Artur Landsberger
Raffke & Cie.
Artur Landsberger

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Neuntes Kapitel.

Linke ging in seine Wohnung, drückte seiner verblüfften Tochter Frida, deren Gewissen nicht das reinste war, schmunzelnd fünfzig Pfennige in die Hand, riß sämtliche Fenster weit auf und legte nicht nur äußerlich die Würde seines Hausmeisters ab, indem er den dunkelgrünen Frack mit seinem schwarzen Rock vertauschte, sondern stellte sich auch innerlich wieder so ein, wie er von Natur aus war: schlicht, unbestechlich und geradeaus. Er war erstaunt, wie schwer das war. Die Würde, die er sich auf Rat seines früheren Dienstherrn angelegt hatte, um sich seine Aufgabe, die Veredelung Raffkes, zu erleichtern, war ihm Gewohnheit geworden. Anfangs eine Last, die ihn drückte, wie ein Kragen, der eng und hoch ist, empfand er bald nicht mehr das Unbehagen, trug seine Würde vielmehr wie einen Schmuck, den man alle Tage anlegt und der einem fehlen würde, sollte man ihn einmal missen. – Das waren die Empfindungen Linkes, als er jetzt auf dem Wege zu seinem früheren Dienstherrn war. –

Röhren, aus dem der finanzielle Zusammenbruch seinerzeit keinen anderen Menschen zu machen vermochte, war auch jetzt, wo er sich durch eigene Arbeit wieder emporgerungen hatte, derselbe geblieben.

Linke wurde wie ein alter Bekannter empfangen. Es war nicht das erstemal, daß er kam. Zu den Geburtstagen der Kinder erschien er stets des Morgens als erster Gratulant und brachte irgendein kleines Geschenk mit, das er selbst verfertigt und das stets irgendeine persönliche Note hatte. Er saß dabei, wenn die Familie frühstückte, und erzählte, von den Kindern getrieben, tragikomische Szenen aus dem Hause Raffke, bis ihm Frau Röhren über den Mund fuhr und sagte:

»Pfui, Linke! Das schickt sich nicht.«

Linke entschuldigte sich und sagte:

»Ich weiß! Aber . . .« und er wies auf die Kinder, die sich vor Lachen die kleinen Bäuche hielten.

So war Linke bei Röhrens ein Stück Familieninventar, das man nur bei feierlichen Gelegenheiten hervorholte.

Möglich, daß es ein Zufall war, Tatsache war jedenfalls, daß an dem Tage, an dem Linke zu Röhrens ging, um Günthers Teilnahme an einem Tanzkursus zu erwirken, die jüngste Tochter, Suse, Geburtstag hatte. Und ebenso fest steht, daß sein Geschenk in Gestalt eines Puppenbades, das er in den letzten Nächten mit Hilfe seines Sohnes Paul gezimmert hatte, sehr viel großartiger war als die Gabe, die er sonst brachte. Auch war er heute durchaus nicht zu bewegen, komische Geschichten zu erzählen, und begründete, als die Kinder immer stürmischer in ihn drangen, seine Weigerung, indem er sagte:

»Es kommt jetzt nichts mehr vor. Es geht genau so zu, wie in anderen herrschaftlichen Häusern.«

Worauf die zehnjährige Suse erwiderte:

»Gott, wie langweilig!«

Und Linke hielt den Moment für geeignet, um seine Bitte vorzutragen.

»Ja, ich möchte mir aus diesem Grunde sogar die Frage erlauben, ob es nicht möglich wäre, daß der junge Raffke an den Tanzkursen teilnimmt.«

»Was für ein Gedanke!« wehrte Frau Röhren ab. »Wenn Sie mir Ihr Kind bringen, gern. Aber aus dem Hause?« – sie schüttelte den Kopf und sagte: »Nein!«

»Ja!« erwiderte Röhren. »Meine Frau hat ganz recht. Tausendmal lieber sollen unsere Kinder miteinander verkehren – dagegen habe ich nichts! Aber mit den Leuten will ich nichts zu tun haben.«

»Der Junge ist ganz anders,« sagte Linke.

»Wenn auch,« erwiderte Röhren. »Aber das ganze Milieu! Denken Sie, die Stunden sind abwechselnd bei den einzelnen Teilnehmern. Ich müßte meine Kinder also auch in ihr Haus schicken.«

»Himmlisch!« rief Suse. »Da lachen wir uns tot.«

Und die andern Kinder stimmten mit ein und riefen:

»Bitte, bitte, Papa, tu uns den Gefallen!«

Aber Papa und Mama Röhren blieben unerbittlich. Bis Suse ihre Tasse hinstellte, den Kopf triumphierend hob und rief:

»Nicht wahr, Papa, jeder, der Geburtstag hat, darf sich was wünschen?«

»So ist es bei uns Brauch,« bestätigte Röhren.

»Dann wünsche ich mir, daß der junge Raffke an unserer Tanzstunde teilnimmt.«

Röhren kam in Verlegenheit.

»Unvernünftige Wünsche braucht der Papa aber nicht zu erfüllen,« sagte Frau Röhren.

»Was hat der junge Raffke verbrochen?« fragte Suse, und ihr Bruder fügte hinzu:

»Sind wir zu schade für ihn?«

»Nein!« erwiderte Röhren. »Ihr seid nichts Besseres als er. Jeder Mensch macht sich seinen Wert selbst durch das, was er leistet.«

»Ist er so schlecht in der Schule?« fragte Suse.

»Der beste Schüler,« erwiderte Linke, und die Kinder riefen:

»Also!«

Röhren dachte noch einen Augenblick nach, dann sagte er:

»Gut, Suse! Dein Wunsch wird erfüllt. Aber wenn der Junge etwa Unarten hat und einer von euch gewöhnt sie sich an, für den hat die Tanzstunde ein Ende. Wollt ihr's auf die Gefahr hin?«

Alle riefen: »Ja!« und Suse meinte strahlend:

»Wir werden ihm seine Unarten schon abgewöhnen.«

Röhren nahm Linke beiseite.

»Sind Sie etwa offiziell beauftragt?« fragte er ihn.

»Ja«

Röhren schüttelte den Kopf und dachte:

»Ein sonderbarer Heiliger, dieser Raffke!« Dann wandte er sich wieder an Linke und sagte: »Also bestellen Sie, meine Frau und ich hätten nichts dagegen. Nur könnten die Stunden bei Raffkes nicht stattfinden, da darüber bereits verfügt sei.«

Linke nickte verständnisvoll, verabschiedete sich und machte sich mit der frohen Botschaft auf den Heimweg.

*

»Sie haben schon wieder keinen Takt!« rief Tanzlehrer Quaritsch dem jungen Günther zu, der mit Suse Röhren am Arm seinen ersten Walzer tanzte. Günther wurde rot und unruhig und verlor nun jeden Kontakt mit der Musik.

»Noch immer nicht!« wiederholte Quaritsch in gereiztem Tone. »Nicht die Spur von Gehör!« – Günther drehte sich alles vor den Augen. Er fühlte, wie er jede Gewalt über seine Beine verlor.

»So lassen Sie ihn doch stehen, Fräulein Röhren!« rief der Tanzmeister. Aber Suse, die fühlte, wie Günther am ganzen Körper zitterte, ließ ihn nicht los, sondern flüsterte ihm zu:

»Ich führe Sie!«

»Nein! nein!« erwiderte Günther. »Sie sollen nicht!« und blieb stehen.

Die jungen Mädchen und jungen Leute lachten. Günther ließ Suse los und verschwand mit puterrotem Kopf in einem der hinteren Zimmer. Suse sah ihm nach. Ein junger Mann trat an sie heran, verbeugte sich und fragte: »Darf ich?«

Suse sah ihn an, überlegte einen Augenblick, überzeugte sich, daß Günther nicht zurückkam, sagte »ja« und tanzte.

Frau Röhren, die das alles von weitem mit angesehen hatte, folgte Günther.

Der war bis in das Arbeitszimmer des Herrn Röhren geflüchtet. Auf einem der tiefen Ledersessel saß er bedrückt, das Herz schwer, und hatte am liebsten laut aufgeschrien.

Für Frau Röhren genügte ein Blick; dann wußte sie, was in dem jungen Manne vorging.

Sich vor Menschen lächerlich zu machen, in deren Gegenwart man zum ersten Male im Leben den Wunsch hatte, zu wirken und etwas zu bedeuten, gehörte zu dem Bittersten, was ein junges Herz leiden konnte.

Frau Röhren trat an Günther heran.

»Aber, lieber Günther,« sagte sie in weichem Tone und legte ihre Hand auf seine Schulter. »So etwas nimmt man sich doch nicht zu Herzen! Was liegt daran, ob Sie gut tanzen oder nicht. Wenn Sie nur sonst ein tüchtiger Mensch werden.«

Frau Röhrens Teilnahme tat Günther wohl. Er sah sie mit großen Augen an, nickte und sagte:

»Nicht wahr?«

Und Frau Röhren lächelte und erwiderte:

»Ganz gewiß.«

»Aber was – was soll aus mir werden?« fragte er zaghaft.

»Wissen Sie's nicht? Nun, Sie haben noch Zeit! Das kommt schon noch. In Ihrem Alter, da ändert man alle paar Wochen seine Entschlüsse.«

»Aber ich hatte noch niemals einen.«

»Gibt es denn gar nichts, wofür Sie besonderes Interesse haben?«

Günther dachte nach:

»Ich glaube nicht,« sagte er, und nach einer Weile fügte er hinzu: »Oder doch! – Ja!«

»Nun?« fragte Frau Röhren.

Günther sah sie treuherzig an und sagte:

»Für die Menschen.«

»Nun also,« erwiderte Frau Röhren. »Da gibt es dann doch eine ganze Menge von Berufen, in denen man sich mit ihnen beschäftigen, sie studieren und ihnen helfen kann.«

»Das möchte ich schon.«

»Als Arzt oder als Anwalt?«

»Da ist es dann doch immer die Sache, um die es geht, und nicht der Mensch.«

»Aber nur so werden Sie ihn kennen lernen. Nur in Verbindung mit seinen Taten. Es sei denn« – sie sah ihn an – »daß Sie ein Dichter sind.«

Günther errötete und blickte zur Erde.

»Aha!« sagte Frau Röhren. »Nun, in Ihrem Alter täuscht die eben erwachte Phantasie einem wohl leicht vor, daß man ein Dichter ist. Immerhin, man kann nicht wissen. Wenn Sie erst ein paar Jahre älter sind und noch immer den Glauben an sich haben und nicht wissen, wem Sie sich erschließen sollen, so kommen Sie zu mir.«

»Darf ich das?« fragte er strahlend.

»Gewiß! Nur weiß ich nicht, ob nicht Ihre Eltern vielleicht die Nächsten wären.«

»Nein! nein!« widersprach Günther. »Die dürfen nichts wissen, die würden gleich einen Dichter aus mir machen, ohne daß ich etwas dazu tue.«

Frau Röhren verstand das nicht.

»Ja, wie sollte denn das geschehen?«

»Sie haben es schon einmal versucht. Sie wollten einen Künstler aus mir machen. Ich mußte Violine spielen, stundenlang, Tag für Tag. Bis ich es nicht mehr ertrug und ihnen das Instrument vor die Füße warf.«

Frau Röhren lächelte.

»Das war tapfer!« sagte sie. »Machen Sie erst einmal Ihr Examen. Alles andere findet sich dann schon. Und statt auf dem Zimmer zu sitzen und Verse zu machen, da wandern Sie lieber mit Ihren Kameraden. Sie haben doch Freunde?«

»Nein!«

»Wie kommt das? Ist in Ihrer Klasse keiner, dem Sie sich anschließen könnten?«

»Viele! Aber die gefallen meiner Mutter nicht.«

»Kennt sie sie denn?«

»Nein. Aber sie erkundigt sich nach allem Möglichen. Und etwas ist immer, woran es scheitert.«

»Und es gibt keinen, der ihren Anforderungen genügt?«

»Schon! Aber die gefallen mir nicht. Oder sie sind von oben herab und wollen von mir nichts wissen.«

»Ich verstehe,« sagte Frau Röhren und schüttelte den Kopf. »Da tun Sie mir freilich leid. Sie haben also niemanden in Ihrem Alter?«

Günther mußte verneinen. Dann sagte er:

»Höchstens Frida, die Tochter unseres Hausmeisters.«

»Und dagegen hat Ihre Mutter nichts einzuwenden?« fragte Frau Röhren erstaunt.

»O ja! Aber Frida, die weiß schon.«

»Schade, daß meine Jungen nicht in Ihrem Alter sind.«

»Dürften die dann mit mir verkehren?«

»Aber gewiß! Weshalb denn nicht?«

»Und weshalb darf die Tanzstunde nicht bei uns sein?«

Frau Röhren war einen Augenblick verlegen. Dann sagte sie:

»Sehen Sie, die Eltern von den andern Teilnehmern, die kennen sich und verkehren miteinander.«

»Sie kennen meine Eltern doch auch.«

»Gewiß; aber die andern kennen sie nicht.«

»Dann brauchen die doch nur . . .«

Er hielt plötzlich inne.

»Was meinen Sie?« fragte Frau Röhren. »Seien Sie ganz offen; ich bin es auch.«

»Ich wollte sagen, wenn meine Eltern zu Ihnen kämen, dann könnten sie doch die andern bei Ihnen kennen lernen.«

»Das ginge,« erwiderte Frau Röhren.

Eine Pause entstand. Dann fragte sie:

»Liegt Ihnen daran?«

Günther nickte.

»Ich wünschte es mir.«

»Aus welchem Gefühl heraus?«

»Um nicht der einzige zu sein . . .«

Frau Röhren nahm seine Hand.

»Ich verstehe!« sagte sie.

Suse kam, vom Tanzen echauffiert, ins Zimmer. Sie blieb in der Tür stehen.

»Was ist?« fragte Frau Röhren.

»Damenwahl.«

»Und du suchst Günther?«

Beide erröteten.

»Nun?« wiederholte Frau Röhren die Frage.

Ein leises »Ja« war die Antwort.

Günther stand auf und verbeugte sich.

Suse legte ihren Arm in seinen.

»Vielen Dank!« sagte er, als sie aus dem Zimmer gingen.

»Lassen Sie mich den Takt angeben, Günther.«

Er errötete und flüsterte: »Ja.«

Frau Röhren sah ihnen nach. Sie kannte ihr Kind. Es fühlt wie ich, dachte sie, und hat Mitleid mit dem armen Jungen.

Dann ließ sie sich durch den Diener mit den Eltern der Tanzstundenkinder, die alle in dem Alter von dreizehn bis sechzehn Jahren standen, verbinden. Sie teilte ihnen mit, daß die nächste Tanzstunde bei Raffkes stattfinden werde. Das überraschte alle und erfreute keinen. Aber es widersprach niemand. Denn sie verkehrten alle mit Röhrens und besaßen Takt.

»Gut, Herr Raffke!« rief der Tanzmeister Quaritsch. »Ausgezeichnet sogar.«

Suse fühlte, wie Günther sicher wurde. Sie überließ ihm die Führung. Der Musik folgend und federleicht glitt er nun, wo er seine Schüchternheit überwunden hatte, über das Parkett.

»Wie gut das geht,« sagte Suse.

»Und das nächste Mal ist die Tanzstunde bei uns,« erwiderte Günther.

Suse blieb mitten im Takt stehen und sah ihn an.

»Wer hat das bestimmt?« fragte sie erstaunt.

»Ihre Mama!«

Als die Stunde zu Ende war und der Salon bei Röhrens sich leerte, fiel Suse ihrer Mutter um den Hals, küßte sie und sagte:

»Gute Mama!«

Von diesem Tage an fühlte sich Günther, wenn er unter Menschen war, nicht mehr so unsicher.

*

»Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes,« sagte Frida zu Günther. »Wenn dir daran liegt, so zu tanzen, daß alle Mädel toll nach dir sind, dann mußt du mit mir nach Halensee hinauskommen, da lernst du's.«

»Das kann ich nicht,« erwiderte Günther.

»Hast du Furcht?«

»Wovor, meinst du, sollte ich Furcht haben?«

»Daß deine Mutter dahinter kommt? Oder deine Lehrer?«

»Ich stehe vor dem Examen.«

»Du wirst immer vor etwas stehen, was dich davon zurückhält, das Leben zu genießen und dein eigener Herr zu sein.«

»Wie kommst du darauf?«

»Das ist bei euch so. Die ewigen Rücksichten hemmen euch in allem, was ihr tut und was Freude macht – Na, wenn ich du wär'!«

»Was tätest du?«

»Ich ließ mich nicht tyrannisieren. Ich würde mein Leben genießen, auch wenn es den andern nicht paßt. Du bist schwermütig. Du mußt unter frohe Menschen gehen. Austoben! Austoben, mein Junge! Komm nur mit nach Halensee. Wir finden schon einen Grund, wenn sie dich nachher fragen, wo du warst. Du wirst sehen, wie das befreit und erleichtert.«

Sie nahm ihn bei der Hand, und er stieg mit ihr auf die Elektrische, ohne daß er eigentlich einen Entschluß gefaßt hatte.

Jede Woche verbrachte Günther von nun an mit Frida einen Abend. Und dieser Verkehr äußerte sich nicht nur darin, daß er bald der beste und beliebteste Tänzer war; er legte auch seine Schüchternheit ab, lernte urteilen, stellte Vergleiche an, gab sich Rechenschaft über jede Wahrnehmung, die er machte, traute nicht mehr den Worten, die jemand sprach, suchte hinter ihren wahren Wert zu kommen. Er forschte bei den kleinen Mädchen da draußen, die lächelnd mit ihm tanzten, was sie am Alltag trieben. Er sah hinter dem Schimmer von Glück, das sie sich hier für ein paar Stunden vorzutäuschen suchten, den großen Jammer, der sich, gleich schwer bei Bewußten und Unbewußten, nur in der Art unterschied, in der sie ihn trugen. Er stellte Vergleiche an mit zu Hause, wo man von alledem nichts wußte und wo doch der Gegensatz sich wie eine Provokation, laut und absichtlich, überall äußerte . . . Er erkannte die Ungerechtigkeit und empfand sie als Sünde. Er suchte die Verantwortlichen und fand sich schuldig. Und sonderbar: wenn er bei Röhrens war, empfand er von alledem nichts. Hier schien alles unabsichtlich, daher natürlich und selbstverständlich. Es sich anders vorzustellen, war ihm undenkbar. Nie kam ihm der Gedanke, den armen Mädchen, für die er so tiefes Mitgefühl hatte, Suse Röhren gegenüberzustellen.

Aus diesem Zwiespalt der Gefühle, die der Instinkt ihm wies, wußte er keinen Ausweg. Dazu reichte der Intellekt seiner jungen Jahre, der Besitz an Erfahrungen nicht. Schon möglich, daß Frida, die ihm in allem so weit voraus war, auch das wußte. Aber von Röhrens sprach er mit ihr nie und ging auch allen Fragen aus dem Wege, die sich darauf bezogen. – Frida entging das nicht.

Da Günther jetzt nicht nur Tanz-, Reit- und Fechtstunden hatte, sondern auch mit den jungen Leuten verkehrte, die er bei Röhrens kennen lernte, so ließ ihm Cäcilie völlige Bewegungsfreiheit. Nun, wo es ihr gelungen war, ihn in Kreise hineinzuschieben, die selbst ihr bis heute verschlossen blieben, kam ihr gar nicht der Gedanke, daß ihr Sohn die Tochter ihres Domestiken noch beachten könnte.

Und als Linke eines Morgens Cäcilie bat, seine Tochter Frida, die nun dank der Güte des Herrn Raffke perfekt in Stenographie und Schreibmaschine, französischer und englischer Korrespondenz sei, doch in dem Verlage der »Neuen Gesellschaft« unterzubringen, hatte sie keinerlei Bedenken, rief bei ihrem Bruder, dem Assessor, an und empfahl Frida mit warmen Worten.

»Warum gerade bei mir?« fragte Alfred. »Dein Mann hat doch weit eher eine Verwendung.«

»Sieh sie dir an!« erwiderte Cäcilie. Und der Assessor meinte:

»Ach so! Natürlich! Schick sie nur her.« –

Als Frida eine halbe Stunde später in sein Privatkontor trat, stand er, sehr gegen seine Gewohnheit, auf, verbeugte sich leicht, streckte ihr die Hand hin und sagte:

»Na, wir sind ja alte Bekannte.«

Frida sah ihn groß an.

»Ich kenne den Herrn Assessor schon – wenigstens vom Sehen. Aber daß der Herr Assessor mich kennt . . .«

»Selbstredend!« unterbrach er sie. »So etwas übersieht man nicht. Also, wo wollen Sie arbeiten?«

Frida verstand ihn nicht.

»Bei mir oder bei Herrn Raffke? Oder bei dem Maestro?«

»Wo ich am meisten Geld verdiene,« antwortete Frida.

»So! so!« sagte der Assessor und schien etwas gekränkt. »Die Person spielt demnach keine Rolle? Auf gute Behandlung legen Sie keinen Wert?«

»Gewiß!«

»Nun also! Sie gefallen mir! Das geschieht nicht oft, daß eine von den Damen mir gefällt«

»Aber Sie wissen ja noch gar nicht . . .«

»Selbstredend weiß ich. Das hab' ich im Gefühl. Dafür habe ich Blick und Erfahrung. Also engagiert! Anfangsgehalt hundertfünfundzwanzig Mark. Ihre Arbeitszeit richtet sich nach meiner. Das ist hier nicht wie im Aufschnittjeschäft: um achte jeht de Rolljalousie hoch und um sieben abends rollt sie wieder nach unten. Hier wird mit'm Jehirn jearbeitet – na, und wenn Zeit und Laune danach sind, allenfalls mit'm Jemüt. Was meinen Sie dazu?«

»Ich ziehe das Gehirn vor, Herr Assessor!«

»So?« fragte er erstaunt. »Darf man wissen warum?«

»Weil es sich bei Leuten Ihres Standes und Ihrer Bildung nicht so schnell verbraucht wie das Herz.

»Sieh einer an! Haben Sie schon Erfahrung?«

»Nein!«

»Ehrenwort?«

»Ehrenwort!«

»Und die ganze Zeit über in der Handelsschule? Wie war's denn da mit der Versuchung?«

»Wer sie nicht sucht, geht ihr aus dem Wege.«

»Und Sie meinen . . . wenn Sie bei mir arbeiten . . . daß Sie ihr dann auch . . . aus dem Wege gehen?«

»Falls ich es nötig habe, gewiß!«

»Na, und was ist mit Ihnen sonst los? Sie korrespondieren französisch und englisch?«

»Perfekt.«

Der Assessor drückte auf einen Knopf.

Ein Herr im Cutaway erschien.

»Herr Doktor Linden, mein Privatsekretär – Fräulein Linke,« stellte der Assessor vor.

»Der Herr Doktor ist Ihr unmittelbarer Vorgesetzter. Das heißt,« wandte er sich wieder zu Doktor Linden, »das Fräulein ist für meine persönlichen Dienste, wird also nicht mit Redaktionsarbeit beschäftigt.«

Doktor Linden verbeugte sich:

»Sehr wohl, Herr Assessor.«

»Fräulein Scheffer räumt ihr Zimmer und rückt in den Saal.«

»Demnach soll Fräulein Linke . . .«

»In Fräulein Scheffers Zimmer!« ergänzte der Assessor. »Ihre Kombinationsgabe ist bewundernswert.«

Doktor Linden errötete.

»Herrn Raffke brauchen Sie die Dame nicht vorzustellen – nicht wahr,« wandte er sich an Frida, »er kennt Sie?«

»Ich bin sein Patenkind.«

Doktor Linden sperrte den Mund auf.

»Sie wissen also Bescheid,« sagte der Assessor. Doktor Linden verbeugte sich nach beiden Seiten, riß die Tür auf, ließ Frida vorangehen und verschwand.

Der Herr Assessor saß noch ein paar Minuten in Gedanken, ehe er wieder an die Arbeit ging.

»Gewandt wie eine Weltdame, Typ wie meine Schwester, gescheit wie ich: Wenn ich der in meiner Familie begegne, halte ich sie für . . .« Er hielt in seinem Gedankengang inne, dachte an seinen Schwager Leo und stellte sich Emma, Günthers Amme, vor. Dann schüttelte er den Kopf, lachte laut auf und sagte: »Nein! Das ist ausgeschlossen.«

 


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