Artur Landsberger
Raffke & Cie.
Artur Landsberger

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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Frau Helbing ging einfach auf das zuständige Polizeibüro und meldete unter Vorlegung ihres Buches den Tatbestand.

Der Wachtmeister nahm ein langes Protokoll auf und begab sich, nachdem er sich vor Lachen tüchtig ausgeschüttelt hatte, am nächsten Morgen in die Raffkesche Villa.

Es war sehr früh. Leo und Cäcilie lagen noch in den Betten. Der Wachtmeister aber ließ sich nicht abweisen. »Sagen Sie nur, es handelt sich wegen ihrer Tochter,« trug er dem Diener auf. »Dann werden sie vor Schreck schon aus den Betten fliegen.«

Und der Diener, der glaubte, einem Familiengeheimnis auf die Spur gekommen zu sein, richtete aus:

»Der Herr Wachtmeister läßt sagen, es sei sehr wichtig und handle sich um dem gnädigen Herrn seine Tochter.«

»Was?« rief Cäcilie und sprang auf. »Du hast eine Tochter, von der ich nichts weiß?«

»Wie weit die gnädige Frau daran beteiligt sind, hat der Herr Wachtmeister nicht gesagt.«

»Raus!« brüllte Cäcilie, schlüpfte aus dem Bett in die Matinée und stand, noch ehe Leo die verklebten Augen geöffnet hatte, auch schon vor dem Wachtmeister.

»Was sind das für geheimnisvolle Dinge, von denen ich nichts weiß?« fuhr sie ihn an.

Der Wachtmeister lachte. Zunächst noch über die ganze Geschichte; dann aber über den Aufzug Cäciliens, der so gut in diese Komödie paßte.

»Also?« wiederholte Cäcilie ihre Frage.

»Nicht so hastig, Frau Raffke! Sie haben es einundzwanzig Jahre lang nicht gewußt, da wird's auf fünf Minuten länger wohl auch nicht ankommen. – Ich möchte ersuchen, daß Ihr Mann dabei ist, wenn ich den Tatbestand mitteile.« – Und dabei öffnete er den blauen Aktendeckel und griente auch schon wieder über das ganze Gesicht.

»Leo!« kreischte Cäcilie in den Korridor. Und als sich ein Diener zeigte, fuhr sie ihn an: »Mein Mann soll kommen. Ganz gleich, in welchem Aufzug!«

Leo glich einer zerknitterten Vogelscheuche, die Wind und Regen zerzaust hatten. – Ängstlich trippelte er den Korridor entlang, das letzte Stück im Laufschritt, da Cäcilie ihm zurief:

»Tempo! Leo, Tempo!« Und als er endlich vorn war, sah sie ihn an und sagte:

»Gut siehst du aus!«

Leos Blick, der an Cäcilie hing, sagte dasselbe. Aber er sprach es nicht aus und dachte: man sieht es auch so.

»Also, denn los!« begann der Wachtmeister. »Aber setzen Se sich lieber, sonst fallen Se womöglich noch um. Es sind zwar nur 'n paar Worte. Aber se haben's in sich.«

Leo setzte sich. Cäcilie, die drohend vor ihrem Mann stand, sagte:

»Ich bleibe stehen.«

»Wie Se wollen. Also« – und er las:

»Nach der eidesstattlichen, durch Vorlegung ihres Buches bestätigten Aussage der ärztlich geprüften Hebamme Elise Helbing, sind die am 2. Mai 1916 ehelich geborenen Kinder Günther Linke und Frida Raffke vertauscht bzw. verwechselt worden.«

Es folgt die Schilderung des Vorgangs. Sodann heißt es in dem Protokoll weiter:

»Die beiderseitigen Eltern haben unverzüglich die Berichtigung in den Standesamtsregistern zu beantragen und anzugeben, ob ihre am 2. Mai 1916 geborenen Kinder die ihnen von unbefugter Seite gegebenen Rufnamen weiterführen sollen. Die Kgl. Staatsanwaltschaft ist von dem Vorfall gebührend in Kenntnis gesetzt. Die Untersuchung wird ergeben, ob sich die Täter wegen fahrlässiger oder qualifizierter Kindesunterschiebung und intellektueller Urkundenfälschung zu verantworten haben werden. – Die Täter sind vorläufig auf freiem Fuß zu belassen.«

»So!« sagte der Wachtmeister, klappte den blauen Aktendeckel zu und sah auf.

Cäcilie war auf einen Divan geglitten, von dem aus sie sich im Spiegel beobachten konnte. Sie brachte hastig und unruhig ihr Haar in Ordnung.

Leo war aufgestanden und dicht an den Wachtmeister herangetreten.

»Ich geh' Ihnen mein Wort, wir sind unschuldig,« sagte er zitternd.

»Darüber wird das Gericht entscheiden,« erwiderte der.

»Kann es schlimm werden?« fragte Leo ängstlich.

»Ich glaube kaum.«

Das beruhigte Leo.

»Wenn Sie wüßten, was uns der Junge gekostet hat. Bekommt man die Auslagen ersetzt?«

Der Wachtmeister zog die Schultern hoch, wandte sich um und ging. –

Als er draußen war, wandte sich Cäcilie zu Leo und sagte:

»Was wird nun?«

»Vor allem darf niemand etwas von der Geschichte erfahren.«

»Selbstredend! Man macht sich ja lächerlich!«

»Und auf das Geschäft wirkt's schließlich auch zurück.«

»Du mußtest ja durchaus Kinder in die Welt setzen!«

»Hattest du dir nicht immer einen Jungen gewünscht?«

»Gewiß! Aber was haben wir nun?«

»Ein Mädchen.«

»Von einundzwanzig Jahren.«

»Und verheiratet ist sie auch!«

»Und wie! Mit einem Konzertsänger, den niemand kennt.«

»Schämen muß man sich! Bei Domestiken ist sie groß geworden. So etwas bleibt haften. Den Arme-Leute-Geruch wird sie nie los.«

»Eine nette Geschichte.«

Cäcilie dachte nach:

»Am Ende . . .«

Leo sah sie an.

»Was meinst du?« fragte er.

»Nu, ich mein' nur, am Ende läßt sich das vertuschen. Das Mädchen hat ihren Mann und heißt gottlob nicht mehr Raffke, sondern Menotti. Wir geben den beiden Zulage und dafür müssen sie sich verpflichten, jede verwandtschaftliche Annäherung zu unterlassen.«

»Das ginge zu machen.«

»Na, und Günther wird einfach adoptiert. Ihm wird die Wahl zwischen uns und Linkes nicht schwer fallen.«

»Aber Linkes, ob die damit einverstanden sein werden?«

»Ich bitt' dich! Was spielt ein Kind mehr oder weniger bei solchen Leuten für eine Rolle? Schlimmstenfalls kaufen wir ihn ihm ab.«

Leo brabbelte etwas vor sich hin.

»Was sagst du?« fragte Cäcilie.

»Ich mein' nur, lieber wär's mir schon, wir bekämen ihn so. Man hat Ausgaben genug.«

»Wir werden sehen.« – Sie stand vom Divan auf. »Alle Tage neue Aufregungen! Man wird alt und häßlich dabei.«

Leo wandte sich zur Tür.

»Wo willst du hin?« fragte sie.

»Mich anziehen. Und dann ins Geschäft. Es geht schon auf neun.«

»Und was wird aus der Geschichte hier?«

»Liebes Kind, das ist deine Sache. Du kennst unsere Abmachung: ›Ich bring das Geschäft in die Höhe, du den‹ . . .«

Er stutzte.

»Du siehst, es trifft nicht mehr zu,« erwiderte Cäcilie. »Wenigstens so lange nicht, bis Ordnung in die Konfusion gebracht ist.«

»Was soll ich also tun?«

»Ich seh' schon, ich muß das wieder machen. – Also gut! Geh' du ins Geschäft, ich werde mit Linke sprechen.«

Leo war froh und wollte sich eben aus dem Staube machen, als vom Flur her laute Stimmen zu ihnen drangen.

Ehe sie noch feststellen konnten, wer am frühen Morgen so in ihrem Hause lärmte, stürmte Frida Menotti geborene Raffke, gefolgt von Enrico, dem Gatten und Tenor, ins Zimmer.

Frida warf sich Leo an den Hals und rief:

»Papa! Mein guter Papa!« während Enrico seine Arme um Cäcilie schlang, sie mit sizilianischer Leidenschaft an sich drückte, küßte und ein über das andre Mal: »Madre! guteste Madre!« rief.

Das setzten sie eine Zeitlang fort. Dann vertauschten sie ihre Opfer. Frida wandte sich der Madre, Enrico dem Papa zu, umarmten und küßten sie, nahmen sie bei den Händen, bildeten einen Kreis und tanzten wie ausgelassene Kinder übermütig mit ihnen durch das Zimmer.

Papa und Madre waren außer Atem.

Frida aber gab ihrem Glück lautesten Ausdruck.

»Das hätte ich ahnen sollen!« rief sie. »Aber das hole ich nach. Mama, das mußt du mir versprechen, euer Leben darf von heute ab nur noch einen Zweck kennen: alles, was ihr durch euer Versehen an mir verschuldet habt, zehnfach wieder gutzumachen!«

»Das werden die lieben Eltern schon von selbst tun!« schnurrte Enrico und drückte noch immer die Hand seiner Schwiegermutter Cäcilie.

»Das hast du dir gestern auf dem Standesamt nicht träumen lassen, was für eine Glanzpartie du machst!« rief Frida ihrem Enrico zu.

Cäcilie sah Leo an und stöhnte:

»Was soll nun werden?«

Leo wandte sich an das junge Paar und sagte:

»Am besten, Sie gehen erst 'mal, wie Sie es sich vorgenommen hatten, auf vier Wochen in den Harz.«

»Das sollte mir einfallen!« rief Frida. »Für Linkes Tochter war der Harz als Hochzeitsreise allenfalls akzeptabel. Raffkes Tochter macht es nicht unter Ägypten.«

»Egitto!« wiederholte Enrico und strahlte über das ganze Gesicht.

Cäcilie faßte sich ein Herz.

»Vor allem muß doch erst einmal festgestellt werden,« sagte sie, »daß die Angaben dieser Person da auch auf Wahrheit beruhen.«

»Das ist ganz sicher,« erklärte Frida. »Sie war eben bei uns. Papa – ich meine jetzt den andern, also Linke – hat seinen Irrtum ja bereits zugegeben.«

»Kunststück!« sagte Cäcilie.

Leo hatte sich wieder bis zur Korridortür vorgepirscht. Er drückte leise die Klinke hinunter, öffnete behutsam, trat auf die Schwelle, drehte sich um, rief:

»Du ordnest das wohl!« und verschwand.

»Leo!« rief ihm Cäcilie mit Verzweiflung in der Stimme nach.

Leo hörte es wohl; es schnitt ihm auch ins Herz, und sie tat ihm leid. Aber er wandte sich doch nicht um. Nie war er so schnell angezogen, die Treppe hinunter und aus dem Hause.

»Höchste Geschwindigkeit!« rief er seinem Chauffeur zu und überließ Cäcilie ihrer neuen Familie.

Die wich nicht mehr, richtete sich häuslich ein, kehrte alles von oben nach unten und lähmte durch die Selbstverständlichkeit, mit der das alles geschah, jeden Widerspruch auf seiten Cäciliens.

 


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