Artur Landsberger
Raffke & Cie.
Artur Landsberger

 << zurück weiter >> 

Dreizehntes Kapitel

Bevor Cäcilie aber zu Worte kam, redete Franz Linke mit seiner Tochter.

»Also, was hast du mir zu sagen?« fragte er sie, als sie spät nachmittags hastig und abgespannt nach Hause kam.

»Ich bin nicht mehr in der ›Neuen Gesellschaft‹!«

»Was soll das heißen?«

»Ich komme da nicht vorwärts.«

»Wie kannst du das wissen; wo du kaum vier Wochen da bist?«

»Ich weiß es.«

»Wenn du tüchtig bist und was leistest –«

»Darauf kommt es nicht an. Der Assessor sagt, tüchtige Mädchen gäbe es wie Sand am Meer. Aber so hübsche wie mich fände man selten.«

»Was hat das mit deiner Arbeit zu tun?«

»Nichts. Aber mit meiner Karriere.«

»Inwiefern?«

»Danach mußt du den Assessor fragen.«

»Stellt er dir etwa nach?«

»Er bemüht sich.«

»Nimmt er sich etwa Zärtlichkeiten heraus?«

»So plump ist er nicht. Er macht es anders. Er hat seine Technik. Es fällt jede drauf 'rein. Das heißt: ich nicht. Ich bin zu hell. – Und vor allem: ich weiß, was ich will.«

»Sprich nicht in Rätseln! Sag' mir, was du vorhast.«

»Für's erste geh' ich 'mal zur Bühne.«

»Das tust du nicht!«

»Ich bin schon! Bei der Residenzbühne. Ich spiele eine der Hauptrollen in Günthers Operette und bekomme dreihundertfünfzig Mark Gage.«

Linke erschrak.

»Als wenn das ginge! Von heut' auf morgen! Und selbst wenn: das ist kein Beruf. Vor allem nicht für dich! Du bist schon nicht die festeste.«

Frida zeigte ihm den Vertrag.

»Und das machst du, ohne mich zu fragen?« rief er, als er ihn gelesen hatte.

»Ich wußte, daß du es mir nicht erlauben würdest.«

»Weißt du nicht, was für ein leichtsinniges Leben da herrscht? Überhaupt, die ganze Atmosphäre. Hältst du das vielleicht für anständig und für solide?«

»Für unsereins schon.«

»Was soll das heißen?«

»Nun, wenn ich zum Beispiel die Tochter von Raffkes oder von irgend so'm andern Millionär wäre, möglich, daß es sich dann vielleicht nicht schicken würde. – Aber so!«

»Bist du was Schlechteres? Kommt's auf die Millionen an?« fragte er wütend.

»Ich glaub' schon.«

»Dann bist du im Irrtum! Deine Ehre ist genau so viel wert wie die jedes Tiergartenmädchens, deren Vater Millionär ist«

»Das mach' mal Frau Raffke klar.«

»Die ist mir nicht maßgebend. Aber Frau Röhren, zu der geh' und die frag'!«

»Möglich, daß sie dir recht gibt. Sagen läßt sich sowas leicht und hört sich auch schön an. Aber in Wirklichkeit, da ist es meist anders.«

»Wie bist du überhaupt dazu gekommen?« fragte Linke, der noch immer den Vertrag in der Hand hielt.

»Das weiß ich selbst nicht. Das war wohl Instinkt. Und du wirst zugeben, daß es eine Dummheit wäre, wenn ich das Talent nicht ausnutzte. Glaub' nur, Vater, du wirst noch deine Freude an mir haben,« sagte sie geheimnisvoll.

»Hast du etwa noch eine Überraschung?«

»Ja. Das heißt: nicht heut' und nicht morgen. Aber in ein paar Jahren.«

»Was meinst du?«

»Günther.«

»Was ist mit ihm?«

»Hättest du etwas dagegen, wenn er und ich . . .« sie brach ab und sah ihn an.

»Was bedeutet das? Wie denkst du dir das?«

»Sehr einfach: ich mach' ihn in mich verliebt. Das heißt: ich bin schon mitten dabei.«

»Und dann?«

»Das ist doch klar! Dann werde ich seine Frau.«

»Das bildest du dir doch nicht etwa im Ernst ein?«

»Doch! doch!« fuhr sie in Linkes Tonfall fort. »Ich bin genau so viel wert wie jedes Tiergartenmädchen, deren Vater Millionen hat.«

Linke war im ersten Augenblick platt. Frida traf ihn mit seiner eigenen Argumentation. Dann bekam er einen roten Kopf und fuhr auf:

»Du bist nicht bei Sinnen! In dir, da verdrehen sich alle Begriffe. Du bist wie aus einer andern Welt. Als wenn du gar nicht zu uns gehörtest! Aber das bitt' ich mir aus, den Günther, den läßt du aus dem Spiele! Der geht dich nichts an.«

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür und Cäcilie trat, ehe Linke noch »herein« sagte, ins Zimmer.

»O wie gut, daß Sie da sind, Frida! Ich muß mit Ihnen reden,« rief sie außer Atem.

»Da haben wir's!« dachte Linke und sagte:

»Ich kann mir schon denken, gnädige Frau! Ich rede gerade deswegen mit meiner Tochter. Ich bin außer mir: aber man kann seine Augen eben nicht überall haben.«

»Also setzen wir uns!« sagte Cäcilie, nahm Frida bei der Hand und zog sie mit sich zur Chaiselongue. »Und Sie, Linke, bleiben hier. Es ist ganz gut, wenn Sie Bescheid wissen.«

»Ich weiß leider schon!« sagte er ernst.

»Um so besser! – Ja, ja, man hat es nicht leicht. Je größer die Kinder, um so größer die Sorgen!« – Dann wandte sie sich an Linke: »Das heißt, Sie können sich nicht beklagen.«

»Gewiß nicht!« erwiderte Linke. »Bis auf die jüngste« – und er wies auf Frida – »habe ich nur Freude mit meinen Kindern.«

»Was heißt das?« fragte Cäcilie. »Grade auf Frida können Sie stolz sein. Denken Sie, die Karriere! Von der Schreibmaschine weg, mitten in die Kunst hinein! Wozu andere Jahre brauchen. Der Direktor sagt zwar, man könne sich noch kein abschließendes Urteil bilden, weil ihr die Rolle zweifellos besonders liegt. Er meinte sogar: Mein Sohn habe sie ihr direkt auf den Leib geschrieben.«

Linke sah sie groß an.

»Man nennt das so in der Bühnensprache,« fuhr sie fort. »Na, jedenfalls, was von uns geschehen kann, geschieht! Die ›Neue Gesellschaft‹ wird sich ganz besonders für Ihre Tochter einsetzen. Der Maestro schreibt selbst die Kritik. Hauptsache ist aber fürs erste 'mal der Erfolg. Und vor allem: daß uns der Autor nicht das Konzept verdirbt«

»Was bedeutet denn das?« fragte Frida.

»Daß mein Sohn Günther künstlerische Bedenken hat, der Operette seinen Namen zu geben.«

»Quatsch!« platzte Frida heraus. Gleich darauf erschrak sie, und Linke warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Aber Cäcilie fand nichts dabei.

»Man muß mit ihm reden,« fuhr Frida fort.

»Das tue ich seit vierundzwanzig Stunden ununterbrochen. Mir tut schon der Hals weh. Ich habe ihm alles Mögliche versprochen, wenn er nachgibt. Aber er will nicht. ›Und wenn du mir das Blaue vom Himmel herunterholst‹, hat er geantwortet, ›ich tue es doch!‹«

Frida überlegte einen Augenblick. Dann sah sie Cäcilie groß an und sagte:

»Und was bekäme ich?«

»Wenn es Ihnen gelänge? Frida! Das wäre ein Glück für uns alle! Glauben Sie, daß Sie es fertig bringen? Ich will ganz offen sein: darum habe ich mich nämlich hier herunter bemüht, um Sie darum zu bitten.«

»Ich wäre auch zu Ihnen heraufgekommen, wenn Sie mich hätten rufen lassen.«

»Das ist wieder 'mal durchaus nicht die richtige Form,« tadelte Linke. »Hier weiß man 'mal wieder gar nicht, wer eigentlich die Gnädige ist«

»Gott ja!« wehrte Cäcilie ab. »Ich weiß ja, ich vergeb' mir was. Aber es steht doch so viel auf dem Spiele. Also« – wandte sie sich wieder an Frida – »wollen Sie's tun?«

»Sie sind mir noch eine Antwort schuldig, gnädige Frau!«

»Ach so! Ja! Natürlich! Also, was fordern Sie?«

»Was ist es Ihnen wert?«

»Frida!« sagte Linke vorwurfsvoll.

»Laß nur, Vater! Wir verstehen uns schon. Und es hört ja niemand. Also?« wandte sie sich wieder an Cäcilie.

»Verlangen Sie!« erwiderte die.

Frida, die schon seit ein paar Minuten Cäcilie sehr genau beobachtet hatte, trat jetzt einen Schritt auf sie zu und wies mit der schlanken Hand auf eine wertvolle Smaragdbrosche, die Cäcilie sonst nur des Abends trug – und auch dann nur, wenn »die Gäste sich lohnten«. Heute aber hatte sie die Brosche – wie man eine Fahne heraussteckt – als äußeres Zeichen der Freude über das bestandene Examen angelegt.

Cäcilie glaubte, sie treffe der Schlag. Sie legte, wie zum Schutze, die fleischige Hand auf die Stelle, wo die Brosche steckte, und rief im selben Augenblick, in dem Linke vorwurfsvoll sagte:

»Aber Frida! Was nimmst du dir heraus!« entsetzt:

»Nein! nein! Um nichts in der Welt geb' ich die Brosche 'raus! Die nicht! Jede andre! Da!«

– Sie zog hastig einen Ring vom Finger. – »Den Ring können Sie haben! Ein Prachtstück! Sehen Sie nur die Brillanten. Leo hat ihn mir um dreitausend Mark auf einer Auktion gekauft. Das heißt unter der Hand! Er ist in Wirklichkeit fünf Wert. Da, nehmen Sie!« – Und sie hielt Frida erregt und zitternd den Ring hin.

Frida lächelte und sagte:

»Nein!«

Dabei ließ sie keinen Blick von Cäciliens Hand, die schon wieder schirmend die Brosche bedeckte.

»Hier!« rief Cäcilie, und streckte Frida die linke Hand hin. »Nehmen Sie alles, was ich hier an den Fingern habe. Ziehen Sie sie ab, einen Ring nach dem andern! Jedes Stück ist ein paar Tausend Mark wert.«

»Das ist ja unmöglich!« rief Linke. »Gnädige Frau! Das geht ja nicht!«

»Sagen Sie's Ihrer Tochter, daß es nicht geht!« bettelte Cäcilie. »Daß ich die Brosche nicht geben kann. Ich ruinier' mich ja!«

»Geh' hinaus!« befahl Linke.

»Nein!« schrie Cäcilie. »Bleiben Sie!«

»Ich befehle hier!« sagte Linke bestimmt und wies zur Tür.

Frida überlegte einen Augenblick, dann maß sie Cäcilie noch mit einem langen Blick und ging auf die Tür zu.

Cäciliens ganzer Körper war in Bewegung.

»Großer Gott!« rief sie, »was tu' ich nur?«

Frida legte eben die Hand auf die Klinke – langsam und behutsam.

Da löste Cäcilie mit zitternden Händen die Brosche von ihrem Kleide, stürzte auf Frida zu, rief:

»Da! – da! – Haben Sie – sie!« – drückte sie ihr in die Hand, heulte wie ein geschlagenes Tier laut auf und lief hinaus.

Auch Frida ging jetzt schnell mit ihrer reichen Beute aus dem Zimmer.

Linke starrte ihr nach und rief:

»Großer Gott! Wie komme ich nur zu so einem Kinde!«

 


 << zurück weiter >>