor Kriegsbeginn, und als Scheldons Argwohn erst einmal geweckt war, dauerte es nicht lange, bis er weitere Nahrung fand. Die Gesellschaft Joans gefiel Tudor offensichtlich, zu augenfällig legte er es darauf an, sie durch seine eigene hervorragende und abenteuerliche Persönlichkeit zu unterhalten und zu fesseln. Oft fand Scheldon das Paar, wenn er von seinen Morgenritten durch die Plantage, vom Lager oder von der Besichtigung der Koprabereitung kam, auf der Veranda, Joan gespannt und erregt zuhörend, Tudor in die Schilderung irgendeines persönlichen Abenteuers vom andern Ende der Welt vertieft.

Scheldon beobachtete auch, wie Tudor sie ansah und mit den Augen verfolgte, und er bemerkte in diesen Augen einen gewissen gierigen Blick und auf dem Gesicht einen gewissen sehnsüchtigen Ausdruck; und er fragte sich, ob sein eigenes Gesicht seine Gefühle wohl in ähnlicher Weise verriete. Er war davon überzeugt, daß Tudor nicht der rechte Mann für Joan war und sie wohl kaum dauernd glücklich machen konnte, ferner auch, daß Joan ein zu verständiges Mädchen war, um sich wirklich in einen so oberflächlichen Mann zu verlieben, und schließlich, daß Tudor in seiner Hofmacherei einmal einen Schnitzer machen würde. Aber gleichzeitig fürchtete er, Scheldon, doch mit der Angst des ehrlich Liebenden, daß der andere keinen Schnitzer machen und das Mädchen ganz zufällig durch erfolgreiche Verführung gewinnen könnte. Aber eines wußte Scheldon dennoch bestimmt: Tudor kannte sie nicht so genau wie er und ahnte nicht, in welchem Maße die Wildheit und die Liebe zur Unabhängigkeit in ihr entwickelt war. Hier mußte er bei seinem Versuch, sie zu gewinnen und zu halten, den Schnitzer machen, und trotzdem mußte sich Scheldon trotz seiner Sicherheit immer wieder fragen, ob seine Theorie nicht doch falsch war, und ob Tudor nicht doch den richtigen Weg eingeschlagen hatte.

Die Situation war höchst unbefriedigend und verwirrend. Scheldon spielte die schwere Rolle des Abwartenden und Zusehenden, während sein Nebenbuhler energisch auf sein Ziel losging. Dazu hatte Tudors Wesen etwas Aufrührerisches an sich. Es war zwar seit Abbruch der diplomatischen Beziehungen fast unfühlbar, aber Scheldon empfand es doch als wachsende Gegnerschaft und vergrößerte es unwillkürlich durch die Eifersucht des Liebenden. Der andere war ein Eindringling, er gehörte nicht nach Berande, und jetzt, da er seine Gesundheit und Kraft wiedergewonnen hatte, war es Zeit für ihn, zu gehen. Aber trotzdem der Postdampfer nach Sydney fällig war, richtete sich Tudor häuslich ein, nahm das Schießen wieder auf, ging mit Joan zum Fischen und verbrachte lange Stunden mit ihr beim Taubenschießen, Krokodilfang und Scheibenschießen mit Gewehr und Revolver.

Aber gewisse Überlieferungen der Gastfreundschaft hielten Scheldon vor Andeutungen zurück, daß es für seinen Gast Zeit sei, zu gehen. Aus ähnlichen Gründen kämpfte er auch die Versuchung nieder, Joan zu warnen. Selbst wenn er irgend etwas, nicht zu Ernstes, zu Tudors Nachteil gewußt hätte, wäre er unfähig gewesen, es auszusprechen; das schlimmste aber war, daß er überhaupt nichts gegen den Mann sagen konnte.

Das war das Verwünschte an der Sache. Und zu Zeiten übermannten ihn seine Gefühle derart, daß er ungewöhnlich ruhig wurde: dann machte er sich klar, daß seine Abneigung gegen Tudor nur auf einem kleinlichen Vorurteil und auf Eifersucht beruhte.

Äußerlich zeigte er sich ruhig und heiter. Die Plantagenarbeit ging ihren Gang. Die Martha und die Flibberty-Gibbet kamen und gingen, und ebenso alle die andern Küstenschiffe, deren Kapitäne die Insel anliefen, um auf Wind zu warten, zu plaudern, ein Gläschen zu trinken oder eine Partie Billard zu spielen. Satan hielt das Grundstück frei von Schwarzen. Boucher kam regelmäßig im Boot, um den Sonntag auf Berande zu verbringen. Zweimal täglich, zum Frühstück und Mittagessen, trafen Joan, Scheldon und Tudor sich freundschaftlich bei Tische, und die Abende wurden ebenso freundschaftlich auf der Veranda verbracht.

Aber da geschah es: Tudor machte seinen Schnitzer. Ohne eine Ahnung von Joans Wildheit, ihrem blinden Haß gegen jeden Zwang, ihrem Abscheu vor der Bevormundung durch andere und, indem er irrig die durch seine letzte Erzählung in ihren Augen hervorgerufene Wärme und Begeisterung für Zärtlichkeit und Fügsamkeit hielt, zog er sie an sich, legte seinen Arm um ihre Hüfte und mißverstand ihre wahnsinnige Empörung als mädchenhafte Scheu. Dies geschah nach dem Frühstück auf der Veranda, und Scheldon, der drinnen über einen Sydneyer Katalog saß und seine Bestellungen für den nächsten Dampfertag zusammenstellte, hörte einen scharfen Ausruf von Joan und gleich darauf den ebenso scharfen Schlag einer flachen Hand gegen eine Backe. Joan hatte sich mit zornigem Widerwillen von Tudors Armen frei gemacht und ihm mehrere Schläge ins Gesicht gegeben, und zwar mit mehr Wucht und Kraft als damals, als sie Gogoomy geschlagen hatte.

Scheldon war halb aufgesprungen, beherrschte sich dann aber, ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und hatte, als Joan eintrat, seine Fassung wiedergewonnen. Sie hielt das rechte Handgelenk mit der linken Hand, und ihre blassen Wangen mit den brennendroten Flecken erinnerten ihn daran, wie er sie das erste Mal zornig gesehen.

»Er hat mir den Arm verletzt«, platzte sie als Antwort auf seinen fragenden Blick heraus.

Unwillkürlich mußte er lächeln. Das war wieder so ganz die alte Joan, ganz der Knabe in ihr, daß sie zu ihm gelaufen kam, um sich über eine ihr zugefügte tätliche Beleidigung zu beklagen. Sicher war sie keine Frau, die die Männer kannte und wußte, wie sie zu behandeln waren. Der Schlag, den sie Tudor gegeben hatte, klang noch in Scheldons Ohren nach, und als das Mädchen jetzt vor ihm stand und sich beklagte, daß ihr Arm verletzt sei, mußte er noch mehr lächeln.

Dieses Lächeln, das Joan selbst von der Lächerlichkeit ihres Benehmens überzeugte, ließ sie so heftig erröten, wie Scheldon es noch nie gesehen hatte. Hals, Wangen und Stirn erglühten vor Scham.

»Er – er –« versuchte sie ihren Zorn zu verteidigen, und dann lief sie plötzlich davon, zur Hintertür hinaus und die Treppe hinunter.

Scheldon blieb sitzen und sann nach. Er war ärgerlich, und je mehr er über den Vorfall nachdachte, desto ärgerlicher wurde er. Wenn es irgendeine andere Frau als gerade Joan gewesen wäre, so würde es ihn belustigt haben. Aber Joan war die letzte, die man mit Gewalt zu nehmen versuchen durfte. Die ganze Sache schmeckte ein bißchen nach Hintertreppe – vielleicht war es nur eine kleine schmutzige Komödie, aber gerade bei Joan war es nicht weniger als eine Entweihung. Der Mann hätte vernünftiger sein müssen. Zudem war Scheldon persönlich gekränkt. Etwas, das er fast als sein Eigentum betrachtet hatte, war ihm entwendet worden, und bei dem Gedanken an diese plumpe Vertraulichkeit stieg seine Eifersucht noch.

Während er noch in dieser Stimmung war, knallte plötzlich die Moskitotür laut hinter Tudor zu, der ins Zimmer trat und hinter ihm stehenblieb. Scheldon war nicht auf sein Kommen vorbereitet, aber der andere war augenscheinlich wütend.

»Nun?!« fragte Tudor herausfordernd.

Im selben Augenblick sprudelte Scheldon hervor:

»Ich hoffe, daß Sie sich etwas Derartiges nicht wieder erlauben werden – im übrigen steht Ihnen mein Boot jederzeit zur Verfügung. Es wird Sie in einigen Stunden nach Tulagi bringen.«

»Als ob die Geschichte damit erledigt wäre«, lautete die Entgegnung.

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte Scheldon einfach.

»Weil Sie mich nicht verstehen wollen.«

»Ich verstehe Sie immer noch nicht«, sagte Scheldon in ruhigem, gleichmäßigem Ton. »Nur eines ist mir klar, nämlich, daß Sie Ihr eigenes Verschulden übertreiben und zu etwas Ernsthaftem machen.«

»Mir scheint eher, daß Sie es übertreiben, indem Sie mich auffordern, mit Ihrem Boot abzufahren. Das beweist mir, daß Berande nicht Raum für uns beide bietet Und ich sage Ihnen jetzt daß nicht einmal die ganzen Salomons groß genug für uns beide sind. Die Sache muß zwischen uns erledigt werden, und das kann sie ebensogut gleich hier.«

»Ich verstehe Ihr wildes Benehmen, denn ich weiß, daß es Ihrer Natur entspricht,« fuhr Scheldon gelangweilt fort, »aber ich kann wirklich nicht begreifen, warum Sie Ihre Wut gerade an mir auslassen wollen, denn Sie wollen sich doch nicht mit mir streiten.«

»Aber gewiß will ich das!«

»Aber warum denn um Himmels willen?«

Tudor betrachtete ihn mit vernichtender Verachtung. »Sie haben nicht einmal die Seele einer Laus! Ich glaube, jeder Mann könnte Ihrer Frau den Hof machen –«

»Aber ich habe ja gar keine Frau«, unterbrach ihn Scheldon.

»Dann machen Sie sie doch dazu. Die Situation ist schimpflich. Heiraten Sie sie wenigstens, wie ich es in allen Ehren tun wollte.«

Zum ersten Male kochte in Scheldon der Zorn über.

»Sie – –« begann er heftig, beherrschte sich aber und fuhr beschwichtigend fort: »Sie sollten lieber einen Whisky trinken und sich die Geschichte nochmal überlegen. Das rate ich Ihnen. Wenn Sie sich beruhigt haben, werden Sie, nachdem Sie so zu mir gesprochen haben, natürlich nicht länger hierbleiben wollen. Und deshalb werde ich, während Sie Ihren Whisky trinken, die Bootsbesatzung rufen und ein Boot zu Wasser bringen lassen. Heute abend gegen acht Uhr werden Sie in Tulagi sein.«

Er wandte sich zur Tür, um seine Worte in die Tat umzusetzen, aber der andere packte ihn an der Schulter und drehte ihn schnell herum.

»Hören Sie, Scheldon, ich sagte Ihnen schon, daß die Salomons zu klein für uns beide sind, und dabei bleibe ich.«

»Ist das ein Angebot, Berande, wie es geht und liegt, zu kaufen?« fragte Scheldon.

»Nein, das ist es nicht! Es ist eine Herausforderung zum Kampf!«

»Aber, Donnerwetter, warum wollen Sie denn mit mir kämpfen?« Scheldons Erregung steigerte sich bei der Hartnäckigkeit des andern. »Ich habe nichts gegen Sie. Und was können Sie gegen mich haben? Ich habe mich nie in Ihre Angelegenheiten gemischt. Sie waren mein Gast. Fräulein Lackland ist meine Teilhaberin. Sie haben es für richtig gehalten, ihr den Hof zu machen, und haben aus irgendeinem Grunde keinen Erfolg gehabt – aber warum sollten Sie deshalb mit mir kämpfen? Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert, mein Lieber, und das Duell war schon aus der Mode, ehe Sie und ich geboren wurden.«

»Sie haben Streit mit mir angefangen«, beharrte Tudor. »Sie haben mir zu verstehen gegeben, daß es Zeit für mich sei, zu gehen. Sie haben mich, kurz gesagt, aus Ihrem Hause herausgeworfen. Und jetzt haben Sie die Unverschämtheit, mich zu fragen, warum ich anfange. Ich habe es nicht getan. Sie haben den Streit angefangen, und ich werde ihn zu Ende führen!«

Scheldon lächelte nachsichtig und zündete sich eine Zigarette an. Aber Tudor ließ sich nicht ablenken.

»Sie haben den Streit angefangen«, blieb er dabei.

»Es gibt ja gar keinen Streit. Zu einem Streit gehören zwei. Und ich für meine Person lehne es ab, mit solchen Narrheiten etwas zu tun zu haben.«

»Sie haben angefangen, und ich will Ihnen sagen, warum.«

»Ich glaube, Sie haben zuviel getrunken«, warf Scheldon ein. »Das ist die einzige Erklärung, die ich für Ihre Unvernunft finden kann.«

»Und ich werde Ihnen sagen, warum Sie angefangen haben. Es war eine Albernheit von Ihnen, aus dieser kleinen Kurmacherei etwas Ernsthaftes zu machen. Ich habe in Ihrem Revier gewildert, und jetzt wollen Sie mich los sein. Es war hier alles sehr schön und angenehm, bis ich kam. Und jetzt sind Sie eifersüchtig – das ist es – Eifersucht – und Sie wollen mich fort haben. Aber ich gehe nicht!«

»Dann bleiben Sie in Gottesnamen. Ich will mich nicht darüber mit Ihnen streiten. Machen Sie es sich bequem. Bleiben Sie ein Jahr, wenn Sie wollen.«

»Sie ist nicht Ihre Frau«, fuhr Tudor fort, als ob der andere überhaupt nichts gesagt hätte. »Jeder hat das Recht, ihr den Hof zu machen, falls Sie – oder vielleicht war es doch ein Irrtum von mir, aus Unkenntnis völlig entschuldbar. Ich hätte es allerdings mit geschlossenen Augen merken können, auch wenn ich nicht auf den Küstenklatsch gehört hätte. Ganz Guvutu und Tulagi haben ja darüber gelacht. Ich war ein Narr und beging den Irrtum, die Situation nach ihrem unschuldigen Aussehen zu beurteilen.«

Scheldon wurde so zornig, daß Gesicht und Gestalt des andern vor seinen Augen zu zittern und zu tanzen begannen. Äußerlich bewahrte er jedoch seine Ruhe und war scheinbar nur der Unterhaltung überdrüssig. »Bitte, lassen Sie sie aus dem Spiel!« sagte er.

»Warum sollte ich? Sie haben mich gleichsam in eine Falle gelockt, so daß ich mich lächerlich gemacht habe. Woher sollte ich wissen, daß nicht alles stimmte? Sie taten beide genau so, als ob alles stimmte. Aber jetzt sind mir die Augen geöffnet. Sie spielte das beleidigte Weib vollendet, schlug den Beleidiger und floh zu Ihnen. Der beste Beweis für die Wahrheit dessen, was die Küste erzählt. Teilhaberin, was? Geschäftliche Teilhaberin? Unsinn, ich weiß Bescheid.«

Da schlug Scheldon zu. Mit kühner Überlegung und mit der ganzen Kraft seines Armes, und Tudor fiel, ans Kinn getroffen, seitwärts nieder und zerschlug unter dem Gewicht seines Körpers einen Stuhl in tausend Stücke. Langsam erhob er sich wieder, blieb aber stehen.

»Wollen Sie jetzt kämpfen?« fragte er grimmig.

Scheldon lachte, und zwar jetzt zum ersten Male ungezwungen. Die Lächerlichkeit der Situation überwältigte ihn. Er schickte sich an, noch einmal zuzuschlagen, aber Tudor, der mit blassem Gesicht und herabhängenden Armen dastand, versuchte sich nicht zu verteidigen.

»Ich meine keinen Kampf mit Fäusten«, sagte er langsam. »Ich meine einen Kampf bis zur letzten Entscheidung. Bis zum Tode. Sie sind ein guter Schütze mit Revolver und Gewehr, ich auch. Auf diese Weise wollen wir die Sache erledigen.«

»Sie sind vollkommen verrückt geworden. Sie sind wahnsinnig.«

»Nein, das bin ich nicht«, erwiderte Tudor. »Ich bin verliebt, und ich fordere Sie nochmals auf, mit hinauszukommen und die Sache auszutragen. Die Wahl der Waffe überlasse ich Ihnen.«

Jetzt betrachtete Scheldon ihn zum ersten Male ernsthaft und dachte, was für merkwürdige Dinge wohl im Kopf des andern vorgehen mochten, um ihn zu diesem ungewöhnlichen Verhalten zu bewegen.

»Aber so etwas tut man doch nicht im wirklichen Leben«, meinte Scheldon.

»Ehe Sie mit mir fertig sind, werden Sie schon noch bemerken, daß ich ziemlich wirklich bin. Ich werde Sie heute töten.«

»Unsinn, Mann.«

Jetzt begann Scheldon seine Ruhe zu verlieren. »Das ist ja Unsinn. Man duelliert sich nicht mehr im zwanzigsten Jahrhundert. Das ist – das ist vorsintflutlich, sage ich Ihnen.«

»Was Joan betrifft –«

»Bitte, lassen Sie ihren Namen aus dem Spiel«, warnte Scheldon.

»Das werde ich tun, wenn Sie kämpfen wollen.«

Scheldon hob verzweifelt die Arme.

»Was Joan betrifft –«

»Hüten Sie sich!« warnte Scheldon ihn zum zweiten Male.

»Nur zu, schlagen Sie mich nieder, aber das würde mir den Mund nicht verschließen. Sie können mich den ganzen Tag lang niederschlagen, aber sobald ich wieder aufstehe, werde ich von Joan sprechen. Wollen Sie jetzt kämpfen?«

»Hören Sie, Tudor«, begann Scheldon, und seine Stimme klang entschlossen. »Ich bin nicht gewohnt, mir von irgend jemand auch nur den zehnten Teil von dem gefallen zu lassen, was Sie mir bereits geboten haben.«

»Sie werden sich noch viel mehr gefallen lassen, ehe der Tag zu Ende ist«, lautete die Antwort. »Ich sage Ihnen, Sie müssen einfach kämpfen. Ich will Ihnen eine ehrliche Gelegenheit geben, mich zu töten. Aber ehe der Tag zu Ende ist, werde ich Sie getötet haben. Hier gibt es keine Zivilisation. Wir sind hier auf den Salomons, und daher ist mein Vorschlag auch ziemlich primitiv. König, Gesetz und Ordnung werden durch den Kommissar in Tulagi und durch ein gelegentlich herkommendes Kriegsschiff vertreten. Zwei Männer und eine Frau sind eine ebenso primitive Sache. Wir werden sie auf gute, alte, primitive Art und Weise austragen.«

Scheldon sah ihn an, und der Gedanke stieg in ihm auf, daß doch an den wilden Abenteuern des andern an allen Enden der Welt etwas sein konnte. Dazu gehörte ein Mann von dieser Beschaffenheit, ein Mann, der es fertig brachte, im geordneten Leben des zwanzigsten Jahrhunderts einem andern ein Duell aufzuzwingen, um solche wilde Abenteuer zu erleben.

»Es gibt nur eine Möglichkeit, mich zum Schweigen zu bringen,« fuhr Tudor fort, »ich kann Sie nicht direkt beleidigen, das weiß ich. Sie sind zu ruhig oder zu feige, oder beides. Aber ich kann Ihnen den Küstenklatsch erzählen, – ha, jetzt habe ich Sie getroffen, nicht wahr? Ich kann Ihnen sagen, was die Küste von Ihnen und diesem jungen Mädchen erzählt, das mit Ihnen zusammen als Teilhaberin eine Plantage bewirtschaftet.«

»Halt!« rief Scheldon, denn der andere fing wieder an, vor seinen Augen zu tanzen. »Sie wollen ein Duell, Sie sollen es haben.«

Dann lehnten sich sein gesunder Menschenverstand und seine Abneigung gegen das Lächerliche wieder dagegen auf, und er fügte hinzu: »Aber es ist ja albern, unmöglich!«

»Joan und David Teilhaber, was? Joan und David – Teilhaber«, begann Tudor immer wieder in boshaftem spöttischen Ton zu wiederholen.

»Um Gotteswillen, seien Sie nur still, ich werde Ihnen Ihren Willen lassen!« schrie Scheldon. »Ich habe noch nie einen Narren gesehen, der sich so in seine Narrheit verrannt hätte. Was für ein Duell soll es denn sein? Sekundanten sind nicht da! Was für Waffen werden wir gebrauchen?«

Sofort ließ Tudor sein albernes Benehmen fallen und war wieder der kühle, beherrschte Weltmann.

»Ich habe oft gedacht, daß das ideale Duell von dem herkömmlichen abweichen müsse«, sagte er. »Von der Art habe ich mehrere ausgefochten, wie Sie wissen.«

»Französische«, unterbrach Scheldon ihn.

»Nennen Sie sie so. Um aber auf dieses ideale Duell zurückzukommen, so ist es folgendermaßen: natürlich, kein Sekundant. Kein Zuschauer. Nur die beiden Teilnehmer sind nötig. Sie können jede Waffe gebrauchen, die Sie wünschen. Von Revolver und Gewehr bis zu Maschinengewehr und Bumerang. Sie beginnen das Spiel aus der Ferne und nähern sich einander, wobei sie jede Deckung benutzen, sich zurückziehen, umgehen und Finten benutzen können – alles ist erlaubt. Kurz: die Teilnehmer machen Jagd aufeinander.«

»Wie zwei Indianer?«

»Genau so!« rief Tudor erfreut. »Sie haben es erfaßt. Und Berande ist gerade der rechte Ort, und jetzt ist gerade die rechte Zeit dafür. Fräulein Lackland wird jetzt ihren Mittagsschlaf halten und denken, daß wir dasselbe tun. Bis sie aufwacht, haben wir zwei Stunden zu unsrer Verfügung. Also beeilen Sie sich und kommen Sie. Sie fangen am Balesuna an und ich am Berande. Die beiden Flüsse sind doch die Grenze der Plantage? Ausgezeichnet. Das Duell wird auf der Plantage ausgefochten. Keiner der Teilnehmer darf über ihre Grenzen hinausgehen. Sind Sie einverstanden?«

»Vollkommen. Aber haben Sie etwas dagegen, daß ich einige Befehle hinterlasse?«

»Durchaus nicht«, willigte Tudor ein, der jetzt, als sein Wunsch in Erfüllung gegangen war, die Höflichkeit selbst war.

Scheldon klatschte in die Hände und ließ durch den erscheinenden Hausboy Adamu-Adam und Noah-Noah holen.

»Hört«, sagte Scheldon zu ihnen. »Dies Mann und mich haben einen großen Kampf heute. Vielleicht er sterben. Vielleicht ich sterben. Wenn er sterben, schön. Wenn ich sterben, ihr zwei sehen nach Missie Lackalanna. Ihr nehmen Büchsen, und ihr sehen nach ihr Tagzeit und Nachtzeit. Wenn sie sprechen wünschen mit Herrn Tudor, schön. Wenn sie nicht sprechen wünschen, ihr machen ihn halten fort. Savvee?«

Sie grunzten und nickten. Sie hatten viel mit Weißen zu tun gehabt und sich daran gewöhnt, sich nicht um das merkwürdige Tun dieser merkwürdigen Rasse zu kümmern. Wenn die beiden es für richtig hielten, sich gegenseitig zu töten, so war es ihre Sache und nicht die der Insulaner, die Befehle von ihnen erhielten. Sie traten an den Gewehrständer und nahmen jeder ein Gewehr heraus.

»Besser alle tahitianischen Männer haben Büchsen«, schlug Adamu-Adam vor. »Vielleicht groß Lärm kommen.«

»Schön, ihr nehmen sie«, antwortete Scheldon, der dabei war, Munition herauszunehmen.

Sie schritten durch die Tür und die Treppe herab, um die Gewehre in ihr Quartier zu bringen. Tudor hatte sich einen Patronengürtel für Gewehr und Pistole umgeschnallt, hielt das Gewehr in der Hand und wartete ungeduldig.

»Kommen Sie, machen Sie schnell, wir vergeuden das Tageslicht«, drängte er, als Scheldon nach Reservestreifen für seine automatische Pistole suchte. Dann stiegen sie die Treppe herunter und begaben sich an den Strand, wo sie sich den Rücken zukehrten und jeder, das Gewehr im Arm, seinem Bestimmungsort zuschritt. Tudor nach dem Berande und Scheldon nach dem Balesuna.

 


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