Artur Landsberger
Raffke & Cie.
Artur Landsberger

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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Linke zermarterte sich während der Fahrt nach Tübingen das Gehirn mit der Frage, wie er Günther die Nachricht beibringen sollte. Er entwarf ein Programm nach dem andern und verwarf es wieder. Schließlich entschied er sich dafür, ihn ganz allmählich auf das Ereignis hinzuführen, bis von selbst in ihm die Ahnung aufstieg. Und er war entschlossen, nötigenfalls tagelang in Tübingen zu bleiben.

Seine Ersparnisse reichten aus, um ihn und seine Familie, auch ohne daß er hinzuverdiente, zu ernähren. Daß es ihm unmöglich war, bei Raffkes zu bleiben, empfand er deutlich. Wie sollte das Verhältnis von Frida zu ihm, wie das Günthers zu Raffkes sich gestalten? Diese letzte Erwägung gab den Ausschlag. Schon unterwegs setzte er ein Telegramm an Leo Raffke auf:

»Infolge der veränderten Verhältnisse erbitte meine sofortige Entlassung.

Gehorsamst Franz Linke.«

Als er die Treppen zu Günthers Wohnung hinaufstieg, schlug ihm das Herz so stark, daß er mehrmals stehen bleiben und Atem holen mußte. Im dritten Stock hing an einer schmalen Tür ein Schild, darauf stand: »Günther Raffke«. Noch als er den Klingelzug in der Hand hielt, überlegte er. In seinem Kopf drehte sich alles. Die ersten Worte, die er sich zurechtgelegt und wohl ein Dutzend Mal laut aufgesagt hatte, waren plötzlich in seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. – Als er den hellen Ton der Glocke hörte, fuhr er zusammen und war sich im ersten Augenblick nicht klar, daß er es war, der ihn verursacht hatte. Erst als er im Flur Schritte hörte und gleich darauf ein saubergekleidetes Mädchen vor ihm stand, fand er sich zurück und sagte:

»Ist wohl der junge Herr zu sprechen?«

»Ich bedaure,« war die freundliche, aber bestimmte Antwort. »Er ist zwar zu Haus, sitzt aber bei der Arbeit, und ich darf ihn nicht stören.«

Linke überlegte.

»Wenn sie ihm sagen, daß ein Freund aus Berlin . . .«

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Ich habe strenge Instruktion. Und von Berlin will er schon gar nichts hören.«

»Ich habe seinetwegen die weite Reise gemacht.«

»Darf ich fragen, wer Sie sind?«

»Ich heiße Linke.«

»Bitte, warten Sie, ich werd's versuchen.«

Sie verschwand hinter einer der Türen, die Linke nun mit seinen Augen umfaßte, als wenn sich hinter dieser Tür sein Schicksal erfüllen sollte.

»Aber selbstredend!« sagte da drinnen eine helle, freundliche Männerstimme. Warm trafen die beiden Worte Linkes Herz.

»Aber selbstredend!« wiederholte er. Und diese beiden Worte blieben für ihn eine Erinnerung, an der er hing, solange er lebte.

Das Mädchen öffnete die Tür, lächelte und sagte:

»Bitte!«

Und Franz Linke trat über die Schwelle in Günthers Zimmer.

Günther stand aufgerichtet im Zimmer und nickte ihm zu. Er sagte auch irgend was. Aber es ging in Linkes Aufschrei verloren.

»Junge! Mein Junge!« rief Linke laut, hob beide Arme hoch und stürzte auf Günther zu.

Das kam so aus dem Herzen, so viel Liebe lag in den Worten, daß Günther, statt sich zu wundern, bewegt war, seinen Arm auf Linkes Schulter legte und sagte:

»Sie guter Mensch!«

Linke war mit seiner Beherrschung zu Ende.

Er klammerte sich an Günther fest, schluchzte laut und wiederholte ein über das andre Mal:

»Mein Junge! Du, mein Junge!«

Jetzt erst stutzte Günther. –

»Was ist Ihnen, Linke?« fragte er freundlich, legte seinen Arm um ihn und führte ihn zum Sofa. »Kommen Sie! Hier setzen wir uns dicht nebeneinander! – So! Und nun weinen Sie sich erst einmal richtig aus. Schämen Sie sich nicht! Und dann erzählen Sie!«

Linke bot seine ganze Kraft auf, nahm Günthers Hand und sagte:

»Also – heraus muß es! Und viel Worte machen kann ich nicht – denn es sitzt mir in der Kehle – und jetzt, wo ich hier stehe, da erscheint es mir wie ein großes Glück. – Nur, wie es auf dich wirkt, das ist die Frage. Aber ich hab's so im Gefühl, als müßte sich da irgendwas losreißen in dir, was nicht stimmte – oder, am Ende, da trifft's dich und du fällst aus allen Himmeln. – Wie?« – Er stand auf, trat dicht vor Günther hin und sah ihm fest in die Augen: »Also, daß du's weißt, Junge!« – Seine Augen strahlten – »Du gehörst mir! Mir allein! Und hast nichts zu schaffen mit denen da! Denn du bist mein Kind! Mein Kind bist du! – Und das Mädchen, die Frida, das ist Raffkes ihrs. – So, nun weißt du's! Und wenn dich jemand fragt: von heut' ab, da heißt du Linke. Genau wie ich und wie wir alle! Mein Sohn bist du! und warst es von der ersten Stunde ab. – Du bist ein braver Kerl, Günther! – So! Nun ist es heraus!«

Die dicken Tränen liefen ihm über das Gesicht, und er drückte die Hand Günthers immer fester.

Günther hielt sich die Hand vor die Augen, preßte die Finger an die Schläfen – alles in ihm war in Bewegung. Erst schien es, als wenn er in sich zusammensänke, er beugte den Kopf nach vorn und ließ die Schultern herabfallen – eine ganze Zeitlang stand er so. Dann aber ging ein Ruck durch den ganzen Körper, alle Nerven spannten sich, er richtete sich auf, stand kerzengerade, hob den Kopf, sah dem alten Linke fest ins Gesicht, holte tief Atem und sagte breit:

»Gott sei Dank!«

Linke schlug die Hände zusammen und rief freudig:

»Günther!«

Und Günther wiederholte:

»Gott sei Dank!«

Er breitete die Arme aus, dehnte und streckte sich, ließ sich auf das Sofa fallen und stieß tief aus dem Innern das Wort hervor, das sein Herz enthüllte:

»Frei!«

Linke stand strahlend vor ihm. Er sagte nichts, sah ihn nur immer an. Aber auf seinem Gesicht standen stolz die Worte:

»Mein Junge!«

Nach einer Weile stand Günther auf, nahm Linkes beide Hände und sagte:

»Ich bin so froh! Und es wird mir nicht schwer fallen, mit meinen Gefühlen mich zu euch zu finden. – Bitte, laß' mich ein paar Stunden allein, du begreifst, daß ich sie brauche.«

Linke ließ ihm den halben Tag. Als er gegen Abend wieder läutete, stand Günther schon an der Tür.

»Komm' nur! Komm' nur!« rief er ihm freudig zu und zog ihn übermütig ins Zimmer. »Wenn du einen glücklichen Menschen sehen willst – hier, sieh mich an!«

Und Linke sah in ein Gesicht, aus dem laut das Glück sprach.

»Vater!« sagte er und drückte ihm die Hand, »Es ist das erstemal! Wie gut, daß du mir trotz allem nie ein Fremder warst.«

»Also zufrieden?« fragte Linke.

»Vater, wenn du nur ein klein wenig von dem fühlst, was ich fühle, dann bin ich schon froh.«

»Ich freu' mich wie du!«

»Nun wird alles gut!« rief Günther.

»Was meinst du, daß nun wird?« fragte Linke.

»O vieles! vieles! Was bisher nicht werden konnte!«

»Du meinst dein Studium?«

»Auch das.«

»Du wirst es fortführen. Ich bin in der Lage . . .«

»Halt! Halt!« unterbrach ihn Günther. »Ich würde von dir nehmen, wenn ich es brauchte und keiner von euch dadurch etwas entbehren müßte. Wirklich, ich täte es! Weil ich fühle, daß ich in meinem Fach was erreiche und es euch später einmal mit mehr als nur mit Dankbarkeit vergelten könnte. Aber ich brauche es nicht! Ich verdiene mit meinen Artikeln, was ich benötige. Freilich, ich brauche nicht viel. Und habe trotzdem neben meinem Studium noch Zeit für ein wissenschaftliches Werk gefunden, in dem freilich mehr Gefühl als Wissen steckt.«

Er nahm ein dickes Manuskript auf und zeigte es Linke.

»Ich hoffe, ich hoffe,« sagte er, »daß ich mir damit mein Glück erringe.«

Linke sah ihn fragend an.

»Ist das,« sagte Günther und wies auf das Manuskript, »eine Leistung, wohlverstanden eine, die eine Zukunft verspricht, dann Vater, weißt du, was ich dann tue?«

»Nun, Junge?«

»Dann hol' ich mir meine Braut!«

»Deine Braut?« wiederholte Linke, dachte an Frida und sah ängstlich zu ihm auf.

»Ja!! – Suse Röhren.«

»Junge, du bist verrückt!«

»Frei bin ich!« jubelte Günther. »Und habe keine Rücksicht mehr auf Raffkes zu nehmen. Kann alles sagen, alles, was ich da mit mir herumtrage. – Hier ist das erste Geständnis! Es schlägt den wahren Ideen der ›Neuen Gesellschaft‹ ins Gesicht.«

Linke beugte sich über das Manuskript und las den Titel: »Das soziale Gewissen. – Eine Studie zur Vertiefung des Nationalgefühls.«

»Junge, das ist mir zu hoch!« sagte er.

»Das scheint nur so. Denn alles, was da drin steht, das fühlst du, ohne es zu wissen, längst. Und Röhrens, die fühlen es auch. Jeder fühlt es, der ein Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Mitmenschen in sich spürt. – Nur, wer seine Person über alles stellt, Egoisten, deren Erbauungslektüre das Hauptbuch ist, pietätlose Emporkömmlinge, für die es kein Wunder gibt außer ihnen selbst, denen alles, was ihre Vernunft nicht faßt, unvernünftig erscheint, denen nichts heilig ist als ihre Person – kurz, was sich um die neue Gesellschaft schart, fühlt anders.«

»Das mag ja sein. Und so weit ich imstande bin, dir zu folgen, geb' ich dir recht. Aber was hat das soziale Gewissen denn mit Suse Röhren zu tun?«

Das Mädchen war auf den Zehen ins Zimmer gekommen und hatte die Post auf Günthers Schreibtisch gelegt. Dann war sie ebenso behutsam wieder hinausgegangen.

Günther hatte ein Telegramm herausgegriffen, es geöffnet, gelesen und dann laut aufgelacht.

»Was ist?« fragte Linke.

»Hier ist die Antwort auf das, was du mich eben fragtest,« sagte er und reichte ihm die Depesche.

Linke las.

»Erfahren soeben, daß Linke Dich heimsucht. Fürchte nichts. Wir halten Dich und adoptieren Dich von Linkes à tout prix. Laß' Dich auf nichts mit ihm ein. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, daß wir Frida anerkennen müssen, was infolge ihrer Ehe aber kaum noch eine Wirkung hat. Der Welt gegenüber bleibst Du unser leibhaftiger, lieber Sohn, während Frida, die noch bockig Situation ausnutzt und Preis in die Höhe treibt, als adoptiert gilt. Bedenke die Unmöglichkeit für Röhrens, ihre einzige Tochter mit einem Domestikenkinde zu verehelichen. Sie dürfen nie etwas von Deiner obskuren Abstammung erfahren. Drahte sofort Dein Einverständnis, und daß wir in Dir auch ferner unseren lieben, hoffnungsvollen Sohn umarmen. Deine heimgesuchten Eltern Leo und Cäcilie Raffke.«

»Und was wirst du antworten?« fragte Linke.

Günther, der, während Linke las, die Antwort bereits aufgesetzt hatte, reichte ihm das Formular. Da stand:

»Werde immer dankbar gedenken, was Ihr in Eurer Art Gutes an mir tatet. Da es mich aber mit allen Gefühlen dahin zieht, wo ich von Natur aus hingehöre, so muß ich Eure Vorschläge mit Dank, aber Bestimmtheit, ablehnen. Ich setze mein Studium hier fort und werde mich über gute Nachrichten von Euch stets freuen.«

»Und dabei bleibt's?« fragte Linke.

»Mein Wort darauf!«

»Und was hat das mit Suse Röhren für eine Bewandtnis?«

Günther erzählte seinem Vater den Hergang. Auch von dem Besuch Frau Röhrens, über den Cäcilie ihm ausführlich geschrieben hatte, sprach er. Von seiner Liebe und von seinem Verzicht, für den er ihm als hauptsächlichen Grund seine innere Gebundenheit nannte, seine Rücksicht auf Raffkes, die seine Entwicklung gehemmt und ein solches Maß von Nichtachtung vor sich selbst in ihm erzeugt habe, daß er sich unwürdig einer Ehe mit Suse Röhren erschienen sei. Am meisten aber habe er sich des Schwindels, der mit seinem Namen bei den beiden Operetten getrieben worden sei, geschämt.

Linke folgte bewegt seinen Worten. Er verstand alles.

»Ich sage dir eins, mein Sohn: wie Röhrens sich zu dir stellen werden, wenn sie erfahren, wer du bist, weiß ich nicht. Eins aber weiß ich: daß es schlimm um das Mädchen stehen muß, wenn Frau Röhren sich zu dem Schritt bei Frau Raffke entschlossen hat.«

»Ich bin mir dessen bewußt,« sagte Günther. »Mir war mein Weg vorgeschrieben: zu arbeiten, etwas zu leisten und mich dann zu emanzipieren. So nur wurde vor meinem Gewissen der Weg, der mich zu Suse führte, frei. Der Arbeit und der Leistung war ich mir sicher.« – Er wies wieder auf das Manuskript. – »Mir ist zumute, als wenn tausend Fesseln von mir fielen.« – Er rief das Mädchen – »Schnell! schnell! packen Sie meine Sachen! Es geht nach Berlin!«

Linke sah ihn fragend an.

»Oder glaubst du, daß ich nun noch warte? Jede Stunde länger wäre ein Verbrechen an Suse.«

»Junge, hast du dir das alles auch überlegt?«

»Da gibt's nichts mehr zu überlegen. Wenn, wie hier, die Natur Schicksal spielt, dann ist der Weg der richtige.«

»Tu, was dir dein Gewissen sagt. Bis zum Abend aber mußt du dich schon gedulden. Früher können wir nicht fahren.«

»Dann komm' ins Freie, Vater! Die Räume hier sind mir zu eng. Ich muß wo sein, wo ich meine Freude laut hinausschreien kann. Herrgott! bin ich glücklich!«

Er nahm Linke unter den Arm. Sie stiegen in einen Wagen und ließen sich aus der Stadt hinausfahren. Dann gingen sie ein paar Stunden weit Hand in Hand. Günthers Stimmung war ein einziger Freudenrausch.

Als sie heimkehrten, fanden sie schon ein Antworttelegramm von Cäcilie vor.

»Lies du!« sagte Günther und reichte Linke das Formular. »Ich habe so das Gefühl, als stände etwas Taktloses darin. Ich vertrag' das jetzt nicht. Ich will mir meine Freude rein erhalten.«

Linke öffnete und las. – Günther sah seines Vaters ernstes Gesicht und fragte:

»Nun? Hatte ich recht? Deinem feierlichen Gesicht nach zu urteilen: ja!«

»Eigentlich sollte man lachen, so komisch ist es.«

»Lachen?« rief Günther. »Dann gib her!«

Er nahm das Telegramm und las:

»Bedauern für dich gemachte Aufwendungen. Undankbarer! Brechen alle Brücken zu dir ab. Frida nimmt deine Stelle ein. Auch in unseren Herzen. Man soll niemanden zu sich emporziehen wollen. Leben Sie wohl. Leo Raffke und Frau.«

Günther lachte nicht. Er schüttelte den Kopf und sagte:

»Sie tun mir leid!«

Eine halbe Stunde später saßen Linke Vater und Sohn im Zuge nach Berlin.

 


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