Artur Landsberger
Raffke & Cie.
Artur Landsberger

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Nachwort

Raffke's ringsum. Und Raffke zeichnen, heißt heute: das Bild unserer Zeit zeichnen. – Das war nicht immer so. Auch nach dem Kriege nicht! – Da war Herr Raffke zwar auch nicht gerade eine Ausnahmeerscheinung. Ihrer Gattung gab es viele, und sie erschienen uns schon von Beginn an wie alte Bekannte.

Woher wir sie kannten? Aus Erzählungen von früheren Kriegen. Sie gab es immer. Wohl auch im Frieden, wo besondere Ereignisse besondere »Konjunkturen« schufen. Da traten sie an, die bisher im Verborgenen blühten und sich vor reellen Geschäften scheuten wie die Katze vor dem Wasser – ein wenig angefault und von Gewissen nicht beschwert, an feste Berufe nicht gebunden und zeitlebens darauf eingestellt, nach Konjunkturen zu schnuppern.

Diese Art Gewinnler interessiert keinen Menschen. Eher schon der kleine Bürger, der sich und seine Familie durch irgendeinen kleinen Handel recht und schlecht ernährte und in guten Jahren wohl auch mal nach der Ostsee fuhr. Sein Geschäftchen wurde sozusagen von dem Kriege miterfaßt und, beinahe ohne sein Zutun, in die Höhe gerissen. War für ihn bisher das geschäftliche Ereignis die Hausfrau aus der »Bel-Etage« von gegenüber, die sechs Büchsen Konserven auf einmal kaufte, so war die nun plötzlich ein Nichts neben den staatlichen Behörden. – Bestellungen in ihm bisher nur von den Gewinnen der Staatslotterie her bekannten Ziffern erfolgten. – Die Preise spielten keine Rolle. – Die Gewinne sprengten das Begriffsvermögen seines auf einen Jahresgewinn von zweitausend Mark eingestellten Gehirns.

Dieser gehobene Nebbich »nebst Gemahlin«, ehemals Barchentträger mit schiefen Absätzen, wurde zur komischen Figur – und seinerzeit in dem nun »Raffke & Cie.« betitelten Roman eingefangen. – Einigermaßen ergötzlich, wie ich hoffe, aber eben harmlos wie die ganze Gattung.

Ganz anders Raffke II! Eine neue Gattung, die während des Krieges gehen lernte. Einen merkwürdigen Gang, dem sich nicht nur der Körper anpaßte. Auch das Gemüt. Gemütchen! Ein à rebours Mensch! Einer gegen den Strich! Mit Borsten auf den Zähnen. Der mit Schlagsahne einseift und mit giftiger Klinge hackepetert. Ein Gibbon, dessen Arme so lang sind, wie sein Gewissen weit ist. Dessen weitaus entwickeltstes Organ die Nase ist. Mit feinster Witterung und vollkommen neuer Einstellung. Der mit dem Menschen von früher nichts mehr gemein hat als die Sprache. – Das Produkt der Nachkriegszeit. Der neue Mensch! Eine Bezeichnung, gegen die alle Menschen von gestern und vorgestern Protest erheben.

Dies Lebewesen, dieser Auch-Mensch, im Vergleich zu dem der hier geschilderte ein Lamm ist, wird Ihnen als Raffke II / Der neue Mensch – im Herbst 1924 vorgesetzt. Guten Appetit!

 


 


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